Was einen guten Songtext ausmacht

Gute Songtexte sind meistens auf Englisch verfasst. Was auf den ersten Blick wie eine patriotische Nachlässigkeit wirkt, kann jeder selbst rasch nachprüfen: die meisten von uns subjektiv als gut empfundenen Liedtexte dürften aus der Popmusik stammen, über die wir uns immer gefreut haben, weil in der selben Zeit kein deutscher Schlager laufen konnte.
Aber zu meiner Verteidigung: eine der besten Zeilen, die ich kenne, kommt aus dem deutschen Schlager, Interpret: Bata Illic, Text: Günther Behrle. Die Titel- und Refrainzeile lautet: „Ich möcht‘ der Knopf an deiner Bluse sein. Dann könnt‘ ich nana-na-nananah bei deinem Herzen sein.“ Warum ist dieses Lied kein Hit geworden? Vielleicht weil diese Zeile die einzig gute ist – und die ist nicht mal ordentlich gereimt. Aber in Wahrheit: man weiß es einfach nicht. Der Song war nicht schlechter als andere, erfolgreichere.

Bei genial getexteten englischsprachigen Songs denke ich: das könnte von Noël Coward sein. Zwei Songs hätte ich sogar für Coward gehalten, wenn das sie umgebende Filmmusical dies nicht sogleich ausgeschlossen hätte: „A Lady Loves“ aus „I Love Melvin“ (Text: Mack Gordon) und „Once Upon A Time“ aus Anthony Newleys „Can Heironymus Merkin Ever Forget Mercy Humppe and Find True Happiness?“. Ein weiteres Musical (vom Broadway kommend und später verfilmt) ist hier unbedingt zu nennen: „Kismet“ mit den Texten von Wright & Forrest.
Der beste mir bekannte Songtexter, der zur Zeit auf Erden tätig ist, ist wiederum ein deutscher Kollege: Sebastian Krämer mit weitem Abstand vor allen anderen.
Für alles bisher Angeführte (außer dem Beispiel Bata Illic) gilt: auch musikalisch sind diese Sachen auffallend gut.

Einen objektiveren Analyseversuch wagt Ebba Durstewitz in der aktuellen „Wochentaz“, aus deren einschlägigem Artikel das Folgende entnommen ist.
Ein 1-a-Songtext ist rührend, elegant, auch lustig; leichtfüßig, dabei doch deep mit einem Hauch von Melancholie; dazu versetzt mit feinen Metaphern und angenehm unaufdringlichen Unter-, Neben- und Zwischenbedeutungen. [Wie gesagt: „Kismet“!]
Weiterhin lässt er noch etwas von der regellosen Unbekümmertheit ahnen, mit der er verfasst wurde. Er ist mit dem Vertrauen erdacht, dass Text und Musik sich schon finden werden und mich (die Autorin) überhaupt nicht bauchen.
Auch dass uns Nonsens-Texte oftmals so sehr ans Herz wachsen, ist entschlüsselbar. Dann regiert der Unsagbarkeitsmodus: „Yeah Yeah Yeah“ heißt es dann, und „Hopple-di-Pop“, „I caught sight of her rumpty-tump-tum“, „It goes up to the door with my rap-tap-tap“. „A woobob-a-loo-bop“, „Hmm-bob“, „Tutti frutti“, „Rama-lama-ding-dong“ und „Ri-Fol-the-Diddle all day“. In den Flegeljahren von Pop und Rock’n’Roll hatten diese Nonsense-Words oft eine konkrete, außertextliche Funktion: sie sollten vermeintliche Unanständigkeiten verschleiern. Man wollte schließlich im Radio gespielt werden.  
Außerdem trösteten sie die (minderjährigen) Englisch-Nichtversteher, die trotzdem gern mitsangen, was im Radio gespielt wurde.

Ist das nicht toll? Und in der nächsten Folge sprechen wir darüber, was einen Songtext so richtig beschissen macht …

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Die Fassbinderin

Eher aus Pflichtgefühl denn aus Neugier habe ich mir den Film „Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles“ angeschaut: in Vorbereitung einer Folge meines Podcasts „Kultfilm Azubis“. Die Sichtung war eh überfällig, da der Film im Januar 2022 von „Sight And Sound“ zum „Besten Film aller Zeiten“ („Greatest of All Time“) gekürt wurde. Dieses seit 1952 alle zehn Jahre erhobene Voting hatte erheblich zum verdienten Nachruhm von „Citizen Kane“ beigetragen und zuletzt Hitchcocks „Vertigo“ getroffen.
Eine Handlung gibt es bis auf die letzte Szene nicht. Wir sehen einer Hausfrau beim Leben zu, vor allem in ihrer Wohnung. Ab und zu begleiten wir sie auf kurzen Wegen nach draußen.

Einen so obskuren Film wie „Jeanne Dielman“ mit dieser Auszeichnung zu versehen, ist eine Provokation – klar! Das birgt allerdings die Tücke, einen Schatten auf die Jury (und damit auf ihr Urteil) zu werfen: den Schatten des Verdachts nämlich, dass man sich hier von einzelnen superpfiffigen Teilnehmern dazu hat anstiften lassen, diesmal kein in der üblichen Weise salomonisches Urteil zu fällen, sondern eben ein provozierendes – und damit in diesen digitalen Zeiten mal etwas auf den Busch zu klopfen. Das schmeckt mir ein wenig unseriös, und ich hatte das Gefühl, hier werde das selbstgestellte Thema verfehlt. Vor allem unter diesen klammen Vorzeichen ging ich daran, mich mehr als drei Stunden lang auf ein Werk einzulassen, das dem Regisseur von „Vertigo“ als Inbegriff der von ihm verachteten „Kitchen Sink Movies“ erschienen wäre. Da man ihm da schlichtweg nicht widersprechen kann, war die Frage die: kann es ein solcher Film schaffen, mich trotzdem zu unterhalten. Es sprach einiges dafür, denn Stoffe, die mich eigentlich nichts angehen und mich trotzdem einfangen, sind ein Vergnügen besonderer Art. Im Podcast spreche ich regelmäßig von solchen Glücksmomenten.  

Als einzige Recherche vorab wollte ich unbedingt wissen, was Michael Haneke dazu sagt. Er ist nicht nur der alle überflügelnde Meister darin, im Alltag Haarsträubendes freizulegen, er hat mich auch bei jedem seiner Filme aus meinen Sehgewohnheiten herausgeführt und fast immer begeistert. Nachdem Chantal Akerman in den beiden Haneke-Büchern in meinem Regal – eins davon ein langes Interview – nicht erwähnt wird, habe ich auf eine Internet-Recherche verzichtet.

Als ein Filmliebhaber, der an den Entstehungszeitraum 1975 noch persönliche Erinnerungen hat und der sich sehr gern in diese Ära entführen lässt, hatte ich rasch einen Eindruck, der sich bis zuletzt nicht verflüchtigen sollte: die Innovation, für die die Regisseurin allenthalben gepriesen und von „Sight And Sound“ als „A Primer“ bezeichnet wird, besteht allenfalls in der zeitlichen Länge, die sie ihren Stilmitteln einräumt. Schmucklose Plansequenzen von Alltagsbildern hatte es zuvor bereits bei Fassbinder gegeben – und im Gegensatz zu seinen zahllosen Verehrern bin ich der Auffassung, dass es ihm gut angestanden hätte, diesen Raum etwas kreativer auszufüllen. Bei Akerman dauern diese Einstellungen noch wesentlich länger, und es wird vorher aufgeräumt und sorgfältiger ausgeleuchtet. Überhaupt ist die hier behauptete Normalität das große Problem. Um als Heldin dieses Panoramas zu überzeugen, hätte sich Delphine Seyrig (zu sehen in „Letztes Jahr in Marienbad“ und beim späten Buñuel), natürlicher verhalten müssen. Sie bewegt sich stets wie unter Bobachtung: steif, geometrisch exakt wie eine veraltete Computeranimation. Ich ganzer Habitus hat etwas Kontrolliertes, darstellerisch Verunsichertes. Dadurch wirkt das Ergebnis wie eine Real-Life-Installation auf einem Performance-Festival.
Ich musste an einen Ausspruch von Woody Allen denken (den ich grundsätzlich zum Glück nicht teile): „Man merkt Schauspielern immer den Widerwillen an, eine Regieanweisung erfüllen zu müssen.“ Hier gab es offenbar nur eine einzige solche Anweisung: „Spiel einfach so, als wären wir nicht hier, um dich die ganze Zeit zu filmen!“

Zu dieser Künstlichkeit trägt bei, in welcher Weise die wenigen Dialoge ablaufen – es sind eher Monologe. Es gibt (wenn ich richtig gezählt habe) drei solcher Vorträge, die wie eine Lesung heruntergerattert und vom Gegenüber stoisch abgewartet werden. Ist das vielleicht gerade die Botschaft? Will uns die Regisseurin zeigen, wie unfähig wir zur Kommunikation sind? Blödsinn, das ist einfach schlecht gemacht! Spätestens im Krönungsjahr 2022 kann mir diese Ausrede doch niemand mehr ernsthaft verkaufen wollen.
Die Einzelheiten von Dielmanns Witwenschaft werden uns in der frühesten Gardinenpredigt erklärt, einem ärgerlichen Funktionstext. Dass die Mutter kein herzliches Verhältnis zu ihrem Sohn aufzubauen versteht, ist ein dankbares Thema, doch auch dieses wird eher inszenatorisch ausgesessen als tatsächlich erzählt. Dass der bedauernswerte Teenager nicht mal ein eigenes Zimmer hat, wird ihm damit versüßt, dass sein Darsteller seinen Monolog von einer Tafel außerhalb des Bildrandes ablesen darf, die er eisig fixiert. Ganz wie die Mama: ohne Mimik, ohne Timing, ohne Rhythmus. Die wenigen knappen Alltagsgespräche („Ich habe weniger Wasser genommen, damit es besser schmeckt.“) sind würgender, banaler und gesuchter als alles, was die langweiligste bürgerliche Tristesse bereithält.
Dass sich Jeanne Dielman prostituiert, wird uns gleich zu Beginn erzählt. Dieser dramaturgische Paukenschlag – als solcher funktioniert er noch heute – wird uns gleich zu Begin präsentiert, was mir etwas verfrüht erscheint. Vielleicht hat die Regisseurin sich dazu entschieden, weil uns das Finale zu diesem Thema zurückführen wird und somit eine Klammer entsteht.
Der Film, den Chantal Akerman im Sinn gehabt haben könnte, ist in gelungener Weise bis heute nicht vorgelegt worden, und insofern ist ihr Konzept noch immer frisch. Ich kann die Erfüllung dieses Versprechens allerdings gut abwarten.

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Kultfilm-Azubis (3): Geschäftsmann findet Anschluss

Die heutige Folge des Podcasts dreht sich um zwei Filme, in denen sich ein schlaues Mädchen aus pragmatischen Gründen einem deutlich älteren Mann anschließt – mit nicht absehbaren Folgen.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/pretty-woman-paper-moon

A) Pretty Woman
Amerikanische Liebeskomödie von 1990

Der graumelierte New Yorker Millionär Edward (Richard Gere) verfährt sich mit dem Mietwagen in Los Angeles. Die Hure Vivian (Julia Roberts) steigt zu, lotst ihn zum Luxushotel „Beverly Wilshire“ und bringt ihn mit einem Griff neben den Steuerknüppel in Stimmung. In der eleganten Suite angekommen, packt sie erst einmal ihre Profi-Ausstattung aus: Kondome in den Regenbogen-Farben. Edward bietet ihr an, für 3000 Dollar plus Boutiquenbummel mit der goldenen Kreditkarte die zehn Tage bis zu seiner Heimreise Tisch und Bett mit ihm zu teilen. Vivian, die pfiffige Bordsteinschwalbe, entwickelt sich zur Dame und verweist die Society-Susen auf die Plätze. Ein Märchen wird wahr …

Overknee-Stiefel, die eine Modewelle auslösten, eine legendäre Shoppingtour zum kultigen Titelsong von Roy Orbison, eine klägliche Musicalversion, die ausgerechnet diesen Song nicht verwenden durfte – die 1990 erschienene Liebeskomödie „Pretty Woman“ von Garry Marshall ist bis heute der größte Kinoerfolg des Genres. Diese moderne Variante der Dirne mit dem Goldenen Herzen brachte Millionen zum Schluchzen und machte die 22-jährige Julia Roberts augenblicklich berühmt. Eine kuriose Besonderheit: die schwule Community, die in jenen Tagen so viele Filmerfolge mit starker Titelheldin zu verantworten hatte, mochte diesen Film überhaupt nicht!

B) Paper Moon
Satirische US-Komödie von 1973

Die USA zur Zeit der Großen Depression. Am Grab einer Ex-Geliebten bekommt der charmante Trickbetrüger Moses (Ryan O’Neal) deren Tochter aufs Auge gedrückt – und mit Bestimmtheit wissen wir nur, dass es im wirklichen Leben auch seine eigene (Tatum O’Neal) ist. Addie soll bei einer Tante abgeliefert werden. Auf dem Weg dorthin nervt sie Moses mit ihrer schlechten Laune und ihrem Dickkopf. Bei dessen Fischzügen als betrügerischem Bibelverkäufer erweist sich die zigarettenrauchende Göre jedoch als hilfreiches Naturtalent. Dennoch lässt Moses keinen Zweifel daran, dass er sie wie geplant abliefern will. Addies Laune verfinstert sich noch mehr, als Moses eine vulgäre Cabaret-Sängerin zusteigen lässt, die ihn ganz offensichtlich längerfristig ausnutzen möchte …

Tatum O’Neal wurde mit 9 Jahren die jüngste oscarprämierte Schauspielerin überhaupt, und an den Erfolg des Films schloss sich eine gleichnamige Fernsehserie an. Seither ist die Zeit gründlich über dieses Frühwerk von Peter Bogdanovich hinweggegangen. Heute wieder hervorgeholt, beweist der Film einen berühmten Ausspruch von Loriot: Altmodisches hält sich besser.

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Thomas Mann ist komisch

betr.: 150. Geburtstag von Thomas Mann (morgen)

Loriot über seine Darstellung des verehrten Schriftstellers in der Romanverfilmung „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“: „Das will gestaltet sein!“

Es mag 1970 gewesen sein, da brachte die Veröffentlichung der Memoiren des Dichterfürsten Thomas Mann ein neues Element in seine Rezeption: die Homosexualität des Autors. Dabei fehlt es ja auch in seiner Literatur nicht an Hinweisen darauf, aber die Gesellschaft war wohl noch nicht soweit.
Was nach wie vor zu kurz kommt und in den unzähligen Kulturbeiträgen zum diesjährigen Doppeljubiläum praktisch keine Rolle spielt, ist ein Aspekt, der nicht selten mit einer homosexuellen Neigung zusammenfällt. Auch in meinem Deutschunterricht spielte er keine Rolle: Thomas Mann ist ein großer Humorist.
Eine Zeitlang dachte ich, ich wäre der einzige, der sich über seine maliziösen Figurenportraits amüsiert, doch dann fiel mir auf, dass auch Loriot – der Deutschen höchstverehrter Komödiant – ihn genauso wahrnimmt und sogar in seine Arbeit einfließen lässt. Bei Thomas Mann geht es freilich nicht um Pointen, sondern um einen Blickwinkel, der das Leben als einen beständigen Kampf gegen Banalität und Lächerlichkeit erscheinen lässt. Und bekanntlich ist kaum eine Quelle des Witzes ergiebiger als diese.
In einer Diskussionsrunde im Süddeutschen Rundfunk hat sich der Schriftsteller 1953 explizit dazu bekannt. Er tat dies allerdings mit der ihm eigenen Spitzfindigkeit. Den Humor, „der das herzaufquellende Lachen zeitigt“, habe er „als Wirkung der Kunst persönlich höher“ geschätzt „und als Wirkung meiner eigenen Produktion mit mehr Freude“ begrüßt „als das erasmische Lächeln, das durch die Ironie erzeugt wird“.

Dass Thomas Mann – wie man dieser Tage immer wieder hört – auch im Ausland intensiv gelesen, gefeiert und adaptiert wird, könnte seine Gründe jenseits dieses Aspektes haben. Ich habe keine Ahnung, ob und wie sich sein Sprachwitz in Übersetzungen darstellt. Eine einschlägige Analyse wäre ein großartiges Geschenk! Vielleicht beim nächsten Jubiläum …

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Lange Sätze – Lesen vom Blatt

betr.: Sprechen am Mikrofon / Übung / 150. Geburtstag von Thomas Mann in diesen Tagen

Wer nach dem geeigneten Text fragt, um in das Werk von Thomas Mann einzusteigen, dem wird wahrscheinlich „Mario und der Zauberer“ empfohlen, eine frühe und recht kurze Erzählung. Sie handelt oberflächlich von der Urlaubsreise einer Familie ins italienische Torre die Venere, im Subtext vom Besuch in einer Republik, in der kürzlich eine Diktatur ausgebrochen ist (Mussolinis Faschismus hat im Vorjahr begonnen), und dazwischen vom Dialog des Auftretenden mit seinem Publikum. Obwohl die Vorstellung im Sinne des Künstlers gelingt (eines als Illusionist getarnten Verführers und Hypnotiseurs), erzählt der Autor von allen Varianten einer Darbietung: glückend wie missratend, vor frechem wie vor ergebenem Publikum, aus der Perspektive plumper Störer und ergriffener Betrachter.

Torre hat ein Grand Hotel bekommen; zahlreiche Pensionen, anspruchsvolle und schlichtere, sind erstanden; die Besitzer und Mieter der Sommerhäuser und Pineta-Gärten oberhalb des Meeres sind am Strande keineswegs mehr ungestört; im Juli, August unterscheidet das Bild sich dort in nichts mehr von dem in Portoclemente: es wimmelt von zeterndem, zankendem, jauchzendem Badevolk, dem eine wie toll herabbrennende Sonne die Haut von den Nacken schält; flachbodige, grellbemalte Boote, von Kindern bemannt, deren tönende Vornamen, ausgestoßen von Ausschau haltenden Müttern, in heiserer Besorgnis die Lüfte erfüllen, schaukeln auf der blitzenden Bläue, und über die Gliedmaßen der Lagernden tretend bieten die Verkäufer von Austern, Getränken, Blumen, Korallenschmuck und Cornetti al burro, auch sie mit der belegten und offenen Stimme des Südens, ihre Ware an.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Was ist woke? Was kann Wokeness?

Der Mode- und Kampfbegriff „woke“ ist älter als man denkt. Jugendliche Gegner der Sklaverei in den Nordstaaten bezeichneten sich bereits 1860 als „Wide Awakes“. Entsprechend war gemäß der Suchmaschine „Google N-Grams“ das Adjektiv „woke“ in den 1870er Jahren gebräuchlich. „Stay woke“ wurde von schwarzen Arbeitern 1940 als Losung ausgegeben. Zum flüchtigen Schlagwort des Mainstreams wurde „woke“ ab den 70er Jahren durch das Theaterstück „Garvey Lives!“, das dem schwarzen Bürgerrechtler Marcus Garvey gewidmet war. Es gewann 2008 neue Popularität durch Erykah Badus Refrain „I stay woke“. Auch „Political Correctness“ ist ein älterer Begriff, der zunächst in den 30er Jahren unter Kommunisten gebräuchlich war, dann als „politically incorrect“ in der Black-Power- und New-Left-Bewegung der 70er Jahre, in den 80er Jahren im Feminismus und in jüngerer Zeit in kritischer oder ironischer Bedeutung im allgemeinen Diskurs.
Der wahre Kern der Aufforderung zur Wokeness ist: auch gescheite Menschen sind anfällig für blinde Flecken. Doch – so drückt es amerikanische Professor Musa al-Gharbi aus: „Normale Menschen wollen nicht jeden Tag Kulturkrieg führen.“ Die Folge: die woke Welle und ihre „Awokenings“ „ändern normalerweise nicht viel für tatsächlich marginalisierte oder benachteiligte Gesellschaftsschichten. Man sieht keine größeren Umverteilungen von Ressourcen, Chancen oder Gesetzesänderungen.“ Nach seiner Beobachtung streben wir „Gerechtigkeit nur mit minimalen Kosten, Risiken oder Opfern an, ohne Abstriche an unseren Ansprüchen oder unserem Lifestyle. So werden wir die Verteilung von Wohlstand und Macht kaum ändern.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Kultfilm-Azubis (2): Verbotene Verse

Im heutigen Podcast behandeln wir zwei Filme, in denen die Verkündigung einer Formel grauenvolle Ereignisse auslöst.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/tanz-der-teufel-telefon

The Evil Dead / Tanz der Teufel
US-Horrorfilm von 1981

In „Tanz der Teufel“ suchen fünf junge Leute eine abgelegene Hütte im Wald auf, um sich dort für einige Tage zu vergnügen. Im Keller finden sie das Necronomicon, ein mysteriöses Buch der Toten, und spielen eine Tonbandaufnahme ab, auf der ein Unbekannter die Beschwörungsformeln daraus vorliest. Durch diesen Jux werden uralte, böse Dämonen erweckt. Nach und nach ergreifen diese Mächte von den Freunden Besitz und verwandeln sie in mörderische Kreaturen. Ein blutiger Überlebenskampf entbrennt, bei dem nur einer von ihnen eine Chance hat, das Grauen zu überstehen.

 „The Evil Dead“ war ein grobkörniger 16mm-Film, das offensichtliche Werk von Amateuren, die nur einen Scheinwerfer hatten. Chef-Amateur war der damals 21jährige Sam Rami, der damit seine Hollywood-Karriere begründete. 1987 legte er eine Art Remake nach, an der sich der Charme der Urfassung gut nachvollziehen lässt. Der etwas voreingenommene Eli Roth bezeichnet „Tanz der Teufel“ in seiner Dokumentarreihe „History Of Horror“ als den einflussreichsten Kultfilm aller Zeiten. Zu seiner Wirkung auf die Fangemeinde hat sicherlich beigetragen, dass der Film 35 Jahre auf der Liste der jugendgefährdenden Medien zugebracht hat.

Telefon
Amerikanischer Spionagethriller von 1977

Es ist die Blütezeit des Kalten Krieges. Der in Ungnade gefallene russische Spion Dalchimsky flieht in die USA, um die dort stationierten Schläfer in Tätigkeit zu setzen. Wir lernen jeden von ihnen rasch ein wenig kennen, ehe das Telefon klingelt und Dalchimsky den Code zu ihnen spricht, der sie in seelenlose Saboteure verwandelt. Die Worte stammen von Robert Frost: „Des Waldes Dunkel zieht mich an / doch muss zu meinem Wort ich stehn / und Meilen gehn / bevor ich schlafen kann.“ Der oder die Angerufene wird zum Zombie und führt präzise die Missetat durch, die ihm viele Jahre zuvor per Hypnose einprogrammiert wurde. Eine Mutter verlässt im Bademantel das Haus – ihre eben noch ausgeschimpften Kinder zurücklassend, ein humorvoller Pfarrer unterbricht eine Reparaturarbeit, ein muffiger Autoschlosser verwandelt sich in eine muffige Killermaschine. Wer nach der Tat noch dazu in der Lage ist, tötet sich mit Zyankali – eine verstörte Mitwelt zurücklassend.
Der KGB schickt den Agenten Borzov (Charles Bronson) in den Westen, wo ihn Kollegin Barbara (Lee Remick) empfängt. Ihre Partnerschaft wird von Spannungen geprägt sein: von persönlichen und von solchen, die der Beruf mit sich bringt. Dass Dalchimsky eine voyeuristische Ader hat und aus sicherem Abstand dem jeweiligen Inferno lüstern zusehen will, gibt seinen Jägern immerhin die Chance, sich an seine Fersen zu heften. Doch die Zeit ist knapp …

Das Skript zu Don Siegels Film schrieben Peter Hyams und Oscar-Preisträger Stirling Silliphant. Tyne Daly, später Teil des Teams „Cagney & Lacey“ – stiehlt als Programmiererin nach Meinung einiger Kritiker allen die Show.

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Die wiedergefundene Textstelle: Wie ein Mann (fast) jede Frau rumkriegt

Matthew Perrys Autobiographie „Friends, Lovers And The Big Terrible Thing“ besteht zum größten Teil aus koketten Selbstanklagen, die immer neue doppelte Böden aus Eigenhinterfragung, vorauseilender Einsicht, Gender Studies, anzüglichen Witzen und Tricks, sich selbst reinzuwaschen, einziehen. Hie und da schreibt er Sätze wie „Eigentlich hätte ich längst tot sein müssen“. Dass er das im Jahr nach der Buchveröffentlichung tatsächlich war, lässt vermuten, dass er sich in diesem Konstrukt der eigenen Wahrnehmung zuletzt heillos verheddert hat. Ein schönes Beispiel für solche Prosa ist der Beginn des Kapitels über seine Beziehung zum Kollegen Bruce Willis.
Perry liefert uns eingangs einen Stand-Up zum Thema Anbaggern, dessen Sarkasmus er als Erzähler ebensowenig unter Kontrolle hat wie als Held der Geschichte. Dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass er den Kampf der Geschlechter ganz gut einfängt.

Weil ich ein Superstar war, waren Dates kein Problem. Und ich eröffnete jedes einzelne so: „Hi, tut mir leid, dass ich zu spät komme. Du siehst übrigens großartig aus. Ich freue mich sehr, dich endlich kennenzulernen.“ [Pause für eine angemessen positive Antwort.]
„Aber ich möchte Missverständnisse vermeiden“, fuhr ich fort. „Ich möchte so aufrichtig wie möglich sein. Ich bin ein offenes Buch. Du kannst mich alles fragen – und ich werde dir ehrlich antworten.“
Wir tauschten weitere Floskeln aus; an einem guten Tag nickte sie zustimmend, ihr gefielen meine Offenheit, meine emotionale Haltung, meine Gefühlsseligkeit.
Dann gab ich Vollgas.
„Ich weiß ja nicht, wonach du suchst, aber wenn es eine emotionale Bindung sein sollte, bin ich nicht der Richtige.“
[Hier machte ich eine Pause, um den Satz wirken zu lassen.]
„Ich werde dich nicht jeden Tag anrufen“, fuhr ich fort, „und ich werde keine Beziehung mit dir eingehen. Aber wenn du Spaß willst, bin ich genau der Richtige.“
Cyndi Lauper, diese großartige Philosophin des 20. Jahrhunderts, hatte, wie sich herausstellte, recht – Girls just want to have fun. Aber für den Fall, dass ich mich nicht klar genug ausgedrückt hatte, fügte ich der Suppe, die ich meinem Date gerade einbrockte, noch etwas Salz hinzu.
„Ich bin sehr leidenschaftlich“, sagte ich ein wenig beschämt, für den Fall, sie glaubten, ich gelobte zu viel. „Offen gestanden bin ich sogar ein kleiner Romantiker. Selbst auf dem Crosstrainer höre ich am liebsten Frauenballaden.“
„Aber ich bin noch nicht bereit für irgendeine Art emotionaler Bindung“, wiederholte ich für den Fall, dass ich mich bisher nicht deutlich genug ausgedrückt hatte. „Ich habe gerade erst eine Beziehung und einen Entzug hinter mir und kann mich noch nicht wieder auf jemanden einlassen.“
Und dann war es Zeit für die Landung.
„Ach, willst du nicht mal einen Blick in die Speisekarte werfen“, fragte ich. „Das Essen soll hier fantastisch sein.“
Es wundert mich, wie viele Frauen sich trotzdem darauf eingelassen haben. Ich nehme an, viele von ihnen glaubten, mich ändern zu können. Was meinen Sie? Oh ja, natürlich ließ mich ab und an eine unvermittelt sitzen. Ein paar Frauen sagten: „Sorry, daran habe ich absolut kein Interesse“, standen auf und gingen. (Es ist wohl wenig überraschend, dass mich genau diese Frauen besonders interessierten.)
Aber meistens funktionierte mein Vortrag perfekt.

Dann folgt die Textpassage, mit der sich der Autor dagegen impft, es könnte ihn wirklich jemand ändern wollen. (Es gibt eine deutsche Künstler-Co-Autobiographie, die vollständig auf diesem Prinzip aufbaut, auch wenn es darin nicht ums Abschleppen geht: „Ein Schnupfen hätte auch gereicht“ von Gaby Köster.)

Funktionieren ist ein dehnbarer Begriff. Denn bei all dem Mist hätte man meinen Kopf durch den Hintern eines Esels ersetzen können, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre. Ich hatte nicht nur gerade mit der tollsten Frau auf dem Planeten Schluss gemacht, was ich vorschlug, war nur eine Riesenzeitverschwendung. Sex ist natürlich super, aber hätte ich in diesen Jahren nach etwas Bedeutungsvollerem gesucht, wäre ich heute bestimmt zufriedener.

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