Prima vista 0,5: Dracula

betr.: Lesen vom Blatt / Übung

Eine Prima Vista Lesung in abgemilderter Form lässt sich durchführen, wenn man sich verschiedene Übersetzungen der selben Textpassage vornimmt: die erste wird still gelesen, die zweite laut.
Der Inhalt ist bekannt, der Wortlaut ändert sich.

Heutiges Beispiel: aus „Dracula“ von Bram Stoker.

Variante 1 (Übersetzung von K. B. Leder, 1967):

VIERTES KAPITEL

Jonathan Harkers Tagebuch – Fortsetzung

Ich erwachte in meinem Bett. Wenn ich nicht alles geträumt hatte, mußte der Graf mich hierhergetragen haben. Ich versuchte, mir darüber klarzuwerden, konnte aber nicht zu einem unzweifelhaften Ergebnis gelangen. Es gab zwar gewisse kleine Beweise, wie zum Beispiel den, daß meine Kleidungsstücke in einer Art zusammengelegt waren, wie ich es nie tat. Meine Uhr war noch unaufgezogen, ich pflege aber unbedingt, bevor ich zu Bett gehe, die Uhr aufzuziehen. Und so gab es noch einige Kleinigkeiten. Aber diese Dinge waren kein Beweis; sie hätten ebensogut Beweis dafür sein können, daß mein Geist nicht mehr wie sonst arbeitete. Und ich hatte wahrhaftig Ursache, erregt zu sein! Aber ich muß nach einem Beweis suchen. Nur über eines bin ich froh: Wenn mich wirklich der Graf hierhergetragen und hier ausgezogen hat, muß er es sehr eilig gehabt haben, denn meine Taschen hat er nicht untersucht. Ich bin sicher, das Geheimnis dieses Tagebuches hätte er nicht ertragen. Er hätte es an sich genommen oder vernichtet. Da ich mich jetzt hier im Zimmer umsehe, kommt es mir fast wie ein Heiligtum vor, obwohl es sich mir doch schon so voller Schrecken darstellte. Aber nichts kann schrecklicher sein als jene gräßlichen Frauen, die darauf warteten – oder noch darauf warten -, mein Blut zu saugen.

Variante 2 (Übersetzung von Andreas Nohl, 2012)

KAPITEL 4

Jonathan Harkers Reisetagebuch
(Fortsetzung)

Ich erwachte in meinem Bett. Sollte es kein Traum gewesen sein, muss der Graf mich hierher getragen haben. Ich versuchte mir darüber klar zu werden, kam aber zu keinem eindeutigen Ergebnis. Zwar gab es gewisse kleine Anhaltspunkte, etwa, dass meine Kleidung anders gefaltet und zusammengelegt war, als ich es tue. Auch war meine Uhr abgelaufen, dabei ist es meine feste Gewohnheit, sie immer unmittelbar, bevor ich ins Bett gehe, aufzuziehen. Und so gab es noch andere Indizien. Doch all diese Dinge sind kein Beweis, sie können ebenso gut bedeuten, dass ich nicht ganz bei Sinnen war, denn zweifellos war ich aus irgendeinem Grund sehr erregt. Ich muss nach Beweisen Ausschau halten. Über eines bin ich froh: Wenn der Graf mich hierhergetragen und entkleidet haben sollte, muss er in Eile gewesen sein, denn meine Taschen sind unangetastet. Ich bin mir sicher, er hätte dieses für ihn unverständliche Tagebuch nicht geduldet. Er hätte es an sich genommen oder vernichtet. Wenn ich mich nun im Zimmer umsehe, kommt es mir, obgleich es so furchtbeladen ist, wie ein Zufluchtsort vor, denn nichts kann grauenvoller sein als diese scheußlichen Frauen, die nur darauf gewartet haben – nein, die darauf warten, mir das Blut auszusaugen.

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Simultandolmetschen – Eine Erfolgsgeschichte

Das Simultandolmetschen hat sich im Deutschen Fernsehen sehr spät durchgesetzt. Ein entscheidendes Ereignis war ein ARD-Interview mit einem der berühmtesten Menschen der frühen 80er Jahre – Larry Hagman, Darsteller des Bösewichts „J. R.“ in der Serie „Dallas“ – mit dem Talkmaster Alfred Biolek. Bisher war es in TV-Sendungen üblich gewesen, eine Frage erst auf Deutsch zu stellen, sie dann in holprigem Englisch zu wiederholen und die Antwort des internationalen Gastes danach fürs Publikum (das noch nicht so gut Englisch verstand wie wir Heutigen) zu übersetzen. Folglich dauerten solche Promi-Talks immer nur wenige Minuten. Während Reportagen auch nachträglich ge-voice-overt werden konnten, wollte Bio vor Publikum und eine Dreiviertelstunde am Stück mit seinem Star plaudern. Da kam die Simultantechnik gerade recht, die bislang nur politischen Gesprächen vorbehalten gewesen war. Danach war das Eis gebrochen.

Ohne die schnelle mündliche Übersetzung von einer Sprache in die andere wären nicht nur Fernsehshows wie „Wetten dass..?“ unvorstellbar gewesen, auch internationale Konferenzen würden nicht funktionieren. Die Nürnberger Prozesse – gewissermaßen der Durchbruch dieser Methode – hätten viermal so lange gedauert, wäre es nicht allen Beteiligten möglich gewesen, den vielsprachigen Ausführungen parallel per Kopfhörer zu folgen.

Schon eines der frühesten überlieferten Beispiele des Simultandolmetschens war mit dem Dritten Reich befasst: 1934 dolmetschte der Franzose André Kaminker (wiederum im Nürnberg) live eine Hitler-Rede auf einem Parteitag für das französische Radio. Zuvor war das Konsekutivdolmetschen üblich gewesen: während einer Rede hörte der Dolmetscher zu, machte Notizen und verlas anschließend die Übersetzung – so lief es beim Völkerbund, dem Vorläufer der UN.
Die Fähigkeit, gleichzeitig zuzuhören, zu übersetzen und das soeben Übersetzte parallel laut vorzutragen, wurde dem Menschen noch nicht zugetraut. Aber auch heute, da wir es längst besser wissen, macht das Prinzip der Gleichzeitigkeit das simultane Dolmetschen zu einer besonderen Herausforderung.* Während im Alltag das „Äh“ eine Wortfindungsschwierigkeit verrät, gilt es beim Simultandolmetschen die Maxi-Version zu vermeiden: „Örömmöö-Ömmöö“.
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* Siehe dazu auch:

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Lesen vom Blatt – Lange Sätze

betr.: Sprechen am Mikrofon / Übung

Da sah er für einen Moment unter schonungsloser Scheinwerferbestrahlung die Fratze der Vettel vor sich, die maskendicke Schminkschicht auf der Matronenvisage, und dann, wie eine Röntgenaufnahme, hinter der Fassade den Verfall, die Löcher, Risse, Runzeln, die ganze grausige Abbruchreife der übertünchten Ruine.

Dieser Satz stammt aus der Erzählung „Der Todeskandidat“, dem letzten Prosawerk, das Max Herrmann-Neiße 1927 in Deutschland veröffentlichen konnte, ehe er nach dem Reichstagsbrand 1933 nach London floh, wo er 1941 starb.
Der Plot ist so nah an unserer heutigen Sensibilität für die Wohlstandsverwüstungen der Seele – und den Hype, der zuletzt um Leiden wie Depression und ADHS gemacht wurde -, dass er uns banal erscheinen müsste, doch die Sprache Herrmanns-Neißes zerstreut diesen Vorbehalt rasch:
Clemens, Anfang vierzig, ledig, in Arbeit und Brot, lebt in Berlin. Sein Leben scheint so weit in Ordnung. Doch plötzlich reicht die Kraft nicht mehr aus, aufzustehen. Clemens bleibt lethargisch liegen und der Arbeit fern, die Wohnung verkommt. Irgendwann will er Klarheit über seinen Zustand gewinnen, der doch wohl eine Krankheit sein muss
. Als der Held sich endlich zum Besuch eines Arztes aufrafft, von dem er sich Linderung seines mysteriösen Leidens erhofft, ereignet sich dies:

In der nervösen Erregung seiner Diensteifrigkeit machte er aber lauter falsche, unzweckmäßige Handgriffe, verhedderte sich in seinen Kleidungsstücken, schämte sich selber seiner Ungeschicklichkeit und riss schließlich unbeherrscht die Hüllen vom Leibe, dass der Stoff Schaden nahm, Knöpfe zerbrachen und dann alles unordentlich, zerknüllt, beschmutzt am Boden durcheinanderlag.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Vom Winde verweht

betr.: „Black Lives Matter wird abgewickelt“ …

… stellt die „taz“ besorgt fest und berichtet über die Mucksmäuschenstille, mit der die USA auf die betreffenden Maßnahmen ihres neuen Anführers reagieren. „Eigenartig still blieb es (…) im Verlagswesen, obwohl die US-amerikanischen Buchverlage im Sog der Ermordung von George Floyd und dem Wiederaufblühen der Black-Lives-Matter-Bewegung sehr aggressiv ihre Diversitätsanstrengungen vorwärtsgetrieben hatten. Es gab keine Bekanntmachung der ‚Big Five‘-Verlage zu einer neuen Linie oder eine Stellungnahme zu Trumps Verordnung. In der Branchenpresse war nichts zu dem Thema zu lesen. (…) Dan Sinykin, der an der Emory University von Atlanta über das Verlagswesen forscht, sprach von einer gespenstischen Stille.“

Ganz allgemein haben sich Trumps Kritiker verkrümelt und sich in die Erkenntnis gefügt, dass der Präsident bei seinem dritten Anlauf ja tatsächlich die Mehrheit der Wählerstimmen bekommen hat – was in den USA ja nicht unbedingt den Einzug ins Weiße Haus bedeutet. Wie albern und überholt hätten angesichts dessen solch laute Proteste, so wütende und verzweifelte Leitartikel gewirkt, all das mediale Kopfschütteln über diesen Betriebsunfall der Geschichte wie zu Beginn seiner ersten Amtszeit? Die demokratischen Gemüter hielten so still wie die Briten nach dem Brexit-Referendum, das nur hauchdünn beschlossen worden war und viele Bürger seither geschädigt hat. Doch ein öffentliches Wort des Zweifels oder Bedauerns gehört sich einfach nicht.
Der Zustand der westlichen Welt war schon vor Trumps zweitem Amtseid und der auf ihn folgenden Ladung präsidialer Dekrete eine andere geworden.

Niemand, der halbwegs bei der Sache ist, kann bestreiten, dass es eine kurzsichtige Idee gewesen sein könnte, den Vereinigten Staaten Toleranz verordnen zu wollen, eine gutgemeinte Notlösung. Auch ein weniger mächtiger Flegel als Donald Trump hätte auf ein angewachsenes Verständnis für seine Maßnahmen hoffen dürfen und auf ein Gefühl der Erleichterung – bei allem Entsetzen über das, was sie im Einzelfall gesellschaftlich bedeuten. Für die Verlage wäre ein aufrichtiges und anhaltendes Interesse der Leserschaft für „inklusive Literatur“ ein Anreiz gewesen, die guten Vorsätze weiter zu verfolgen, doch es ist ausgeblieben. Der Artikel kommt zu dem Fazit, „dass DEI-Programme in ihrer jetzigen Form nicht dazu angetan sind, gesellschaftlichen Pluralismus zu befördern.“
Es hat durchaus Zeiten gegeben, in denen das Publikum einen „ansteigenden Appetit für die Werke nicht-weißer Autoren“ hegte, doch das waren nur Phasen, die jeweils einen Auslöser hatten. Dan Sinykin: „Es gab nach der Bürgerrechtsbewegung einen Boom schwarzer Literatur und Mitte der 90er Jahre noch einmal.“ Doch die seien jeweils nach etwa vier Jahren wieder abgeebbt, genau dem Zeitpunkt, an dem wir uns nun befänden. Die Verlage haben auf diese Strömungen zwar mit trendigen Publikationen reagiert, strukturell aber ist alles beim Alten geblieben. „Die Anzahl schwarzer Angestellter in den Verlagshäusern blieb zwischen 2019 und 2023 konstant um die 5 Prozent.“

Jene, die darauf verweisen, dass Kultur eine politische Dimension und die Kraft – die Aufgabe? – hat, gesellschaftliche Entwicklungen anzustoßen, liegen nicht falsch. Doch so etwas erreicht man nicht durch sprachliche Gendervorschriften oder eine Wokeness, wie sie ein großer Unterhaltungskonzern seinen Kreativen und dem eigenen Publikum zuletzt verordnen wollte – und über die sich die Zielgruppe seit Jahren das Maul zerreißt.
Das Musical „Show Boat“ war vor einem knappen Jahrhundert ein Beispiel, wie sowas laufen müsste.* Die Show war qualitativ so großartig, dass alle sie sehen wollten. Auch die Rassisten. Und die mussten die tolerante Botschaft des Librettos dann eben aushalten.
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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2014/12/27/musikdampfer-mit-mission/

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Die wiedergefundene Textstelle: Wohnwelten (2)

So lebt „Die alte Mrs. Harris“ in der gleichnamigen Geschichte von Willa Cather.

Es war heiß in der leeren Küche. Die Nachmittagssonne fiel ungehindert herein. Die Tür zum Nebenzimmer stand offen. Es war ein vollgestopftes, hässliches Zimmer und doch irgendwie gemütlich. Vor einer Kleiderkiste, die von einem bunten Wachstuch bedeckt war, stand eine alte Frau in einem groben braunen Kleid und wusch sich Gesicht und Hals über einer Blechschüssel. Sie stand breitbeinig da, in einer Pose, die tiefe Müdigkeit verriet. (..) Sie faltete ihr Handtuch und versteckte es hinter einem Vorhang, mit dessen Hilfe eine Ecke des Raums zu einem behelfsmäßigen Schrank abgetrennt war. (…) Mrs. Harris setzte sich in den schwarzen Holzschaukelstuhl mit den gebogenen Armlehnen und einem verblichenen Sitzkissen. Er stand in der Ecke neben einem schmalen hölzernen Sofabett. (…) Es war ein eigenartiger Platz zum Kaffeetrinken, (…) ein scheußlicher vollgestopfter Raum mit einem Schaukelpferd, einer Nähmaschine und einem leeren Kinderwagen. Auf dem Nussholztisch unter einem blinden Fenster stapelten sich alte Zeitschriften und zerlesene Bücher, Kindermützen und -jacken. Eine Ecke des Raumes war mit einem schwarz-rot-gestreiften Baumwollstoff als Kleiderschrank abgeteilt. In einer anderen Ecke stand das hölzerne Sofa mit einer dünnen Matratze und einem roten Überwurf aus rauem Stoff. Das war Großmamas Bett. Daneben standen ihr Holzschaukelstuhl und ein kleiner, roher, geflochtener Hocker mit kurz gesägten Beinen, auf dem üblicherweise ihr Nähkorb stand … 

Willa Cather wurde 1873 in Virginia geboren. Im Alter von acht Jahren übersiedelte sie mit ihrer Familie nach Nebraska. Schon während ihres Studiums an der Universität in Lincoln war sie als Journalistin und Theaterkritikerin tätig, später als Englischlehrerin und als Zeitschriftenredakteurin in New York. Sie verfasste über sechzig Erzählungen, die ersten publizierte sie kaum zwanzigjährig in populären Wochen- und Monatszeitschriften. Mit ihren Romanen, die ab 1913 erschienen, hatte Cather große Erfolge. Die Erfahrungen eines Neben- und Miteinanders verschiedener Ethnien, Religionen und Kulturen in der Neuen Welt prägten sie, so spielen die meisten ihrer Werke in der Prärielandschaft des amerikanischen Westens und Südwestens (u.a. „Pioniere!“, „Meine Ántonia“). Willa Cather zählt zu den großen amerikanischen Erzählerinnen. Sie erhielt 1923 den Pulitzer-Preis für den Roman „One of Ours“, 1944 die Goldmedaille für ihr Gesamtwerk von der American Academy of Arts and Letters. 1947 starb sie in New York.

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O tempora, o mores

betr.: 218. Jahrestag der Uraufführung von Goethes Schauspiel „Torquato Tasso“

Goethes „Torquato Tasso“ ist eines jener Kunstwerke, die einen Teil ihrer Faszination erst in Laufe der Zeit entfalten konnten. Über den Erfolg beim Premierenpublikum herrscht Uneinigkeit. Während die Wikipedia von einem Kritikerlob „in den höchsten Tönen“ spricht, ist sich der Deutschlandfunk 2007 in seiner „Langen Nacht“ zum Thema Tasso nicht ganz sicher:

Goethes Schauspiel „Torquato Tasso“ wurde im Revolutionsjahr 1789 vollendet, erlebte seine Uraufführung aber erst fast 20 Jahre später. Offenbar haben die Zeitgenossen das Werk nicht gerade mit Enthusiasmus aufgenommen. Und vermutlich erregte gerade das Anstoß, was für uns heute den Reiz und die Qualität des Werks ausmacht. Goethe gegenüber [dem deutschen Dichter und Schriftsteller Johann Peter] Eckermann:
„Ich hatte das Leben Tassos und ich hatte mein eigenes Leben, und indem ich zwei so wunderliche Figuren mit ihren Eigenheiten zusammenwarf, entstand in mir das Bild des Tasso, dem ich als prosaischen Kontrast den Antonio gegenüberstellte, wozu es mir auch nicht an Vorbildern fehlte. Die weiten Hof-, Lebens- und Liebesverhältnisse waren übrigens in Weimar wie in Ferrara“.

Der kunstliebende Herzog Alfons II von Ferrara hat den jungen Poeten Torquato Tasso auf sein Lustschloss Belriguardo eingeladen. Als der Dichter ein von ihm als Dank erwartetes Manuskript überreicht, krönt ihn die Schwester des Herzogs, Prinzessin Leonore mit einem Lorbeerkranz, – sehr zum Unmut des Staatssekretärs Antonio, der hinter dieser Ehrung die unausgesprochene gegenseitige Zuneigung zwischen Prinzessin und Tasso spürt. Geschickt taktierend versteht es Antonio, den empfindlichen Dichter aufs äußerste zu reizen. Der Streit eskaliert so weit, dass Tasso den Degen gegen Antonio zieht und deshalb von dem dazwischen tretenden Herzog in Arrest genommen wird. Als Schlichtungsbemühungen scheitern, entschließt sich Tasso, Ferrara zu verlassen, erbittet jedoch seine Dichtung zurück, um noch weiter daran zu arbeiten. Der Herzog gibt das Manuskript nicht heraus und verspricht lediglich eine Abschrift. Der Abschied von der Prinzessin erschüttert Tasso so sehr, dass er sie (das Hofzeremoniell missachtend) unbeherrscht an sich presst und daraufhin auch von ihr zurückgestoßen wird. Gebrochen bleibt er zurück. In Goethes Schauspiel gelingt eine unglaublich facettenreiche, vielschichtige Durchleuchtung dieser Geschichte. Jede eindeutige Aussage darüber greift zu kurz. Diese Qualität der Dichtung schuf die Voraussetzung dafür, dass sich verschiedene Generationen von Künstlern auf sehr unterschiedliche Weise in dem Stück wieder finden konnten.

Allerdings musste erst einmal eine Sensibilität dafür entstehen, worum es eigentlich geht. Denn Jahrzehntelang und bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts war „Torquato Tasso“ (gemäß früherem Theaterverständnis) ohne jeden Realitätsbezug gespielt worden. Wie sich das damals angehört hat, kann man sich vorstellen, wenn man bei Alfred Kerr nachliest. Der damalige Kritiker-Papst forderte 1913 nach einer Aufführung von Max Reinhardt, das müsse alles viel „schöner“ klingen, „liedhafter“. Auch nachdem klassischer Singsang überwunden war, behielten selbst hoch besetzte Inszenierungen eine merkwürdig abstrakte Kühle, die noch 1961 in einer Produktion des ORF Salzburg zu bemerken war, obwohl unter der Regie von Leopold Lindtberg ein erstklassiges Ensemble mit Will Quadflieg als Tasso und Aglaja Schmidt als Prinzessin Leonore zur Verfügung stand.

Goethe, der als eine Art Kulturminister am Weimarer Hof auf doppelte Weise involviert war, schrieb sein Schauspiel auf der Basis eigener Erfahrungen: Die Unvereinbarkeit von Kunst und Macht behandelt er so vieldeutbar, dass unter verschiedenen politischen Systemen jede Zeit sich darin wieder erkennen kann. Dem Anspruch des Künstlers „Erlaubt ist, was gefällt“ wird die Einschränkung „Erlaubt ist, was sich ziemt“ entgegengesetzt. Wilhelm Busch neigte später bekanntlich der ersteren Fassung zu: „Was beliebt, ist auch erlaubt!“ – aber bei dem musste man vor Ironie immer auf der Hut sein.

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Was ist Muzzle Velocity?

Der Begriff „Muzzle Velocity“ (eigentlich: Mündungsgeschwindigkeit bei Schusswaffen) bezeichnet im medialen Kontext die unaufhörliche Produktion neuer Meldungen (Falschbehauptungen inklusive) zu einer Person oder einem Thema, auf dass es zu einer Überforderung des Publikums komme und der interessierte Mensch zuletzt desorientiert zurückbleibe – und sich im Zweifelsfall nach unten anpasse. Es war ausgerechnet Steve Bannon, der Chefhetzer der amerikanischen Ultrarechten, der diesen Begriff prägte und damit auch die unsaubere Taktik seiner dahinter auch gleich zugab. In dieser Vorgehensweise ist die Verhöhnung einer Öffentlichkeit bereits enthalten, deren mäßigende Kräfte gegen einen so offen eingestandenen betrügerischen Akt mit ihrem Appellieren an alte Tugenden nichts ausrichten können.
Insofern ist dieser letztlich überflüssige Anglizismus doch ein wenig anders als die anderen, er ist etwas Besonderes. Wer ihn sich aufgrund seines fiesen Urhebers ungern merken möchte, der darf ihn gewissermaßen als gereinigt betrachten, seit der freundliche Erklärbar Ezra Klein, ein Journalist der „New York Times“, ihn in seinem gefeierten Podcast „The Ezra Klein Show“ aufgegriffen hat. Dass der wiedergewählte US-Präsident Donald Trump, auf den der Beitrag bezugnimmt, einen Teil seiner Macht und Bedeutung nur vortäusche und sie insgesamt künstlich aufblase, ist allerdings auch nicht wahrer als der traurige Umstand, dass Trump tatsächlich der mächtigste Mann der Welt ist.

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Die wiedergefundene Textstelle: Wohnwelten (1)

Besaß denn in diesem Wohnblock jemand einen so ausgeprägten, fein gegliederten und komplizierten Raum wie er? (…)
Nun schwenkte er den Schlüsselbund, auf dem nicht nur gewöhnliche Schlüssel, sondern auch seltsam geformte Sperrhaken baumelten, deren Zweck von den wenigsten zu erraten war. Ein solcher Schlüsselbund erfüllt, wenn er hervorgezogen wird, seinen Herrn mit geheimer Genugtuung, (…) er erschließt die eigensten wohlgeordneten und geschützten Bezirke.
Die helle Beleuchtung der Kellerräume, die alle sinnvollen Anlagen, auf denen der Wohnblock fußt, deutlich hervortreten lässt, hatte er, der Rentner bewirkt. Und sie schien ihn nun jedesmal ausdrücklich zu begrüßen, als sei er eine Art „König des Kellers“. (…)
Heute, so hatte der Rentner dem Hausbesitzer erklärt, muss der Kellerraum mit seinem weißen Anstrich, seinen Heizungsanlagen und Maschinerien, zur Tagwelt gerechnet werden, ein den oberen Stockwerken ebenbürtiger, wenn nicht überlegener Bezirk. Dies hatten die Parteien erst zu lernen, die hier ihr Gerümpel abluden und sich im Übrigen für den Keller nicht interessierten, obgleich sie als Schmarotzer von seinen Einrichtungen lebten. Und bei jedem Defekt riefen sie windige Firmen an, die ihre biertrinkenden Pfuscher herschickten, die sich für nichts, aber auch schon für gar nichts interessierten, weil ja der Chef das Geld einsteckte – ungefähr das Zehnfache des erforderlichen Preises. (…)
Der Schlüssel drehte sich spielend leicht im Türschloss des Hobbyraums, denn alle seine Schlösser, Kugellager und mechanischen Gelenke waren absolut unverrostet und stets geschmiert. Der leichte Öl- und Petroleumgeruch der Werkstatt erfreute ihn jedesmal, ermunterte ihn zur Arbeit oder zur Verbesserung der Maschinen. Bevor er aber damit begann, pflegte er seine Werkstatt eingehend zu betrachten. Fast könnte man sagen, er habe eine Andacht abgehalten, wenn auch natürlich diese produktive Andacht nicht zu vergleichen war mit jener von Kirchengängern, die sich bestenfalls mit vagen Gefühlen aufplustern.

Den Österreichern wird eine Affinität zu den architektonischen Unterwelten, den Kellern, nachgesagt, nachdem dort einige spektakuläre Kriminalfälle von Priklopil bis Fritzl das Abscheulichste des Menschen von unten nach oben gekehrt haben. Der studierte Techniker und Germanist Gerhard Amanshauser, 1928 in Salzburg geboren und 2006 ebendort gestorben, zeigt sich mit „Der Hobbyraum“ als visionärer und gnadenloser Gesellschaftskritiker. Es ist eine Geschichte, die Gänsehaut macht. Ein unauffälliger älterer Herr, ein Altersrentner und Bastler, hat seinen Hobbyraum, die Werkstatt im Keller eines Wohnblocks, zu einer „autarken Zelle“ ausgebaut und versteigt sich in seine Ansprüche nach Perfektion und technischer Präzision. Der Körper, sein Begehren wie sein Zerfall, sind im Weg.

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Aber bitte mit realem Bezug

Pier Paolo Pasolini wäre entzückt. Das „Theater an der Ruhr“ geht in einer neuen Produktion der Frage nach, ob sein Freitod, den er im Stil und mit dem Geschmack seines letzten Films „Die 120 Tage von Sodom“ aufwendig inszeniert hatte*, nicht doch eine Ermordung durch einen gedungenen Handlanger war. Der Tod des berühmten italienischen Regisseurs gilt bis heute als nicht aufgeklärt, der Strichjunge, der ihn erstach, war nur eine von fünf Personen, deren DNA an seinem geschundenen Leichnam gefunden wurde. Eine Verschwörung aus Mafia, Staat und Ölindustrie wird inzwischen von Leuten für möglich gehalten, die das ganz große Format lieben. Auch dass ein Kapitel von Pasolinis Romanprojekt „Petrolio“ nicht mehr aufzufinden war, war für den Theaterregisseur Roberto Ciulli ein Anlass, den Fall thematisch in seinen nun beginnenden Aufführungszyklus „Geheimnis“ aufzunehmen. Titel des Stücks: „Pasolini. Io So“ („ich weiss“). Ciulli ist 90, Gründervater des Theaters und selbst eine Legende, wie die „taz“ erläutert.
Dass Pasolini auch die Kack- und Sackgeschichten seines letzten Films „Salò o le 120 giornate di Sodoma“ als antifaschistische Parabel gedeutet wissen wollte, passt gut zu den realen Problemen unserer Zeit, in der die Rechtsradikalen innerhalb außerhalb seiner Heimat auf dem Vormarsch sind.
Unabhängig von der Qualität der Theaterarbeit (ich hatte noch nicht Möglichkeit, das Stück zu sehen), finde ich bedauerlich, in welchem Trend es sich bewegt. Ob und wie politisch Kunst eigentlich ist, war jahrhundertelang eine spannende Frage. Inzwischen wird allenthalben Gesinnung gemacht, ist Jesuitentheater, wohin man schaut. Auch die Popkultur wird längst unablässig nach Vorwänden abgesucht, sich künstlich aufzuregen oder Gruselgeschichten irgendwo hineinzugeheimnissen. Ein Produkt, das sich dazu nicht eignet, hat rasch den noch schlimmeren Vorwurf an der Backe, nicht relevant zu sein. Das Schimpfwort dafür lautet: „Unterhaltung“.
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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2014/11/02/dudu/

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