Vladimir Nabokov zurück in der Werkstatt

betr.: Sebastian Krämer vertont Vladinir Nabokov

Kürzlich habe ich mich an dieser Stelle über nicht-singbare Übersetzungen des Repertoires von Georges Brassens ärgern müssen.* Gestern lauschte ich einer Vertonung, bei der mir gar nicht auffiel, dass die Übersetzung sich (noch) nicht reimt – sowas gibt es also auch.
Der Poetry-Slammer und Chanson-Künstler Sebastian Krämer beschäftigt sich derzeit mit einem Autor, der vielen von uns als Poet noch gar nicht aufgefallen ist: Vladimir Nabokov. Krämer vertont und übersetzt die Gedichte des großen Romanciers und Dramatikers. Nabokovs Gedicht „The Poem“ (man findet es vollständig im Internet) hat bereits in der Rohübersetzung einen melodischen Schwung. Krämers Komposition trägt bisher noch den Originaltext.


Nicht das Sonnenuntergangsgedicht, das du laut vor dich hindenkst
mit seinem getuschten Lindenbäumen
und den Telegraphendrähten vor einer rosa Wolke;

Nicht dein innerer Spiegel und ihre zarte entblößte
Schulter, die noch darin schimmert;
nicht der lyrische Takt eines Taschenreims –
die winzige Musik, die dir die Zeit ansagt;

Und nicht die Münzen und Gewichte auf diesen
im Regen gestapelten Abendzeitungen;
nicht die Dämonen fleischlichen Schmerzes;
nicht das, was man so viel besser in schlichter Prosa sagen kann –

Sondern das Gedicht, das von unbekannten Höhen stürzt
– während du auf das Platschen des Steins tief unten wartest
und nach deinem Stift wühlst,
und dann kommt das Beben, und dann –

Im Gewirr der Klänge verschmelzen die Wortleoparden,
die blattartigen Insekten, die augenfleckigen Vögel
und bilden ein leises, eindrückliches,
mimetisches Muster perfekten Sinns.
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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2022/04/08/20400/

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Frank Elstners Schule der Interview-Kunst

betr. : „Frank Elstner – Noch eine Frage!“ gestern in der ARD

„Bloß nicht schon wieder so eine blöde Geburtstagsshow!“ Diesen Satz stellt Frank Elstner an den Anfang der linearen Würdigung, die die ARD ihm zum 80. Geburtstag widmet. Zum Glück ist das nicht nur eine Floskel!
Üblicherweise sind solche Huldigungs-Formate buchstäblich Shows, in denen sich alle so ausgiebig produzieren, dass der eigentliche Grund des Einschaltens gar nicht mehr vorkommt. Und wer produziert sich da? Nicht etwa die wirklichen Weggefährten des alten Meisters, denn die sind naturgemäß teilweise tot, und man müsste sie aus dem Archiv raussuchen – eine Zumutung! Stattdessen verstopfen dann aktuelle Nasen den Abend, die danach ausgesucht wurden, wie weit sie uns durch ihre Dauerpräsenz ohnehin zum Halse heraushängen. Unabhängig davon, ob sie mit dem Jubilar überhaupt etwas anderes verbindet, als dass sie diesen so oft im Fernsehen gesehen haben.

Der alte Hase Frank Elstner umschifft diese Klippen so gut es geht. Er bittet seine Gratulanten zum Einzelgespräch. (Trotzdem hat Günther Jauch nicht unrecht, wenn er das Event mit einem Hochamt vergleicht.) So konnten einige der Gesprächspartner gar nicht umhin, sich zuvor ein paar Gedanken zu machen. Das ist dem Niveau des Ergebnisses förderlich, ohne der Spontaneität sichtbar zuzusetzen. Ein paar bemerkenswert kluge Fragen werden gestellt (besonders von Anke Engelke, die sich zu ihrer Vorbereitung sogar bekennt) und angemessen beantwortet. Wäre das obligatorische Geplänkel („Ach du bist einfach der Größte, liebster Frank! Wenn ich könnte, würde ich dich zum Papst wählen!“) noch ausgemistet worden (es ist berechtigt, akkumuliert jedoch arg bei so vielen Einzelgästen), wäre diese Sendung ein noch größeres Vergnügen. Doch auch so gehört sie unbedingt gut aufbewahrt!
Ab ins mp4-Archiv damit und immer wieder hervorholen!

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Ein Langfinger unter Superhelden

betr.: 107. Geburtstag von Mort Weisinger

Den regelmäßigen Lesern des ST. GEORGE HERALD ist nicht nur der Vintage-Superheld Doc Savage* ein Begriff, sondern auch dessen Refugium, die „Festung der Einsamkeit“ (der gleichnamige Roman wird hier in wöchentlichen Abständen nacherzählt**).
Als die Savage-Buchreihe 1949 eingestellt wurde, nahm ein Mitarbeiter des Autors diese „Fortress Of Solitude“ mit zu seinem neuen Arbeitgeber DC und pflegte sie ins „Superman“-Universum ein, wo sie seither für eine originelle DC-Idee gehalten wird. Es war Mort Weisinger, später Chefradakteur von „Superman“.

Der passionierte Schatzsucher Lester Dent – gewissermaßen der Showrunner der „Doc Savage“-Romanreihe – und sein Steuermann Mort Weisinger, in seliger Unkenntnis des bevorstehenden Verrats.

Die Wikipedia weist diesen Schlawiner außerdem als Erfinder von Aquaman aus, einem Abziehbild des Marvel-Unterwassermenschen Prinz Namor***. Der wurde aber – wie Namor selbst – von Bill Everett geschaffen, den Weisinger um ein Plagiat seiner eigenen Figur gebeten hatte.
Als Mort Weisinger 1978 starb, wurde einem hartnäckigen Gerücht zufolge sein Kellerarchiv geöffnet, und man fand dort etwa 500 weitere gestohlene Comichelden, Hotelhandtücher, Kugelschreiber und Aschenbecher. Sie wurden ihren rechtmäßigen Besitzern anonym zurückgeschickt.
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* Am ausführlichsten unter https://blog.montyarnold.com/2018/10/12/doc-savage-der-bronzemann-die-deutschen-taschenbuecher/
** Beginnend an dieser Stelle: https://blog.montyarnold.com/2021/10/08/19068/
*** Besonders ausführlich wird er hier vorgestellt: https://blog.montyarnold.com/2016/10/01/aquarius-prinz-namor-der-held-von-atlantis-die-deutsche-chronologie-von-marvels-sub-mariner/

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… der Feind des Guten

betr.: 112. Geburtstag von Kurt Feltz

Geburtstage – auch unrunde und vor allem posthume – sind willkommener Anlass für Lobhudeleien. Aber lobgehudelt ist bekanntlich auch gehudelt. Und außerdem sind die Verdienste des Schlagertexters Kurt Feltz ebenso unbestritten wie die Millionen, die er damit gemacht hat.
Gönnen wir uns heute also ein kritisches Wort über Kurt Feltz.

Es betrifft einen seiner Kunden: Howard Carpendale. Der bevorzugte den Nachfolger von Kurt Feltz auf dem Posten „seines“ Texters. Fred Jay gab 1974 mit „Dann nahm er seine Gitarre“ der Karriere von Howard Carpendale einen neuen Kick, der bis heute wirkt.
War da vorher eigentlich was anderes? Gab es einen Carpendale vor „Dann nahm er seine Gitarre“? Ach ja, richtig. „Das schöne Mädchen auf Seite eins, das will ich haben und weiter keins!“ Das war ein Text von Kurt Feltz gewesen (ganz in der Tradition von Bill Ramseys „Wumba-Tumba Schokoladeneisverkäufer“).
Carpendale sehnte sich nach größeren Erfolgen und einem Imagewechsel. Fred Jay weckte den besinnlichen, melancholischen Howie  mit „Deine Spuren im Sand“, „Du fängst den Wind niemals ein“ und vielen anderen. Jay vermied nicht etwa die Textstellen, die Carpendales CH-SCH-Schwäche erklingen ließen, er schrieb ihm extra besonders viele hinein, um den Howie-Effekt groß herauszustellen.
Kurt Feltz schneiderte seinen Interpreten die Texte zumeist in etwas größeren Karos auf den Leib, was seinem Erfolg – wie gesagt – keinen Abbruch tat. Einen echten Geistesblitz hatte er bei Cindy und Bert: „Immer wieder Sonntags kommt die Erinnerung – dibedibedipdip-dipp!“

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Sprechen am Mikrofon – die Wahrheit

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Ewiger Ruhm dem Tyrannen

betr.: Vorführung des Films „Für mich gab’s nur noch Fassbinder – Die glücklichen Opfer des Rainer Werner F.“ von Rosa von Praunheim heute abend um 19.30 im Programmkino Abaton in Hamburg

Beim Wort Autorenfilmer denken wir zuerst an Namen wie Werner Herzog, Wim Wenders, Alexander Kluge, Herbert Achterbusch. Erst beim kurzen Innehalten wird uns klar, dass zwei Herren in diese Liste gehören, die in gewisser Hinsicht noch relevanter sind: Rainer Werner Fassbinder und Rosa von Praunheim. Na klar, die hätten einem eigentlich als erste einfallen müssen.
Taten sie aber nicht. Warum nicht?
Vielleicht gerade deshalb, weil sie ganz besondere Exemplare sind, die gleichsam jeder für sich ihr eigenes Genre bilden.
Beide – Fassbinder und Praunheim – sind bzw. waren schwul, traten in den hochpolitischen 68er Jahren in Erscheinung und wurden rasch zu der Marke, die sie bis heute geblieben sind. Und sie waren ungeheuer fleißig. Sie bespielten fast alle erzählenden Medien ihrer Zeit, aber allein ihr filmischer Output ist beachtlich – bei Fassbinder sind es 44 Stück in 16 Jahren, was einem Body-Work-Index von 2,75 entspricht, bei Rosa ungefähr 180 in 54 Jahren – ein Index von 3,3.
Da hören die Vergleiche dann aber auch wieder auf.

Sehen wir uns zunächst Rosa von Praunheim etwas genauer an.
Als ich von Felix Grassmann eingeladen wurde, heute abend einem Film von ihm zu präsentieren, den ich mir sogar selber aussuchen darf, musste ich keine Sekunde überlegen. Diesen hier halte ich für einen seiner besten, und weil Rosa von Praunheim – wie erwähnt – so immens fleißig ist, ist „Für mich gab’s nur noch Fassbinder“ aus dem Jahre 2000 dennoch tief in der Obskurität versunken und wird selten aufgeführt. Ich kann also die unbescheidene Hoffnung hegen, dass auch die heute erschienenen Praunheim-Aficionados ihn möglicherweise bisher verpasst haben. Außerdem kennen die meisten Rosa von Praunheim als – richtig! – als Autorenfilmer, und damit sind in aller Regel die Hersteller von Spielfilmen gemeint. Rosa von Praunheim ist aber eben auch Dokumentarfilmer, und seine Beiträge gehören heute – da Dokus mit Hilfe des Internet und den Budgets von TV-Anstalten ausgestoßen werden wie eine Kette von Würstchen – unbedingt zu den besseren. (Praunheim pflegt und beherrscht übrigens auch das Genre zwischen Doku und Spielfilm: das Dokumentarspiel. Dafür wird sich in dieser Reihe sicher später noch Zeit finden.) Weiterlesen →

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„Doc Savage – Die Festung der Einsamkeit“ (27)

Eine phantastische Erzählung von Kenneth Robeson

Siehe dazu: https://blog.montyarnold.com/2021/10/06/19056/

Fortsetzung vom 4.4.2022

„Ham“, sagte er knapp, „du passt mit Long Tom auf die beiden Frauen auf.“
„Aber …“,sagte Ham.
Doc ließ ihn nicht ausreden. „Monk und ich jagen hinter dem Reklameflugzeug her.“
Monk besah sich Ham von oben bis unten und feixte niederträchtig, dann folgte er Doc zur Tür. Sie gingen den luxuriös ausgestatteten Korridor entlang und fuhren mit dem Expresslift in den Keller, in den Doc eine Garage hatte einbauen lassen, von dessen Existenz außer der Hausverwaltung nur wenige wussten.
Sie stiegen in einen dunklen, unauffälligen Wagen, dem nicht anzusehen war, dass er aus Panzerplatten bestand; Doc setzte sich ans Steuer. Sie jagten zum Hafen und stiegen in der großen Lagerhalle am Hudson River aus.

Monk hastete zu einem Amphibienflugzeug, das dicht am Wasser stand. Doc warf den Propeller an.
„Ich bleibe unten“, sagte er. „Du kannst dir die Reklamemaschine allein vornehmen.“
Monk fragte nicht, weshalb Doc nicht mitfliegen wollte; er konnte sich denken, dass Doc triftige Gründe hatte.
„Okay“, sagte er.
„Schalte das Funkgerät an“, sagte Doc, „und geh auf Empfang.“
Monk nickte und ließ die Maschine in Richtung Wasser gleiten.
Doc stieg wieder in den Wagen, der neben anderen technischen Spielereien mit einem Funk-Peilgerät ausgerüstet war. Er schaltete das Gerät ein und suchte behutsam die Wellenskala ab.
Schließlich fand er einen Sender, der scheinbar nur eine sinnlose Kombination von Punkten und Strichen von sich gab, die sich in regelmäßigen Abständen wiederholte. Doc konnte nicht wissen, was es mit diesem Sender auf sich hatte, aber er fand dessen Programm so bemerkenswert, dass er beschloss, sich dafür zu interessieren.
Er gab Gas, fuhr aus der Halle und jagte am Hudson entlang. Nach einer halben Meile brachte er den Wagen zum Stehen und betätigte wieder das Peilgerät. Abermals fand er den Sender mit der absonderlichen Punkt- und Strichkombination.
Er blickte zum Himmel auf, wo das Reklameflugzeug wieder aufgetaucht war. Es sah aus wie eine fette Hummel, die von einer zweiten Hummel umkreist wurde. Die zweite Hummel war Monks Amphibienmaschine.
Das Reklameflugzeug schien auf die Morsesignale zu reagieren. Doc war mit sich sehr zufrieden. Sein vager Verdacht, dadurch hervorgerufen, dass Fifis Stimme ständig dieselben Worte wiederholte, hatte sich bestätigt.
Doc zog einen Stadtplan von New York aus dem Handschuhfach und zeichnete zwei gerade Linien ein. Die Linien kreuzten sich südlich der 42nd Street.
Er wendete den Wagen und raste zur 42nd Street. Monk zog immer noch Kreise um das Reklameflugzeug. Zuerst war Doc besorgt, aber dann bemerkte er, dass Monk sicheren Abstand hielt. Der Pilot der Reklamemaschine schien sich um den lästigen Verfolger nicht zu kümmern, und Monk gab allmählich seine Vorsicht auf. Er flog dicht neben der anderen Maschine her, und zwar auf der von Doc abgewandten Seite.

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Gespenst Freiheit

Ein Journalist schrieb dieser Tage, selten habe ihn ein Leserbrief so sehr aus der Fassung gebracht wie eine E-Mail, die ihn erreichte, nachdem er über den Verlust alter Gewissheiten geschrieben hatte – die Besetzung der Krim, China, Donald Trump, etwas in der Richtung. Die Mail lautete: „Was schert mich die Freiheit!“ (Man beachte das Ausrufungszeichen an einer Stelle, wo auch ein Fragezeichen hätte stehen können.)
Mich hat diese Anekdote nur deshalb nicht ganz so sehr schockiert, weil mir der Hang unserer Gesellschaft(en), Dinge für selbstverständlich und banal zu halten, nur weil man nichts anderes gewohnt ist, schon seit Jahren zunehmendes Unbehagen bereitet. Ich bin in diesem Zusammenhang also gewissermaßen gewohnheitsmäßig aus der Fassung.
Zumal mir selbst mal ein ähnlicher Ausrutscher passiert ist. Allerdings geschah dieser im Kindesalter, und ich habe mich bald gefangen und mich seiner ein wenig geschämt. Die Sängerin Milva hatte damals einen Hit laufen, der mit den Worten begann: „Freiheit in meiner Sprache heißt ‚Liberta!‘ / Gibt es ein schön’res Wort als ‚Liberta!‘ /  Doch nicht nur in Italien… überall wo Menschen leben stehst DU an erster Stelle: ‚Liberta!‘“
Ich wusste im ersten Augenblick tatsächlich nicht, was sie meint.

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Schulschwänzer auf Lebenszeit

betr.: Geschworene sprechen Boris Becker in London schuldig

Manches historische Ereignis wird zum Teil der eigenen Biografie. Und so wie jedes Waldtier in Disneyland heute noch genau weiß, wo es sich befunden hat als Bambis Mutter erschossen wurde, so weiß ich noch, wo ich den Abend nach Boris Beckers erstem Sieg in Wimbledon verbracht habe: in der Vereinsklause unseres Fanfarenzuges. Ich selbst hatte nie etwas mit Tennis am Hut, baute mir zu Boris Becker aber die Eselsbrücke, dass wir beide vom selben Jahrgang sind.
All die biertrinkenden Hetero-Jungs waren total aus dem Häuschen und ließen „de Boooris“ in ihren kumpelhaften Jubelgesängen hochleben, als hätten sie alle in der Grundschule neben ihm gesessen.
Vor einigen Tagen las ich nun, dass der damals 17jährige Tennisprofi die nämliche Schulbank im Sommer 1985 schon seit etwa einem Jahr gar nicht mehr gedrückt hat (dass es in Deutschland möglich ist, einfach mit der Schule aufzuhören, wenn man keine Lust mehr hat, hätte ich gern früher gewusst). Diese Information ist das letzte Teilchen in einem ansonsten seit Jahrzehnten stimmigen und vollständigen Puzzlespiel.

Kurz nach seinem Triumph saß Boris Becker in einer großen Samstagabendshow (es kann eigentlich nur „Wetten dass ..?“ gewesen sein) und stammelte und stotterte sich durch den Talk. Das war sehr goldig und einem Jugendlichen vom Land, der plötzlich im Mittelpunkt des Interesses steht, auch zutiefst angemessen. Es schien sogar etwas Schlagfertigkeit dahinter aufzublitzen, eine Art Mutterwitz. Dennoch lief mir ein leiser Schauer über den Rücken. Ich hatte das bestimmte Gefühl, die persönliche Entwicklung Boris Beckers würde damit zuende sein. Ich war sicher, er würde sich gegen die Erwartungen, Verlockungen und halbseidenen Jetset-Freunde nicht wehren können – und gewiss nicht wehren wollen.
In den folgenden Jahren bestätigte sich dieser Eindruck. Beckers Erfolgsgeschichte schirmte ihn jahrelang von jeder Herausforderung ab, die nicht im Sinne des Trainings oder des Effektes in der Klatschpresse war. Während er körperlich weiterreifte, blieb sein Sound der aus der TV-Sendung. Alles was er sagte, klang nach dem Prahlen des Sitznachbarn, der es nicht nötig hat, wiederzukommen. Sein Tun jenseits des Tennisplatzes war irritierend und vollständig frei von Hintersinn und Mutterwitz.
Diese Entwicklung war umso sichtbarer als Boris Becker in Steffi Graf eine gleichaltrige Kollegin hatte, die ihren privaten Tücken mit größerer Reife und Besonnenheit begegnete als er – zumal die ihren nicht alle selbstgemacht waren.

Nicht, dass ich von meiner schulischen Laufbahn eine gute Meinung hätte. Das meiste, was uns dort unter Qualen hereingewürgt wurde, hatte so wenig mit dem Leben zu tun, dass wir alle es bei der Zeugnisvergabe schon wieder vergessen hatten. Aber die Schulzeit gibt der Jugend eine gewisse Struktur. Sie ist ein wichtiges Gesellschaftsspiel. Auch wenn man dazu die meiste Zeit keine Lust hat.

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Ärgern mit Georges Brassens

Sich mit dem verehrten französischen Bürgerschreck und Nationaldichter Georges Brassens gemeinsam aufzuregen, ist ja völlig in Ordnung – solange man sich nicht über ihn aufregen muss. Gisbert Haefs (der als Übersetzer für Conan Doyle, Ambrose Bierce, Rudyard Kipling und Jorge Luis Borges zuständig ist) hat das gewissermaßen zuwege gebracht – auch wenn es in erster Linie er selbst ist, der meinen Grimm erregt. Sein Quellenwerk „Georges Brassens – Die Chansons“ enthält nicht nur sämtliche einschlägigen Texte des Meisters, sondern auch eine selbstgefertigte Übersetzung jedes einzelnen. Nun muss sich übersetze Lyrik nicht zwingend reimen, aber bei Liedübersetzungen gehört Singbarkeit gewissermaßen zum Service. Sie ist hier sogar die vornehmste Pflicht des Bearbeiters. Dass Übersetzungen – zumal von so spitzfindigen Vorlagen, die überdies mit Humor gespickt sind – schon ohne diese Zusatzdisziplin schwer genug sind, leuchtet mir ein. Dennoch hätte ein entsprechender Warnhinweis der Ethik eines Georges Brassens besser entsprochen als die im Gegenteil sogar vorgenommene Irreführung: auf dem Buchumschlag wird doch tatsächlich von „Nachdichtungen“ gesprochen. Auch die scheinheilige Sottise „Seine Texte galten immer als nicht übersetzbar“ weist in diese Richtung. Meine Empfehlung: ein Button auf dem Cover mit der Aufschrift „Interlinear übertragen“ (das klingt intellektuell und sexy, obwohl es einfach korrekt ist).
Vermutlich hätte ich mir das Buch trotzdem gekauft, aber eben ohne mich verschaukelt fühlen zu müssen.

Auch die mir zugänglichen Rezensionen versäumten diese Richtigstellung und ergingen sich stattdessen in Nacherzählungen von Brassens‘ Leben auf der Grundlage des Vorwortes, das Haefs seiner Herkulesaufgabe vorangestellt hat. Dieses Vorwort ist übrigens famos. („In der englischen Musikszene hatte GB in den 70er Jahren einige Erfolge, konnte sich aber nicht dauerhaft durchsetzen; in den 80ern fanden sich seine Platten in Londoner Läden nicht einmal mehr unter ‚Folk Music‘, sondern unter ‚Easy Listening‘.“) Diese Einführung ist so flott und erhellend, das man sich gewünscht hätte, der Autor hätte die übrigen ungefähr gleichrangigen Meister und Interpretinnen des Metiers, die er darin erwähnt, anschließend in ebensolche Kurzportraits gegossen. Das hätte den Rahmen gesprengt, klar. Aber vielleicht ist Gisbert Haefs ja auf den Geschmack gekommen. Wir derart genasführten Käufer seines Buchs hätten einen solchen Nachfolgeband verdient – als versöhnliches Zeichen des guten Willens.

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* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.com/2021/10/22/19154/

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