Angebot an den Volksmund: „Neigungsnazi“

Inzwischen wählt etwa ein Drittel unseres Wahlvolks rechtsradikal oder nimmt sich das für die nächste Gelegenheit zumindest vor. Lange Zeit wurde so getan – nicht zuletzt von den Betroffenen -, es handele sich dabei um einen Akt des Protestes. Dieser ohnehin durchsichtige erweiterte Selbstbetrug ist inzwischen zwar nicht verschwunden, doch immerhin wird er von den Medien nicht mehr abgefragt.
Die Ermahnung, nicht gleich jeden als „Nazi“ zu bezeichnen, der bereit ist, einen solchen zu wählen und damit der Demokratie eine Absage zu erteilen, um den Begriff nicht zu banalisieren, mag Hand und Fuß haben, hilfreich ist sie nicht. Wenn man noch kein Faschist wäre, bloß weil man Faschisten gewählt und ihnen zugejubelt hat, hätten wir ja nach dem Krieg auch keine Entnazifizierung versuchen müssen.
Das wirklich Gefährliche sind bei aller Unappetitlichkeit nicht die Herrschaften von der AfD, sondern jene, die ihnen Macht verleihen.
Mein Vorschlag: wir hören damit auf, die Wähler solcher Leute ständig mit Satzbausteinen wie „nicht jeder, der, ist auch gleich“ in Schutz zu nehmen, und bezeichnen sie angemessen als: Neigungsnazis.

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Das Gegenteil von Einsamkeit

betr.: 40. Todestag von Truman Capote

Sein berühmter, etwa gleichaltriger Kollege Norman Mailer nannte Truman Capote den „vollkommensten Stilisten seiner Generation“. Der Neid seines kurzzeitigen Freundes und ewigen Gegenparts Gore Vidal, der bis lange nach Capotes Tod immer wieder eifrig und ungefragt zum Ausdruck gebracht wurde, ist vielleicht ein noch größeres Kompliment.
Zwei Kurzgeschichten sind geeignet, sich ein Bild von den Fähigkeiten des großen Erzählers zu machen.

„Miriam“ erzählt von der alten New Yorker Witwe Mrs. Miller, die an einem verschneiten Tag ins Kino geht. Ein forsches kleines Mädchen, das ein feines Gespür für die Einsamkeit der Dame hat, bringt sie dazu, sie zur Vorstellung einzuladen. Mrs. Millers Dankbarkeit für die diese Ablenkung wandelt sich bald zur Sorge, das Kind nicht wieder loszuwerden. Bald steht Miriam vor ihrer Tür, kommt herein und schlägt einen zunehmend dreisten Ton an. Die alte Dame weiß sich keinen Rat, als ihre Nachbarn zu Hilfe zu rufen – doch die finden ihre Wohnung leer. Die Nachbarn gehen mit dem Gefühl, die gute Frau sei nicht ganz bei Trost.
Aber Miriam bleibt nicht lange verschwunden …

Ich teile den Eindruck der Allgemeinheit (und der Jury des O. Henry-Preises), dass es sich bei „Miriam“ um einen Geniestreich handelt.
Auch die Kurzgeschichte „Baum der Nacht“ hat es weit gebracht, ist sie doch Titelgeberin für die eine oder andere Capote-Sammlung, darunter eine, die alle seine Kurzgeschichten enthält. Wie „Miriam“ spielt auch dieser Text mit unserer Angst vor Überrumpelung, vor einer Distanzlosigkeit, der wir im entscheidenden Moment nicht gewachsen sind.

Wieder ist es Winter. Diesmal ist unsere Identifikationsfigur ein junges Mädchen namens Kay, das in einer ländlichen Gegend allein mit dem Zug unterwegs ist. Der letzte freie Sitzplatz bringt sie in Kontakt mit einem skurrilen Paar älterer Herrschaften. Der Mann sagt nichts, die Frau redet umso intensiver auf Kay ein, erzählt ihr von ihrer Arbeit als Schaustellerin und drängt das Mädchen, mit ihr gemeinsam zu trinken. Höflich und eingeschüchtert wie sie ist, gibt Kay schließlich nach …

Einsamkeit ist ein Problem unserer Gesellschaft, über das immer häufiger geklagt und geschrieben wird. Seit der Pandemie sind immer mehr junge Leute davon betroffen.
Capotes Erzählungen erinnern uns daran, dass die Möglichkeit des Einzelnen, allein zu sein, eine Errungenschaft darstellt, einen Luxus, um den sich unsere Vorfahren lange bemüht haben. Doch diese Freiheit will ausgefüllt sein.

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Schreiben für Zehnjährige

Wer für Kinder schreibt, hat es ganz besonders schwer, zu seiner Zielgruppe vorzudringen – es sei denn, er ist weltberühmt oder wenigstens der Direktor eines eigenen Verlages.
Die Redakteure, Prozenten und sonstigen Verantwortlichen, die darüber zu entscheiden haben, was und wie man in diesem Segment als Autor formulieren darf – und hier ganz besonders die weiblichen Vertreter – gehen davon aus, dass Kinder nicht nur dumm sind (das stimmt teilweise), sie glauben auch, Kinder wollten um jeden Preis dumm bleiben – oder doch zumindest zu ihrem Erkenntnisstand nichts hinzugewinnen. (Solches Verhalten wiederum kenne ich nur von Erwachsenen.)
Als der vielseitige Erfolgsschriftsteller Ian McEwan dazu befragt wurde, was er denn anders mache, wenn er für Kinder schreibe, antwortete er: „So groß ist der Unterschied überhaupt nicht.“ Es gelten nur ein paar Grundsätze: „Keine Rede von Einkommenssteuern, keine expliziten Sexszenen. Natürlich gibt es Themen, die man meidet. Andererseits gibt es sehr wenig, was man mit einer Zehnjährigen nicht erörtern kann, wenn man die richtige Sprache dafür findet. Und ich habe schon immer eine klare, genaue und schlichte Prosa geschätzt, wie sie von Kindern meines Erachtens verstanden und mit Vergnügen gelesen werden kann.“ Das gilt auch umgekehrt. „Natürlich werden sich Kinder nicht zurücklehnen und die Anmut und Dichte deiner Bildlichkeit bewundern. Sie wollen, dass sie Sprache auf sie wirkt und direkt ins Geschehen trägt. Sie wollen wissen, was passiert. Vielleicht gehört diese Art der Unsichtbarkeit zu einer Zeit der verlorenen Unschuld und hat daher umso mehr Platz in einem Kinderbuch.“
Das klingt ja ungefähr so wie bei den Alten …
Eben.

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Ixen für Anfänger

betr.: Sprechen am Mikrofon / Übung

Wie auch unbescholtene Bürger wissen, kommt es bei einer Unterhaltung auf dem Kommissariat nicht nur auf die genaue Wortwahl an, sondern auch darauf, wie jedes dieser Worte betont wird.
Diesen Satz kann man auf zweierlei Art betonen. Eine davon lässt den Verdacht des Beamten zumindest als Möglichkeit gelten, die andere beharrt darauf: Ich bin unschuldig.
Wie hören sich die beiden Varianten an?

Auflösung:
Wird der Satz auf dem vorletzten Wort betont, setzt er gewissermaßen voraus, dass der Sprechende jemanden vergiftet hat und stellt nur das Motiv in Frage.
Anders wenn das letzte Wort betont wird: dann wird der Vorwurf insgesamt abgewehrt.
Dehnt man die Betonung auf beide Wörter aus, klingt die Nachfrage noch ein wenig selbstbewusster und stellt die Anschuldigung als absurd hin.

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Kein Bild, kein Ton

Wie ich versuchte, einem Freund Lust auf Stummfilme zu machen

Auf die Frage, welchen Stummfilm er sich denn mal anschauen könnte, um auf den Geschmack zu kommen, sprach ich einem Freund gegenüber eine Empfehlung aus – und war sehr gespannt. Bei der nächsten Begegnung teilte er mir dann bedauernd mit, das Werk sei gar nicht bei ihm angekommen, täte ihm leid, es sei wohl zu lange her, zu weit weg.
Stummfilm sei wohl endgültig um, jedenfalls für ihn.

Ich hatte ein seltsames Gefühl und fragte noch einmal nach, ob er den Film denn auch wirklich gesehen oder nur mal so reingeklickt hätte. Es stellte sich heraus, dass er darunter verstand, man könne einen Film durchaus auf einem Monitor laufen lassen und währenddessen auf einem anderen irgendwas arbeiten. Das mache er öfter so. Und natürlich habe er ihn also „wirklich gesehen“.
Abgesehen davon, dass eine solche Art des Konsums den wenigsten Filmen wirklich gerecht würde und dass ich mir auf diese Weise einen Filmgenuss überhaupt nicht vorstellen kann, ist sie bei einem Stummfilm sofort tödlich. Sobald man da nicht hinsieht, ist von dem Film nichts mehr übrig.

Mit den heutigen Sehgewohnheiten ist nicht zu spaßen. Vielleicht sollte ich – für den umgekehrt vieles Heutige weit weg ist – es mal mit einem aktuellen Film auf dem zweiten Bildschirm versuchen.

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Die Kunst der nicht-gegenständlichen Aufzählung

betr.: Sprechen am Mikrofon

Wenn im Vorlesefluss eine Aufzählung naht, muss man seine Aufmerksamkeit sofort auf die Frage richten, wo ihre Einzelteile jeweils beginnen und enden. Die dafür zuständigen Kommata sind nicht unbedingt hilfreich, denn auch innerhalb einer Einheit können sie auftreten, um Verschachtelungen aufzuzeigen.
Das folgende Beispiel beschreibt, was Jorge Luis Borges‚ berühmte „Bibliothek von Babel“ so alles bereithält: nämlich „Alles: die minutiöse Geschichte der Zukunft, die Autobiographien der Erzengel, den getreuen Katalog der Bibliothek, Tausende und Abertausende falscher Kataloge, den Nachweis ihrer Falschheit, den Nachweis der Falschheit des echten Katalogs, das gnostische Evangelium des Basilides, den Kommentar zu diesem Evangelium, den Kommentar zum Kommentar dieses Evangeliums, die wahrheitsgetreue Darstellung seines Todes, die Übertragung jeden Buches in sämtliche Sprachen, die Interpolationen jeden Buches in allen Büchern, den Traktat, den Beda hätte schreiben können (und nicht schrieb) über die Mythologie der Angelsachsen, die verlorenen Bücher des Tacitus.“

Wenn ein Verlag ein Lesemanuskript einzurichten hat, kann er mit Semikolons arbeiten, um die Übersicht zu erleichtern. Das sähe dann so aus: „Alles: die minutiöse Geschichte der Zukunft; die Autobiographien der Erzengel; den getreuen Katalog der Bibliothek; Tausende und Abertausende falscher Kataloge; den Nachweis ihrer Falschheit; den Nachweis der Falschheit des echten Katalogs; das gnostische Evangelium des Basilides; den Kommentar zu diesem Evangelium; den Kommentar zum Kommentar dieses Evangeliums; die wahrheitsgetreue Darstellung seines Todes; die Übertragung jeden Buches in sämtliche Sprachen; die Interpolationen jeden Buches in allen Büchern; den Traktat, den Beda hätte schreiben können (und nicht schrieb) über die Mythologie der Angelsachsen; die verlorenen Bücher des Tacitus.“

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Endlich wiedergesehen: „Die Marx Brothers im Krieg“

betr.: 47. Todestag von Groucho Marx

Den Titel „Die Marx Brothers im Krieg“ erhielt der Film „Duck Soup“ (sinngemäß etwa: „kleine Fische“) gemeinsam mit seiner deutschen Synchronfassung, die im Februar 1967 herauskam. Diese Wahl unterstreicht die langjährige und unveränderte Einordnung des Werkes als Komödie mit politischen Untertönen.

Die 13 Marx-Brothers-Filme bilden in der heutigen Rezeption eher ein Gesamtkunstwerk als das man sie einzeln analysieren würde. Sie werden en bloc und aus Prinzip geschätzt, sind sie doch der lebendigste Teil dessen, was von der legendären Komikertruppe geblieben und allgemein zugänglich ist, die ihre Wurzeln im Vaudeville und am Broadway hat.
Groucho Marx, ältester der Brüder und „Chef der Marx Brothers“ (so der Untertitel der deutschen Ausgabe von Charlotte Chandlers Biographie) hielt „A Night At The Opera“ und „A Day At The Races“ für ihre besten Filme. Doch „Duck Soup“, den mit Leo McCarey der unstrittig beste Kinoregisseur des Teams inszenierte, hat es zum Kultstatus gebracht.* Der Katholische Filmdienst lobte ihn gar als einen „Höhepunkt der amerikanischen Tonfilmkomödie, an Geschlossenheit den anderen Marx-Brothers-Filmen überlegen“.

Letzteres kann ich nach einem Wiedersehen nach langer Zeit nicht nachvollziehen. Die meisten Gags könnten auch aus jedem anderen Marx-Film stammen, und eine Dramaturgie, die diese zusammenbinden würde, gibt es nicht. Selbst die bescheidensten Anforderungen an eine innere Logik – das wäre die besagte „Geschlossenheit“ – sucht man vergebens. Vielleicht 30% seiner Laufzeit befasst sich der Film überhaupt nur mit Politik oder Krieg, und zwar in einer losen Folge einschlägiger Sketche. Die meiste Zeit spielen Groucho und seine Brüder einfach ihre angestammten Rollen.

Titel und späte Verbreitung dieser in der Zwischenkriegszeit entstandenen Produktion (im schicksalsträchtigen Jahr 1933) haben den Wunsch in Publikum und Fachwelt geweckt, in dieser harmlosen musikalischen Revue eine Satire zu sehen – wie sie später mit dem inzwischen etablierten Feindbild des deutschen Diktators vor Augen von Chaplin („The Great Dictator“) oder Lubitsch („To Be Or Not To Be“) tatsächlich vorgenommen wurde. Dass der Feldzug der Marx Brothers in diese Reihe gehört, ist schlichtweg ein Missverständnis. Die vier Brüder (im Grunde sind es nur drei, denn Zeppo geht im übrigen Ensemble praktisch unter) verulken das Militär ebenso wie die Diplomatie, die heterosexuelle Brautwerbung, feines Benehmen oder das Genre der Tonfilmoperette. „Duck Soup“ ist ebensosehr ein Film gegen den Krieg wie „A Night At The Opera“ eine Anklage der Oper oder „Go West!“ eine Schmähung des Cowboyberufs ist.

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* Siehe dazu den Podcast „Alle 42 Kultfilme“ und https://blog.montyarnold.com/2024/05/15/25283/

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Noch mal davongekommen

betr.: Digitale Übergriffigkeit

Es liegt schon ein paar Jahre zurück, da habe ich versucht, mir ein Lautsprecher-System zu kaufen, das es gestattet, die Musik, die im Wohnzimmer läuft, zugleich auch in der Küche und auf dem Klo zu hören. Für so etwas wurde schon in den 70er Jahren geworben, und inzwischen hat die Technik ja enorme Fortschritte gemacht. Mich freute der Gedanke, inzwischen würde man nicht mal mehr eine Verkabelung brauchen.

Ich ging also in ein sogenanntes Hi-Fi-Studio. Dort sagte man mir, so einfach sei das nicht. Es müsse alles übers Smartphone laufen. Ich könnte so eine Anlage nicht einfach mit einen Knopf an- und ausschalten und mit einem weiteren die Quelle einstellen – CD-Player, USB-Stick, Plattenspieler. Ich müsse all das dem Gerät mit meinem Handy mitteilen, das natürlich währenddessen mit dem Internet verbunden sei. Für den Fall, dass ich die Anlage niemals ausschalte, würde eine einmal vorgenommene Programmierung immerhin erhalten bleiben.

Ich war entsetzt über diese Umständlichkeit, und auch der Gedanke, beim Auflegen einer Platte digital bevormundet zu werden, missfiel mir.
Als ich den Laden schließlich mit leeren Händen verließ, hielt man mich dort sicherlich für geisteskrank.
Auch spätere Recherchen in weiteren Fachgeschäften und die Konsultation eines Hi-Fi-Profis im Freundeskreis brachten zutage: ohne Live-Schalte in den Weltraum und wieder zurück geht es nicht.
Seither drehe ich wie früher die Lautstärke hoch und öffne die Binnentüren, wenn ich mal in mehreren Zimmern parallel lebe oder arbeite.

Nun lese ich dies und bin ganz glücklich, so stur gewesen zu sein:

Selbstverständlich bilde ich mir nicht ein, dass es mir gelingen könnte, dem Strudel unserer Zeitgeschichte davonzulaufen. Aber bis jetzt ist es mir zumindest möglich, selbst ausgesuchte Musik zu hören, ohne auf die Gnade von Elon Musk angewiesen zu sein.


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Meckern im Mäusekino – Auflösung

betr.: Rätsel vom 13. August 2024

Die Korrekturen drehen sich um das Finale des Films. Lila wird nicht angefallen, „als sie dem Rätsel auf die Spur kommt“, sondern schlicht, weil sie sich in das Bates-Haus vorgewagt hat. In der Tat findet sie die ausgestopfte alte Dame erst, als sie sich im Keller versteckt, wohin sie vor Norman flüchtet, als der ins Haus zurückkommt. Die besagte Leiche hockt dort aber nicht seit ihrer Ermordung (was nahelegt, dass sich die Mumifizierung von selbst vollzogen hat). Sie „wohnt“ weiterhin in ihrem alten Zimmer und wird von Norman nur in den Keller gebracht, wenn er es für geboten hält. Eine denkwürdige Szene widmet sich diesem Ritual.

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