„Doc Savage – Die Festung der Einsamkeit“ (57)

Eine phantastische Erzählung von Kenneth Robeson

Siehe dazu: https://blog.montyarnold.de/2021/10/06/19056/

Fortsetzung vom 4.11.2022

Die drei Männer redeten in einer Sprache, die weder Ham noch Long Tom verstanden. Fifi schlug wieder um sich, kreischte gellend und versuchte, sich aufs Eis zu ziehen. Sie rutschte immer wieder ab. Die drei Männer kümmerten sich nicht um sie, sie blickten nach oben zu dem Flugzeug, das die Bombe abgeworfen hatte. Das Flugzeug kreiste über dem Spalt im Eis, senkte sich und setzte sanft auf. Es war ebenfalls mit Schwimmern, Kufen und Rädern ausgerüstet.

„Komm raus“, sagte einer der Männer am Ufer. Long Tom erkannte Civans Stimme. „Ihr habt lange genug gebadet.“
Da niemand ihnen half, waren Ham und Long Tom auf sich selbst angewiesen. Sie zerrten Fifi an Land, die wie von Sinnen war.
„Hören Sie endlich auf!“ sagte Long Tom wütend. Fifi hörte nicht auf.
„Idiotisches Weibstück“, sagte Long Tom grob. „Sie wollten uns doch unbedingt begleiten! Das haben Sie jetzt davon …“
Civan brummte einen Befehl. Einer seiner Begleiter ging weg und kam wenig später mit drei Fallschirmen wieder; er schleifte die offenen Fallschirme hinter sich her, und Ham und Long Tom erfassten, dass die drei Banditen mit diesen Fallschirmen abgesprungen sein mussten.
Das Flugzeug kam auf dem Wasser gemächlich näher; auf einer der Tragflächen kauerte ein Mann mit einem Bootshaken. Er stemmte ihn gegen das Eis, damit die Maschine nicht hart aufprallte. Der Pilot Porto Novyi steckte den Kopf aus dem Fenster des Cockpits. Civan rammte Ham und Long Tom sein Gewehr in den Bauch. „Zieht die Kombinationen aus!“
Ham fror entsetzlich, aber plötzlich wurde ihm noch kälter.
„Wir werden erfrieren“, sagte er erschrocken. „Sie können doch nicht . . .“
„Es ist mir ein Vergnügen!“ meinte Civan grimmig. „Vorwärts, zieht das Zeug aus.“
Ham und Long Tom zogen die triefenden Kombinationen aus. Sie wussten, dass sie in dem dünnen Unterzeug, das sie darunter trugen und das obendrein nass war, in spätestens einer halben Stunde erfroren sein würden. Civan und der Pilot sahen ihnen amüsiert zu. Fifi nahm nichts mehr zur Kenntnis. Sie kreischte nicht mehr, sie weinte still und ergeben vor sich hin.
„Sehr schön“, sagte Civan zufrieden. „Wo ist Savage?“
Long Tom und Ham konnten es sich nicht erlauben, die Frage wahrheitsgemäß zu beantworten. Sie mussten sich schnell eine Geschichte ausdenken, die einigermaßen plausibel war. Sie sahen einander ernst an, dann wandte sich Ham um und starrte trübe auf das schwarze Wasser, er schien mit den Tränen zu kämpfen.
Long Tom hatte begriffen, worauf Ham hinauswollte.
„Nimm es nicht so schwer“, sagte er scheinbar mitleidig.
„Er tut mir so leid . . .“, sagte Ham erstickt.
„Doc war im Flugzeug.“ Long Tom schluckte. „Die Bombe . . . hat ihn getötet.“
„Savage ist tot?“ Civan grinste breit.
Ham nickte, er wirkte schmerzgebeugt. Plötzlich riss er sich herum, warf sich auf Civan und packte ihn an der Gurgel.
„Ihr habt ihn auf dem Gewissen!“ kreischte er, als hätte Fifi ihm Unterricht in falschen Tönen erteilt. „Ich bringe euch um!“
Civan schüttelte ihn ab, und Ham ließ es nicht auf eine ernstliche Prügelei ankommen. Civan war überzeugt.

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Das Selbstgefallen des Virtuosen

betr.: 20. Todestag von Gert Westphal

Unter Funkschaffenden, Sprecherziehern und konservativen Freunden des Hörbuchs und der Rezitation gilt Gert Westphal als der unbestrittene König der epischen Vorlesekunst. Neben seiner Begabung und den zielstrebig erworbenen Fähigkeiten war es der historische Moment, der diese unwiederholbare Karriere ermöglichte – so ähnlich wie es Jahrzehnte später Thomas Gottschalk auf einem anderen Gebiet gelang.

Der 1920 geborene Westphal hatte bereits als Teenager sein erstes Sprecherhonorar verdient (beim damaligen Mitteldeutschen Rundfunk – MIRAG – in Dresden). Nach dem Krieg, dessen Heimaturlaube er mit Vorleser-Tätigkeiten ausgefüllt hatte, wurde er Schauspieler, doch beständig suchte er die Nähe des Mikrofons und prägte damit auch die Art seiner Bühnensprache. Später ließ er die Bretter ganz hinter sich und zog kurz vor seinem Tode das selbstbewusste Resümee: „Ich muss kein Theater mehr bedienen, kann alles selber machen.“
1948 wurde er erst einmal Regisseur und Leiter der Hörspielabteilung von Radio Bremen, 1953-59 war er in solcher Funktion beim Südwestfunk tätig und trat immer wieder selbst ans Mikrofon. „Seine Aufnahmen aus den 50er und 60er Jahren strahlen noch heute großen Zauber aus, führte er seine samtig-melodiöse Stimme doch auf zurückhaltend distanzierte Weise so, als ob er sich in die Texte fragend hineinlesen würde.“* Die Sprechschallplatten dieser Zeit – etwa mit Hölderlin-, Rilke- und Trakl-Gedichten – waren „so intelligent und modern“ wie man es bei kaum einem seiner Kollegen fand. „Nicht zuletzt bestach Westphal durch die Intelligenz seines Vorlesens. Mit einer Art von rezitatorischer Geistesgegenwart verstand er es, noch kleinste Nuancen auszuformen: ein Lächeln, einen traurigen Blick, eine wehmütige Stimmung, einen deftigen Witz. Nichts wurde einfach so dahingesprochen, nichts im Einheitston intoniert, wie dies unter seinen Nachfolgern häufig der Fall war. Im Gegenteil schien er sich die narrative Gesamtstruktur genau erarbeitet zu haben und vermittelte einen souveränen Überblick über das Werk. (…) Wie er mit feiner Differenzierung des Tempos und der Lautstärke die Spannungskurven und den narrativen Rhythmus dieser Werke herausarbeitete, ganz abgesehen von der Differenzierung der Stimmprofile der in direkter Rede vorgestellten Figuren, das hatte man so noch nicht gehört.“

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Die Welt ist abgeworfen

Nach mehr als drei Jahren nehme ich nun gewissermaßen Abschied von einem Buch, das mich bis zu seinem sinisteren Finale einmal wöchentlich begleitet hat. Von meiner fähigsten Prima-Vista-Schülerin Julia ließ ich mir in jeder Stunde 12 Seiten vorlesen, bis der mächtige Schinken bezwungen war. Es hat uns beide verzückt, wie zuverlässig die Autorin und nicht-akademische Philosophin Ayn Rand in jeder Passage von „Atlas wirft die Welt ab“* an buchstäblich jedem Lesetag das Tagesgeschehen kommentierte – die Flüchtlingskrise, Donald Trump, die Corona-Pandemie, die FDP, Boris Johnson, die Inflation, Armin Laschet, Putins Einmarsch in die Ukraine, Energiekrise, Lokführerstreik, Klimawandel undnochundnoch.
Viele Schlussfolgerungen der beinharten (aber verkappt romantischen) Objektivistin und Kapitalismusverteidigerin Rand (einer russischstämmigen Amerikanerin) sind inzwischen überholt, denn hellsehen konnte sie (im Gegensatz zu meinem anderen Lieblingsphilosophen Marshall McLuhan) nicht. Doch ihre Überzeugungen sind auf dem Teppich bleibend kaum zu widerlegen, ihre Kritik ist berechtigt und ihr Ekel vor gewissen politischen Programmen wird vor allem von der Sorge um unsere Demokratie angetrieben. Und eine Demokratie braucht ein Volk, das halbwegs zufrieden und selbstbestimmt leben kann – auch diese Binsenweisheit steht bei ihr niemals zur Diskussion.

Spider-Man wirft die Welt ab – wenige Monate nach dieser vielgerühmten Nr. 33 der Serie „Amazing Spider-Man“ verschwand der Zeichner Steve Ditko so spurlos wie die Charaktere im Roman „Atlas Shrugged“.

Im Internet findet sich übrigens kaum ein ausgewogener Kommentar zu Rand und ihrem Werk. Ayn Rand ist eine wohlfeile Hassfigur, obwohl ihr in den USA eine ungebrochene Popularität und Diskurswürde bescheinigt wird.
Auch ihr anderer großer Roman „Der ewige Quell“ ist eine gewaltige Schwarte und entsprechend wenigen Menschen zugänglich. Dabei lohnt die Lektüre – trotz aller Redundanz in den gleichsam fabelhaften Dialogen, trotz einiger Predigten, von denen die längste im „Atlas“ drei Stunden dauert (was in der Erzählung sogar korrekt mitgestoppt wird).
Die Geschichte um das mysteriöse Verschwinden wichtiger Männer der Wirtschaft und der Forschung, bis die USA schließlich am Abgrund stehen, ist ein Thriller, der sich als Grundlage einer Serie weitaus besser ausnähme, als die nächste Fantasy- oder Superheldensause (obwohl auch hier ein phantastisches Element enthalten ist). Die Protagonistin Dagny Taggart ist in ihrer unverbissenen Auflehnung gegen die Männerwelt, in der sie sich zu behaupten hat, eine aprilfrische weibliche Heldenfigur wie sie allenfalls von Stieg Larssons „Lisbeth Salander“ überflügelt wird. Auf den letzten Seiten kommt es zu einem Showdown, der vor meinem inneren Auge von Steve Ditko illustriert wurde, dem Miterfinder des „Spider-Man“ und glühenden Verehrer der Ayn Rand und besonders ihres 1957 erschienenen Romans „Atlas wirft die Welt ab“.

Julia und ich sind ein bisschen traurig, aber vor allem glücklich über diese Erfahrung. In den nächsten Monaten lesen wir erst einmal viele möglichst unterschiedliche Kurzgeschichten.
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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.com/2020/10/20/erwischt-ayn-rand-und-die-pulps/

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Warnung vor einem lustigen Bullen

Gestern abend wurde das alte Hörstück „Vernagelt“ wiederholt, ein Krimi von Ulrich Land um einen vermissten Waldarbeiter, dessen Leiche nach 25 Jahren endlich gefunden wird. Die Ermittler vermuten, der Mann könne von Demonstranten gegen den Bau der Startbahn West ermordet worden sein, an deren vorbereitenden Rodungsmaßnahmen er beteiligt war.
In der Anmoderation wurde der männliche Teil des Teams, Kommissar Droemel, als „hessisches Urgestein“ gewürdigt. Gestaltet wird der Part vom krimierfahrenen Kabarettisten Heinz Werner Kraehkamp.
Es ist eine schauerliche Darbietung, was sich in etwa gleichmäßig auf Text und Interpretation verteilt. Droemel babbelt hessisch, formuliert aber wie ein PR-Redakteur der Popmusik-Branche, was seinen volkstümlichen Ansatz konterkariert. In jedem Satz ist mindestens ein aufdringlicher Pointenversuch eingebaut. Der Trockenheit des angestrebten Humors soll dadurch aufgeholfen werden, dass Droemels Kollegin als schmucklos vor sich hinmotzende Powerfrau konzipiert ist.
Dieses Hörspiel sollte niemand versäumen, der auf die harte Tour studieren möchte wie Comedy nicht funktioniert! Das ist bis auf Weiteres in der DLF-Mediathek möglich

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Überall ist Vorstadt

betr.: 20. Todestag von Richard Yates

Der erfolgreichste jener Schriftsteller, die die Vorstadt zu einem allegorischen Schauplatz menschlichen Unvermögens und der sich daraus zwangsläufig ergebenden Tragödien gemacht haben, dürfte John Updike gewesen sein (es sei denn, wir zählen Gustave Flaubert mit dazu). Die übrigen sind im Wesentlichen vergessen und werden allenfalls von einem Bäuerchen des Zeitgeistes ans Licht befördert, wenn ein aktuelles Projekt – ein Film oder eine Serie – auf sie bezug nimmt, um danach wieder zu versinken. Das war vor 15 Jahren bei John Cheever* der Fall, es steht noch aus bei Sloan Wilson, zuletzt erwischte es Richard Yates.** Dabei sind sie alle – wie Updike und Flaubert – zu jeder Zeit lesenswert mit ihren Alltagsfiguren, die umso tiefer in der grauen Masse versinken, je mehr sie versuchen, individuell zu sein.
1961 formulierte Richard Yates seinen Unmut darüber, dass sein Debütroman „Revolutionary Road“ als ein Anti-Suburbia-Buch wahrgenommen werde. Er sehe es vielmehr als eine Anklage der amerikanischen Lust an der Konformität. (Wo ist der Widerspruch?) Der Roman schrammte Haarscharf am National Book Award vorbei und stieß insgesamt auf Ablehnung, bis ihn im Jahre 1999 ein Essay von Stewart O’Nan in der „Boston Review“ rehabilitierte. Da war Yates aber schon sieben Jahre tot und in seinem Heimatland nicht einmal mehr antiquarisch erhältlich (– okay, das Gleiche galt zu dieser Zeit auch für William Faulkner). Erst seit 2001 ist das englische Original in einer preiswerten Ausgabe zu haben.

Richard Yates stammte aus einer Trinkerfamilie, und er setzte die Tradition fort. Bereits in mittleren Jahren pendelte er in immer engeren Intervallen zwischen Schreibmaschine und Entzugsklinik. Hinzu kam eine Schädigung der Lunge, ein altes Kriegsleiden, das er durch starke Raucherei noch verschlimmerte. „Yates steuerte seinen Wagen vorzugsweise mit den Knien, um beide Hände frei zu haben, eine für den Schlauch der Sauerstoffflasche, die andere für die brennende Zigarette. Ein Funke hätte genügt, ihn in die Luft zu jagen.“ (SZ).
Er schrieb, solange er konnte, auch wenn er damit keinen Reichtum oder auch nur beschiedenen Wohlstand erlangte. Er arbeitete als Werbetexter, Drehbuchautor und Redenschreiber (z.B. für Senator Robert Kennedy), außerdem unterrichtete er „kreatives Schreiben“ … die biographischen Parallelen zu John Cheever sind auffallend.
Yates war selbst der Meinung, sein erstes Buch sei auch sein bestes gewesen, und hielt das für seine besondere Tragik. Er schrieb noch sechs weitere Romane, darunter sehr gute wie „Easter Parade“. Dennoch blieb er ein Geheimtipp, ein „writer’s writer“.
Als man nach seinem Ableben sein kleines Appartement in Birmingham, Alabama, ausräumte, soll neben seiner Olivetti das wertvollste Fundstück ein unveröffentlichtes Manuskript gewesen sein, das im Eisfach lag.   

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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2022/06/18/john-cheever-wiederlesen/
** Siehe https://blog.montyarnold.com/2018/11/01/die-schoensten-filme-die-ich-kenne-81-zeiten-des-aufruhrs/

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Reifer werden mit Margaret Atwood

In einem aktuellen Interview* wird die Schriftstellerin Margaret Atwood gebeten, übers Älterwerden zu reden. Aus dieser simplen Vorlage macht die 82jährige das Beste: „In jeder Lebensphase gibt es andere Herausforderungen. Als Teenager geht es um Kleidung, Make-up, erste Lieben, Prüfungen, Sex. Und natürlich die Frage, wie das Leben aussehen soll. Man denkt doch immer, man schafft es gar nicht bis 31. (Das fürchtet doch insgeheim jede.) Und wenn man diese Phase dann doch geschafft hat, geht es plötzlich ums Heiraten, um Kinder und deren Aufwachsen. Wenn man in die Vierziger kommt, sind es wieder andere Dinge, die Menopause zum Beispiel. Und in den Sechzigern fängt es plötzlich damit an, dass einige Menschen um einen herum sterben, an Krebs oder Herzinfarkt etwa. Danach wird der Ruhestand eine große Sache. Okay, nicht für Schriftsteller, die werden dann höchstens schlechter, sie hören aber selten mit dem Schreiben auf.“
Damit nicht genug, gewinnt Atwood anschließend noch eine Assoziation von bleibendem Wert daraus, indem sie sehr einleuchtend und allgemeingültig die Altersstufen einer Autorenkarriere aus ihrer Biographie heraus rekonstruiert: „Die schlimmsten Jahre im Schriftstellerleben sind sowieso die mittleren. Dein Debüt ist schon lange bekannt, und du giltst als langweilig. Im Alter bist du als Mann entweder vergessen oder ein verehrter Weiser. Und als Frau bist du entweder die freundliche Omi oder die böse Hexe. Wenn du ein junger Autor oder eine junge Autorin bist, sind die Kritiker alle älter als du. Als ich 27 Jahre alt war, wollte ein Journalist eines meiner ersten Bücher besprechen. Da hat der zuständige Redakteur gesagt: ‚Nein! Niemand unter 30 hat irgendetwas von Bedeutung mitzuteilen!‘ Kritiker ordnen Autoren dann entweder als talentierte Newcomer ein oder als Hochstapler, die fertiggemacht werden sollten. Wenn du ein mittelalter Autor bist und die Kritiker auch so alt sind wie du, bist du entweder ihr Kollege oder ihr Rivale. Und wenn du noch älter wirst, sind die meisten plötzlich jünger. Dann bist du entweder ein Vorbild, zu dem sie aufsehen, oder eine Person, die man endlich aus dem Fenster stürzen sollte, damit mehr Platz für junge Leute ist.“
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* Der Spiegel Nr. 44/2022

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Anderer Leute Groupies

Wie ich immer wieder höre, wird das aufregende Leben von Rockstars selten als aufregend empfunden, sobald diese in vorgerücktem Alter darüber schreiben. Wenn diese Leute ihre „Ausschweifungen zum Gegenstand ihrer Erinnerungen machen, ist das auf Dauer ermüdend. Daran kranken die meisten Autobiographien von Menschen, die in der Popmusik eine lange und erfolgreiche Karriere geschafft haben. Was sie zu erzählen haben, ist redundant, auch weil oft die literarischen Mittel fehlen“, heißt es dieser Tage ganz allgemein anlässlich einer solchen Neuerscheinung.
Ich kann dem nur zustimmen, und ich beziehe es auch auf die filmische Variante solcher Bekenntnisse: die zuletzt haufenweise erfolgreich gelaufenen Biopics singender Berühmtheiten. Ich will gar nicht bestreiten, dass mir Drogenerfahrungen (zumindest befristete), Parties und unmäßiger Sex (es muss ja kein heterosexueller sein) nicht gefallen würden oder tatsächlich gut gefallen hat. Aber ich finde es sinnlos, darüber zu lesen. Solche Dinge mögen sich spannend anfühlen, aber was bringt es, darüber zu reden oder davon zu hören? Unbestreitbar fähige Musiker wie Elton John (um mein Lieblingsbeispiel zu nennen) haben auf mich darüberhinaus die optische Anmutung eines Schalterbeamten. Über Freddie Mercury weiß ich, dass er seine wildeste Zeit ausgerechnet in München verbracht hat! Sowas will ich mir gar nicht vorstellen und auch nicht im Film ansehen. Außerdem hat man mir erzählt, dass er darin als dauergeprüfter Schmerzensjesus in Szene gesetzt wird. Welch ein Blödsinn! Freddie Mercury wird auch Probleme gehabt haben, aber er trug seinen hedonistischen Glamour sehr überzeugend zur Schau, und das Publikum liebte ihn  dafür. Außerdem artet es in letzter Zeit in ein Dauerklischee aus, dass uns niemand mehr unter die Augen treten darf, ohne eine Depression vorweisen zu können – nicht mal posthum.
Ich genieße die Musik dieser Künstler lieber auf dem eigentlichen Originalmedium: dem reinen Tonträger, ohne die Klatschgeschichten und das ganze Dedöns.

Selbst die Biographien vom Filmstars sind nicht ganz so faszinierend wie ich es mir zu Beginn meiner Laufbahn als Freund der Popkultur vorgestellt habe – obwohl ich die darin geschilderten Filmsets großer Meisterwerke allemal spannender finde als Backstage-Bereiche, Whirlpools und verwüstete Hotelzimmer. Regisseure fristen im Vergleich die spannenderen Existenzen. Am packendsten sind die Biographien von Autoren (besonders von Schriftstellern, die in ihrer Jugend zur See gefahren sind). Aber auch die will ich nicht auf der Leinwand sehen. Dort bevorzuge ich das, was Musiker, Autoren, Regisseure und Schauspieler zuwege bringen, wenn sie nicht feiern, sondern arbeiten: erfundene Geschichten.
Am liebsten solche, die sich aus einem ereignisreichen und bewusst geführten Leben speisen.

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„Doc Savage – Die Festung der Einsamkeit“ (56)

Eine phantastische Erzählung von Kenneth Robeson

Siehe dazu: https://blog.montyarnold.de/2021/10/06/19056/

Fortsetzung vom 28.10.2022

„Zieh hoch!“ schrie Long Tom. „Worauf wartest du?“
„Wozu?“ fragte Ham verständnislos. „Sie sind nur zu dritt, und wir . . .“
„Du sollst starten!“ schnitt ihm Long Tom das Wort ab. „Wir müssen von hier verschwinden, dieser Besuch gefällt mir nicht.“
Long Tom riss seine Maschinenpistole aus der Halfter und schob mit der Mündung die Klappe vor der Schießscharte der Kabine zurück. Er stellte Einzelfeuer ein und gab einen Schuss ab. Der Abschuss war erstaunlich leise, dafür war der Aufschlag desto lauter. Die Patrone war ein Explosivgeschoss. Vor den drei Vermummten stäubte Schnee auf.
Abermals gab Long Tom einen Schuss ab, diesmal auf einen der Männer. Die Patrone war eine sogenannte Betäubungskugel, die den Getroffenen beinahe sofort in einen tiefen Schlummer versetzte. Aber er traf nicht, jedenfalls ging keiner der Männer zu Boden. Long Tom gab einen dritten Schuss ab, wieder in den Schnee vor den drei Männern, die inzwischen scheinbar gemächlich näher gekommen waren. Die Kugel hämmerte gegen den Schnee und verwandelte sich in schwarzen Rauch.
Auf Docs Empfehlung hatte Long Tom seine Waffe kompliziert geladen. Explosiv-, Betäubungs- und Rauchpatronen wechselten ab; auf diese Art, so hatte Doc gemeint, waren sie auf alle Eventualitäten vorbereitet. Die Maschine setzte sich in Bewegung. Die Kufen wurden vom Eis losgerissen, das Flugzeug glitt zum Wasser und klatschte wie eine Ente auf.
„Wir erledigen sie von oben!“ brüllte Long Tom. „Aber zuerst müssen wir wissen, was eigentlich los ist.“
Das Flugzeug über das Wasser, das im Schein der Lampen schwarz glitzerte. Der Riss im Eis war lang genug, das Flugzeug hätte ausreichend Tempo gewinnen können, um sicher abzuheben — aber sie schafften es nicht. Dafür verantwortlich war eine Bombe, die von einem zweiten Flugzeug im Sturzflug abgeworfen wurde. Sie war präzise gezielt und schleuderte eine Fontäne hoch, in die Ham hineinraste. Das Flugzeug erzitterte, als hätte es einen Schlag erhalten, drehte sich um die eigene Achse und fiel auf den Rücken. Porto Novyi, der für Geld zu allem bereit war, erwies sich als vorzüglicher Pilot.

Eisiges Wasser brach in die Kabine; die Bombe hatte eine der Seitenwände aufgerissen.
„Hilfe!“ kreischte Fifi, die sich bis jetzt erstaunlich gut gehalten hatte. „Hilfe! Hilfe!“
Ham und Long Tom zerrten das Mädchen zur Tür und wuchteten sie auf. Fifi jammerte und schlug um sich, Ham und Long Tom waren überrascht über die Kraft, die in dem kleinen Körper steckte. Sie bändigten Fifi und schoben sie durch die Tür. Inzwischen war die Maschine halb unter Wasser und als Long Tom als letzter herauskam, war sie ganz untergegangen.
Das Wasser lähmte die Muskeln und brachte den Körper zum Erstarren. Unter Aufbietung aller Kräfte bugsierten Ham und Long Tom Fifi zum Ufer. Sie versuchten, das Mädchen auf die Eiskruste zu schieben, als ein Schuss aufpeitschte. Dicht vor Long Tom klatschte eine Kugel auf den Wasserspiegel.
Die drei Männer mit den Gewehren standen am Rand des Wassers. Der Schütze lud durch und zielte abermals auf Long Tom, und diesmal hätte er ihn kaum verfehlen können. Doch einer der beiden anderen drückte das Gewehr nieder.
„Halt“, sagte er. „Savage ist nicht dabei.“

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Als John Barry mal nicht zu Hause war …

betr.: 89. Geburtstag von John Barry

1977 kam es anlässlich des Films „The Spy Who Loved Me“ erstmals zu einer Ablösung des etablierten Bond-Generalmusikdirektors John Barry. Sein Vertreter war Marvin Hamlisch, der sich bereits ein kleines Stück seines späteren Ruhms erarbeitet hatte. So lief sein Musical „A Chorus Line“ bereits wenige Jahre am Broadway, ehe es später Rekorde brach und sich als stilprägend erwies. Für kurze Zeit hatte Hamlisch Woody Allen als Filmmusik-Hauskomponist gedient, ehe dieser dazu überging, seine Soundtracks aus Schellackplatten zusammenzustellen.
Hamlisch war sich – gottlob – nicht zu schade, den Barry-Style in sein Idiom mit einfließen zu lassen, besonders bei der Ski-Verfolgungsjagd in der Vortitelsequenz. Außerdem zitierte er klassische Musik und sogar klassische Filmmusik. Das war ein Novum bei James Bond, und es funktioniert großartig. Der Bösewicht Curd Jürgens beschallt sein spinnenbeiniges Unterwasserlabor mit Mozart und Bach, um Hinrichtungen zu untermalen oder sich anschließend davon abzukühlen. Maurice Jarres „Lawrence Of Arabia“ erklingt im Underscoring, als 007 nach einem Marsch durch die Wüste den Nil erreicht und sich von einem Boot mitnehmen lässt. Wie Hamlisch diesen Ohrwurm des Historienfilms in sein eigenes Liebesthema hinüberarragniert, ist eine Meisterleistung und einer der Gründe, warum die bis heute ausstehende Veröffentlichung eines befriedigenden Soundtrack-Albums ein solches Ärgernis darstellt. Erst- und für viele Jahre letztmalig wurde mit „The Spy Who Loved Me“ ein Bond für den Soundtrack-Oscar nominiert.
Es kann kein Zufall sein, dass der zurückgekehrte John Barry bei seinem nächsten Einsatz „Moonraker“ ebenfalls Klassik-Zitate einbaut. Aber tat der das wirklich selbst? Die kleinen E-Musik-Snippets sind so schlampig eingemischt, dass sie auch gegen den Willen des Komponisten – der bei Bond ja Kummer gewohnt war – in den Film gelangt sein könnten. Andererseits ist auch Barrys eigene Musik stellenweise miserabel geschnitten – besonders sein würdevoller „Flight Into Space“, der sich auf der Tonspur anhört, als hätte man ihn mit dem Hackmesser bearbeitet. Wer dieses Stück erleben will, der muss sich schon die Platte kaufen.
Wir halten fest: James Bond war schon Ende der 70er Jahre ein hochkomplexes Multimedia-Ereignis.

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Abhören ist nicht gleich Anhören

betr.: Schreiben für mediale Zwecke

Der legendäre Show-Unternehmer Ahmet Ertegun (1923-2006) – bitte googeln! – erzählte im Besitz großer Berufserfahrung diese Geschichte:

Einer meiner erfolgreichsten Künstler, ich möchte seinen Namen nicht nennen*, kam einmal mit vier Stücken in mein Büro und sagte völlig begeistert: „Das sind die vier Hits zu meinem Album. Ich habe sie meinen Freunden vorgespielt, und sie finden’s toll!“ Ich sagte: „Auf Freunde sollte man sich in solchen Fragen nie verlassen – das werden niemals Hits.“ Am selben Tag war eine Platte in der Post gewesen, die mir meine Mitarbeiter zum Amüsieren hochgeschickt hatten, weil sie so unfassbar schlecht war. Der Kerl konnte nicht singen, die Texte holperten, und seine Gitarre war nicht einmal gestimmt. Ich lege also dieses Stück Dreck auf den Plattenteller und hole zwei Mädchen vom Gang, irgendwelche Sekretärinnen, und sage: „Das ist die neue Platte von unserem sehr berühmten Künstler hier. Wie findet ihr die?“ Und die Sekretärinnen sagen: „Toll, wunderbar, Gratulation!“ Als sie wieder draußen waren, sagte ich zu unserem sehr berühmten Star: „Verstehst du jetzt, was passiert, wenn einer wie du Leute fragt, wie sie deine Platten finden? Du bekommst alles – nur keine ehrliche Antwort!“

Ertegun beschreibt hier ein Prinzip, das unter umgekehrten Vorzeichen der als „Hausfrauentest“ sowohl in den Sprachgebrauch als auch in die mediale Terminologie eingegangen ist. Üblicherweise läuft diese Prozedur so ab: ein Produkt wird einer als repräsentativ angenommenen Gruppe vorgeführt, um die Fehler zu finden, die ein ansonsten fertiggestelltes Produkt enthält – das können die beschriebenen spontan herbeigerufenen Leute aus dem Haus sein, zumeist handelt es sich um ein Testpublikum, das planmäßig in einem Vorführraum platznimmt. In jedem Fall treten hier nicht unbefangene Betrachter zusammen, die das Kunstwerk in der natürlichen Situation und Gemütsverfassung ihres Medienkonsums antreffen, sondern um Menschen, die wissen, dass sie anschließend nach ihrer Meinung gefragt werden. Wenn sie diese bekanntgeben, ist sie bereits durch mehrere Filter gelaufen, und die Freude über die vorübergehend erlangte Macht, den Daumen heben oder senken zu dürfen und damit möglicherweise etwas auszurichten, wird ihre Auswirkung auf die abgegebene Bewertung haben.

In einer vom Volksmund abgeschliffenen Feststellung Werner Heisenbergs wird es sinngemäß so beschrieben: Der beobachtete Gegenstand (in diesem Falle der Test-Zuschauer) ändert sein Verhalten durch den Umstand der Beobachtung – im Gegensatz zu der präsentierten Aufnahme.

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* Ertegun: „Nein, Mick Jagger war es nicht, aber er hätte es sein können.“

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