Meine schönsten Hörbuch-Erlebnisse des Jahres: „Die Sturmhöhe“ gelesen von Rolf Boysen

Auf einer Anhöhe inmitten der rauen Landschaft des englischen Yorkshire liegt das Anwesen Wuthering Heights, dem Wind schutzlos preisgegeben. Sein Besitzer, der herzensgute Mr. Earnshaw, bringt von einer Reise den Findling Heathcliff mit. Heathcliff wächst bei der Familie auf dem Gutshof auf. Mit der stürmischen Tochter Catherine verbindet ihn eine tiefe Freundschaft, die von einer sexuellen Faszination grundiert ist. Sein Stiefbruder Hindley aber lässt ihn zu jeder Zeit den Klassenunterschied spüren, der Heathcliff von der Familie trennt. Als Hindley nach dem Tod des Vaters dem Alkohol und der Spielsucht verfällt und beide terrorisiert, entschließt sich Catherine ihren wahren Gefühlen zum Trotz, den angesehenen Nachbarn Edgar Linton zu ehelichen und zieht in dessen feudales, in einem windstillen, fruchtbaren Tal gelegene Herrenhaus Thrushcross Grange. In seinem grenzenlosen Hass auf die Zerstörer seiner „unsterblichen“ Liebe ruht Heathcliff nicht, bis er sie und ihre Nachkommen vernichtet zu haben glaubt. Die Geschichte wird über drei Generationen hinweg erzählt.

Die längste Zeit war mir Emily Brontës viktorianischer Literaturklassiker „(Die) Sturmhöhe“ nur durch die Hollywood-Verfilmung von 1939 bekannt. Die deckt aber nur einen Teil der Handlung ab und muss die männliche Hauptfigur Heathcliff gehörig schmirgeln, damit sie als romantischer Held funktioniert. In der Romanvorlage begegnet uns ein ein besessener Stinkstiefel, der über keinen einzigen positiven Charakterzug verfügt („ein unbeherrschtes Geschöpf ohne Bildung, ohne Kultur, eine dürre Wildnis aus Stechginster und Basaltfelsen“).

Dass es zwei Erzählperspektiven gibt – die einer alten Haushälterin und die eines kurzzeitigen Pächters –, hat mich auf den Gedanken gebracht, mir gelegentlich aus den diversen vorliegenden Hörbuch-Fassungen eine männlich-weibliche zusammenzubauen. Rolf Boysens intensive Interpretation und ein Hineinhören in ein weibliches Gegenstück – die fehlerfrei-adrette Fassung, die der WDR im Rahmen seiner reichhaltigen „Klassikerlesung“ zum Download bereithält – haben mich davon Abstand nehmen lassen. Natürlich gibt es auch Hörbücher im Duett. Eines Tages werde ich vielleicht eines davon auflegen. Aber das wird es schwer haben!
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* Diese Kostprobe hat sich im Online-Angebot erhalten: https://www.ndr.de/kultur/buch/Die-Sturmhoehe-Roman-von-Emily-Bronte-in-Am-Abend-vorgelesen,bronte104.html

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Fast so skurril wie die alte BRD

betr.: 39. Todestag von Rudolf Platte / „Der Hit“ (ZDF 1978)

Als ein bis zuletzt fleißiger und fürs Fernsehen tätiger Schauspieler seiner Generation war Rudolf Platte eines der reifen Gesichter, die mich zuverlässig durch meine Kindheit begleiteten – und die dann urplötzlich verschwanden. Im Gegensatz zu Theo Lingen, bei dem es sich ganz ähnlich verhielt, war Platte ab dem Zeitpunkt seines Todes auf dem Bildschirm nicht mehr aufzufinden, gerade so, als sei über seine zahllosen sendefähigen Arbeiten eine Wiederholungssperre verhängt worden. Nur sein Gastspiel in der immer wieder aufflackernden Schwarzweiß-Serie „Der Kommissar“ tauchte auf, wenn es wieder an der Reihe war. Und schon hier erschien Platte ein alter Herr, scheinbar ein Mann ohne Vergangenheit. Es ist verstörend, wie wenig uns Heutigen von diesem großen Komödianten geblieben ist, dem sein Berliner Theaterpublikum angesichts des Erfolgs seiner Lustspiele einst den Ehrentitel „Langspiel-Platte“ verliehen hatte.

Kürzlich sah ich ihn wieder. Fritz Schaefer recherchiert gerade zu Thomas Fritsch, und ich erzählte ihm von einem seltsamen Film mit ihm, den ich in meiner Kindheit im Fernsehen gesehen habe. Den Titel bekam ich nicht mehr zusammen, aber ich erinnerte mich, dass Fritsch darin einen Schlagersänger namens Laurent Larouse gespielt hat. Fritz‘ Recherche brachte folgendes zutage: der Film war kein Film, sondern ein abgefilmtes Berliner Boulevardstück namens „Der Hit“. Und der Sänger „Larouse“ hieß in Wahrheit „Larose“.
Ich riet Fritz, sich eine DVD-Kopie vom ZDF zu ordern. Das kostet Geld und dauert lang, aber immerhin gehört das ZDF zu den wenigen Sendern, die einen solchen Service überhaupt noch anbieten.
Wir haben uns das Ergebnis natürlich zusammen angeschaut. Anstatt mit Paul Hubschmid, den ich in der Vaterrolle vermutet hatte, gab es ein Wiedersehen mit Rudolf Platte, den uns die Inszenierung allen Ernstes als Sohn von Käthe Haack verkaufen will. Um wiederum der Vater von Thomas Fritsch zu sein, wirkt er zu alt.

Das Stück wirkt wie aus der Werkstatt: so unfertig, dass es ans Absurde grenzt. Man fragt sich unentwegt, was den Boulevard-Fuchs Christian Wölffer geritten hat, etwas Derartiges ins Programm zu heben. Der deutsche Titel dieses Frankreich-Imports ist nicht nur unpassend (wenn schon, müsste er „Zwei Hits“ lauten), er ist derart verwechslungsträchtig, dass das Werk nicht mal bei einer Internet-Recherche ohne weiteres auftaucht (als hätte man’s geahnt). Wer es doch findet, der liest als Platzhalter für fehlende Einträge ein Zitat aus der Schlussszene von „Citizen Kane“: „Wir müssen alles aufschreiben. Den Plunder und die Kunst.“

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Die wiedergefundene Textstelle: „Heck Meck an Deck“

betr.: 78. Geburtstag von Tomas Bunk

Was habe ich nicht alles Lustiges gelesen, seit ich im Pubertätsalter erstmals die „Slapstick“-Ausgabe in Händen hielt, in der Tomas Bunks Held Karsten Dose das Abenteuer „Heck Meck an Deck“ erlebte? Und noch immer ist dieser Comic nach meiner Kenntnis das einzige Beispiel geblieben, in dem ein so furioses Reimschema etabliert und durchgezogen wird (bei stets wackelnder, aber letztlich stabiler Logik der albernen Geschichte). Nachfragen beim Zeichner/Autor haben meinen Verdacht bestätigt, dass der sich dabei überhaupt nichts gedacht hat – jedenfalls nichts, was meiner recht strukturierten Vorstellung von einem Schaffensrausch entspricht. Wer sich über den folgenden Prolog nicht freuen kann, dem möchte ich eine historische Einordnung anbieten. Aus heutiger Sicht (und ich habe bei diesem Thema sehr genau hingesehen und zugehört) ist „Heck Meck an Deck“ die letzte, die verpfropfende Leistung auf dem Gebiet des bundesrepublikanischen Nonsens. Nonsens hatten unsere Vorfahren da, wo wir heute Comedy haben. Dann kamen aber erstmal die Achtziger! Das ist eine so bodenlos beklemmende Erkenntnis, dass wir dies hier nun bitter nötig haben:

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Meine schönsten Hörbuch-Erlebnisse des Jahres: „Friedhof der Kuscheltiere“ gelesen von David Nathan

In ihrer Frühzeit verfügte die deutsche Synchronisation über ein Personal, das in der Regel vom Schauspiel kam, dort weiterhin tätig war und sich außerdem auf anderen Gebieten – etwa in der Rezitation, im Hörspiel oder im Trickfilm – betätigte. Heute sind die Schubladen solider, die Stimmen weitgehend festgelegt. Das führt dazu, dass großartige Synchronschauspieler längst keine ebensoguten Hörbuch-Interpreten sind.* Während die Leistungen im ganz ähnlich gelagerten Fall des kommerziellem Krimi-Hörbuchs, mit dem gerne TV-Kommissarinnen und -Kommissare betraut werden, auf individuelle Weise missglücken, haben wir es bei Lesungen populärer Synchronstimmen mit einem einheitlichen Effekt zu tun (der einige „Enthusiasten“ sogar entzücken dürfte): die melodischen Besonderheiten der Synchronsprache finden sich auch in der Lesung wieder. Gestalterische Mittel, die zum bewegten Bild hilfreich und zielführend sein mögen, sind in der Lesung unpassend – etwa die allzu engagierte Ausgestaltung der unterschiedlichen Stimmen einzelner Rollen. Viele Synchronsprecher – die meisten sind parallel dazu eben keine Schauspieler und Rezitatoren – haben ihre Möglichkeiten nicht unter Kontrolle, und die Regie kann oder will nichts tun, um das anzuleiten und dem reinen Hörmedium anzupassen.

In seinen besten Arbeiten ist David Nathan die große Ausnahme von diesem Automatismus. Sein Vortrag ist ganz offensichtlich an der Synchronarbeit geschult, doch er übertreibt es nicht. Er weiß genau einzuschätzen, wo er eine Rolle einfärbt, und wenn er sich dafür entscheidet, kann er das genau dosieren. Er prahlt niemals mit seiner Verwandlungskunst und führt uns an seinen sonstigen Meriten zügig vorbei zur jeweiligen Geschichte.
Als jemand, der nicht nur Synchronstimmen-Hörbücher scheut, sondern auch dem Autor Stephen King bei allem Respekt nicht über den Weg traut, bedurfte es einer glaubhaften Empfehlung, um mich auf die 17 Stunden mit „Friedhof der Kuscheltiere“ einzulassen, die uns David Nathan als Stamm-Interpret des Autors vorliest.

Die Geschichte vom indianischen Friedhof, der die dort Begrabenen wieder zurückkehren lässt, kannte ich wie so viele von uns aus der knalligen Verfilmung von 1989. Doch, so wurde mir von einem befreundeten Kollegen versichert, dieser Roman sei in erster Linie ein sehr bewegender Text über das Trauern. Das stimmt – sogar für mich, der bisher vor allem über den Verlust von Menschen zu trauern hatte, die er nicht auch physisch begraben musste. Ein weiterer Aspekt hat mich fast noch mehr fasziniert: es gibt Menschen, die großartig darin sind, für jede noch so abwegige Entscheidung eine plausible Begründung herbeizureden. Der Held der Geschichte, Louis Creed, wundert sich selbst darüber, wie ihm dieses Talent zur Manipulation (auch seiner selbst) plötzlich zufällt, als er offenbar unter den Bann der verfluchten Ritualstätte gerät. Auch die delikate Frage, in welchem Alter einem Kind welche Wahrheiten zuzumuten sind, wird hier klug verhandelt. Und: das Buch hat ein Herz für Menschen, die Katzen doof finden.

David Nathan wählt das bedächtigste Tempo, dem sich noch bequem zuhören lässt, und gibt diesen Raum für die Entfaltung aller Bilder und Emotionen frei, derer das verzagte Herz des Zuhörers fähig ist. Er führt uns haargenau bis an den (bei jedem von uns unterschiedlich gelagerten) Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt – und das haben wir mit Louis Creed gemein. Durch die Präzision und Einfühlung des Vortrags werden wir auch für dessen törichtes Vorgehen empfänglich, was dem Film zu keiner Zeit gelingt.
Die wenigen Einwände, die gegen dieses Hörbuch sprechen, sind vermeidbarer Kleinkram – unglückliche Entscheidungen der insgesamt guten zugrundeliegenden Übersetzung und ein Mastering, das jede Produktionspause durch einen üblen Pegelsprung (eine Art technischen Jump Cut) deutlich markiert. Und natürlich die kleinen Sünden des großen Erzählers Stephen King.
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* Siehe auch https://blog.montyarnold.com/2023/06/22/23139/

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Comics, Lyrik, Kulturtalkshow, Chanson, Nonsens, großes Kino … das Beste zum Schluss!

Unverhofft glücklich endet mein Jahr als Theaterbesucher und Freund der Schönen Künste heute abend mit Sebastian Krämers Weihnachtsprogramm „Ein Licht geht uns auf …“ im Centralkomitee. In den Wochen davor hatte ich das Vergnügen von „König mit Barth – Ein Abend mit Ralf König und Markus Barth“ am selben Ort, dem Podcast „STRÄTER BENDER STREBERG“ mit den Kollegen Torsten Sträter, Hennes Bender (siehe Abbildung) und Gerry Streberg im Schmidtchen, Hennes‘ Solo „Wiedersehn macht Freude“ am nämlichen Ort, sowie Jens Wawrczecks Buchpremiere „How To Hitchcock“ im Savoy mit „Vertigo“-Präsentation.
Das Jahr dauert noch ein paar Tage, aber zumindest kulturell kann mir nichts mehr passieren!

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Endlich auch mal gesehen: „Der Frauenmörder von Boston“

„The Boston Strangler“ (1968) von Richard Fleischer ist ein bemerkenswerter Film. Kein makelloses Meisterwerk des Kinos, verdient er doch aus verschiedenen Gründen, an jedem Algorithmus vorbei herausgesucht und betrachtet zu werden. Erzählt wird die wahre Geschichte des ersten Serienkillers im modernen Amerika, der Anfang der 60er Jahre 13 Frauen ermordete, ehe man ihn fasste.
Die griffbereite thematische Schublade ist zu vernachlässigen, denn „Der Frauenmörder von Boston“ hat sehr wenig mit den zahllosen einschlägigen Filmen und Serien der letzten 30 Jahre gemein – weder mit den guten noch mit den schlechten. In dokumentarischer Tonlage fügt er eine Unzahl winziger Portraits verschiedener Menschen zusammen, die mit der Mordserie konfrontiert werden (als Verdächtige, Denunzianten, Polizisten, Opfer, Hinterbliebene …), mit dem Ermittlerteam als rotem Faden. All diese Szenen sind makellos inszeniert, gespielt, ausgestattet und fotografiert (Handkamera: Richard Kline) und werden zur kunstvollsten Splitscreen-Komposition zusammengefügt, die ich je sehen werde (ein damals neues Verfahren). „Variety“ nannte das Ergebnis einen „Triumph des Geschmacks und der Zurückhaltung“. Stimmt.

Was wir hier außerdem sehen, ist ein Abgesang auf die erzählerische Ästhetik des Studiosystems und des Technicolor-Zeitalters. Schon zwei Jahre später hätte der Film aus der Hand der gleichen Beteiligten völlig anders ausgesehen.
Doch nach einer Dreiviertelstunde wendet sich das Blatt.
Die Show ist fast zur Hälfte vorbei, da wird uns der Mörder erstmals deutlich gezeigt: zu Hause, als netter Familienvater, der plötzlich unter einem Vorwand das Haus verlässt. – Der Charmeur und Komödiant Tony Curtis wollte mit dieser Darstellung ganz offensichtlich aus seinem angestammten Rollenfach ausbrechen.
Ein kurzer Mittelteil schließt sich an, der hauptsächlich um den mordenden Handwerker Albert DeSalvo kreist, der eher zufällig von der Polizei gefasst wird, nachdem er sich eine Reihe von Nachlässigkeiten geleistet hat.
Der abschließende Akt ist ein Kammerspiel, ein Rededuell zwischen Curtis und dem großen Altstar des Films: Henry Fonda (der hier noch einmal die grundanständige Stütze der Gesellschaft gibt, ehe er Monate später in „Spiel mir das Lied vom Tod“ die Welt mit der Verkörperung des dreckigsten denkbaren Widerlings entsetzte). Die Verhörszenen spielen in einem leeren, gleißendhellen Raum und sind auch sonst als Gegenentwurf zum bisher Gezeigten angelegt. Dieser Spagat gelingt nicht recht. Der Film bricht auseinander, und der hintere Teil ist der langsamere, obwohl Tony Curtis seine ungewohnte Aufgabe wirklich anständig bewältigt (so anständig wie es seine falsche Nase erlaubt).

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Meine schönsten Hörbucherlebnisse des Jahres: „Spiel im Morgengrauen“ (SRF 1982)

Willi sprach kein Wort. Er gewann, verlor, trank ein Glas Kognak, gewann, verlor, zündete sich eine neue Zigarette an, gewann und verlor. (…) Und wieder lagen Karten vor ihm. Er setzte – wieviel, wusste er nicht genau. Eine Handvoll Banknoten. Das war eine neue Art, es mit dem Schicksal aufzunehmen. Acht. Nun musste es sich wenden.

Artur Schnitzlers „Spiel im Morgengrauen“ ist – seinem Klassikerstatus entsprechend – häufig als Hörbuch produziert worden. Die beste Interpretation dürfte die sein, die der mdr im Frühjahr in die Mediathek gestellt und – wie bei dieser Anstalt üblich – rasch wieder entfernt hat. Das Schweizer Radio und Fernsehen, das die Lesung 1982 produzierte, hält sie noch immer zum Nachhören bereit.*

In Schnitzlers Novelle führt der junge Leutnant Wilhelm Kasda (der Erzähler nennt ihn Willi) ein gemütliches Leben mit Kasernendienst, Gelegenheitsliebschaften und Kasino-Abenden. Als ihn ein ehemaliger Kamerad um Geld bittet, lässt sich Willi von seiner Neigung zum riskanten Glücksspiel zu einem Vorschlag ohne Gewähr verleiten: er will die benötigte Summe am Spieltisch auftreiben. Zunächst hat er eine enorme Glückssträhne und könnte mit einem stattlichen Gewinn aus der Partie aussteigen. Doch Willi kann nicht aufhören und ist am Ende hoch verschuldet. Kann er die Summe nicht binnen 24 Stunden begleichen, wie es der Ehrenkodex vorschreibt, muss er seinen Dienst quittieren. Ein Nachsuchen bei seinem Onkel bleibt ohne Erfolg.
Daraufhin wendet sich Willi an dessen Frau Leopoldine, mit der er einst ein kurzes Verhältnis gehabt hat. Damals war sie noch ein Blumenmädchen gewesen. Willi hatte sie ungewollt gedemütigt, indem er ihr zehn Gulden auf dem Nachttisch hinterließ. Leopoldine – die ihn damals geliebt hatte – verbringt nun eine Nacht bei ihm und bezahlt ihn ihrerseits – mit einer kleinen Summe, die für die Schulden des Kameraden reicht, nicht für die Willis.
Innerhalb von 48 Stunden hat sich das gesamte Leben des Helden in Schmach und Ruin aufgelöst: Geld, Glücksspiel und Liebesabenteuer haben ihre zerstörerischen Kräfte entfaltet, ein Wechselspiel von Eros und Thanatos – Liebe und Tod …

Die beiläufige Herzlosigkeit, dieser für deutsche Ohren so gnadenlos sadistische Unterton des kakanischen Zungenschlags, verleiht der Lesung des großartigen Textes eine Sogwirkung. Die Schauspielerin Maria Becker – 1920 in Berlin als Tochter zweier Schauspieler geboren und mit dem „Anschluss“ Österreichs in die Schweiz geflohen, wo sie sich den Ruf als Charakterschauspielerin und Tragödin erwarb – beherrscht diesen Ton perfekt, was ihre gestalterischen Möglichkeiten auf die Spitze treibt. Fast möchte man vor diesem grandiosen Vortrag warnen!

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* https://www.srf.ch/sendungen/hoerspiel/podcast-lesung-spiel-im-morgengrauen-von-arthur-schnitzler

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Was tun mit den vielen Namen?

betr.: Lesen vom Blatt / Sprechen am Mikrofon

Hin und wieder ergibt sich im Unterricht eine spezielle Herausforderung, die gar nicht als solche angelegt ist. Aber das ist schon in Ordnung, denn in der Praxis passiert solches ja auch.

Bei der Lesung von Cixin Lius‘ Science-fiction-Bestseller „Die drei Sonnen“ um eine Gruppe chinesischer Wissenschaftler, die versucht, vor allen anderen Nationen Kontakt mit Außerirdischen aufzunehmen, ereignet sich schon auf den ersten Seiten eine Aufzählung chinesischer Namen. Es sind dies Gelehrte, die im Rahmen der Kulturrevolution (1966-1976) unter die Räder kamen.

Abgesehen von der zungenbrecherischen Qualität dieser Passage – sie ergab sich wie gesagt rein zufällig – war es mir nun wichtig, dem Vortrag zweierlei Anmutung mitzugeben: zum einen muss der Eindruck erweckt werden, dass dem Lesenden die Personen hinter den Namen geläufig sind, zum anderen muss der Grund mitgedacht werden, der sie an dieser Stelle im Text zusammenführt (dem Untergang geweihte Gelehrte, wie gesagt). 
Obwohl niemand am Lautsprecher solches Insiderwissen allen Ernstes einfordert oder voraussetzt, will man sich doch die Illusion hingeben, sich in den guten Händen eines allwissenden Erzählers zu befinden.

Ein älteres Beispiel fiel mir in diesem Zusammenhang wieder ein. In „Onkel Oswald und der Sudan-Käfer“ (einer seiner erotischen Erzählungen) lässt Roald Dahl seine Helden im Jahre 1919 eine Liste vielversprechender Persönlichkeiten aufstellen, die in ein Experiment verwickelt werden sollen.

usw.

Jeder von uns wird einige dieser Namen schon mal gehört haben, vielleicht sogar eine klare Vorstellung haben, um wen es geht bzw. auf welchem Gebiet diese Leute hervorgetreten sind. Wer diese Liste laut vorträgt, sollte sich von einem lieben, unbestechlichen Mitmenschen prüfen lassen, ob man einen Unterschied heraushört zwischen den geläufigen und den ungeläufigen Namen. Ob und was der Interpret des Textes über diese Hintergründe weiß, will der Zuhörer nicht wissen. (Er will es nicht hören.) Es gehört sich, ihn damit also auch nicht zu behelligen.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Lesen vom Blatt: Lange Sätze

betr.: Sprechen am Mikrofon / Übung

Fortsetzung vom 4. Dezember 2023

Lassen wir John Cheever gleich noch einmal zu Wort kommen. Dieses Beispiel – es entstammt dem Finale der Kurzgeschichte „Der Sommerfarmer“ – hat den Vorzug, dass es aus sich heraus funktioniert.

Sogar die Besten von uns machen da keine Ausnahme: wenn uns jemand dabei beobachtet, wie wir auf einem kleinen Bahnhof in den Zug steigen; wenn er unser Gepäck, unsere Kleidung abschätzt und aus dem Fenster sieht, wer uns zur Bahn gefahren hat; wenn er mit anhört, was wir mit barschen oder zärtlichen Worten unserer Familie zu sagen haben, oder wenn er registriert, wie wir unseren Koffer ins Gepäcknetz legen, wie wir uns der Brieftasche versichern, nach dem Schlüsselbund tasten und den Schweiß vom Nacken wischen; wenn er gar noch einen Blick dafür hat, mit welcher Gleichgültigkeit, Zufriedenheit oder Trauer wir uns auf unseren Platz setzen, dann bekommt er einen tieferen Einblick in unser Leben als den meisten von uns lieb ist.

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