Die wiedergefundene Textstelle: Wohnwelten (3)

So lebt Tobias, Held der Kurzgeschichte „Der nervige Selbstmordkandidat“ aus Heinz Strunks Erzählungsband „Der gelbe Elefant“.

Samstag, Mitte Juli. Tobias hat spontan (eigentlich ist er kein spontaner Typ) zu einer Party auf seinem Balkon eingeladen. Der ist mit vierzehn Quadratmetern unbestrittenes Highlight und einziger Trumpf der dunklen, schlecht geschnittenen Zweieinhalbzimmerwohnung. Neulich war in der Zeitung von einem Balkonabsturz in Stuttgart zu lesen, die Mieter hatten draußen ein großes Planschbecken aufgestellt, sechs Personen wurden teils schwer verletzt. Die Wohnung von Tobias liegt im vierten Stock, bei einem vergleichbaren Unglück würde es mit Sicherheit Tote geben. Mehr als zehn Personen wird er nicht gleichzeitig rauflassen.
Wenn überhaupt so viele Leute seiner Einladung folgen. Das Viertel, in dem er wohnt, ist so unbeliebt wie unbekannt, ein einschläfernder No-Name-Stadtteil kurz vor dem Speckgürtel, runtergekommene Nachkriegsbauten mit zernarbten, abblätternden Fassaden, städtebauliche Nullität. Mit Öffis braucht man vom Zentrum fast eine Stunde, das dürfte viele abhalten.
(…) Sicher findet an einem anderen place to be, ganz in der Nähe, das coolere Event statt, das sämtliche Partypeople, die eigentlich auf dem Weg zu ihm wären, ansaugt, einsaugt und nach 24 Stunden high life in Tüten komplett durchgeranzt wieder ausspuckt.
(…) Der Lärm von der nahen Bundesstraße geht ihm auf die Nerven. Er ist ursprünglich vom Dorf, und an das Dauergetöse der Stadt kann er sich einfach nicht gewöhnen. Sein Hemd fühlt sich durchgeschwitzt an. Es ist schwül und drückend, eine fettige, stehende, leicht faulige Hitze. Die Rasenfläche vor dem Haus wirkt grau und glanzlos, wie von Krankheit befallen. Allerhöchste Zeit, der Gegend den Rücken zu kehren. Nächstes Jahr. Allerspätestens.

Heinz Strunk hat nur ein einziges Thema: die Unappetitlichkeit menschlicher Körper und der Seelen, die darin eingekerkert sind. Doch auch auf die Räume, die sie bewohnen, kann diese Befindlichkeit abstrahlen.

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Ein finnisches Bullerbü

betr.: „Das Sommerbuch“ von Tove Jansson

„So weit bin ich noch nie gegangen“, sagte Sophia. „Und du?“
„Ich auch nicht“, antwortete ihre Großmutter.
Sie gingen bis auf die äußerste Spitze der Insel hinaus, wo der Fels sich in immer dunkler werdenden Terrassen senkte. Jede Stufe, die tiefer in die Dunkelheit hinabführte, war von hellgrünen Fransen aus Seegras gesäumt, die mit den Bewegungen des Wassers vor- und zurückwogten.


Es freut mich, über das Fließtext-Buch einer finnischen Autorin gestolpert zu sein, die ich bisher lediglich als einen der bedeutendsten europäischen Comic-Klassiker kannte: Tove Jansson (1914-2001). Sie schrieb „Das Sommerbuch“ 1972, kurz nachdem ihre Mutter gestorben war, um ihre Trauer zu verarbeiten (wie es in solchen Fällen immer so schön heißt). Tove Jansson war vor allem für ihre Comics um die freundlichen, nilpferdähnlichen Mumin-Trolle bekannt – die ich wiederum nur aus der Feder ihres Bruders Lars kannte, der sie als Autor und Zeichner viele Jahre lang betreut hat.

„Einmal hab ich ein richtiges Aas gefunden, ein Schwein. Wir haben eine Woche lang die Knochen abgekocht. Es roch ganz schrecklich. Dein Vater wollte das Skelett haben, für die Schule. Für Zoologie, verstehst du?“
„Nein“, antwortete Sophia misstrauisch. „Was? Welche Schule?“
„Als dein Vater klein war, …“
„Er ist groß!“ sagte das Kind und fing an, Sand zwischen den Zehen herauszupulen.
Großmutter und Enkelin zogen sich in ihr jeweils eigenes Schweigen zurück.

 
Mir war nicht bekannt, dass die Autorin zehn Bücher für Erwachsene geschrieben hat und dass diese in Skandinavien als moderner Klassiker gelten. „Das Sommerbuch“ ist eines davon. Es geht darin um die Liebe zwischen einer Großmutter und ihrer sechsjährigen Enkelin. Die episodenhafte Handlung erstreckt sich über die titelgebenden Monate. Wie gesagt: „Das Sommerbuch“ ist dennoch kein Kinderbuch, aber die Grenze zwischen den Zielgruppen löst sich angenehm auf. Zuletzt erlebte ich das im westdeutschen Kinderfernsehen, das zum für mich biografisch idealen Zeitpunkt durch seine Blütezeit ging. Wie all die „lieben Jungen und Mädchen“ fühlte ich mich von diesem Programm spielerisch für voll genommen – genau wie es die Oma bei Jansson mit ihrer Enkelin tut.

Die Sonne ging auf, einen Augenblick lang glühte der Nebel, dann war er einfach verschwunden. Auf einem großen Stein draußen im Wasser lag eine Eisente. Sie war nass und tot.
„Woran ist sie gestorben?“ rief Sophia zornig.
„An unglücklicher Liebe“, erklärte ihre Großmutter. „Es war ein Enterich, und der hat seinem Gaggelhuhn die ganze Nacht etwas vorgesungen und vorgegaggelt, und dann ist ein anderer gekommen und hat sie ihm weggenommen. Und da hat er den Kopf ins Wasser gesteckt und ist davongetrieben.“
„Das ist nicht wahr!“ schrie Sophia und begann zu weinen. „Eisenten können nicht ertrinken! Erzähl es richtig!“

Streit, Kritik, Meinungsverschiedenheiten – all das ist hier selbstverständlicher Teil einer familiären Verbindung, die mehr an eine Freundschaft erinnert als an den Dialog über einen derart großen Altersunterschied hinweg. Unnötig zu erwähnen, dass Tove Jansson in diesen kurzen Episoden auch über den Tod nachdenkt.

„Wann stirbst du?“ fragte das Kind.
Großmutter antwortete: „Bald. Das geht dich aber nichts an!“

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Der Song des Tages: Love Theme from „A Farewell To Arms“

Betr.: 41. Todestag von Paul Francis Webster

„A Farewell To Arms“ – Filmmusik der gleichnamigen zweiten von bisher drei Hollywood-Verfilmungen des autobiographischen Romans von Ernest Hemingway – lebt als kurioses Soundtrack-Album fort. Sammlerstück scheint mir nicht der korrekte Begriff zu sein, denn weder der Ruf des Komponisten Mario Nascimbene noch die Bedeutung des Films (des letzten vom legendären Produzenten David O. Selznick) bietet irgendeinen Anreiz für Sammler-Begehrlichkeiten. Kurios ist die Schallplatte deshalb, weil sie für das Produktionsjahr 1957 eine erbärmliche Klangqualität bietet. Auch spätere CD-Veröffentlichungen haben auf diese unerklärlich flache Tonspur zurückgegriffen, die an eine Telefonverbindung erinnert.
Aber was soll’s: die Allgemeinheit ist gerne am falschen Platz unaufmerksam, und in der Nische sieht es nicht besser aus. Neben Hugo Friedhofers „The Young Lions“ (etwa zur selben Zeit entstanden) ist Mario Nascimbenes „A Farewell To Arms“ nach meiner Einschätzung die schönste Filmmusik, die in der klassischen Ära für einen Kriegsfilm komponiert wurde. Anders als Friedhofers Musik, die man ab dem zweiten Track auch für die Begleitung einer romantischen Komödie halten könnte, macht sie die Unbehaglichkeit des Sujets allgegenwärtig und erhebt sich daraus zu kleinen Kampfpausen, um schließlich in ein furios-glückseliges Finale auszubrechen. Ich kenne nichts Vergleichbares.

Dass für diese Komposition überhaupt ein Liedtext in Auftrag gegeben wurde, hat nur einen Grund: es war die Blütezeit des Filmsongs, und auf ihm lasteten seinerzeit große crossmediale Erwartungen. Ich freue mich darauf, diesen Song eines Tages zu hören.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Prima vista 0,5: Das weiße Schiff

betr.: Todestag von H. P. Lovecraft / Lesen vom Blatt / Übung

Eine Prima Vista Lesung in abgemilderter Form lässt sich durchführen, wenn man sich verschiedene Übersetzungen der selben Textpassage vornimmt: die erste wird still gelesen, die zweite laut.
Der Inhalt ist bekannt, der Wortlaut ändert sich.

Heutiges Beispiel: aus „Das weiße Schiff“ von H. P. Lovecraft

Variante 1:

Ich bin Basil Elton, Wärter des Leuchtturms von North Point, den vor mir schon mein Vater und mein Großvater hüteten. Der graue Leuchtturm steht fern der Küste über abgesunkenen, schleimbedeckten Felsen, die sichtbar sind bei Ebbe, nicht jedoch bei Flut. An diesem Signalfeuer zogen ein Jahrhundert lang die majestätischen Schiffe der sieben Weltmeere vorüber. In den Tagen meines Großvaters gab es viele davon; in den Tagen meines Vaters schon weniger; und nun sind es ihrer so wenige, dass ich mich zuweilen sonderbar allein fühle, als wäre ich der letzte Mensch auf unserem Planeten.
Von fernen Küsten kamen jene alten Handelsschiffe mit den weißen Segeln; von fernen östlichen Küsten, wo warme Sonnen scheinen und süße Düfte durch die fremdartigen Gärten und farbenprächtigen Tempel ziehen. Die alten Kapitäne kamen oft zu meinem Großvater und erzählten ihm von diesen Dingen, die er wiederum meinem Vater erzählte und mein Vater mir, an den langen Herbstabenden, wenn der Wind aus dem Osten gespenstisch heulte. Und ich habe noch mehr über diese Dinge und über vieles andere in den Büchern gelesen, die man mir gab, als ich jung war und von Fragen erfüllt.
Doch wunderbarer als die Geschichten alter Männer und das Wissen der Bücher sind die geheimen Geschichten des Meeres. Ob blau, grün, grau, weiß oder schwarz; glatt, gekräuselt oder von Wogen aufgetürmt; dieses Meer schweigt nie. Mein Leben lang habe ich es betrachtet und ihm gelauscht; ich kenne es gut. Anfangs erzählte es mir nur die einfachen kleinen Geschichten von ruhigen Stränden und nahen Hafenstädten, doch im Laufe der Jahre wurde es freundlicher und sprach von anderen, von seltsameren und weit in Raum und Zeit entlegenen Dingen. Im Zwielicht teilten sich zuweilen die grauen Dünste am Horizont, um mir kurze Blicke auf die Wege dahinter zu gewähren; und des Nachts wurden die tiefen Wasser der See zuweilen klar und leuchtend, um mir kurze Blicke auf die Wege in der Tiefe zu gestatten. Diese kurzen Blicke waren so zahlreich wie die Wege, die einst waren oder dereinst sein könnten, so wie die Wege, die sind; denn das Meer ist älter als die Berge und beladen mit den Erinnerungen und Träumen der Zeit.

Variante 2 (Suhrkamp):

Ich bin Basil Elton, der Wärter des North-Point-Leuchtfeuers, das vor mir mein Vater und mein Großvater hüteten. Weitab der Küste steht der graue Leuchtturm über schleimigen, blinden Klippen, die man bei niedriger Flut sieht, bei hoher jedoch nicht. Ein Jahrhundert lang sind an diesem Signalfeuer die majestätischen Barken der Sieben Meere vorübergezogen. In den Tagen meines Großvaters waren es viele; in den Tagen meines Vaters schon weniger; und heute sind es so wenige, dass ich mich manchmal seltsam allein fühle, so als wäre ich der letzte Mensch auf unserem Planeten.
Damals kamen jene weißbesegelten Handelsschiffe von fernen Küsten; von fernen, östlichen Küsten, wo warme Sonnen scheinen und süße Düfte merkwürdige Gärten und prächtige Tempel durchziehen. Die alten Kapitäne besuchten meinen Großvater oft und erzählten ihm von diesen Dingen, die er wiederum meinem Vater erzählte, und mein Vater mir, an langen Herbstabenden, wenn der Wind unheimlich aus dem Osten heulte. Und in den Büchern, die man mir gab, als ich jung und voller Staunen war, habe ich noch mehr über diese und viele andere Dinge gelesen.
Doch wundervoller als die Kenntnisse alter Männer und die Kenntnisse der Bücher sind die geheimen Kenntnisse des Ozeans. Blau, grün, weiß oder schwarz; glatt, aufgewühlt oder bergehoch; dieser Ozean ist nicht stumm. Mein Leben lang habe ich ihn beobachtet und ihm gelauscht, und ich kenne ihn gut. Zuerst erzählte er mir nur die gewöhnlichen kleinen Geschichten von stillen Stränden und nahen Häfen, doch mit den Jahren zeigte er sich freundlicher und sprach von anderen Dingen. Manchmal haben sich im Zwielicht die grauen Horizontdünste geteilt, um mir flüchtige Blicke in die jenseitigen Räume zu gewähren; und manchmal wurde des Nachts die See klar und phosphoreszierend, um mir flüchtige Blicke in die darunterliegenden Räume zu gewähren. Und diese flüchtigen Blicke haben mir ebensooft Räume gezeigt, die waren oder die sein könnten, wie die Räume, die sind; denn der Ozean ist ungleich älter als die Berge und befrachtet mit den Erinnerungen und Träumen der Zeit.

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Abgrund mit Aussicht

betr.: Hörbuch-Rezension

Sandra Hüller – aktuelles Covergirl des arte-Magazins und derzeit berühmteste Filmschauspielerin Deutschlands – hat vor zehn Jahren weitgehend unbemerkt für den mdr ein Hörbuch eingelesen. „Die Glücklichen“ von Kristine Bilkau ist für mich ein exotischer Text (wie „Durchs wilde Kurdistan“ oder „Die Reise zum Mond“), handelt er doch von einem jungen Elternpaar, das von beider Jobverlust (eine unschöne, aber korrigierbare Problematik) dazu getrieben wird, sich ganz grundsätzliche Fragen über seine Beziehung und den jeweiligen Lebensentwurf zu stellen. Der Titel verweist sehr gekonnt auf das hohe Niveau, auf dem hier nichtsdestoweniger schrecklich gelitten wird. Dass ausgerechnet der gewählte Mensch fürs Leben in solchen Krisen logischerweise als Ansprechpartner und Ratgeber ausfällt, habe ich selten so toll erzählt bekommen.

„Anmerkung: Die Covergrafik wurde mit KI-Unterstützung erstellt.“ (ARD-Text)
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Isabell und Georg stehen auf der angenehmen Seite des Lebens. Sie verdienen gut, wohnen in einer schicken Altbauwohnung in einem Stadtviertel mit vielen Cafés und Bioläden. Sie haben ein Lieblings-Sushi-Restaurant, leisten sich hochwertige Kleidung und teure Urlaube im Ausland. Als Matti geboren wird, ist das Glück perfekt. Doch nach und nach schleicht sich etwas ein. Und für Isabell und Georg ändert sich alles. Isabell ist Cellistin in einem kleinen Orchester. Seit einiger Zeit zittert ihre Hand, wenn sie öffentlich spielt. Ist ihre Musikerkarriere damit beendet? Und es gibt beunruhigende Gerüchte über die große Tageszeitung, bei der Georg als Journalist arbeitet. Bald muss das Paar Verzicht üben, die Angst vor dem sozialen Abstieg vergiftet ihre Beziehung. Wie verändern Krisen Menschen, die sich eben noch in Sicherheit wähnten? Und wie kommt man da wieder raus? (ARD-Text)

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Die wiedergefundene Textstelle: Das kindliche Auge

Der fachkundige Marcel Reich-Ranicki wies uns einst darauf hin, es gäbe keine Weltliteratur, die auf Hebräisch verfasst worden sei. Die wenigen Ausnahmen von dieser Regel müssen tief im Verborgenen geblüht haben. Drei Erzählungen, die von Feindschaft und verbotener Liebe, Stolz und Scham eines Heranwachsenden, äußerer Bedrohung und dem Traum vom verlorenen Paradies handeln, wurden von Ruth Achlama nun zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt: „Die beschämte Trompete“, „Hinter dem Zaun“ und die titelgebende Erzählung des Bandes „Wildwuchs“:

Tatsächlich heißt es, der Mensch sieht und begreift nur einmal. In seiner Kindheit. Die ersten Bilder, noch jungfräulich frisch aus Schöpferhand, sind die wahren, echten Eindrücke und die nachfolgenden nichts als fehlerhafte Neuauflagen, ähnlich den ersten, aber nur ein schwacher Abklatsch, nicht dasselbe. Am eigenen Leib erkannte ich das. Alle grandiosen Bilder von Himmel und Erde, über die ich im Leben einen Segensspruch gesagt habe, speisten sich ausschließlich aus diesem ersten Sehen. Im späteren Leben sah ich auch den Himmel Italiens in einem süßen Azur. Meine Füße standen auf Schweizer Berggipfeln. Ich sah sie, und mein Herz wurde weit. Wann hatte ich ein süßeres Blau als dieses erblickt, wo höhere und gewaltigere Berge als diese gekannt? Wann immer ich die Sonne fantastisch unter- oder aufgehen sehe, steh ich da und grüble. Ich habe doch einmal einen noch herrlicheren Auf- oder Untergang gesehen! Und wenn ich ein grünes Feld überquere, weiß ich nicht, warum ich kurz eine grüne Wiese vor mir sehe, jene Wiese, die ich erstmals im Dorf erblickte, noch im Schlepptau meiner alten Kinderfrau – sie ruhe in Frieden. Üppig und frisch, neu und lebendig stand das Gras zur Hälfte im klaren Wasser, übersät mit hübschen Blümchen, die ihre feuchten gelben Köpfe zwischen den Halmen hervorreckten, und im Auge eines jeden bebte ein reiner Tränentropfen.
Als wir aus dem Dorf wegzogen, ich war beinahe fünf Jahre alt, trübte sich mir das Auge der Welt ein wenig, und sein Glanz verblasste um einiges. An unserem neuen Wohnort am Stadtrand empfingen mich grauer Alltag und großer Trubel, das geschäftige Leben einer jüdischen Kleinstadt mit ihrem Treiben, Groll und Missbehagen. Je mehr das Menschengewühl ringsum zunahm, desto stärker zog ich mich zurück und desto mehr verebbten die Freudenjauchzer meines Herzens. Die ignoranten Kleinkinderlehrer, denen ich in die Hände fiel, verscheuchten mit Zorn und Gürtel meine kindlichen Visionen. Die frühen göttlichen Bilder erschienen mir nur noch, wenn ich allein war. (…) Hinter einem Wandschirm verbargen sich die Visionen und zwinkerten mir von dort gelegentlich zu, um die Bilder in meinem Geist wiederzubeleben und zu bestärken. Sie spähten kurz – und verschwanden. Kuck und weg! Tropfenweise wie ein teures Lebenselixier verrann der Glanz jener Wundertage in mein Herz, leuchtete meist nur stückchenweise aus meiner kindlichen Welt hervor.

Das historische Wolhynien liegt in der heutigen Nordwestukraine und gehörte im russischen Zarenreich zu einer Region, in der sich Juden dauerhaft ansiedeln durften, wodurch dort bedeutende Gemeinden entstanden. Aus dieser später völlig zerstörten Welt stammt das erwähnte Buch von Chaim Nachman Bialik. „Wildwuchs – Erzählungen aus Wolhynien“ entstand zwischen 1908 und 1934. Es ist auf Hebräisch geschrieben, was insofern bemerkenswert ist als sein mit dem Jiddischen aufgewachsener Autor Bialik die Gebetsspache Hebräisch für die Literatur öffnete und modernisierte. In ihr schrieb er unter anderem Gedichte und Erzählungen sowie nach wie vor sehr populäre Kinderlieder.
Geboren 1873 in Wolhynien, verbrachte Bialik die ersten Lebensjahre im kleinen Dorf Radiwka nahe Schitomir (ukrainisch: Schytomyr), wurde von seinem Großvater religiös erzogen, setzte sich schon als Jugendlicher für die Erneuerung der jüdischen Kultur ein, publizierte und lebte in Odessa, dokumentierte das Pogrom von Kischinev 1903, floh 1922 aus der Sowjetunion nach Berlin und wanderte 1924 nach Palästina aus. Der Autor, Verleger und Journalist gilt heute als Nationaldichter Israels, zahlreiche Straßen und Plätze sind nach ihm benannt.

„Wildwuchs“ ist bei C. H. Beck erschienen.

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Unser Mann in Hollywood

betr.: 100. Geburtstag von Georges Delerue

Georges Delerue studierte unter Darius Milhaud und leitete das französische Rundfunkorchester, ehe er zur Filmmusik kam. Zunächst war er für François Truffaut, dann auch für andere Filmemacher der Nouvelle Vague tätig. Erst recht spät, ab 1972, wurde auch Hollywood auf ihn aufmerksam, nachdem er 1969 eine Nominierung für „Konigin der tausend Tage“ erhalten hatte. Wiederum wurde er dort wurde gemeinsam mit seinen Regisseuren groß – etwa Oliver Stone, für den er „Platoon“ schrieb –wie es heute allgemein üblich ist Den Oscar bekam er schließlich 1980 für „Ich liebe dich – I Love You – Je t’aime“.

So sehr Delerue die französische Filmmusik seiner Epoche repräsentiert, so ausgeprägt ist andererseits sein Personalstil. Der Humorist Harry Rowohlt kokettierte damit, seine Musik nicht zu mögen, und vielen Filmmusiksammlern ging es ebenso. Wer Walzer schätzt, hat in diesem Repertoire viel Grund zur Freude. Besonders hübsch ist das winzige, gut versteckte Liebesthema für die LouisdeFunès-Komödie „Hibernatus“.

Als Georges Delerue 67jährig in Los Angeles starb, riss ihn das aus einer fleißigen und erfolgreichen Tätigkeit. Der Regisseur Bruce Beresford erinnerte sich einige Jahre später: „Er hat sehr viel gearbeitet und aufgrund seiner Rückgratverkrümmung und den damit verbundenen Problemen musste er Medikamente nehmen. Hinzu kam das Rauchen.“ Und wie war er so? „Wäre er kein Komponist gewesen, hätte er ein General der Armee sein können. Er war immer so unglaublich gut organisiert und vorbereitet. Er war pünktlich wie ein Uhrwerk – und hat ja immer an mehreren Filmen gleichzeitig gearbeitet.“

Zuletzt hatte Georges Delerue  alle großen Preise gewonnen, und heute trägt der vom Film Fest Ghent verliehene Filmmusikreis seinen Namen.

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Die schönsten Filme, die ich kenne: „Topaz“

betr.: 97. Geburtstag von Frederick Stafford

„Topaz“ ist einer der Hitchcock-Filme, die niemand mag, und das schon seit seiner Premiere. Während er atmosphärisch in jeder Einstellung als solcher erkennbar ist, fehlen ihm doch viele Aspekte, an die sich das Publikum in dieser Produktlinie mittlerweile gewöhnt hatte: ein flottes Tempo, ein charismatischer Held in akuter Gefahr, obligatorischer Hollywood-Glamour, eine dicke Überraschung im zweiten oder dritten Akt, eine Filmmusik von Bernard Herrmann (mit dem Hitchcock sich soeben verkracht hatte).
Auch Hitchcocks Lieblingsmotive – der unschuldig Gejagte, die große (blonde) Frauenfigur im Zentrum der Handlung, der allgegenwärtige Witz – sind nicht am Platz. Zwar wird uns für jede dieser Auslassungen etwas anderes geboten, doch das interessierte niemanden: eine Vielzahl von Schauplätzen, prächtigen Dekorationen und liebevoll gezeichneten Charakteren und eine sehr lineare, gleichmäßige Erzählung, die sich zielstrebig auf ihre Auflösung zubewegt (und dem Film als Lahmheit angekreidet wurde). Diese Auflösung ist wiederum etwas missglückt (es wurden mehrere alternative Enden gedreht und alle verworfen, zuletzt „bastelte“ man sich ein Finale zusammen). Und der Titelheld hat wahrhaftig das Temperament eines Dienstreisenden: Frederick Stafford, ein österreichisch-tschechischer Schauspieler, der sich als Gehreimagent in europäischen Kolportagefilmen bewährt hatte und nach „Topaz“ augenblicklich in Vergessenheit geriet. Der Humor des Films ist weniger vordergründig, sondern erschöpft sich stattdessen in der feinen Beobachtung menschlicher Schwächen und Marotten, die die Regie sehr effektiv aus dem Ensemble herausholt – nur eben nicht aus dem strahlend attraktiven, aber eindimensionalen Hauptdarsteller.*  
Mit seinem Vorgänger „Torn Curtain“ bildet „Topaz“ ein Doppelprogramm aus Agentenkrimis – eine seltsam trendige Phase in Hitchcocks Werk. Dass die Reklame „Topaz“ als 50. Film des großen Regisseurs zusätzliche Erwartungen aufbürdete, hat die Sache nicht einfacher gemacht. „Torn Curtain“ ist der temporeichere und insgesamt populärere der beiden, aber das ist ungerecht.

Trotz seiner bedächtigen Struktur erlebe ich „Topaz“ bei jedem Wiedersehen als erstaunlich kurzweilig. Die vielen kleinen Portraits der Menschen, die unter die Räder des Kalten Krieges geraten oder doch zumindest um ein erfülltes Familienglück gebracht werden, sind subtil und trotz der eleganten Technicolor-Patina der Produktion zeitlos und berührend. Hitchcock leistet sich eine Handvoll europäischer Stars. Das in Paris spielende Finale wartet etwa mit den Giganten Philippe Noiret und Michel Piccoli auf (auch der Komponist Maurice Jarre kommt aus Frankreich), und die Deutsche Karin Dor ist in ihrer Rolle als kubanische Untergrundkämpferin einfach großartig. Sie hatte es über ein 007-Gastspiel bis nach Hollywood geschafft, doch die Weltkarriere blieb aus. Gleichzeitig endete die in ihrer Heimat. Mit ihrer Scheidung vom Regisseur Harald Reinl verschwand Dor auch aus dem Wirtschaftswunder-Klamottenkino.
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* Es gibt Leute, die das anders sehen. Harris & Lasky finden in der „Citadel“-Filmbuchreihe die Schauspielerei insgesamt „armselig“, gestehen aber immerhin John Forsythe (später der Patriarch im „Denver-Clan“) eine durchschnittliche Leistung zu.

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Was gehe ich mich selber an?

Gerade habe ich wieder einen dieser Anglizismen zum Selbermachen aufgeschnappt. Er lautet „In-and-Out-Liste“. So etwas wird im Rahmen der guten Vorsätze fürs neue Jahr erstellt und will uns bewusst machen, was wir uns künftig häufiger und was wir uns weniger wünschen: mehr Strandspaziergänge, weniger To-Do-Listen oder so. Das Sympathische daran ist, dass wir erkennen, wie groß unser Einfluss auf die Art ist, wie wir unser Leben gestalten.
Das ist längst nicht so banal wie es klingt.

Als Mitarbeiter einer Hamburger Musicalschule war ich irgendwann in den Nullerjahren eine Zeitlang als Coach tätig. Das Institut verpflichtete einige seiner Lehrkräfte, mit kleineren Gruppen von Langzeitarbeitslosen zu workshoppen, um die Performance im Dialog mit potenziellen Chefs zu verbessern.
Der Tanzdozent tanzte mit seiner Gruppe, die Gesangsdozentin sang mit ihnen, der Schauspieldozent improvisierte Szenen mit ihnen. Aber was sollte ich als Geschichtslehrer tun? Da wir mit jeder Gruppe dreimal zusammentrafen, überlegte ich mir drei Gesellschaftsspiele, die die Einsicht zur Pointe hatten, wie schnell wir im Alltag dumme Sachen sagen, ohne uns etwas dabei zu denken. Meine Überlegung und Überzeugung: wenn wir Phrasen wie „Blut ist dicker als Wasser!“, „Jeder Mensch ist ein Künstler!“ oder „Mit mir kann man über alles reden!“ einfach vermeiden (oder sie nur dann sagen, wenn wir von ihnen tatsächlich überzeugt sind), wirken wir etwas konzentrierter und vielleicht weniger töricht.
An einem der Tage verteilte ich Karten, auf denen solche Sätze notiert waren, und bat die Probanden, sie vorzulesen und dann zu erklären, ob, inwiefern und warum sie ihnen zustimmten oder nicht.

Ich stellte fest, dass alle den ihnen zufällig zugeteilten Satz sehr ernst nahmen. Sie fanden ihre Sätze auch allgemein zutreffend und verteidigten sie, und das sogar dann, wenn der Inhalt so absurd und bösartig war, als stammte er aus unserem heutigen „Diskurs“, etwa: „Wer mit 30 noch nicht in einer festen Beziehung lebt, hat sein Leben verpfuscht!“

Besonders aufschlussreich war aber eine Übung, die ich nur einmal durchgespielt habe. Am letzten Tag der Maßnahme bekam ich eine Runde noch ein viertes mal zugeteilt, da ein Kollege verhindert war. Ich spielte mit ihr „Was ich mag – Was ich nicht mag“. Meine Botschaft: Wir sollten uns klarmachen, was wir uns wünschen und es auch artikulieren. Man wird uns nicht jeden Wunsch erfüllen, aber die Quote wird besser sein als wenn wir unsere Vorlieben für uns behielten. Das passte sehr gut in unser Konzept des Bewerbungsgesprächs.
Weil ich diese Aufgabe so simpel fand – und ich habe mich gründlich geirrt! – bat ich darum, jeder möge zehn Dinge in die erste Spalte schreiben und zehn in die zweite. Ich bat darum, nicht so Selbstverständliches aufzuschreiben wie „Krieg mag ich nicht“ – „Urlaub mag ich“ – „Lottogewinn find ich besser als Krebs“, sondern persönliche Vorlieben und Abneigungen. Zuletzt würden wir uns die Ergebnisse gemeinsam ansehen und einander besser kennenlernen.

Bis auf einen Teilnehmer, der das Ganze sehr spielerisch anging, nahmen alle diese Aufgabe sehr missmutig auf. Sie reagierten angefasst. Es fiel ihnen nichts ein. Ein Murren erhob sich. Mit dieser Reaktion hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Als es ans Vorlesen ging, waren die Zettel fast völlig leer, es stand da lediglich ganz vereinzelt „Urlaub“, „Lottogewinn“ bzw. „Krieg“ und „Krebs“ … Als ein wuchtiger älterer Herr verbal mit dem Vorwurf auf mich losging, das alles gehe mich doch nichts an und was das überhaupt solle, musste ich einsehen, dass ich hier als einziger etwas dazugelernt hatte.
Kein ruhmreicher Abschluss meiner Coaching-Erfahrung.

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