A talent not to amuse

betr.: Wie Filme auf uns wirken und warum. Am Beispiel von „Asphalt City“ und „Caché“

Vom aussichtslosen Wunsch des Sozialarbeiterkinos, uns zu besseren Menschen zu erziehen

Seit ich diesen Ausdruck vor Jahrzehnten in einer Filmkritik las, liebe ich ihn und benutze ihn gern: „Sozialarbeiterkino“. Damit bezeichne ich Filme, deren Machern ich jederzeit ihre guten Absichten glaube und deren Wahl einer ersprießlichen Botschaft ich anerkenne. Doch was haben solche Tugenden mit der Fähigkeit zu tun, mich zu unterhalten? Irgendjemanden zu unterhalten!
Nicht das Geringste!
Selbst wenn ein edler, hilfreicher Mensch (was immer das sein mag) über ein gewisses Talent verfügt, einen guten Film zu machen, so wird er dies im Zweifelsfall der Unmissverständlichkeit der angestrebten Belehrung unterordnen. Die Filmgeschichte hat tausende solcher Beispiele hervorgebracht.

Da die Produkte des Sozialarbeiterkinos stets damit werben, wie gut sie gemeint sind, fällt es mir leicht, ihnen auszuweichen. So bin ich auch dem neuen Film des „guten Menschen von Hollywood“, wie sich Sean Penn gern in der Presse nennen lässt, glücklich ferngeblieben.
Mein Vorurteil lautete wie folgt: was der Film mir an Unbehagen bereiten wird, wird nicht durch etwas aufgewogen, das mir wichtig oder willkommen ist.

Ein Freund von mir, der „Asphalt City“ kürzlich sah und der einen gänzlich anderen Geschmack hat als ich, bestätigte mir das. Ohne zu wissen, dass ich den Film insgeheim bereits vorverurteilt hatte, beschrieb er ihn mir ausführlich, lobte ihn etwas hüftsteif für seine „gute Botschaft“, räumte aber ein, dass er sich damit doch sehr geplagt hätte. (Ich hatte den Eindruck, er wünschte sich bereits, die Erinnerung aus dem Kopf zu bekommen.)
Was mich schier sprachlos machte, war die Beschreibung der Schluss-Einstellung. Penn und sein junger Kollege (gespielt von Tye Sheridan) haben sich als Notfallsanitäter knapp zwei Filmstunden lang bis an den Rand des Wahnsinns verausgabt und sind zusätzlich auch noch beschimpft, juristisch belangt und mit Undankbarkeit überzogen worden. Ich glaube unbesehen, dass „Asphalt City“ ein realistisches Bild dieses Berufes zeichnet und dass er allen, die ihn anschauen, zu denken gibt!* Doch kurz vor Schluss hat der Jüngere der beiden ein dezent rührseliges Erlebnis, das dem Drama einen winzigen versöhnlichen Twist aufnötigt und den Helden zum Lächeln bringt.
Zu solch faden Mitteln greifen nur sehr, sehr schlechte Filmemacher (seien sie auch gute Schauspieler und edle Menschen). So etwas tut nur, wer sein Publikum nicht ernst nimmt.
Der Zufall wollte es, dass mein Freund kürzlich auch einen Film des unbequemsten aller von mir geliebten Regisseure gesehen hatte: „Caché“ von Michael Haneke. Ich hatte ihm die DVD geliehen. Haneke betont bei jeder Gelegenheit, wie fern es ihm liegt, Botschaften aussenden zu wollen. Auch er mutet seinen Zusehern allerhand zu (manches davon ist auch mir zuviel!). Doch nie käme er auf die Idee, sein gemartertes Auditorium mit einem Happy-Endchen trösten oder gar bestechen zu wollen. Stattdessen gibt es die von mir gewünschten Gegengewichte zuhauf, die den unbehaglichen Teil ausbalancieren und die diesen zum unverzichtbaren Teil des Dramas machen: gute Darsteller, glaubhafte Dialoge, Humor, Alltagsrealismus (unabhängig vom Milieu, in dem der Film spielt), atemlos spannende Konflikte, Rätsel, die mich nicht mehr loslassen, Einblicke in die eigene Seele (wo Penn & Co mir schreckliche Menschen vorführen, die mich gottlob nichts angehen).

Mein Freund sagte, mir er wisse nicht recht, ob ihm „Caché“ gefallen habe. Schließlich habe er sich über einiges in der Handlung geärgert, und die Botschaft „Die Sünden der Väter werden an den Söhnen vergolten.“ habe ihm privat auch nicht gepasst. Nachdem ich ihn davon überzeugt hatte, dass hier gar keine Botschaft vermittelt, sondern nur eine unschöne Tatsache offen ausgesprochen wird, stellte sich heraus, dass es für ihn doch ein reichlich fesselndes Erlebnis gewesen ist, sich tagelang von Hanekes Geschichte umtreiben zu lassen. Dass die männliche Hauptfigur (gespielt vom liebenswert-abgründigen Daniel Auteuil) ihn gepackt und dass er sich mit ihr sogar identifiziert habe. Dass es oberflächlich zwar um das französische Erbe des Algerienkriegs geht, doch in Wahrheit um eine Vielzahl von Dingen, die uns weitaus näher sind.
Für mich handelt dieser Film von mir selbst. Von uns allen. Von familiären Konflikten. Von der Angst vor der Verletzung der Privatsphäre und des eigenen Wohnraumes. Von der Unzufriedenheit, die selbst Männer befallen kann, die einen tollen Job und eine bildschöne, kluge Ehefrau haben. Von der Aussichtslosigkeit, es Pubertierenden recht machen zu wollen. Von winzigen Nachlässigkeiten, die unsere Liebsten schrecklich kränken, ehe wir es uns versehen. Und vieles mehr.
Wie sich herausstellte, ist „Caché“ für meinen Freund zwar nicht der bequemere, aber der weitaus bessere Film.
Ich wette, eines Tages wird er sich die DVD nochmals ausleihen.
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* Das kann man durchaus mögen, und selbstverständlich gibt es Zuseher, die genau damit glücklich und zufrieden sind. Ich glaube aber nicht, dass Sean Penn es darauf anlegt.

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Klassiker mal wieder völlig verkannt

betr.: Christoph Bantzers Lesung von „Das Phantom der Oper“

In den Kulissen und Katakomben der Pariser Oper geht ein Phantom um: eine düstere, maskierte Gestalt mit entstelltem Antlitz. Geschickt verbirgt sich das Phantom vor den Blicken der Menschen und nimmt doch Einfluss auf das Bühnengeschehen: Dank seiner Hilfe wird die Sängerin Christine Daée zum Star des Ensembles. Er betet sie an – doch Christines Herz hängt an ihrer Jugendliebe Raoul …
Wir alle glauben diese Geschichte von Gaston Leroux zu kennen und würden sie in der altmodischen Rubrik des reinen „Schauerromans“ einsortieren.

Das tut auch die ARD Audiothek, die ihn noch bis zum 15. September als Lesung bereithält. 
In Wahrheit handelt es sich um eine sehr witzige Geschichte, die sich unentwegt über ihre Figuren amüsiert („in netter Form“ und ohne sie zu verraten).
Christoph Bantzer – seit 1985 festes Ensemblemitglied des Thalia Theaters und zwischenzeitlich ein Star desselben – weiß genau diese Aspekte zu würdigen und auszuspielen. Ganz besonders virtuos arbeitet er in seiner Lesung (NDR 1996) mit Variationen des Tempos.
Eine so schöne Gelegenheit, diesen Klassiker en passant kennenzulernen, kommt so bald nicht wieder.

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Ein Close-up schwarzer Pappe

betr.: Neues aus der Welt der KI

Seit gestern ist der einstündige Film „The Last Screenwriter“ gratis und in seiner englischen Originalfassung auf der gleichnamigen Website abrufbar. Er handelt von einem erfolgsverwöhnten Drehbuchautor, der von einer Schreibblockade heimgesucht und von einer KI aus dieser Misere gerettet wird.
Sein Regisseur Peter Luisi weist bescheiden darauf hin, ChatGPT 4.0 habe das Drehbuch angefertigt. Das Elektronengehirn musste jedoch Schritt für Schritt von Luisi angeleitet werden und hat nicht einmal ein wirklich verblüffendes Ergebnis zuwege gebracht. Jedenfalls nach der Meinung von Johann Thöming in der F.A.Z. – ich bin geneigt, seinem Urteil zu vertrauen.

Schon das Thema des Films kreist so penetrant um den Gegenstand des durchgeführten Versuchs, dass ich mich an einen alten Sketch von Otto Waalkes erinnern musste (immerhin einen sehr lustigen). Darin behauptet Otto, er könnte einen gewöhnlichen Fotoapparat zu einer Sofortbildkamera hochrüsten (die damals viel Geld kostete), indem er sie mit einem Schneckenbohrer durchlöchert und Entwicklerflüssigkeit hineinfüllt. Das Experiment glückt, und das entstandene Foto zeigt tatsächlich, was Otto geknipst hat – schlauerweise hat er ganz aus der Nähe ein Stück schwarzer Pappe fotografiert.

Weniger komisch, aber der aktuellen Meldung verdächtig ähnlich ist auch ein Fernsehfilm von 2003: „Die fremde Frau“. Der Hamburger Regisseur Matthias Glasner nennt im Abspann keinen Drehbuchautor, sondern bedankt sich beim Drehbuchentwicklungsprogramm „Step By Step“. Der Name verweist darauf, dass er dieses ähnlich sorgsam füttern musste wie Peter Luisi seine KI. Allerdings bewies Glasner etwas mehr Geschmack, denn sein Film handelt nicht von der eigenen Herstellung, sondern verarbeitet Alfred Hitchcocks Klassiker „Vertigo“, als dessen Hommage er präsentiert wird.

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Endlich wiedergesehen: „Die Verurteilten“

betr.: Wiederbegegnung mit einem alten Film

Zweimal lebenslänglich wegen Doppelmordes: Bankier Andy Dufresne (Tim Robbins) landet 1947 unschuldig hinter Gittern. Die Gewalt im Knast erträgt er mit stoischer Ruhe, was seinen coolen Mitsträfling Red (Morgan Freeman) schwer beeindruckt. Nachdem Andy sich als begabter Verfasser von Steuererklärungen beim Wachpersonal beliebt gemacht hat, nutzt Direktor Norton dessen Finanzwissen, um seine krummen Geschäfte abzuwickeln. Das bringt Andy weitere Freiheiten ein und ermöglicht es ihm, die Zuchthausbibliothek auf Vordermann zu bringen. Als Andy nach 19 Jahren seine Unschuld beweisen kann, torpediert der korrupte Norton seine Freilassung. Doch Andy hat ein letztes As im Ärmel: eine Fluchtstrategie, an der er all die Jahre emsig herumgeschabt hat …

Viele Filme, die uns zur Zeit ihrer Uraufführung in den 90er Jahren als verblüffend ausbalancierte Parabeln erschienen – als meisterlich leichte Dramen bzw. abgründige Komödien – wirken heute schrecklich betulich.* (Beim heutigen Wiedersehen meine ich den naiven Glauben vom „Ende der Geschichte“ darin zu spüren, der sich wenige Jahre später mit einem harten Windstoß verflüchtigen sollte.)
„Die Verurteilten“ gehört zu den Filmkunstwerken, bei denen es schmerzt, das feststellen zu müssen, denn es ist nach wie vor ein Film mit sympathischen Hauptfiguren, und er übermittelt eine Botschaft, derer wir gerade in unseren Tagen besonders bedürfen: alles wird gut werden, die Guten werden belohnt, die Bösen bestraft, und die Leidenden werden getröstet.
Der Gefängnisalltag wirkt so geordnet, dass die obligaten Scheußlichkeiten (Korruption, Vergewaltigung unter der Dusche, Folter …) sich vor diesem Hintergrund ausnehmen wie jene Ärgernisse, die auch in unserem zivilen Alltag letztlich nicht zu vermeiden sind. Spätestens nach einer Weile (und viel häufiger als zumindest in meinem Alltag) lassen sich alle diese Widrigkeiten irgendwie beilegen oder auflösen. Sogar das Klischee, mit ein wenig Mozart sei jeder Tag dein Freund, wird einmal mehr bedient …**

Das ist der Preis den der Film für das edle Ansinnen zahlt, ein Knastfilm und zugleich ein Feelgood-Movie zu sein. Zunächst ging diese Rechnung übrigens nicht auf. Als „Die Verurteilten“ 1994 in den US-Kinos anlief, war er ein Reinfall. Selbst mit sieben Oscar-Nominierungen spielte er kaum die Produktionskosten ein. (Fairerweise muss gesagt werden, dass Stephen Kings Buchvorlagen jenseits des Horrorgenres es im Kino häufig schwer hatten, besonders wenn sie so prätentiöse Titel hatten wie „Rita Hayworth And The Shawshank Redemption“.)
Erst als Verleihcassette hatte der Film ein Jahr später Erfolg. Er wurde zum meistgeliehenen Video des Jahres und brach Quotenrekorde im Fernsehen. Regisseur Frank Darabont hatte eine Erklärung dafür: „Es dauerte eine Weile bis die Leute realisierten, dass dies kein deprimierendes Gefängnis-Drama, sondern ein erbaulicher Film ist!“
„The Shawshank Redemption“ hat in Umfragen nach dem „besten Film aller Zeiten“ (wie im britischen „Empire“-Magazin oder in der „Internet Movie Database“) seither ein trockenes Plätzchen. Dass er noch immer so beliebt ist, liegt daran, dass viele Fans ihre Zuneigung nach alten Lieblingsfilmen selten nachprüfen.
Es gibt noch einen Kritikpunkt, der auf den ersten Blick kleinlicher erscheint als er ist: die beiden befreundeten Knastbrüder Andy und Red altern nicht. Da die Maske nichts tut, um den Lauf der Zeit kenntlich zu machen, teilen sich dem Betrachter auch die knapp 20 Jahre Lebenszeit nicht mit, die dem Helden zu unrecht geraubt werden. Die Tragödie gerät zu einem etwas längeren Spaziergang.
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* Siehe z.B. auch https://blog.montyarnold.com/2021/06/15/besser-gehts-nicht/
** Die Metapher ist nicht kaputtzukriegen. Siehe auch https://blog.montyarnold.com/2022/09/27/21480/

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Krimihase in Seenot

betr.: neue Hörbücher in der ARD Audiothek

Ab morgen stehen zwei neue Lesungen in der ARD Audiothek vollständig bereit. Es sind zwei Klassiker sowohl der Literatur wie auch des Archivs.

hr2-kultur spendiert uns „Lord Jim“ von Joseph Conrad, dessen 100. Todestag zurzeit von uns verschlafen wird, weil wir alle mit Franz Kafka beschäftigt sind. In 46 etwa 20minütigen Folgen liefert der Schauspieler Hans Dieter Zeidler eine makellose Performance. Er war auch als deutsche Stimme von Sidney Poitier, Yul Brunner, Peter Ustinov und Orson Welles tätig.
Wem die See zu rau und Conrads Seefahrergeschichte zu lang ist, der kann sich mit Raymond Chandlers erstem Marlowe-Thriller vergnügen. 1974 las Heinz Baumann für den Süddeutschen Rundfunk (heute im SWR aufgegangen) „Der große Schlaf“. Die acht Teile dauern zwischen einer Dreiviertelstunde und einer Stunde. Heinz Baumann war ein echter Krimihase. Wir kennen ihn als stoffeligen Dienstmann aus „SOKO 5113“ (wo er so beliebt war, dass er sogar ein eigenes Spin-off bekam) und aus „Adelheid und ihre Mörder“. Zweimal war er ein wirklich beachtlicher Gegenspieler für den WDR-Tatort-Kommissar Haferkamp (Hansjörg Felmy).
Baumann gerät bei dieser Lesung, deren Produktion auf der schon damals gefährlichen Annahme aufbaute, dass alle Schauspieler auch Vorleser sind, an seine Grenzen. Er muffelt sich mit der gleichen Attitüde, die auf dem Bildschirm so anziehend wirkte, durch diesen Text, den er damit völlig ruiniert. Sein Tempo wirkt so getrieben, dass man der ganzen Freudlosigkeit innewird, die er am Mikrofon erlitten haben muss. Darüber verpasst man glatt den eigentlichen Kriminalfall.

LORD JIM
von Joseph Conrad
gelesen von Hans Dieter Zeidler – hr 1971

1. Ein Hafen, ein Held, ein Schiff, das Meer. Los geht’s mit diesem aufregenden Abenteuerroman – auf die unberechenbare See und auf Handelsrouten, auf denen die Kolonialmächte nicht nur Waren, sondern auch Menschen wie Waren transportierten. – 20 min.

2. Jim ist noch kein „Lord“. Der junge Seemann hat es in zwei Jahren zwar zum 1.Offizier gebracht, doch er muss auch viel Warten: auf die nächste Schiffspassage, den nächsten Job. Gerade hängt er auf einer Krankenstation in Singapur fest. – 23 min.

3. Ein Frachtschiff nimmt Kurs auf das Rote Meer. Jim hat als 1. Offizier auf der maroden „Patna“ angeheuert, der Kapitän ist ein feister Deutscher. An Bord sind 1000 Pilgernde auf dem Weg nach Mekka. Noch gleitet die Patna über ruhige See. – 23 min.

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Zeitraffer eingebaut

betr.: „X-Men ’97“ auf Disney+

Ich  staune immer wieder, was man im Netz alles nicht findet. Selbst in der Abteilung „der heiße Scheiß“ muss man Abstriche machen. Zu der im März auf Disney+ gestarteten Trickserie „X-Men ‘97“ glaubte ich, mühelos die Inhaltsangaben der ersten Staffel zu finden (wie gewohnt gefertigt von den fleißigen Fans: ausführlich, wenn auch in schlechtem Deutsch). Pustekuchen. Es finden sich wenige Sätze zu den allerersten Episoden, danach nur Satzhülsen von der Sorte „Die X-Men müssen sich zusammenschließen, um einer neuen Bedrohung zu begegnen.“ (Übersetzungen aus der amerikanischen Marvel-Wiki, wo’s genauso trostlos aussieht).
Da die Comicheft-Serien um die „seltsamsten Superhelden der Welt“ (wie sie vor 50 Jahren in der deutschen Übersetzung genannt wurden) so zahlreich und vielgestaltig sind wie die Protagonisten selbst, hätte ich mich gern ein wenig orientiert, ehe ich einen Blick auf die Serie werfe.
Es war dann aber alles recht zugänglich (barrierefrei, wie man heute sagen würde).

Die Macher wählten sich einen geeigneten Punkt in der Marvel-Historie für die neue TV-Adaption. Und das Look-and-feel, um neben dem jungen Publikum von heute auch die Fans bestmöglich einzubinden, die vor knapp 30 Jahren die ersten bewegten Bilder der X-Men verfolgt haben: „X-Men: The Animated Series“ (1992-97, deutsch als „X-Men“). Die F.A.Z. dazu im Rückblick: „Die ‚X-Men‘ sind zugleich Beschützer der Menschheit und Ausgestoßene, weil die Gesellschaft sie fürchtet. Die Figuren wurden zur Chiffre für alle möglichen Randgruppen. Aber auch in anderer Hinsicht war die Serie bemerkenswert: Sie war ungewöhnlich komplex und besaß eine fortlaufende Erzählstruktur.“

Flammneu, aber ein vertrauter Anbick: die „X-Men ‘97“ Jubilee, Morph, Wolverine, Storm, Cyclops, Rogue, Jean Grey, Gambit, Bishop und Beast auf Disney+. – Bild: Marvel Animation

Die Handlung der neuen Serie setzt da an, wo es damals endete: Ein Jahr nach dem Tod von Prof. Xavier sind die jungen Superhelden noch immer erschüttert und gewöhnen sich nur mühsam daran, nunmehr von Cyclops angeführt zu werden. Doch dieser wird bald Vater werden und bespricht mit seiner Frau Jean Grey, den Rückzug aus dem Team anzukündigen.
Als bei den „Freunden der Menschheit“, einer Gruppe von Mutantenjägern (eine hochgerüstete Fascho-Armee, bei der wir sogleich an die „Proud Boys“ und ähnliche Vereine denken müssen) Waffen entdeckt werden, die mit der Sentinel-Technik des verschollenen Verbrechers Bolivar Trusk funktionieren, sind die X-Men wie auch Dr. Cooper von der UNO in großer Sorge.
Nun taucht auch noch der Superbösewicht Magneto in der Villa auf und präsentiert ein Testament, in dem ihn Prof. Xavier zu seinem Nachfolger bestimmt hat: zum neuen Hausherrn und Anführer der Gruppe. Begreiflicherweise misstrauen ihm die X-Men – und zweifeln der Richtigkeit dieser Entscheidung ihres toten Mentors.
Als die UNO über Magneto zu Gericht sitzen will, lässt er sich festnehmen und ein Neutralisierungs-Halsband anlegen, um seine Integrität zu beweisen. Die „Freunde der Menschheit“ unter der Führung des wahnhaften X-Cutioner überfallen das UNO-Gebäude, um den wehrlosen Mutanten zu töten. Doch Magneto kann mithilfe der X-Men sich und seine Richter retten. Er wird freigesprochen und sogar in der Xavier-Villa auf seinem Platz akzeptiert.
Nachts klopft eine Doppelgängerin von Jean an die Pforte des Hauses und erbittet die Hilfe der X-Men …
Dieser Cliffhanger beschließt die zweite Folge.

„X-Men ‘97“ ist ein interessantes formales Experiment. Stilistisch orientiert man sich am etwas statischen Design der damaligen Cartoon-Ära (ich musste immerzu an „He-Man“ denken …), ohne die heutige Eleganz vermissen zu lassen. Das hat drei große Vorteile: „X-Men ’97“ hebt sich von den anderen Serien des Streaming-Angebots mühelos ab, das Team sieht wieder so aus wie zu jener Zeit, als die gedruckten Comics den größten Erfolg hatten und – das Wichtigste! – die Erzählung spielt zu einer Zeit, als wir noch nicht von Handys und anderen Alltagscomputern genervt wurden. Alle Rechner, die hier laufen, sind Profi-Geräte aus der Unterwelt bzw. aus dem Superhelden-Arsenal. Die Monitore sind noch größer als unsere zu Hause.
Wer zuletzt eine Live-Action-Serie gesehen hat, wird einen kurzen Moment brauchen, um sich wieder zu erinnern: in klassischen Action-Cartoons wurde ein enormes Erzähltempo vorgelegt. Schlachten, die im Kino oder auf Netflix bis zu einer halbe Stunde dauern, gehen hier ruck-zuck über die Bühne und passen nebst allem Übrigen in eine Episode der nämlichen Länge. Das ist auch diesmal wieder so. Wer das Böse also gern zwischendurch auf’s Kreuz legt, der kann Cyclops‘ Ruf im Titel der ersten Episode folgen: „Zu mir, meine X-Men“!

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Let our affair be a gay thing (4)

betr.: Das Musical als schwule Kunstform für alle

Fortsetzung vom 29.6.2024

Mein Fazit: Homosexualität war beim Musical-Nachwuchs erfreulicherweise gar kein Thema mehr (zumindest kein abendfüllendes), und folglich hat auch die Begegnung mit einer selbstironischen Subkultur nicht mehr stattgefunden, die in den 80er Jahren ihre Blütezeit erlebte und danach langsam versickerte. (Von ihren Vertretern sind einige noch aktiv, etwa der Berliner Ades Zabel oder die noch gelegentlich konzertierende Diseuse Georgette Dee. Tim Fischer zählt bereits zur folgenden Generation.)*
Das ist gesellschaftspolitisch ein gutes Zeichen, verweist aber auch auf das historische / fachliche Desinteresse, das ich so häufig in unseren Musical-Ensembles angetroffen habe. Anders als in der Oper oder im Konzertbetrieb existiert dort so gut wie kein Archivbewusstsein.

Leider wird der Diskurs über sexuelle Identitäten mit der gleichen Verbissenheit geführt wie alle übrigen gesellschaftlichen Debatten. „Woke“ ist inzwischen ein Kampfbegriff, und das Niveau der Auseinandersetzung ist geeignet, die mühsam errungene Toleranz wieder zu zerstören.
In der kulturellen Werkstatt ist ein Wettbewerb darüber ausgebrochen, wer den triftigsten Grund haben könnte, beleidigt zu sein oder sich angegriffen zu fühlen. Als Reaktion darauf wird sich vor jedem Witz gefürchtet, der eine unschöne Diskussion (eine schlechte Presse, einen Shitstorm …) auslösen könnte. Leider ist Provokation das Wesen des Witzes.
Vor hundert Jahren wäre ein Porter, ein Coward, ein Hart um die Ecke gekommen und hätte die Misere im Kleinen, wohlverborgen und nebenbei überdeutlich, zu demontieren begonnen. Aber ach – die Zeiten sind nicht danach. 
Es sind vor allem Verantwortliche, keine kreativen Köpfe, die entscheiden, was sagbar ist und was nicht.
Nick-Martin Sternitzke: „Darüber wird heiß diskutiert, nicht nur im Musical-Business. Auch Streamingdienste stellen Richtlinien auf, wollen sichtbar machen, was Strukturen zu lange verhindert haben – vertrauen aber wenig auf das Abstraktionsvermögen des Publikums. Die Wirklichkeit treibt der Kunst die Fantasie aus.“

Inzwischen hat sich das Spektrum der Gender-Spielarten weiter aufgefächert, und Worte wie „schwul“ oder „homosexuell“ würden mir im Unterricht heute vermutlich als verkürzend und ausgrenzend um die Ohren gehauen.
Es war ein junger Hetero-Kollege, der mir sagte, er wundere sich über den Wandel der Sprachregelung innerhalb der „Community“. Früher hätten sich Schwule und Lesben als „gay“ bezeichnet (ursprgl.: 1. lustig, vergnügt, fröhlich; 2. lebenslustig; 3. farbenfroh …), heute würden sie sich „queer“ nennen (= ungewöhnlich, sonderbar, eigenartig, verdächtig, unwohl …). Das verstünde er nicht.
Ich konnte es ihm auch nicht erklären.

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* Siehe dazu auch die Einträge zu Effi Effinghausen, z.B. die hier beginnende kurze Serie zu seinem posthumen 70. Geburtstag, die Hamburgs schwule Subkultur insgesamt in den Blick nimmt: https://blog.montyarnold.com/2022/05/20/20705/

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Kabelfernsehen (näher) am Ende

betr.: Der Besitz der Fernbedienung verleiht keine Macht mehr

Mit dem heutigen Tag laufen für Millionen deutscher Haushalte die Kabel-TV-Verträge aus, da Vermieter und Hausverwaltungen die Kosten für den Anschluss nicht mehr über die Betriebskostenabrechnung einziehen dürfen. Nur die Wenigsten werden die in den letzten Monaten geschalteten Werbebotschaften beachtet und sich um ein persönliches Abo gekümmert haben. Viele kerngesunde Fernsehgeräte bleiben nun schwarz. Da sich die Mühe, die Neu-Anmeldung jetzt nachzuholen, nur jene machen werden, die überhaupt noch lineares Fernsehen nutzen, trifft es vor allem ältere Leute, denen solche Schikanen zudem besonders unangenehm sind. Der größte Teil jener, die technisch noch auf Empfang waren, wird den Wegfall gar nicht bemerken bzw. ihn einfach geschehen lassen. Daher ist diese Umstellung eine weitere Wegmarke unserer Mediengeschichte, mehr noch: in der Sittengeschichte der Bundesrepublik.Wie Kathrin Hollmer in der SZ-Wochenendausgabe feststellte, lässt sich das daran anschaulich machen, dass mit dem Kabel-Empfang auch das Zappen aufhört. Der ruhelose Kanalwechsel vom Sofa aus war seit gut 40 Jahren – seit dem Siegeszug der Privatsender – eine beinahe sinnstiftende Marotte und ein Ausdruck familiärer Machtstrukturen. Im Streaming hat er sich erledigt. Dort haben die zu mehreren Fernsehenden zwar das gleiche Problem (sich entscheiden und einigen zu müssen, was laufen soll), doch nun herrscht die zeitgemäße Variante des Konflikts vor. Hollmer: „Man diskutiert 48 Minuten mit dem Partner, welche der 19 Serien auf der Netflix-Liste man schauen soll, guckt sieben Trailer und bricht dann die erste Serie nach elf Minuten ab weil sie doch nicht performt. Was für eine Enttäuschung. Was für ein Druck!“

Zapping als Thema: der Autor 1993 am Set der ProSieben-„Comedy Factory“ in der Rubrik „Monty TV“ (interne Bezeichnung auf der Dispo), die vom Finale meines Soloprogramms „Madame wünscht kein Aufsehen“ abgeleitet war und einem viel berühmteren Kollegen aus Niederbayern sein erstes weithin beachtetes Soloprogramm einflüsterte.

Ich nutze noch immer die Fernsehzeitung, da ich einige ganz wenige Dinge auf keinen Fall verpassen will (und die finde ich dort leichter als in den überbordenden Mediatheken). Das ist etwas verschroben, hat mich aber schon lange vom Zappen entwöhnt. Dennoch befällt mich leichte nostalgische Wehmut, wenn der Artikel die Nebeneffekte, die psychologischen Hintergründe, die Vor- und Nachteile aufzählt, die dem Phänomen anhafteten.

Beim Zapping geht es nicht darum, etwas von Anfang bis Ende anzuschauen. Von kurzen und beliebigen Ausschnitten kann man sich besser berieseln lassen. Manchmal (meistens?) ist es genau das, was wir gerade brauchen: Hirn aus! „Wenn man krank auf der Couch fläzt und keine mentalen Kapazitäten hat, nicht einmal für den simpelsten Plot. Wenn man allein im Hotelbett liegt, die mit dem Partner begonnene Serie aber nicht ohne ihn weiterschauen will (weniger aus Prinzip, sondern weil es im geteilten Account sofort auffällt – ‚Guckt du ohne mich?!?‘). Wenn man sich gerade auf keine neue Serie einlassen will, aber auch keine Lust hat auf den dritten Rewatch von ‚Parks And Recreation‘ innerhalb weniger Monate. Oder wenn man nach dem Tanzen runterkommen will.“

Es verpufft auch ein Vorwurf, der dem linearen Fernsehen rückblickend oft gemacht wird: es sei zu kuratiert, zu vorsortiert, zu bevormundend gewesen. Das Gegenteil ist richtig: es ist der Algorithmus, der uns heute fremdbestimmt – in Kombination mit unserer eigenen Watchlist, die uns Überraschungsfrei um uns selber kreisen lässt. Es ist der heutige Medienkonsum, der dauerkuratiert ist. Man wird nicht mehr auf Sachen stoßen, die man noch nicht kennt, muss sich auf nichts mehr einlassen.
So treibt alles noch ein Stück weiter voneinander weg. „Im echten Leben liegen Arte und Teleshopping viel weiter auseinander. Auf dem Fernseher trennt sie nur ein Zapp.“ Theoretisch …

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Endlich wiedergesehen: „Diva“

„Diva“ ist ein Kultfilm, was ich anerkenne, aber noch nie nachvollziehen konnte.* Ich wollte der Sache auf den Grund gehen, sah ihn erneut, und wieder ging er so vollständig an mir vorbei wie eine Schwangerschaftsgymnastik.

Der Postbote und Opernliebhaber Jules nimmt im Auditorium heimlich das Konzert einer gefeierten Opernsängerin auf, die dafür bekannt ist, Aufnahmen ihres Gesangs kategorisch abzulehnen. Bald weckt der rare Mitschnitt die Begehrlichkeiten mysteriöser Plattenbosse, die ihn an sich bringen und als Raubkopie herausbringen wollen. Parallel dazu wird noch nach einer anderen Aufnahme gefahndet: nach dem belastenden Tonprotokoll einer Prostituierten. Ehe sie von Killern zur Strecke gebracht wird, schmuggelt sie die Cassette in Jules’ Postbotentasche. Der Ahnungslose wird bald von Gangstern, Musikpiraten und der Polizei durch Paris gejagt. (Dieses Paris ist nicht die mehr der vertraute romantische Schauplatz, sondern fängt den kalten, androgynen Look der beginnenden 80er bereits vollständig ein.)
Die Plattensammlerin Alba – wie Jules mit kleptomanischen Neigungen behaftet – und der geheimnisvolle Zen-Jünger Gorodish helfen ihm. Und das ist gut so, denn der bindungslose, kunstsinnige junge Mann ist auf so viel Action und menschliche Verkommenheit in keinster Weise vorbereitet …

Auf dem Weg durch dieses Abenteuer wird dem Betrachter Allerhand zugemutet. Da sind die albernen Kinderkrimi-Dialoge, die ganze Kinderkrimi-Logik der Geschichte, die theatralischen Posen der Guten wie auch der Bösen, ihre unbewohnbaren Behausungen, die schlichte Absurdität des ganzen Plots, die damit beginnt, dass jeder andere ebenso leicht einen unerlaubten Konzertmitschnitt machen könnte wie es der Hobby-Tonbandfreund Jules getan hat (ganz abgesehen davon, dass nicht das Bandgerät für die Qualität der Aufnahme entscheidend ist, sondern die Mikrofonierung), und die mit der Leichtigkeit endet, mit der sich die augenrollenden Bösewichter-Karikaturen besiegen lassen, sobald die Spieldauer des Films abläuft. Die wichtigste Bezugsperson der Diva ist ein verschüchterter Knabe, der in seiner Briefträger-Uniform wie verkleidet aussieht und der bemerkenswert viel Zeit hat, in der er keine Briefe tragen muss. Dass hier eine glaubhafte Titelheldin mit einer gut ausgesuchten Arie antritt, stellt das restliche Figuren- und Darstellerensemble in seiner Unbedarftheit erst richtig bloß.
Die Macken, die den Debütfilm von Jean-Jacques Beineix auszeichnen, sind auch seinen Fans gewiss nicht entgangen. Wenn ein derart kruder Film so heiß geliebt wird, liegt das an einem Zauber, der jenseits solcher Kritik steht und der aus einer Sache mehr macht als die Summe ihrer Einzelteile.
Für den Ruhm von „Diva“ aber war der Zeitpunkt viel wichtiger: sein Erscheinen am Beginn der 80er Jahre. Denn das Publikum, das mit seiner Begeisterung den Kult begründete, fand sich zu einem Großteil in der europäischen schwul-lesbischen Subkultur zusammen, die wenige Jahre vor dem Siegeszug der Filme von Merchant Ivory Productions aus England („Zimmer mit Aussicht“, „Maurice“) und dem großen Durchbruch des spanischen Underground-Filmers Pedro Almodovár („Das Gesetz der Begierde“, „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“) nichts Geeigneteres fand. Ab Mitte der 80er wurde Homosexualität nicht nur ganz offen im Film verhandelt, es verfeinerten sich auch die erzählerischen Mittel und Wege, sie lediglich anzudeuten (etwa in „Der Trost von Fremden“ mit dem offen schwulen Schauspieler Rupert Everett, der hier einen allerseits angeschmachteten Hetero spielt). Bald gab es so etwas sogar im Mainstream, und schwule Charaktere wurden gar oscarwürdig.
Im Jahre 1981 musste sich die Szene noch ein letztes Mal mit den losen Versatzstücken dieses heraufdämmernden Konzeptes zufriedengeben: mit der Grandiosität der „Diva“, einer weiblichen Kunstfigur, die auch in den privaten Szenen etwas Unerreichbar-Mondänes hat; mit der romantischen, aber asexuellen Zuneigung eines netten Jungen, der bis an den Rand der Lebensuntüchtigkeit verträumt und unreif gezeichnet ist; mit einer feindlichen Außenwelt, deren Repräsentanten (Killer, korrupte Bullen, geheimnisvolle Orientalen) so grotesk überzeichnet sind, dass man sich beim Verlassen des Kinos damit trösten kann: es ist ja nur ein Film.
Wäre „Diva“ nur fünf Jahre später herausgekommen, wäre er völlig unbemerkt geblieben. Er wäre für seine Zielgruppe schlicht überflüssig gewesen. Ohne die Kühnheit seiner Nachfolger vorwegzunehmen, kam er doch zur rechten Zeit und spendete Trost. Das kann ihm niemand mehr nehmen.
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* „Diva“ ist die Nr. 12 der „Wuppertaler Liste“ der 42 wirklichen Kultfilme. Siehe https://blog.montyarnold.com/2024/05/15/25283/

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Let our affair be a gay thing (3)

betr.: Das Musical als schwule Kunstform für alle

Fortsetzung vom 27. Juni 2024

Ab 2003 hatte ich die Freude, an der Joop Van Den Ende Academy, einer luxuriösen Musical-Ausbildungsstätte in der Hamburger Speicherstadt, als Geschichtslehrer zu arbeiten. Die JVDEA war (wie auch die anderen Hamburger Musical-Schulen, an denen ich tätig war) ein gesellschaftspolitisch paradiesischer Ort. Obschon die meisten der männlichen Eleven schwul waren (logisch), wurde auch jede andere Ausrichtung als Normalfall betrachtet. Unter den Dozentinnen und Dozenten herrschte eine ähnliche Statistik und Aufgeschlossenheit.
Und da ich es wichtig finde, die eigene künstlerische Arbeit mit dem gesellschaftlichen Umfeld (also dem Publikum) in Bezug zu setzen, konzipierte ich einem Unterrichtsschwerpunkt zum Thema „Homosexualität und Musical“. Ich rechnete – ähnlich wie meine politisch bewegten Freunde aus Saarbrücken – mit verständigen und lächelnden Mienen, hinter denen der sprichwörtliche Groschen fällt. Da ich bei der Ankündigung das Genre etwas knallig als eine im Kern schwule Kunstform bezeichnete, gab mir meine Klasse das Gefühl, einen frechen Witz gemacht zu haben. Also eröffnete ich die folgende Stunde mit einer kleinen Montage von anschaulichen Filmausschnitten. Es waren Beispiele aus neueren Hollywoodfilmen, in denen das Interesse an Musicalthemen in der schwulen Community verortet wurde, z.B. die Szene aus „Kiss Me Guido“, in der zwei frischgebackene Mitbewohner (ein schwuler Junge und ein Hetero) „The Sound Of Music“ im Fernsehen anschauen, darüber sprechen und den Film „Pretty Woman“ mit Julia Roberts als „eher was für Heteros“ entlarven. Oder eine Sequenz aus „Teuflisch“: Brendan Fraser schließt einen Pakt mit dem Teufel und verwandelt sich in mehrere ganz unterschiedliche Varianten seiner selbst. Als er plötzlich über enzyklopädisches Musical-Fachwissen verfügt, wird ihm klar, dass er schwul ist …
Danach zeigte ich meinen Studenten die üblichen zwischen den Zeilen gay konnotierten Song-Klassiker (beginnend mit „Secret Love“ aus „Calamity Jane“). Ich schilderte tragische schwule Showbusiness-Schicksale (Rex Gildo) oder groteske (Liberace), wies auf die Legion homo- und bisexueller Autoren hin (Porter, Sondheim, Herman, Weill, Bernstein, Noel Coward, Lorenz Hart, Arthur Laurents …). Ich bemühte mich, das Phänomen „Camp“ zu erklären, jene auch für das Hetero-Publikum so beglückende Substanz, die das für jüdische und schwule Künstler überlebensnotwendige Talent zur Selbstironie dem europäischen Konzept der Operette am Broadway hinzugefügt hat und die für das amerikanische Musiktheater ebenso unverzichtbar werden sollte wie die jazzigen Synkopen.
Ich führte den Anfang von „Torch Song Trilogy“ vor (Harvey Fiersteins erhellenden Prolog und die Nummer „Dames“), spielte verkleidete Pride-Songs und hintergründige Soliloquies, führte Shows ins Feld, die nicht so hetero sind wie sie tun u.v.a.m.

Mein Auditorium blieb höflich – und unberaten. Und etwas irritiert. Meine Ausführungen wurden wohl als ein Versuch gelesen, eine persönliche Marotte historisch aufzumotzen (Schauspieldozenten machen sowas ja auch). Als ich das begriff, ließ ich das Thema nach der zweiten Stunde ruhen. Ich habe immer mal wieder darauf hingewiesen, wenn mir homosexuelle Untertöne in den behandelten Werken auffielen, unterließ aber auch das, nachdem mir mein Direktor (ohne Nachdruck und ein wenig achselzuckend) nebenbei erzählte, es sei sich über meinen Homo-Fetisch leise beklagt worden.

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