Tamara Hahn hat vor einigen Jahren in aller Stille ein Buch vorgelegt, das uns in Fragen der Selbsterfindung und Selbstdarstellung ein Leitfaden sein kann – gerade in den Zeiten der Sozialen Medien. Nebenbei ist dies das einzige Buch überhaupt, das in deutscher Sprache über Noël Coward vorgelegt worden ist: „It’s All A Question Of Masks – Selbstinszenierung und Modernität bei Noël Coward“. Am Beispiel dieses Universal-Künstlers, der vor etwa 100 Jahren den modernen Prominenten im Selbstversuch quasi erfunden hat, erfahren wir allerlei Erstaunliches zum Thema Medienkompetenz. Es handelt sich um eine Dissertation von 2002, die der Lit Verlag Münster 2004 veröffentlicht hat und die noch immer erhältlich ist. Die Autorin hat mir gestattet, diesen bereichernden Text hier als Serie wiederzugeben, wofür ich mich ganz herzlich bedanke.
Die Gerüchte reißen nicht ab (das will ich jedenfalls hoffen!), dass Ralf König sich in absehbarer Zeit in einem eigenen Comic-Abenteuer Popeye, dem Seemann zuwenden könnte.
„Konrad und Paul“ – Facebook-Beitrag vom 8.4.2023 – Copyright by Ralf König
Angelockt hätte ihn dann unzweifelhaft Popeyes ewiger Gegenspieler Brutus bzw. Bluto, ein Prachtkerl, der in den schönsten Momenten deutscher Übersetzerkunst „Bonzo“ geheißen hat. Er war beim Erfinder Serie nur ein Komparse gewesen, doch auf der Leinwand wurde Bonzo zur unverzichtbaren Säule des Popeye-Ensembles. Das bestinformierte Fachbuch zum Thema* – es stammt von Bud Sagendorf – weiß zu berichten, dass er 2,3 Meter groß ist, knapp 170 Kilo wiegt und in Hollywood zur Welt kam: „Bonzo ist nicht dumm, er ist nur einfältig. Obwohl er jahrelang von Popeyes Fäusten k.o. geschlagen wurde, glaubt er immer noch, den Seemann besiegen zu können. (…) Für den Cartoonisten ist Bonzo die ideale Figur. Sein massiger Körper und sein Spatzenhirn bieten sich für witzige Situationen geradezu an. Es macht Spaß, ihn zu zeichnen …“ – Das kann Ralf gewiss bestätigen. ________________________ * Noch mehr dazu gibt es hier: https://blog.montyarnold.com/2014/09/22/der-multimedia-spinatmatrose/
Der zum professionellen Vielleser aufgestiegene Literaturliebhaber Marcel Reich-Ranicki war der gern geäußerten Meinung, ein Roman – auch ein guter! – sollte höflicherweise höchstens 300 Seiten lang sein (am besten: dünner). So viel und gern ich selber lese, so gut kann ich ihn verstehen. Allzu umfangreiche Romane schüchtern mich ein – zumindest, wenn ich sie nicht als gut interpretiertes Hörbuch genießen kann.
Bestsellerautor John Grisham sieht es genauso, aktiv wie passiv. Als jemand, der es nicht nötig hat, Zeilenschinderei zu betreiben, erklärt er: „Wenn ich einen Roman beginne, strebe ich 100.000 Wörter an. Einmal merkte ich, dass es 200.000 werden würden. Sowas kann ich nicht machen, allein schon weil ich es nicht pünktlich fertigkriegen würde. Außerdem habe ich selber keine Lust, einen 500-Seiten-Schinken zu lesen.“ Nicht alle halten sich dran, was ihrem Erfolg aber keinen Abbruch tut. Der ebenfalls vielgelesene John Irving legte zuletzt einen Tausendseiter vor (entgegen der geltenden Regel, er schriebe alle drei bis vier Jahre ein Buch von 600 Seiten …). Solange John Grisham der einzige ist, der es nicht liest, muss sich Irving ja keine Sorgen machen.
Schon Ende der 60er Jahre machte der Rowohlt Verlag folgende Rechnung auf – diesmal nicht Seiten oder Wörter, sondern noch winzigere Einheiten zählend: „Fünfhunderttausend Buchstaben, wenn nicht mehr oder weniger, sind in einem einzigen Taschenbuch abgedruckt, die Satzzeichen nicht mitgezählt.“ – Mit „ein Taschenbuch“ war ein Rotationsroman gemeint (ein rororo). „Eine halbe Million Buchstaben bedeutet umgerechnet auf den Preis: man bekommt etwa 2000 gemischte Buchstaben pro Pfennig. Aneinandergereiht eine drei Meter lange Letternkette. Das ist sehr preiswert, verglichen etwa mit den Buchstaben auf einer Briefmarke.“
Übrigens: in einem Bleistift steckt ein Strich von 13 Kilometer Länge.
Als Kind sowohl der 70er Fernseh-Jahre als auch einer Kirchenmusikerin war ich regelmäßig Zeuge alter amerikanischer Bibelschinken. Diese Filme liefen das ganze Jahr über, nicht nur zu den wichtigen Feiertagen, und das Repertoire war weitaus umfangreicher als heute. Den ersten Breitwandfilm der Kinogeschichte, „Das Gewand“ von 1953, mochte ich besonders. Das galt und gilt auch für die Filmmusik von Alfred Newman, der sich hier auf dem ureigenen Terrain des Historienfilm-Spezialisten Miklós Rózsa fabelhaft schlug. Mir blieb nichts anderes übrig, als den Soundtrack vor dem Fernseher kniend mit einen primitiven Plastikmikro auf Cassette aufzunehmen, das Soundtrack-Album sollte aber einige Jahre später zu den ersten einschlägigen LPs gehören, die ich in meine Sammlung aufnehmen konnte. Den Heiland bekommen wir in dieser Verfilmung nicht zu sehen (jedenfalls nicht sein Gesicht), ebenso wurde es auch in „Ben Hur“ gehalten. Die kurze Zeitspanne zwischen dem Jubel, der Jesus am Palmsonntag entgegenbrandet, und seiner Kreuzigung schnurrt im Kirchenjahr auf eine knappe Woche zusammen. Das ist eine der wenigen Lehren, die mir aus meiner katholischen Erziehung bis heute geblieben sind: Popularität ist flüchtig. Um es mit den Worten von H. L. Mencken auszudrücken: Die gleichen Vollidioten, die dir gestern noch zugejubelt haben, tanzen morgen um den Scheiterhaufen, auf dem du verbrannt wirst.
Der etwas jüngere Kollege Joe Hembus bezeichnete ihn einst als „den brillantesten und Witzigsten Chronisten des amerikanischen Films“. Wie recht er damit hatte, lässt sich schon an einigen Bildunterschriften von William K. Everson ablesen. Wann immer sie etwas ausführlicher gerieten, beinhalteten sie Informationen, die im Fließtext untergegangen wären.
Die Tatsache, dass Lon Chaney jr. und Bela Lugosi (links) gleich groß waren, ließ das Monster weniger bedrohlich erscheinen. – Foto und Unterzeile: Goldmann Verlag
Es kommt sogar vor, dass man sich Bild recht gut vorstellen kann, wenn man nur die Unterschrift liest. Unter einem hochformatigen Szenenfoto aus einen frühen farbigen Horrorfilm findet sich der Hinweis: „Dr. Thorkel (Albert Dekker) aud der Jagd nach seinen Puppengroßen Opfern. Dies ist eine Fotomontage für Werbezwecke; die Szene ist im Film weniger beeindruckend. Hinzu kommt, dass Charles Halton (2. v. l.) bereits vor dieser Sequenz getötet worden ist und somit in diesem Standfoto eigentlich gar nichts zu suchen hat.“ Besondere Freude macht mir ein Bild mit Laurel & Hardy (die sich der Inszenierung ihrer Standfotos besonders liebevoll widmeten): Stan und Ollie werden als Sträflinge im Straßenbau eingesetzt. Zwei feine Damen kommen des Wegs und mustern die beiden, die – breit grinsend – sogleich zu flirten versuchen. Darunter steht: „Damen der Gesellschaft, stets bereit, in jedem Tunichtgut das Gute zu entdecken, finden an Laurel und Hardy überhaupt nichts Erfreuliches.“
Der Erfinder und Automobilpionier Henry Ford mag uns heute gar nicht mehr recht in den Kram passen – zu schnell landet er trotz seiner historischen Leistungen in diversen ekeligen Diskurs-Schubladen. Von der Ausbeutung der Arbeiterklasse über die Konstruktion von „Verbrennern“ bis hin zum Antisemitismus hat er keine Ferkelei ausgelassen, die uns Heutigen Sorgen bereitet. Seine Autobiographie „Erfolg im Leben – Mein Leben und Werk“ von 1940 ist inzwischen vor allem kurios, liest sich über weite Strecken eher naiv als provozierend. Immerhin kommt Ford zu einer verblüffend bescheidenen Einsicht: „Ich bin nicht in der Lage, über das Geld- und Kreditsystem zu dogmatisieren. Unser positives Wissen über Geld und Kredit ist so gering, dass keiner dazu in der Lage sein dürfte.“ Er denkt allerdings doch darüber nach. Das Kapitel, in dem sich die Zeile findet, heißt „Geld – Herr oder Knecht?“.
betr.: Jens Wawrczeck hat aus der Romanvorlage zu Alfred Hitchcocks „Der Fall Paradin“ ein fast gleichnamiges Hörbuch gemacht.
Ein besonderer Reiz der Hörbuchreihe „Hitch und ich“ (es gibt mehrere!) liegt in der Möglichkeit, die unterschiedliche Treue zu beobachten, die Alfred Hitchcock bei den Verfilmungen der Romane an den Tag legte, die einen Großteil seines Werkes inspiriert haben. „Immer Ärger mit Harry“ bleibt fast Zeile für Zeile am Originaltext (Folge 5 der Reihe), „Notorious“ weicht von „Das Lied des Drachen“ (Folge 14) so erheblich ab, dass ich den Text gar nicht als dessen literarische Vorlage erkannt hätte. Im Falle von „Der Fall Paradine“ hoffe ich auf eine große Ähnlichkeit des Buches mit dem Film, ist dieser doch viel besser als alle (und Hitchcock selbst) immer sagen.* Jens und ich sind uns in diesem Punkt übrigens einig, wenn wir auch über die Besetzung unterschiedlicher Meinung sind: er findet Charles Laughton und Ethel Barrymore als verfeindetes Ehepaar zu dick, ich störe mich an dem allzu gepflegten „Stallburschen“ Louis Jourdan – und jeweils umgekehrt.
Der Roman von Robert Hichens wurde tatsächlich schon 1935 auf Deutsch vorgelegt, zwei Jahre nach seinem Erscheinen. „Wege im Zwielicht“ war allerdings leicht gekürzt. Dann mal rein ins Vergnügen! ____________________________ * Näheres dazu hier: https://blog.montyarnold.com/2022/07/24/der-fall-paradin/
Cover-Illustration der Reprint-Ausgabe von James Bama
21. Auf Messers Schneide (Will Terror Come?)
Eine halbe Stunde später öffnete Doc Savage seine Festung der Einsamkeit. Er musste zu diesem Zweck eines der Flugzeuge opfern. Doc ließ die Maschine an, richtete sie auf die Wand des Großen Blauen Dorns und sprang rechtzeitig ab. Der Motor riss ein Loch in die Kuppel, durch das die Männer eindringen konnten. Nur Doc, Ham, Monk und Long Tom betraten das Bauwerk. Sie trugen Gasmasken, die sie in Sunlights Gepäck gefunden hatten. Die Banditen lagen überall verstreut, sie waren besinnungslos. Monk, Ham und Long Tom hatten sich häufig gefragt, wie Docs Festung der Einsamkeit wohl aussehen mochte; sie hatten sich eine gewisse Vorstellung davon gemacht, aber jetzt sahen sie, dass die Wirklichkeit ihre Erwartungen weit übertraf. Monk machte sich sofort über das Labor her; es war das modernste, das er je gesehen hatte, und er kannte nicht wenige. Er wusste in der Chemie Bescheid wie kaum ein zweiter und hatte angenommen, auf diesem Gebiet sei ihm nichts fremd; aber einige Apparaturen in dieser Festung waren so ungewöhnlich, dass Monk nicht einmal ihren Zweck erriet. „Ich bin beeindruckt“, sagte er schlicht. Long Tom, der Elektronikexperte, entdeckte eine Experimentieranlage, die ihm den Atem verschlug. Es juckte ihm in den Fingern, damit ein wenig zu spielen. Sein eigener Arbeitsplatz und derjenige, den Doc in seiner Wohnung in New York unterhielt, waren dagegen die reinste Kinderei. Ham, der Jurist, hielt Ausschau nach Gesetzbüchern, aber er fand keine. Er war am wenigsten beeindruckt. Chemie und Elektronik interessierten ihn nicht. Er vertrieb sich die Zeit damit, die bewusstlosen Parteigänger John Sunlights einzusammeln und an die frische Luft zu schaffen. Später fragte er Doc nach dem Material und der Bauweise der blauen Kuppel. Doc erläuterte ihm, dass das Material eine besondere Glasmischung war, aber unter Hitzeeinwirkung schmolz. Die Kuppel war nach dem Prinzip eines Eskimoiglus gebaut, die Nähte der einzelnen Teile waren mit einer Art Lötlampe verschmolzen. Das Material hatte den Vorteil, ein schlechter Wärmeleiter zu sein, das heißt, die arktische Kälte blieb draußen. „Aha“, sagte Ham. Docs Ausführungen waren ihm bereits viel zu technisch; so genau hatte er es nicht wissen wollen. „Ich sehe mich noch ein wenig um . .“ Er sah sich um und kam nach wenigen Minuten aufgeregt zurück. „Doc!“ sagte er. „Sunlight ist nicht da!“ „Sunlight ist nicht da?“ Sie suchten überall. Doc, der natürlich jeden Winkel seiner Festung kannte, ging systematisch vor, er kämmte die gesamte Kuppel durch, aber es blieb dabei, Sunlight war verschwunden. Sie fragten die Gefangenen, aber keiner hatte Sunlight gesehen. Sunlight blieb verschollen, sie fanden weder ihn noch war seine Leiche irgendwo zu entdecken. Doc begann die Umgebung seiner Kuppel abzusuchen. Er entdeckte Fußspuren, die nur von Sunlight stammen konnten, und begriff, dass der Mann nicht mit seinen Leuten in die Kuppel gegangen war. Er hatte einen Bogen um das Bauwerk gemacht und sich im Schnee versteckt. Als er sehen musste, dass seine Leute den Kampf verloren, war er geflohen.
betr.: 80. Jahrestag der New-York-Premiere von „Air Raid Wardens“
Der melancholische Reiz entlegener Lebensräume wird hier häufiger gewürdigt.* Auch in „Air Raid Wardens“ findet sich ein klassisch-obskures sprachliches Vorspiel. Dem Film selbst sollte eine Warnung vorausgeschickt werden – zumindest an die Adresse der Fans von Laurel und Hardy, die in diesem Ensemble-Stück die Hauptrollen spielen. „Air Raid Wardens“ ist ein unaufgeregter Beitrag zum US-Propagandakino der frühen 40er Jahre (so weit, so unanstößig). Leider zählt er zum weitgehend beklemmenden Spätwerk von Laurel & Hardy, mit denen bei 20th Century Fox niemand mehr etwas anzufangen wusste. Das Schreckliche an diesem Film ist die Selbsteinschätzung der beiden Helden: zu schade, dass wir so doof sind. Das ist nicht nur als handwerklicher Ansatz tödlich für jede Art von Comedy, es ist außerdem eine unverdient schmachvolle Aufgabe für zwei so verdiente Komödianten. Sei’s drum!
Das ist das Städtchen Huxton – nicht so bedeutend wie Chicago oder New York, nur eine Kleinstadt. In Huxton ist nie viel los, höchstens eine Tanzerei im Feuerwehrsaal oder mal eine Hochzeit. Aber eines Tages war dafür besonders viel los! An diesem Tag war der Friseur Charlie Bogart so aufgeregt, dass er drei Kunden ins Kinn schnitt und einen in den Adamsapfel. Dieser Kleine ist gerade rasiert worden. Er heißt Midlan, Hugo Midlan. Er ist noch nicht lange in Huxton, erst seit ein paar Tagen. Aber der hier lebt schon ewig in unserem Städtchen. – Tag, Käpt’n Widdle! – Er ist Rektor an der Oberschule. Er hat mich mal rausgeschmissen. Ich hab’s allerdings verdient gehabt. Das ist die Lokalzeitung. Der Mann am Pult ist der Herausgeber: Dan Madison, der meistbeschäftigte Mann der Stadt. Er ist gerade als Luftschutzleiter in Huxton eingesetzt worden. Und das ist Peggy Parker, Dan Madisons Chefreporterin. Nein, nein, kommen Sie jetzt nicht auf falsche Gedanken! Die beiden sind miteinander verlobt. Jeder in Huxton hat Peggy gern. Dies hier ist Mr. James P. Norton, Direktor der Bank. Er gibt jedem gerne Kredit und am liebsten noch seine eigene Frau dazu. Die loszuwerden, wäre für ihn kein Verlustgeschäft. – Guten Morgen, Mr. Norton! – Die beiden sind ein sehr glückliches Paar. Mr. Norton betet den Boden an, auf dem Mrs. Nortons Großvater Öl gefunden hat. Da wir gerade von Paaren sprechen, gehen wir doch mal hierher. Die beiden kannte ich schon lange bevor sie berühmt wurden. … Da fällt mir ein, ich habe gerade gehört, dass sie in eine andere Branche eingestiegen sind … Ach ja, Tierhandlung. Damit müssten sie eigentlich besonderen Erfolg haben. … Was? Schon wieder umgezogen? Die beiden scheinen Zigeunerblut in sich zu haben! … Ah, da haben wir sie ja wenigstens gefunden. Aber am ersten Tag schon wieder zumachen? – Ich verstehe! Das sind die beiden ersten Kriegsfreiwilligen in Huxton. Sie wollen sich gerade melden gehen, und mit einem Nein werden sie sich nicht abspeisen lassen! Sieh sie dir an, Onkel Sam! Was meinst du? Nein? Was glauben Sie, ob die Marine sie nimmt? Auch nicht? Aber vielleicht können sie zu den Landungstruppen? Nein? Hat sie das nun entmutigt? Tja, es sieht so aus … ____________________ * Ein hochliterarisches Beispiel findet sich hier: https://blog.montyarnold.com/2022/11/19/21783/
Der Kinoprolog ist eine meiner liebsten kurzen Textgattungen. Er ist in der Regel schlanker als die gedruckte Parallelversion, ohne inhaltlich etwas wegzulassen. Das gilt auch für „Der dritte Mann“ von Graham Greene, bei dem gewissermaßen beide Fassungen gemeinsam entstanden. Die Bilder sind so treffend gewählt, dass ganz wenige genügen, um ein dreidimensionales Bild entstehen zu lassen. Dieser Text ist außerdem ein Musterbeispiel für die Tugend, zuerst die Kulisse aufzustellen und dann die Figuren hineinzuschicken. Auch Truman Capotes stilprägender Tatsachenroman „Kaltblütig“ geht so vor.* Kurioserweise hält sich der „Stern“, der mit seinem „literarischen Journalismus“ Capotes Buch viel verdankt, in seinen Artikeln grundsätzlich nicht an dieses Prinzip, sondern verteilt das Panorama nach einem Gleich-zur-Sache-Kommen auf unzählige Einschübe, was den Stil etwas geschwätzig macht.
Graham Greenes Prolog von 1948 wird im Film von einem mysteriösen Ich-Erzähler vorgetragen, der dann in die Perspektive des allwissenden Erzählers wechselt und verstummt. Der Roman verschenkt diesen herrlichen Kunstgriff und enthüllt uns den Erzähler.
Offen gestanden, ich habe das alte Wien nicht gekannt, das leichtlebige Wien des Walzertraums. Konstantinopel lag mir näher. Ich lernte Wien erst nach dem Zweiten Weltkrieg zur Zeit des Schwarzen Marktes kennen, auf dem mit allem geschoben wurde, was die Leute brauchten – vorausgesetzt, dass sie es bezahlen konnten. Amateure dieses Fachs kamen dabei natürlich leicht unter die Räder, bzw. sie landeten in der Donau. Aber wer was von dieser Branche verstand, der konnte reich werden. Wie Sie sich vielleicht noch erinnern, war die Stadt damals in vier Zonen aufgeteilt. Amerikaner, Engländer, Russen und Franzosen hatten je eine Zone besetzt, aber das Zentrum der Stadt war international. Die Polizei dort setzte sich aus diesen vier Mächten zusammen. Wundervoll, was man sich davon alles versprochen hatte. Es waren ganz brave Kerle, die alle ihr Bestes gaben. Wien sah in jener Zeit nicht anders aus als andere Städte Europas: zerbombt und verhungert. Ach, ich wollte Ihnen ja die Geschichte von Holly Martins erzählen, einem Amerikaner, der nach Wien kam, um seinen Freund zu besuchen. Der Freund hieß Harry Lime. Martins hatte in Amerika Pech gehabt, mit einem Wort: er war pleite, und Harry Lime hatte ihn eingeladen, weil wie er schrieb in Wien für ihn etwas zu machen sei. Eines Tages kam er nun an, der arme Teufel, vergnügt wie eine Haubenlerche und ohne einen Cent in der Tasche.
Diese Textfassung stammt aus der zweiten Synchronfassung (1963), die im Fernsehen und auf Tonträgern lange Zeit die dominierende war. Sie ist so raffiniert, einen Steam-Punk-Effekt anzuwenden: der Erzähler tut so, als blickte er mit etwas Koketterie aus der Zukunft auf die Gegenwart zurück. So hält es auch der Autor Günter Neumann in einem anderen Trümmerfilm: „Berliner Ballade“, der wiederum den Schwarzmarkt thematisiert.** ________________________ * Siehe https://blog.montyarnold.com/2022/11/19/21783/ ** Siehe https://blog.montyarnold.com/2017/06/19/die-schoensten-filme-die-ich-kenne-30-berliner-ballade/
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