Wahrheitsvergiftung

betr.: „Die Saat“, morgen abend um 22.25 auf arte

„Die Saat“, ein TV-Drama von 2021 (Buch und Regie: Mia Maariel Meyer), ist an und für sich ein makelloses Stück TV-Unterhaltung. Es ist gut besetzt (im Zentrum steht Hanno Koffler, auf den immer Verlass ist) und überzeugend inszeniert, die gezeigte Zerstörung einer Familie durch Gentrifizierung, gesellschaftlichen Druck und pure Niedertracht ist fesselnd umgesetzt (was in diesem Falle bedeutet: beklemmend), und gesellschaftspolitisch auf der Höhe der Zeit ist die Geschichte außerdem. Das Wort „furchtlos“ kommt mir in den Sinn. Kein Gramm Kitsch haftet an diesen 98 Minuten. Alles Lob und jede Auszeichnung, die „Die Saat“ auf sich zieht (sowas hat es sicher gegeben), ist vollauf berechtigt.
Trotzdem hat mich dieser Film geärgert, und ich will ihn nie wiedersehen.
Die Psychologie dahinter ist für mich kein Ruhmesblatt: mir ist die Geschichte zu fies und lichtlos. Der Realismus der abgebildeten Verkommenheit zeigt mir, was ich eh schon weiß und wem ich eigentlich entkommen möchte, wenn ich mir einen Film ansehe. Er wird mir weder durch Poesie zugänglich, noch durch Humor oder sonst etwas Zerstreuendes erträglich gemacht.
Ich hätte hier einen winzigen Lichtstrahl gebraucht. Es muss ja nicht gleich ein Happy End sein, auf gar keinen Fall ein verlogenes oder angeklebtes.* Aber darin besteht eben die Kunst: eine Tragödie (eine solche haben wir vor uns) so zu erzählen, dass ich mich anschließend nicht fühle wie nach einem Kabarettprogramm von Volker Pispers. Oder wie Reich-Ranicki, wenn er fragt: „Frau Löffler, warum muss ich das lesen?“
Der Film hat mit allem recht, aber was habe ich davon?
„Die Saat“ befindet sich übrigens in guter Gesellschaft. Gefeierte Filme wie „Gomorrah“, „Twelve Years A Slave“ und „Dunkirk“ werden von mir aus dem gleichen Grund künftig gemieden werden.

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* … so wie in diesem Fall: https://blog.montyarnold.com/2024/07/08/asphalt-city/

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Die wiedergefundene Textstelle: Barbaras Monolog in „Die Nacht der lebenden Toten“

Fortsetzung vom 16. Juli 2024

DIE NACHT DER LEBENDEN TOTEN
THE NIGHT OF THE LIVING DEAD

Image Ten 1969
Produziert von
Drehbuch: John Russo und George A. Romero
Regie: George A. Romero

Zeit: Dezember 1968
Ort: eine ländliche Gegend in Pennsylvania

Nachdem sie und ihr Bruder auf einem einsam gelegenen Friedhof von einem merkwürdigen Fremden angegriffen wurden, versteckt sich Barbara in einem verlassenen Bauernhaus. Eine ganze Horde gespenstisch anmutender Gestalten umzingelt das Haus.
Drinnen trifft sie auf den schwarzen Vertreter Ben. Starr vor Entsetzen bringt sie kein Wort heraus.
Ben beginnt, ihr seine Geschichte zu erzählen, während er zuerst nach Lebensmitteln sucht, dann – er hat eingesehen, dass eine Flucht nicht möglich ist – nach Holz, mit dem er die Wohnung verbarrikadieren kann.
Nachdem sie ihm einige Minuten zugehört hat, beginnt Barbara zu erzählen, noch immer sichtlich unter dem Eindruck der schockierenden Ereignisse.

Wir waren hier auf dem Friedhof, Johnny und ich. Johnny …
Wir haben einen Kranz auf das Grab von meinem Vater gelegt. Johnny … und er hat gesagt: „Hast du noch einen Bonbon, Barbara? Aber es waren keine mehr da. Und …

Es ist heiß hier drin. Heiß!
Und er hat gesagt: „Oh, es ist spät!“ hat er gesagt. „Warum sind wir so spät weggefahren?“
Und ich hab gesagt: „Johnny, wenn du nicht so spät aufgestanden wärst, wären wir früher hiergewesen.“
Johnny hat mich gefragt, ob ich Angst habe. Ich hab gesagt: „Nein, ich hab keine Angst, Johnny!“
Und dann ist dieser alte Mann plötzlich angekommen. Er kam ganz langsam auf mich zu.
Und Johnny wollte mir Angst machen und sagte: „Er kommt und holt dich, Barbara!“
Ich hab ihn ausgelacht und gesagt: „Hör auf damit!“
Dann ist Johnny weggelaufen. Ich bin auf den Mann zugegangen und wollte mich entschuldigen.

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Die wiedergefundene Textstelle: Bens Monolog in „Die Nacht der lebenden Toten“

betr.: 7. Todestag von George A. Romero

DIE NACHT DER LEBENDEN TOTEN
THE NIGHT OF THE LIVING DEAD

Image Ten 1969
Produziert von
Drehbuch: John Russo und George A. Romero
Regie: George A. Romero

Zeit: Dezember 1968
Ort: eine ländliche Gegend in Pennsylvania

Nachdem sie und ihr Bruder auf einem einsam gelegenen Friedhof von einem merkwürdigen Fremden angegriffen wurden, versteckt sich Barbara in einem verlassenen Bauernhaus. Eine ganze Horde gespenstisch anmutender Gestalten umzingelt das Haus.
Drinnen trifft sie auf den schwarzen Vertreter Ben. Starr vor Entsetzen bringt sie kein Wort heraus.
Ben beginnt, ihr seine Geschichte zu erzählen, während er zuerst nach Lebensmitteln sucht, dann – er hat eingesehen, dass eine Flucht nicht möglich ist – nach Holz, mit dem er die Wohnung verbarrikadieren kann.

Das hätten wir!
Hab keine Angst, mit dem einen werd‘ ich schon fertig! Aber wenn die merken, dass wir hier drin sind, haben wir gleich noch mehr am Hals!

Mir ist das Benzin ausgegangen … Gibt’s für die Tankstelle da draußen einen Schlüssel?
Mh?
Wenn wir Benzin kriegen, können wir versuchen, hier rauszukommen!

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Die wiedergefundene Textstelle: Unspoken Thoughts

In den siebziger Jahren arbeitete ich an einem kleinen Tisch, der im Schlafzimmer meiner Wohnung stand. Ich schrieb mit der Hand, mit einem Füllfederhalter. Dann fertigte ich einen ersten Entwurf mit der Schreibmaschine, zeichnete das Typoskript aus und tippte das Ganze noch einmal ab. Einmal habe ich eine professionelle Schreibkraft engagiert, um die Endfassung tippen zu lassen, aber da hatte ich das Gefühl, mir würde Etliches entgehen, das ich noch geändert hätte, hätte ich die Arbeit selbst erledigt. Mitte der Achtziger ließ ich mich voller Dankbarkeit zur Computerei bekehren. Textverarbeitung ist intimer, funktioniert mehr wie das Denken selbst. Im Rückblick erscheint mir die Schreibmaschine wie ein grober mechanischer Störfall. Mir gefällt der provisorische Charakter des unausgedruckten Materials, das im Speicher des Computers wartet – wie ein unausgesprochener Gedanke. Es gefällt mir, dass Sätze oder ganze Abschnitte immer wieder überarbeitet werden können und dass diese zuverlässige Maschine alle meine kleinen Notizen und Mitteilungen an mich selbst getreulich aufbewahrt. Bis sie, versteht sich, zu schmollen anfängt und abstürzt.

Der Schriftsteller Ian McEwan 2002 im Gespräch mit Adam Begley

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Mr. Jones, warum haben Sie das gemacht?

betr.: Kent Jones‘ Doku „Hitchcock/Truffaut“

Nur wenige Buchstaben trennen Kent Jones, einen offensichtlich sehr uninspirierten Dokumentarfilmer, von Ken Burns, der auf dem nämlichen Gebiet einer der Fähigsten und Fleißigsten ist. Es ist unmöglich, diesen Kalauer niederzuhalten, wenn man der Doku „Hitchcock/Truffaut“ ansichtig wird – noch so eine unselige Namensgebung, zitiert sie doch den Titel des berühmtesten Gesprächs der Filmgeschichte, das in Buchform „Truffaut/Hitchcock“ heißt (im Deutschen viel angemessener / amüsanter „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“). Die Phrase, das Buch sei mal wieder besser als der Film, verbietet sich trotzdem, denn wie müsste eine „Verfilmung“ von Truffauts Bestseller aussehen (mit all den verzeihlichen Verkürzungen, die ein solcher Transfer naturgemäß mit sich bringt)? Eine halbstündige TV-Doku hat es vor Jahren vorgemacht, auf DVD-Bonus-Sektionen wird es hin und wieder als kleine Fingerübung gemacht: man lässt Passagen aus dem Tonbandprotokoll des Gesprächs laufen, einfach laufen, und illustriert sie mit den launigen Interview-Fotos, mit Storyboard-Auszügen und natürlich mit Filmclips. Das wäre das Leichteste von der Welt, und es würde beim Zuschauen das allergrößte Vergnügen bereiten.
Als positiv denkender Mensch hatte ich auf genau so etwas gehofft. Ich kenne das Buch so gut, dass ich nichts Neues gelernt hätte (so wie mir das regelmäßige Wiedersehen von Hitchcocks Filmen nichts inhaltlich Neues verrät), und ich hätte (genau wie dort) eine herrliche Zeit gehabt.
Was tut Jones? Er lässt nur Sekunden aus der erwähnten Aufnahme erklingen. Stattdessen kommt eine stattliche Zahl berühmter Kinoregisseure zu Wort. Leute von heute, die schon aufgrund ihrer Jugend nicht als Zeitzeugen taugen: Wes Anderson, James Gray, Olivier Assayas, Richard Linklater, Kiyoshi Kurosawa (wohlgemerkt Kiyosjhi, nicht Akira …). Analytisches oder sonstwie Erhellendes haben sie nicht zu berichten, nur die üblichen Marketing-Bekenntnisse von der unbestreitbaren Prominenz des Meisters. Dass es sich bei ihrer Lobhudelei eben um lupenreine Hudelei handelt, lässt sich schon an ihrer Arbeit ablesen, die keinen von ihnen als persönlichen Hitchcock-Fan ausweist. Wenige alte Hasen sind darunter: Paul Schrader, Peter Bogdanovich, Martin Scorsese. Letzterer spricht eher von sich selbst, wenn er sagt, es sei eine Freude gewesen, Hitchcocks Filme gesehen zu haben, als sie einst gestartet sind. Das ist die einzige wirkliche Information, die wir an diesen Abend erhalten (und auch sie hätte man sich ausrechnen können).
So verrinnen kostbare 79 Minuten. Ärgerliche 79 Minuten.

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Anhören, ehe es zu spät ist!

betr.: „Altern“ von Elke Heidenreich

Über das Altern zu reden, ist schon deshalb frustrierend, weil es sich nicht ändern lässt. Und dass in unserer Zeit der Hygiene und der fortschrittlichen Medizin immer mehr Leute etwas dazu zu sagen haben, macht die Sache auch nicht besser: die meisten reden (und schreiben!) ja bekanntlich nur Blödsinn.
In Elke Heidenreichs neuem Buch, dem Essay „Altern“, geschieht etwas Unglaubliches: nicht nur schreibt sie selbst viel, viel Erbauliches, sie zitiert auch viel Bemerkenswertes darüber aus ihren Lieblingsbüchern. „Altern“ macht richtig Spaß.
Der NDR, der seine beiden Hörbuch-Rubriken „Am Abend …“ und „Am Morgen vorgelesen“ besonders widerwillig ins Netz stellt – abrufbar nur für sieben Tage – ist so gesehen ein angemessener Rahmen für Heidenreichs Text: fast noch vergänglicher als das Leben selbst.
Noch an diesem Wochenende kann man die gekürzte Autorenlesung vollständig nachhören. Und auch wenn man danach zweieinhalb Stunden älter ist: es wird sich gelohnt haben!

Bild: NDR-Homepage

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Wie wird man ein Fragezeichen?

betr.: 61. Geburtstag von Jens Wawrczeck

Der Schauspieler und Hörspielsprecher Jens Wawrczeck hat es mit einigen seiner Arbeiten zu Prominenz und einer großen Fangemeinde gebracht. Hin und wieder wird er bei Autogrammstunden gefragt, wie er das denn geschafft habe und wie „sowas geht“. Er pflegt zu erwidern, das wisse er nicht. Es ist eine ehrliche Antwort.
In seinem Buch „How to Hitchcock“ erfahren wir nicht nur viel über den titelgebenden Filmregisseur und größten Entertainer des Medienzeitalters, wir erleben auch, wie Jens sich in seine Branche hineingearbeitet hat – ganz ohne die Protektion eines reichen, gut vernetzten oder schlichtweg kunstsinnigen Elternhauses. Insofern kann man das autobiographische Kapitel „Der innere Kompass“ – mit all den obligatorischen Punkten, die sich nicht im Sinne eines Taschenbuch-Ratgebers nachleben lassen (angefangen mit der entzauberten Welt, in der wir mittlerweile leben) – auch als Antwort auf die Frage seiner ambitionierten Fans lesen. Es ist, wie Jens im Untertitel schreibt, „Ein Kapitel, in dem ich ein wenig vom Thema abschweife. Und immer wieder zu Hitchcock zurückfinde“.

Jeder von uns wird bei der Lektüre ab und zu denken „genau wie ich!“, um dann an anderer Stelle weniger fröhlich festzustellen, dass er dies und das wohl anders angefangen hätte.
Hin und wieder verquickt sich auch beides miteinander. Im meinem Falle etwa an einer Stelle über Jens’ Zeit als Schüler am legendären „Strasberg Institute“: „Ich erinnere mich, dass Ruth, ein Mädchen, mit dem ich (…) an verschiedenen Szenen arbeitete, meinen Akzent damals besonders elegant fand. Es mag an den Filmen gelegen haben, die ich damals im ‚Regency‘ sah. Nach einer umfangreichen Bette–Davis-Retrospektive klang ich, als wäre ich in einem Schwarz-Weiß-Film aufgewachsen.“

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Cooler Swing von oben herab

betr.: 67. Geburtstag von Götz Alsmann (morgen)

Wer schlau ist, kennt das Problem: alle anderen sind dümmer.
Und wer so schlau ist wie Götz Alsmann – im allerbesten Sinne universal gebildet, dazu noch gescheit, geistreich, kreativ und gut gekleidet – der lebt irgendwann in einer Hölle der Verblödung und des allgemeinen Niedergangs.
Wenn man den traurigen Zustand der Welt bedenkt, und er ist unbestreitbar und selbst für weniger schlaue Köpfe wie mich kaum auszuhalten, dann muss man die bei aller Künstlichkeit aufrichtig wirkende Fröhlichkeit dieses Mannes anerkennen. Wiederum ganz aufrichtig und ohne Ironie.
Sie ist ja auch kein Wunder.
Seit Schul- und Studienzeiten erntete Götz Alsmann mit all seinen Projekten große Resonanz, zumeist sogar Bewunderung. Dass er ein sehr fähiger Jazzmusiker ist (wenn wir seine gesanglichen Bemühungen mal beiseitelassen), verschaffte ihm verdienten Respekt, gute Kontakte und komplettierte ihn zum Entertainer. Gemeinsam mit dem schon erwähnten Esprit ließ es ihn frühzeitig zu einem gutbezahlten Moderator des alten öffentlich-rechtlichen Studiosystems aufsteigen – mehr geht nicht in der alten BRD.

Und wieder kommt Götz Alsmanns Schlauheit zum Zuge. Im Gegensatz zu den meisten anderen Prominenten, die allen Grund hätten, sich über das Erreichte zu freuen und es zu genießen, bleibt er (im o.g. Sinne) heiter. Er blamiert sich nicht mit dem substanzlosen Opa-Gemecker schlichterer in ihrer Eitelkeit gekränkter deutscher Größen vom Schlage Götz George, Helmut Kohl, Til Schweiger, Klaus Kinski (Augen auf bei der Berufswahl: Musik ist einfach ein hübscheres Lebensthema als Politik oder der Deutsche Film).

Götz Alsmann im großen Studio mitten in der Stadt (dem WDR-Funkhaus). Meistens hat er einen kürzeren Arbeitsweg. Foto: WDR-Homepage

Wie kommt es dass ein solcher Tausendsassa letztlich mit all seinen Versuchen versandet ist, als Solo-Moderator im Fernsehen Karriere zu machen – was die Krönung seines Ego-Darwinismus gewesen wäre (und ihm hätte so passen können, da gibt es keinen Zweifel)?
Es könnte an seinem unentwegt zur Schau gestellten Zynismus liegen (den er auch jenseits der Bühne nicht ablegt), an seiner vollständigen Unwilligkeit, irgendjemanden neben sich gelten zu lassen. Denn alle anderen Menschen sind ja bekanntlich dümmer als er (und Klavierspielen können die meisten auch nicht!).
Götz Alsmann ist pfiffig genug, die Begrenzungen seines Personalstils nachträglich zu erkennen und ihre Konsequenzen zu parieren. Seinen größten Erfolg im Fernsehen, die furios amüsante WDR-Show „Zimmer frei!“ (1996-2016) musste er an der Seite der tutigen Christine Westermann feiern, was für den geschliffenen Gockel fraglos eine Zumutung war. Er hat unzweifelhaft angenommen, die Kollegin mit seiner sprühenden Bosheit nach wenigen Wochen als überflüssiges Schwenkfutter aus der Sendung heraussitzen zu können. Doch Westermann ließ sich nicht einschüchtern (sie kannte den Kollegen ja schon aus’m Sender) und erwies sich in ihrer Kunst, auch Scharfes abtropfen zu lassen, als Role-Model für Angela Merkel. Außerdem zeigte sich, dass es genau die Mischung dieser beiden Temperamente war, die Götz Alsmanns Nihilismus soweit neutralisierte, dass man ihn vor dem Bildschirm für einen Scherzbold halten konnte. Er ist alles andere als das.
Glauben Sie mir: in einem „Zimmer frei!“ ohne Westermann wäre uns das Lachen gleich wieder vergangen.

Regelmäßig und seit gefühlten Jahrhunderten moderiert Götz Alsmann seine fundierten, aber betont beiläufig präsentierten Jazz-Sendungen im WDR. Nicht erschrecken: es sind keine sektiererischen Formate! Er spricht von „Jazz und Jazz-ähnlicher Musik“ und wendet sich an Leute, „die Easy Listening nicht auf die leichte Schulter nehmen“. Das klänge aus dem Munde jedes anderen kokett, doch bei Götz Alsmann weiß man sich in den besten Händen. Umgeben von der Musik von André Previn, Henry Mancini und Harry Warren hat sein Weltekel plötzlich nichts mehr, woraus er sich speisen könnte. Sogar der Pfeilgiftfrosch am Amazonas wäre ja nicht tödlich, wenn er sich nicht von giftigen Pflanzen ernähren würde; er wäre dann einfach ein bemerkenswert buntes, geradezu hübsches Tierchen. „Im kleinen Studio am Rande der Stadt“, das Götz Alsmann bequem von seiner Villa aus zu Fuß erreichen kann, versiegt seine Giftspritze. Es bleibt nur das Gescheite und Gewitzte übrig. Und seine Liebe zur Musik.
So fügt sich alles wundersam und trefflich: ein weniger prominenter Mensch als er dürfte (regulär und abseits irgendwelcher „Anlässe“) so gute Platten gar nicht im Radio auflegen.

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Der Ich-Erzähler und Du (3)

betr.: Lesen vom Blatt / Sprechen am Mikrofon

Über die Herausforderung, einen Ich-Erzähler zu gestalten

Fortsetzung vom 6. April 2024

Die beschriebene Struktur der „Schachtel in der Schachtel“ wird schon im Schriftbild deutlich: in Form der einfachen Gänsefüßchen. (So ungern ich solche Zeichen selbst setze, so hilfreich finde ich sie beim Lesen).

Bereits in Sherlock Holmes‘ Debüt-Fall „Eine Studie in Scharlachrot“ kommt es zu einer ausführlichen Dialogsituation, die wir nachträglich und aus zweiter Hand serviert bekommen. (Genaugenommen ist es sogar die dritte, da Dr. Watson ja der Erzähler ist. Aber das ist zu vernachlässigen, da Watson sehr im Hintergrund bleibt und sich verhält wie sein eigener erster Leser.)

Dieser kleine Ausriss ist nur der Anfang. Watson / Doyle gönnt der unsympathischen Nebenrolle „Tobias Gregson“ einen durchgehenden Monolog über dreieinhalb Seiten. Er verzichtet sogar auf die obligatorischen Einschübe, die uns wie kleine Weckrufe immer wieder daran  erinnern, wo wir sind (in einer Rückblende). Der Autor vermeidet also Sätze wie „Er machte eine Pause und rieb seine Hände aneinander, so dass ein schabendes Geräusch entstand.“ oder „Seine blinzelnden Augen fixierten unverwandt einen kleinen Wasserfleck an der Decke seines Büros, der ihm in drei Jahren nie aufgefallen war, ehe er unbeirrt fortfuhr …“.
Nichts gegen solche Einschübe – bei guten Autoren sind sie sehr vergnüglich und niemals reine Zeilenschinderei von der Sorte „Er stand auf und ging im Zimmer auf und ab. Er setzte sich wieder und fuhr fort …“.
Doyle tut eher zu wenig, um zwischen „allwissendem“ und „subjektivem Erzähler“ zu unterscheiden (also den tratschenden Charakter innerhalb der Erzählung mit einem persönlichen Sound zu kennzeichnen).
Aber wie gesagt: wenn wir vom Blatt lesen, haben wir diese Details ohnehin nicht zu bewerten; wir nehmen sie so wie sie auf den Tisch kommen.
Je weniger der Verfasser selbst darauf achtet, den Stil des Erzählers im Erzähler zu pflegen, desto wichtiger ist es, dass wir es beim Vortrag tun. Wir müssen Gregson eine eigene Stimme geben, um danach mit unserer eigenen fortzufahren.

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Komik, Action und Destruktion (1)

Von der Verwandtschaft des Actionfilms mit der Slapstick Comedy

Seine humorvollste Zeit hatte der Film in seiner stummen Frühphase. Das amerikanische Slapstick-Kino erhöhte die Zahl der Lacher noch, die seine französischen Vorbilder hervorgerufen hatten, durch halsbrecherische Verfolgungsjadgen und irre Stunts (welche von den sonnigen kalifornischen Außenaufnahmen profitierten) und natürlich durch Sahnetorten. Mancher Filmfreund ist der Meinung, dass selbst der hinzukommende Dialogwitz (etwa in der Screwball Comedy der 40er Jahre) nicht mehr zu dieser Höhe des Witzes hinaufgekommen ist, aber da muss man sich nicht festlegen.
Ein Dreivierteljahrhundert später etablierte sich ein Genre, das auf den ersten Blick wenig damit zu tun hat: der Actionfilm. Er wurde in den 80er Jahren zu einem Phänomen des Mainstreams, feierte 1991 mit „Terminator 2“ seinen künstlerischen Zenit (der von einem kommerziellen Erfolg begleitet war) und verschwand in einer Nische, in der er bis heute gut gedeiht.
Dieser Essay will der Verwandtschaft dieser beiden so ungleichen Gattungen nachspüren.

Der deutsche Filmhistoriker Joe Hembus stellte und beantwortete einmal die Frage, „warum es so komisch ist, wenn immer alles restlos kaputtgeht“. Dabei dachte er nicht etwa an Schauspieler wie Arnold Schwarzenegger (dessen Neudefinition des eigenen Genres als „Aktschfuim“ er nur in ihren Anfängen miterleben sollte).
Ab 1975 schrieb Hembus für das ZDF eine Reihe von Einführungstexten in das Werk von Laurel & Hardy (die Theo Lingen dann vortrug). Darin heißt es: „Der tiefe Sinn jeder Komik ist es, die aus den Fugen geratene Welt wieder in Ordnung zu bringen; damit das aber geschehen kann, muss erst einmal tabula rasa gemacht werden; das heißt, alles, was die Harmonie der Welt stört, muss erst einmal radikal abgeräumt werden, in einem Akt der Befreiung, der erleichtert und erheitert.“

Dann zitiert Hembus den französischen Professor Étienne Fuzellier, der in seinem Essay „Die Komik der Destruktion“ (erschienen in der Zeitschrift „Das neue Zeitalter“ vom Juli 1955) unter besonderer Berücksichtigung von Laurel & Hardy, den Marx Brothers und Franz Kafka schreibt: „Das Destruktive ist die Quintessenz des Komischen. Meiner Ansicht nach ist das Lachen das Anzeichen einer intellektuellen Überlegenheit, der Freude, die einem ein Vernichtungsurteil bereiten kann. Der Urheber der komischen Handlung ist unser Delegierter und unser Rächer: wir vernichten mit ihm und durch ihn das, was uns schockiert oder stört. Der Zuschauer ist der Komplize der Zerstörung, und sein Lachen signalisiert die Genugtuung, die Personen, Gegenstände oder Prinzipien, die er verurteilt, zerstört zu sehen.“

Dieses befreite, befriedigte Lachen über die angerichtete rächende Verwüstung lässt sich besonders schön im Finale von „Die Harder“ erleben, dem zweiten der „Stirb Langsam“-Actionfilme mit Bruce Willis. Als die fliehenden Terroristen in ihrem Flugzeug in Flammen aufgehen, lässt sich der geschundene Held in den Schnee des Rollfelds zurücksinken und freut sich wie ein Kind. Er jubelt und lacht so ungehemmt (und sicher im Gleichklang mit den Kinopublikum von 1990) über den Tod seiner Feinde wie er es heute nicht mehr tun dürfte: längst wird Hollywood von Spielverderbern beaufsichtigt, gegen die weder Groucho Marx noch Kafka noch der Terminator persönlich etwas ausrichten könnten.

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