Was ist woke? Was kann Wokeness?

Der Mode- und Kampfbegriff „woke“ ist älter als man denkt. Jugendliche Gegner der Sklaverei in den Nordstaaten bezeichneten sich bereits 1860 als „Wide Awakes“. Entsprechend war gemäß der Suchmaschine „Google N-Grams“ das Adjektiv „woke“ in den 1870er Jahren gebräuchlich. „Stay woke“ wurde von schwarzen Arbeitern 1940 als Losung ausgegeben. Zum flüchtigen Schlagwort des Mainstreams wurde „woke“ ab den 70er Jahren durch das Theaterstück „Garvey Lives!“, das dem schwarzen Bürgerrechtler Marcus Garvey gewidmet war. Es gewann 2008 neue Popularität durch Erykah Badus Refrain „I stay woke“. Auch „Political Correctness“ ist ein älterer Begriff, der zunächst in den 30er Jahren unter Kommunisten gebräuchlich war, dann als „politically incorrect“ in der Black-Power- und New-Left-Bewegung der 70er Jahre, in den 80er Jahren im Feminismus und in jüngerer Zeit in kritischer oder ironischer Bedeutung im allgemeinen Diskurs.
Der wahre Kern der Aufforderung zur Wokeness ist: auch gescheite Menschen sind anfällig für blinde Flecken. Doch – so drückt es amerikanische Professor Musa al-Gharbi aus: „Normale Menschen wollen nicht jeden Tag Kulturkrieg führen.“ Die Folge: die woke Welle und ihre „Awokenings“ „ändern normalerweise nicht viel für tatsächlich marginalisierte oder benachteiligte Gesellschaftsschichten. Man sieht keine größeren Umverteilungen von Ressourcen, Chancen oder Gesetzesänderungen.“ Nach seiner Beobachtung streben wir „Gerechtigkeit nur mit minimalen Kosten, Risiken oder Opfern an, ohne Abstriche an unseren Ansprüchen oder unserem Lifestyle. So werden wir die Verteilung von Wohlstand und Macht kaum ändern.

Veröffentlicht unter Gesellschaft | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

Veröffentlicht unter Cartoon (eigene Arbeiten), Gesellschaft | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

Kultfilm-Azubis (2): Verbotene Verse

Im heutigen Podcast behandeln wir zwei Filme, in denen die Verkündigung einer Formel grauenvolle Ereignisse auslöst.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/tanz-der-teufel-telefon

The Evil Dead / Tanz der Teufel
US-Horrorfilm von 1981

In „Tanz der Teufel“ suchen fünf junge Leute eine abgelegene Hütte im Wald auf, um sich dort für einige Tage zu vergnügen. Im Keller finden sie das Necronomicon, ein mysteriöses Buch der Toten, und spielen eine Tonbandaufnahme ab, auf der ein Unbekannter die Beschwörungsformeln daraus vorliest. Durch diesen Jux werden uralte, böse Dämonen erweckt. Nach und nach ergreifen diese Mächte von den Freunden Besitz und verwandeln sie in mörderische Kreaturen. Ein blutiger Überlebenskampf entbrennt, bei dem nur einer von ihnen eine Chance hat, das Grauen zu überstehen.

 „The Evil Dead“ war ein grobkörniger 16mm-Film, das offensichtliche Werk von Amateuren, die nur einen Scheinwerfer hatten. Chef-Amateur war der damals 21jährige Sam Rami, der damit seine Hollywood-Karriere begründete. 1987 legte er eine Art Remake nach, an der sich der Charme der Urfassung gut nachvollziehen lässt. Der etwas voreingenommene Eli Roth bezeichnet „Tanz der Teufel“ in seiner Dokumentarreihe „History Of Horror“ als den einflussreichsten Kultfilm aller Zeiten. Zu seiner Wirkung auf die Fangemeinde hat sicherlich beigetragen, dass der Film 35 Jahre auf der Liste der jugendgefährdenden Medien zugebracht hat.

Telefon
Amerikanischer Spionagethriller von 1977

Es ist die Blütezeit des Kalten Krieges. Der in Ungnade gefallene russische Spion Dalchimsky flieht in die USA, um die dort stationierten Schläfer in Tätigkeit zu setzen. Wir lernen jeden von ihnen rasch ein wenig kennen, ehe das Telefon klingelt und Dalchimsky den Code zu ihnen spricht, der sie in seelenlose Saboteure verwandelt. Die Worte stammen von Robert Frost: „Des Waldes Dunkel zieht mich an / doch muss zu meinem Wort ich stehn / und Meilen gehn / bevor ich schlafen kann.“ Der oder die Angerufene wird zum Zombie und führt präzise die Missetat durch, die ihm viele Jahre zuvor per Hypnose einprogrammiert wurde. Eine Mutter verlässt im Bademantel das Haus – ihre eben noch ausgeschimpften Kinder zurücklassend, ein humorvoller Pfarrer unterbricht eine Reparaturarbeit, ein muffiger Autoschlosser verwandelt sich in eine muffige Killermaschine. Wer nach der Tat noch dazu in der Lage ist, tötet sich mit Zyankali – eine verstörte Mitwelt zurücklassend.
Der KGB schickt den Agenten Borzov (Charles Bronson) in den Westen, wo ihn Kollegin Barbara (Lee Remick) empfängt. Ihre Partnerschaft wird von Spannungen geprägt sein: von persönlichen und von solchen, die der Beruf mit sich bringt. Dass Dalchimsky eine voyeuristische Ader hat und aus sicherem Abstand dem jeweiligen Inferno lüstern zusehen will, gibt seinen Jägern immerhin die Chance, sich an seine Fersen zu heften. Doch die Zeit ist knapp …

Das Skript zu Don Siegels Film schrieben Peter Hyams und Oscar-Preisträger Stirling Silliphant. Tyne Daly, später Teil des Teams „Cagney & Lacey“ – stiehlt als Programmiererin nach Meinung einiger Kritiker allen die Show.

Veröffentlicht unter Film, Podcast | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Die wiedergefundene Textstelle: Wie ein Mann (fast) jede Frau rumkriegt

Matthew Perrys Autobiographie „Friends, Lovers And The Big Terrible Thing“ besteht zum größten Teil aus koketten Selbstanklagen, die immer neue doppelte Böden aus Eigenhinterfragung, vorauseilender Einsicht, Gender Studies, anzüglichen Witzen und Tricks, sich selbst reinzuwaschen, einziehen. Hie und da schreibt er Sätze wie „Eigentlich hätte ich längst tot sein müssen“. Dass er das im Jahr nach der Buchveröffentlichung tatsächlich war, lässt vermuten, dass er sich in diesem Konstrukt der eigenen Wahrnehmung zuletzt heillos verheddert hat. Ein schönes Beispiel für solche Prosa ist der Beginn des Kapitels über seine Beziehung zum Kollegen Bruce Willis.
Perry liefert uns eingangs einen Stand-Up zum Thema Anbaggern, dessen Sarkasmus er als Erzähler ebensowenig unter Kontrolle hat wie als Held der Geschichte. Dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass er den Kampf der Geschlechter ganz gut einfängt.

Weil ich ein Superstar war, waren Dates kein Problem. Und ich eröffnete jedes einzelne so: „Hi, tut mir leid, dass ich zu spät komme. Du siehst übrigens großartig aus. Ich freue mich sehr, dich endlich kennenzulernen.“ [Pause für eine angemessen positive Antwort.]
„Aber ich möchte Missverständnisse vermeiden“, fuhr ich fort. „Ich möchte so aufrichtig wie möglich sein. Ich bin ein offenes Buch. Du kannst mich alles fragen – und ich werde dir ehrlich antworten.“
Wir tauschten weitere Floskeln aus; an einem guten Tag nickte sie zustimmend, ihr gefielen meine Offenheit, meine emotionale Haltung, meine Gefühlsseligkeit.
Dann gab ich Vollgas.
„Ich weiß ja nicht, wonach du suchst, aber wenn es eine emotionale Bindung sein sollte, bin ich nicht der Richtige.“
[Hier machte ich eine Pause, um den Satz wirken zu lassen.]
„Ich werde dich nicht jeden Tag anrufen“, fuhr ich fort, „und ich werde keine Beziehung mit dir eingehen. Aber wenn du Spaß willst, bin ich genau der Richtige.“
Cyndi Lauper, diese großartige Philosophin des 20. Jahrhunderts, hatte, wie sich herausstellte, recht – Girls just want to have fun. Aber für den Fall, dass ich mich nicht klar genug ausgedrückt hatte, fügte ich der Suppe, die ich meinem Date gerade einbrockte, noch etwas Salz hinzu.
„Ich bin sehr leidenschaftlich“, sagte ich ein wenig beschämt, für den Fall, sie glaubten, ich gelobte zu viel. „Offen gestanden bin ich sogar ein kleiner Romantiker. Selbst auf dem Crosstrainer höre ich am liebsten Frauenballaden.“
„Aber ich bin noch nicht bereit für irgendeine Art emotionaler Bindung“, wiederholte ich für den Fall, dass ich mich bisher nicht deutlich genug ausgedrückt hatte. „Ich habe gerade erst eine Beziehung und einen Entzug hinter mir und kann mich noch nicht wieder auf jemanden einlassen.“
Und dann war es Zeit für die Landung.
„Ach, willst du nicht mal einen Blick in die Speisekarte werfen“, fragte ich. „Das Essen soll hier fantastisch sein.“
Es wundert mich, wie viele Frauen sich trotzdem darauf eingelassen haben. Ich nehme an, viele von ihnen glaubten, mich ändern zu können. Was meinen Sie? Oh ja, natürlich ließ mich ab und an eine unvermittelt sitzen. Ein paar Frauen sagten: „Sorry, daran habe ich absolut kein Interesse“, standen auf und gingen. (Es ist wohl wenig überraschend, dass mich genau diese Frauen besonders interessierten.)
Aber meistens funktionierte mein Vortrag perfekt.

Dann folgt die Textpassage, mit der sich der Autor dagegen impft, es könnte ihn wirklich jemand ändern wollen. (Es gibt eine deutsche Künstler-Co-Autobiographie, die vollständig auf diesem Prinzip aufbaut, auch wenn es darin nicht ums Abschleppen geht: „Ein Schnupfen hätte auch gereicht“ von Gaby Köster.)

Funktionieren ist ein dehnbarer Begriff. Denn bei all dem Mist hätte man meinen Kopf durch den Hintern eines Esels ersetzen können, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre. Ich hatte nicht nur gerade mit der tollsten Frau auf dem Planeten Schluss gemacht, was ich vorschlug, war nur eine Riesenzeitverschwendung. Sex ist natürlich super, aber hätte ich in diesen Jahren nach etwas Bedeutungsvollerem gesucht, wäre ich heute bestimmt zufriedener.

Veröffentlicht unter Fernsehen, Film, Gesellschaft, Manuskript, Musik, Popkultur | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , | 1 Kommentar

Einsam auf dem Boulevard

betr.: die Komödie „Fisch sucht Fahrrad“ im Berliner Schlossparktheater

Der Slogan „Fisch sucht Fahrrad“ ist einer von einer Handvoll wiederkehrenden launig gemeinten Titeln für Singlebörsen wie sie überall veranstaltet werden. Sie geht auf einen Witz zurück, der aus der Frauenbewegung kommt: „Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad“. Dieser Satz war vor sehr langer Zeit kurzfristig lustig und ging dann rasch in den Sprachgebrauch über, wo er seinen Witz freilich einbüßte.
Die inzwischen zur Sottise herabgesunkene Redewendung zum Titel eines Theaterstücks zu machen, ist eine unglückliche Wahl – schon wegen ihrer Verwechselbarkeit. Und auch dann, wenn es um ein Boulevardstück geht, das von Personen handelt, die jung waren, als der Spruch einstmals lustig war. Der miefige Titel lässt sogleich das Schlimmste befürchten.
Leider erfüllt „The Dating Game“, das zugrundeliegende Werk des West End- und Broadway-Autors Peter Quilter (er portraitierte Florence Foster Jenkins in „Glorious!“ und Judy Garland in „End Of The Rainbow“) diese Erwartungen konsequent. Um die unoriginelle Erkenntnis, dass der Arsch irgendwann Falten wirft, wird brav herumgeblödelt, was in Lebensweisheiten von der Sorte „Willst Du Dir den Tag versauen, musst Du in den Spiegel schauen“ gipfelt.
Der Cast besteht aus zwei Schauspielerinnen und zwei Schauspielern, von denen zwei in verschiedenen Rollen zu sehen sind – das Stück folgt nicht dem beliebten französischen Modell, in dem zwei (Ehe)Paare einander auseinandernehmen. Wir haben es hier – auch das ist klassisch – mit zwei Geschiedenen zu tun, die erwartungsgemäß wieder zueinanderfinden.
Janina Hartwig, Hardy Krüger, Caroline Beil und Dieter Landuris bringen jeweils einen eigenen Stil in den Abend ein. Diese Angebote werden von der Regie nicht zu einem Ensemblespiel zusammengeführt, wir sehen vier Solisten. Das hat für die an Einsamkeit leidenden Charaktere den Effekt, dass sie noch auf einer weiteren Ebene hilflos und missverstanden wirken.
Im zweiten Akt wagt sich ein Kontaktsuchender am weitesten in die dicke Charge vor: als Berufsclown, der die Heldin zwischen zwei Engagements in Kostüm und Maske datet. Das hat er extra so eingefädelt, um sein Gesicht nicht zeigen zu müssen. Ausgerechnet diese Szene, die vom Autor vermutlich als maximal abschreckendes Beispiel gedacht war, ist der einzig anrührende Moment des Abends. Der verkappte Kavalier mit dem gewohnt banalen Sprechtext wird durch Landuris‘ Spiel zum nettesten Kerl weit und breit. (Dummerweise trägt er sein Make-Up bereits auf dem Plakat, was die Überraschung seines kuriosen Auftritts hintertreibt.)

Veröffentlicht unter Rezension, Theater | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Magneto eint das Publikum

betr.: 100. Geburtstag von Dietrich-Fischer Dieskau (morgen)

Ich als Nichtspezialist des Themas bin darauf angewiesen, die dieser Tage in Feuilleton und Kulturfunk vorgenommene Einordnung einfach mal zu glauben, Dietrich Fischer-Dieskau sei der Größte Interpret des deutschen Liedgesangs. Und sie nicht etwa darauf zurückzuführen, dass der verehrte Künstler morgen 100 Jahre alt geworden wäre.
In einem aus diesem Anlass wiederholten Ausschnitt aus einem Interview mit dem 85jährigen Künstler erfahre ich etwas, das mich wirklich beeindruckt.
Fischer-Dieskau habe bei seinen Auftritten danach gestrebt, aus einer Vielzahl von Zuhörenden ein einiges Auditorium zu machen. E war für ihn eine Frage des Magnetismus. „Das Publikum zu einer Person umzugestalten, im Laufe eines Abends also einen Hörer vor sich zu haben – und nicht 200 oder 2000 -, ist das Ziel. Und das lohnt sich!“

Schöner kann man meines Erachtens den Sinn des Singens auf einem Liederabend – oder ganz allgemein: den Dialog mit einem gleichzeitig anwesenden Publikum – nicht zusammenfassen.

Veröffentlicht unter Mikrofonarbeit, Musik | Verschlagwortet mit | Kommentar hinterlassen

Großen Kollegen endlich getroffen

Mit Sven Plate in Hamburg

Mein Blind Date mit Sven Plate offenbarte gründliche Mentalitätsunterschiede: er findet Berlin freundlicher als Hamburg, steht gern und leicht früh auf, reist möglichst oft und weit weg und hatte 1978 seinen ersten Sprecherjob (als ich noch in einem unwegsamen Kaff daran zweifelte, den richtigen Planeten abgekriegt zu haben). Ungeachtet dessen: eine herrliche und sehr anregende Begegnung, die viel länger dauerte als geplant. Einer der erhaltenen Impulse ist: es ist nicht aussichtslos, sich in der Branche gegen den allzu mühelosen Siegeszug der KI aufzulehnen. Freilich: aufhalten lassen wird sie sich letztlich nicht. Wenn wir Glück haben, ist es so ähnlich wie in meinen persönlichen Lieblings-„Asterix“-Band „Die Trabantenstadt“. Am Ende lässt Miraculix die Bäume wieder wachsen. Und Asterix fragt ihn: „Miraculix, unser Druide, glaubst du wirklich, dass wir den Lauf der Dinge immer so aufhalten können, wie wir es getan haben?“ Und er antwortet: „Natürlich nicht Asterix. Aber wir haben ja noch Zeit, so viel Zeit!“
Ach ja …

Veröffentlicht unter Comic, Mikrofonarbeit, Monty Arnold - Biographisches | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Ixen für Anfänger: Erste Sätze, spätere Sätze (5)

Fortsetzung vom 15. Mai 2025

Wenn „Joe Goopy sah es als erster.“ den Absatz abschließt, bezieht sich der Satz auf das zuvor Geschilderte: Joe Goopy hat sich vor allen anderen ins Freie gewagt und einen Blick auf das (vermutlich kosmische) Artefakt erhaschen können, dass auf dem Grundstück eine Bruchlandung vollzogen hat. Die Satzmelodie hat einen Punkt, der den Gedanken abschließt, ohne die Situation völlig auserzählt zu haben.
Folgt auf diesen jedoch der Satz „In dem Schutthaufen begann sich etwas zu regen …“, beziehen wir Goopys Entdeckung
darauf, richten sie also vorwärts statt rückwärts aus. Die Stimme hebt sich am Ende von „Joe Goopy sah es als erster.“ also leicht an wie zu einem Doppelpunkt.

Veröffentlicht unter Mikrofonarbeit | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

Bescheidenheit zwecklos

In seiner wöchentlichen Kolumne bricht Harald Martenstein eine Lanze für die Mittelmäßigkeit. Daran ist zunächst viel Wahres, Schönes, Gutes. Als Kritiker weiß er diese Einordnung schon deshalb zu schätzen, weil er erfahren musste, „wie erholsam ein mittelmäßiger Film oder ein mittelmäßiger Roman sein können, wenn man es vorher mit etlichen schlechten Exemplaren zu tun hatte. Es ist alles andere als selbstverständlich, mittelmäßig zu sein, manchen Menschen gelingt es in ihrem Berufsleben kein einziges Mal. Sie säen nicht, sie ernten nicht, und der Herr ernährt sie doch“.

Er findet sogar: „Das Mittelmäßige, dessen man sich bewusst ist, liegt viel näher beim Guten als beim Schlechten. Mittelmaß bedeutet, sein Handwerk im Großen und Ganzen zu beherrschen, etwas Brauchbares abzuliefern, die eigenen Grenzen zu kennen und mit dem, was man tut (…), keinen Schaden anzurichten.“ Und wie sähe so ein Schaden auf dem Gebiet der schönen Künste aus? „Schlimm sind natürlich mittelmäßige Künstler, die ihr Mittelmaß nicht durchschauen und überambitionierten Kunstscheiß abliefern, der darin besteht, einen schlichten, oft durchaus okayen Gedanken (die Welt ist schlecht, helft den Notleidenden, nieder mit dem Faschismus oder so was) kompliziert auszudrücken. Schlechte Kritiker loben das dann.“
Was hier lediglich fehlt, ist der Hinweis, dass sich das Mittelmaß auf einer qualitativen Skala nicht zuverlässig verorten lässt. Nicht einmal unter Menschen (Kritikern …), die sich geschmacklich einig sind. Irgendwo muss die Latte ja angelegt werden – und irgendwann, nämlich in der Gegenwart. Die Banalität unserer von Franchises und wiederkäuender KI verfinsterten Kultur- und Popkulturlandschaft (und ihrer extremen Ausweichreflexe) ließe ein mittelmäßiges Produkt aus dem vorigen Jahrhundert schon beinahe zwangsläufig in der eingangs beschriebenen Weise wohltuend wirken: als Pause von dem ganzen Mist, der schlimm ist, obwohl er nicht einmal den Plan hat, einen okayen Gedanken wiederzugeben.  

Veröffentlicht unter Film, Gesellschaft, Literatur, Medienphilosophie, Popkultur | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Kultfilm-Azubis (1): Kinder und Kuscheltiere

Heute startet die zweite Staffel des Podcasts „Alle 42 Kultfilme“. Ab jetzt unterhalte ich mich mit Torben Sterner pro Ausgabe über zwei Filme: einen, der es nicht auf die Wuppertaler Liste aller 42 Kultfilme geschafft hat, aber nach Meinung vieler, die es nicht ganz so genau nehmen, einer hätte sein müssen, und über einen Geheimtipp, der absolut keine Chance auf Kultstatus hat, es aber nach Meinung der Redaktion verdient gehabt hätte. Beide Filme sind durch eine inhaltliche Gemeinsamkeit miteinander verbunden – und dennoch sehr unterschiedlich.
Eine romantische Fantasy-Komödie aus dem Jahre 1993 ist unser erster „Kultfilm-Azubi“.
Der dazu passende „Pyramid Frolic“ ist ebenfalls ein Film, der uns in eine abgelegene Gemeinde entführt, in der unerklärliche Dinge vor sich gehen.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/und-taeglich-gruesst-das-murmeltier-das-dorf-der-verdammten

Und täglich grüßt das Murmeltier / Groundhog Day
Amerikanische Komödie von 1993

Jedes Jahr reist der TV-Wetterfrosch Phil Connors (Bill Murray) aus Pittsburgh für eine Reportage in ein entlegenes Kaff namens Punxsutawney, wo traditionell ein Murmeltier den Beginn des Frühlings voraussagt. Er hasst dieses Ritual und nervt sein Team, zu dem auch die neue Aufnahmeleiterin Rita (Andie McDowell) gehört, mit seinem Zynismus.
Dass das Murmeltier seinen Vornamen trägt, macht die Sache nicht besser.
Phil, der Wettermann, möchte nach der kurzen Aufnahme sofort wieder abreisen, doch ein Schneesturm zwingt die Crew zur Übernachtung in Punxsutawney.
Auch am nächsten Tag kommt Phil nicht aus der Nummer raus. Der Murmeltiertag wiederholt sich wieder und wieder: das gleiche Problem mit der Dusche, die gleichen Leute am Frühstücksbüffet, das gleiche Volksfest. Und jeden Tag sagen alle immer wieder dasselbe. Es ist wie ein Fluch.
Phil versucht, diesem Zeitschleifen-Horror zu entkommen: durch Amokläufe, Sabotage, Selbstmord. Als all das nichts hilft und er immer wieder am 2. Februar in seinem muffigen Hotelzimmer zu den Klängen von „I Got You Babe“ erwacht, ändert er langsam seine Strategie …

Harold Ramis‘ kleine kommerzielle Kinokomödie hat geschafft, was so selten gelingt: noch Jahrzehnte später nennen viele diesen als ihren Lieblingsfilm, und der deutsche Verleihtitel von „Groundhog Day“ ging bei uns sogar in den Sprachgebrauch über. Auch dass dieser Film mit einer Allegorie arbeitet und die versteckte Botschaft enthält, dass wir an uns arbeiten sollten, wenn wir auf Bill Murrays Spuren geläutert werden möchten, hat seine Popularität nicht verhindert.

Das Dorf der Verdammten / Village Of The Damned
Englischer Gruselthriller von 1960

Während der Physiker Gordon Zellaby in seinem Büro im südenglischen Midwich Village mit seinem Schwager Alan Bernard im Kriegsministerium telefoniert, sinkt er plötzlich bewusstlos zu Boden. Da Bernard auch niemand anderen dort telefonisch erreichen kann, sieht er vor Ort nach dem Rechten. Ganz Midwich befindet sich in einer Art Tiefschlaf, von dem weiterhin jeder befallen wird, der dem Gebiet zu nahe kommt. Nach knapp vier Stunden endet das mysteriöse Phänomen so plötzlich wie es begonnen hat, und allen scheint es wieder gut zu gehen. Einige Wochen später stellt sich heraus, dass die gebärfähigen Frauen des Dorfes ein Kind erwarten, auch eine Frau, deren Mann das letzte Jahr auf See verbracht hat, eine unberührte 17jährige – und Mrs. Zellaby.
Sechs Knaben und sechs Mädchen kommen zur Welt, die einander mit ihren weißblonden Haaren wie Geschwister gleichen. Sie entwickeln sich beunruhigend schnell. Im Alter von drei Jahren verfügen die Kinder bereits über den Verstand von 25jährigen, ihren Eltern begegnen sie mit Kälte und Verachtung.
Bald sehen sich die Bürger von Midwich einer verschworenen Gemeinschaft mit übernatürlichen Fähigkeiten gegenüber, deren Hirne miteinander vernetzt sind. Es kommt zu Todesfällen unter jenen, von denen sich die eisig dreinblickenden Intelligenzbestien bedroht fühlen. Dr. Zellaby beschließt, gegen seinen eigenen Sohn David und die anderen „Midwich Cuckoos“ (so der Titel der Romanvorlage) vorzugehen, die offensichtlich die Vorhut einer Invasion bilden. Das ist nicht leicht, denn selbstverständlich können die Kleinen auch Gedanken lesen …

Diese ebenso behagliche wie verstörende kleine Schwarzweißproduktion ist atmosphärisch irgendwo zwischen „Miss Marple“ und „Gefahr aus dem Weltall“ angesiedelt.

Veröffentlicht unter Film, Podcast, Popkultur | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare