Wohnwelten (8): Winston Smith, ein Mensch des Jahres „1984“

Im Flur des Victory-Blocks roch es nach gekochtem Kohl und feuchten Fußmatten. An der Rückwand war ein grellfarbiges Plakat, das für einen Innenraum eigentlich zu groß war, mit Reißnägeln an der Wand befestigt. Es stellte nur ein riesiges Gesicht von mehr als einem Meter Breite dar: das Gesicht eines Mannes von etwa fünfundvierzig Jahren, mit einem dicken, schwarzen Schnauzbart und ansprechenden, wenn auch derben Zügen. Winston ging die Treppe hinauf. Es hatte keinen Zweck, es mit dem Aufzug zu versuchen. Sogar zu den günstigsten Stunden des Tages funktionierte er nur selten, und zur Zeit war tagsüber der elektrische Strom abgestellt. Das gehörte zu den wirtschaftlichen Maßnahmen der in Vorbereitung befindlichen Hass-Woche. Die Wohnung lag sieben Treppen hoch.
Drinnen in der Wohnung verlas eine klangvolle Stimme eine Zahlenstatistik über die Roheisenproduktion. Die Stimme kam aus einer länglichen Metallplatte, die einem stumpfen Spiegel ähnelte und rechter Hand in die Wand eingelassen war. Der Apparat, ein sogenannter Televisor oder Hörsehschirm, konnte gedämpft werden, doch es gab keine Möglichkeit, ihn völlig abzustellen. Er war gleichzeitig Empfangs- und Sendegerät. Jedes von Winston verursachte Geräusch, das über ein ganz leises Flüstern hinausging, wurde von ihm registriert. Außerdem konnte Winston, solange er in dem von der Metallplatte beherrschten Sichtfeld blieb, nicht nur gehört, sondern auch gesehen werden.
Er ging quer durchs Zimmer in die winzige Küche, in der es nichts zu essen gab außer einem Stück Schwarzbrot, das für den nächsten Tag zum Frühstück aufgehoben werden musste. Er nahm aus dem Regal eine Flasche mit einer farblosen Flüssigkeit, die dem schmucklosen weißen Etikett nach „Victory-Gin“ war. Das Getränk strömte einen faden, öligen Geruch aus, wie chinesischer Reisschnaps.
Winston ging ins Wohnzimmer zurück und setzte sich an ein links vom Televisor stehendes Tischchen. Dann zog er aus der Tischschublade einen Federhalter, eine Tintenflasche und ein dickes, unbeschriebenes Diarium im Quartformat mit rotem Rücken und marmorierten Einbanddeckeln hervor.   
Aus irgendeinem Grunde war der Televisor in seinem Wohnzimmer an einer ungewöhnlichen Stelle angebracht. Statt wie üblich an der kürzeren Wand, von wo aus er den ganzen Raum beherrscht hätte, war er an der Längswand gegenüber dem Fenster eingelassen. An seiner einen Seite befand sich die kleine Nische, in der Winston jetzt saß und die vermutlich beim Bau der Wohnung für ein Bücherregal bestimmt gewesen war. Wenn er sich so in die Nische setzte und vorsichtig im Hintergrund hielt, konnte Winston wenigstens visuell, außer Reichweite des Televisors bleiben. Nun war er im Begriff, ein Tagebuch anzulegen. Die ungewöhnliche Anlage des Zimmers war zum Teil für den Gedanken verantwortlich …

Redigiert aus der Ullstein-Ausgabe (1976) des Romans von George Orwell

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Die weite Welt des Wirtschaftswunders

betr.: 98. Geburtstag von Martin Böttcher

Auf einem Teldec-Doppel-Album mit seinen wichtigsten Film- und TV-Melodien ließ sich Martin Böttcher 1974 mit diesem Text abfeiern, der und die skurrile Welt der alten Bundesrepublik wieder am Bein hochkrabbeln lässt. Das lässt nur dadurch übertreffen, diese oder andere Platte des Meisters tatsächlich aufzulegen.

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Hörspielfreunde auf Diät

betr.: Ebbe in der ARD Audiothek

Kann es sein, dass die Archivschätze schon alle gehoben sind?
Das ist sehr unwahrscheinlich, und doch bricht in der ARD-Audiothek gerade eine Sauregurkenzeit an. Das ist keine reine Sommerpause. „Kein Mucks“, der nostalgische Krimipodcast, hat sich mit dem besorgniserregenden Hinweis aus der aktuellen Staffel verabschiedet, man wisse noch nicht, wann es weitergehe. Der Science-Fiction-Podcast „Das war morgen“ wurde gar von wenigen Wochen ganz eingestellt – immerhin mit dem Versprechen, man wolle „so etwas“ bald wieder mal machen. Wer nun zum nostalgischen Hörspielpodcast des SRF flüchten will, hat ebenfalls einen ungünstigen Zeitpunkt erwischt: dort laufen gegenwärtig nur Heimat-Mehrteiler und aktuelle „Radio Tatorte“.

Liebe Online-Redaktionen: holt doch unterdessen mal eure alten Features aus dem Keller (also die Dokus zum Hören). Die wären mal was ganz Neues – wenn der Kalauer gestattet ist.
Und da wir schon dabei sind: auf dem Hörbuch-Sektor habt ihr auch noch allerhand zu liegen. Macht hoch die Tür, die Tor macht weit! Wir haben das alles schließlich mit unseren Gebühren bezahlt!

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Ein Tag im Leben des Harry Rowohlt

betr.: 10. Todestag von Harry Rowohlt

Noch zu Lebzeiten des unersetzlichen Künstlers portraitierte ihn Christian Maintz in der taz.

Ein Mann mit Namen Harry Ro-
wohlt lebte einst in Gütersloh?

Ach Quatsch! In Hamburg wohnt der Mann –
Ich fang nochmal von vorne an:

In Hamburg-Eppendorf – na klar! –
Lebt Harry schon so manches Jahr.

Er hat kein Amt und kein‘ Verlach –
Was macht der bloß den ganzen Tach?

Schon früh um sechs, mit ernster Miene,
Sitzt Harry an der Schreibmaschine

Und übersetzt Schnurrpfeifereien
Des irren Iren Flann O’Brien.

Nach circa 48 Seiten
Lege Harry den Gebenedeiten

Beseite, lutscht jedoch sofort
Rund fünf Kapitel Frank McCourt;

Drei Stories noch von Vonnegut,
Dann fühlt sich Harry etwas matt.

Er zieht ein Zigarettchen durch
Und schläft zwei Stunden wie ein Luch.

Kaum aufgewacht, so gegen vier,
Wirft er paar Verse aufs Papier.

Die stehen später – kein dumm Tüch, Mann! –
An jeder Klowand und im Büchmann.

Doch halt, wir greifen schon voraus,
Denn jetzt geht Harry aus dem Haus,

Eilt, in Ermanglung eines Huts,
Mit Mütze und in Cowboy-Boots,

In die Fabrik, nach Altona;
Und wir, wir sitzen auch schon da

Und freuen uns und sind ganz Ohr,
Denn jetzt liest Harry uns was vor.

In Jeans und Boots und dunklem Shirt
Liest Harry Frank und Flann und Kurt,

Und dann liest er von Pooh, dem Bären,
Und wir, als ob wir Kinder wären,

Wir weinen, weils so schön und wahr ist,
Und weil auf einmal alles klar ist,

Weil Harry so verdammt gut liest,
Und weil die Zeit so schnell verfließt,

Und weil die Welt vor allen Dingen …
Doch jetzt fängt Harry an zu singen;

Er brummt ganz ohne Gottvertrauen:
„Stadt Hamburch an der Elbe Auen …“

Und geht. Wir danken kollektiv:
„So long, old Harry, hol di stief!“


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Das Schweigen zwischen den Zeilen

Lesen vom Blatt / Sprechen am Mikrofon

Fortsetzung vom 4.12.2024

Wie entscheidend der Subtext ist und wie verheerend die Folgen, wenn er bei der Lesung außer Acht gelassen wird, mag das 10. Kapitel aus einem meiner Lieblings-Übungsbücher veranschaulichen: „Mord im Spiegel“ von Agatha Christie (nachlässig verfilmt in den frühen 80er Jahren).

Der Dialog spielt sich zwischen Mr. Rudd (einem Zeugen und potenziellen Verdächtigen) und Inspektor Craddock ab. Die Unterhaltung verläuft nach den üblichen Gesetzen des Plüschkrimis: die Sprechenden leben in Frieden und Wohlstand, so etwas wie Stress gibt es gar nicht, die Umgebung ist ländlich und wiederum wohlhabend. Obwohl es um eine Mordermittlung geht, ist die Stimmung von heiterer Gelassenheit. Erstens, weil das Unglück hier nicht als solches, sondern unter rein analytischen Gesichtspunkten erörtert wird („Warten Sie mal, Herr Kommissar, ich versuche, mich genau zu erinnern, was der Reihe nach geschah …“). Zweitens weil in der altmodisch-gemütlichen Welt von Agatha Christies „Countryside“ ja ein Mord insgesamt nichts Ungewöhnliches ist.

Lesen wir den Dialog nun ein zweites Mal, ändern aber den Kontext (und damit: den Subtext). Aus einer inoffiziellen Befragung machen wir einen Prozess. Wir stellen uns vor, der Fragende wäre ein Staatsanwalt – etwa in „Zeugin der Anklage“ von derselben Autorin (einmal famos fürs Kino, noch einmal starbesetzt, aber vermurkst fürs Fernsehen verfilmt). Mr. Rudd würde nun im Zeugenstand befragt werden.
Was bleibt gleich?
Hier wie dort werden die Ereignisse aus der Distanz nachträglich betrachteter Fakten behandelt, die sich nicht mehr ändern lassen. Aber diesmal geschieht das alles vor Publikum, und besonders der Staatsanwalt wird unentwegt auf seine Wirkung achten mit dem Publikum flirten (zu dem auch die Betrachter des Gerichtsfilms gehören).
Der Effekt lässt sich besonders gut imaginieren, wenn wir die Rede des Fragestellers mit Einschüben würzen wie „My Lords and Ladies, verehrte Geschworene“ oder „Hohes Gericht!“.

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Kultfilm-Azubis (4): Spinnt sie oder spinnt sie nicht?

Unser Service zu Freitag, dem 13.! In der heutigen Folge des Podcasts geht es um zwei Filme, in denen eine Frau, an deren Verstand wir gewisse Zweifel hegen, ganz allein mit ihren Problemen ist – und dann bricht auch noch die Dunkelheit herein.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/tanz-der-toten-seelen-carnival-of-souls-die-nacht-der-tausend-augen

A) Tanz der toten Seelen / Carnival Of Souls
Amerikanischer Indie-Horrorfilm von 1962

Nachdem sie als einzige aus ihrer Klicke einen Autounfall auf einer Brücke überlebt hat, fährt die junge Organistin Mary Henry nach Salt Lake City, wo sie eine Stelle als Organistin in der Kirchengemeinde angenommen hat. Als sie auf dem Weg dorthin an einem alten, verlassenen Rummelplatz vorbeifährt, erscheint ihr das erste Mal das Gesicht eines Mannes im Fenster ihres Wagens. Dieser Untote sucht sie nun immer wieder und mit wachsender Intensität heim.
Am Ziel angekommen nimmt Mary sich ein Zimmer und tritt ihre neue Stelle an. Aber ihre Visionen entfremden sie immer stärker ihrer Umwelt, von der sie sich abwechselnd bedroht und nicht wahrgenommen fühlt.
Außerdem zieht sie der Pavillon des alten Rummelplatzes magisch an. Als sie sich schließlich wieder dorthin wagt, um ihren Ängsten auf die Spur zu kommen, erfüllt sich ihr Schicksal …

Der Werbefilmer Herk Harvey schuf für‘n Appel und’n Ei einen konsequenten, außergewöhnlich irritierenden Film, einen abendfüllenden Alptraum, der von der Öffentlichkeit ignoriert wurde und der einzige Spielfilm des Regisseurs blieb. Erst 25 Jahre später brachten beinharte Fans das Werk wieder ins Kino und in die Fachpresse. Inzwischen hatte die ihrerseits von einer Story des Ambrose Bierce inspirierte Schauerballade längst unzählige ungleich erfolgreichere Filmprojekte angeleitet, von George A. Romeros „Nacht der lebenden Toten“ bis zum kompletten Lebenswerk von David Lynch.

B) Die Nacht der tausend Augen / Night Watch
US-Thriller von 1973

Die reiche Londonerin Ellen Wheeler leidet unter Schlaflosigkeit. Von ihrem Fenster aus blickt sie auf ein verlassenes Grundstück auf der anderen Straßenseite. Im oberen Stockwerk der vermoderten Bruchbude will sie die Opfer eines Mordes erspäht haben, als ein nächtlicher Sturm die Fensterläden aufklappen ließ und Blitze den Raum erleuchteten. Ihr Ehemann John glaubt ihr nicht, doch er verständigt die Polizei. Die untersucht das Haus und findet nichts. Ellen bleibt bei ihrer Darstellung. Als sie immer wieder Alarm schlägt, hat der Zuseher drei Optionen: will man die durch ein früheres Eheerlebnis traumatisierte Dame in den Wahnsinn treiben, ist sie tatsächlich verrückt, oder hat sie am Ende recht? – Wie sich herausstellt, gibt es noch eine vierte Möglichkeit …

Dieser kleine Thriller der Autorin Lucille Fletcher gehört zu den vergessenen späteren Arbeiten der legendären Diva Elizabeth Taylor. Ein Kammerspiel, das menschliche Abgründe auslotet und uns bis zuletzt an seiner Heldin zweifeln lässt.

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Prima vista 0,5: Vom Wind(e) verweht

Die Erstübersetzung von Margaret Mitchells Südstaatengemälde „Gone With The Wind“ entstand 1937, also während des Nationalsozialsozialismus und noch vor der berühmten Verfilmung. Diese Bearbeitung von Martin Beheim-Schwarzbach wurde weiter benutzt, als die Rechte 1947 zum Claassen Verlag wechselten, dürfte aber bei dieser Gelegenheit etwas überarbeitet worden sein.
2020 war man schließlich der Meinung, den gewaltigen Text ganz neu übersetzen zu müssen, was mir mindestens wegen des berühmten Anfangs leidtut, der da immer gelautet hatte:

Scarlett O’Hara war nicht eigentlich schön zu nennen. Wenn aber Männer in ihren Bann gerieten, wie jetzt die Zwillinge Tarlton, so wurden sie dessen meist nicht gewahr.

Nun – erheblich prosaischer:

Scarlett O’Hara war keine wirkliche Schönheit, auch wenn das den Männern, die ihrem Charme erlagen – wie jetzt die Tarlton-Zwillinge -, selten auffiel.

Die neue Übersetzung wurde in die Hände von Liat Himmelheber und Andreas Nohl gelegt. Nicht zuletzt, um die neue Fassung auf den ersten Blick von der alten unterscheidbar zu machen, entschied man sich für einen geringfügig geänderten Titel: „Vom Wind verweht“.

„Vom Winde verweht“, Goverts Verlag Hamburg / Claassen Verlag Düsseldorf
Deutsch von Martin Beheim-Schwarzbach
1937 / 47

„Lass uns doch querfeldein über O’Haras und Fontaines Weiden reiten“, schlug Brent vor. „Dann sind wir im Nu da.“
„Wir kriegen da nur Opossum und Grünkram zu essen“, wandte Jeems ein.
„Du kriegst überhaupt nichts“, grinste Stuart, „denn du reitest nach Hause und sagst Ma, daß wir nicht zum Abendessen kommen.“
„Nein, das ich nicht tun“, schrie Jeems voller Angst. „Das ich nicht tun! Ich auch nicht Spaß haben, von Missis Beatrice verprügelt werden. Zuerst sie mich fragen, wie ich es fertigbringen, daß Masters wieder ‘rausgeschmissen, und dann, warum ich Masters heute abend nicht mitbringen, damit sie uns alle verprügeln kann. Und dann sagen, ich bin an allem schuld. Und wenn Masters mich nicht mit zu Master Wynder nehmen, ich die ganze Nacht draußen im Wald liegenbleiben. Besser mich Landjäger beim Kragen nehmen, als Missis Beatrice!“
Verblüfft und ärgerlich sahen die Zwillinge den entschlossenen Negerjungen an.
„Es wäre dumm genug, sich vom Landjäger fassen zu lassen, und dann hätte Ma wochenlang was Neues zu reden. Du kannst mir glauben, mit den Schwarzen hat man es noch schwerer als mit uns; manchmal denke ich, daß die ganz recht haben, die den Sklavenhandel abschaffen wollen.“
„Nun, es wäre unrecht, Jeems dem auszusetzen, wovor wir Angst haben. Wir müssen ihn schon mitnehmen. Aber paß auf, du unverschämter schwarzer Schafskopf, wenn du dich vor den Schwarzen bei Wynder damit dicke tust, daß wir jeden Tag Brathuhn und Schinken essen und sie nur Kaninchen und Opossum, dann sage ich es Ma und du darfst nicht mit uns in den Krieg.“
„Dick tun? Ich mich nicht vor billigen Negern dick tun! Ich bessere Manieren, haben mir Missis Beatrice ebenso gute beigebracht wie Masters.“
„Das ist ihr bei uns allen dreien nicht besonders gut gelungen“, sagte Stuart. Er riß seinen Fuchs herum, gab ihm die Sporen und schwang sich leicht über den Lattenzaun auf den weichen Acker von Gerald O’Haras Plantage. Brents Pferd setzte hinterher, und ihm nach Jeems, der sich am Sattelknopf festklammerte. Jeems setzte nicht gern über Zäune, aber er hatte schon höhere als diese nehmen müssen, um mit seinen Herren Schritt zu halten.
Als sie im immer tieferen Dunkel durch die roten Furchen den Hügel hinab bis zur Flußweide ihren Weg verfolgten, rief Brent mit lauter Stimme seinem Bruder zu: „Stu! Kommt es dir nicht auch so vor, als ob Scarlett uns eigentlich zum Abendessen einladen wollte?“
„Das ist mir die ganze Zeit so vorgekommen“, schrie Stuart zurück.
„Warum, meinst du, hat sie …“  

„Vom Wind verweht“, Verlag Antje Kunstmann
Deutsch von Liat Himmelheber und Andreas Nohl
Januar 2020

„Wir reiten einfach querfeldein zu Ables Haus“, schlug Brent vor. „Durch Mr. O’Haras Flussmarsch und die Weide von den Fontaines, dann sind wir im Nu da.“
„Dann kriegen wir aber höchstens Opossum und Grünzeugs“, wandte Jeems ein.
„Du kriegst sowieso nichts“, grinste Stuart. „Weil, du reitest nach Hause und sagst Ma Bescheid, dass wir nicht zum Abendessen heimkommen.“
„Nee, das mach ich nich!“ rief Jeems entsetzt. „Nee, mach ich nich! Mir machts genauso wenig Spaß, wenn Miss Beatrice mich aufs Korn nimmt, wie euch. Zuerst fragt sie mich, wieso ich zugelassen hab, dass ihr wieder rausgeflogen seid, und dann, wieso ich euch heut Abend nich zum Verprügeln nach Haus gebracht hab. Und dann stürzt sie sich auf mich wie ne Ente auf nen Junikäfer, und dann kommt raus, dass ich an allem schuld bin. Wenn Sie mich nich zu Mista Wynda mitnehmen, dann versteck ich mich die ganze Nacht im Wald, und vielleicht schnappt mich dann die Patrullje, weil, ich will lieber von der Patrullje geschnappt werden wie von Miss Beatrice, wenn sie sich aufregt.“
Die Zwillinge blickten den entschlossenen schwarzen Jungen verblüfft und verärgert an.
„Es wäre ihm glatt zuzutrauen, dass er sich von der Patrouille schnappen lässt, und dann hätte Ma neuen Gesprächsstoff für mehrere Wochen. Darkys sind einfach eine Pest. Manchmal habe ich das Gefühl, die Abolitionisten haben nicht ganz unrecht.“*
„Naja, es wäre nicht fair, Jeems zu was zu zwingen, wovor wir uns drücken. Wir müssen ihn mitnehmen. Aber pass mal auf, du unverschämter schwarzer Esel, wenn du vor den Wynder-Darkys den großen Mann markierst und raushängen lässt, dass wir immer Brathähnchen und Schinken essen, während sie bloß Kaninchen und Opossum kriegen, dann – dann sag ich’s Ma. Und dann darfst du auch nicht mit uns in den Krieg ziehen.“
„Den großen Mann? Vor den billigen Niggern den großen Mann spielen? Nee, Sir, ich hab bessere Manieren. Schließlich hat Miss Beatrice mir genauso Manieren beigebracht wie euch.“
„Sie hat bei keinem von uns dreien viel Erfolg gehabt“, sagte Stuart. „Kommt, wir gehen!“
Er riss seinen großen Fuchs herum, gab ihm die Sporen und setzte dann leicht mit ihm über den Lattenzaun auf den weichen Acker von Mr. O’Haras Pflanzung. Brents Pferd folgte und zuletzt das von Jeems, wobei Jeems sich an Sattelknauf und Mähne festklammerte. Jeems setzte nicht gerne über Zäune, aber er hatte schon höhere überwunden als diesen, um mit seinen Herren mitzuhalten.
Während sie sich in der zunehmenden Dämmerung ihren Weg über die roten Furchen und abwärts zur Flussmarsch suchten, rief Brent seinem Bruder zu: „Sag mal, Stu! Hast du nicht auch das Gefühl, dass Scarlett uns eigentlich zum Abendessen einladen wollte?“
„Mir kam’s die ganze Zeit so vor“, rief Stuart.
„Was glaubst du, warum …“
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* Ohne den in der alten Fassung eingebauten Hinweis, möchte man sich fragen, womit sie in diesem Zusammenhang eigentlich nicht unrecht haben. Das „Darkys“ (scherzhaft gesagt) „eine Pest“ sind, führt nicht zu der zentralen Forderung, die Sklaverei abzuschaffen.
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Ausführliche Leseprobe der Neufassung unter:
https://www.google.de/books/edition/Vom_Wind_verweht/8rTFDwAAQBAJ?hl=de&gbpv=1&pg=PT8&printsec=frontcover

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Hausmitteilung

betr.: mein Podcast „Kultfilm Azubis“

Seit einiger Zeit wird von meinem Podcast-Hoster LetsCast.fm Werbung vor die Folgen der „Kultfilm Azubis“ geschaltet. Das ist zunächst einmal sehr erfreulich, unter anderem weil es bedeutet, dass sich ein gewisser Erfolg eingestellt hat.
Dafür an alle, die zuhören: ein herzliches Dankeschön.
Leider verrutschen somit auch die Kapitelmarken, die ich jeweils setze, um den in der zweiten Staffel zweiteiligen Podcast zu gliedern. Ich glaubte, etwas übersehen zu haben, doch auf Anfrage bekam ich einen umständlichen Formbrief, der nicht anderes aussagt, als dass dies leider nicht zu ändern sei.
Ich kann diese Schlamperei nicht fassen. Dieses Problem wäre technisch mühelos in den Griff zu bekommen.
Ich hoffe, dass ohnehin alle die komplette Folge hören und die Sprungmarken im Zweifelsfalle gar nicht brauchen.

Weiterhin: gute Unterhaltung!

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Wohnwelten (7): M privat

betr.: 41. Jahrestag der ersten Ausstrahlung eines JamesBond-Films im Deutschen Fernsehen: „Liebesgrüße aus Moskau“ in der ARD

Admiral Sir Miles Messervy ist M, der Chef von James Bond – gestreng, aber liebenswert. Immerhin aus den Romanen von Ian Fleming ist uns sein bürgerlicher Name bekannt. Dass dieser auch für die von Bernard Lee verkörperte Filmversion gilt, dürfen wir zumindest annehmen, denn in „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ wird er von einem Amtskollegen mit dem Vornamen Miles angesprochen. (Seine Nachfolgerin mit dem gleichen Kennbuchstaben ist wieder ein anderes Thema: ihr Klarname ist ein Geheimnis.)

Einmal (1963) dürfen wir Lesenden einen Blick in Ms heimisches „Achterdeck“ tun. Bond-Biograf Kingsley Amis beschreibt es als „das hübsche kleine Herrenhaus im Regency-Stil, angemessen nahe Windsor Castle. Man meldet sich an, indem man die Messingglocke eines ausgedienten Schlachtschiffs bearbeitet (stupides Gerümpel), und wird, sollte es auch nur eine Minute nach Mittag sein, mit dem ‚Afternoon‘ des Seemanns begrüßt, der stets peinlich genau auf die Zeit achtet (stupider Brauch). In einem Raum, dessen Wände alte Stiche aus der Geschichte der Seefahrt und Aquarelle wilder englischer Orchideen von Ms eigener Hand zieren, bekommt man mit einigem Glück ein Gläschen Marsala, irgendeinen scheußlichen algerischen Wein und einen billigen schwarzen Stumpen – oh, und einen Whisky-Soda (erkauft gegen einen niederträchtigen Blick).
Selbst hier, im Arbeitszimmer der ‚Villa Achterdeck‘, viele Kilometer vom Regent’s Park und der Zentrale entfernt, muss der arme Bond erfahren, dass M ihn weiterhin ‚007‘ nennt,  während er sich an M mit keiner vergleichbaren Anrede rächen kann.“

Weiterhin ist M Mitglied im „Blades Club“, obwohl er sich das bei seinem Einkommen als Chef des Geheimdienstes und Vizeadmiral (jährlich 6500 Pfund, nicht inflationsbereinigt) eigentlich nicht leisten kann, denn der Club nimmt nur solche Leute auf, die ein Kapital von 100.000 Pfund in bar oder Wertpapieren vorzuweisen haben. Die zweite Voraussetzung, gentlemanlikes Benehmen, kann M vermutlich vorweisen (trotz seines Ausrutschers in „Für Sie persönlich“). Mr. Amis nimmt an, dass das Verteidigungsministerium M die Summe vorgestreckt hat, „aber nur solange, wie er sie vorweisen musste. Man dürfte berechnet haben, dass sich ein Mann an Ort und Stelle bezahlt machen könnte, da ein exzentrischer Millionär, der vielleicht London in die Luft sprengen wollte, früher oder später im Klub auftauchen musste, um ein bisschen falsch zu spielen“.

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