Zu früh aus dem Ofen genommen (1)

Von Elend und Größe der zeitgenössischen Chanson-Szene

„Ich mag gern Menschen ansehen, bei deren Erschaffung der Liebe Gott gut aufgepasst hat. Bei den meisten hat’s draußen geklingelt, und er hat das Zeug halbfertig liegenlassen!“ Was Kurt Tucholsky über Menschen sagte, trifft auch auf Chansons zu.
Das meiste, was man so vorgetragen bekommt, ist nicht fertig, sondern nur auf die Gesamtlänge gestreckt. Irgendwann hat’s eben draußen geklingelt. Oder es war 16 Uhr 30, und der Künstler verschwand in den Feierabend … die Möglichkeit, sich morgen ein zweites Mal hinzusetzen, wurde nicht in Erwägung gezogen.

Gerade namhafte Künstler stehen gerne mal zwischendurch auf. Das Repertoire ist voll von diesen 16-Uhr-30-Momenten. Sie durchsetzen viele Chansons von Reinhard Mey, die meisten von Georg Kreisler (Ausnahmen sind z.B. „Mein Weib will mich verlassen“, „Das Lied von der Wirklichkeit“ und „Ich soll immer was Lustiges schreiben“), das meiste von Bodo Wartke, praktisch das Gesamtwerk von Konstantin Wecker.
Prokrastination scheint schon lange, bevor sie als Begriff in Mode kam, ein Kernstück der Chansonkunst gewesen zu sein (- womit ich nicht gesagt haben möchte, dass diesen Liedern nicht noch andere Versäumnisse oder Versuchungen anzumerken sein können.) Was auf diese Weise entsteht, wartet im günstigen Fall mit einer guten Idee auf, die man aber nach wenigen Zeilen, spätestens nach dem Beginn des ersten Refrains begriffen hat. Danach sitzt man den Vortrag brav aus und wartet das Ende der letzten Wiederholung ab. Man kann von Glück sagen, wenn es am Ende noch eine Überraschung gibt – einen Twist oder eine Pointe. Oder eine Anregung, die qualitativ über die Information hinausgeht, dass der Haifisch Zähne hat.

Ich rede also nicht von Dilettanten. Doch der einzige mir geläufige Künstler, der bei jedem Lied so lange sitzen bleibt, bis es fertig oder doch wenigstens aufführungsreif ist, ist Sebastian Krämer.
Es gehört sich nicht, das zu sagen, aber wenn ich es rein an der Qualität des Materials festmache – nicht an Weltruhm, erlebter Zeitgeschichte, Nimbus, Kultfaktor, Größe der Fangemeinde und historischer Bedeutung – komme ich zu diesem Ergebnis: die besten Chansons von Georg Kreisler (Beispiele siehe oben) kommen in ihrer Güte an das durchschnittliche Niveau der Chansons Sebastian Krämers heran.

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Erinnerung an Effi Effinghausen (4)

Am kommenden Sonntag wird im POLITTBÜRO der 70. Geburtstag von Effi Effinghausen nachgefeiert (der coronabedingt um zwei Jahre verschoben wurde).
Deshalb gibt es in dieser Woche Souvenirs von und über Effi.
Heute: weitere Anmerkungen von Gerda Grauslig aus „Erinnerungen einer Thekenschlampe“.

Fortsetzung vom 24.5.2022

Ein knappes Jahr vor Effis Tod zu Weihnachten 1995 war auch die Geschichte des Café Tuc Tuc zuende. Einige der wichtigsten für dieses Lokal prägenden Persönlichkeiten waren abgewandert und hatten das Publikum mitgenommen. Als die staatliche Wohnungsgesellschaft Saga dem Café wegen Mietschulden kündigte, gab Gerda Grauslig, die den Laden ab 1989 allein betrieben hatte, auf.

Herrchens Frauchen (Gunter Schmidt und Lisa Politt) bei Effis und Kais Verabschiedung aus dem Tuc Tuc im Dezember 1986 – Foto: Olav Meyer-Sievers

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„Doc Savage – Die Festung der Einsamkeit“ (33)

Eine phantastische Erzählung von Kenneth Robeson

Siehe dazu: https://blog.montyarnold.com/2021/10/06/19056/

Fortsetzung vom 17.5.2022

10. Kapitel
Die Hunde des Krieges
(War Lords)

Wenig später kam der erste der Männer auf dem Dach wieder zu sich. Geistesabwesend starrte er zu seinen schlummernden Kumpanen hinüber. Er schüttelte den Kopf und begann, seinen Nebenmann zu rütteln.
„He!“ rief er ihm ins Ohr.
Der Schläfer zuckte zusammen und kam ebenfalls zu sich. Eine halbe Stunde später waren alle sechs wieder auf den Beinen. Sie taumelten hin und her. Dann kam auch der Wächter von der Treppe herauf.
„Gas!“ sagte er atemlos. „Irgendwo unten ist eine Chemiefirma, da ist was passiert, und die Dämpfe sind zu uns heraufgedrungen. Wir scheinen ohnmächtig geworden zu sein.“
„Woher weißt du das von dem Gas?“ fragte einer der Männer.
„Ein Inspektor war da und hat es mir gesagt. Direkt danach muss ich umgefallen sein.“ Einer der anderen Männer massierte mit dem Handrücken seine Stirn.
„Ich hab‘ so das Gefühl, als wäre was geschehen, während ich bewusstlos war“, sagte er.
„Was?“ fragte der Mann von der Treppe. Der Mann, der seine Stirn massiert hatte, dachte angestrengt nach. Schließlich gab er es auf.
„Wahrscheinlich nichts“, sagte er.
Keiner erinnerte sich daran, dass Doc sie zu seiner Wohnung transportiert, mit einem Wahrheitsserum verhört und zurückgebracht hatte.
„Wo ist das Mädchen?“ fragte plötzlich einer.
Sie waren bisher so sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, dass ihnen Fifis Abwesenheit gar nicht aufgefallen war.
„Sie muss weniger Gas abgekriegt haben als wir“, entschied einer der Männer. „Sie ist früher wieder zu sich gekommen und getürmt.“
Sie sahen die Fesseln und den Knebel des Mädchens, aber die Gefangene war verschwunden.
„John Sunlight wird darüber nicht erfreut sein“, meinte einer. Die anderen schlossen sich seiner Ansicht an. Sie hielten eine Besprechung ab, wobei sie sich mit beiden Händen die Köpfe hielten, die entsetzlich brummten und schmerzten, und rangen sich dazu durch, ihr Funkgerät einzupacken und den Rückzug anzutreten. Ihre Wagen waren in einer Seitenstraße geparkt. Sie fuhren zum Hudson. Eine Stunde lang folgten sie in nördlicher Richtung dem Fluss. Bei einem Bootssteg hielten sie an. Am Steg lag ein Schnellboot. Die Männer stiegen ein und fuhren zu einer Insel. Die Insel bestand hauptsächlich aus Felsen, aber es wuchsen auch einige Bäume darauf. Ein seltsames Gebäude auf der höchsten Erhebung bildete den Blickfang. Das Gebäude war kreisförmig und hatte vier Ziertürmchen, in denen waren Maschinengewehre in Stellung gebracht. Das Haus war zur Verteidigung wie zur Flucht gleich gut geeignet; denn am Südende der Insel lag ein großes Bootshaus, das außer einem weiteren Schnellboot mit einer Höchstgeschwindigkeit von hundert Meilen in der Stunde auch einem Flugzeug Platz bot.

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Erinnerung an Effi Effinghausen (3)

Am kommenden Sonntag wird im POLITTBÜRO der 70. Geburtstag von Effi Effinghausen nachgefeiert (der coronabedingt um zwei Jahre verschoben wurde).
Deshalb gibt es in dieser Woche Souvenirs von und über Effi.
Heute: weitere Anmerkungen von Gerda Grauslig aus „Erinnerungen einer Thekenschlampe“.

Fortsetzung vom 21.5.2022

Georgette Dee bezeichnete Effi gerne als den „Kulturattaché des Tuc Tuc“. Das macht Effis Bedeutung als Repräsentant dieses Künstlerlokals deutlich und verweist auf die zentrale Quelle von Gerdas Unmut. Was Gerda an Zeit, Geld und Energie in den Cafébetrieb investierte, war bitter notwendig, aber Effi und seine Aktivitäten hatten schlicht mehr Glamour. Das hat dem damaligen Publikum durchaus etwas bedeutet und bedeutete gute PR, war aber intern häufig Gegenstand von Meinungsverschiedenheiten. 

Große Kleinkunst und immer wieder Tango – Hamburgs Subkultur der frühen 80er Jahre auf den Flyern des Tuc Tuc – und des Café Gnosa

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Warum wir Gerichtsfilme mögen

Seit der Tonfilm ausführliche Dialoge möglich machte, ist der Gerichtsfilm ein festes Genre  (auch als Sujet von TV-Serien). Es wird nur gelegentlich bespielt, kam aber niemals völlig aus der Mode. Seine beiden beständigsten Klassiker erlebte das „Courtroom Drama“ im Jahre 1957: „Zeugin der Anklage“ (von Regisseur Billy Wilder nach einen Bühnenstück von Agatha Christie) und „Die 12 Geschworenen“ (vom Debütanten Sidney Lumet nach einem Hörspiel von Reginald Rose, das dann im Theater Karriere machte).
Wie viel der Beruf des Prozess-Anwalts mit dem des Bühnenschauspielers gemein hat, ist Gegenstand vieler Kalauer – besonders in Großbritannien, wo der Gerichtsverhandlung (wie auch der politischen Debatte) eine Theatralik innewohnt, die für deutsche Augen etwas unfreiwillig Komisches hat. Auch die schwarzen Roben sind eine britische Erfindung.
Für das Kino ist am Gerichtssaal aber noch vieles andere verlockend: „der kompakte Ort, die zugespitzten Dialoge, die Zuverlässigkeit, mit der man als Zuschauer am Ende erlöst wird: Fiktionen, die von der Herstellung von Gerechtigkeit handeln, machen uns die unüberschaubare, unfaire Wirklichkeit erträglich. Während in den USA die Bürgerrechtsbewegung entstand, nahm dieses Genre richtig Fahrt auf, mit James Stewart in ‚Anatomie eines Mordes‘, Gregory Peck in ‚Wer die Nachtigall stört‘ …“ (Annette Ramelsberger in der SZ). Zu den späteren Beiträgen von bleibendem Wert zählt „Eine Frage der Ehre“ mit Jack Nicholson*. Alles Dramen. Bald darauf, Ende der 90er, kamen mit TV-Serien wie „Ally McBeal“ auch komödiantische Anwaltsserien in Mode. Bereits in der jungen Bundesrepublik hatte es eine Komödie aus dem Gerichtssaal vorübergehend zum Klassiker gebracht: „Hokus Pokus“ von Curt Goetz (wiederum ein verfilmtes Theaterstück).

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* Siehe auch https://blog.montyarnold.com/2022/05/08/20621/.

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Der Song des Tages: „L’heure bleue“

Am kommenden Sonntag wird im POLITTBÜRO der 70. Geburtstag von Effi Effinghausen nachgefeiert (der coronabedingt um zwei Jahre verschoben wurde).
Deshalb gibt es in dieser Woche Souvenirs von und über Effi.

1985 schrieb Effi diesen neuen Text auf einen Tango, den Mischa Spoliansky 1928 für die Revue „Es liegt in der Luft“ auf einen Text vom Marcellus Schiffer komponiert hat: „L’heure bleue“ („Blaue Stunde“). Auch das Original hat Effi gern gesungen, irgendwann kam diese Zugabe obendrauf, die aus der Duftwässerchen-Begeisterung des Originals eine Leseleidenschaft macht.

1.
Ich esse nicht, ich trinke nicht, ich schlafe nicht, ich tanze nicht,
ich liebe nicht, ich lebe nicht, ich lese nur!
Ich lese nur, zitiere nur, ich katalogisiere nur,
entleihe und studiere und kopiere nur.
Und les‘ ich was, erring ich es, verschlinge und bezwing‘ ich es,
ich nehm es auf und geb‘ mich hin.

Refrain
Nur so ein Poem von Verlaine,
von Kläuschen Mann ein Roman,
ein Exposé von André Gide,
dann ein Sprüchlein von Oscar Wilde,
vermischt mit Garcia Lorca und etwas Jean Cocteau,
ein Band von Bassani, eine Zote von Pasolini
und die gesammelten Werke von Rim-
baud, noch etwas Klatsch von Peyrefitte –
damit erreicht man den Zweck
und schmeißt dann alles weg!

2.
Und lese ich, dann leb‘ ich nicht, dann schlafe und dann lieb‘ ich nicht,
dann leg ich mich, dann liege ich und träume ich!
Dann träume ich von Andersen, von Plato und von Winkelmann,
Capote und Hans Henny Jahnn und Michener,
von Marcel Proust und Jean Genet,
James Baldwyn und von Yves Navarre sowie von E. M. Forster

Refrain
Nur so ein Gedicht von McKay und ein Essay von Germaine,
ein Akt von Edward Albee,
etwas Sehnsucht von Edmund White, und ich bin reisebereit!
Es geht zu Tennessee!
Ein Thriller von Picano, der ist so pikant – oh! –
und Carson McCullers, die gibt mir heut‘ einfach alles!

(gesprochen)
Ein Märchen von Rexhausen lässt mich niemals grausen,
und Stefan George vertreibt mir die Sorge!
Biographisches von Fichte hat unerhörte Dichte,
und Gore Vidal macht wieder vital!
Alexander Ziegler ist so ein Auf-Wiegler!
Ein Sonett von Shakespeare gönn ich unterwegs mir!
Ein Flug mit Saint-Exupéry erweitert die Peripherie!

Refrain
Dann noch etwas Klatsch von Peyrefitte –
damit erreich‘ ich den Zweck,
dann schmeiß‘ ich alles weg!

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Erinnerung an Effi Effinghausen (2)

Am übernächsten Sonntag wird im POLITTBÜRO der 70. Geburtstag von Effi Effinghausen nachgefeiert (der coronabedingt um zwei Jahre verschoben wurde).
Deshalb gibt es in dieser Woche Souvenirs von und über Effi.


In dieser kleinen Reihe werden Erlebnisse und persönliche Gedanken zu Effi Effinghausen aus „Erinnerungen einer Thekenschlampe“ von Gerda Grauslig (Szenename von Gerd Hamann) wiedergegeben. Sie spielen innerhalb des schwulen Kulturlebens der späten 70er und frühen 80er Jahre (die übrigen Aspekte des heutigen LGBTQ+-Begriffes fanden nur vereinzelt innerhalb derselben statt), das sich wegen gesellschaftlicher Vorbehalte noch gänzlich in der Subkultur abspielte. (Der Begriff „Subkultur“ bezeichnete sowohl künstlerische als auch gesellschaftliche Strukturen.)
In dieser Zeit waren Lokale wie das Café „Tuc Tuc“ in der Hamburger Oelkersallee wichtig und weit über die Stadt hinaus von Bedeutung.
Zwischen Gerda Grauslig und Effi klaffte ein massiver Mentalitätsunterschied. Gerda erlebte und beschreibt ihren Gegenpol als natürlichen Feind innerhalb des eigenen Lagers. Effi tritt in diesen Textpassagen vor allem als Kulturveranstalter und Gastronom auf (ab 1980 gehörte er mit Gerda zu den Betreibern des Tuc Tuc), weniger als der Mitautor und Interpret der Chansons, mit denen er tingelte und die zu seinen Jahrestagen regelmäßig im ST. GEORGE HERALD präsentiert werden.* Seine künstlerische Laufbahn hat Effi nach der Mit-Neugründung des Café Gnosa in St. Georg 1987 bald aufgegeben, hauptsächlich da ihre ernsthafte Verfolgung zu viel Zeit und Kraft beansprucht hätte, ohne den Lebensunterhalt wirklich zu gewährleisten. Zu gewissen Anlässen – etwa zu den Gnosa-Geburtstagen – trat er noch mit den klassischen Tangos und Kabarett-Chansons seiner frühen Jahre auf.

Die Mannschaft des TUC TUC im Jahre 1982, fotografiert von Olav Meyer-Sievers

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Erinnerung an Effi Effinghausen (1)

Am übernächsten Sonntag wird im POLITTBÜRO der 70. Geburtstag von Effi Effinghausen nachgefeiert (der coronabedingt um zwei Jahre verschoben wurde).
Deshalb gibt es in dieser Woche Souvenirs von und über Effi.


Vorwort

Die Leute vom Café Tuc Tuc

Das Café Tuc Tuc in der Hamburger Oelkersallee war weder die erste noch die letzte gastronomische Wirkungsstätte von Effi Effinghausen. Doch sie war die schillerndste, wenn auch das Internet wenig darüber zu erzählen weiß. (Effi selbst hat nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag.)
Obwohl ich mich an die letzten Jahre dieses Lokals noch erinnere, wollte ich also Zeitzeugen anhören, als ich die heitere Gedenkfeier, die am 29.5. (eine Woche vor Effis 72. Geburtstag) stattfinden soll.

Vorweg sei gesagt, dass das Tuc Tuc ab dem 10.6.1979 Hamburgs erstes schwules Lokal war, das auf die obligatorischen verdunkelten Fenster, die Türklingel und den Türspion verzichtete. (In der Innenstadt gab es schon zuvor das Café Spund, doch das war und ist ein Tagescafé.) Ebenso verzichtete das Tuc auf schummrige Ecken oder einen Darkroom – was die Gäste nicht daran hinderte, viel Sex miteinander zu haben, wie sich Lisa Politt erinnert.
Eine von außen einsehbare Homo-Kneipe lockte regelmäßig randalierendes homophobes Volk an, und die Polizei kam (so ein geflügeltes Wort jener Jahre) immer erst, wenn alles schon vorbei war. Das Personal musste selbst zum Tränengas greifen, um sich zu verteidigen, wenn nicht – wie an einem Silvesterabend – Nina Hagen unter den Gästen war und die Meute im Alleingang in die Flucht schlug.
Die Betreiber gingen nahtlos in die Riege der Kulturschaffenden über, die die kleine Bühne bespielte, und diese wiederum in das Publikum, das kam, verzehrte und feierte. Der damalige Sprachgebrauch fasste die drei Gruppen unter dem Begriff „Subkultur“ zusammen.
Mein Kölner Kollege Pelle Pershing war damals Zivildienstleistender im Hamburger Umland und kannte das Tuc Tuc von seinen Besuchen an den Wochenenden. Bald war er auch eng mit den Protagonisten unserer Geschichte befreundet. Er erlebte die junge Georgette Dee (die hier ihren ersten öffentlichen Auftritt gehabt haben soll), amüsierte sich über Gunter Schmidt – „Gunter sah aus wie ein Rauschgoldengel und  war geradezu überirdisch talentiert. Er spielte, sang, war unfassbar komisch und dabei so elegant und sophisticated. Ich habe es unendlich bewundert, wie er so leichtfüßig auf Pumps mit seinem gefühlt 200 Kilo schweren Akkordeon über die Mönckebergstraße stöckelte – was damals wirklich mutig war. Der CSD hieß noch „Stonewall“ und war eine Demonstration, keine Party.“ – und an den ambitionierten Theatermacher Ernie Reinhardt, der den Formationen „Transitiv“ und „Familie Schmidt“ angehörte und Cocteau-Stücke auf die freie Bühne brachte. Seine kabarettistischen Verkörperungen gebeutelter Frauen waren so erschütternd wie komisch wie unvergesslich. 1989 hat sich Ernie eine wehrhaftere Figur ausgedacht: Lilo Wanders.
Ernie war es auch, der Pelle ermunterte, selbst auf die Bühne zu gehen.

Pelle erinnert sich weiterhin an untergangene Künstlerperönlichkeiten wie die Knef-Parodistin Hildelore Knuff oder eine mollige Transe namens Schlünzi Bimbam. Sie waren typisch für die Kreativität und den Unterhaltungswert, den viele versteckt lebende Schwule damals als Ventil nutzten, ohne den Mut aufzubringen, dieses Potenzial auch beruflich auszuschöpfen. Sie standen für eine provokant-trashige Tuntenkultur, die aus der heutigen Schwulenszene – oder „Community“ – gänzlich verschwunden ist.
Auch Corny Littmann war in diversen Gruppen engagiert – besonders eindrucksvoll in „Brühwarm“ -, wandte sich aber schon früh der Politik zu.
1980 plante er im Tuc Tuc die Aktion, die zur Aufdeckung der Spitzel- und Rosa Listen-Affäre („Hamburger Spiegel-Affäre“) führen sollte.
Eine Mischung aus beidem war Cornys Job als Türsteher bei der bis zuletzt stets gutbesuchten „Tuc-Disco“. Über die Art wie er das machte, regte sich Rudi Finkler im März 1981 in der Homo-Monatsschrift „Du & Ich“ auf: „Der begnadete Entertainer und ehemalige kämpferische Spitzenkandidat der Hamburger Grünen für den Bundestag, bewacht den Zugang. Wen er kennt, darf rein (…). Unangenehm wird’s für solche, die er nicht kennt und die nicht auf Anhieb als Schwule zu identifizieren sind. (…) ‚Raus mit euch. Immer diese Scheiß-Heteros!‘ (…) Begeisterung rund herum bei denen, die an diesem Abend im Ghetto bleiben durften.“ – Daraufhin wurde der Verfasser dieser Zeilen in der Szene als „Schmutzfinkler“ apostrophiert (was für mich Ahnungslosen zunächst wie ein Kompliment klang). Das Hereinsickern von Milieutouristen war tatsächlich ein Problem, aber das brachte die eingangs beschriebene Offenheit des Kneipenkonzeptes eben auch mit sich.

Schon im Jahr seiner Gründung stieß auch Effi Effinghausen zum Tuc-Tuc-Kollektiv. Er wurde zu der mondänen Persönlichkeit, die den Laden in besonderem Maße repräsentierte und (in der Außenwirkung) irgendwie zusammenhielt, Paradebeispiel eines Typus von Barpersonen, der heute kurz vor dem Aussterben steht. Effi, der das Kulturprogramm im Tuc Tuc maßgeblich kuratierte, engagierte sich in der Hamburger Tango-Szene und trug mit seiner sphärisch schönen Stimme Chansons vor. 1985 tat er sich mit dem New Yorker Eric Gabriel zusammen, der ihn zunächst einfach am Klavier begleitete. Dann überzeugte er Effi, auch eigenes Material zu nutzen. Eric schrieb diese Songs bereits in der Absicht, dass Effi sie übersetzen und vortragen würde. Bis 1992 sollten die beiden es auf gut 40 Lieder bringen.
Pelle Pershing erinnert sich: „Effi war der Weltentrückteste, der / die charismatischste von uns allen. Er war sehr stylish – ich habe Effi niemals mit Basecap oder in Jeans gesehen! Bei alledem hatte er immer etwas Schweres. Er schien auch die künstlerische Arbeit ernster zu nehmen als wir anderen. Effi hatte nicht den anarchischen Humor von Gunter Schmidt. Um den Herrschenden den Spiegel vorzuhalten, war er nicht politisch genug und vielleicht einfach zu feinsinnig. Im Barbetrieb wirkte Effi manchmal, als wäre sein Reich nicht von dieser Welt.“

Pelle, der im Sommer ’81 nach Köln übersiedelte, um dort zu studieren, in eine ganz neue Subkultur eintauchte und seine „Original Pelle Pershing Show“ auf die Beine stellte, gedenkt dieser Zeiten und der Leute vom Tuc Tuc mit zärtlicher Bewunderung und Dankbarkeit: „Sie haben das Nest gebaut für heutige Ganztagsschwule wie Ross Anthony, Bruce Darnell oder wie sie alle heißen.“ 

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Schlappgelacht – Das Polittbüro hört auf

betr.: Hamburger Kabarettgeschichte

In Hamburg wird seit alters her eher Handel getrieben als Kultur gemacht. Folglich hat es Tradition, dass sich (Klein-)Künstler, wenn sie eine Spielstätte brauchen, am besten selber eine bauen. Das Schmidt-Theater ist das prominenteste Beispiel für das Gelingen einer solchen Notfallmaßnahme, der „Delphi Showpalast“ eines für den raschen Untergang, das „Lustspielhaus“ wird von Kollegen betrieben, die zwischen den Gastspielen sehr viel Zeit auf ihrer eigenen Bühne verbringen.
1993 taten sich sechs Hamburger Kleinkünstler – zwei Solisten und zwei Duos – zusammen, um in den Räumen der Evangelischen Kirchengemeinde in der Rentzelstraße eine solche Bühne zu bewirtschaften. Der unaussprechliche Name „SchlapplachHHalde“ (ein basisdemokratischer Kompromiss, logisch) war die Verballhornung der Wohnstraße eines geschätzten Kollegen. Volker Pispers, Eckart von Hirschhausen und Bodo Wartke absolvierten hier ihre Programme, wenn Herrchens Frauchen, Lutz von Rosenberg Lipinsky, Monty Arnold & Dr. Bertie (Hans Peter Reutter) oder Sybille Schrödter nicht selbst spielten. Gemeinsam setzte die Truppe ein Kabarettfestival und eine Reihe von Hausrevuen um (an die ich besonders gern zurückdenke) und brachte eine Ensembleshow in der Kampnagelfabrik heraus.

Herrchens Frauchen (ganz rechts und 3. von rechts) mit dem restlichen Team der „SchlapplacHHalde“ 1994

Dann wollte die Gemeinde ihre Räumlichkeiten zurück. Die Kollegen tingelten in alle Himmelsrichtungen weiter, und Herrchens Frauchen eröffnete in einem alten Kino am Hamburger Steindamm eine neue eigene Spielstätte, das Polittbüro.
Diese Zeit endet nun. Gestern gaben Lisa Politt und Gunter Schmidt bekannt, ihre Bühne „abgeben“ zu wollen.

Natürlich hat Lisa vollkommen recht, wenn sie sich mit 65 – das Geburtstagsprogramm ist soeben gespielt worden – berechtigt fühlt, in den Ruhestand zu gehen. Dass die Bewirtschaftung eines Kleinkunst-Theaters so viel Zeit und Kraft frisst, dass man streng genommen gar keine Zeit mehr hat, die eigentliche Kunst hauptberuflich zu betreiben, wird auch jedem Nicht-Kabarettisten einleuchten, der etwas aufmerksamer auf die Sache blickt.

Die gemachten Erfahrungen inspirierten auch, wer nun weitermachen wird: der bestens vernetzte TV-Star Michel Abdollahi und sein Kollege Robert Oschatz werden das Theater übernehmen. Es wird ihnen bei gleichbleibend anspruchsvoller Aufgabe sicher etwas leichter fallen, den Spielbetrieb zu organisieren. So wird die am 29. Mai geplante Show zum Gedenken an Effi Effinghausen „Was kann man sonst auch tun … ohne Hosen?“ zu einem Nachspiel der besonderen Art. Effi gehörte in den 70er und 80er Jahren zu den Betreibern des „Café Tuc Tuc“, das nicht nur eine bedeutsame schwule Szenekneipe war, es war auch ein wichtiger Veranstaltungsort der Subkultur. Hier traten Formationen wie die Gruppen „Brühwarm“ und „Familie Schmidt“ auf, zu denen Ernie Reinhardt (heute Lilo Wanders), Corny Littmann und eben Gunter Schmidt gehörten. 
Über diese rauschhafte Zeit wird an dieser Stelle im Zusammenhang mit der Effi-Gala noch zu lesen sein.
Jetzt wird erst einmal ein Schreck verarbeitet.

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