Narren und ihre Wärter

Hörspieltipp zum Tode von Tom Stoppard

But soon a wonder came to light,
That showed the rogues they lied:
The man recovered of the bite,
The dog it was that died.

.          Oliver Goldsmith,  „An Elegy on the Death of a Mad Dog“

Tom Stoppard gehört zu den meistgespielten zeitgenössischen Theaterautoren und ist mit dem Drehbuch für „Shakespeare in Love“ auch für die noch größere Gruppe der Filmbegeisterten gut zu fassen. Ich habe zuletzt über ihn gestaunt, als der SRF unlängst sein Jubiläum „100 Jahre Schweizer Hörspiel“ feierte, was auch im Netz gut nachzuverfolgen war und ist.

Da lief Stoppards Originalhörspiel-Oldie „Es war der Hund, der starb“ von 1983, eine Parodie auf die Spionage-Romane seines Landsmannes John Le Carré und dessen Held „Smiley“. Es geht um Purvis, einen alten Spion, der einen kompromittierenden Brief schreibt, bevor er seinen Selbstmord verpfuscht. Sein Kollege Blair, soll ihn am Krankenbett und später in der Klapse verhören, um herauszubekommen, was dieser schräge Typ eigentlich weiß und was er möglicherweise noch alles vorhatte.
Angesehen von wenigen Misslichkeiten ist diese Produktion bemerkenswert flott und wird mit einem präzisen Comedy-Timing angeliefert, wie es (Klischee hin oder her) im Schweizer Hörspiel nicht üblich ist. Herausragend: Wolfgang Reichmann als Blair – schwer geprüft von dem Unsinn, den der überlebende Purvis so redet, fehlbesetzt wie immer: besagter Purvis Hans Helmut Dickow (ein Liebling der SRF-Hörspielredakteure), dem man seine unpassend gute Laune wie gewöhnlich einfach nicht abnehmen will. Auch die Esels-Leidenschaft von Mrs. Blair ist etwas zu absurd. Damit ist das Sündenregister aber auch erschöpft. Hans Hausmann leitet ein Ensemble zum Küssen, das bei Blairs Ankunft in der Klinik zu besonderer Hochform aufläuft (mit Hein Bender-Plück als „Commodore“ und Hanna Burgwitz als irre Oberschwester). Der Wortwitz (Übersetzung: Hilde Spiel) sprüht, dass man am Ende gleich wieder von vorn anfangen möchte.
Der SDR produzierte im selben Jahr eine Fassung von „The Dog It Was That Died“ mit Horst Bollmann und Lukas Ammann als Purvis und Blair.

https://www.srf.ch/audio/krimi/es-war-der-hund-der-starb-von-tom-stoppard-gespraech?id=AUDI20251016_NR_0091

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Kultfilm Azubis: Und ewig schleichen die Erben

Die heutige Folge unseres Podcasts spannt den Bogen vom alten Hollywood in die Swinging Sixties:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/frau-ohne-gewissen-und-andere-erbschleicher

Frau ohne Gewissen / Double Idemnity
US-Kriminaldrama von 1944

Mit kühler Raffinesse wickelt Phyllis Dietrichson den braven Versicherungsmakler Walter Neff um den Finger, um ihren Mann erst zu versichern und dann um die Ecke zu bringen. Die beiden schaffen es sogar, einen Unfall vorzutäuschen, was die Prämie verdoppelt. Doch als Walters Freund und Kollege Barton Keyes ihnen auf die Schliche zu kommen droht, beginnt das perfekte Team auseinanderzubrechen …

James M. Cains Buchvorlage wurde innerhalb weniger Jahre in Hollywood zweimal prominent verfilmt. Es war die Version des eigentlich auf Komödien spezialisierten Billy Wilder, die nicht nur besser funktionierte, sie gilt heute als archetypisches Beispiel für den klassischen Film Noir. Es duellieren sich: Barbara Stanwyck, Fred MacMurray und Edward G. Robinson.

Die Strohpuppe / Woman Of Straw
Britischer Thriller von 1963

Der Millionär Charles Richmond tyrannisiert seine Mitwelt vom Rollstuhl aus: er quält seine schwarzen Bediensteten, die er schlechter behandelt als seine Hunde, und demütigt seinen Neffen Anthony, einen bei ihm angestellten Lebemann, dessen Vater er in den Selbstmord getrieben hat, um sich die Mutter zu angeln. Nun ist auch sie nicht mehr am Leben, und Anthony sinnt auf Rache. Er engagiert die ahnungslose Italienerin Maria, um sie für sein Komplott zu benutzen …

Die James-Bond-Produzenten verbaten Sean Connery, pro Jahr mehr als einen weiteren Film zu drehen, was seinen Hass auf die 007-Rolle schürte und ihn von Anfang an zu einer vielseitigen Rollenwahl antrieb. Basil Dearden ließ ihn an der Seite von Gina Lollobrigida und dem Altstar Ralph Richardson seine bis zuletzt fieseste Rolle verkörpern.

Nächste Woche: Harry und Sally und Haus der Schatten

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Zwei neue „Familienfilme“ – Die aktuelle Kritik

ANEMONE
Familien- und Polit-Drama von Ronan Day-Lewis

Die aktuelle Kritik im Odcast

Jem Stoker (Sean Bean) will nach langer Zeit endlich seinen Bruder Ray (Daniel Day-Lewis) wiedersehen, der in absoluter Abgeschiedenheit in den Wäldern lebt. Ray ist nach überaus traumatischen Erfahrungen in der Irisch-Republikanischen Armee desertiert und hat mit der Welt gebrochen. Von heute auf morgen ließ er seine Frau Nessa und den gemeinsamen Sohn Brian zurück. Jem hat sich schließlich um die beiden gekümmert und musste mit ansehen, wie auch Brian zum Militär eingezogen wurde und dort mit seinen eigenen Dämonen ringt. In Rays Hütte liefern sich Jem und Ray ein Psycho-Duell, ohne sich zunächst recht im Klaren darüber zu sein, wie sie sich dessen Ausgang eigentlich wünschen.

Daniel Day-Lewis gilt seit den frühen Tagen seiner Karriere, spätestens aber seit dem Oscar für „Mein linker Fuß“ von 1989, als einer der besten Filmschauspieler der Welt. Er macht sich auf der Leinwand so rar, dass bereits sein schieres Auftauchen auf derselben wie eine Marienerscheinung gefeiert wird. Mit diesem Glanz will er nun auch seinen Sohn Ronan bestrahlen, der ihm dieses Drama als Mitautor und Regie-Debütant auf den Leib geschneidert hat.

Wir stellen uns die Frage: Was taugt der Film?

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Außerdem heute als Kurzkritik im Podcast:

ROOFMAN – Der Hochstapler
Komödie von Derek Cianfrance

Der ehemalige Army Ranger Jeffrey Manchester (Channing Tatum), hält sich mit Überfällen auf Fast-Food-Restaurants über Wasser, seit er bemerkt hat, dass die Lokale von McDonalds baugleich sind und sich ihre Sicherheitsvorrichtungen alle auf die selbe Art umgehen lassen.
Zugang verschafft er sich übers Dach, was ihm den Spitznamen „Roofman“ einbringt. Als er nach mehr als 40 erfolgreichen Einbrüchen gefasst wird, gelingt ihm der Ausbruch aus dem Gefängnis – nicht zuletzt, weil er das Wachpersonal mit der gleichen harmlos-liebenswerten Ausstrahlung täuscht, mit der er die ausgeraubten Restaurantmitarbeiter regelmäßig in Erstaunen versetzt hatte.
Jeffrey verlässt nicht etwa die Gegend, wie die Polizei vermutet, sondern versteckt sich hinter der hohlen Wand einer nahegelegenen „Toys ‚R‘ Us“-Filiale, wo er sich häuslich einrichtet. Nach Ladenschluss startet er von dort behutsam in ein neues Leben. Nebenbei züchtigt er den Personalchef (Peter Dinklage) für seine Hartherzigkeit. Sogar eine neue Liebe (Kirsten Dunst) kann er sich auf seinen Freigängen erobern. Es dauert eine ganze Weile, bis ihn die Vergangenheit einholt …

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/roofman-aktuelle-filmkritik

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Ghost In The Machine

betr.: Udo Kier

„Variety“ meldet den Tod von Udo Kier, unserem Mann in Hollywood, dem Star zahlloser Arthaus-, Trash- und Independent-Filme. Besonders gern erinnert sich Poki Pokinsson an die Arbeit mit ihm im Rahmen der Arbeit an dem Computerspiel „1½ Ritter“ nach dem gleichnamigen Film von Til Schweiger. Schon Kiers „Husky-Augen“ werden ihm unvergesslich bleiben, obwohl sie naturgemäß nicht von der Sprachaufnahme für das Spiel eingefangen werden konnten.
Dieser Teil meines 16-Stunden-Gespräches mit dem innovativen Game-Creator Poki ist als Bonus-Track einer der letzten Folgen meines Kultfilm-Podcasts zu hören:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/star-trek-mit-stahlhelm-und-andere-gespenstergeschichten

Das ganze Gespräch wird demnächst unter dem Titel „Deponia And Beyond“ vom ST. GEORGE HERALD veröffentlicht.

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Kultfilm Azubis: Aufgeweckte Früchtchen

Zwei Mädchen wollen ganz nach oben und schaffen es – hin und zurück.
Darum geht es in der heutigen Folge unseres Podcasts:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/show-girls-und-andere-auf-und-absteigerinnen

A) Show Girls
Amerikanisches Erotikdrama von 1995

Die Prostituierte Nomi Malone versucht, ihrem alten Leben zu entkommen und in Las Vegas als Tänzerin Karriere zu machen. Zwar findet sie ihren ersten Job als „Lap Dancer“ in einem Hinterzimmer unter ihrer Würde, doch er ermöglicht ihr einen rasanten Aufstieg in die Galashow des legendären „Stardust Hotels“. In Cristal, Star der Show „Goddess“, findet sie eine erbitterte Konkurrentin. Sie quittiert deren Intrigen mit Sabotage und steigt weiter auf – auch weil sie ihr den Liebhaber ausspannt: Zack Carey, den Direktor der Show. Aber ihr Traum offenbart seine Schattenseiten, vor allem diese: sie wird auch in ihrer neuen Karriere nichts als eine Prostituierte sein.

Der „Kult“ des Films beruht auf seinem seismischen Misserfolg. Was diesen Flop so pikant macht, sind jedoch nicht seine dröge-hausbackenen Sexszenen, sondern der Umstand, dass Paul Verhoeven und sein Drehbuchautor Joe Eszterhas bei dem Versuch gescheitert sind, ihren eigenen Hit „Basic Instinct“ zu kannibalisieren. Die Freigabe ab 17 war ihnen dabei so wichtig, dass alles Handwerkliche in den Hintergrund trat. Nach all der Zeit darf man sich fragen: ist „Show Girls“ wenigstens unfreiwillig komisch und am Ende gar nicht so schlimm wie alle sagen?

B) Blue Jasmine
US-Tragikomödie von 2013

Nach dem Scheitern ihrer Ehe mit einem betrügerischen Investment-Tycoon steht die flatterhafte Jasmine mit Chanel-Jäckchen und Louis-Vuitton-Koffer bei ihrer Schwester Ginger vor der Tür, um sich einzuquartieren. Jasmine, die das Leben auf Manhattans Upper East Side gewohnt ist, muss bis auf Weiteres unter einfachen Leuten in Downtown San Francisco leben, die ihr offensichtlich zuwider sind.
Nach einem kurzen Versuch, zu jobben, hält sie Ausschau nach einem reichen Verehrer, der ihr die Rückkehr in ihr altes Leben ermöglichen soll. Doch die wie beiläufig eingestreuten Rückblenden verraten uns nach und nach die Details der Vorgeschichte. Und dass der Abstieg nicht aufzuhalten ist …

Bald nach seinen ersten Erfolgskomödien drehte Woody Allen ein paar Filme, die ihn als gelehrigen Bewunderer des schwedischen Meisterregisseurs Ingmar Bergman auswiesen. Zeitweise wurde schon befürchtet, er sei vollständig ins ernste Fach gewechselt. Aber erst gut 20 Jahre später lotete der Autorenfilmer die Abgründe der menschlichen Seele wieder ähnlich tief aus. „Blue Jasmine“ wurde allgemein als künstlerischer Erfolg gefeiert und gilt als die beste schauspielerische Leistung von Kate Blanchett.

Nächste Woche: Frau ohne Gewissen und Die Strohpuppe

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Dicke Luft in der Wüste

Eddington
Gesellschaftsdrama von Ari Aster


Die aktuelle Kritik im Podcast

In Eddington, einer fiktivem Kleinstadt im US-Bundesstaat New Mexico, ist die grassierende Corona-Pandemie noch nicht angekommen. Während sich der konservative Sheriff Joe Cross (Joaquin Phoenix) weigert, der Maskenpflicht Folge zu leisten, weil er das Virus für eine Erfindung hält, nimmt es der um seine Wiederwahl kämpfende Bürgermeister Ted Garcia (Perdo Pascal) umso genauer. Auch privat sind sich die beiden Männer in herzlicher Abneigung verbunden. Grund ist ihre jeweilige Vorgeschichte mit Joes heutiger Ehefrau Louise (Emma Stone). Sie hat seelische Probleme – wenn auch nicht annähernd so große wie ihre durchgeknallte Mutter Dawn, eine Verschwörungsaktivistin, die Besuch kam und einfach nicht wieder geht. Die Ereignisse überschlagen sich, als Sheriff Joe beschließt, ebenfalls für das Bürgermeisteramt zu kandidieren und kurz darauf ein Doppelmord geschieht.

Neben der Covid-19-Pandemie hält „Eddington“ Personal und Publikum auch mit Black Lives Matter, der Trump-Präsidentschaft, Pizzagate und QAnon, der Antifa, toxischer Männlichkeit, Rassismus, dem Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern und der Bedrohung durch mächtige Tech-Konzerne auf Trab. Das Tollhaus USA tobt in einem Mikrokosmos. Anders als in ähnlichen Milieustudien wie „Cop Land“ oder „A Bad Day At Black Rock“ ist dies jedoch kein Kammerspiel.

Wenn das Gerede in einem Film nie aufhört, dann hat man es hoffentlich mit einem gut geschriebenen Dialogstück zu tun, in dem auf geistreiche Weise Feindseligkeiten ausgetragen werden. „Eddington“ bietet von Schauplatz und Personal her dafür die besten Voraussetzungen. Andererseits ist es aber ein Film von Ari Aster – und der mag es ja gern sehr groß und gewaltig. Ein Interessanter Widerspruch, dem wir hier versuchen, auf den Grund zu gehen:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/eddington-aktuelle-filmkritik

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Camgirls

In den späten 90er Jahren, bevor es Likes und Follower gab, zeigten sogenannte Camgirls ihr Leben im Netz. Im Laufe der Zeit sollten sie Intimität, Öffentlichkeit und Gemeinschaft im Internet neu definieren.
Webcams galten der Presse als bahnbrechende Technologie, und deren meist männliche Erfinder und Investoren als Internetpioniere. Die erfolgreichsten Personen vor der Kamera waren hingegen Frauen oder schwule Männer. Sie wurden nicht als Pioniere angesehen, sondern eher als Boten besorgniserregender sozialer Tendenzen. Ihren Anblick verband man mit der Angst vor wachsendem Narzissmus und einer neuen Kultur der Überwachung. Wer davon fasziniert war, dem gefiel die Illusion von Nähe.
Webcamming war zunächst nur ein Experiment, dafür sorgte schon das damalige, sehr begrenzte Bandbreiten-Angebot. „Streaming“ bedeutete, alle paar Minuten ein neues Standbild zu präsentieren. Die Camgirls waren die ersten, die ausprobierten, was es heißt online zu sein.
1996 ließ Jennifer Ringley als „Jennicam“ die Welt erstmals rund um die Uhr an ihrem Leben teilhaben und schrieb damit Internetgeschichte.

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Schlafen ohne zu wandeln

betr.: Buch und Hörbuch „Die Schlafenden“ von Anthony Passeron

1981 taucht eine Lungenkrankheit in den USA und Frankreich wieder auf, die als ausgerottet galt. Alle Erkrankten sind homosexuell. Als sich andere Syndrome dazugesellen, z.B. ein seltener Hautkrebs, spricht man bei der auslösenden Immunschwäche von GRID (Gay Related Immune Disease) bzw. „Schwulenkrebs“. Später bekommt die Krankheit einen offiziellen Namen: AIDS. Die Familiengeschichte des Erzählers wird sich mit diesen Ereignissen kreuzen: 1983 bricht Desiré aus der Metzgerei seiner Eltern und dem erstickenden Mief seines kleinen südfranzösischen Dorfes in die weite Welt auf. Er ist der Intellektuelle und verhätschelte Erstgeborene der Familie, während sein Bruder Émile – der Vater des Erzählers – von klein auf das Metzgerhandwerk lernen muss. Als Desiré zu seiner Familie zurückkehrt, ist er heroinabhängig. Und unheilbar krank …

Der Titel „Die Schlafenden“ bezieht sich auf die AIDS-Krise, von der der Roman mit dokumentarischer Präzision erzählt. Doch er verhandelt ebenso fesselnd die Befindlichkeiten, Konflikte und Perspektiven seiner Figuren. Die hat der Autor dem Schweigen seiner Familie entreißen müssen, denn sein leichtlebiger Onkel, der früh verstorbene Desiré hat nicht nur die in ihn gesetzten Hoffnungen enttäuscht, sondern auch die geltenden  provinziellen Moralbegriffe verraten.

Einen eigenen Stil hat Anthony Passeron leider nicht, doch „Die Schlafenden“ ist ein großartiger Text. Die Lesung von Valentin Richter (Regie: Ulrich Lampen) steht in der ARD Audiothek und ist lediglich passabel, aber aus inhaltlichen Gründen ein dringender Hörtipp.

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Ghosting

Als ich klein war, las ich einen Eintrag ins Poesiealbum, den meine Mutter einst von ihrem Bruder, meinem Onkel Pauli, erhalten hatte. Da stand sinngemäß: „Eine Freundschaft, die zerbricht, hat nie bestanden. Auch nicht, als sie zu bestehen schien.“
Ich fand diese Ansage (sicherlich ein kluges, altes Zitat) sehr beeindruckend und hoffte, sie möge nicht wahr sein. Bis heute bin ich mir da nicht ganz sicher. Aber in Zeiten, in denen dem „Ghosting“ schon ein eigener Anglizismus zuerkannt wird, sollte man da vielleicht nicht so streng sein. Das wortlose Abtauchen aus einer Verbindung / Beziehung / Freundschaft / Bekanntschaft war schließlich noch nie so leicht wie in unserer Ära der sozialen Medien.
Eine andere Beobachtung habe ich jedoch gemacht, die ich heute (gut formuliert) ins Poesiealbum schreiben würde, wenn es dergleichen noch gäbe: Wer ghostet, der ist nicht umzustimmen. Das klärende Gespräch, das sich viele Sitzengelassene zum Abschied wünschen, wäre reine Zeitverschwendung. Es würde sich richtiger anfühlen, aber es würde nichts ändern. Um ist um.

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Den sollte man aber …

betr.: 43. Geburtstag von Clemens J. Setz (gestern)

In seiner Kindheit und Jugend spielte das geschriebene Wort kaum eine Rolle, aber weil er vom Computerspielen Migräne bekam, wendete sich Clemens J. Setz als Teenager dann doch dem Lesen und in der Folge auch dem Schreiben zu – und er hat bis heute mit beidem nicht mehr aufgehört.
Als Autor ist Clemens J. Setz in den unterschiedlichsten Genres zu Hause, er schreibt Romane, Erzählungen und Nacherzählungen, Theaterstücke, Gedichte und Kinderbücher und sammelt damit Auszeichnungen wie andere Briefmarken – etwa den Berliner Literaturpreis, den Österreichischen Literaturpreis oder den Georg-Büchner-Preis. Außerdem publiziert er auch digital, ist also die Art von Schriftsteller, die auch zwischen ihren Buchpublikationen öffentlich am gesellschaftlichen Leben teilnimmt und die Marcel Reich-Ranicki zuletzt so sehr vermisste. (Es ist überhaupt ein Elend, dass der „Kritikerpapst“ diesen Autor nicht mehr erlebt hat. was gäbe ich darum, könnte ich einem „Literarischen Quartett“ unter seiner Leitung zu einem von Setz‘ Büchern beiwohnen …)

Die Themen, die Clemens J. Setz beschäftigen, sind vielfältig und sehr speziell. Das Spektrum reicht von UFOs und Verschwörungstheorien über Plansprachen bis zur Twitterpoesie. Sein neuestes Werk, der für seine Verhältnisse schmale Band „Das Buch zum Film“, ist zutiefst persönlich: Clemens J. Setz hat dafür Aufzeichnungen aus den Jahren 2000 bis 2010 ausgewählt und neu zusammengestellt, aus einem Jahrzehnt, in dem „aus dem Schüler ein unterforderter Student, ein überforderter Zivildiener (…) und endlich ein gefeierter Schriftsteller wird“, wie es im Klappentext heißt.
Das Adjektiv „gefeiert“ bedarf übrigens einer Verfeinerung: das Publikum schätzt ihn bei weitem nicht so sehr wie die Fachpresse und die Jurys großer Literaturpreise. In diesem Fall liegt das Versäumnis bei ersteren.

Was Klänge betrifft, hat Setz eine ganz besondere Wahrnehmung: Bei ihm lösen schon Alltagsgeräusche körperliche Empfindungen und Farbwahrnehmung aus. Musik spielt in seinem Leben eine tragende Rolle, nicht nur als Hobby-Jazzpianist und Obertonsänger, sondern vor allem auch in der Musikalität seiner Sprache. Davon berichtet eine Sendung des ORF-Kultursenders Ö1, die sich hier noch ein Weilchen nachhören lässt:

https://oe1.orf.at/player/20251115/813561

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