Weniger Licht!

Von der Sehnsucht nach der Düsternis

Das Feuilleton ist auf dem Rückzug. Es geht gewissermaßen gemeinsam mit seinem Mutterschiff unter: der gedruckten Tageszeitung, neudeutsch: „dem Print“. Parallel dazu versinkt es natürlich auch in den linear weitersendenden Medien. So weit, so bekannt.
Doch was tritt an seine Stelle?
Was anstelle des Feuilletons in den öffentlich-rechtlichen Podcasts zu erleben ist, will flott und zeitgemäß rüberkommen, vermeidet also alles, was im Verdacht stehen könnte, intellektuell zu sein. Das gerät beinahe zwangsläufig skurril und unseriös, denn wo es im Podcast um Kultur bzw. Popkultur geht, müsste man feuilletonistisch arbeiten, wenn es nicht auf reines privates Geplauder hinauslaufen soll, also auf Dialoge wie: „Ich fand’s doof!“ – „Ich fand’s toll!“ – „Der letzte Film war aber noch toller!“ – „Was machst du übrigens heute abend?“
Für solche Formate hat sich der Begriff „Laberpodcast“ durchgesetzt, und er trifft es vorzüglich.

Auch das lineare Kulturradio klingt immer häufiger nach Laberpodcast (wenn auch hier meist in Monolog-Form), denn schließlich landet ja das meiste daraus in der Mediathek und wird dann ganz automatisch vom Broad- zum Podcast. Der unintellektuelle Habitus hat aber noch einen anderen Grund als den, jugendlich wirken zu wollen. Es ist ein so herrlich faules Arbeiten, wenn man nur noch über die eigenen Vorlieben reden muss und sich alle Recherche, alle historische Einordnung, alle Neubewertung sparen kann, die über einen flüchtigen Blick in die Suchmaschine hinausgeht. Einseitige Geschmacksurteile, Fanmeinungen und Schutzbehauptungen gehen ins Ohr, helfen aber nicht weiter.
Parallel zu dieser Melange aus Bequemlichkeit und Gefallsucht und als ihr Korrektiv wächst das Bestreben, Tiefgang vorzutäuschen. Kein Adjektiv fällt in popkulturellen Diskursparodien so häufig wie „düster“. Computerspiele sind düster, Soundtracks sind düster, Rockmusik sowieso, Comics sind düster, selbst Disneyfilme sind immer häufiger düster – und das ist dann jeweils positiv gemeint, im Sinne von „nicht heiter“, also gleichsam „nicht-oberflächlich“. So einfach ist das dann und dort.
Daraus ergibt sich der Selbstanspruch, nur oder hauptsächlich Produkte zu mögen, denen sich Düsternis (Düsterkeit?) zumindest unterstellen lässt.

Das anschaulichste Beispiel für dieses Phänomen des popkulturellen Selbstbetrugs ist das erste von vergleichbarer Tragweite: die Neu-Erfindung des klassischen Superhelden „Batman“ durch den Comic-Künstler Frank Miller im Jahre 1986. Der Held ging auf die 50 zu und steckte in einer Krise – nicht in einer persönlichen, sondern in einer, die seine Popularität und die Qualität seiner Comics betraf. Durch Millers Graphic Novel wurde der flippige Fledermausmann, der neben den Comics viele knallbunte Film- und TV-Auftritte erlebt hatte, zum „dunklen Ritter“ hochgejazzt. Von einer „Rückkehr des dunklen Ritters“ (so der Titel des Buchs) konnte keine Rede sein, denn DC – der produzierende Verlag – hatte noch nie Interesse an Melancholie oder gebrochenen Charakteren gehabt (so etwas hatte es seit 1961 nur bei Marvel gegeben). Immerhin war die Hauptfigur in Millers Comic tatsächlich gealtert.
Das Kino folgte dem Trend und relaunchte den Batman-Charakter in der heute klassischen Verfilmung, in der dieser gegen Jack Nicholsons „Joker“ kämpft. Im Vergleich zu späteren Batman-Adaptionen – der Erfolg ist bisher nicht abgerissen – geht es in Tim Burtons „Batman“ aber noch immer vergleichsweise und lustig zu.
Wer heute von seinen popkulturellen Vorlieben spricht, betont stets, wie wichtig ihm die bedrückende Atmosphäre sei. Die exemplarische Wandlung von Batman lässt sich am besten mit einer musikalischen Gegenüberstellung veranschaulichen: man denke an das poppige „Batman“-Motiv von Neal Hefti und vergleiche es mit Danny Elfmans stilprägendem Filmthema von 1989. Beides ist auf seinem Gebiet fabelhaft gemacht, aber nur der neue Ansatz gilt heute noch als schicklich.

Veröffentlicht unter Comic, Fernsehen, Film, Filmmusik / Soundtrack, Hörfunk, Marvel, Medienphilosophie, Popkultur | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Lesen vom Blatt: Lange Sätze

betr.: Sprechen am Mikrofon / Übung

Fortsetzung vom 21. Dezember 2023

Doch obwohl Froschhüpfer sich zu ebener Erde nur mit großer Mühe und Schwierigkeit fortbewegen konnte, befähigte ihn die wunderbare Muskelkraft, mit der die Natur, gleichsam als Entschädigung für die Gebrechlichkeit seiner unteren Gliedmaßen, seine Arme ausgestattet hatte, wahre Wunderwerke der Geschicklichkeit zu vollbringen, sobald es sich darum handelte, einen Baum oder dergleichen zu erklimmen oder sich an einem Seil hinaufzuziehen.

Aus „Froschhüpfer“ von Edgar Allan Poe

Historische Illustration von Arthur Rackham

Veröffentlicht unter Literatur, Mikrofonarbeit | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Wednesday’s Child

betr.: 39. Todestag von Matt Monro

Matt Monro starb zu früh und war zu selten Ur-Interpret, um wirklich erinnert und vermisst zu werden. Dass sein Bariton, der eine reife Bourbon-Note hatte, dem von Frank Sinatra nicht unähnlich war, ist Vor- und Nachteil zugleich, und im Gegensatz zu Sinatra war Monro kein attraktiver Entertainer mit Mass-Appeal. Damit ist sein Mängelregister allerdings erschöpft – er war ein großartiger Sänger!

Matt Monro kam am 1. Dezember 1930 als Terry Parsons in London zur Welt und wuchs in zwei Epochen der Popkultur hinein, die sein Talent gut brauchen konnten: die Swinging Sixties und die glanzvolle Spätphase des klassischen Filmsongs. Ihm oblag es, den ersten Bond-Titelsong zu interpretieren: Lionel Barts „From Russia With Love“, und es ist bezeichnend, dass er sich den Chart-Erfolg mit zwei gleichzeitig laufenden vokalen Coverversionen teilen musste.

Es folgten Arbeiten mit Quincy Jones, Roy Budd* und John Barry, dessen neben Shirley Bassey wichtigster Interpret er werden sollte und mit dem er auch Konzerte gestaltete.
Zum Aufstieg des gefeierten Songtexters Don Black hat Monro sogar durch persönlichen Support beigetragen; später waren beide gemeinsam mit Barry am Oscar-gekrönten „Born Free“ beteiligt, der in den Charts wiederum bescheiden performte. Black blieb ihm als Manager verbunden.

Wenn man sich einmal auf Monros Film-Repertoire konzentriert – und Film-Inspirierte Singles wie „This Way Mary“ (nach „Mary Queen Of Scots“) mit berücksichtigt -, kommt eine imposante Playlist zustande, die von einem intelligenten, berührenden Personalstil getragen wird. Doch auch seine Interpretationen viel gespielter Popsongs (einige unter der Leitung von George Martin) sind charmant und originell.
______________________
* Siehe auch https://blog.montyarnold.com/2021/01/13/the-precious-moments-theme-from-the-sea-wolves/

Veröffentlicht unter Film, Filmmusik / Soundtrack, Musik, Popkultur | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

Veröffentlicht unter Cartoon (eigene Arbeiten), Gesellschaft, Musik, Popkultur | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

Vom Gendern

Die „taz“ ist die strengste (bzw. pingeligste) Gender-Bastion der seriösen Medienlandschaft. Da konnte mir nicht entgehen, dass die aktuelle Ausgabe der „Wochentaz“ (3. – 9.2.2024) diesbezüglich vom Stechschritt ins Schlendern verfallen ist. In gleich mehreren Artikeln fehlen die sonst zwingenden Sternchen, und wo sinnvoll, wird eine taktvolle Wortwahl gepflegt („Studierende“). An anderer Stelle herrscht der Freistil (eine der Kolumnen arbeitet etwa mit dem Doppelpunkt).
Zur selben Zeit ist der „Spiegel“ (Nr. 6 / 2024) auf seiner Leserbriefseite zum generellen Setzen des Gender-Doppelpunkts übergegangen. Das fällt deshalb auf, weil sich diese gut ins Auge springende Maßnahme nun in so vielen Einträgen ganz unterschiedlicher Verfasser findet. Hier wird in einer Art und Weise in den Personalstil der Zuschriften hineinredigiert, der den editorischen Gepflogenheiten entsprechen mag, mir aber als Leser tendenziös und übergriffig erscheint – ganz unabhängig davon, wie der Einzelne zum Gendern insgesamt steht. (Ein Glück, dass das nicht mit einem meiner Briefe passiert ist, es wäre mir sauer aufgestoßen!)
Wir stellen fest: es rappelt mal wieder im Gender-Karton, wenn auch nur milde.

Veröffentlicht unter Gesellschaft, Medienphilosophie | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

Veröffentlicht unter Cartoon (eigene Arbeiten), Gesellschaft | Verschlagwortet mit | Kommentar hinterlassen

Vorspiele auf dem Theater (11)

betr.: Werkanfänge mit Theater-, Musik oder Medienbezug

„Irrgarten der Leidenschaft“

Schon die Vorspanntitel laufen über den Körper einer sich im Scheinwerferlicht suggestiv windenden Tänzerin. Wir sind in einem Milieu. Das Hitchcock immer wieder beschäftigen wird: der Welt der Bühne, der Show, des Varietés, der Welt, in der die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen. Illusionen und Wirklichkeit prallen aufeinander, oft mit tödlichem Resultat.
Hier ist es zunächst noch nicht der Tod, aber dafür geiler Voyeurismus. Tänzerinnen bieten ihre Körper provokativ in einer Revue dar, im Zuschauerraum ein irritierender Gegenstand, der sich als Opernglas entpuppt. Dem Close-Up einer Tänzerin stellt Hitchcock die Großaufnahme eines vor Erregung schwitzenden Herrn im Parkett gegenüber. In wenigen Bildern, die keiner erklärenden Zwischentitel bedürfen, benennt Hitchcock präzis, um was es geht: käuflicher Sex, Fixierung auf Frauenbeine – da trifft sich der Meister schon im ersten Film mit seinem Schüler Truffaut, bei dem auch in jedem Film die Kamera suggestiv auf die Beine der Darstellerinnen schaut.

Bodo Fründt in „Alfred Hitchcock und seine Filme“, Heyne, März 1986

Veröffentlicht unter Film | Verschlagwortet mit , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Der Song des Tages: „There’s No Business Like Show Business“

betr.: 99. Geburtstag von Elaine Strich

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Elaine-Stritch-at-Liberty_51C216HNAZL._AC_UF8941000_QL80_.jpg

In der Eröffnungsnummer ihres Soloprogramms „Elaine Stritch at Liberty“ (2001) hat das sprichwörtliche alte Zirkuspferd Elaine Stritch im schönsten Sinne gegen mindestens ein Naturgesetz verstoßen. Es gelang ihr, die ebenso totgespielte wie immergrüne Nummer „There’s No Business Like Show Business“ zu ihrer ganz eigenen zu machen. Ich will Sie keine Sekunde länger durch eine Fortsetzung dieses Textes davon abhalten, sich diese Glanzleistung anzuschauen.

Veröffentlicht unter Kabarett und Comedy, Musicalgeschichte, Musik | Verschlagwortet mit , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Die wiedergefundene Textstelle: (schlechte) Träume

betr.: 117. Geburtstag von Günter Eich

Günter Eich war zwar ein Star der Gruppe 47, aber ein großer Erzähler war bzw. wurde er nicht. Seinen historischen Platz hat er beim Hörspiel der Nachkriegszeit gefunden, als dessen bedeutendster Vertreter er heute nichtsdestoweniger ein völlig unbekannter Name ist.
Mindestens als Lyriker hätte er wirklich etwas mehr Nachruhm verdient.
Diese Zeilen stammen aus seinem – nun ja – berühmtesten Hörspiel „Träume“.

Wacht auf, denn eure Träume sind schlecht!
Bleibt wach, weil das Entsetzliche näher kommt.
Auch zu dir kommt es, der weit entfernt wohnt in den Stätten, wo Blut vergossen wird,
auch zu dir und deinem Nachmittagsschlaf,
worin du ungern gestört wirst.
Wenn es heute nicht kommt, kommt es morgen,
aber sei gewiss.

„Oh, angenehmer Schlaf
auf den Kissen mit roten Blumen,
einem Weihnachtsgeschenk von Anita, woran sie drei Wochen gestrickt hat,
oh angenehmer Schlaf,
wenn der Braten fett war und das Gemüse zart.
Man denkt im Einschlummern an die Wochenschau von gestern abend:
Osterlämmer, erwachende Natur, Eröffnung der Spielbank in Baden-Baden,
Cambridge siegte gegen Oxford mit zweieinhalb Längen, –
das genügt, das Gehirn zu beschäftigen.
Oh, dieses weiche Kissen, Daunen aus erster Wahl!
Auf ihm vergisst man das Ärgerliche der Welt, jene Nachricht zum Beispiel:
Die wegen Abtreibung angeklagte sagte zu ihrer Verteidigung:
Die Frau, Mutter von sieben Kindern, kam zu mir mit einem Säugling,
für den sie keine Windeln hatte und der
in Zeitungspapier gewickelt war.
Nun, das sind Angelegenheiten des Gerichts, nicht unsre.
Man kann nichts dagegen tun, wenn einer etwas härter liegt als der andere,
Und was kommen mag, unsere Enkel mögen es ausfechten.“

„Ah, du schläfst schon? Wache gut auf, mein Freund!
Schon läuft der Strom in den Umzäunungen, und die Posten sind aufgestellt.“
Nein, schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind!
Seid misstrauisch gegen ihre Macht, die sie vorgeben für euch erwerben zu müssen!
Wacht darüber, dass eure Herzen nicht leer sind, wenn mit der Leere eurer Herzen gerechnet wird!
Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet!
Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!

Veröffentlicht unter Hörspiel, Literatur, Science Fiction | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

Veröffentlicht unter Cartoon (eigene Arbeiten), Gesellschaft, Musik, Popkultur | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen