Wilder Westen inklusive

Das Wiedersehen mit „Westworld“ (USA 1972) war eine milde Enttäuschung. Er ist nicht mehr so wirkungsvoll wie damals, als ich ihn bei seiner Erstausstrahlung in der ZDF-Filmreihe „Der Science-Fiction-Film“ sah. Der Sieg über den schwarz gekleideten Revolverhelden Yul Brunner kam mir diesmal verfrüht und fast zu einfach vor. Natürlich konnten vor einem halben Jahrhundert weder Autor / Regisseur Michael Crichton noch seine Crew voraussehen, dass Glenn Close fünfzehn Jahre später nach ihrem Badewannen-Tod in „Eine verhängnisvolle Affäre“ noch einmal aufstehen würde. Dieses Ereignis hat die Gesetze von Dramaturgie und Timing in Hollywood für immer verändert, wenn es um das Ausschalten mörderischer Quälgeister geht.
Nun habe ich mir auch „Westworld“, die Serie, angeschaut, und auf einmal finde ich den ollen Film doch wieder ganz nett.

Anthony Hopkins hat extra ein Diagramm gemalt, um uns durch diese wirre Storyline hindurchzuleiten. Doch er blufft! (Screenshot aus Folge 6)

Das Remake greift zahlreiche Topoi auf, die sich im letzten halben Jahrhundert im Kino ereignet und zu Klischees verselbständigt haben. Da wären zum Beispiel die verstörenden Flashbacks aus „Total Recall“, die auf andere Realitäten verweisen; das versteckte Regiezentrum über der Kunstwelt aus „The Truman Show“, dessen Leiter Ed Harris in der Serie den Part von Yul Brunner übernimmt; die alles dominierende Wunsch- und Wahnvorstellung, unbedingt „sich selbst finden“ und „ein Mensch sein zu wollen“, die seit „Arielle die Meerjungfrau“ zum grundierenden Brummton sämtlicher Disney-Filme gehört und die von dort aus den gesamten US-Mainstream überwuchert hat; der etwas rührselige Gründer und Parkdirektor, dem sein Werk außer Kontrolle gerät, aus „Jurassic Park“ (ebenfalls von Crichton), hier gespielt vom Super-Stargast Anthony Hopkins.
Und noch vieles andere ist zumindest den älteren Semestern vertraut: die immer wieder von vorne beginnenden Alltags-Szenen aus „Und täglich grüßt das Murmeltier“; die Replikanten (hier „Hosts“), denen unangenehm aufgeht, dass sie Replikanten sind, aus „Blade Runner“; die dräuende Erkenntnis, in einer ausgedachten Welt zu leben, aus „Matrix“ … Auch in puncto Body-Horror nutzt die Serie den Stand der Erkenntnisse voll aus und zitiert etwa den Zusammenbau der Borg-Königin aus „Star Trek – Der erste Kontakt“.
Eine Szene, die offenherzig auf Früheres anspielt, ereignet sich, als Bernard (Jeffrey Wright) etwas im Keller sucht, wo Artefakte aus den Gründerjahren verwahrt werden. Schemenhaft erhascht man hinter ihm im Schatten einen Blick auf den Revolverhelden aus den Kinofilmen – verstaubt und unbeweglich. Es ist ein rarer Augenblick feinen Humors.

Was hat die Serie ihrem Vorläufer sonst voraus, worin unterscheidet sich WW2 von WW1?
Während WW1 immer Science-Fiction bleibt, nutzt WW2 die längere Spielzeit, um immer wieder konsequent ins Western-Genre zu wechseln.
In WW2 wird uns mehrmals erklärt, dass diese Freizeit-Anlage für „reiche Arschlöcher“ gebaut wurde, „die nichts anderes wollen als töten und ficken“, die Macher von WW1 erlaubten dem Betrachter, solche Schlüsse selbst zu ziehen.
In WW1 ist das Morden Männersache, in WW2 gibt es Revolverheld*innen, Killer*innen, Desperad*innen und Macho*innen.
In WW1 treffen wir Charaktere, die einfach böse sind. In WW2 hat jede/r Böse (sogar die Androiden) auch einen Grund für sein / ihr Bösesein: ein Trauma, eine Depression, ein Burnout, verschüttete Erinnerungen an die eigene Ermordung etc. – und erklärt das früher oder später in aller Ausführlichkeit.
Die Musik in WW1 stammt (wie auch in der Fortsetzung „Futureworld“) von Fred Karlin, einem begnadeten Handwerker. In WW2 hören wir die aus anderen Serien sattsam bekannten Klangbetten und Dreivierteltakt-Vamps aus dem Baukasten von Ramin Djawadi – der das musikalische Idiom des Western völlig ignoriert. Jede Melodie, die diese Bezeichnung überhaupt verdient, ist ein Zitat aus Pop oder Klassik.
Gemäß den heutigen Gepflogenheiten in der Berliner Synchronbranche, haben einige der männlichen Sprecher einen S-Fehler. In den 70er Jahren hätte man sie höflich nach Hause geschickt.
Während WW1 einfach nur unterhalten wollte, gibt uns WW2 immer wieder Stichworte, die ganze Geschichte als Zivilisationskritik zu lesen. Diese unterbrechen eine spätestens ab Folge 6 restlos konfuse Gewalt-Orgie, in der mehr Leichen produziert werden als in allen Weltuntergangsfilmen zusammen. (Jaja, schon klar, es sind ja fast alles Automaten …)

Die Dialoge in WW2 sind tödlicher als jede Gewehrkugel: „Ich kenn das Lied, das du pfeifst, wenn du zum Pissen gehst!“ – „Die Hölle ist entvölkert! Die Teufel sind alle hier!“ – „Der einzige Nachteil bei den sieben Todsünden ist, dass es nur sieben sind.“ – „Neben dieser Storyline wirkt Hieronymus Bosch wie ein Kinderbuch-Illustrator.“ – „Du hast meine Frau getötet! Du hast meinen Stammbaum ganz schön gestutzt!“ … All das ist wird mit dem heiligen Ernst echter Männer und Mannweiber vorgetragen. Die gelegentlichen Anflüge von Ironie klingen dann so: „Glaubst du an das Schicksal?“ – „Wenn das Miststück existiert, würd’ ich ihm jetzt gerne in die Fresse hauen!“
Einmal sagt die bitterböse Charlotte einen Satz, der sich an die Macher von „Westworld“ selbst richtet: „Die meisten Gäste wären mit etwas weniger Überladenem auch zufrieden.“
Was heißt hier „auch“?

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Kultfilme – Die Liste

Fortsetzung vom 14. Mai 2024

Vor 49 Jahren wagten es zwei Filmjournalisten, sich für eine Buchveröffentlichung auf 40 Filmtitel festzulegen, die der Definition eines Kultfilmes entsprechen (Leistungszeitraum: 1927 bis 1981). Dies ist die Wuppertaler Liste, der Streit kann beginnen:

1. American Graffiti – Komödiantisches Sittengemälde, USA 1973
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/american-graffiti
2. Arsen und Spitzenhäubchen – Schwarze Komödie, USA 1944 
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/arsen-und-spitzenhaeubchen     
3. Außer Atem – Kriminaldrama, F 1960    
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/ausser-atem
4. Bewegliche Ziele – Thriller, USA 1967
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/bewegliche-ziele
5. Blow Up – Mystery-Drama, GB 1966     
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/blow-up     
6. Blues Brothers – Komödie, USA 1979
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/blues-brothers       
7. Boulevard der Dämmerung – Drama, USA 1950           
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/boulevard-der-daemmerung
8. Casablanca  – Drama, USA 1942
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/casablanca
9. Citizen Kane – Drama, USA 1941    
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/citizen-kane
10. Die Dämonischen – Science-Fiction, USA 1956
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/die-daemonischen
11. … denn sie wissen nicht, was sie tun – Drama, USA 1955      
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/denn-sie-wissen-nicht-was-sie-tun
12. Diva – Neo-Noir, F 1981
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/diva
13. Der dritte Mann – Thriller-Drama, GB 1948     
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/der-dritte-mann
14. Duell – Thriller, USA 1971
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/duell
15. Easy Rider – Die wilden jungen Männer – Drama, USA 1969
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/easy-rider-die-wilden-jungen-maenner
16. Einer flog über das Kuckucksnest – Drama, USA 1975
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/einer-flog-ueber-das-kuckucksnest 
17. Die Ferien des Monsieur Hulot – Komödie, F 1953
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/die-ferien-des-monsieur-hulot 
18. Dark Star – Finsterer Stern – Science-Fiction-Parodie, USA 1974  
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/dark-star-finsterer-stern 
19. Graf Zaroff – Genie des Bösen – Drama, USA 1932
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/graf-zaroff-genie-des-boesen 
20. Harold und Maude – Satire, USA 1971 
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/harold-und-maude   
21. Höllenfahrt nach Santa Fé / Ringo– Western, USA 1939   
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/hoellenfahrt-nach-santa-fe-ringo
22. Kinder des Olymp – Poetisches Drama, F 1945
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/kinder-des-olymp
23. King Kong und die weiße Frau – Horror-Drama, USA 1933
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/king-kong-und-die-weisse-frau
24. Laura – Thriller, USA 1944      
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/laura 
25. Mach’s noch einmal, Sam – Komödie, USA 1971         
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/mach-s-noch-einmal-sam 
27. Metropolis – Science-Fiction, D 1927        
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/metropolis 
28. Die Nacht der lebenden Toten – Horror, USA 1969    
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/die-nacht-der-lebenden-toten 
29. Psycho – Horror-Thriller, USA 1960           
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/psycho 
30. Rattennest – Thriller, USA 1955      
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/rattennest 
31. The Rocky Horror Picture Show – Musical, USA 1975
➵  https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/rocky-horror-picture-show
32. Der Schrecken vom Amazonas – Horror, USA 1955

33. Der schwarze Falke – Western, USA 1956

34. Spiel mir das Lied vom Tod – Western, IT 1968

35. Die Spur des Falken / Der Malteserfalke – Thriller, USA 1941

36. Tanz der Vampire – Horror-Parodie, GB 1967

37. Tote schlafen fest – Thriller, USA 1946

38. Uhrwerk Orange – Groteske, GB 1971

39. 2001: Odyssee im Weltraum – Science-Fiction, USA 1968

40. Zwölf Uhr mittags – Western, USA 1952

Zwei Titel der erweiterten Neuauflage von 1998 genügen der in der Originalausgabe vorgenommenen Definition eines Kultfilms:

41. Dirty Dancing – Musical, USA 1987

42. Pulp Fiction – Thrillergroteske, USA 1994

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Kultfilme – Nachbetrachtung eines Schlagworts

1985 begeisterte mich ein ungewohnt ambitionierter Band aus der schmucklosen Heyne-Taschenbuchreihe über Filmschaffende. Die 73 war umfangreicher als die vorherigen Nummern, hatte sie doch ein Thema, das die Begrenzungen einer einzelnen Künstlerbiographie oder eines Genre-Themenbandes sprengte: „Kultfilme“.
Natürlich ist ein so altes Sachbuch heute zwangsläufig überholt, zumal die Autoren Ronald M. Hahn und Volker Jansen in ihrem Vorwort zum Ausdruck bringen, wie sehr sie sich in der Länge einschränken mussten. Doch mein arg abgegriffenes Exemplar hat seinen Wert behalten. Die hierin vorgestellten 40 Filme (sie entstanden von 1927 bis 1980) bilden eine beständige Auswahl.
In den knapp 40 Jahren seit ihrem Erscheinen hat sich nicht nur die Definition des Kultfilm-Begriffs (siehe unten) völlig verändert. In der Art wie wir Filme konsumieren und beurteilen ist auch sonst kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Mein Verdacht, es könnte ab Mitte der 80er ohnehin keine oder kaum noch weitere Filme gegeben haben, die im eigentlichen Sinne „Kultfilme“ sind, wollte sich nicht vertreiben lassen.
Er erhärtete sich, als mir dieser Tage die erweiterte „Kultfilme“-Neuauflage von 1998 in die Hände fiel. Hier waren es nun „die 100 besten …“ (wie sich das gehört) – die Film-Taschenbücher von Heyne sahen mittlerweile nicht nur flotter aus, sie durften auch wesentlich dicker sein.
Zwar sind alle 100 Aufsätze zu den einzelnen Titeln von gewohnter Brillanz, doch das Thema, das der gleichgebliebene Titel verspricht, ist verfehlt.

Bereits Ende der 90er war „Kultfilm“ nichts mehr als ein Werbespruch, ein Wischiwaschi-Ausdruck, der
a) von Fans gebraucht wird, wenn sie ihren persönlichen Lieblingsfilm zu einem der Allgemeinheit erklären möchten („Ich kenne niemanden der ‚Die fabelhafte Welt der Amelie’ nicht total toll findet! Dieser Film hat mein Leben verändert!“).
b) von Marketingleuten gebraucht wird, um ihr neues Produkt hochzujazzen, dass zwangsläufig noch niemand gesehen und das folglich noch gar keinen Kult generiert haben kann („Versäumen Sie nicht den neuen Kultfilm von Bully Herbig!“ …).
Woran man einen wirklichen Kultfilm erkennt, hat sich im Laufe der Zeit eine Reihe angemessen pingeliger Fachleute überlegt.
Ein Kultfilm ist ein Film, …

„… der im Ersteinsatz bei Kasse und Kritik durchgefallen ist, der aber durch Wieder- und Spezialaufführungen seinen Weg gemacht hat.“ – Stuart Byron in „Film Comment“ Oct./Sept. 1976

„… dessen Wirkung sich nicht aus seiner Qualität herleiten lässt. Weniger vornehm ausgedrückt: ein Film, bei dem man auf die Frage: ‚Verstehst du, warum da alle hingehen?‘ mit ‚Versteh ich auch nicht‘ antwortet.“
Hellmuth Karasek in „Film Comment“ Oct./Sept. 1976

Und weiter:

„Kultisten sprechen die Dialoge mit, sie kommentieren Szenen oft durch Jauchzen und Johlen und imitieren das Geschehen auf der Leinwand durch Bewegung, Körperhaltung, Gestik, Mimik, Tonfall und nicht zuletzt durch Requisiten aller Art.“
Ronald M. Hahn und Volker Jansen in „Kultfilme“, München 1985

Das sind natürlich nur Indizien, die nicht vollständig aufscheinen müssen und die sich in unserer geflissentlichen Ära eh überlebt haben. Dass ein Kultfilm zunächst nicht auf seinen großen bzw. langanhaltenden Erfolg hoffen konnte oder ihn erst spät erfuhr, trifft aber auf viele Beispiele zu. Die in der erwähnten Neuausgabe hinzugefügten Titel Nr. 41 bis 100 sind mancherlei (Blockbuster, Klassiker, vieler Leute Lieblingsfilme …), aber eben keine Kultfilme mehr.
Das wussten die Autoren natürlich selbst. Im Nachwort räumen sie das auch ein, nicht ohne für ihre Zusammenstellung auf eine letzte Sonderregelung zu spekulieren: „Kultfilme sind Filme, die Zeitströmungen erfassen, die zunächst Minderheiten faszinieren. Das Zeitalter der totalen Information und Vermarktung auf allen Ebenen lässt solchen Filmen keine Zeit, sich zu entwickeln. So kommt es, dass (…) das ‚Genre‘ in seiner reinen Form (…) langsam, aber sicher ausstirbt.“

Das führt uns zu der spannenden Frage: welches sind jene 40 Filme?

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Raumschiff Enterprise – Fehlersuchbild

In diesem Programmhinweis für den Pfingstmontag sind drei Fehler versteckt.
(Auflösung am Pfingstmontag)

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Endlich wiedergesehen: „Blues Brothers“

Dieser Film ist nicht für mich gemacht, das war mir schon immer bewusst. Dennoch wollte ich einen frischen, möglichst analytischen Blick darauf werfen und den musikalischen Gaststars meine Ehre erweisen.

Zugunsten von „Blues Brothers“ sei gesagt, dass sein Regisseur John Landis einen wirklich tadellosen Job macht: die über den Abend verteilten hochkomplexen Action- und Zerstörungs-Sequenzen sind nie selbstzweckhaft und wirken in ihrer Choreographie ebenso mühelos wie die Musiknummer gegen Ende mit dem greisen Cab Calloway, die den ganzen Film lohnt und die in ewige Sicherheit gebracht zu haben, hoch zu preisen ist. Auch die übrigen Auftritte der Legenden der Black Music sind vergnüglich und voller Spielfreude. Es gibt ein paar großartige Gags. Der schönste: als Ray Charles ein Plakat in seinem Musikaliengeschäft verkehrt herum aufhängt, kann man sich nicht sicher sein, ob er selbst überhaupt jemals davon erfahren hat. Auch Kathleen Freeman (über viele Jahre die Lieblings-Charge von Jerry Lewis) ist als cholerische Nonne Schwester Stigmata ein absolutes Kabinettstück. (Sie lebte und arbeitete lange genug, um den Part zwanzig Jahre später auch in der Fortsetzung zu übernehmen.)
Leider ist die Musik – genau wie Oper, Folk, Rock und andere herrliche Sachen – für mich weder Filmmusik noch das geeignete Material für den Song Score eines Musicals (obwohl sie Zweiterem recht nahe kommt).

Was den Film für mich persönlich endgültig von wahrer Größe abschneidet, ist sein toter Mittelpunkt. Die beiden mimikfreien Rabauken in ihren schwarzen Anzügen gelten – das ist mir wohl bewusst – als „trademarkable icons“ der Hochkomik, bei denen das Gelächter im Saal quasi eingebaut ist. Und sie verlassen sich jederzeit auf diesen Bonus. Selbst angesichts ihrer flotten Tanzeinlagen bin ich wie gelähmt, so fremd ist und bleibt mir diese bierdeckelflache Selbstzufriedenheit. Für mich ist das Jungshumor aus dem vorigen Jahrtausend. Was die musikalischen Verdienste dieser Band angeht, die es ja seit 1970 tatsächlich gab: sie gehen für meine Ohren im Mainstream unter. Aber das ist angesichts eines solchen Aufgebots aus dem „show business heaven“ ja keine Schande.

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China heute

Kai Luehrs-Kaiser erzählt in der Sendereihe „Meine Musik“

Ich war vorige Woche etliche Tage in China, genaugenommen in Peking, Suzhou und Shanghai, Orte von durchaus unterschiedlichem Appeal. Shanghai – wo ich noch nie gewesen bin – stellt an Glamour und Spektakel schlichtweg alles in den Schatten, was man zwischen Asien, Europa und USA überhaupt finden kann; sogar Hong Kong verblasst, und der Times Square ist ein Dreck dagegen. Sehr amerikanisch das alles, ungeachtet aller politischen Drangsal, der man in China ausgesetzt ist. Inzwischen kann man keine U-Bahn mehr betreten ohne eine Sicherheitsschleuse zu durchlaufen wie wir sie nur vom Flughafen kennen: man muss sein Gepäck durchchecken lassen. Selbst in Museen kommt man nur noch hinein, wenn man sich vorher online registriert hat und seinen Reisepass vorlegt. Zu den Segnungen der Digitalisierung, wenn es denn welche gibt, gesellen sich in China deren Schrecknisse hinzu.
Bargeld ist dort praktisch abgeschafft, man zahlt per Handy. Nicht mal im Hotelrestaurant von Suzhou, und es war ein gutes Hotel, wurde meine VISA-Card noch akzeptiert, auch im Taxi nicht. Zwar soll es angeblich noch möglich sein, auch bar zu bezahlen, das scheitert aber meistens an den tatsächlichen Gegebenheiten. Nicht einmal in Supermärkten ist noch eine Bargeldkasse vorhanden. In den chinesischen Bezahlsystemen WeChat und Alipay hat man als Europäer nichts zu suchen. Dazu müsste man über ein chinesisches Konto verfügen. Entsprechend wenige Touristen trifft man an. (Dabei kommt man, wenn man nur zwei Wochen bleibt, aus Deutschland derzeit sogar ohne Visum nach China.)
China hat sich seine digitale Touristenfalle selbst gebaut. Naja, es ist ein großes Land, und die werden sich wahrscheinlich sagen: die Welt wird nachziehen – und sie werden recht behalten.

Dass dieses Land bereisenswert ist, muss ich nicht eigens betonen. Dass man in China – abseits aller kulturellen Begeisterung – ein gewisses Unbehagen nicht ganz los wird, hat politische Gründe. Die Leute selbst sind reizend, sehr freundlich, hilfsbereit, auch längst nicht mehr so übergriffig wie es noch vor einigen Jahren der Fall gewesen ist. Viele Phänomene, die ich noch vor einigen Jahren dort beobachtete, sind verschwunden.
Zum Beispiel gingen die Leute früher immer in die Parks, um ihre Ziervögel auszuführen: sie hängten diese Vögel in Holzkäfigen in die Bäume hinein, damit die auch mal an die frische Luft kommen. Ebenso versunken ist der Brauch, dass Künstler mit dicken Wasserpinseln kalligraphische Zeichen aufs Trottoir malten, die dann sofort wieder wegtrockneten, was sehr schön anzusehen war.
Während man in China den Turbokapitalismus installierte, hat man das autoritäre kommunistische Regime vollständig beibehalten.
Was ist das Lehrreiche an einer China-Reise? Wir sehen, wie rasend schnell man ein Land modernisieren kann. Innerhalb weniger Jahre wurde in Peking ein gewaltiges U-Bahnnetz als Ganzes unter der Stadt eingezogen. Die traditionelle Hutong-Bebauung hat man im selben Atemzug restlos beseitigt. Die riesigen Trabantenstädte, durch die man mit dem Zug hindurchrauscht, wenn man in gerade mal fünfeinhalb Stunden von Peking nach Shanghai fährt (die Züge schaffen 300 km/h und mehr), sind so uniform und gigantomanisch, dass sie nichts als den Eindruck gottlosen Horrors verströmen. Wer aussteigt, muss sich hart gewappnet haben.
Wenn man sich vor diesem optischen Hintergrund den zögerlichen Berliner Wohnungsbau vor Augen führt, bricht man in Tränen der Rührung aus. Bei der Landung hatte ich den Eindruck: was für ein beschauliches, flaches, verkehrsberuhigtes Großdorf Berlin doch ist.

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Der Science-Fiction-Film – Absicht, Botschaft und Wirkung

Fortsetzung vom 19. April 2024

Die New Yorker Kritikerin, Erzählern und Filmemacherin Susan Sontag (1933-2004) hat in ihrem Essay „Die Katastrophenfantasie“ („The Imagination Of Disaster“, Oktober 1965) das Science-Fiction-Genre vor allem in seiner filmischen Spielart untersucht – und offensichtlich nicht geschätzt (obwohl sie das nicht offen ausspricht). Dieser Auszug aus einer der sachlicheren Passagen ihres Textes, entstand einige Jahre bevor sich das „Disaster Movie“ für kurze Zeit zu einem lukrativen Massenphänomen mausern sollte und – selbstredend – lange vor dem Siegeszug der CGI:

In Science-Fiction-Filmen geht es nicht um Naturwissenschaft. Es geht in ihnen um die Katastrophe und damit um eines der ältesten Themen in der Kunst. Im Science-Fiction-Film wird die Katastrophe nicht intensiv, sondern stets extensiv erlebt. Hier geht es um Originalität und Einfallsreichtum. Das Ganze ist, wenn man so will, eine Frage des Maßstabs. Der Maßstab aber – und das gilt ganz besonders für die farbigen Breitwandfilme (unter denen die des japanischen Regisseurs Inoshiru Honda und des [österreichisch-ungarischen] Amerikaners George Pal die technisch überzeugendsten und visuell faszinierendsten sind) – hebt die Angelegenheit auf eine neue Ebene.
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Die Männerwirtschaft aus der Baker Street

betr.: gestriger 59. Jahrestag der Erstausstrahlung von „The Disappearance Of Lady Frances Carfax“ aus der Serie „Sherlock Holmes“ (GB 1965-68)

In der zweiten Hälfte der 60er Jahre reihte sich Peter Cushing in die schon damals beträchtliche Riege der Sherlock-Holmes-Darsteller ein. Cushing war ein fähiger Schauspieler, den die Heutigen vermutlich allein wegen seines Auftritts im ersten Beitrag zur „Star Wars“-Saga vor Augen haben und dessen wichtigster Job es gewesen ist, zum Ensemble der Hammer-Horrorfilme gehört zu haben, wo er sowohl verrückte Wissenschaftler als auch respektable Gelehrte spielte. Cushing verkörpert das Bild, das wir uns im Laufe der Zeit von Sherlock Holmes gemacht haben (ohne dass das so in den Büchern gestanden haben muss), in idealtypischer Weise: hager, auf uncharmante Weise einnehmend, nicht mehr ganz jung.
Immer wieder weichen die Holmes-Performer in einzelnen Punkten von diesen Vorgaben ab, ohne sie insgesamt in Frage zu stellen (Benedict Cumberbatch ist jünger als die meisten, dafür aber ein kompletter Soziopath). Mehr als bei jeder anderen literarischen Figur beruht unser Bild von ihr auf einer medialen Quersumme, die in der Regel ausgebildet ist, bevor wir erstmalig einen der Romane in die Hand nehmen und uns selbst eine Figur ausdenken können.

Wir wissen eine Menge über Mr. Holmes, kennen (ungewöhnlicherweise) sogar seine Postadresse und seinen Mitbewohner, haben aber keine Ahnung, warum die beiden Herren eigentlich zusammenwohnen. Ist es alte Verbundenheit (etwa aus dem Studium oder dem gemeinsamen Militärdienst)? Ist es schlicht der gemeinsame Arbeitsplatz (Detektivbüro), an den sich die Privaträume anschließen (als Arrangement, das sich verselbständigt hat)? Ist es gar eine homosexuelle Beziehung (die über den körperlichen Vollzug mittlerweile hinaus ist)? Ist Dr. Watson so etwas wie der Pfleger von Holmes (an dessen Drogenabhängigkeit er allerdings nichts mehr ändern kann)?
Das alles mag etwas für sich haben, aber die Lebensgemeinschaft in der Baker Street 221B ist zuallererst eine ordinäre WG. Aus Kostengründen. Holmes und Watson sind zu zweit dort eingezogen, wie es in „Eine Studie in Scharlachrot“ beschrieben wird, weil sich einer allein die Wohnung nicht leisten konnte. Und vor dieser Vereinbarung sind beide einander auch nicht begegnet. Sie fanden aus dem selben Grund zusammen wie Felix und Oscar, die berühmteste „Männerwirtschaft“ der Theater-, Film und Fernsehgeschichte nach Sherlock Holmes und Dr. Watson.

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Die begnadete Nervensäge

betr.: 101. Geburtstag von Jack Laird

Jack Laird war der Mann, den man Rod Serling vor die Nase setzte, als dieser die Früchte seiner Arbeit – der legendären TV-Serie “The Twilight Zone” (1959-64) – genießen wollte, indem er eine weitere, noch glanzvollere Serie schuf – “Rod Serling’s Night Gallery”, die heute vergessen ist.*
Der Sender NBC und das produzierende Studio übertrugen Jack Laird, einem Vertrags-Producer der Universal, die redaktionelle Verantwortung dafür, also das letzte Wort in allen künstlerischen Entscheidungen. So ein Arrangement musste einen verdienten Showrunner und genialen Visionär wie Serling wahnsinnig machen. In den drei Staffeln, über die sich “Night Gallery” hinschleppte, entfremdeten sich der Autor und seine Serie restlos voneinander, und sie blieb die letzte Arbeit vor seinem frühen Tod. Beide Männer sind am Scheitern ihres Produktes jedoch unschuldig, und viel spricht dafür, dass es – vor allem die zweite Staffel ist bemerkenswert – ohne Jack Laird nicht so vielgestaltig und überraschend geraten wäre.

Tom Wright portraitierte Jack Laird auf seinem Ausstellungsstück zur Folge 18 der 2. Staffel „Quoth The Raven“.

Jack Laird legte Wert darauf, das Kind eines Schauspielerpaares zu sein, das ihn auf Gastspielreise in Bombay zur Welt gebracht habe. In Wahrheit stammte er aus einer kalifornischen Kleinstadt. Er war kulturell universal-interessiert und gründete in seiner Schulzeit, obwohl er selbst kein Instrument spielte, eine Jazzband. Sie existierte, bis er in den Zweiten Weltkrieg ziehen musste, seine Musiker verteilten sich auf renommierte Bands.
Nach Kriegsende versuchte Laird es als Schauspieler, brachte es aber hauptsächlich zu diversen Hörspiel-Rollen. Er begann erfolgreich, für das junge Medium Fernsehen zu schreiben. In der Verantwortung die ihm dort übertragen wurde, förderte er junge Darsteller und Regisseure (wie Sydney Pollack) und gab Schauspielunterricht.

Mit der Krankenhausserie “Ben Casey” (1961-66) wurde Laird in der Branche endgültig zum großen Namen. Sein Erfolg ließ ihn zu einen Workoholic mutieren, der zudem zuwenig schlief, zuviel rauchte und sich schlecht ernährte. Parallel dazu ging seine einst sehr glückliche Ehe mit der Schauspielerin Peggy Johnson zu Bruch. Laird verantwortete auch den Hit “Kojak”.

Ähnlich tragisch wie das Schicksal Rod Serlings und das ihrer gemeinsamen Arbeit, war auch das Ende von Jack Laird. Er, dessen Engagement, kreative Phantasie und Professionalität von so vielen seiner Weggefährten geschätzt und gepriesen wurde, verkam zum Zyniker und Menschenfeind, ein Alkoholproblem gesellte sich dazu. Er wurde zum arbeitslosen Einsiedler. Als im Dezember 1991 sein Herz versagte, war er auf dem Weg ins Krankenhaus. Da er seinen Ausweis nicht mitgenommen hatte, verblieb seine anonyme Leiche für Wochen in der dortigen Leichenhalle. Endlich wurde er von seiner längst entfremdeten Tochter identifiziert, die von seinen Nachbarn alarmiert worden war, ihr Vater Mr. Laird sei verschwunden.

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* Zu unrecht, wie sich das gehört. Siehe https://blog.montyarnold.com/2020/04/28/class-of-99/

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Lampenfieber

Lampenfieber war nie ein Problem für mich. Das mag damit zusammenhängen, dass ich mich von meinem ersten Auftritt an viel sicherer vor dem Publikum fühlte als ich es sonst im Leben tat. Und das wiederum hatte neben vielen Gründen den sehr einleuchtenden, dass ich damals noch nicht aus der Pubertät heraus war.
Dazu passt das fachliche Gerücht, das Lampenfieber nähme mit zunehmendem Alter eher zu als dass es durch die wachsende Erfahrung abnähme. Ich werde es persönlich wohl nicht mehr nachprüfen können.
Solcherlei ging mit durch den Kopf, als ich in einem „Zeit“-Interview las, dass auch die Schauspielerin Corinna Harfouch nicht von „Bühnenangst“ geplagt sei: „Aber ich muss vor jeder Vorstellung durch ein Nadelöhr – einen Widerstand von Unmut und Erschöpfung. Man fragt sich, warum muss ich das jetzt machen? Ich bin dann todmüde und will nicht und werde nicht und kann auch nicht! Aber dann geht man raus, und alles ist klar. Die Bühne gibt einem so viele Geschenke, da entsteht ein Leuchten, ein Glückserlebnis, das nirgendwo anders möglich ist. Ich habe mal gehört, dass Marianne Hoppe in ihren letzten Lebensjahren zu jeder Probe von zu Hause abgeholt werden musste. Sie klammerte sich an der Haustür fest und weigerte sich, ins Theater zu kommen. Dann stand sie auf der Bühne – und alles war gut.“

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