Willkommen in Düsseldorf

betr.: 25jähriges Jubiläum der „Tatort“-Kommissare Ballauf und Schenk, deren erster gemeinsamer Fall heute nacht im WDR

Als Ende Dezember 1991 der „Tatort“-Ermittler Schimanski abtrat, dürfte auf seinem WDR-Sendeplatz niemand wild darauf gewesen sein, die Nachfolge anzutreten. Götz George war auf der Höhe seiner Popularität, als er zum Abschied vom Himmel herab noch einmal sein Lieblings-, Kenn- und Schlüsselwort „Scheißeeee!“ auf Duisburg und die ganze TV-Nation herunterbrüllte.
Martin Lüttge wurde als Hauptkommissar Flemming in Düsseldorf installiert („kantig aber gütig“ wie sich das gehört), seine jungen Assistenten waren Roswitha Schreiner als Kommissarin Koch und Klaus J. Behrendt als Kriminalhauptmeister Ballauf. Das Team bestand in dieser Besetzung nur für acht Folgen, von denen die eine Hälfte Trash ist, die andere wirkliche Kabinettstückchen – sowohl, was die Fälle als auch was das witzige Zusammenspiel des Trios betrifft. Der heutige Tatort-Fan würde beim Wiedersehen mit dem jungen Max Ballauf an eine zufällige Namensübereinstimmung glauben, so vital und komödiantisch legte Behrendt seine Rolle damals an. Er war der Schussel des Teams – mit seinen pausenlosen Geschäftsideen und Nebenjobs aus einer Geldnot heraus, in die ihn seine junge Vaterschaft trieb (die Frau bekamen wir nie zu Gesicht). Aber der Slapstick zündete, und die Kalamitäten waren wichtig für das Team, das sich dazu verhalten musste. Ballauf war sexy und ein echter Sympathieträger. Doch obwohl er sich immer wieder als instinktiver Ermittler erwies, haderte Behrendt mit seiner Drittel-Hauptrolle und stieg nach zweieinhalb Jahren aus. In der Serie gaben das Scheitern seiner Ehe und ein lockendes Projekt in Kanada – wieder so eine Schnapsidee – den Ausschlag.
Das verbleibende Duo spielte noch bis 1997 (dem Antrittsjahr der nunmehrigen Jubiläumskommissare aus Köln). Doch erstens fehlte der Humor der Ballauf-Figur, zweitens wurden die Bücher nach zwei recht ordentlichen Folgen so krude und trostlos, dass einem die weitermachenden Darsteller leidtun mussten.  

Klaus J. Behrendt war nicht nach Kanada sondern zu SAT.1 gelockt worden. Dort durfte er nun den Titelhelden geben: „A. S.“, Alexander Stein, einen ausgestellt coolen Berliner Privatdetektiv. Die konventionelle Serie floppte – auch weil der Sendeplatz mehrfach wechselte und die Reihe zeitweise gegen „Columbo“ oder den „Tatort“ programmiert wurde. Als 1998 sie letzten fünf Folgen unter dem Titel „Steins Fälle“ liefen, war Behrendt schon zurück beim WDR.
Der Comeback-„Tatort“ „Willkommen in Köln“ beginnt mit einem Polizeieinsatz im Miami, wo Max Ballauf inzwischen arbeitet. Die Operation misslingt, Ballaufs Partnerin und Geliebte kommt dabei um, und wegen der Falschaussage eines Kollegen wird der Beamte des Landes verwiesen und mit einem lebenslangen Einreiseverbot in die USA belegt.
Immerhin darf er als Dienststellenleiter zur Kölner Mordkommission wechseln. Klaus J. Behrendt stellte weiterhin die Bedingung, dass sein befreundeter Kollege Dietmar Bär mit ihm ein gleichberechtigtes Duo bilden würde – eine gute Wahl, denn Bär ist wirklich ein toller Schauspieler (und im „Tatort“ entsprechend unterfordert).
Obschon optisch kaum verändert, ist die Figur des Max Ballauf um weitaus mehr als die drei Jahre gealtert, die seit seiner Abreise aus Düsseldorf verstrichen sind. Seine Miene ist stets grüblerisch, seine Standpunkte am Schlimmstmöglichen ausgerichtet, und in den nächsten 25 Jahren habe ich ihn nur zweimal bei einem Lächeln erwischt (eines, bei dem man für einen Sekundenbruchteil die Zähne sehen konnte). An den früheren Charakter erinnert anfangs nur, dass er zu chaotisch ist, um sich in Köln eine Wohnung zu suchen. Jahrelang lebt er in einer schmuddeligen Pension, bis deren Abriss ihn dazu zwingt, häuslich zu werden. Immerhin: ansonsten hat Max Ballauf sein Leben inzwischen im Griff.
Na, das ist doch auch schön.

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Connery Case Closed

betr.: 2. Todestag von von Sean Connery

„The Sean Connery Paradox“, den arte seinem deutschen Publikum unter dem Titel „Sean Connery vs James Bond“ präsentiert, ist der erste Dokumentarfilm, der das Leben des schottischen Filmstars aus der Rückschau beleuchten kann, und er wird den damit bereits geweckten Erwartungen vollauf gerecht. Seine Qualität ist umso erstaunlicher als uns zu beiden der unzertrennlichen Themen des Abends – Sean Connery und James Bond – seit Jahrzehnten unablässig irgendetwas erzählt wird, besonders kürzlich, als das Bond-Phänomen seinen 60. Jahrestag hatte.

Thomas Connery aus Fountainbridge und sein späterer Biograph Michael Feeney Callan, der kundigste Zeitzeuge in der Doku „The Sean Connery Paradox“

Auch das, was man bereits wusste, wird an der richtigen Stelle einsortiert und in einen fairen Zusammenhang gebracht, ohne reißerisch zu sein.
Sean Connerys letzter Film war im Jahre 2003 „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ (eine eitle und völlig überproduzierte Comic-Verfilmung, über die er die künstlerische Kontrolle hatte). Irgendwann fiel mir auf, dass kein neuer Film nachkam. Wieder etwas später las ich am Rande, der Schauspieler habe sich ja offiziell mit diesem Werk zurückgezogen. Zuletzt erfuhren wir von der Alzheimer-Erkrankung Connerys, und schließlich lasen wir seine Nachrufe. Die Doku knüpft diese losen Enden nun dezent zusammen. Connery wird in einer Talkshow gezeigt, in der er für sein aktuelles Projekt wirbt. Er sieht so fabelhaft aus wie stets, doch seine Antworten kommen etwas bröckelnd und zögerlich.
Die Qualität seiner Projekte hatte nach „Der Name der Rose“ langsam abgenommen, und „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ war ein (wenn auch fescher) Tiefpunkt. Der Star hatte sich eine gute Vorlage ausgewählt, aber völlig ignoriert, dass es sich dabei um ein Ensemble-Projekt handelte. Er agiert darin wie der aufgeblasene Super-Agent, der er doch nie sein wollte. Dass er das die meiste Zeit seiner Karriere sehr gut hinbekommen hat, ist eine der Botschaften, die hier so unaufdringlich vermittelt werden.
„Sean Connery vs James Bond“ ist ein würdiger Nachruf.

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Rätselhaftes Halloween

Der aktuelle Tonträger zum heutigen Datum – gottlob eine Archivaufnahme!

Mit Halloween verbinden sich aus deutscher Sicht zwei wichtige Jahreszahlen. Die erste bezeichnet die deutsche Erstausstrahlung der „Peanuts“-Folge „Der große Kürbis“ – das müsste 1973 gewesen sein. Wir saßen damals vor dem Fernseher und begannen zu ahnen, dass es in den USA wohl ein paar Feiertage mehr gibt als bei uns, Näheres konnten uns aber auch die Erwachsenen nicht erzählen. Natürlich waren wir sehr gespannt auf den „Großen Kürbis“, den Linus immer wieder ankündigt und der ja dann bekanntlich nicht auftaucht … vielleicht war das auch besser so für die Kinder im Kürbisfeld, denn vermutlich wäre es ein Horrorkürbis gewesen. Jedenfalls erklärte ich mir die Geschichte damals so: das ist wohl die amerikanische Art, Erntedank zu feiern. (Ganz offensichtlich hatte ich die Thanksgiving-Folge verpasst …)
Einige Jahre später erfuhren die deutschen Kids durch den ersten Beitrag zur „Halloween“-Filmreihe, worum es tatsächlich ging. (Nur vom Hörensagen, denn um diesen Nervenschocker im Kino zu sehen, waren wir immer noch zu klein.)
1994 unternahm eine Gruppe kluger Geschäftemacher die Großoffensive, das Halloween-Fest auch in Deutschland zu einer marketinggestützten Pflichtveranstaltung zu machen – kaum weniger leidenschaftlich gefeiert als Weihnachten, nur einige Tage kürzer. Es hat geklappt!

Jamie Lee Curtis, die zur Zeit wieder in ihrer klassischen Rolle auf der Leinwand zu sehen ist, wurde in diesem Zusammenhang gefragt, ob sie denn privat auch Halloween feiere. Sie sagte, sie würde es zumindest versuchen. Für alle Fälle stellt sie immer eine Schüssel mit Süßigkeiten vor die Tür. Aber entweder ist diese Gabe am nächsten Morgen unberührt, oder es ist alles weg – inklusive der Schüssel.

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Der Song des Tages: „Gemogelt“

Die Hamburger Band „Baumann Bergmann Pokinson“ hat mich mich gestern abend bei ihrem CD-Release-Konzert im ehrwürdigen Hamburger LOGO mit einer Sache entzückt, die mir regelmäßig als heutzutage physikalisch unmöglich erscheint, wenn ich die aktuellen Radioformate über unsere heimische Singer-Songwriter-Szene verfolge: wirklich witziges Liedgut mit deutschem Text. Diese klinische Umschreibung wird dem Vergnügen freilich nicht gerecht. Und dem Gipfel des Vergnügens schon gar nicht: dem Song „Gemogelt“!
Aber ich muss mir einfach mal Luft machen.
Das Album heißt übrigens „Änderungen vorbehalten“ … na, ich hoffe nicht!

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„Doc Savage – Die Festung der Einsamkeit“ (55)

Eine phantastische Erzählung von Kenneth Robeson

Siehe dazu: https://blog.montyarnold.de/2021/10/06/19056/

Fortsetzung vom 21. Oktober 2021

17.
Delilah (Delilah)

Long Tom und Ham fanden den Landeplatz neben der Lücke im Eis praktisch; deswegen waren sie dort niedergegangen. Die Kabine war geräumig und einigermaßen warm, außerdem trugen Long Tom, Ham und Fifi pelzgefütterte Kombinationen. Fifi schmollte schon wieder. Sie schmollte beinahe immer und fiel Long Tom immer mehr auf die Nerven; Ham schien sich nicht daran zu stören, er schien sogar an Fifis ständigem Genörgel Gefallen zu finden. Es gab ihm reichlich Gelegenheit, ihr einzureden, welch süße, hübsche, tapfere und geduldige kleine Person sie doch sei.
„Auch das noch“, meinte Long Tom verdrossen. Er stieg aus dem Flugzeug. Der Wind zerrte an seinen Kleidern und peitschte ihm Eiskristalle ins Gesicht. Er stapfte um das Flugzeug herum und vergewisserte sich, dass kein Licht durch die verhängten Fenster drang.
Es war stockfinster, die Wolken, die sich im Süden zusammengeballt hatten, bedeckten mittlerweile den ganzen Himmel. Das Wasser im Spalt zwischen den Schollen gluckerte und schmatzte.

Long Tom tastete sich am Flugzeug entlang zu dem Draht, den sie ringsum gespannt hatten; bevor er ihn erreichte, erklang in der Maschine ein wimmerndes Geräusch. Der Draht war eine Art Alarmanlage. Wer immer sich mit einem metallenen Gegenstand diesem Draht näherte, löste im Innern der Maschine Alarm aus. Long Tom war zufrieden, dass die Anlage offenbar funktionierte; die Maschinenpistole, die er unter dem Arm trug, hatte genügt, die Vorrichtung auszulösen. Die Alarmanlage war gewissermaßen sein Lieblingskind; er hatte Stunden damit zugebracht, sie zu installieren.

Er kehrte ins Flugzeug zurück, wo Ham und Fifi immer noch angeregt miteinander beschäftigt waren. Sie schmollte routiniert, und Ham sagte Liebenswürdigkeiten auf, die Long Tom einen Schauer der Entrüstung über den Rücken jagten. Er war eben im Begriff, sich in seine Decken zu wickeln, als die Alarmanlage sich abermals rührte. Ham und Long Tom setzten sich in Bewegung, als habe jemand eine Kanone auf sie abgefeuert. Ham eilte ins Cockpit und betätigte Schalter und Knöpfe, der Motor, der durch geheimnisvolle Chemikalien, die Doc und Monk zusammengebraut hatten, warm gehalten wurde, sprang sofort an. Long Tom hantierte an einem anderen Schalter in der Mitte der Kabine. Draußen flammten Lampen auf, die rings um die Maschine postiert waren. Die Lampen waren so abgeschirmt, dass sie die Besatzung des Flugzeugs nicht blendeten. Drei pelzvermummte Gestalten waren zu erkennen; sie waren noch fünfundsiebzig Yards von der Maschine entfernt. Long Tom überlegte, ob er Freunde oder Feinde vor sich hatte, als die drei Gestalten alle Zweifel zerstreuten. Sie rissen Gewehre hoch, Mündungsfeuer blitzte, ein Stahlhagel prasselte gegen das Flugzeug. Es klang wie ein mörderischer Trommelwirbel, aber die Projektile prallten ab. Die Außenhaut des Flugzeugs bestand aus einer kugelfesten Legierung.


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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Cringe als Humortechnik

betr.: 83. Geburtstag von J0hn Cleese (morgen)

John Cleese – Mitglied der Komikertruppe „Monty Python“ und deren gefühlter Frontmann – lässt seit Jahren nichts aus, was seine alten Fans verstören muss – und das jenseits seiner künstlerischen Arbeit, als Individuum. Zuletzt befürwortete er den Brexit oder ließ sich aus nachvollziehbarer Erbitterung über Cancel Culture und andere Denkverbote mit Verschwörungstheoretikern ein, die seinen großen Namen als willkommene Werbung begrüßen. („Es ist okay, einen Deutschen als militaristisch, einen Franzosen als hochtrabend, die Italiener als theatralisch, Engländer als verklemmt asexuell, Schweden als depressiv  und Schweizer als geldgierig darzustellen, doch einige Völker Political Correctness offenbar für zu wehrlos, um zulassen zu können, dass man sie durch den Kakao zieht, was mir doch einigermaßen herablassend erscheint. Vielleicht muss es erst noch ein paar mehr asiatische Billionäre geben, bis auch Inder zum statthaften Comedyfutter werden dürfen.“)
In solchen Situationen greife ich gern zu seiner Autobiographie, die mit klugen Erkenntnissen zum Handwerk des Humors prall gefüllt ist.

Nun, da ich acht mal die Woche auf der Bühne stand, hatte ich wirklich die Chance, mehr über die Regeln der Comedy zu lernen, womit natürlich die Gesetze der Publikumspsychologie gemeint sind. Hat man nur wenige Vorstellungen, ist man – es sei denn, man hat wochenlang Zeit für Proben – primär darauf konzentriert, sich an das zu erinnern, was man zu tun hat, und damit spreche ich nicht nur vom Text und den Abläufen, sondern auch von den Betonungen, Pausen, dem Tempo, der Laustärke, den Gesten, Blicken, Reaktionen und so fort. Und in eben dem Maße, in dem man sich an alles zu erinnern versucht, kann man weniger Aufmerksamkeit fürs „Momentane“ erübrigen. Erst wenn die äußeren Aspekte des Auftritts automatisch ablaufen, beginnt man über den schlichten Versuch, „alles richtig zu machen“, hinauszuwachsen. Man entspannt sich und wird sich seiner selbst, der anderen auf der Bühne und der gerade herrschenden Stimmung bewusster, was dem eigenen Spiel wiederum mehr Frische und Spontaneität verleiht und einen empfänglicher für die Reaktionen oder Lacher im Zuschauerraum macht. Gelächter ist das Element, das die Aufführung einer Comedy oft kniffliger macht als die eines Dramas. Wer Macbeth spielt, der muss sich keine Gedanken um verpatzte Lacher machen. (Es sei denn natürlich, man spielte in Peter O’Tooles Inszenierung am Old Vic mit.) In einer Comedy ist es hingegen nur allzu leicht, das Timing zu ruinieren. Deshalb muss man unbedingt auf das Publikum achten, um die richtige Gangart einzulegen.
Eine andere Funktion des Lachens ist natürlich, sich selbst zum obersten Gebieter der Komik zu machen. Wenn sie nicht lachen, dann stimmt was nicht, und du musst es reparieren – so einfach ist das.
Gelegentlich ist das jedoch nicht ganz so einfach wie es klingt, und das ist auch der Grund, warum ich Tony Bufferys Solos immer so fasziniert beobachtet habe. An einem Punkt in der Show taten wir immer so, als sei etwas schiefgelaufen: Peinliche Pause, dann wurde Tony auf die Bühne geschubst, wo er erst einmal verlegen und verwirrt rumstand. Diese Szene gelang ihm einfach wunderbar. Er verfügte über eine unglaubliche Bandbreite an verzweifelten Mienen, die seines besorgniserregend blassen Teints wegen noch gequälter wirkten. Dann begann er dem Publikum zu erklären, dass er gerade „einzuspringen“ gebeten worden sei und deshalb nun ein paar Bilder vom Bauernhof zum Leben erwecken werde. Woraufhin er eine Kuh, einen Hahn und ein Schaf imitierte – und das absolut grauenvoll -, sich entschuldigte, weil dies bedauerlicherweise die einzigen Tiere seien, die er in petto habe. Mittlerweile war das Publikum verwirrt und peinlich berührt. Nun verkündete Tony, dass er einen Witz erzählen werde. Das tat er, und wieder unglaublich grauenvoll. Er entschuldigte sich erneut, sagte, dass er es noch einmal besser versuchen werde, und erzählte einen anderen – diesmal einen ganz guten, und das Publikum lachte, nicht zuletzt vor Erleichterung. Doch als es lachte, hüpfte Tony auf und ab und rief in Richtung Seitenbühne: „Sie haben gelacht! Sie haben gelacht!“ Dann dankte er den Zuschauern für diesen Zuspruch und sagte, da sie den Witz so komisch gefunden hätten, würde er ihn gerne noch einmal erzählen. Also erzählte er ihn noch einmal, und zwar auf die gleiche einstudierte Weise. Stille. Tony stand niedergeschlagen da, blickte ins Publikum, zögerte einen Moment und sagte: „Bitte lachen.“ Ich habe nie wieder ein derartiges Unbehagen in einem Theater verspürt. Dann wieder Tony: „Bitte lachen Sie! Meine Mutter sitzt heute im Publikum.“ Inzwischen versuchten die ersten Leute, sich unter ihren Sitzen zu verstecken. Tony ließ seinen Blick eine Weile lang suchend über den Rang schweifen, dann lächelte er traurig und sagte: „Okay, sie ist jetzt weg.“
Ich fand das Ganze herrlich, aber im Publikum taten das nur wenige, und es dauerte immer eine Weile bis wir die Zuschauer nach Tonys Auftritt wieder aufgeheitert hatten – was zeigt, wie unterschiedlich die Geschmäcker sind, wenn es um Komik geht. Wenn wir im Ensemble über die Show sprachen, waren wir uns zum Beispiel immer einig, dass rund zwanzig Prozent vergleichsweise schwach waren; aber wir konnten uns nie darauf einigen, welche zwanzig Prozent das waren. Damals hat mich das verwirrt und frustriert, und ich brauchte Jahre bis ich verstand, wie subjektiv Humor ist. Nur weil Lachen ansteckend ist, kann man einen ganzen Saal gleichzeitig zum Lachen bringen; befragt man die Zuschauer ein und derselben Vorstellung jedoch einzeln, variieren die Meinungen in einem Maße, das man nicht für möglich gehalten hätte. Selbst wenn man das Publikum dabei beobachtet (wie ich es manchmal von der Bühne aus tue), wie es sich einen Film-Clip ansieht, erlebt man eine ziemlich überraschende Bandbreite an Reaktionen, die völlig konträr zu den eigenen Vorstellungen davon stehen, was als komisch empfunden wird und was nicht. Eine andere Lektion lernte ich bei einer Marx-Brothers-Retrospektive im Baker Street Classic Cinema: Zum ersten Mal wurde mir bewusst, wie viel Müll es zwischen all der Brillanz gab: Selbst die größten Komödianten sind vor Fehlschlägen nicht gefeit.

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Erste Sätze. Von „Cop Hater“ bis „Ax“

Zur Einleitung siehe https://blog.montyarnold.com/2020/11/08/16948/

Zuerst sieht man nur die Skyline der Stadt, wenn man vom Norden kommt, vom Fluss her; es verschlägt einem den Atem; ein seltsames Gefühl von Ehrfurcht bei diesem Anblick von majestätischem Glanz überkommt einen.
Die Stadt ist wie eine Frau, und das ist gut so, denn Frauen sind dein Geschäft.
Der Winter brach herein wie ein Anarchist mit einer Bombe.
Jeder Mensch hat das Recht, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen.
Der Spirituosenladen dampfte.
Es hätte auch 1937 sein können.
Ein Mensch, bei dem eine Schraube locker ist, ist ein Mensch, der Frederick 7-8024 anruft und sagt: „Das ist jetzt aber wirklich das letzte Mal, dass ich Sie wegen der chinesischen Wäscherei unten im Haus anrufe.“
Es war ein ganz gewöhnlicher Nachmittag, Anfang Oktober.
Detective Steve Carella blinzelte in die frühe Morgensonne des Sonntags, verwünschte sich selbst, weil er am Abend vorher die Jalousien nicht geschlossen hatte, und rollte sich dann auf die linke Seite.
Durch den weiten Bogen des Erkerfensters sah man auf den Fluss, auf dem sich am späten Nachmittag der regelmäßige Verkehr der Schleppdampfer und Lastkähne zwischen den beiden Staaten hin- und her bewegte.
Es regnete.
April kam daher wie eine Dame.
Juli.
Alltag.
Es war der erste April, der Tag, andere zum Narren zu halten.
Das Mädchen, das mit Cotton Hawes im Auto saß, hatte kalte Füße.
Die Frau auf dem Sims hatte ein Nachthemd an, obwohl es halb vier Uhr nachmittags war.
Niemand denkt an einem strahlenden Frühlingstag an den Tod.
Blut besitzt kein Aroma.
 

Auszug aus dem Buch „Cops In The City“ von Frank Göhre und Alf Mayer.*
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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2015/07/06/angst-und-schrecken-in-isola/

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Der verdienstvolle Watschenmann

betr.: 100. Geburtstag von Gerhard Bronner

Die Wenigen, die hierzulande überhaupt etwas mit dem Namen Gerhard Bronner anfangen können, tun das aufgrund der Beschimpfungen durch seinen ungleich berühmteren Busenfeind: Georg Kreisler (zum Schimpfen ja schon von Berufs wegen besonders berufen und begabt).
Nachsichtig betrachtet (wie es der ORF zur Feier des Tages hält) waren Kreisler und Bronner „zwei geniale Liedermacher, die Freunde waren und zu Feinden wurden – die sich aber immer sehr zugetan waren“. Gemeinsamkeiten gab es genug: beide mussten als Jugendliche ihre Heimat Wien verlassen, als die Nazis ihren umjubelten „Anschluss“ vollzogen.

Der 16jährige Bronner schwamm über die Donau und erwischte ein Schiff nach Palästina. Der wenige Monate ältere Kreisler floh derweil mit seiner Familie nach Westen in die USA. Dort arbeitete er in Hollywood mit Charlie Chaplin und lernte in New York das Handwerk des Show-Business. Bronner gelang dies als Kapellmeister einer 24köpfigen Band und später bei einem Engagement in London. Nach dem Ende des Krieges kamen beide zurück nach Wien (Bronner 1948, Kreisler 1955), wo die legendäre Marietta-Bar die wichtigste ihrer gemeinsamen Kultstätten werden sollte.

1959 übernahm Gerhard Bronner das „Neue Theater am Kärntnertor“ (er leitete es bis 1966), wo sein Kabarett-Ensemble grandiose Erfolge feierte. Bronner schrieb Erfolge wie „Der g’schupfte Ferdl“, „Der Halbwilde“, „Der Bundesbahnblues“ oder „Der Papa wird’s schon richten“. Der heimgekehrte Kreisler spielte seine Chansons vorwiegend in Gerhard Bronners Marietta-Bar. 1956 pachtete er zusammen mit ihm das „Intime Theater“ in der Liliengasse.
In diesen Jahren lud sich Bronner – wenn wir Kreisler als Quelle nutzen – unsagbare Schuld auf: er glänzte wohl durch künstlerische Borniertheit und kreative Inkompetenz, bürokratisches, kompetitives, unprofessionelles bzw. stoffeliges Verhalten, durch narzisstische Kränkungen des Kollegen Kreisler und vieles andere mehr. Hinzu kamen das konfliktträchtige Verhältnis des Künstlers zu seinem Veranstalter und später das noch gefährlichere zweier Co-Veranstalter.
„Die Wege der beiden trennten sich, aber künstlerisch trafen sie immer wieder aufeinander“ (ORF). Ihr Schlacht- und Spannungsfeld war das Wiener Kabarett, das seine glanzvollste Zeit in den 50er Jahren hatte und damals (spät, aber nachhaltig) seine heutige Kabarett-Kultur begründete. Die Erlöse waren niedrig, der Publikumszuspruch groß und es wurde viel experimentiert. „Je ernster eine bittere Wahrheit war, die ich dem Publikum näherbringen wollte, desto überzeugender habe ich sie in Humor verpackt“, lobte sich Gerhard Bronner später in seinen Erinnerungen.
Das Ensemble, das die beiden Streithähne umgab, könnte malerischer nicht sein: Helmut Qualtinger und Peter Wehle gehörten dazu, zu Beginn auch Farkas-Waldbrunn. Bezeichnend ist, wie heillos sich alle diese Leute später zerstritten haben.

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