Wie sublim ist Subliminal Advertising?

Subliminal Advertising = unterschweillige (Werbe)botschaft.

In der „Columbo“-Episode „Ein gründlich motivierter Tod“ („Double Exposure“) wird dieser einst heiß diskutierte medienpsychologische Effekt als Modus operandi vorgeführt: der Mörder schneidet in einen Film ein Einzelbild hinein, das der Betrachter gar nicht bewusst wahrnimmt, das dessen Unterbewusstsein jedoch manipuliert und ihn in eine tödliche Falle laufen lässt. (Leider erklärt der eitle Kerl dem Inspektor diesen Trick und wird schließlich auf die selbe Weise dazu verleitet, sich überführen zu lassen.)
Um die Zeit der Erstausstrahlung des Krimis (Ende 1973) wurde diese Methode heiß diskutiert. Tests ergaben, dass man auf diese Weise Werbebotschaften in Filme und TV-Übertragungen hineinschummeln könnte, die von keiner prüfenden Instanz entdeckt und beanstandet würden und die dennoch das Publikum dazu verleiteten, einen plötzlichen Heißhunger auf Fast Food zu entwickeln.

Die Wikipedia erklärt, dass diese Form der unterschwelligen Werbung (engl. „hidden persuader“), die aufgrund der Kürze ihrer Botschaften auch bei angespannter Aufmerksamkeit nicht bemerkt werden kann, mittels Tachistoskop eingeblendet werden muss (was auch immer das sein mag). In der Tat mogelt der „Columbo“-Film bei seiner Darstellung der Tat, wie sich auf den heutigen Abspielgeräten mühelos nachweisen lässt (das damalige TV-Publikum hatte diese Möglichkeit nicht).

In „By Sidney Lumet“* deutet der berühmte Regisseur an, die „Kreativen“ mit seinem Drama „The Pawnbroker“ (1965) auf diese Idee gebracht zu haben.
Der Film handelt von einem schwer traumatisierten Holocaust-Überlebenden in Amerika. Eine Fahrt in der schmuddeligen New Yorker U-Bahn lässt ihn an den Transport nach Auschwitz denken. Die Erinnerung sucht in besonders übel heim, weil er sich so sehr bemüht, sie zu unterdrücken. Lumet unterschneidet den Blick auf die Fahrgäste immer wieder schlaglichtartig mit solchen Waggonszenen. Diese Schnipsel sind lang genug, um von uns wahrgenommen zu werden, aber so kurz, dass sie (als Unterbrechung der laufenden Bilder) irritierend wirken und – jenseits ihrer verstörenden Botschaft – unseren Widerwillen erregen.

Die Wirksamkeit unterschwelliger Botschaften wurde immer wieder in Frage gestellt, zumal die Wahrnehmungsschwelle nicht bei allen Menschen gleich ist. Ein Argument, das für sie spricht, ist seinerseits unumstritten: am besten funktioniert Werbung, die gar nicht erst als solche erkannt wird. Das gilt auch und ganz besonders für politische Propaganda.
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* Diese großartige Dokumentation von Nancy Buirski ist zur Zeit in der arte-Mediathek abrufbar, ohne im linearen Programm aufgetaucht zu sein. Sie setzt einiges an Vorwissen voraus, aber das sollte für einen Kulturkanal (der einzige in deutscher Sprache zurzeit) doch kein Grund sein, sie nicht auszustrahlen (zumal sie auch für Quereinsteiger ein Gewinn ist!).

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Let our affair be a gay thing (2)

betr.: Das Musical als schwule Kunstform für alle

Fortsetzung vom 25. Juni 2024

Der Komponist / Texter Jerry Herman (1931-2019) zählt gerade noch zu den Vertretern dieser ersten Blütezeit (obwohl der frühere seiner Welterfolge bereits in die Zeit des Niedergangs fällt, in die 60er Jahre, als das Musical seinen Stellenwert als Lieferant der wichtigsten Popsongs einbüßte).
Als Herman 1983 mit „La Cage Aux Folles“ herauskam, brach gerade eine neue Ära an: das Musical startete durch die gemeinsamen Erfolge des „Komponisten“ Andrew Lloyd Webber und seines Produzenten Cameron Mackintosh in seinen zweiten Frühling (wenn auch unter derartig veränderten Vorzeichen, dass ich die Findung eines neuen Genrebegriffs begrüßen würde*).
„La Cage Aux Folles“ ist noch ein Musical alten Stils (also der Prä-Webber-Epoche), leistet sich aber eine ins Heutige weisende Besonderheit: die Hauptfiguren (fast alle!) sind offen homosexuell. Zwar thematisiert das Libretto durchaus die bestehenden gesellschaftlichen Vorurteile und Vorbehalte – alles andere wäre auch lächerlich gewesen, selbst in der Traumwelt des Musicals. Doch dem Publikum wird sich so schamlos und selbstverständlich hingehalten, dass der Hit der Show „I Am What I Am“ schlagartig zum Signature-Song beinahe sämtlicher Travestie-Künstler wurde und der Schwulenbewegung als Hymne wie gerufen kam. Die 1985 uraufgeführte deutsche Fassung von „La Cage Aux Folles“ überholte Hermans 20 Jahre alten Klassiker „Hello Dolly!“ rasch an Beliebtheit, was (für Jerry Hermans Verhältnisse) keineswegs an der Qualität des musikalischen Materials lag. Das Werk war so etwas wie ein Zeitstück. Es war zur rechten Zeit gekommen, um der noch versteckt lebenden schwulen Community (die zudem gerade politisch wie gesundheitlich unter den Verwerfungen der AIDS-Krise schmachtete) ein Volksstück zu sein. Gleichzeitig war die Show schmissig, amüsant und harmlos genug, um auch dem bürgerlichen Lager zu gefallen. „La Cage Aux Folles“ überließ es den Zusehern, ob sie mit den schrillen Homos auf der Bühne lachen wollten oder über sie. Insoweit knüpfte es an den oben geschilderten subtextuellen Charakter nicht-heterosexueller Show-Inhalte durchaus an.
Die Schwulenbewegung hat diesen Aspekt zunächst begreiflicherweise übersehen bzw. missverstanden.

Ich erlebte den Erfolg von „La Cage Aux Folles“ 1986 in Saarbrücken, einer wenig besuchten deutschen Hauptstadt, die Mitte der 80er Jahre über eine erstaunliche Vielzahl von Schwulen- und Künstlerkneipen verfügte. Die örtliche Schwulengruppe kam auf die Idee, sich nach der Vorstellung vor der Alten Feuerwache (dem „kleinen Haus“ des Saarländischen Staatstheaters) zu postieren und dem „Cage“-Publikum mit lustigen Hüten und informativen Flugblättern einen Denkanstoß zu geben, nach dem Motto: Da Sie ja offensichtlich Schwule mögen, schaun’ Sie doch mal her: es gibt uns wirklich und ganz in Ihrer Nähe …
In einer konservativeren Gegend hätte es vielleicht sogar Ärger gegeben, in Saarbrücken ernteten die Aktivisten nur unverbindliche Ratlosigkeit, und die Aktion versandte.
Dass nicht jeder, der Schwule auf der Bühne lustig findet, sie auch persönlich schätzt, gilt bis heute, wenn sich das gesellschaftliche Klima unterdessen auch zeitweilig gebessert hat.
Ich hatte den mageren Effekt der Info-Aktion vorausgesehen (und wohlweislich die Klappe gehalten, um nicht als Miesmacher dazustehen). Doch auch ich sollte mich gründlich vertun. Nicht in bezug auf das Publikum, sondern hinsichtlich der Darsteller.
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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2024/06/18/25528/

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Sein nettester Psychopath

betr.: 120. Geburtstag von Peter Lorre

Kürzlich habe ich den fabelhaften Peter Lorre wiedergesehen: im Kultfilm und Komödienklassiker „Arsen und Spitzenhäubchen“. Dabei erwies sich das Monster-Duo, das im zweiten Akt durchs Fenster einsteigt, als schauspielerisches Epizentrum des Ensembles: der versoffene plastische Chirurg Dr. Einstein und sein letzter Fehlschlag, der zum Frankenstein-Monster umoperierte Sohn des Hauses, in dem die Geschichte spielt, ein flüchtiger Mörder namens Jonathan Brewster. So beeindruckend der Charakterschauspieler Raymond Massey als Mörder auch ist (der seine Figur so vollkommen ernst anlegt, dass es eine Freude ist), Lorre stiehlt einfach allen die Schau.

Die DVD bot zwei Synchronfassungen, und ich nutzte die Gelegenheit, mir endlich die ältere anzusehen, die ich aus Kino und Fernsehen nicht kannte. Nach einer Weile begann ich zu ahnen, warum nur fünf Jahre nach der ersten (1957) gleich eine zweite Übersetzung hergestellt worden war: die deutschen Stimmen leisten sich winzige Albernheiten, die den klinischen Wahnsinn in dieser Familie um die entscheidende Haaresbreite zu weit treiben. Außerdem vermisste ich die herrliche Zweit-Besetzung des erwähnten Duos: der lauernde, gefährliche, in seiner perfekt dosierten Humorlosigkeit schon fast rührende Ton von Friedrich Joloff aus dem Munde von Massey, Horst Gentzen (Stammsprecher von Jerry Lewis) auf Peter Lorre, den er auch in der „Mr. Moto“-Reihe betreute.
Bei der nächsten Sichtung ist erstmal das Original dran, aber danach freue ich mich auf ein Wiederhören mit der 62er-Fassung. Die leistet sich noch einen simplen, aber wirkungsvollen Gag, der in der früheren deutschen Fassung fehlt: der gemeingefährliche Jonathan siezt den Kurpfuscher, der ihn so verunstaltet hat, und spricht ihn brav mit „Doktor“ an, während er von Lorre ständig geduzt wird.

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Let our affair be a gay thing (1)

betr.: Das Musical als schwule Kunstform für alle

Unter ihrer unverändert buntschillernden Oberfläche hat sich die Gattung Musical in den etwa 40 Jahren seit ihrer Wiederauferstehung als volkstümliche Kunstform tiefgreifend gewandelt.
Der Kulturjournalist Nick-Martin Sternitzke, der sich im SWR regelmäßig mit dem Genre beschäftigt, lieferte in seinem Feature „Something Wonderful“ über die Broadway-Klassiker Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II kürzlich ein gesellschaftspolitisches Update.
Aufhänger war ein Song, der sich in den letzten Jahren zum populärsten Titel des klassischen Broadway-Teams Rodgers & Hammerstein gemausert hat. „You’ll Never Walk Alone“ erklang ursprünglich im Finale des Musikdramas „Carousel“ (1945) und hat viel später mehrfach Karriere gemacht, zunächst im Fußballstadion. Sternitzke: „Ausgerechnet die Hymne der heterosexuellen Fußball-Sphäre sollte zum akustischen Signet weltweiter Anti-AIDS-Kampagnen werden und gemeinschaftsstiftend für queere Menschen.“ Das Rad der kulturellen Wechselwirkungen drehte sich noch weiter: „In den letzten Jahren gab es sogar einige queere Interpretationen von Rodgers-und-Hammerstein-Stücken. Plot, Dialoge und Musik blieben unverändert, nur hat man eben eine weibliche Figur mit einem männlichen Darsteller besetzt: Aus Ado Annie in ‚Oklahoma!‘ wurde Andy Nun, der sich in Will verliebte. – So wie das Ado Annie eben auch passiert wäre.“ Kevin Clarke fügte in der Sendung hinzu: „Diese ganzen LGBTQ-Versionen von „Oklahoma!‘ sind, glaube ich, in Amerika nur möglich, weil eben dieser kommerzielle Druck, sich zu erneuern, so groß ist, dass die Rodgers-&-Hammerstein-Verwaltungsgesellschaft erkannt hat: Wenn in allen anderen Broadway-Musicals jetzt Schwule, Lesben, Trans-Charaktere, queere Personen vorkommen, wenn das Thema so groß behandelt wird, dann können wir hier nicht auf so einer altmodischen Version beharren […] Und das ist etwas, was ich sehr schön finde, weil es das auch lebendig hält. Andererseits ist es etwas, was in Deutschland auf dem Musical-Markt überhaupt nicht wahrgenommen wird.“

Dieser deutsche Rückstand ist verwunderlich. Wie in den angelsächsischen Ländern, ist bei uns das männliche Musical-Personal auf und hinter der Bühne zu einem erheblichen Teil homosexuell. Und auch im Publikum sitzen zwischen all den Normalo-Familien unzählige „Schwule und ihre besten Freundinnen“ – wiederum auf beiden Seiten des Atlantiks bzw. des Ärmelkanals.
Die klassischen Broadway-Shows waren keineswegs subversiv, ebensowenig wurden homosexuelle Aspekte offen, missionarisch oder gar sektiererisch eingebracht. Ein so teures Vergnügen wie eine Musical-Produktion konnte sich gar nicht leisten, nur für eine Blase (ehrlicher gesagt: eine Randgruppe) zu produzieren, sie musste Entertainment für alle bieten. (Erfreulicherweise hat es immer wieder Innovationen und Experimente gegeben. Der inhaltliche – wenn auch unpolitische – Wagemut, der in den 70er und 80er Jahren von Stephen Sondheim gepflegt wurde, geschah bereits aus einer Nische heraus.)
Die Verhältnisse hielten die häufig schwulen Schöpfer der jungen Kunstform aber nicht davon ab, ihre Befindlichkeiten auf die handelnden Figuren zu übertragen. Es glückte das ewige Wunder der künstlerischen Sublimation: der besondere (homosexuelle) Blickwinkel beförderte etwas ganz Allgemeingültiges. Und er bewahrte diese ganz besonders kommerzielle Kulturgattung jahrzehntelang davor, ins Beliebige und Banale abzurutschen.
Capricen und Subtexte wurden in der ersten Musical-Hochphase im 20. Jahrhundert ganz unaufdringlich platziert oder zum Gegenstand einer Schlüsselszene gemacht (das sind jene wichtigen Momente, die man aufgrund ihrer mitunter beiläufigen Verabreichung auch übersehen kann – um den Preis, die eigentliche Pointe zu verpassen).*
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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2024/06/09/25472/

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Schrankwandliteratur

betr.: literarische Früherziehung

Ein geliebter Freund, den ich für sein südländisches Naturell (seine intelligente Lebensfreude, seine vorurteilsfreie Herzlichkeit und sein sexuelles Selbstverständnis) aufrichtig bewundere, wollte in einem Gespräch, das wir kürzlich führten, unbedingt als Bücherfreund von mir anerkannt werden. Ausgerechnet das ist er nun in keinster Weise: bibliophil. Die zum Bücher-Lesen unerlässliche Bereitschaft, zu versinken und stillzusitzen, kann ich gar nicht mit ihm in Verbindung bringen. Als ich es wagte, das auszusprechen, wäre er beinahe in die Luft gegangen. Ich sagte ihm, dass ich in seinen Wohnungen (auch in der soeben bezogenen) noch nie Bücher gesehen hätte (von den obligatorischen beiden Bildbänden im TV-Regal einmal abgesehen). Sogleich wechselte er das Thema und war wieder lieb.
Selbstverständlich ist mein Freund mit 40 Jahren bereits Angehöriger einer Generation, in der das Lesen nicht mehr so wichtig genommen wurde und hat sich überdies längst vollständig auf das Smartphone als Universalmedium zurückgezogen wie die meisten heutigen Menschen jeglichen Alters. Der etwa gleichaltrige Clemens J. Setz – für mich der mit Abstand interessanteste Autor unserer Zeit – hat bis zu seinem 16. Lebensjahr überhaupt nichts gelesen. Dann packte es ihn umso schlimmer, und er las sämtliche Schrifttumsgattungen in atemberaubender Menge. (Er bearbeitet heute auch sämtliche Schrifttumsgattungen, selbst die digitalen.)

Eine Vorausahnung der Clemens J. Setz-Story in „Tales To Astonish“ # 62, 1964 –  Text: Stan Lee, Zeichnungen: Steve Ditko, deutsch bei Williams 1974

In meinem Elternhaus gab es Bücher als obligatorischen Bestandteil der Schrankwand-Befüllung – kleinbürgerliches 70er-Jahre-Repertoire: Simmel, Konsalik, Karl May (wovon ich mich instinktiv fernhielt), aber immerhin auch ein Wilhelm-Busch-Album, das mich unendlich bereichert hat. Sonst wuchs ich abgesehen von eigenen Titeln (einiges von Wilhelm Hauff und Agatha Christie) weitgehend illiterarisch auf – bis ich durch einen Altpapierfund in den Besitz eines Stapels „Doc Savage“-Taschenbücher gelangte und mir mein Bruder seine abgelegten Marvel-Comics überließ. Ich profitiere bis heute von diesen beiden Ereignissen.* Weiterlesen →

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Jens Riewa im Bussi-Bär-Modus

betr.: Fernsehkritik

Seit Dezember 2020 ist Jens Riewa Chefsprecher der „Tagesschau“, deren Hauptausgabe um 20 Uhr er bereits seit 1995 präsentiert. Das sieht man neuerdings daran, dass in diesem „Hochamt des Deutschen Fernsehens“ Nachrichten nicht nur mehr verlesen, sondern auch moderiert werden dürfen (jedenfalls vom Chef). Was in den Augen schlichter Fernsehschaffender hip wirken mag, muss keine Verbesserung sein. Dieser Effekt ließ sich jahrelang in den „heute“-Nachrichten im Zweiten Programm beobachten. Unvergessen sind die leutselig gemeinten Mimikverrenkungen des damaligen Nachrichtensprechers Peter Hahne, der die Mundwinkel mit dem gleichen Aufwand auch wieder herunterziehen musste, wenn es nach einer „heiteren“ Meldung die nächste unerfreuliche zu vermelden gab.

Die heutigen 20-Uhr-Nachrichten mit ihrem wichtigen Fußballspiel hat Jens Riewa natürlich zur Chefsache gemacht. Und er lässt es sich nicht nehmen, das freudige Ereignis mit einer Attitüde zu präsentieren, die besser zu einer Volksmusiksendung passen würde. Gleich danach geht es um das Sommerinterview mit dem notorisch glücklosen Olaf Scholz, und Riewa muss prompt wieder auf ernste Miene umschalten.
Das ist ein Affentheater, dass es mit seinem verstorbenem Vorgänger und Förderer Werner Veigel nicht gegeben hätte. Als der einmal verdächtigt wurde, er müsse doch in seiner langen Karriere auf diesem Platz auch mal gelächelt haben, sagte er sinngemäß, das könne nur ein Irrtum sein. Was lehrt uns diese Anekdote? Man kann auch ohne Fratzen sehr sympathisch rüberkommen.
Die „Tagesschau“ war in ihrer bisherigen hanseatischen Form der beste Beweis dafür.

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Halbseidene Lebensmittel und amphibische Stilblüten

betr.: schlechter Stil

Was aus Kindermund drollig herüberkommt, ist im Journalismus mindestens im selben Maße schmerzhaft.
Ich bin immer ein wenig beleidigt, wenn sich verzeihliche Stilblüten im Sprachgebrauch festsetzen – nicht so drolliges (erwachsenes) Zeug wie „Hier werden Sie geholfen!“ oder „Ich habe fertig!“, sondern eher verschleppte Unrichtigkeiten.
Immer häufiger höre ich in seriösen Radiobeiträgen die gruselige Formulierung: „Er traut dem Braten nicht“.
Die Ausgangs-Redewendung „den Braten riechen“ ist eine uralte, aber noch immer anschauliche Umschreibung für „es wird etwas geahnt („ruchbar“), was eigentlich verheimlicht werden sollte“. Diese wurde ganz offensichtlich zu einer Zeit formuliert, da die Menschen im deutschen Sprachraum nicht genug zu essen hatten.
Mit eingeflossen ist eine andere Redensart: „dem Frieden nicht trauen.“ In diesem Sprachbild ist der Frieden allerdings nicht der mögliche Übeltäter (der das Misstrauen erregt), sondern der Gegenstand, von dem man hofft, ihn in Sicherheit zu wissen.

„Dem Braten nicht trauen“ ist nicht nur semantischer Blödsinn (der scheinheilige Braten bereitet sich ja nicht selbst zu, woraufhin er sogleich verräterisch zu duften beginnt), es führt auch inhaltlich in die Irre. Wollte man diese Wortwahl ernst nehmen, würde sie bedeuten: „da ist jemand nicht glaubwürdig“ und nicht „es wird geahnt, was eigentlich verheimlicht werden sollte“.
Liebe Schlussredaktion: bitte eingreifen!

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Das Loch in der Mitte

Betr.: 119. Geburtstag von Jean-Paul Sartre

Großprojekte wie die rechtzeitig zum Kafka-Jahr fertiggestellte dreibändige Biographie von Reiner Stach sind Projekte, mit denen der jeweilige Autor letztlich allein fertigwerden muss. Selbst wenn sich ein Verlag findet, der ein solches Anliegen mit einem Vorschuss unterstützt, muss der Schreibende den gewaltigen Aufwand selbst organisieren und sich etwa – Stach hat das gerade wieder betont! – von der Idee freimachen, er könne ihn nebenbei bewältigen und parallel noch einem Hauptberuf nachgehen, der ihn finanziell versorgt.
Die Erschaffung einer solchen Biographie ist ein Vollzeitjob!
Die meisten derartigen Unternehmungen sind auf der Strecke geblieben: unveröffentlicht oder wenigstens unvollständig, was auf dasselbe hinausläuft.

Besonders prominent ist das folgende Beispiel, sind die beiden Namen (der des Portraitierenden wie auch der des Portraitierten) doch denkbar groß!
Im Juni 1971 brachte Jean-Paul Sartre einen Teil seiner Flaubert-Biographie unter dem Titel „Der Idiot der Familie“ heraus. Sartre war stolz und optimistisch. Diesmal, erklärte er der Presse, wolle er »bis zum Ende gehen (…) Eines Tages muss ich einfach irgendetwas in meinem Leben zum Abschluss bringen.«
Nach dieser Ankündigung blieben dem linken Philosophen noch neun Lebensjahre.
Wie wir heute wissen, ist es bei einem Fragment geblieben. Wenn wir Sartre richtig verstehen, hat er also nach eigener Bewertung nichts in seinem Leben zuendegebracht.
Das Tragische daran ist: ausgerechnet der mittlere Teil der Buchreihe fehlt, jener, in dem sich Gustave Flaubert mit seinem Hauptwerk „Madame Bovary“ beschäftigt.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Ballern wie die Macker

betr.: arte-Doku über Sigourney Weaver

Die Verdienste der Künstlerin Sigourney Weaver sind unbestritten, doch leider lässt die Sendung „Sigourney Weaver: Actionheldin und Stil-Ikone“ den Entertainment-Faktor beiseite und kreist beinahe ausschließlich um einen Aspekt, der mindestens angreifbar ist. Dass Weavers Darstellung der Eleanor Ripley in dem Filmklassiker „Alien“ (1979) und dessen Fortsetzungen die erste vergleichbar selbstbewusste weibliche Figur im Kino gewesen sei, ist jedenfalls Unsinn. Keine/r hier scheint je etwas von abgründigen Stars des frühen Tonfilms wie Bette Davis und Barbara Stanwyck und deren Rollen, von Komödiantinnen wie Katherine Hepburn und Carole Lombard, von politisch bewegten Idolen wie Jane Fonda, frechen Mädchen wie Tatum O’Neal in „Paper Moon“, von schlagkräftigen Kunstfiguren wie Emma Peel (sowie deren Darstellerin Diana Rigg) oder Modesty Blaise gehört zu haben – wenn Fernsehen und verfilmter Comic hier auch eine Rolle spielen dürfen und um nur einige Beispiele zu nennen. (Marlene Dietrich wird immerhin in einem Nebensatz erwähnt, offensichtlich aber ohne sich über deren Lebensleistung im Klaren zu sein.)
Aber nicht nur von unserer Popkultur, auch von Feminismus haben die wenigen immer wieder eingeblendeten „Fachleute“ einen irritierend engen Begriff, erschöpft sich ihr Bild von weiblicher Selbstbestimmung doch in Posen, die man bei Männern zunehmend als überholt und schon immer als Zeichen von unfroher Schlichtheit betrachtet. Im Vergleich mit den maskulin-militaristischen Methoden der Astronautin und Soldatin Ripley und ihrer Nachahmerinnen sehen die zuvor genannten Kolleginnen sogar noch fortschrittlicher aus.
Ganz besonderes Lob erntet Sigourney Weaver folglich nicht etwa für eine schauspielerische Glanzleistung, sondern dafür, dass sie als Insassin eines Laderoboters zu einer Art Monster-Cyborg heranwächst, der der Alien-Königin im zweiten Beitrag der Serie ganz besonders effektiv auf die Fresse geben kann (nicht ohne diese zuvor – Gipfelpunkt der Emanzipation! – als „Bitch“ bezeichnet zu haben).

Auch unter dem simpelsten Gesichtspunkt geht „Sigourney Weaver: Actionheldin und Stil-Ikone“ daneben, nämlich dem, dass eine solche Kulturdoku ihren Gegenstand und dessen Repertoire gern gut aussehen lässt. Die Filmographie von Sigourney Weaver wirkt in dieser Präsentation kleiner als man sie in Erinnerung hat (und als sie tatsächlich ist). Dazu trägt wiederum die feuilletonistische Ahnungs- und Standpunktlosigkeit der Autoren bei. So wird beispielsweise der kontraproduktive vierte Beitrag der „Trilogie“ um das Alien (ein typischer Jean-Pierre Jeunet-Kitsch im leicht verdreckten Alge-Urin-Look) abgefeiert, als stünde er ebenbürtig in der bemerkenswert gelungenen Reihe der ersten drei Filme. Es sind kumpelhafte Nachlässigkeiten wie diese, die die ständig abgesonderten Superstar-Superlative so unbehaglich ins Leere laufen lassen.

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