All die blutigen Details

betr.: Buch und Ausstellung „Horror im Comic“ / 263. Geburtstag von Mary Wollstonecraft Shelley

Der bereits zweimal mit dem Eisner Award ausgezeichnete deutsche Künstler, Autor und Kurator Alexander Braun* hat wieder zugeschlagen. Wer seine Arbeit kennt, weiß, wie penibel er recherchiert und wie erschöpflich er darüber zu berichten versteht – und kann das Tempo seiner Veröffentlichungen kaum fassen.

Noch bis zum 14.08.2022 präsentiert der „schauraum: comic + cartoon“ in Dortmund die Ausstellung „Horror im Comic“. Und natürlich gibt es wieder einen umfangreichen Katalog dazu. Der medienhistorische und –philosophische Nebeneffekt, der sich bei Brauns Arbeiten grundsätzlich einstellt, kreist bei diesem Thema naturgemäß um die Zensur in freien Gesellschaften, um Bigotterie und um die Beschneidung künstlerischer Freiheit. „Horror im Comic“ sorgt dafür, dass bei so viel Diskurs-Masse der Eskapismus nicht zu kurz kommt. Was in diesem Zusammenhang zeichnerisch geleistet wurde verschlägt einem den Atem.
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* Unter anderem hier wird darüber berichtet und nachgedacht: https://blog.montyarnold.com/2021/03/17/17722/ und https://blog.montyarnold.com/2016/01/07/going-west-1-invasion-aus-der-alten-welt/.

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„Doc Savage – Die Festung der Einsamkeit“ (29)

Eine phantastische Erzählung von Kenneth Robeson

Siehe dazu: https://blog.montyarnold.com/2021/10/06/19056/

Fortsetzung vom 18.4.2022

Er betrat die Halle des verdächtigen Gebäudes und sah sich vorsichtig um. Die Halle war leer. Er ging zum Lift und fuhr in das oberste Geschoss.
Vom oberen Korridor führte hinter einer Tür eine Treppe weiter aufwärts zum Dach. Die Tür war offen, davor lungerte ein Mann, vermutlich ein Wachtposten. Er war lang und dürr und hatte fettiges dunkles Haar. Doc trat vor ihn hin und schlenkerte mit der Werkzeugtasche.
„Ist Ihnen ein besonderer Geruch aufgefallen?“ fragte er.
„Wie soll ich das wissen?“ meinte er.
„Ich mache eine Inspektion“, sagte Doc.
„Na und?“ sagte der Mann.
„Sie haben mich nicht verstanden“, erläuterte Doc geduldig. „In einer der unteren Etagen in diesem Haus ist eine Chemiefirma untergebracht, und es ist möglich, dass es da einen kleinen Unfall gegeben hat. Die Chemikalien verbinden sich zu einem Gas, das durch den Fahrstuhlschacht in die oberen Stockwerke steigt. In diesem Fall hätte man es hier oben oder auf dem Dach bemerken müssen. Ist Ihnen nichts aufgefallen?“
„Absolut nichts“, sagte der Mann grimmig. Doc fiel auf, dass der Mann mit einem starken russischen Akzent sprach.
„Gut“, sagte Doc. „Vielleicht ist das Gas noch nicht so hoch gestiegen, vielleicht gibt’s auch gar kein Gas.“
Scheinbar gleichmütig ging er zur Treppe, ließ die Tür spaltbreit offen, ging laut einige Stufen hinunter und kehrte lautlos zurück. Aus der Werkzeugtasche nahm er eine Gasmaske und stülpte sie über. Dann holte er einen Kanister aus der Tasche, der eine giftig aussehende Flüssigkeit enthielt, und entleerte ihn auf den Boden.  Er wartete, bis die Flüssigkeit verdunstete und sich in ein Gas verwandelte. Der Zug im Treppenhaus trieb das Gas durch den Korridor zum Dach. Dann spähte Doc durch den Türspalt. Der Mann lag auf dem Korridor und schlief. Sechs weitere Männer und ein Mädchen lagen auf dem Dach und schliefen ebenfalls. Das Mädchen war sehr klein und sehr hübsch und erinnerte an eine Spielzeugpuppe.

Zeitgenössische Illustration von Paul Orban
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Marseillaise – german lyrics

betr.: 230. Jahrestag der Komposition der Marseillaise

1992 komponierte der französische Offizier Claude Joseph Rouget de Lisle in Straßburg während der Französischen Revolution anlässlich der Kriegserklärung an Österreich den „Chant de guerre pour l’armée du Rhin“, unter dem Namen „Marseillaise“ Frankreichs spätere Nationalhymne.
Diese deutschen Verse sind überliefert:

Strafet, Bürger, die Verbrechen,
wehrt euch gegen Pfaffenmacht!
Habet Mitleid mit den Opfern,
die die Lüge schlug und der Hohn!
Steter Sturmwind der Revolution!
An die Urnen, Bürger wählt
wählt sie ab, die Pfaffenbrut!
Kräh’n die schwarzen Raben noch so laut,
ihr fegt sie doch hinweg!



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Ego-Dreck von Regietheater-Fuzzis

Gestern abend sah ich mir im Deutschen Schauspielhaus Thomas Bernhards „Jagdgesellschaft“ an. Der überfrachtete Regietheater-Unfug, den das Hamburger Publikum nach zwei Stunden hüstelnder Ratlosigkeit brav beklatschte wie sich das bei uns gehört, war in etwa das, was ich habe erwarten müssen. Es war dennoch spannend zu sehen, wie restlos und zuverlässig sich der sardonische Witz von Bernhards schlechter Laune bei dieser „Konzeption“ neutralisierte: kein einziges Mal war Gelächter zu hören. Wenn eine besonders breite Grimasse geschnitten wurde, fiel schon mal ein verschämter Gluckslaut. Im zweiten Akt tobten alle wie wild durch das (wirklich hübsche!) Bühnenbild, ein deutliches Zeichen, dass das Haus dem Unterhaltungswert des Materials misstraut.

Der große Bernhard-Fan Hanns Dieter Hüsch hat sich gelegentlich darüber betrübt, dass Bernhards Stücke niemals kabarettistisch inszeniert werden, obwohl dessen Texte doch sehr kabarettistisch verfasst seien. Das ist bis heute so. An die Stelle des langsamen Peymann’schen Minimalismus der Originalinszenierungen ist aufgemotzte (da üppig subventionierte) Hilflosigkeit getreten. Sie äußert sich bereits, sobald die ersten Worte gesprochen werden: die Stimmen sind unmotiviert schrill und verkrampft (was das Publikum genauso peinigt wie die Schauspieler). Irgendwas muss man den Kollegen auf der Probe ja sagen …
Dagegen hat Thomas Bernhards geplauderte Bosheit keine Chance.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Jack & Jack

betr.: 85. Geburtstag von Jack Nitzsche und Jack Nicholson

Der berühmte Ausspruch von Orson Welles, bei einer lebenden Legende würden immer alle beleidigt sein, weil man noch nicht tot ist, gilt längst nicht mehr. Zumindest im Medienzeitalter und –gewerbe ist das Ableben in den meisten Fällen auch der Anfang des Vergessenwerdens. Das mag der Grund dafür sein, dass Rockstars sich mit dem Abkratzen immer so beeilen. Michael Jackson ist ein Sonderfall, da er unmittelbar vor seinem Tode auf dem besten Wege in die Missachtung war und sein Ende die Fans noch einmal gehörig aufgeschreckt hat.
Jack Nitzsche war schon zu Lebzeiten eher unauffällig. Als Filmkomponist wurde er – einiger glanzvoller Einträge zum Trotz – nie wirklich gefeiert, und auch in der Popmusik diente er als Zuträger (Pianist, Arrangeur, Komponist) für andere.
Neben ihrem gemeinsamen Geburtstag führte den unterschätzten, vor 22 Jahren verstorbenen Musiker und den großen Filmschauspieler und Beinahe-Namensvetter Jack Nicholson eines der besten Projekte zusammen, die jeder von ihnen zu verzeichnen hat.

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E- und U-Musik – Demarkationslinie gefunden!

betr.: 70. Geburtstag des Rundfunkorchesters des Bayerischen Rundfunks (am 1. April)

Mit wenigen Tagen Verspätung, dafür aber zu umso früherer (um nicht zu sagen nachtschlafender) Stunde präsentierte das Bayerische Fernsehen unter seinem Label BR-KLASSIK dieser Tage ein bieder moderiertes Programm zum 70. Geburtstag des Münchner Rundfunkorchesters. Der Titel „Zauber schöner Melodien – Radiomusiken der 50er-Jahre“ war absichtlich altmodisch, die Musikfolge innerhalb dieser Klammer originell zusammengestellt.

Als sich der Moderator leidenschaftslos und im exakt üblichen Wortlaut über die Unsinnigkeit der Trennung von „U“ und „E“ ereiferte, wurde mir bewusst, dass es ausschließlich die Pfleger der E-U-Trennung sind, die diese andererseits beklagen. Der klassikferne Streaming-Nutzer kennt diese Begriffe gar nicht.
Ironischerweise lieferte das gewürdigte Orchester für die Lebendigkeit eben dieser Schubladenstruktur den schönsten Beweis. Die Ouvertüre des Musicals „High Society“ von Cole Porter geriet zu einem Paradebeispiel, wie es sich anhört, wenn E und U einander ins Gehege kommen. Durch das Intro dieses rhythmisch eher harmlosen Stücks verläuft die Demarkationslinie zwischen Dirigenten / Orchestern, die über einer solchen Trennung stehen und jenen aus dem nicht-angelsächsischen Raum, bei denen auch der leiseste Anflug einer Jazz-Synkope zu Problemen führt.
Aber hören Sie selbst:

Beginn der „High Society“-Ouvertüre, 2022 dirigiert von Joseph R. Olefirowicz
Beginn der „High Society“-Ouvertüre, 1956 dirigiert von Johnny Green

Tja, da merkt man es dann doch …

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Dr. Vultus – Ein wirklicher Gesetzloser

Dr. Vultus (Dr. Affus) ist einer der ersten modernen Superschurken in der Geschichte der Popkultur. Er trat erstmalig von September 1935 bis Januar 1936 in einem von Walt Disneys klassischen Zeitungs-Comicstrips auf: „Mickey Mouse And The Pirate Submarine“ von Floyd Gottfredson. Mit seinem U-Boot, aus dem eine gewaltige Magnetklaue herausfährt, tyrannisierte er die Christliche Seefahrt. Dr. Vultus ist ein monokeltragender Orang-Utan in Admiralsuniform, die von einem Cape komplettiert wird. (Die Fan-Wikipedia vermutet, die bösen Nazi-Deutschen könnten hier Pate gestanden haben, doch das scheint mir verfrüht. Ich halte eher den Hollywoodfiesling Erich von Stroheim für das neben Käpt’n Nemo wichtigste Vorbild.)

Micky Maus macht Bekanntschaft mit einem Hightech-Piraten. Die Übersetzung erschien 1973 im Melzer-Verlag.

Sowohl Dr. Vultus selbst als auch sein Werkzeug sehen wirklich eindrucksvoll aus. Wäre er nicht ausgerechnet in einem Kontext erschienen, dessen Unterwelt hauptsächlich von Kater Karlo und der Panzerknackerbande bestritten wird, hätte man ihm eine solide Karriere als wiederkehrender Bösewicht zutrauen können. In den USA ist er nicht wieder auffällig geworden. Die italienische Disney-Comicproduktion belebte ihn nach mehr als 20 Jahren Pause für „Die Magnetklaue schlägt wieder zu“. Seither hat er – wiederum in Europa – sehr sporadische Auftritte.

Die Wiederkehr von „Pirata Orango“ in „Walt Disneys Lustigem Taschenbuch“ Nr. 67 „Micky Maus Superstar“ (1980). „Topolino e il ritorno dell’artiglio magnetico“ erschien erstmals am 10. Januar 1959 in „Topolino“ #212, Szenario: Guido Martina, Zeichnungen: Giulio Chierchini.

Immerhin handelt es sich bei Dr. Vultus um eine Disney-Figur, und die stehen unter dem besonderen Schutz von für ihre Wachsamkeit gefürchteten Urheberrechtsschützern. Ausgerechnet beim „Deutschen Disney“ Rolf Kauka trieb im Januar 1970 ein freches Plagiat sein Unwesen, das offensichtlich keine juristischen Folgen hatte.

Nur echt mit vier Fingern: auch die Magnetklaue wird auf die Serienhelden „Fix und Foxi“ losgelassen. Die Zeichnungen stammen von Branco Karabajić.

Nach jedem seiner raren, plötzlichen Raubzüge unter diversen Pseudonymen („Admiral X“, „Pirat X“, „Käpt’n Orang“ …) verschwindet der irre Affe wieder irgendwo in all den Büchern, zwischen den Zeilen. Ein bemerkenswerter Verbrecher!*
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* Ein anderer raffinierter Untersee-Bösewicht wird hier beschrieben: https://blog.montyarnold.com/2017/01/07/die-schoensten-comics-die-ich-kenne-10-tom-patapom/.

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Lucky in Luxembourg

betr.: 80. Geburtstag von Frank Elstner

Erfreulicherweise kam Frank Elstners Arbeit bei Radio (Tele) Luxemburg in seinem Portrait zum 80. Geburtstag doch recht ausführlich zur Sprache. Radio ist – so wie das Theater und anders als das Fernsehen – ein flüchtiges Medium, und Elstners Jahre dort gehören zu seinen spannendsten und verdienstvollsten.
Wenn in der Geburtstagssendung über die von ihm entdeckten Talente nachgedacht wurde, stockte die Unterhaltung jeweils, weil die meisten davon versunken sind (Desirée Nosbusch verließ RTL im Streit auf Betreiben ihres Moderatorenkollegen, Lebensgefährten und Managers; Hugo Egon Balder ist in ganz andere Höhen enteilt; Helga Guitton, Jochen Pützenbacher, Rainer Holbe, Metty Krings, Björn Hergen Schimpf, Walter Freiwald, Biggi Lechtermann, Viktor Worms und Hans Meiser sind inzwischen dem TV-Publikum wieder entrückt. Letzteres gilt auch für Max Schautzer, Heinz Eckner, Rolf Zuckowski, Elmar Gunsch, Reinhard Münchenhagen, Carlheinz Hollmann und Lou van Burg, die wie Thomas Gottschalk und Karl Dall keine Elstner-Gewächse sind, sondern bereits als Prominente eingekauft wurden.


Letztes Aufgebot: das Radioteam im Jubiläumsjahr 1982, das auch das Jahr der feindlichen Übernahme gewesen ist.

Der Mantel des Schweigens hat sich darüber ausgebreitet, wie es mit den „Vier fröhlichen Wellen“ nach Elstners Weggang weiter bzw. zuendeging: der nachfolgende Programmdirektor brauchte nur einen Tag, um das gut 25jährige Wunderwerk der privaten Radiokunst zum Formatradio zusammenzupressen. Dem Namen nach existierte RTL (das Radioprogramm) noch Jahre im Zombiestadium weiter, zuletzt als „Oldiesender“. Die abgebildete Talentpool zertreute sich: einige machten ohne ihre einstige Freiheit weiter, einige wechselten 1884 zum neugegründeten TV-Sender RTLplus (später RTL Television) oder zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Bei manchen verliert sich jede Spur.

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„Doc Savage – Die Festung der Einsamkeit“ (28)

Eine phantastische Erzählung von Kenneth Robeson

Siehe dazu: https://blog.montyarnold.com/2021/10/06/19056/

Fortsetzung vom 11.4.2022

Plötzlich schienen die Maschinen zu kollidieren, der Sender, den Doc nach wie vor anpeilte, gab eine wahre Salve von Zeichen von sich, im selben Augenblick zuckte aus dem Reklameflugzeug eine Stichflamme, Rauch quoll hervor, die Maschine zerbarst. Mit angehaltenem Atem wartete Doc, bis der schwarze Qualm sich aufgelöst hatte.
Und dann war unvermittelt Monks Amphibienflugzeug wieder da. Es funkelte in der Sonne und war anscheinend unbeschädigt. Die Distanz zwischen den beiden Maschinen war offenbar größer gewesen als aus der Ferne erkennbar.

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