Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

Veröffentlicht unter Cartoon (eigene Arbeiten), Gesellschaft | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

Wo kommt unsere Einsamkeit her?

Einsam bist du sehr alleine …
doch am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.     

Erich Kästner

Allein sein zu können, ist ein Luxus! Normalbürgern war es vor hundert Jahren noch gar nicht möglich. Erst mit einem zunehmenden Wohlstands-Mindestniveau erhielten wir überhaupt die Möglichkeit, uns zurückzuziehen wenn wir es wünschen. Damit wurde aber auch die Voraussetzung für das unfreiwillige Alleinsein geschaffen, die Einsamkeit.
Im Allgemeinen finden wir die Ursachen für dieses Übel an der nämlichen Stelle: in unserer Gesellschaftsstruktur. „Schuld“ an der Vereinsamung sind große Strömungen und allgemeine Phänomene: der räumliche Rückzug des Individuums und die soziale Verschratung durch die Sozialen Medien, der Wegfall der alten Großfamilie, die Demografie, die immer mehr Menschen ein Alter erreichen lässt, in dem sie ihrer früheren Kontakte verlustig gehen und zum Aufbau neuer nicht mehr in der Lage sind.
Kurzum: schuld ist der Lauf der Welt, schuld sind die anderen.

Einsamkeit hat aber noch eine zweite Ursache, die mindestens ebenso wichtig ist, von unseren Soziologen aber völlig übersehen (ignoriert?) wird. Sie ist selbstgemacht und daher ungeeignet, an unser Mitleid zu appellieren oder uns von Fragen über uns selbst abzulenken. Der Dichter nennt sie „die Unfähigkeit, mit sich selbst in Frieden in einem Raume zu verweilen“.

Mit der eingangs erwähnten Erlangung „eines eigenen Zimmers“ (Virginia Woolf) und der Bequemlichkeiten, die uns eine immer bessere technische Grundversorgung verschafft hat, fällt uns nämlich auch die Aufgabe zu, die erlangten Freiräume zu bespielen und die freie Zeit inhaltlich auszufüllen. Die meisten Menschen sind schlichtweg nicht in der Lage dazu, sich zu beschäftigen, wenn sie nicht durch die Umstände zu etwas gezwungen sind, was sie freiwillig nicht oder weniger ausgiebig täten: den Haushalt zu besorgen, Geld zu verdienen, Einkäufe zu machen, sein Kind zu erziehen oder seine kranke Mutter zu pflegen. Sobald Muße möglich wäre, vertreibt der Blick auf das Smartphone das Gefühl, sich ein eigenes Thema überlegen zu müssen.
Das Wählen einer geliebten Verrichtung, die man mit der gleichen Strenge gegen die Mitwelt verteidigt wie „etwas Wichtiges“ (also etwas von außen Eingefordertes wie Beruf oder familiäre Einbindung), ist unsere Pflicht, ist ein Gebot der Selbstachtung (diese dramatischen Ausdrücke sind mit Bedacht gewählt).

Die meisten Pensionäre – besonders die, die stets betont haben, sich auf den Zugewinn an Freiheiten und den Wegfall von Fremdbestimmung zu freuen – fallen nach dem letzten Arbeitstag in ein Loch und werden zu einer echten Plage für sich selbst und die Angehörigen. Dass ein Großteil vor allem unserer männlichen Mitbürger seinem erreichten Ruhestand kurzfristig nachstirbt, ist eine statistische Binse.
Ist man erst in eine solche Lage geraten, ist es zu spät, nach einem Hobby Ausschau zu halten. Das wäre so, als wollte man in finanzieller Not mal eben schnell eine größere Summe Geldes zusammensparen.

Viele machen sich über die Definition des Begriffes „Hobby“ auch etwas vor. Ein sehr fleißiger älterer Kollege von mir nannte, nach seinen Lieblingsbeschäftigungen befragt, immer „Kochen“ und „Reisen“. Das sind keine Hobbies, denn sie dienen jeweils einem Zweck: der Zubereitung einer Speise bzw. dem Wechsel des Ortes. Bei meinem Kollegen hatten sie zuallererst einen weiteren verbindenden Nutzen: das Bewirken von Geselligkeit (das Einladen von Freunden zum Essen bzw. das Treffen neuer / potenzieller Freunde beim Verlassen der vertrauten Umgebung). Auch beim Genuss eines spendierten Cocktails unter Palmen wird dem einen oder anderen Eingeladenen seine ständige Zugunruhe aufgefallen sein. Sie rührt von etwas her, was solche Menschen geradezu auszeichnet: die ewige Angst anderswo gerade etwas zu verpassen.  
Als mein Kollege in ein gewisses Alter kam und seine Kräfte nachließen, gingen diese „Freunde“ sogleich stiften. Er hörte auf zu kochen (für sich selbst wollte er es nicht …) und zu reisen (weil es nicht mehr automatisch zu spannenden Bekanntschaften führte). Die vermeintlichen Hobbies „Kochen“ und „Reisen“ hatten bei ihm zum Gegenteil des mit sich selbst allein sein Könnens geführt.

Veröffentlicht unter Essay, Gesellschaft | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Fantasy und Fantasie

Das jüngste Kinogenre ist zugleich auch das älteste. Zwar wurden trickreiche Märchenfilme wie „Der Dieb von Bagdad“ (USA 1940) oder „Das Dschungelbuch“ (USA 1942) von Fachleuten schon in den 40er Jahren als „Fantasy“ etikettiert, doch erst in den 70er Jahren nahm die Strömung Fahrt auf, die diese Bezeichnung auch beim Publikum trägt: Filme um mythische Wesen in Zauberwelten, in denen ein ewiges Märchenmittelalter seinen Lauf nimmt.
Die beiden frühen Kinoknüller, die die heutige Beliebtheit des Fantasy-Films begründeten, führen ein sehr unterschiedliches Nachleben:  „Excalibur“ (USA/GB 1981) war wenige Jahre später praktisch vergessen, „Conan, der Barbar“ (USA 1982) – der Durchbruch für den Universal-Komödianten Arnold Schwarzenegger – ist noch Jahrzehnte später ein Film, den Millionen Kinogänger und Videofreunde nicht nur im Munde führen, sondern tatsächlich gesehen haben.
Im Kino waren es die „Herr der Ringe“-Filme (NZ/USA 2001-03), die das Phänomen befeuerten, im Serienfernsehen der Jahrtausendwende „Game Of Thrones“ (USA 2011-19) – das eine ein verfilmter Literaturklassiker, das andere die Adaption eines brandneuen Bestsellers.
In keinem anderen Filmgenre war der generelle Unterschied zwischen  dem Genuss eines Romans und dem seiner Verfilmung so unterschiedlich. Die Fantasy-Filme bedienen ein völlig anderes Bedürfnis als die deutlich älteren Vertreter der literarischen Fantasy bzw. „Sword And Sorcery“. Ging es bei der Lektüre darum, die schillernden Welten und ihre Bewohner im eigenen Kopf entstehen zu lassen – also die Fantasie tatsächlich zu bemühen – erlaubt der Film genau dies eben nicht. Die Filmschaffenden haben zunehmend damit zu kämpfen, dass sich der Look ihrer Arbeiten zum Verwechseln ähnlich ist.

Veröffentlicht unter Film, Literatur, Medienkunde | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Ixen für Anfänger

Übung:
Dieser Filmtitel* ändert seine Bedeutung völlig, je nachdem ob er auf dem zweit- oder auf dem drittletzten Wort betont wird. Worin besteht der Unterschied?

Auflösung:
„Der Mann, der sich die Haare kurz schneiden ließ“ bedeutet im Grunde nur, dass jemand zum Friseur geht – in der Regel sind die Haare bei einem Herrn hinterher kürzer als vorher. Man kann es auch als Hinweis deuten, dass sie besonders kurz geschoren werden.
„Der Mann, der sich die Haare kurz schneiden ließ“ bezieht das nunmehr unbetonte Adjektiv auf die Dauer des Friseurbesuchs bzw. auf die Spontaneität der Aktion (im dem Sinne: „Der Mann, der sich kurz die Haare schneiden ließ“).
________________________

* Er gehört zu einem selten gezeigten belgischen Psychodrama von 1965. Zum Inhalt dieser „Analyse der Krise eines übersensiblen Menschen“ sagt der „Katholische Filmdienst“: „Ein Anwalt und Lehrer an einem Mädchengymnasium findet nicht den Mut, einer Schülerin seine Liebe zu gestehen, verliert sein Interesse an Arbeit und Umwelt und steigt bis zum Gerichtsschreiber ab. Als er sehr viel später die heimliche Geliebte als berühmte Schauspielerin wiedersieht und erfährt, dass ihre Zuneigung  gegenseitig war und nur sein Schweigen sein Glück verhinderte, greift er zur Pistole. Endstation ist die Heilanstalt …“

Veröffentlicht unter Buchauszug, Film, Mikrofonarbeit | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Wozu brauchen wir Horrorfilme?

Das Kino war das erste Medium der Kulturgeschichte, das ein urmenschliches Bedürfnis vollauf befriedigen konnte: die prickelnde Illusion größter Gefahr in völliger Sicherheit. Der Horrorfilm profitiert am meisten von diesem Grundprinzip – besonders seit des den Tonfilm gibt: „Man kann sich zwar die Augen zuhalten, wenn es einem zuviel wird, aber die Ohren lassen sich nicht verschließen!“ (so Horror-Star Donald Pleasence in einem seiner Filme).
Inhaltlich bedient sich der Horrorfilm der ältesten Angstmacher überhaupt: der unheimlichen Bedrohungen des Mythenschatzes (Geister, Untote, Flüche, Besessenheit und grauenvolle Wesen). Auf dieser Grundlage stellt sich das Genre denkbar breit auf und hat für jeden rohen oder feineren Geschmack etwas zu bieten, sei es der Splatterfilm – bei dem vorzugsweise Teenager auf anschauliche Weise zu Tode gebracht werden – oder das gepflegt gruselige Schauermelodram, das vor allem mit Andeutung arbeitet, mit der Erregung von Furcht vor dem nicht Gezeigten bzw. dem möglicherweise Bevorstehenden.
Horror ist sehr viel preisgünstiger als andere Genres, ohne deswegen im Glücksfall weniger Geld einzuspielen. Das erste Filmstudio, das sich des Genres schwerpunktmäßig annahm, war die von einem Schwaben namens Carl Laemmle gegründete Universal.
Den wichtigsten Hinweis zum weiten Feld des Horrorfilms habe ich bei William K. Everson gefunden: Humor ist für einen guten Horrorfilm unverzichtbar!

Veröffentlicht unter Film, Medienkunde | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Der Heino Jaeger des Jazz

betr.: 20. Todestag von Dodo Marmarosa

Das Album „Dodo’s Back!“ des 36jährigen Jazzpianisten Dodo Marmarosa war eine Sensation in Jazzkreisen. Der Musiker galt damals als verschollen – innerhalb und außerhalb der Szene.
Schon früh sehr erfolgreich, war ihm der Musikbetrieb bald zu viel gewesen, und er hatte sich zurückgezogen. Der Produzent des besagten Albums, Joe Siegel, beschreibt in den Liner Notes, wie schwierig es gewesen war, den sich mitunter leicht erratisch  gerierenden Künstler auf irgendetwas festzulegen – auf ein Repertoire, ein Studio, eine Plattenmarke, darauf, überhaupt zur Aufnahme zu erscheinen.

Dodo Marmarosa wurde am 12. Dezember 1925 in Pittsburgh geboren. Mit neun Jahren begann der das Klavierspiel, und obwohl sein Interesse anfangs ausschließlich der klassischen Musik galt, war er fasziniert von dem, was ein wenige Jahre älterer Nachbarsjunge so auf dem Klavier spielte – es war der später so berühmte Errol Garner. Der führte ihn in die Kunst des Jazz ein.
Bereits mit 15 war Dodo ein Profimusiker. Er spielte im Orchester des Trompeters Johnnie „Scat“ Davis, mit 16 wurde er der Pianist der Gene Krupa Big Band.
1943 gastierten Krupa und sein Orchester  in Philadelphia. Nach der Show wurde Dodo von Marinesoldaten angegriffen, die ihn bezichtigten, sich in Kriegszeiten der Einberufung zu entziehen. Es kam zu massiven Gewaltausbrüchen. Die Kopfverletzungen, die Dodo dabei erlitt, haben ihm, wie Kollegen es schilderten, den Rest gegeben. Der schon immer etwas wunderliche Knabe habe als Musiker zwar weiterhin tadellos funktioniert, aber alles andere habe irgendwie nicht mehr gestimmt.
Es war das Jahr, in dem die ersten Schallplattenaufnahmen mit Dodo Marmarosa entstanden. Er war 17 Jahre alt und spielte mit Charlie Barnet den Klassiker „The Moose“, der sich als früher Meilenstein des Bebop erweisen sollte. Ein Projekt mit Boyd Raeburn verschaffte ihm – vorübergehend – die einzige Erwähnung in J. E. Berendts „Jazzbuch“.

Nach der Mitwirkung in anderen Bigbands – bei Ted Fiorito, Tommy Dorsey und Artie Shaw – beschloss er, nur noch als Studiomusiker oder Gast auf Rundfunk-Sessions tätig zu sein. Dodo Marmarosa wurde zum führenden Pianisten in Los Angeles, um den sich Stars wie Lionel Hampton, Mel Tormé, Barney Kessel oder Louis Armstrong bemühten.

Nach seinen großen Tagen in Hollywood zog sich der Pianist Anfang der 50er Jahre in seine Heimatstadt Pittsburgh, aus der Welt und in sich selbst zurück. Er spielte noch ein paar Jahre lokal, dann versandeten auch diese Aktivitäten. Die Aufnahmen für „Dodo’s Back!“ dürften die letzten gewesen sein, die er professionell gefertigt hat.
Dodo Marmarosa starb 2002, wenige Wochen vor seinem 77. Geburtstag.

Veröffentlicht unter Musik | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

„Doc Savage – Die Festung der Einsamkeit“ (49)

Eine phantastische Erzählung von Kenneth Robeson

Siehe dazu: https://blog.montyarnold.de/2021/10/06/19056/

Fortsetzung vom 9.9.2022

15. Die Hälfte einer blauen Kuppel
(Half A Blue Ball)

Monk zuckte zusammen. Im ersten Augenblick fürchtete er schon, der Playboy hätte den Schwindel endlich bemerkt, die ganze Arbeit, die ganze Mühe sei vergeblich gewesen. Dann sagte Doc mit der Stimme des Piloten: „Ich hab mich mit Adonis unterhalten. Wir sind gleich da.“
„Warum auch nicht . . .“, sagte der Playboy. „Ich hab nichts verstanden, die verdammte Maschine macht einen Höllenlärm. Wie sieht’s unten aus?“
Monk wagte wieder zu atmen. Er war beruhigt. Es war alles in Ordnung. Der Playboy war viel zu betrunken, um überhaupt noch etwas zu bemerken.
„Vor uns ist eine Felseninsel”, erklärte Doc. „Auf der Insel befindet sich eine seltsame blaue Halbkugel.“
„Eine blaue Halbkugel?“
„Hier in der Arktis eine ungewöhnliche Erscheinung“, fügte Doc hinzu.
Der Playboy teilte in grobem Ton mit, dass er nichts, aber auch gar nichts von ungewöhnlichen Erscheinungen hielte, in der Arktis schon gar nicht.
„Gehen Sie ‚runter“, sagte er dann.
„Sehr wohl, Sir“, sagte Doc.

Monk platzte beinahe vor Neugier, aber er konnte Doc nicht weiter fragen, denn der Playboy blieb bei ihnen und starrte nach vorn, obwohl er doch immer noch nichts sehen konnte. Monk drückte den Vogel nach unten. Die blaue Halbkugel rückte näher, die scheinbar glatte Eisfläche löste sich in zahllose Schollen auf. Sie wirkten bedrohlicher, je tiefer sich das Flugzeug zur Erde senkte. „Sie sollten wieder in die Kabine gehen und sich anschnallen“, sagte Doc zu dem Playboy. „Ihre Leibwächter können Ihnen helfen.“
Monk zwängte sich hinter dem Steuerknüppel hervor und bugsierte den Playboy in die Kabine. Der Playboy kam nicht auf den Gedanken, nach dem zweiten Gardisten Adonis zu fragen. Er ließ sich willig anschnallen; am Ziel der Reise schien er nun seine guten Manieren wiedergefunden zu haben.
Monk kehrte ins Cockpit zurück. Von dort beobachtete er die Insel. Er sah jetzt, dass sie zum größten Teil mit Schnee bedeckt war, stellenweise war sie vereist, und wo die Felsen aus der weißen Masse ragten, war eine Landung unmöglich. Es gab überhaupt nur eine Stelle, wo ein Flugzeug aufsetzen konnte, und die lag im Süden, wo der Schnee tief und locker aussah, eine weiße Ebene, die vom Packeis begrenzt wurde.
Die Maschine ging noch tiefer, glitt knapp über die Schollen hinweg, schwenkte hinter die blaue Halbkugel und setzte auf der Ebene auf.
Die Ausmaße der Ebene waren für ein Rollfeld ziemlich knapp, aber für das, was Doc und Monk planten, konnten sie kaum knapp genug sein.
Die Kufen der Maschine schlitterten über den Schnee, die Geschwindigkeit war ein wenig zu hoch, aber Doc wusste das. Die hohe Geschwindigkeit gehörte zum Plan.

Veröffentlicht unter Buchauszug, Krimi, Literatur, Science Fiction | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Das Genre der Stunde: der Kriegsfilm

Das Genre möchte sowohl jene ansprechen, die sich die unterhaltsame Vermittlung einer pazifistischen Botschaft wünschen – eine Abbildung des Grauens und der Sinnlosigkeit einer Katastrophe, bei der es letztlich keine Sieger geben kann – als auch die Freunde expliziter Gewaltdarstellungen, in denen sich große Menschenmassen aufreiben. Pikanterweise ist einer der ewigen Klassiker des Genres „Die Brücke am Kwai“ (GB/USA 1957) ein Film, der einen Spagat hinbekommt. Das Schlussbild könnte sinn- und trostloser nicht sein, doch das Geschmetter britischer Marschmusik (die können es einfach am besten!) lässt den Militärromantiker im Publikum das Gesicht wahren. Alec Guinness ist ein Held, wenn auch ein gebrochener.
Die ältesten / schwarzweißen Evergreens des Kriegsfilms schlagen sich klar auf die Seite der Antikriegsbotschaft: „Im Westen nichts Neues“ (USA 1930), „Die große Illusion“ (F 1937) und „Die Brücke (D 1955).
Seit den späten 70er Jahren befördert der zunehmende Realismus der Darstellung die Option, sich am Gemetzel zu berauschen. Das gilt für so unterschiedliche Werke wie „Apocalypse Now“ (USA 1979) (sowie eine Vielzahl weniger bedeutender Vietnam-Filme) und „Das Boot“ (D 1981).
Der Transport patriotischer Gefühle wird vom Publikum am ehesten goutiert, wenn er aus Hollywood kommt – etwa in „Der Soldat James Ryan“ (USA 1998) -, denn auch hier gilt Hitchcocks alte Regel, dass Amerika nun einmal aus Ausländern besteht und seine Filme deshalb weltweit so gut verstanden werden.
Die Fantasy hat (vor allem im epischen Serienfernsehen) dem Kriegsfilm inzwischen den Rang abgelaufen, was explizite Gewaltorgien auf dem Schlachtfeld angeht. Der Kriegsfilm spezialisierte sich folgerichtig auf die möglichst getreuliche Abbildung historischer Szenen mit entsprechendem Anspruch: in Historienfilmen wie „Dunkirk“ (USA 2017) und „1917“ (USA 2019), aber auch in den zeitgenössischen Krisenstoffen „Sniper – Der Scharfschütze“ (USA 1993) und „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ (USA 2008).

Veröffentlicht unter Buchauszug, Film, Medienphilosophie | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Breaking Out

betr.: Medienkunde

Und wieder gibt es für einen besonders alten Hut einen sexy Neologismus aus dem englischen Sprachraum!
Ein „breakout character“ ist das personelle Kernstück eines Spin Off: eine Nebenfigur, die aus einer Serie aussteigt, um von deren Erfolg profitierend ein eigenes Format zu tragen. Dieses Prinzip wurde 1960 in der „Andy Griffith Show“ erstmals vorgeführt (und bald darauf von Marvel Comics auch in einem Printmedium etabliert und gepflegt). Im Streaming hat es zu einer neuen Blüte gefunden, ermöglicht es doch den Produzenten, eine Serie nach deren Auslaufen mit einer Vorgeschichte weiter auszuwerten (wie im Falle des schmierigen Anwalts aus „Breaking Bad“). Nach hinten gibt es keine Luft mehr, weil die Figur erzählerisch oder biologisch an ihr Ende gekommen ist. So verfuhr man sogar im Kino (mit der Vorgeschichte des „Star Wars“-Helden Han Solo).
In der Ära des linearen Fernsehens wurden solche Geschichten noch parallel zum Hauptstrang erzählt, damit die Fans eines laufenden Erfolgs ein weiteres Mal einschalteten: „Frasier“ verließ die Kneipengesellschaft von „Cheers“, „Stockinger“ die Amtsstube von „Kommissar Rex“ – und Gaststars aus der alten Umgebung konnten zu Besuch kommen, um für gute Stimmung zu sorgen.
Nicht jede originelle Charge verträgt eine solche Beförderung und erweist sich ohne ihr natürliches Umfeld als nicht abendfüllend. Das kann sogar Hauptfiguren passieren.
Als nach gut zehnjähriger Pause der „Tatort“-Ermittler „Schimanski“ unter eigenem Logo auf den Bildschirm zurückkehrte, war die Luft raus. Ein Großteil des Vergnügens hatte in den Rangeleien des unkonventionellen Rüpels mit seinem (inzwischen verstorbenen) pingeligen Kollegen und in den Beschränkungen durch die Dienstvorschriften bestanden. Mit Schimanski als frühverrentetem Vagabunden, der mit einer schönen (und sehr pflegeleichten) Frau auf einem Hausboot im grenznahen Ausland lebte, fiel dieser Gag in sich zusammen – was angesichts des heißerwarteten Wiedersehens mit dem alten Haudegen niemanden störte.
Manche Figuren wollen aber einfach ihr Geheimnis bewahren. Über ein aktuelles Beispiel klagte ein Kritiker, dieser Held habe durch seine Leerstellen funktioniert. „Man sollte ihn nicht erklären, sondern als Deus ex Machina auf eine Geschichte loslassen. Aber das widerspräche natürlich der Kommerzlogik der Streamingdienste“.   

Veröffentlicht unter Comic, Fernsehen, Film, Marvel, Medienkunde | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , | 1 Kommentar

Erinnerungen an Dirk Bach

betr.: „Dear Dicki“ (rororo)

„Crazy Race“ – mit Dirk Bach unterwegs im Reich der Klamotte – Bild: RTL / Universum Film

In gut zwei Wochen ist es zehn Jahre her, dass eines der beliebtesten TV-Gesichter uns jählings verlassen hat: Dirk Bach. Ein Mann, der für die Sachen, die er da auf dem Bildschirm trieb, im Grunde total überqualifiziert war.
Dass er zuallererst ein „richtiger Schauspieler“ gewesen ist, haben viele noch miterlebt. Und auch wer erst durch seine „Dirk Bach Show“ auf RTL an ihn geriet, die inzwischen dreimal so weit zurückliegt, wird etwas in dieser Richtung geahnt haben. Aber Dirks Charme wirkte jenseits solcher Einordnungen. Die gleiche Herzensgüte (ich möchte von „Knuffigkeit“ sprechen), die ihn persönlich auszeichnete, galt auch seinem Publikum – und umgekehrt.
Es war ein seltener Glücksfall. Dirk war echt.

Drei Freunde, die nun Hinterbliebene sind, haben das letzte Jahr damit zugebracht, unzählige Briefe anzuregen und einzusammeln, die andere ihm nun geschrieben haben: Hella von Sinnen (einst Dirks Mitbewohnerin), Cornelia Scheel und Pelle Pershing. Die Liste der Rückläufe ist beachtlich und reicht von Sandkastenfreundschaften über den Kölner Underground der 80er Jahre bis in unsere mediale Gegenwart. Irgendwo dazwischen tummeln sich ehrenvolle Kabarett-Größen, denn die Kleinkunst war eine, die Dirk ebenfalls beherrschte.
Für die vielen Fans des früh verstorbenen Komödianten versteht sich von selbst, warum sie sich dieses Buch – es ist eine richtige Schwarte geworden – sogleich besorgen werden. Aber obwohl ich ja gewissermaßen zu den Befangenen gehöre, glaube ich noch etwas darin gefunden zu haben, was uns alle angeht. Sogar die, die Dirk Bach erst noch entdecken müssen – zehn Jahre sind ja eine verdammt lange Zeit …

Die schriftlichen Souvenirs (die von unzähligen Fotos aus sämtlichen Lebensabschnitten des Helden begleitet werden) ergänzen sich auf verblüffende Weise zu einer biographischen Großaufnahme. Sie lassen sich in drei Gruppen aufteilen. Da sind einmal die zumeist großen Namen, die fast eine Auditoriumsperspektive einnehmen und denen Geschliffenes, aber nicht unbedingt Persönliches einfällt („Wäre schön, wenn du jetzt bei uns wärst. Gerade in diesen komplett verrückten Zeiten.“). Einige räumen das auch erfrischend ein („… ich will hier gar nicht unken und auf Kumpel machen; denn im Grunde kannten wir uns gar nicht.“).
Es gibt auch das verschwindende Grüppchen derer, die all die Jahre immer nur von sich selbst geredet haben und die es weiterhin tun („… ich hatte eine Affäre mit dem Darsteller des Jochanaan“).
Der weitaus größte Teil der Briefe jedoch erzeugt durch seine Wärme und Subjektivität diese übergreifende Wirkung, die ich meine.
Wenn man mehrere davon hintereinander liest, kann man auf den Gedanken kommen: schade, dass all das erst jetzt geschrieben wurde. Und dann fallen einem all die lebenden Mitmenschen ein, denen man vielleicht schon länger nicht mehr gesagt hat, wie lieb man sie hat oder wie gut man findet, was sie machen. – Nicht wenige sind in diesem Buch versammelt.

Obwohl ich nicht zu denen gehört habe, die Dirk „Dicki“ nannten (hätten nennen dürfen?), habe ich damals und auch danach immer wieder erlebt, wie üppig ihm die Liebe der Seinen schon zu Lebzeiten zuteilwurde, gerade von Hella.
Also: schon alles in Ordnung. Aber natürlich komme ich ins Nachdenken.
Ich habe lange auf einem Planeten gelebt, auf dem die Menschen einander einfach mal angerufen oder besucht (!) haben, weil sie sich mal wieder sehen wollten – ohne einen weiteren Grund. Das ist für uns Heutige außerhalb ganz enger Freundschaften schon beinahe Aberwitz. Meine Komplimente – egal ob menschlich oder professionell – sind den Adressaten meistens eher peinlich. Im Zweifelsfalle muss ich noch ein bisschen üben.
Allgemein löst spontane Zustimmung in unseren optimierten virtuellen Abläufen häufig Misstrauen aus – Was will der von mir? Aber all das kann ja keine Ausrede sein!
Auch davon handelt „Dear Dicki“. Es ist ein „kugellustiges“ Fanbuch (ich liebe dieses Wort aus Rolf Kaukas Zeiten) und eine Biographie, die bisher vermisst wurde.
Und es ist noch weitaus mehr. 

Veröffentlicht unter Fernsehen, Kabarett und Comedy, Monty Arnold - Biographisches, Popkultur, Rezension | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen