Kultfilm Azubis (17): Mutter allein zuhaus

In der Serie „Six Feet Under“ wird gesagt, dass das Leben als Mutter eine verdammt einsame Sache ist. Die beiden heutigen Filme belegen das auf sehr unterschiedliche Weise. Den einen müsste jeder kennen, weil er offiziell „der Beste“ ist, den anderen, weil Autor und Hauptdarstellerin schon einmal zusammen für Furore gesorgt haben. Im heutigen Podcast sehen wir uns beide an:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/jeanne-dielman-dolores

A) Jeanne Dielman – 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles
Belgisch-französischer Experimentalfilm von 1975

Jeanne ist eine junge, verwitwete Frau, die mit ihrem 16-jährigen Sohn in einer Brüsseler Wohnung lebt. Ihr Alltag ist von Routinen geprägt: Kochen, sich waschen, das Bett machen. Zu diesen Routinen gehören auch gelegentliche Besuche von Männern, an die sie sich prostituiert. Mit Veränderungen oder Abweichungen von ihren Gewohnheiten tut sie sich schwer. So lassen verkochte Kartoffeln oder Musik sie unruhig werden. Drei Tage verfolgen wir Jeanne bei ihrem alltäglichen Tun, bis ihr Leben beim Besuch des dritten Mannes in ein neues Stadium tritt.

Alle 10 Jahre stellt das britische Magazin Sight & Sound die Frage nach dem besten Film aller Zeiten. Befragt werden 1600 Filmkundige auf der ganzen Welt, sodass diese Umfrage als belastbar gilt, quasi als die offizielle Wahl des besten Films aller Zeiten. Nachdem 50 Jahre lang „Citizen Kane“ diese Liste anführte, siegte zuletzt 2012 Hitchcocks „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“. Bei der jüngsten Befragung 2022 gab es einen überraschenden neuen Gewinner: Chantal Akermans „Jeanne Dielman“. Trotz dieser Auszeichnung wird der Film in Deutschland nur selten gezeigt und ist bisher nicht auf Tonträger veröffentlicht worden.

B) Dolores / Dolores Claiborne
Amerikanisches Drama von 1995

Zweiundzwanzig Jahre lang hat Dolores Claiborne in einem Ostküstenstädtchen einer tyrannischen Millionärin den Haushalt geführt, ihre Bosheiten ertragen und die zuletzt Bettlägerige gepflegt. Als die alte Lady bei einem Treppensturz ums Leben kommt, wittert Detective John Mackey seine große Chance. Schon einmal hat er Dolores des Mordes überführen wollen und ist gescheitert: damals, als ihr Mann während einer Sonnenfinsternis mysteriös verunglückte. Der darauffolgende Freispruch prangt seither als Schandfleck auf Mackeys ansonsten makelloser Mord-Aufklärungsrate. Mithilfe ihrer entfremdeten Tochter Selena will er nun Rache üben und Dolores endlich hinter Gitter bringen. Selena reist aus New York an, um ihre Mutter widerwillig zu unterstützen: auch sie hält sie für die Mörderin ihres Vaters. Doch die Wahrheit viel verzwickter … 

Nachdem Kathy Bates als irre Krankenschwester für „Misery“ den wohlverdienten Oscar bekommen hatte, schien es eine gute Idee, sie in diesem Film eine weitere Stephen-King-Hauptfigur spielen zu lassen und viele kleine Anspielungen einzustreuen. Das Ergebnis verpuffte so kläglich an der Kinokasse, dass Bates ihre Kunst von nun an nur noch in Nebenrollen ausleben durfte.

Nächste Woche: „Blade Runner“ und „Sein Leben in meiner Gewalt“

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Ein Körnchen für sich allein

Jahre nachdem mein Unterrichten vor einer Musicalklasse an sein Ende kam, habe ich bei Virginia Woolf eine perfekte Formulierung und inhaltliche Bestätigung gefunden, die meine Überzeugung zusammenfasst: „die erste Pflicht eines Dozenten“ sei, soviel sie wisse, „Ihnen nach einstündigem Diskurs ein Körnchen reiner Weisheit auszuhändigen, das sie in die Seiten Ihrer Notizbücher einwickeln und für immer auf dem Kaminsims aufheben können.“
Ich war deutlich unbescheidener, nie hätte ich die Bezeichnung „Körnchen“ gewählt. Aber Woolf spricht ja auch von diesem als dem Ergebnis eines einstündigen Diskurses. Ich denke, es läppert sich auch in ihrer Definition zusammen.

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Die wiedergefundene Textstelle: Zum Ende des Sommers

Glücksmoment mit Wespe

Von Jürgen Miedl

Der Augenblick, in dem das Kreisen
das dich schon seit zwei Stunden unrund machte,
und an den Rand des Nerventodes brachte,
der regen Wespe, die nicht grad in leisen,

doch konsequenten Runden deinen Speisen
Besucherin war, sich dabei nichts dachte,
wiewohl sie mehrfach fast ins Joghurt krachte,
beendet wird durch Fortgang ihrer Reisen,

ist ganz und gar ein großes Glückspräsent.
Drum spürst du, kaum dass sie nun zick und zack
davonflog, wie dich Freude opulent

durchströmt. Dann nimmt dich Wehmut huckepack.
„Ach, Wespe! Beinah schad, dass du … Moment.
Sie kommt zurück. Da ist sie wieder … Fuck!“


Gefunden in einer der letzten Print-Ausgaben der „taz“.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Wohnwelten (13): Nabokovs Bösewicht Clare Quilty

betr.: 100. Geburtstag von Peter Sellers

Sieht man einmal davon ab, dass Humbert Humbert, der Held von Vladimir Nabokovs berühmtestem Roman „Lolita“, selbst sein größter Feind ist, ist Clare Quilty der Bösewicht der Geschichte. Nach meiner Meinung ist dieser Quilty außerdem die beste Rolle, die der Komiker und Charakterkomödiant Peter Sellers auf der Leinwand gespielt hat. Es gibt populärere Figuren, größere Erfolge und sicher auch bessere Filme – Stanley Kubricks „Lolita“ leidet nicht zuletzt an den moralischen Restriktionen, die der Verfilmung eines solchen Skandalromans 1962 zusetzten. Doch die amoralische Selbstbesoffenheit dieser Figur bietet dem sardonischen Sellers die größtmögliche Angriffsfäche und Fallhöhe.

Wie wohnte dieser Quilty? Nabokov beschreibt sein Anwesen aus der Perspektive von Humbert Humbert, der dort eintrifft, um den Hausherren umzubringen.

Eine vorsichtig ironische Stille antwortete auf mein Klingeln. Die Garage war jedenfalls mit seinem Auto geladen – ein schwarzes Cabrio diesmal. Ich versuchte es mit dem Klopfer. Re-niemand. Mit einem ungeduldigen Knurren stieß ich gegen die Haustür – und, wie nett, sie flog auf wie in einem mittelalterlichen Märchen. Nachdem ich sie leise hinter mir geschlossen hatte, ging ich geradewegs durch eine weiträumige, sehr hässliche Diele; spähte in einen angrenzenden Salon; bemerkte eine Anzahl benutzter Gläser, die aus dem Teppich wuchsen; kam zu dem Schluss, der Herr des Hauses befinde sich noch im herrschaftlichen Schlafzimmer und schlafe.
Ich stapfte also die Treppe hinauf. Meine rechte Hand umklammerte den in den Lappen gemummelten Kumpel in meiner Tasche, die linke patschte das klebrige Geländer hoch. Von den drei Schlafzimmern, in die ich hineinsah, war offenbar eines in der Nacht benutzt worden. Es gab eine Bibliothek voller Blumen. Es gab ein ziemlich kahles Zimmer mit großen, tiefen Spiegeln und einem Bärenfell auf dem schlüpfrigen Parkett. Es gab noch andere Gemächer. (…) Da das Haus alt war, enthielt es mehr verschwiegene Winkelchen als die modernen Prunkstätten, in denen für die verstohlenen Bedürfnisse planvoller Elternschaft das Badezimmer benutzt werden muss, der einzige abschließbare Locus.
Apropos Badezimmer – ich war gerade im Begriff, ein drittes in Augenschein zu nehmen, als der Hausherr in Hinterlassung eines kurzen Wasserfalls aus ihm herauskam.

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Was ist „Porno chic“?

1973 brachte der film „Deep Throat“ den Durchbruch des „Porno Chic“. So bezeichnete die „New York Times“ die modische Genre-Strömung im Kino, bei der „Fellatio, Cunnilingus, Frontal- und Rektalverkehr zum täglichen Brot“ gehörten. Das war deshalb der Erwähnung wert, weil derart explizite Sexszenen gewöhnlich nur im Filmangebot für Bahnhofs- und Kabinenkinos üblich waren. Der Begriff „Deep Throat“ stammte aus dem Vokabular der Watergate-Affäre und meinte dort den lange Zeit geheimen wichtigsten Informanten, hier bezog er sich nun auf Oralverkehr. Der Film war kommerziell so erfolgreich, dass die Filmindustrie sich dafür öffnete, unterschiedlichste Zielgruppen mit deutlichen Darstellungen sinnlich zu stimulieren.
In der Ausgabe 37/1975 leistete sich der „Spiegel“ die Titelgeschichte „Kino der Lüste“ mit einem verkaufsfördernden barbusigen Cover, wie man es sonst eher von „Quick“ oder „Stern“ gewohnt war. Darin drängte die „erotische Kinokunst vehement in die Katakomben des schamhaft Verdrängten, Verbotenen, Tabuisierten“. Der „Der letzte Tango in Paris“ stand auf den regulären Kinospielplänen, und Pier Paolo Pasolini meinte, den De–Sade-Klassiker „Die 120 Tage von Sodom“ noch dadurch aufjazzen zu müssen, dass er seine Verfilmung als Anti-Faschismus-Parabel verkleidete. Doch Pornographie war das recht eigentlich nicht, schon gar keine „schicke“. Beide Filme malen vom Geschlechtsverkehr ein so finsteres, unerfreuliches (in Pasolinis Fall sogar krankes und abstoßendes) Bild*, dass man im Rückblick ahnt, warum das Wort „Fuck“ ausgerechnet als Fluch im Sprachgebrauch Karriere gemacht hat. Im selben Jahr 1975 lief auch die Romanverfilmung „Die Geschichte der O“ in Paris an und lockte binnen einer Woche rund 100.000 Zuschauer an. Das war schon deutlich stimulierender. „Im Vergleich zur Romanvorlage ließ es Regisseur Just Jaeckin, der ein Jahr zuvor schon ‚Emmanuelle‘ weichgezeichnet hatte, harmloser zugehen“, erzählt Rainer Lübbert 50 Jahre später im „Rückspiegel“ des Magazins. „Während O im Buch am Ende den Tod wählt, rafft sie sich im Film zu einem letzten Akt des Widerstands auf.“ Und „selbst in den tiefsten Verliesen lagern Bärenfelle, weht ein Hauch von Chanel“.
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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2014/11/02/dudu/

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Sonniges aus dem Süden

betr.: 100. Geburtstag von Andrea Camilleri / Mediatheken-Tipp und Hörbuchkritik „Brief an Matilda“

Der Bestsellerautor Andrea Camilleri (Erfinder des berühmten Commissario Montalbano) ist über 90 Jahre alt, als er beschließt, seiner Urenkelin einen langen Brief zu schreiben, den sie lesen soll, wenn sie groß ist. In dieses etwas kokette Konzept – natürlich ist auch ein Buch daraus geworden – wickelt der alte Schlawiner eine dieser prallen Biografien ein, die als inspirationsquelle in literarischen Erzeugnissen der Boomer-Generation so gründlich abwesend sind. Es steht zu befürchten, dass die Jugend von heute ihren Enkeln wieder etwas zu erzählen haben wird, was wir auch bei Camilleri finden: Demokratiezersetzung, Krieg, frühe Armut und die Sorge, einer verlorenen Generation anzugehören. (Oder wie es auf der NDR-Homepage etwas konkreter heißt: „von seiner Kindheit in der Mussolini-Ära über die Berlusconi-Jahre bis zu einem Mafia-Blutbad in seiner Heimatstadt (…), über seine sizilianischen Wurzeln, über die Liebe seines Lebens, Freundschaft, Politik und Literatur“.)
Der „Brief an Matilda“ ist aber weniger wegen seines „erschreckend aktuellen“ Charakters ein so bereicherndes Vergnügen, sondern weil er angesichts all des realen Grauens so unverzagt ist. Überdies ist uns ein Happy End garantiert: der sizilianische Autor starb inzwischen einen ähnlich friedlichen Tod wie sein berühmtester Landsmann Don Vito Corleone.

Der NDR, der sein Hörbuch-Programm zuletzt tragisch zusammengestrichen hat, um zu den Sparzwängen der ARD das Seine beizutragen, macht uns auf seinem werktäglichen literarischen Rest-Sendeplatz „Am Morgen vorgelesen“ zum Ehrentag des Autors ein großes Geschenk – wenn auch nur für kurze Zeit. Noch bis Montag früh haben wir die Möglichkeit, die Lesung vollständig im Netz nachzuhören. Rolf Nagel ist als Interpret eine großartige Wahl. Sein seinerseits hohes Alter fügt dem Text glaubhafte Patina und eine geradezu italienisch anmutende Grazie hinzu.

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Kultfilm Azubis (16): Little Girls Lost

Im heutigen Podcast sprechen Monty Arnold und Torben Sterner über zwei Filme, die aus der Sicht von Kindern erzählt sind, einen tiefen Einblick in die Kinderseele gewähren und in die Abgründe beider Welten: der kindlichen und der erwachsenen.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/chihiros-reise-ins-zauberland-the-innocents

A) Chihiros Reise ins Zauberland / Sen to Chihiro no kamikakushi
Japanischer Zeichentrickfilm von 2001

Die zehnjährige Chihiro zieht mit ihren Eltern in eine neue Stadt. Auf dem Weg verfahren sie sich und entdecken einen verlassenen Vergnügungspark, den sie neugierig erkunden. Während ihre Eltern sich unerlaubt auf das dort bereitstehende Essen stürzen, erhält das quengelnde Mädchen die Warnung, vor Einbruch der Dunkelheit von hier zu fliehen. Doch als sie zu ihren Eltern zurückkommt, haben die sich in Schweine verwandelt. Mit zunehmender Dunkelheit wird dieser Ort immer unheimlicher. Chihiro findet Aufnahme im magischen Badehaus der Hexe Yubaba, doch sie darf hier nicht gratis unterschlüpfen. Harte Arbeit, schwere Prüfungen und schauerliche Rätsel warten auf sie und geben ihr das Gefühl, für die Sünden ihrer Eltern bestraft zu werden.

Jeder Fan des Ghibli-Zeichentrick-Studios hat einen eigenen Lieblingsfilm. „Das wandelnde Schloss“ wird vielleicht am häufigsten genannt. Der erste Titel, der ein größeres Publikum außerhalb der Fanblase erreichte, war „Prinzessin Mononoke“. Aber es war sein Nachfolger, der sich nicht nur allgemein als der erfolgreichste Film des Studios herausgestellt hat, er gilt als die künstlerische Gipfelleistung des Genres Anime schlechthin. „Chihiros Reise ins Zauberland“ ist für den japanischen Zeichentrickfilm das, was „Terminator 2“ für den Actionfilm und was „Mit Schirm, Charme und Melone“ für das lineare Serienfernsehen ist.

Ein weiterer aktueller Podcast zum Thema Ghibli, bei dem wir zu Gast sein durften, ist hier zu finden: https://www.podcast.de/episode/692727898/106-kikis-kleiner-lieferservice-hexenfiguren-in-der-japanischen-mythologie

B) The Innocents / De uskyldige
Norwegischer Horrorthriller von 2021

Ein junges Elternpaar zieht mit seinen beiden Töchtern in einen öden Apartmentkomplex. Die Große, Anna, gibt nur unartikulierte Laute von sich und zeigt keine Emotionen, weshalb ihre kleine Schwester Ida sich einen Spaß daraus macht, ihr schmerzhafte Streiche zu spielen. Ida lernt Ben kennen, der kleinere Gegenstände mit bloßer Gedankenkraft bewegen kann. Als Ben im Spiel eine Katze tötet, wird er Ida erstmals unheimlich. Mit einem weiteren Kind aus der Nachbarschaft, der kleinen Aisha, kann ihre Schwester Anna gedanklich über größere Entfernungen kommunizieren. Unter ihrem Einfluss beginnt sie sogar zu sprechen – ein unerklärliches Glück, das ihre Eltern nicht fassen können. Fasziniert trainieren die Vier Kinder im Wald ihre Talente und bauen ihr geistiges Netzwerk weiter aus.
Als Ben sich eines Tages über die Mädchen ärgert, nutzt er seine inzwischen beträchtlichen Fähigkeiten für überzogen grausame Racheakte. Es kommt zu einem tödlichen Konflikt, dessen Hintergründe das erwachsene Umfeld gar nicht mitbekommt.

„The Innocents“ – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen 60er Jahre-Gruselfilm von Jack Clayton – versickerte bei den Filmfestspielen von Cannes. Ohne das Konkurrenzprogramm näher zu untersuchen, kann ich mir nicht vorstellen, dass es auf diesem Festival einen preiswürdigeren Beitrag gegeben hätte. Das ist umso seltsamer als diese norwegische Mischung aus Horrorfilm und Sozialdrama unzählige Gesellschaftsthemen würdig verhandelt. Um nur einige zu nennen: Inklusion, Erziehung und Kindeswohl, Autismus, Gruppendynamik, Einsamkeit, Kommunikationsprobleme, Superkräfte, Freundschaft, Entfremdung und Tod.

Nächste Woche: „Jeanne Dielman“ (der amtierende „Beste Film aller Zeiten“) und „Dolores“

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Das Känguru mit dem Reißverschluss

ber.: 50 Jahre „Yps“ mit Gimmick

Das runde, aber nischige Jubiläum der Zeitschrift „Yps“ rührt mich ans Herz, denn viele Jahre lang (aus dem damaligen Zeitgefühl betrachtet) habe ich dem Erscheinungstag (ich glaube, es war der Montag) förmlich entgegengefiebert. Schräg drauf wie ich war, interessierte ich mich im Grunde nie für das Gimmick und trug den dadurch verursachten Mondpreis von 2 Mark 50 dennoch tapfer mit – und das, obwohl ich taschengeldmäßig mehr als kurzgehalten wurde. Eigentlich konnte ich mir diese Dauerbelastung gar nicht leisten, und so ist es mir heute rätselhaft, wie ich zu der beträchtlichen Sammlung gekommen bin, die vor meinem inneren Auge auftaucht. Ich nehme an, ich habe mein „Yps“ netten Leuten wie Mutti und Omi eins ums andere Mal aus den Spendierhosen geleiert. Da ich es neun von zwölf Monaten heftig mit den Atemwegen hatte, mag es sich hier auch um zahlreiche Trostpflaster gehandelt haben. Comics waren damals bekanntlich schundverdächtig, aber es gab wahnsinnig viele davon. „Yps“ war aber auch kein reines Comicheft, sondern irgendwie ein richtiges Jugendmagazin. An „Eckes Rätselkrimi“, jeder mit einer herrlichen Illustration versehen, erinnere ich mich besonders gerne.

Wie ich heute weiß, las ich damals ein von französischen Sozialisten verantwortetes Blatt. Das wäre und ist mir inhaltlich nie aufgefallen, wie auch die dumpf-konservative Ausrichtung von Rolf Kauka einer heiter-humanistischen Mentalität von „Fix und Foxi“ nie im Wege stand.*
Apropos: neben den Kauka-Heften (und mit einigem Abstand zu diesen) war „Yps“ mein wichtigster Zulieferer von ausländischen, hauptsächlich europäischen Comics, deren witzige Übersetzungen mich sehr geprägt haben und die mich bis heute bei meiner Arbeit inspirieren – das ist ganz wortwörtlich gemeint. Lange vor dem Carlsen-Verlag hat Kauka Comic-Alben herausgebracht, und wie ich kürzlich im Antiquariat feststellte, hat auch „Yps“ mindestens einen solchen Versuch unternommen (siehe Abbildung). Und wie bei Kauka, gab es auch bei „Yps“ eigenproduziertes Comic-Material. Die Abenteuer des jugendlichen TV-Journalisten-Teams um Yorick, „Yinni + Yan“ waren nicht von Pappe (wie der Umschlag des Heftes). Als ich kürzlich mal wieder ein paar davon las, war ich verblüfft von der Gagdichte und der meisterlichen Konstruktion der zehnseitigen Geschichten.

Wie gesagt: die Gimmicks waren für mich nicht weiter von Bedeutung. An einem Bastelbogen, der zu einer Roboter-Marionette mit Lamellenbeinen hätte werden sollen, bin ich so sehr verzweifelt, dass meine Mutter ernsthaft darüber nachdachte, ob dieses Magazin das eigentlich Richtige sei, um mich bei Arztbesuchen aufzumuntern. Das hätte verdammt ins Auge gehen können.
Irgendwann überließ mir mein großer Bruder seinen Stapel Marvel-Comics – und ein neues Zeitalter brach an. Ab jetzt las ich auch Superheldencomics … auch! Und nur die guten, nicht den Mist von DC.
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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2017/04/09/raffinierte-propaganda-oder-eher-gar-keine-zwei-westdeutsche-jugendmagazine-im-kalten-krieg/

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Schauerliche Home-Story

betr.: Das SR-Hörspiel „Glückliche Kinder“ (1995)

Tief vergraben auf der Homepage des Saarländischen Rundfunks findet sich ein skurriles Werk, das unter „Hörspiel“ einsortiert ist, obwohl es sich um eine Lesung mit Soundtrack handelt: „Glückliche Kinder“ des Dänen Kim Fupz Aakeson. Es liest der Schauspieler Thomas Thieme, der dem ohnehin finsteren Text seine ganze Schurkendarstellerei angedeihen lässt.

„Glückliche Kinder“ ist in eine Dystopie, wie uns der Begleittext verrät. Ohne diesen Hinweis wirkt die Geschichte fast noch besser, Sätze wie „Es regnet fast ununterbrochen. Bislang unbekannte Krankheiten treten auf.“ sind überdies reichlich angestaubt. Die Ausgangssituation der Geschichte könnte sogar in die Gegenwart passen, sich unbemerkt herausgebildet haben und uns eines Tages in Form einer Statistik überraschen: es greift um sich, dass immer mehr Eltern ihre Kinder verlassen, sich nachts aus dem Staub machen und die Kleinen zurücklassen. In eigens dafür errichteten Heimen fristen diese armen Würmchen ein schlimmes Dasein.
Der Ich-Erzähler ist namenlos, wie auch alle übrigen Personen. Er berichtet, wie er eines Tages den Auftrag erhält, zusammen mit einer Fotoreporterin in einer solchen Einrichtung für eine Story zu recherchieren. Unter den verwahrlosten, kränklichen Insassen entdeckt er ein frohgemutes, zutrauliches, wohlgenährtes Exemplar, das seltsam dinghaft und zutraulich wirkt. Diese Begegnung irritiert ihn so sehr, dass er auf eigene Faust auch in anderen Heimen zu recherchieren beginnt. Überall findet er solche Kinder: äußerlich nicht eindeutig geschlechtlich zuzuordnen (obwohl es sich tatsächlich um Jungen und Mädchen handelt) und einander zum Verwechseln ähnlich. Sie gedeihen prächtig, während ihre Leidensgenossen von den Zuständen im Heim gezeichnet sind. Das Wort „Adoption“ fällt nicht in diesem Zusammenhang …
Der Journalist will diesem Phänomen weiter nachgehen. Es beunruhigt ihn wie die Ahnung einer nahenden Invasion. Mit seiner Besessenheit verärgert seinen Chef, verliert schließlich seinen Job, und auch seine junge Ehe geht darüber in die Brüche. Leider ist er nicht in der Lage, das Rätsel zu lösen.

„Glückliche Kinder“ ist ein kurioses Artefakt, aber es fesselt. Die seltsamen, deutlich lauter abgemischten Action-Einschubsequenzen – Flashbacks vermutlich – sind dramaturgisch überflüssig und auch unter dem Gesichtspunkt einer angestrebten Länge von mindestens 55 Minuten nicht notwendig.

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