Abgrund mit Aussicht

betr.: Hörbuch-Rezension

Sandra Hüller – aktuelles Covergirl des arte-Magazins und derzeit berühmteste Filmschauspielerin Deutschlands – hat vor zehn Jahren weitgehend unbemerkt für den mdr ein Hörbuch eingelesen. „Die Glücklichen“ von Kristine Bilkau ist für mich ein exotischer Text (wie „Durchs wilde Kurdistan“ oder „Die Reise zum Mond“), handelt er doch von einem jungen Elternpaar, das von beider Jobverlust (eine unschöne, aber korrigierbare Problematik) dazu getrieben wird, sich ganz grundsätzliche Fragen über seine Beziehung und den jeweiligen Lebensentwurf zu stellen. Der Titel verweist sehr gekonnt auf das hohe Niveau, auf dem hier nichtsdestoweniger schrecklich gelitten wird. Dass ausgerechnet der gewählte Mensch fürs Leben in solchen Krisen logischerweise als Ansprechpartner und Ratgeber ausfällt, habe ich selten so toll erzählt bekommen.

„Anmerkung: Die Covergrafik wurde mit KI-Unterstützung erstellt.“ (ARD-Text)
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Isabell und Georg stehen auf der angenehmen Seite des Lebens. Sie verdienen gut, wohnen in einer schicken Altbauwohnung in einem Stadtviertel mit vielen Cafés und Bioläden. Sie haben ein Lieblings-Sushi-Restaurant, leisten sich hochwertige Kleidung und teure Urlaube im Ausland. Als Matti geboren wird, ist das Glück perfekt. Doch nach und nach schleicht sich etwas ein. Und für Isabell und Georg ändert sich alles. Isabell ist Cellistin in einem kleinen Orchester. Seit einiger Zeit zittert ihre Hand, wenn sie öffentlich spielt. Ist ihre Musikerkarriere damit beendet? Und es gibt beunruhigende Gerüchte über die große Tageszeitung, bei der Georg als Journalist arbeitet. Bald muss das Paar Verzicht üben, die Angst vor dem sozialen Abstieg vergiftet ihre Beziehung. Wie verändern Krisen Menschen, die sich eben noch in Sicherheit wähnten? Und wie kommt man da wieder raus? (ARD-Text)

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Die wiedergefundene Textstelle: Das kindliche Auge

Der fachkundige Marcel Reich-Ranicki wies uns einst darauf hin, es gäbe keine Weltliteratur, die auf Hebräisch verfasst worden sei. Die wenigen Ausnahmen von dieser Regel müssen tief im Verborgenen geblüht haben. Drei Erzählungen, die von Feindschaft und verbotener Liebe, Stolz und Scham eines Heranwachsenden, äußerer Bedrohung und dem Traum vom verlorenen Paradies handeln, wurden von Ruth Achlama nun zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt: „Die beschämte Trompete“, „Hinter dem Zaun“ und die titelgebende Erzählung des Bandes „Wildwuchs“:

Tatsächlich heißt es, der Mensch sieht und begreift nur einmal. In seiner Kindheit. Die ersten Bilder, noch jungfräulich frisch aus Schöpferhand, sind die wahren, echten Eindrücke und die nachfolgenden nichts als fehlerhafte Neuauflagen, ähnlich den ersten, aber nur ein schwacher Abklatsch, nicht dasselbe. Am eigenen Leib erkannte ich das. Alle grandiosen Bilder von Himmel und Erde, über die ich im Leben einen Segensspruch gesagt habe, speisten sich ausschließlich aus diesem ersten Sehen. Im späteren Leben sah ich auch den Himmel Italiens in einem süßen Azur. Meine Füße standen auf Schweizer Berggipfeln. Ich sah sie, und mein Herz wurde weit. Wann hatte ich ein süßeres Blau als dieses erblickt, wo höhere und gewaltigere Berge als diese gekannt? Wann immer ich die Sonne fantastisch unter- oder aufgehen sehe, steh ich da und grüble. Ich habe doch einmal einen noch herrlicheren Auf- oder Untergang gesehen! Und wenn ich ein grünes Feld überquere, weiß ich nicht, warum ich kurz eine grüne Wiese vor mir sehe, jene Wiese, die ich erstmals im Dorf erblickte, noch im Schlepptau meiner alten Kinderfrau – sie ruhe in Frieden. Üppig und frisch, neu und lebendig stand das Gras zur Hälfte im klaren Wasser, übersät mit hübschen Blümchen, die ihre feuchten gelben Köpfe zwischen den Halmen hervorreckten, und im Auge eines jeden bebte ein reiner Tränentropfen.
Als wir aus dem Dorf wegzogen, ich war beinahe fünf Jahre alt, trübte sich mir das Auge der Welt ein wenig, und sein Glanz verblasste um einiges. An unserem neuen Wohnort am Stadtrand empfingen mich grauer Alltag und großer Trubel, das geschäftige Leben einer jüdischen Kleinstadt mit ihrem Treiben, Groll und Missbehagen. Je mehr das Menschengewühl ringsum zunahm, desto stärker zog ich mich zurück und desto mehr verebbten die Freudenjauchzer meines Herzens. Die ignoranten Kleinkinderlehrer, denen ich in die Hände fiel, verscheuchten mit Zorn und Gürtel meine kindlichen Visionen. Die frühen göttlichen Bilder erschienen mir nur noch, wenn ich allein war. (…) Hinter einem Wandschirm verbargen sich die Visionen und zwinkerten mir von dort gelegentlich zu, um die Bilder in meinem Geist wiederzubeleben und zu bestärken. Sie spähten kurz – und verschwanden. Kuck und weg! Tropfenweise wie ein teures Lebenselixier verrann der Glanz jener Wundertage in mein Herz, leuchtete meist nur stückchenweise aus meiner kindlichen Welt hervor.

Das historische Wolhynien liegt in der heutigen Nordwestukraine und gehörte im russischen Zarenreich zu einer Region, in der sich Juden dauerhaft ansiedeln durften, wodurch dort bedeutende Gemeinden entstanden. Aus dieser später völlig zerstörten Welt stammt das erwähnte Buch von Chaim Nachman Bialik. „Wildwuchs – Erzählungen aus Wolhynien“ entstand zwischen 1908 und 1934. Es ist auf Hebräisch geschrieben, was insofern bemerkenswert ist als sein mit dem Jiddischen aufgewachsener Autor Bialik die Gebetsspache Hebräisch für die Literatur öffnete und modernisierte. In ihr schrieb er unter anderem Gedichte und Erzählungen sowie nach wie vor sehr populäre Kinderlieder.
Geboren 1873 in Wolhynien, verbrachte Bialik die ersten Lebensjahre im kleinen Dorf Radiwka nahe Schitomir (ukrainisch: Schytomyr), wurde von seinem Großvater religiös erzogen, setzte sich schon als Jugendlicher für die Erneuerung der jüdischen Kultur ein, publizierte und lebte in Odessa, dokumentierte das Pogrom von Kischinev 1903, floh 1922 aus der Sowjetunion nach Berlin und wanderte 1924 nach Palästina aus. Der Autor, Verleger und Journalist gilt heute als Nationaldichter Israels, zahlreiche Straßen und Plätze sind nach ihm benannt.

„Wildwuchs“ ist bei C. H. Beck erschienen.

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Unser Mann in Hollywood

betr.: 100. Geburtstag von Georges Delerue

Georges Delerue studierte unter Darius Milhaud und leitete das französische Rundfunkorchester, ehe er zur Filmmusik kam. Zunächst war er für François Truffaut, dann auch für andere Filmemacher der Nouvelle Vague tätig. Erst recht spät, ab 1972, wurde auch Hollywood auf ihn aufmerksam, nachdem er 1969 eine Nominierung für „Konigin der tausend Tage“ erhalten hatte. Wiederum wurde er dort wurde gemeinsam mit seinen Regisseuren groß – etwa Oliver Stone, für den er „Platoon“ schrieb –wie es heute allgemein üblich ist Den Oscar bekam er schließlich 1980 für „Ich liebe dich – I Love You – Je t’aime“.

So sehr Delerue die französische Filmmusik seiner Epoche repräsentiert, so ausgeprägt ist andererseits sein Personalstil. Der Humorist Harry Rowohlt kokettierte damit, seine Musik nicht zu mögen, und vielen Filmmusiksammlern ging es ebenso. Wer Walzer schätzt, hat in diesem Repertoire viel Grund zur Freude. Besonders hübsch ist das winzige, gut versteckte Liebesthema für die Louis–de–Funès-Komödie „Hibernatus“.

Als Georges Delerue 67jährig in Los Angeles starb, riss ihn das aus einer fleißigen und erfolgreichen Tätigkeit. Der Regisseur Bruce Beresford erinnerte sich einige Jahre später: „Er hat sehr viel gearbeitet und aufgrund seiner Rückgratverkrümmung und den damit verbundenen Problemen musste er Medikamente nehmen. Hinzu kam das Rauchen.“ Und wie war er so? „Wäre er kein Komponist gewesen, hätte er ein General der Armee sein können. Er war immer so unglaublich gut organisiert und vorbereitet. Er war pünktlich wie ein Uhrwerk – und hat ja immer an mehreren Filmen gleichzeitig gearbeitet.“

Zuletzt hatte Georges Delerue  alle großen Preise gewonnen, und heute trägt der vom Film Fest Ghent verliehene Filmmusikreis seinen Namen.

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Die schönsten Filme, die ich kenne: „Topaz“

betr.: 97. Geburtstag von Frederick Stafford

„Topaz“ ist einer der Hitchcock-Filme, die niemand mag, und das schon seit seiner Premiere. Während er atmosphärisch in jeder Einstellung als solcher erkennbar ist, fehlen ihm doch viele Aspekte, an die sich das Publikum in dieser Produktlinie mittlerweile gewöhnt hatte: ein flottes Tempo, ein charismatischer Held in akuter Gefahr, obligatorischer Hollywood-Glamour, eine dicke Überraschung im zweiten oder dritten Akt, eine Filmmusik von Bernard Herrmann (mit dem Hitchcock sich soeben verkracht hatte).
Auch Hitchcocks Lieblingsmotive – der unschuldig Gejagte, die große (blonde) Frauenfigur im Zentrum der Handlung, der allgegenwärtige Witz – sind nicht am Platz. Zwar wird uns für jede dieser Auslassungen etwas anderes geboten, doch das interessierte niemanden: eine Vielzahl von Schauplätzen, prächtigen Dekorationen und liebevoll gezeichneten Charakteren und eine sehr lineare, gleichmäßige Erzählung, die sich zielstrebig auf ihre Auflösung zubewegt (und dem Film als Lahmheit angekreidet wurde). Diese Auflösung ist wiederum etwas missglückt (es wurden mehrere alternative Enden gedreht und alle verworfen, zuletzt „bastelte“ man sich ein Finale zusammen). Und der Titelheld hat wahrhaftig das Temperament eines Dienstreisenden: Frederick Stafford, ein österreichisch-tschechischer Schauspieler, der sich als Gehreimagent in europäischen Kolportagefilmen bewährt hatte und nach „Topaz“ augenblicklich in Vergessenheit geriet. Der Humor des Films ist weniger vordergründig, sondern erschöpft sich stattdessen in der feinen Beobachtung menschlicher Schwächen und Marotten, die die Regie sehr effektiv aus dem Ensemble herausholt – nur eben nicht aus dem strahlend attraktiven, aber eindimensionalen Hauptdarsteller.*  
Mit seinem Vorgänger „Torn Curtain“ bildet „Topaz“ ein Doppelprogramm aus Agentenkrimis – eine seltsam trendige Phase in Hitchcocks Werk. Dass die Reklame „Topaz“ als 50. Film des großen Regisseurs zusätzliche Erwartungen aufbürdete, hat die Sache nicht einfacher gemacht. „Torn Curtain“ ist der temporeichere und insgesamt populärere der beiden, aber das ist ungerecht.

Trotz seiner bedächtigen Struktur erlebe ich „Topaz“ bei jedem Wiedersehen als erstaunlich kurzweilig. Die vielen kleinen Portraits der Menschen, die unter die Räder des Kalten Krieges geraten oder doch zumindest um ein erfülltes Familienglück gebracht werden, sind subtil und trotz der eleganten Technicolor-Patina der Produktion zeitlos und berührend. Hitchcock leistet sich eine Handvoll europäischer Stars. Das in Paris spielende Finale wartet etwa mit den Giganten Philippe Noiret und Michel Piccoli auf (auch der Komponist Maurice Jarre kommt aus Frankreich), und die Deutsche Karin Dor ist in ihrer Rolle als kubanische Untergrundkämpferin einfach großartig. Sie hatte es über ein 007-Gastspiel bis nach Hollywood geschafft, doch die Weltkarriere blieb aus. Gleichzeitig endete die in ihrer Heimat. Mit ihrer Scheidung vom Regisseur Harald Reinl verschwand Dor auch aus dem Wirtschaftswunder-Klamottenkino.
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* Es gibt Leute, die das anders sehen. Harris & Lasky finden in der „Citadel“-Filmbuchreihe die Schauspielerei insgesamt „armselig“, gestehen aber immerhin John Forsythe (später der Patriarch im „Denver-Clan“) eine durchschnittliche Leistung zu.

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Was gehe ich mich selber an?

Gerade habe ich wieder einen dieser Anglizismen zum Selbermachen aufgeschnappt. Er lautet „In-and-Out-Liste“. So etwas wird im Rahmen der guten Vorsätze fürs neue Jahr erstellt und will uns bewusst machen, was wir uns künftig häufiger und was wir uns weniger wünschen: mehr Strandspaziergänge, weniger To-Do-Listen oder so. Das Sympathische daran ist, dass wir erkennen, wie groß unser Einfluss auf die Art ist, wie wir unser Leben gestalten.
Das ist längst nicht so banal wie es klingt.

Als Mitarbeiter einer Hamburger Musicalschule war ich irgendwann in den Nullerjahren eine Zeitlang als Coach tätig. Das Institut verpflichtete einige seiner Lehrkräfte, mit kleineren Gruppen von Langzeitarbeitslosen zu workshoppen, um die Performance im Dialog mit potenziellen Chefs zu verbessern.
Der Tanzdozent tanzte mit seiner Gruppe, die Gesangsdozentin sang mit ihnen, der Schauspieldozent improvisierte Szenen mit ihnen. Aber was sollte ich als Geschichtslehrer tun? Da wir mit jeder Gruppe dreimal zusammentrafen, überlegte ich mir drei Gesellschaftsspiele, die die Einsicht zur Pointe hatten, wie schnell wir im Alltag dumme Sachen sagen, ohne uns etwas dabei zu denken. Meine Überlegung und Überzeugung: wenn wir Phrasen wie „Blut ist dicker als Wasser!“, „Jeder Mensch ist ein Künstler!“ oder „Mit mir kann man über alles reden!“ einfach vermeiden (oder sie nur dann sagen, wenn wir von ihnen tatsächlich überzeugt sind), wirken wir etwas konzentrierter und vielleicht weniger töricht.
An einem der Tage verteilte ich Karten, auf denen solche Sätze notiert waren, und bat die Probanden, sie vorzulesen und dann zu erklären, ob, inwiefern und warum sie ihnen zustimmten oder nicht.

Ich stellte fest, dass alle den ihnen zufällig zugeteilten Satz sehr ernst nahmen. Sie fanden ihre Sätze auch allgemein zutreffend und verteidigten sie, und das sogar dann, wenn der Inhalt so absurd und bösartig war, als stammte er aus unserem heutigen „Diskurs“, etwa: „Wer mit 30 noch nicht in einer festen Beziehung lebt, hat sein Leben verpfuscht!“

Besonders aufschlussreich war aber eine Übung, die ich nur einmal durchgespielt habe. Am letzten Tag der Maßnahme bekam ich eine Runde noch ein viertes mal zugeteilt, da ein Kollege verhindert war. Ich spielte mit ihr „Was ich mag – Was ich nicht mag“. Meine Botschaft: Wir sollten uns klarmachen, was wir uns wünschen und es auch artikulieren. Man wird uns nicht jeden Wunsch erfüllen, aber die Quote wird besser sein als wenn wir unsere Vorlieben für uns behielten. Das passte sehr gut in unser Konzept des Bewerbungsgesprächs.
Weil ich diese Aufgabe so simpel fand – und ich habe mich gründlich geirrt! – bat ich darum, jeder möge zehn Dinge in die erste Spalte schreiben und zehn in die zweite. Ich bat darum, nicht so Selbstverständliches aufzuschreiben wie „Krieg mag ich nicht“ – „Urlaub mag ich“ – „Lottogewinn find ich besser als Krebs“, sondern persönliche Vorlieben und Abneigungen. Zuletzt würden wir uns die Ergebnisse gemeinsam ansehen und einander besser kennenlernen.

Bis auf einen Teilnehmer, der das Ganze sehr spielerisch anging, nahmen alle diese Aufgabe sehr missmutig auf. Sie reagierten angefasst. Es fiel ihnen nichts ein. Ein Murren erhob sich. Mit dieser Reaktion hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Als es ans Vorlesen ging, waren die Zettel fast völlig leer, es stand da lediglich ganz vereinzelt „Urlaub“, „Lottogewinn“ bzw. „Krieg“ und „Krebs“ … Als ein wuchtiger älterer Herr verbal mit dem Vorwurf auf mich losging, das alles gehe mich doch nichts an und was das überhaupt solle, musste ich einsehen, dass ich hier als einziger etwas dazugelernt hatte.
Kein ruhmreicher Abschluss meiner Coaching-Erfahrung.

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Durchs Ohr ins Knie geschossen

betr.: 60 Jahre „Sonntagsrätsel“ / die Fortschritte der stimmlichen Deepfakes

Am 7. März 1965 wurde auf RIAS 2 um 9 Uhr 35 erstmals das (damals noch „Klingende“) „Sonntagsrätsel“ ausgestrahlt. Auf „Deutschlandfunk Kultur“ läuft es noch immer, und die Jubiläen häufen sich dieser Tage: die 3000. Ausgabe lief im Februar, und der TV-Liebling und einstige Moderator der Sendung Hans Rosenthal würde am 2. April seinen 100. Geburtstag feiern.
Die heutige Sendung (Nr. 3007) wiederum kommt dem Jubiläum „60 Jahre Sonntagsrätsel“ am nächsten, und so konnten wir heute darin etwas erleben, was uns in nächster Zeit ganz alltäglich erscheinen wird, mir persönlich aber doch recht gruselig vorkam: die Stimme des 1987 verstorbenen Hans Rosenthal wurde per KI wiederhergestellt, so dass er gemeinsam mit Ralf Bei der Kellen die Sendung moderieren konnte. („Zuvor haben wir uns vergewissert, dass diese Idee bei den Kindern von Hans Rosenthal auf Zustimmung stößt“, beeilt man sich zu versichern.)

Für jemanden, der den originalen Rosenthal sehr bewusst erlebt und gut im Ohr hat und der viel über die rasante Entwicklung dieser Technik nachdenkt (als beruflich Betroffener noch mehr als wir das alle tun) war das Anhören dieser Doppelconference eine besondere Erfahrung. Die Stimme klang tatsächlich wie das Original, aber die Sprechweise, die Art „geskriptet“ zu moderieren, war ganz und gar die von Ralf Bei der Kellen. Daher vermute ich, dass dieser es war, dessen Sprache von der KI umgestaltet wurde (ansonsten war es ein Moderatorenbruder im Geiste).
Dieser Aspekt ist von der Redaktion unterschätzt bzw. nicht beachtet worden, sonst hätte die Illusion durchaus perfekt gelingen können. Wir konnten die theoretisch bereits überholte Grenze der Möglichkeiten bestaunen, die der KI zum jetzigen Zeitpunkt noch gesetzt sind.

Soeben erfuhr ich (der nicht regelmäßig streamt) noch von einem anderen Status Quo zu diesem Themenkomplex: MagentaTV und Prime Video haben offensichtlich eine Serie – „Murderesses“, eine polnische Produktion – mit einer KI-generierten Synchronisation veröffentlicht. Das Ergebnis muss so übel aufgenommen worden sein, dass die Telekom die Serie nun wieder gelöscht hat. Machen wir uns nichts vor: das war ein näherkommender Einschlag, bald wird es so gemacht werden. Etwas sorgfältiger als diesmal: mit kompetenterer menschlicher Begleitung und mit noch schlauerer Technik.

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Ein Mann wird unnütz

betr.: 84. Todestag von Max Herrmann-Neiße

Stefan Zweig nannte die Gedichte von Max Herrmann-Neiße „die schönsten vielleicht, die seit Heinrich Heine im Exil geschrieben wurden“. Anlässlich des Erscheinens des Romans „Der Flüchtling“ 1921 schrieb die Prager Presse: „Was George Grosz gezeichnet hat – Herrmann-Neiße hat es geschrieben. Der Goya unserer Tage und ein kongenialer Dichter, ein Karl Kraus des Romans“. Besonders aktuell (wer’s braucht) ist das letzte vor dem Exil veröffentlichte Prosawerk „Der Todeskandidat“, das als Hörspiel zur Zeit in der ARD-Audiothek nachzuhören ist. Der Titelheld ist nicht etwa Häftling eines despotischen Regimes, sondern ein recht sorgenfreier junger Mann aus Berlin, den unerklärlicherweise plötzlich eine Depression befällt.*
 
1941 starb der Autor in London. Der Bayerische Rundfunk: „Max Herrmann-Neiße, über den unsere Literaturlexika kaum etwas wissen, der Leser noch weniger, Herrmann-Neiße, der dieses Deutschland verließ, ‘freiwillig‘, wie es zynischerweise eines dieser unwissend-dummen Lexika behauptet, war der enge Freund von George Grosz …, war bis in die dreißiger Jahre einer der bekanntesten deutschen Lyriker. Die Nazis schnitten ihm den Lebensnerv ab.“
Im Exil hat der Autor weitergeschrieben, und diese Texte sind mindestens leicht autobiografisch. Der Held der Kurzgeschichte „Schmitts Katze“ etwa lebt als Berliner Emigrant in London – obschon weder der Grund seines Umzugs erwähnt wird noch ein Anlass besteht, ihn mit seinem Erfinder zu verwechseln.

Mit der Wiederentdeckung des famosen Stilisten Max Herrmann-Neiße ist es natürlich Essig, und das liegt in der Natur der Sache. Inzwischen ist der „Content“, der sich über allem Gewesenen aufhäuft, einfach zu gewaltig, um darunter noch etwas aufzuspüren, das nicht sehr prominent zitiert oder explizit weiterverarbeitet wird.
1986 – zum 100. Geburtstag des Autors – drückte der Verlag „Zweitausendeins“ zum bisher letzten Mal die Läden eines kleines Zeitfensters der Erinnerung auseinander, als er die gesammelten Werke Herrmann-Neißes in mehreren Tranchen als bibliophile schmuck-Ausgabe herausbrachte. Das Stadtmagazin „Zitty“ freute sich: „Fadenbindung, Lesebändchen, klares Schriftbild, großzügiges Layout. Watt willste mer?“
Es hat nicht gereicht. 
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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2025/02/20/27431/

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Was ich gern früher gewusst (oder kapiert) hätte …

Es gibt Menschen, die lieber wohnen, und solche, die lieber reisen.

Egal wie traumatisierend und abscheulich der Sportunterricht in der Schule war: man sollte regelmäßig Sport treiben.

Ich hätte das Programm von Radio Luxemburg auf Chromcassetten aufzeichnen sollen. Egal, was davon. So viel wie möglich.

Wen man nicht respektiert, vor dem darf man nicht zurückweichen.

Von unglücklichen Menschen sollte man keine guten Ratschläge annehmen, nur Warnungen.

Ich tauge nur wenige Jahre für das Tingeln.

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Lustig? Sieht nur so aus.

betr.: Filmkritik „Hundreds Of Beavers“, USA 2022 / 198. Todestag von Davy Crockett

Die Existenz des Apfelbauern und Applejack-Brenners Jean Kayak (Ryland Tews) wird durch eine Biber-Invasion vernichtet. Dieses Trauma und die Sehnsucht nach einer hübschen Kaufmannstochter motivieren ihn, zum Biberjäger zu werden. Und er wird einer der größten, die es je gab, erlegt schließlich in der verschneiten Wildnis der Jahrhundertwende die buchstäblichen „Hundreds Of Beavers“.
Das alles ist als skurriler Trickfilm aufbereitet, der menschliche Darsteller in einer simpel animierten Schneelandschaft kämpfen und leiden lässt. Die kleineren Tiere des Waldes sind Cartoons, die größeren sind Menschen in Hasen-, Wolfs- und Biberkostümen. Die Schwarzweiß-Optik, die halsbrecherischen Aktionen und das pantomimische Konzept beschwören den Slapstick der Stummfilmzeit herauf.

Idee und Konzept haben Potenzial, doch leider wirkt das Ergebnis, als hätten die Filmemacher um Regisseur Mike Cheslik niemals einen klassischen Cartoon oder eine Stummfilmkomödie gesehen, sondern lediglich in der Wikipedia danach gesucht und den erbeuteten Vierzeiler ungelesen per Copy-Paste gleich an eine KI weitergereicht. Die Figuren sind in ihrem Verhalten krude und beliebig (was auch in einem so durchgeknallten Entwurf fatal ist), Rhythmus und Timing der Kills, Crashs und Verfolgungsjagden sind miserabel, und selbst der Running-Gag mit dem Sherlock-Holmes-Dr.-Watson-Biberduo ist Murks, weil man sein Auftauchen am „Tatort“ (der Pelztierjägerfalle) allenfalls beim ersten Mal witzig findet und danach vergeblich auf kleine Variationen wartet. Handwerklich macht dieser Film konsequent alles falsch. Ihn durchweht ein schräges Gefühl von aufwändiger Schlampigkeit.

Ich sah den „Hundreds Of Beavers“ in einem Programmkino. Die ersten 70 Minuten lang gab es keinen hörbaren Lacher im Publikum, danach ein paar vereinzelte. Dennoch ging ich mit dem Gefühl nach Hause, dass sich alle anderen nach ihren Maßstäben recht gut amüsiert hatten. Mehr geht nicht mehr (so mein genereller Eindruck) in unserer digitalisierten Moderne, mehr erwartet niemand. Es ist unzweifelhaft diese heiter-unvergnügte Bescheidenheit, die einen Totalausfall wie diesen überhaupt möglich macht.

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Lange Sätze – Lesen vom Blatt

betr.: Sprechen am Mikrofon / Übung

Hagenbuch in Bless-Hohenstein

Hagenbuch
Hat jetzt zugegeben
So Prager und Kretzschmer heute
Dass er
Hagenbuch
Gleich nach seiner Ankunft
In der Anstalt Bless-Hohenstein
Ohne die Voranmeldung abzuwarten
So Prager und Kretzschmer heute
Dass er
Hagenbuch
Gleich zum oberen Leiter der Anstalt
Dem sehr ehrenwerten Professor Eduard von Bleiberg
Geeilt
Um dem sehr ehrenwerten Professor
Mitzuteilen
Dass mit Verlaub Herr Professor
Die Welt aus einem völlig falschen Verständnis heraus
Geschaffen worden sei
Und deshalb sei er
Hagenbuch
Jetzt hier

Und der oberste Leiter der Anstalt
Habe ihn
Hagenbuch
Lange und freundlich angesehen
Etwa 60 Sekunden
Und dann erst gesagt
Mein lieber Herr Hagenbuch
So Prager und Kretzschmer heute
Mein lieber Herr Hagenbuch
Zunächst wollen wir zwei uns ganz langsam setzen
Und dann ganz langsam einen Apfeltee zu uns nehmen
Und wir wollen uns dann
Vorsichtig einander vorstellen
Und ganz langsam uns immer näher kennenlernen
Bis wir unsere Vermutung bestätig wissen Dass wir
Mein lieber Herr Hagenbuch
Sicherlich mehrere Wochen in unserer Anstalt
Werden verbleiben müssen
Bis wir dann ganz langsam die Gewissheit haben
Dass Ihre Befürchtung
Die Welt sei aus einem völlig falschen Verständnis heraus
Geschaffen worden
Unsere Befürchtung
Mein lieber Herr Hagenbuch
Unsere Befürchtung nicht länger zu sein braucht
Und wir ganz langsam wieder
Vögel für Vögel halten
Wälder für Wälder
Wasser für Wasser
Und Menschen für Menschen

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