Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Wenn Margaret Dumont die Nouvelle Vague noch erlebt hätte

betr.: 97. Geburtstag von Jeanne Moreau

Die Komödiantin Margaret Dumont verdankt ihren ewigen Platz in der Filmgeschichte ihren regelmäßigen Zusammenstößen mit den Marx Brothers – weitaus mehr als das umgekehrt der Fall wäre, doch sie war schon sehr effektiv in der Rolle der schusseligen Matrone. Groucho Marx hat später in der „Dick Cavett Show“ sehr schlecht von ihr gesprochen, hat ihr unterstellt, keinen einzigen der Gags begriffen zu haben, an denen sie beteiligt war. Gewiss hatte sie nicht die Bühnenintelligenz der diversen Partnerinnen von Laurel und Hardy (insbesondere ihrer Nemesis vom Dienst Mae Busch). Doch nachdem ich diese Kritik aus dem Munde des Chef-Marxes gehört hatte, habe ich auf Frau Dumont ein Extra-Auge geworfen und denke, sie holt aus ihrem (im Vergleich zu Busch & Co.) stark eingeschränkten Kraftfeld Spielfläche das Beste heraus.
Die französische Charakterschauspielerin Jeanne Moreau erzählte in einem Interview, sie sei im Nachhinein unglücklich mit „Die Braut trug schwarz“ (– da bin ich ganz ihrer Meinung). Sie führte weiter aus, inzwischen würde sie diesen Part viel humorvoller anlegen. Mir fehlt die Fantasie, mir das innerhalb des Regiekonzeptes von François Truffaut vorzustellen. Margaret Dumont wäre (hätte sie etwas später gelebt) mit ihrer redlichen, leicht überforderten Entschlossenheit, eine gute Figur zu machen, in dieser Rolle sicher großartig gewesen. Gerade wenn sie – Grouchos Kritik anerkennend – gar nicht begriffen hätte, was Truffaut eigentlich von ihr will, wäre vermutlich ein sehenswerter Film dabei herausgekommen.   

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Pack schlägt sich, Pack verträgt sich nicht

betr.: Bruchlininen im deutschen Amüsiergewerbe

Fortsetzung vom 18.1.2025

Mit etwas interessiertem Abstand kann man ohnehin zu dem Ergebnis kommen, dass für Kabarett und Comedy gleichermaßen gilt, was auch auf Kino, Literatur, Oper, Rotwein und das deutsche Fernsehen zutrifft: das Allermeiste ist Mist. Comedians sprechen selten despektierlich über Kabarettisten: sie ignorieren die Kleinkunst, die ihnen unmittelbar vorausging. Vertreter des Kabaretts äußern sich mit umso größerer Sorgfalt kritisch über Comedy. Kritisch heißt: sie versuchen, ihre Ablehnung komisch klingen zu lassen.

Der Kommentar des hochangesehenen Passauer Humoristen Sigi Zimmerschied sei hier stellvertretend wiedergegeben (mit Dialekt-Verschriftlichung, da diese zur Botschaft gehört): „I habs amol für mich so formuliert, dass Kabarett die Unterhaltung bricht und Comedy bis zum Erbrechen unterhält. A Comedian, der versucht halt, witzig zu sein. Kabarettisten haben einen echten Hau! Wia hom an Defekt im Kopf, der einfach aufgearbeitet werden muass. Abteilung Forschung! Hirnforschung! Ich bin froh, dass i’s auf der Bühne ausleben kann. Und ihr derft’s a froh sei. Mei Großvater war immerhin a Doppelmörder. Könnte sein, dass do no was mitschwappert in mir.“

Wie funktioniert dieses Statement? Die Bosheit zu Beginn täuscht ein Augenzwinkern vor – launiges Wortspiel verpackt derbe Beschimpfung („zum Kotzen“) -, dann wird ein Eigenlob als Selbstkritik verkleidet (à la: wir Kabarettisten sind zwar bekloppt, aber in ehrenhafter weil für unser Handwerk nützlichen / unverzichtbaren Weise), und schließlich wird auch noch ein skandalöser familiärer Aspekt angedeutet, der schon deshalb nicht sehr eindrucksvoll ist, weil ja niemand etwas für das Treiben seines Großvaters kann. Das wird in Mundart serviert, da diese im Ruf steht alles etwas gemütlicher und halb so wild erscheinen zu lassen, falls sich doch mal jemand aufregen sollte.

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Zum Tode von Bertrand Blier

Eine respektlose Würdigung

Bertrand Blier ist gestern von uns gegangen. Ich gebe zu, meine Trauer, soweit sie meine persönliche Beziehung zu seinem Schaffen betrifft, hält sich im Rahmen. Zu Lebzeiten hat es der Künstler nicht geschafft, meine Vorurteile zu durchbrechen.

Als Bliers Durchbruch gilt der Film „Die Ausgebufften“ von 1974, der auch einen seiner Hauptdarsteller groß machte: den jungen Gérard Depardieu. Ich habe diesen Schauspieler nie gemocht, und dann kam nach und nach noch seine mich geradezu abstoßende physische Heruntergekommenheit hinzu, die sich nur allzu gut mit der schlechten Publicity der letzten Jahre zu einem stimmigen Bild zusammenfügte. Weiterhin sind mir als keineswegs prüdem Menschen Zoten ein Graus. „Die Ausgebufften“ heißt im Original „Les Valseuses“. Damit sind nicht etwa Walzerfreundinnen gemeint, sondern die schaukelnden Hodensäcke der Helden Jean-Claude und Pierrot.

Freilich habe ich Bliers Arbeit (im Gegensatz zu der Dépardieus) zu sehr vernachlässigt, um mir wirklich eine Meinung zu bilden, und so werde ich mir als nächstes „Den Mörder trifft man am Buffet“ endlich einmal ansehen.
Möglicherweise werde ich auf meiner ungehörigen Haltung sitzenbleiben, dass das Beste an Bertrand Blier sein Vater Bernard gewesen sein mag. Dieser füllige Charakterkopf hatte den ungeheuren Vorzug, sowohl einschüchternde Amts-, Respekts- und Halbweltpersonen glaubhaft verkörpern zu können als auch ihre Karikaturen.
Bernard Blier konnte wahnsinnig komisch sein!
Das größte Kabinettstück seiner Karriere ist der berühmteste Dialog der französischen Filmgeschichte (zumindest aus bunderepublikanischer Sicht). Bliers Gegenüber ist Louis de Funès, und beide treffen 1971 in „Hasch mich, ich bin der Mörder“ aufeinander. Der Dialog beginnt mit de Funès und geht so: „Wer?“ – „Sie!“ – „Ich?“ – „Ja!“ – „Nein!“ – „Doch!“ – „Ooooh!“
 

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Die Bucht der sterbenden Touris

betr.: „Old“ – Mystery-Thriller, USA, J, VRC 2021

M. Night Shyamalan hat neben dem Geniestreich „The Visit“ einen weiteren immerhin sehenswerten Film gemacht. In „Old“ verschlägt ein zunächst undurchschaubarer Plan einige Urlauber in eine paradiesisch wirkende Bucht in der Südsee. Im Mittelpunkt der kleinen Gemeinschaft stehen Guy und Prisca Cappa, die mit ihren Kindern Trent und Maddox einen traumhaften Urlaub in einem luxuriösen Ferienressort antreten. Der Hotelmanager empfiehlt ihnen einen atemberaubenden Privatstrand an einem abgelegenen Ort, den sie am nächsten Morgen mit wenigen anderen Hotelgästen besuchen sollen. Schnell geschehen an diesem Ort seltsame Dinge. Trent und Maddox reifen in Stunden zu Erwachsenen heran, und bald zeigt sich der beschleunigte Alterungsprozess auch bei den reiferen Urlaubern. Die Bucht ist außerdem so beschaffen, dass man nicht von dort flüchten kann. Dass sich einige Kranke unter den Eingeschlossenen befinden, scheint kein Zufall zu sein…

Der Film erzeugt eine gediegene Paranoia und hat sich dafür bei aller Phantastik ein Thema gewählt, das über kurz oder lang jeden von uns in Angst und Schrecken versetzt. Er entstand zu einer Zeit, da Hollywood mit Verjüngungs-Software von sich reden machte (die freilich auch umgekehrt funktioniert). Es ist rätselhaft, warum Shyamalan diese Technik nicht beherzter genutzt hat. So sehen wir das zentrale Elternpaar nicht im hohen Greisenalter, was das Grauen noch etwas greifbarer gemacht hätte.  

„Old“ ist ein fabelhafter kleiner Horrorfilm der leisen Töne, der sich gerade hinsichtlich der Dialoge auf der Höhe der Zeit bewegt. Das Geschwätz der reichen Schnösel und Schnöselinen von heute ist besser eingefangen, als ich es bisher in einem Film gehört habe. Trotzdem bringt Shyamalan das Kunststück fertig, seinen Figuren unsere Anteilnahme zu sichern.

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Heute ein König

betr.: TV-Kritik „Die Kevin Costner Story“ (gestern abend) / „No Way Out – Es gibt kein Zurück“ (USA 1987)

Hollywood-Insider Steven Gätjen über große Filmstars:

„Unfassbar!“ – auf Kabel1 über Brad Pitt
„Unfassbar!“ – auf Kabel1 über John Travolta
„Uuun-fassbar!“ – auf Kabel1 über Jack Nicholson
„Echt Unfassbar!“ – auf Kabel1 über Leonardo DiCaprio
„Unfassbar!“ – auf Kabel1 über Kevin Costner
„Unfassbar! Uuun-fassbar!“ – auf Kabel1 über Clint Eastwood
„Unfassbar!“ – auf Kabel1 über Denzel Washington
„Unfassbar!“ – auf Kabel1 über Harrison Ford

Niemand erwartet von einer aktuellen deutschen Filmstar-Doku ernsthaft irgendwelche Informationen im Wortsinne. Man freut sich auf ein paar 80er-, 90er-Jahre-Ausschnitte aus dem Augenwinkel und sieht im Wesentlichen zwei deutschen Medienschaffenden bei sorgfältig rührseligem Staunen zu: dem professionellen Stars-Tollfinder Steven Gätjen und dem mit gedämpfter Teddybärenstimme in seinen jugendlichen Kinobesuchen schwelgenden Hannes Jaenicke, der vom Blockbuster-Kino genausoviel weiß wie ich und du. (Nichts für ungut: ich freue mich immer über Jeanicke, denn sonst würde an seiner Stelle ein Rentner des Comedy-Duos „Badesalz“ über Hollywood reden.) Überhaupt scheint die charmante Botschaft des Formats zu sein: Hey, wir sind eure Kumpels! Und als solche wohnen wir natürlich um die Ecke (also um die Ecke von euch, nicht von Los Angeles). Wichtig: wenn Gätjen schnell nochmal im Internet gespickt hat, sagt er nicht einfach: „Dieser Mann hat in seiner Jugend eine Schreinerlehre gemacht!“, er sagt: „Dieser Mann hat glaub’ ich in seiner Jugend eine Schreinerlehre gemacht!“ oder „Dieser Mann hat ja in seiner Jugend eine Schreinerlehre gemacht.“ Das will uns weismachen: ich hab’s nicht etwa eben grade gegoogelt, ich bin von selber drauf gekommen. Aber solche Fußnoten fallen eh nur ganz am Rande ab. Hauptsächlich wird gelobt und gepriesen, und wer in der laufenden Sendung dran ist, ist selbstredend der Allergrößte. Von wegen „Highlander – Es kann nur einen geben“.

Als ein weiteres volkstümliches Entgegenkommen ist wohl auch Gätjens Reflex zu lesen, allen portraitierten Stars unbequemen, aufmüpfigen Individualismus zu unterstellen. „Der macht immer sein Ding!“, „Der weiß immer, was er will!“, „Der macht keine Kompromisse!“ …
Am Rand roter Teppiche mag das ja so aussehen. Aber wer auch nur einen Tag an einem Drehort verbracht hat, der weiß, dass es dort um das Gegenteil von „Ich mach mein Ding!“ geht: Pünktlichkeit, Teamfähigkeit, gute Vorbereitung. Man nennt es Professionalität. Besonders in Hollywood.

Ihre vornehmste Aufgabe erfüllt die Sendung aber durchaus. Meistens habe ich zwischendurch für wenige Augenblicke Lust, einen der behandelten Filme nochmals anzuschauen. Im Falle der aktuellen Ausgabe von „Die …-Story“ konnte ich mich nach dem Ende sogar noch daran erinnern und zog tatsächlich die betreffende DVD aus dem Schrank. Sie bescherte mir ein Wiedersehen mit dem jungen Kevin Costner, der das Pech hat, dass sein 70. Geburtstag (Anlass der TV-Sendung) ausgerechnet in eine Phase fällt, in der er es gerade mal wieder „allen gezeigt“ hat – allen, nur nicht dem Kinopublikum, denn das ist seinem neuesten Film (dem ersten von vier geplanten Teilen des Mammutwesterns „Horizon“) bekanntlich geschlossen ferngeblieben.

Das TV-Portrait betont richtigerweise Costners Western-Schwerpunkt. Er liebt dieses Genre, hat seine erste Hauptrolle darin gespielt („Silverado“) und seinen Aufstieg zur bleibenden Kinolegende darin erlebt („Der mit dem Wolf tanzt“). Seine Person wird folglich mit viel weiter Landschaft und Pferdebildern illustriert, wo man zu faul war, etwas zu Leben und Werk aus dem Archiv herauszusuchen bzw. aus dem Internet zu fischen (Es darf ja nicht zuviel Arbeit machen!). Ich, der ich Western leider nicht besonders mag, hatte danach den Wunsch, mit einem Großstadt-Stoff nachzuspülen.
Das Wiedersehen mit „No Way Out – Es gibt kein Zurück“ war aber eher eine Achterbahnfahrt in den Trash als eine Hommage. Dieser „Thriller“ ist bis zur Lächerlichkeit veraltet, dramaturgisch wie situativ unlogisch, und Gene Hackman – den ich sehr schätze – leistet sich in einer emotionalen Szene tatsächlichen einen schauspielerischen Totalausfall, den ich nicht ohne Grund so vollständig verdrängt hatte. Wie hatte der german Insider in „Die Kevin Costner Story“ es so hübsch unterschieden: Costner habe Sean Connery für den größten Schauspieler gehalten, aber Gene Hackman für den besten. Pikant, pikant …  

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Tiefere Bedeutung oder vergröberte Kaliber?

betr.: Kabarett und Comedy – Zwei darstellende Humorgattungen im Vergleich

Als in den 50er Jahren Heinrich Bölls Satiren „Nicht nur zu Weihnachtszeit“ und „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“* herauskamen, wurde er als Meister der kleinen Form entdeckt, aber auch beargwöhnt: stieg da etwa ein angesehener und umstrittener Mahner in die Niederungen des (wenn auch gehobenen) Blödsinns hinab? Und würde er daraus wieder heraufkommen? (Tat er übrigens. Es folgten die finster-gesellschaftskritischen Erzählungen „Billard um halb 10“ und „Ansichten eines Clowns“.)
Die Rezeption seiner humoristischen Arbeiten stimmte den Autor in einer ganz grundsätzlichen Weise besinnlich. Böll in einem Brief: „Ich habe viel darüber nachgedacht, ob die Satire überhaupt noch eine Waffe ist, gerade angesichts des Erfolges von ‚Doktor Murke‘. Niemand fühlt sich offenbar durch diese Geschichten getroffen oder gar betroffen. Und vielleicht wäre es besser, Ohrfeigen auszuteilen als es auf diese Weise zu versuchen. Alles wird hierzulande zu einem Markenartikel, auch der sorgenannte Nonkonformismus. Und Sie können sich denken, dass mir der Beifall gewisser Studienräte – nicht aller – peinlicher ist als manche harte Kritik. Was die Erfolglosigkeit der Satire betrifft: dasselbe betrifft auch das Kabarett. Es ist formal so gut, dass man den Inhalt kaum noch ernstnimmt. Aber es ist eine ernste Frage, auch für einen Schriftsteller, ob er die Form vernachlässigen, sein Kaliber vergröbern sollte, um seiner Wirkung sicherer zu sein.“
Was Böll über die Tugenden guter Schriftstellerei erklärt, könnte für einen Kabarettisten die Antwort auf die Frage sein, warum er sich der Comedy überlegen fühlt. Der vom Autor in diesem Zusammenhang ebenfalls bemühte Aspekt der Aktualität ist hier gar nicht mal der wichtigste. In seinem Aufsatz über Wolfgang Borchert heißt es über Engagement und Zeitbezug als Ausgangspunkt für das künstlerische Schaffen: „Ein gutes Auge gehört zum Handwerkszeug (…), ein Auge, gut genug, ihn auch Dinge sehen zu lassen, die in seinem optischen Bereich noch nicht aufgetaucht sind.“ Was einfach bedeutet, den Autor Dinge mitdenken zu lassen, die sich im Grunde von selbst verstehen, die aber – unbeachtet gelassen – das gezeichnete Bild beschädigen bzw. verhunzen. Böll bemüht als Beispiel einen Bäcker, dem wir bei der Arbeit zusehen. Wir sehen sein mehlbestaubtes Gesicht und seine knetenden Hände, aber um ihn gut zu charakterisieren (zu parodieren), müssen wir seinen Alltag außerhalb der Backstube mitdenken. „… dieser Mann dort unten im Keller raucht Zigaretten, er geht ins Kino, sein Sohn ist in Russland gefallen, 3000 Kilometer weit liegt er begraben am Rand eines Dorfes, aber das Grab ist eingeebnet, kein Kreuz steht darauf (…). Das alles gehört zu dem bleichen und sehr stillen Mann dort unten im Keller, der unser Brot backt. Dieser Schmerz gehört zu ihm wie auch manche Freude dazugehört.“ Es braucht Fantasie und ein Interesse für die Figur (auch wenn es sich um eine unsympathische handeln sollte), um ihn textlich zu erfassen.

Eine solche Sorgfalt würde freilich jeder Kabarettist – unabhängig von der tatsächlichen Qualität seiner Arbeit – für sich persönlich in Anspruch nehmen (ebenso Dinge wie Durchblick, Relevanz, Wagemut etc.**). Andererseits gewinnt auch jeder gute Stand-Up-Monolog, wenn er die Hintergründe seines Gegenstandes miterfindet und einbezieht. Der selbstgestellte Anspruch taugte also nur dann zum Unterscheidungsmerkmal Kabarett / Comedy wenn man im Grunde gar nicht die Qualität der eigenen Humorsparte meint, sondern von sich selber redet: Ich bin gut, alle anderen sind schlecht, besonders die Comedians.

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* siehe https://blog.montyarnold.com/2021/08/13/dr-murkes-gesammeltes-schweigen-hoerspiel/
** Hierzu ein Beispiel mit Musik: https://blog.montyarnold.com/2016/06/01/suesse-medien-steinzeit-zwei-rueckblicke/

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Wo unser Humor herkommt

Wie kam der Begriff Humor zu seiner heutigen Bedeutung?

Zunächst ist „Humor“ das lateinische Wort für Feuchtigkeit (amid = trocken, humid = feucht). Die Mediziner der Antike führten es auf die Mischung seiner Körperflüssigkeiten – Blut, Galle, Schleim – zurück, wie der Mensch aussah, welche Krankheiten ihn befielen, welches Temperament er entwickelte (von „temperare“ für „mischen“). Demnach verdankte der Sanguiniker seine Fröhlichkeit und Unbeschwertheit dem Blut, während beim Phlegmatiker der Schleim überwog. Das Element der Psychologie fehlte noch in dieser Überlegung. Im Sprachgebrauch des Mittelalters hatten sich die vier Temperamente ausdefiniert: Sanguiniker – Melancholiker – Phlegmatiker –Choleriker. Auch außerhalb der medizinischen Terminologie verstand man unter einem Sanguiniker einen aktiven, kontaktfreudigen Menschen, der oft und gern lachte.
Der englische Literat Ben Jonson (1572-1637) brachte den Begriff „Humor“ in diesen Zusammenhang zurück. Er versuchte in seinen Komödien zu ergründen, warum in seinem Land so viele Exzentriker lebten. Das waren z.B. Leute, die sonntags in den Tower gingen, um sich an den dort eingesperrten Geisteskranken zu ergötzen, ihren Gebärden und Verhaltensweisen. Die Ausgelachten wurden als „Humoristen“ bezeichnet: das waren jene, welche sich – unfreiwillig – dem Gelächter ihrer Betrachter aussetzten. Als Erklärung für ihr albernes Betragen galt der Überschuss am zuständigen Körpersaft (Humoris). Von dort ging der despektierliche Begriff auf den „Man Of Humour“ über: auf den Bürger, der das Verhalten anderer im Alltag parodierte, um sich über sie lustig zu machen.
Solch ein Humorist ließ sich nun freiwillig auslachen. Doch seine Parodien konnten auch kränkend wirken und aus dem Ruder laufen. Auf die pointierten Wortduelle beim Abendessen konnte am nächsten Morgen im Frühnebel ein Duell folgen, um die Ehre wieder herzustellen.

Diese Geschichte ist unter mehreren Gesichtspunkten interessant. Zunächst ist in ihr der gute Ruf, den der britische Humor bei uns bis heute genießt bereits angelegt. Dann verweist sie auf Hohn und Spott als bestimmenden Motor der Komik. Weiterhin ist auch das alte Misstrauen in ihr angelegt, das Politik und Bürgertum den Narren (den Vertretern der leichten Muse) stets entgegenbrachte. Zuletzt hat sich das besonders eindrucksvoll in der Corona-Pandemie gezeigt, als Kultur und Prostitution ganz offiziell der gleiche Stellenwert für das Funktionieren unseres Gemeinwesens zugewiesen wurde.

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Die wiedergefundene Textstelle: Tove Ditlevsen über Hässlichkeit

Fortsetzung vom 10.1.2025

Da sie nur selten vor die Tür ging, war ich Frau Thomsen bloß drei- oder viermal begegnet. Ihre Augen waren rot geädert wie die eines Menschen der niemals schläft, und ihre Hässlichkeit war derart vollkommen, dass sie mir eine Art schaudernden Respekt abverlangte. Und gleichzeitig war ich nach unseren Begegnungen noch tagelang von ihrem kalten und gierigen Blick verstört.
Sie hatte ihre Schlafkammer direkt über Vilhelms Zimmer, und ich spürte wie ihre niederträchtigen, schmierigen Gedanken durch die Decke sickerten und sich unauflöslich mit meinen vermischten.
Frau Thomsen verdächtigte ihre Untermieter sämtlicher unaufgeklärter Verbrechen und gönnte sich kaum Schlaf, weil sie fürchtete, den entscheidenden Beweis zu verpassen, sobald sie ihr Kommen und Gehen nicht mehr unermüdlich ausspionierte. Weil mir schon bei ihrem Anblick das Blut in den Adern gefriert, nehme ich an, sie waren schnell wieder verschwunden. Wenn sie nicht freiwillig das Weite suchten, setzte sie sie irgendwann vor die Tür. Sofort waren wieder neue da, bevor sie die Bettwäsche wechseln konnte. Das erzählte sie ihnen jedenfalls mit ihrer heiseren, atemlosen Stimme, die ihren Gedanken hinterherhinkte wie bei einem Stotterer, sich zu einem monotonen Meckern beruhigte, wenn sie zu den munteren Beschreibungen des Lotterlebens ihrer ehemaligen Untermieter überging, die sich von einer armen und kranken alten Witwe, die ihre besten Tage hinter sich hatte, nur schwer zum Studium anhalten ließen.
Frau Thomsen hasste ausnahmslos alle Frauen, die jünger und schöner waren als sie selbst, also ungefähr den gesamten weiblichen Teil der Menschheit. Sie hasste den Mythos von der großen Liebe und sah ihre Zweifel an deren Existenz an jenem Schicksalstag bestätigt. Ich bin mir fast sicher, dass sie auch an diesem Tag im Treppenhaus lauerte, ihr knorpeliges, behaartes Ohr an unsere Wohnungstür presste und hernach zufrieden zu sich hinaufhumpelte.

Diese Passage wurde aus einem längeren Abschnitt von Ditlevsens letztem Roman „Vilhelms Zimmer“ herausgeschrieben.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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