„Mich zu lieben ist schwer“ – ein Chanson

betr.: 72. Geburtstag von Effi Effinghausen

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Ein Song für Columbo

betr.: 90. Geburtstag von Oliver Nelson (gestern)

Der früh verstorbene Tenorsaxophonist Oliver Nelson hatte es geschafft. Stolz wurde er 1968 im Magazin „Ebony“ als Besitzer einer Zehn-Zimmer-Villa mit Pool in Los Angeles‘ feinem View Park-Viertel vorgestellt.

Die Jazzwelle im Kino nach „The Man With The Golden Arm“ (1955) hatte Nelson nach Hollywood gebracht, wo er als einer der ersten Afroamerikaner in der Filmmusik Fuß fasste. Zum Glück komponierte er nicht nur für den Film und für die Popmusik, sondern auch für das Fernsehen. Allein sein Titelthema für die Krimiserie „Ironside“ brachte ihm 50.000 Dollar pro Jahr an Tantiemen ein.
Noch populärer hätte eine Melodie werden können (und nach meiner Meinung auch werden müssen), die Nelson für den noch weitaus beliebteren „Columbo“ komponierte, die aber leider erst im Laufe der 2. Staffel erklang und unterging.
Kurioserweise hat nämlich ausgerechnet der Welterfolg „Columbo“ keine Titelmusik – bzw. gleich zwei inoffizielle, nämlich das Kinderlied „This Old Man“, das Peter Falk irgendwann in seiner Rolle zu pfeifen begann und dann immer wieder vor sich hinpfiff bis es schließlich in die Filmmusik Eingang fand, und das „NBC Mystery Movie Theme“ von Henry Mancini – das allerdings auch diverse andere Serien auf diesem Programmplatz einläutete.
Nelsons kleines Thema funktioniert nicht nur prächtig im Underscoring von „The Greenhouse Jungle“, es liegt auch unter den Schlusstiteln und passt ideal zur Serie und zu ihrem Helden. Im Laufe der Staffel wurde es noch wiederverwendet, zum Beispiel in „Requiem For A Falling Star“, so dass sich für kurze Zeit fast das Gefühl einstellte, Columbo hätte endlich ein eigenes Thema.

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Der leise Mr. Stringer

betr.: 123. Geburtstag von Stringer Davis

Die Filmkarriere dieses Schauspielers beginnt spät und bleibt dünn. Dennoch gehört er zu den Unsterblichen des Kinos (besonders wenn man die Rotation einiger seiner Arbeiten in unserem TV-Programm zugrundelegt). Er bleibt gewissermaßen stets sichtbar, ein vertrauter Anblick.
Stringer Davis war als langjähriger Freund und späterer Ehemann von Margaret Rutherford nicht nur in ihren „Miss Marple“-Filmen mit von der Partie (ohne in den Romanvorlagen vorzukommen und seinen Vornamen sogar als Rollennamen tragend), er tauchte in den Jahren ihrer Ehe in fast allen ihren Filmen, das bat sie sich vertraglich aus. Zu beider Verteidigung muss gesagt werden, dass diese kleinen Auftritte sehr amüsant sind – vorausgesetzt, dass man die Filme an sich mag.
In den letzten Jahren hört und liest man nämlich immer häufiger Abfälligkeiten über diese schon zur Zeit ihrer Entstehung altmodischen Agatha-Christie-Verfilmungen. Den Unmut darüber, dass sie so präsent und jederzeit zugänglich sind (und nebenbei gesagt noch immer funktionieren), kann man aber nicht einfach zugeben. Daher werden die Vorbehalte auf allerlei Art verbrämt.
So hörte ich vor wenigen Tagen in einem Feature über Krimi-Ermittlerinnen den Vorwurf, Margaret Rutherfords Heldin sei nicht im heutigen Sinne feministisch. Als positives Beispiel wurden aktuelle Kommissarinnen dagegengehalten, die zumeist dadurch glänzen, dass sie sich wie Männer verhalten.

Was wirklicher Feminismus ist, wird spätestens in Gestalt des Stringer Davis deutlich, der sich (wenn es nicht gerade galt, ihr die Tür aufzuhalten) im Leben wie auf der Leinwand immer ein Schrittchen hinter seiner Lady hielt. Und das nicht etwa aus Feigheit, sondern weil sie den Hauptteil der Verantwortung lieber selbst trug.
Wie sich das gehört, ist Stringer seiner Margaret innerhalb eines Jahres nachgestorben.

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Vom Gendern

Es beginnt damit, dass es nicht einmal ein deutsches Wort dafür gibt. „Gendern“ wird übersetzt mit „geschlechtergerechte Sprache“. So drückt sich aber kaum jemand aus. Und Gendern spaltet – vorsichtig formuliert. Für die einen verdeutlicht es bestehende Ungleichheit und versucht, diese abzubauen. Anderen geht es – vor allem das Sternchen in der geschriebenen Form und die Binnenpause + weiblicher Pluralform in der gesprochenen Sprache – gewaltig auf die Nerven. Im Juli sprachen sich mehrere hundert Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus ganz Deutschland gegen „geschlechtergerechte Sprache“ im öffentlich-rechtlichen Rundfunk aus. Diese Sprachregelung sei ideologisch, missachte gültige Rechtschreibnormen und produziere sozialen Unfrieden. Die Unterzeichner fordern in ihrem Aufruf deshalb eine kritische Neubewertung des Sprachgebrauchs im öffentlich-rechtlichen Rundfunk auf sprachwissenschaftlicher Grundlage. Sie verweisen auf Umfragen, nach denen 75 – 80% der Bevölkerung Gendersprache eindeutig ablehnten.

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Wie viel Spider-Man ist in Spidey?

betr.: Start der Serie „Ms. Marvel“ am 8.6.2022

Das Konzept der Serie „Spidey and His Amazing Friends”
 
„Spidey und seine Super-Freunde“ spielt in einem kleinstädtisch gerundeten New York (ein Gegenentwurf zu dem expressionistisch verfratzten New York, das als finsteres „Gotham City“ in den „Batman“-Erzählungen gepflegt wird). Die Umrisse der Insel Manhattan sind einmal auf einer Schatzkarte zu sehen. Dieses New York ist weder Moloch noch Metropole, eher ein beschaulicher Ort mit Museen, Theatern und Kinos, einer Kirmes auf dem Boardwalk und einem schönen Park. Die Freiheitsstatue gibt es auch. Richtige Wolkenkratzer, die ja für die Fortbewegung mit Spinnenfäden so wichtig sind, bilden immer nur das fernere Panorama.*
Das Wetter ist grundsätzlich heiter und frühsommerlich, einige Bäume tragen das farbenfrohe Laub des frühen Herbstes und harmonieren gut mit den bunten Gebäuden. Falls die Atmosphäre der Episode es verlangt, sind die Helden auch nachts im Einsatz (wenn die City tatsächlich schläft, was New York ja angeblich niemals tut) und wagen sich sogar zum Hafen vor.
Beschriftungen, Anzeigen- und Werbetafeln sind in einer Fantasietypografie verfasst, was den internationalen Appeal der Serie ebenso erleichtert wie die Trennung von Vorder- und Hintergrund.

Babes In Toyland

Peter Parker alias Spidey ist etwa 13 Jahre alt, und auch seine Tante May ist verjüngt. Selbst die Superschurken sind zu problematischen Halbstarken verkleinert: der zerstörungswütige Kraftprotz Rhino (der in Marvels Silver Age einen kurzen ersten Auftritt hatte), der grüne Kobold (in den Comics über Jahre Spider-Mans wichtigster persönlicher Gegenspieler) und Dock Ock (in seiner männlichen Variante war Doctor Octopus, ebenfalls ein früher böser Dauergast der Comicserie), der hier als launisches, kleptomanisch veranlagtes Mädchen daherkommt. (Es wäre zu schön, die Eltern und die privaten Wohnverhältnisse dieser Schurken einmal näher kennenzulernen.) Die drei Spielverderber sind der Gegenpol zu den jungen Familien mit ihren wohlgeratenen Kindern und den sonstigen netten Passanten und Dienstleistern der Stadt, die wir nur flüchtig erleben.

Das Spidey-Team besteht noch aus Ghost-Spider, die nach Peter Parkers tragisch zu Tode gekommener großer Liebe Gwen heißt und die wie diese die Tochter von „Captain Stacey“ ist (in der Serie eine Beamtin), und dem Hispano-Afroamerikaner Miles Morales, der als „neuer Spider-Man“ Protagonist der Spider-Verse-Filmsaga ist und hier den Heldennamen Spin trägt; er hat neben Spideys Kräften die Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen. Unterstützt wird das Ensemble von der haustiergroßen Roboter-Spinne Trace-e, die am großen Überwachungsmonitor die Stellung hält, mit ihren flinken Beinchen die Tastatur des Computers bedient und als eine selbstständige Mischung aus Google, Google Maps, YouTube, Wikipedia und einem Kuscheltier funktioniert. Hin und wieder wird sie auch zu Einsätzen mitgenommen, doch in der freien Wildbahn ist sie schnell überfordert und schutzbedürftig, was dem Team zusätzliche Arbeit macht. Der kleine Spider-Bot kann sogar sprechen, doch wir hören nur ein elektronisches Zirpen, während Peter seine Sprache versteht. (Doc Ock hat übrigens einen ähnlichen Begleiter namens Cal, eine Art Helferlein auf vier Tentakelbeinchen.)

Bestens gerüstet

Die Kinds halten ihre Superhelden-Identität geheim, gehen damit aber so locker um wie es ihrem kindlichen Gemüt und der Länge ihrer zwölfminütigen Missionen entspricht. Es fragt auch nie jemand danach. Das Wechseln der Kleidung geschieht stets im Off und dauert nur Sekunden.
Ihr nach dem letzten Schrei der Raumfahrt- und Überwachungstechnik funktionierendes HQ „Netzquartier“ ist taghell und ungeheuer geräumig – obwohl es unter der Erde liegt, nämlich unter dem Vorgarten des Parker-Grundstücks, aus dem es sogar teilweise auftaucht, wenn die Helden mit Ghost-Spiders Flugmaschine zu einem Einsatz aufbrechen.
Auf freischwebenden Plattformen können die Kids ihre Hobbies pflegen, relaxen und trainieren. Den Fuhrpark bilden Spideys stylischer Netz-Flitzer, ein maßstabgerechtes Cabrio mit eingebauten Gimmicks, Ghost-Spiders Ghost-Copter und Spins dreirädriger Techno-Racer. Doch das ist eher Staffage. Meistens werden die Netzte geschwungen, um sich fortzubewegen.
Wie diese prachtvolle Anlage entstanden ist, wird nicht verraten. Aber Peter ist (in Anlehnung an die klassische Comicserie) technisch wie auch biochemisch so begabt, dass wir ihm insgeheim unterstellen, die Sache irgendwie selbst hinbekommen zu haben.
Die entscheidende Inspiration hierfür war unzweifelhaft die großartige Cartoon-Comedy „Dexter‘s Laboratory”, in der das selbstverständliche Vorhandensein eines geheimen Super-Labors unter der elterlichen Wohnung noch ironisch gemeint war. „Dexter’s Laboratory“ von Genndy Tartakovsky lief Mitte bis Ende der 90er Jahre und war als zärtliche Parodie auf die längst noch nicht auskommerzialisierten Marvel Comics angelegt (besonders auf Jack Kirby, den Meister im Ersinnen glaubhafter Labore und Gerätelandschaften).

Spideys Helfer sind eher musisch als naturwissenschaftlich begabt. Gwen spielt Schlagzeug (mit einer unsichtbaren Band), Miles malt. Alle Drei haben tolle Moves drauf. Peter ist außerdem Jo-Jo-Virtuose und unterrichtet die anderen.

Zu den Teenagern, die der Truppe gelegentlich zu Hilfe eilen, gehören der Black Panther (trotz seiner Jugend bereits König von Wakanda), Ms. Marvel (die die Dehnbarkeit des Reed Richards von den „Fantastic Four“ übernommen hat) und der unglaubliche Hulk, der sich allerdings niemals „zurückverwandelt“. Im Kern ist er einfach ein guter Junge, der lernen muss, sein Temperament zu zügeln und seine enormen Kräfte behutsam einzusetzen.

Die Unverbesserlichen

Im Mittelpunkt jeder Geschichte steht eine moralische Botschaft wie etwa die, dass man nichts stehlen oder kaputtmachen soll, und natürlich Spider-Mans alte Apotheose, dass aus großen Fähigkeiten auch große Verantwortung erwächst.
Vor allem geht es um guten Mannschaftsgeist. Hin und wieder verfehlen auch die Helden ihr Ideal: sie geraten auf den Ego-Trip und versuchen, den aktuellen Fall allein zu lösen. Rechtzeitig kommen sie zur Besinnung und funktionieren wieder als Team, gegen das das Unrecht keine Chance hat. Solche Läuterung ist den Schurken natürlich nicht vergönnt. Die Lektionen, die ihnen Folge für Folge auf die harte Tour erteilt werden, haben sie bis zu ihrem nächsten Auftritt wieder vergessen. Das gehört bei ihnen zum Service. Meistens werden ihre Aktivitäten rechtzeitig verhindert, und selbst wenn ein Komplott tatsächlich Gestalt annimmt, wird niemand ernsthaft verletzt – auch die Schurken nicht. Selbst grobe Sachbeschädigung ist eher die Ausnahme. Dabei kommt den Helden zugute, dass diese Stadt (gemessen an der Zahl der Gebäude) recht luftig und dünn besiedelt ist.

Die Weisheit der Alten

Die Marvel-Kinofilme funktionierten erst, als sie lernten, ihre literarische Vorlage zu achten. Erst dann war der Erfolg des „Marvel Cinematic Universe“ möglich. (Wer’s nicht glaubt, sehe sich mal die „Spider-Man“-Serie von 1977 an oder den ersten „Hulk“ von 2003.)
„Spidey und seine Super-Freunde“ mussten sich deutlicher von den Comics emanzipieren, dennoch beruhen die Gesetze ihrer Alltags-Phantastik darauf. Dass die Netze, in die die Schurken im Finale gerne eingewickelt („gethwipped“) werden, sich nach einer Weile von selbst auflösen, ist einer dieser unausgesprochenen Fakten. Die Entstehung der Netze entspricht wieder der Idee aus den Comics: sie werden aus selbstgebastelten Düsen gespritzt. In den Spider-Man-Filmen unserer Tage kamen sie aus dem Handgelenk des mutierten Studenten Peter Parker.
Die gesellschaftlichen Verwerfungen, die bei Stan Lee und Roy Thomas thematisiert wurden, als das in Comicheftchen noch zutiefst unüblich war, sind bei Spidey bereits gelöst. Der Zwist zwischen Mensch und Tier, Geschlechtern, Generationen, Ethnien und sozialen Schichten ist beigelegt.
Und alle sind versorgt. Jegliche Energie wird als gewonnen vorausgesetzt. _____________________
* Zum Thema „Mystische Schauplätze“ siehe auch https://blog.montyarnold.com/2016/12/03/tatorte-game-of-thrones-und-die-serioese-polizeiarbeit/

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„Doc Savage – Die Festung der Einsamkeit“ (34)

Eine phantastische Erzählung von Kenneth Robeson

Siehe dazu: https://blog.montyarnold.com/2021/10/06/19056/

Fortsetzung vom 25.5.2022

John Sunlight war ein Mensch, der nach Möglichkeit jedes Risiko vermied.
John Sunlight saß auf einem Sessel, über den eine purpurrote Samtdecke gebreitet war. Sunlight trug einen dazu passenden roten Pyjama und einen roten Morgenmantel. Am Ringfinger seiner rechten Hand funkelte ein großer Rubin.

John Sunlight hatte nicht viele Schwächen, aber eine davon war seine Vorliebe für eine farblich abgestimmte Umgebung. Seit er aus dem Sträflingslager in die Zivilisation zurückgekehrt war, hatte er sich ganz auf das Rot der Könige eingestellt. Sunlights Eitelkeit mochte ein wenig lächerlich wirken, aber sie änderte nichts an seiner Gefährlichkeit.
Im Augenblick sah er nicht sehr gefährlich aus, wie er da auf seinem Sessel thronte und sich den Bericht der Männer anhörte, wonach sie auf dem Dach des Hochhauses angeblich von einem giftigen Gas überrascht worden waren, und als sie wieder zur Besinnung kamen, war Fifi verschwunden, während ihnen selbst nichts geschehen war, außer dass sie das Flugzeug gesprengt hatten, ohne wenigstens dafür zu sorgen, dass die Bombe einen der Feinde mitnahm.
„Das ist aber unangenehm“, sagte John Sunlight. „Ihr müsst bestraft werden . . .“
Die Männer erschraken. Sie wussten nicht recht, wovor sie Angst hatten, Sunlight hatte bisher keinen von ihnen geschlagen, sie wussten nicht, was auf sie zukam, aber sie waren halb verrückt vor Angst.
Sunlight wandte sich an andere Männer, die im Zimmer waren und die sieben Delinquenten musterten.
„Bringt sie in den Keller“, sagte er. „Sperrt sie getrennt ein. Ich werde achtundvierzig Stunden warten und mich dann persönlich mit ihnen unterhalten.“
Einer der Betroffenen stieß einen erstickten Schrei aus. Er hatte das alles schon einmal erlebt. Sunlight hatte ihn bereits einmal vor längerer Zeit einsperren lassen und sich dann mit ihm „unterhalten“. Er wusste nicht mehr, was Sunlight gesagt hatte, aber es hatte ihn zu einem zitternden Nervenbündel gemacht.
Ein unparteiischer Beobachter hätte Sunlights Methode vielleicht eine besondere Form der Hypnose genannt. Aber wie man sie auch nannte — sie war außerordentlich wirkungsvoll.
Sunlight blickte den Männern nach, wie sie weggeführt wurden. Sein Gesicht war ernst und gesammelt. Er wirkte wie ein Schachspieler, der einen Bauern opfert, um den Turm zu retten, mit dem er den Gegner beim nächsten Zug matt setzen will.

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Zu früh aus dem Ofen genommen (2)

Von Elend und Größe der zeitgenössischen Chanson-Szene

Fortsetzung vom 27.5.2022

Warum ist das so?
Es hängt natürlich mit der Selbstbeschränkung zusammen, die unsere Kleinkunstbranche befallen hat. Sie beruht auf der irrigen Annahme, der Inspiration nicht zu bedürfen – und der Vorbildung schon gar nicht.
Beispielhaft sind in diesem Zusammenhang die entlarvenden Gespräche in Rundfunksendungen wie „Querköpfe“. Eine junge Kollegin meinte einmal, sie hätte ein eigenes Genre erfunden. Sie mache „Kabason“. Das wäre so eine Mischung aus Kabarett und Lied.
So etwas wäre früher als Witz gedacht gewesen, aber sie meinte es ernst.

Die Selbstauskünfte arrivierter Kollegen fallen nicht erfreulicher aus. Eine nicht unbedeutende Chansonniere (sie bezeichnete sich etwas unsäuberlich als „Chansonette“*) wurde in der selben Reihe, nachdem sie erklärt hatte, ihr ginge es hauptsächlich um die Texte, nach den Autoren gefragt, die sie inspiriert hätten. Sie antwortete: „Brecht! …“, um nach einer gehörigen Pause fortzufahren: „… und Eisler und Weill …“ und nach kurzem Zögern einzuräumen, na gut, das seien ja Komponisten. Weitere Autoren sind ihr nicht mal dem Namen nach eingefallen, und die Moderatorin war so nett, von etwas anderem zu sprechen (und nicht nachzufragen, wie dieser Brecht mit Vornamen heißt. Das wäre spannend geworden).
Diese Kollegen wissen nicht, welches Vergnügen ihnen entgeht und welches sie ihrem Publikum verweigern.
Kürzlich sah ich mir das vierstündige Gespräch an, das Horst Königstein 1988 mit der greisen Blandine Ebinger führte. Für diese NDR-Produktion wurde eine wirkungsvolle Kulisse ins Studio gebaut, in der Frau Ebinger mit kompetenter Begleitung (und in passenden Fummeln) alte Chansons zum Besten gab. Besonders bei den Beiträgen aus Walter Mehrings „Großem Ketzerbrevier“ – etwa „Wenn wir Stadtbahn fahren“ – befiel mich kollegiale Melancholie.
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* Chansonette = kleines Lied.

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Das Leben als Tortenschlacht

betr.: „Was kann man sonst auch tun … ohne Hosen?“ – Ein Abend zu Geburtstag von und Andenken an Effi Effinghausen

Unser Ehrengast aus New York: der Songschreiber Eric Gabriel – Foto: Eckhard Bühler

Der gestrige Abend war nicht nur ausverkauft, er war auch ein großer Spaß. Der Vielzahl von Tangos und Balladen, die das Repertoire von Effi bereithielt, und der Gefahr, seinen allzufrühen Tod zu sehr zur Chiffre der allgemeinen Gemütsverfassung zu machen, standen ein paar Dinge entgegen, die sehr in Effis Sinn gewesen wären.
Da waren zunächst die Zeitzeugenberichte, die Gustav Peter Wöhler vorlas: die boshaften Auslassungen von Gerda Grauslig, die die Kultur des fröhlichen Zickenkriegs der alten Subkulturtage wieder aufleben ließen (und die hier in den letzten Tagen zu lesen waren). Im zartfühlenderen Beitrag von Pelle Pershing amüsierte sich das Publikum über die Erinnerung an die tragischen Frauenportraits des jungen Ernie Reinhardt. Auf dieses Stichwort hin sprangen diverse Kopfkinos an, und es klang für einen Moment wie im Schwimmbad.

Der Jubilar wird nicht geschont: Gustav Peter Wöhler liest aus Augenzeugenberichten – Foto: Ulrich Werner

Es war mir wichtig, dafür zu sorgen, dass ich nicht der Jüngste auf der Bühne sein würde, und es hat geklappt! – Das war der zweite Grund, warum es so ein untrübseliger Abend wurde.

Der Moderator mit Robin Koger, Charlotte Pelgen & Elisabeth Pfeiffer, Franzi Blass & Sven Fanick, die das Repertoire neu interpretierten. – Foto: Ulrich Werner

Das Finale wurde von den Betreibern des Polittbüro Gunter Schmidt und Lisa Politt bestritten, die in den alten Geschichten ja bereits beschworen worden waren. Weiterlesen →

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Lovecraft wie er sich gehört

betr.: Klassikerlesung bei MDR Kultur

Dieser Tage kann man sowohl im linearen Radioprogramm als auch in der mdr-Mediathek der populärsten Geschichte von H. P. Lovecraft lauschen: „Das Grauen von Dunwich“. Diese SR-Produktion von 1975 ist bemerkenswert. Was Günther Sauer (in einigen Eintragungen wird er ohne h geschrieben) hier leistet, ist das Musterbeispiel einer Lesung: integer und ohne Mätzchen, aber geradezu tollkühn, wenn in den hinteren Kapiteln selbst die Landschaft in Schmerzensschreie ausbricht.
Inhaltliche Fußnote: „Das Grauen von Dunwich“ ist Lovecrafts einzige Geschichte, in der sich ein längerer Auszug aus dem „Necronomicon“ befindet.*

In der Mediathek findet sich diese Passage übrigens am Beginn des zweiten der drei Abschnitte.
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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2020/03/28/necronomicon/

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