geführt von Monty Arnold

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betr.: 65. Todestag von Raymond Chandler
Üblicherweise enthalten Roman-Leseproben im Internet die ersten Seiten eines Buches (oftmals wirklich nur die allerersten). Im Falle von „Die kleine Schwester“ von Raymond Chandler – einem der beiden Großmeister des amerikanischen Hardboiled-Kriminalromans – hat der Verlag eine Ausnahme gemacht. Das Pröbchen ist mit zwei Kapiteln halbwegs großzügig und erlaubt uns einen Blick in den späteren Verlauf des Dramas: das Kapitel 13. Das klingt nicht nur sexy, es ist auch jener Teil des Romans, den der Verfasser des Nachworts ganz besonders wichtig findet. Michael Connelly erzählt: “Dieser Roman zeigt Raymond Chandler auf der Höhe seiner Kunst, zynisch und sarkastisch wie nie. Hier, in der diamantklingenscharfen Meisterschaft des Kapitels 13, dringt er an den Wesenskern seiner Figuren und Schauplätze vor. Ja, hier geht es um ein einziges Kapitel. Um nicht mehr als vier Seiten, um genau zu sein – zumindest in der ‘Vintage Crime / Black Lizard’-Leseausgabe, die bei mir in der Schreibstube steht. (…) dieses Kapitel 13, das lese ich oft. Ich lese es, um umgehauen zu werden. Ich lese es, um inspiriert zu werden. Ich lese es, weil es das Lieblingskapitel in meinem Lieblingsbuch von meinem Lieblingsautor ist. Auf vier Seiten lehrt Chandler Leser und Autoren, was es heißt, für die Ewigkeit zu schreiben. Was es heißt, Kunst zu schaffen.”*
Sollten Sie so beneidenswert jung sein, dass es bei Ihnen nicht klingelt, wenn Sie den Namen Raymond Chandler hören, dann bringt sie Tilman Spengler in 15 flotten Minuten unter https://www.ardmediathek.de/video/klassiker-der-weltliteratur/raymond-chandler/ard-alpha/Y3JpZDovL2JyLmRlL3ZpZGVvLzIyYzQyODI4LTU2YWQtNDViMi1hY2Y2LWE4ZjlmMmVhNjVlNw aufs Laufende!
Hinein ins Vergnügen!
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* Die Kapitel 13 und 14 sind hier zu finden: https://www.diogenes.ch/leser/titel/raymond-chandler/die-kleine-schwester-9783257611380.html
betr.: Sprechen am Mikrofon / Lesen vom Blatt
Fortsetzung vom 22. März 2024
Selbstverständlich muss das gemächliche Grundtempo so gewählt sein, dass wir bei Bedarf noch etwas langsamer werden können.
Beim Einlesen eines Kinderbuchs im Studio unterlief mir ein Timing-Fehler.
Das Buch ist fast zuende. Der Protagonist kehrt von seiner kleinen Heldenreise zurück. An der Tür ihrer Behausung wartet bereits der Großvater.
„Hurra!“ jubeln beide, als sie einander erblicken..
„Großvater! Großvater!“ ruft der Junge. „Stell dir vor, was mir passiert ist …“ Und dann – so heißt es – erzählt er dem Großvater sein ganzes Abenteuer.
Dann folgt eine wörtliche Rede des Helden, in der er eine seiner letzten Taten kommentiert und begründet.
Die Regie meldet sich. Ich solle doch diesen Satz bitte noch einmal lesen und ihn etwas mehr in der Euphorie der Wiedersehensfreude anlegen.
Ich erwidere: „Aber da gibt es doch einen Zeitsprung. Inzwischen wurde ja „das ganze Abenteuer“ noch einmal nacherzählt.
Der Regisseur stimmt mir sofort zu – und mir fällt auf, was ich falsch gemacht habe. Ich gehe im Text zurück. Nicht zur letzten wörtlichen Rede – die war ja richtig so – sondern genau davor. Den Erzählersatz „Und dann erzählt er dem Großvater sein ganzes Abenteuer.“ hatte ich nicht breit genug angelegt. Da er einen Vorgang beschreibt, der etwas länger dauert als der ihn beschreibende Satz, da inzwischen Dinge passieren, die keiner Erwähnung bedürfen – man geht ins Haus, der Held legt den Mantel ab, man setzt sich u.s.w. – muss ich ihn etwas langsamer lesen, um dem Zuhörer Zeit zu geben, sich all das bildlich vorzustellen. Sonst verpasst er glatt, dass Held und Großvater nicht mehr im Türrahmen stehen, obwohl ich den Satz ja vollständig vorgelesen habe..
Wie sich zeigt, passiert das sogar dem überaus aufmerksam zuhörenden Regisseur – und erst recht dem privaten Konsumenten unserer Arbeit.
… eine intelligente Diskussion über kulturelle Aneignung
Neulich hörte ich in einer TV-Diskussion eine erregte junge Dame sagen, es sei nicht hinnehmbar, dass Menschen weißer Hautfarbe Jazz spielten, denn Jazz sei eine Musik, die den Angehörigen einer anderen Ethnie gehöre. Die Teilnehmerin verkannte nicht nur die völkerverständigende Wirkung dieser Musik im 20. Jahrhundert, sie übersah auch, dass Jazz eben keine rein schwarze Musik ist, sondern – im Gegenteil – eine, die aus dem Zusammentreffen der afrikanischen mit der westlichen Kultur entstanden ist. Dies (so wie die in der Tat tragischen Umstände, unter denen das geschah) lässt sich historischen Quellen entnehmen; was niemanden davon abhalten sollte, einfach mal Jazz zu hören. Oder zu spielen – egal welche Hautfarbe er hat.
Der Vorwurf der „kulturellen Aneignung“, der hier wieder einmal im Raum stand, wird selten auf kompetentere Weise geführt als in diesem Beispiel. Er ist nur einer von vielen, die zum Gegenstand schriller, unbeholfener und unreif geführter Diskurse geworden sind, nachdem die sozialen Medien die Pforten zu einer breiten, öffentlichen „Streitkultur“ weit aufgestoßen haben.*
In seiner Sendereihe über die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts stieß Kai Luehrs-Kaiser im rbb immer wieder auf Parallelen zur Gegenwart (2023), was ausdrücklich nicht das Thema der Reihe war.* Im „Problem einer gewissen Eingemeindung oder auch Aneignung kultureller Güter auf dem Wege der Kunst“ erkannte er einmal mehr „ein altes Problem – weit älter als der Ausdruck ‚Kolonialismus‘ es heute will. Als kolonial wird heutzutage der hermeneutische Versuch, in die Welt zu blicken, gern vereinfacht oder pauschal denunziert. Das Verstehen eines Gegenübers, um es hier mal ganz hochmögend zu sagen, ist nämlich nicht so einfach wie der böse Begriff Kolonialismus es suggeriert. Man kann das Andere, das Fremde, nicht in den Blick nehmen, ohne selbst der zu bleiben, der diesen Blick wirft. Deswegen muss es unvermeidlicherweise einen eigenen Blick auf das Fremde geben dürfen, ohne dass dieser sogleich als kolonialistisch angeprangert wird. Warum ist das so? Ganz einfach: Weil es anders schlicht und ergreifend gar nicht geht. Wir blicken als wir selbst auf anderes. Der Rest ist Bemühung, und, wenn’s hochkommt: gute Absicht.“
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* Die Reihe ist noch immer vollständig nachzuhören unter https://www.rbb-online.de/rbbkultur/radio/programm/schema/sendungen/die_20er_jahre/calendar.html
geführt von Monty Arnold

betr.: Lesen vom Blatt 7 sprechen am Mikrofon
In einem Artikel über die Suche einer Inselverwaltung nach dem neuen Leuchtturmwärter las ich, was der scheidende Kollege über seinen Alltag erzählte. Da ging es auch um Kleinigkeiten. Es sei wichtig, sein Tempo zu finden, wenn man die 161 Stufen hochsteigt (die man nach dem allmorgendlichen Hissen der Flagge und dem Genuss der Aussicht auch wieder runtersteigen muss). Am Anfang sei man zu schnell, immer zu schnell. Dann gehe einem auf halber Strecke die Puste aus.
Beim Lesen vom Blatt ist das genauso wichtig. Das Tempo muss von Anfang an stimmen. Das heißt: es darf nicht zu hoch sein. Auch hier ist ausnahmslos jede/r am Anfang zu schnell.
Dabei werden wir von einer Prägung geleitet, die viel älter ist als wir selbst. Sie ist uns eingeimpft, seit wir damals im Neandertal schneller sein mussten als die anderen Säugetiere, um zu überleben.
So beeilen wir uns auch beim Vorlesen, ganz automatisch und ohne es überhaupt zu merken. Das Ausgehen der Puste – um im Bild des Leuchtturmwärters zu bleiben – ist allerdings nicht die schlimmste Folge dieser Hast. Dazu kommt es in der Regel gar nicht erst. Vorher wird über die eigenen Füße gestolpert. Und wenn das passiert, hat man seine Zuhörer schon längst verloren.
Der Artikel verriet nicht, wie lange es braucht, um dieses „eigene“ Tempo auf der Treppe zu finden. Beim Lesen ist es – wie ich als Lehrer immer wieder feststelle – mit das Schwerste überhaupt. Manche schaffen es wochenlang nicht und geben entnervt auf. Manche schaffen es monatelang nicht und geben dann besonders entnervt auf. Das geht den allermeisten so. Eine besonders wackere Schülerin hat Jahre gebraucht und ist jetzt total begeistert von ihrem raschen Vorankommen.
Alle Fortschritte, auf die wir im Unterricht gemeinsam hoffen, basieren auf dem gemessenen Tempo. Sämtliche Fehler, die anfangs so zahlreich passieren, beruhen auf der prähistorischen Veranlagung zur Eile. Denn dann fehlt die Zeit, um den Text vorausschauend zu lesen und ihn zu begreifen, ehe der Mund sich öffnet. Beim Vorleser entsteht kein Vertrauen in die Durchführbarkeit des Ansinnens. Wer dann aufgibt, geht mit dem Gefühl nach Hause, es könne ja sowieso nicht klappen. (Dieses Gefühl wird von dem nagenden Verdacht überlagert, es ginge vielleicht doch, und nur man selbst sei zu doof dazu.)
Es liegt auf der Hand: vom Blatt zu lesen, ist wesentlich schwerer als ein guter Leuchtturmwärter zu sein. Und das sage ich bei allem Respekt vor dessen Aufgaben (ich habe ja den Artikel gelesen).
Alle philosohischen Schulen haben miteinander gemein, dass sich ein menschenwürdiges Leben auf ihrer konsequenten Umsetzung nicht aufbauen lässt. Sie alle stolpern früher oder später über die eigenen Füße, führen zu Blindstellen und haarsträubenden moralischen Verfehlungen, die dem eingangs entworfenen Idealbild niemals entsprechen können. Das gilt für die Klassiker à la Sokrates / Hegel / Kant ebenso wie für häufig missverstandene Lehren wie Ayn Rands Objektivismus. (Und selbstredend für menschenverachtenden Mist wie den Kommunismus, der schon in der Theorie nicht aufgeht.) Keine von ihnen erspart uns, zwischendurch innezuhalten und uns selbst abwägend einzubringen.
Kürzlich las ich wieder von so einem hübschen Konzept, dass sich in unserer Welt nicht durchsetzen kann (die menschliche Natur steht einmal mehr im Weg). Der US-Bestsellerautor Daniel Pink hat es Ende der Nullerjahre in „The Puzzle Of Motivation“ formuliert, populär gemacht und arbeitet seither – siehe oben – an seiner Verfeinerung. Seine Bemühungen sind der Steigerung von Motivation und Leistungsfähigkeit gewidmet. Und den Methoden, mit denen Führungskräfte diese bei ihren Untergebenen erzielen können. Sie einfach nur mit Boni und Provisionen zu locken, sei nämlich nicht genug.
Pink: „Wenn Sie mir in unserem Gespräch einen Bonus von 100 Euro für gute Antworten geben würden, dann würde ich mich sehr anstrengen. Aber ich glaube nicht, dass meine Antworten besser wären als ohne die Prämie. Sie könnten sogar schlechter sein. Denn ich würde nur an das Geld denken und darüber vergessen, ein gutes Gespräch zu führen.“ Am Anfang (bzw. am anderen Ende) dieser Überlegung steht die Bereitschaft, seine Leute erst einmal so gut zu bezahlen, dass sie nicht mehr aus existenzieller Not ans Geld denken müssen.
Wie gesagt: Pink ist kein Freund davon, den Eifer mit Belohnungen anzustacheln. „Es spricht einiges dafür, dass zum Beispiel ein Top-Fußballspieler wie Ronaldo ein höheres Grundgehalt haben sollte als viele seiner Teamkollegen. Aber wichtig ist vor allem, dass man ihn nicht vorwiegend für Tore bezahlt. Er würde bei jeder Berührung mit dem Ball versuchen, aufs Tor zu schießen anstatt den Ball zu passen und gemeinsam mit dem Team zu gewinnen.“ Individuelle Belohnungen mit hohen Einsätzen sind Gift für gutes Teamwork.
Pink schreibt auch, faire Behandlung bedeute nicht, dass man alle gleich behandeln sollte, auch bei der Bezahlung nicht. Schließlich leisten einige Menschen ja mehr als andere. (Da ist er komplett meiner Meinung und auch der von Ayn Rand.)
Das ist vieles sehr einleuchtend. Doch bei der Lektüre seiner Argumente und Überlegungen ist es mir nicht gelungen, mir einen Betrieb vorzustellen, der sich mit ihrer Hilfe führen ließe.
Gut – das können andere ja durchaus besser hinbekommen als ich.