Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Kultfilm Azubis: Nach dem Happy-End

In einem seiner berühmtesten Gedichte hat Kurt Tucholsky erklärt, warum „beim Happy End im Film jewöhnlich abjeblend‘“ wird. Dieser Frage gehen im Grunde auch beiden Paare nach, die heute im Mittelpunkt des Podcasts stehen:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/romanze-in-moll-zeiten-des-aufruhrs

A) Romanze in Moll
Deutsches Liebesdrama von 1943

Frankreich zur Zeit der Belle Époque. Nach dem Selbstmordversuch seiner Frau erfährt ein Kleinbürger, dass es sich bei der Perlenkette, die er oft an ihr gesehen hat keineswegs um eine Imitation handelt. Das erlaubt nur einen Schluss: seine schöne Frau hatte einen reichen Verehrer. In Rückblenden wird die Liebesgeschichte aufgerollt: Madeleine (Marianne Hoppe) lernt zufällig den pompösen Komponisten Michael (Ferdinand Marian) kennen und inspiriert ihn zu einer künstlerischen Entscheidung. Schließlich gibt sie seinem Werben nach. Eine Rückkehr in ihr altes Leben wird durch einen Erpresser verhindert …

Für den französischen Filmhistoriker Georges Sadoul war diese Verfilmung einer Vorlage von Guy de Maupassant der einzige deutsche Film von künstlerischem Wert, der während des Dritten Reichs gedreht wurde. Viele seiner Landsleute bestätigten, dass Helmut Käutner darin am reinsten den Geist des Autors beschworen habe. In der Bundesrepublik, wo sich Käutners Karriere bis ins Fernsehen fortsetzte, wurde ein anderer Film aus der Ära allerdings noch populärer: das flotte musikalische Drama „Große Freiheit Nr. 7“ mit Hans Albers.    

B) Zeiten des Aufruhrs / Revolutionary Road
Amerikanisches Ehedrama von 2008

Die USA Mitte der 50er Jahre. Ihrem Mann Frank zuliebe hat sich die verhinderte Schauspielerin April mit ihrer Familie in einem hübschen Vorort von Connecticut niedergelassen. Da Frank seinerseits an seinem drögen Bürojob leidet, schlägt sie ihm aus einer Laune heraus vor, auszusteigen und nach Paris zu übersiedeln. Frank lässt sich darauf ein, vor allem, um nicht wie sein Vater zu enden, der einst in der selben Firma versauerte. Die Vorbereitungen laufen an. Doch dann bietet man Frank überraschend eine Beförderung an – und April wird schwanger. Über die Konsequenzen daraus sind die Eheleute unterschiedlicher Meinung …

In den Nuller- und Zehnerjahren wurde durch die Serie „Mad Men“ der Autor John Cheever kurzzeitig wiederentdeckt und mit ihm die kleinen Tragödien der Vorstadt nach dem Kriege, Geschichten von Ehemännern, die mit dem Vorortzug in die Stadt fahren und dort angeblich länger im Büro bleiben, um in Wahrheit ihre Frauen zu betrügen. Auf der Kinoleinwand war Sam Mendes‘ „Revolutionary Road“ nach Richard Yates das denkwürdigste Ergebnis dieses Trends. Das garantierte seinen Erfolg ebensowenig wie die Wiedervereinigung von Kate Winslet und Leonardo DiCaprio, dem tragischen Liebespaar aus „Titanic“.

Nächste Woche: Rocky und Der Zirkus.

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Bockig zum Erfolg

Die aktuelle Filmkritik im Podcast

Wenn Sie Lust auf Animationsfilme haben und sich von unnützen deutschen Nachtiteln nicht schrecken lassen, dann hätt‘ ich jetzt was für Sie.

G.O.A.T. – Bock auf große Sprünge
Trickfilm von Tyree Dillihay

Will bekommt die einmalige Chance, einem Profiteam beizutreten und Roarball zu spielen – einen kontaktintensiven Hochleistungssport, bei dem die schnellsten und furchterregendsten Tiere der Welt dominieren. Roarball funktioniert nach den Regeln des Basketballs, bei dem es neben Talent zunächst einmal auf schnöde Körperlänge ankommt. Wills neue Teammitglieder sind von der Idee, einen schmächtigen Ziegenbock in ihre Mannschaft aufzunehmen, also nicht gerade begeistert. Unser Held gibt sich nicht mit einer Aufsteigergeschichte à la „Rocky“ zufrieden. Er entschließt sich, den Sport zu revolutionieren, damit dort künftig auch die Kleinen ganz groß rauskommen können.

Ronny Fanta
hat sich den Film für unseren Podcast vorab angesehen: https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/g-o-a-t-bock-auf-grosse-spruenge-aktuelle-filmkritik

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Die Schule des persönlichen Geschmacks

„Über Geschmack lässt sich streiten!“, lautet eine Redensart, „Über Geschmack lässt sich nicht streiten!“ eine andere. Beide bedeuten dasselbe: die allermeisten Menschen mögen nur, was sie kennen, und sind nach einer kurzen kindlichen Phase der Aufgeschlossenheit, in der andere für sie das Essen, die Musik und die Anziehsachen ausgesucht haben, gar nicht mehr daran interessiert, ihren Fokus auszuweiten. Oder eben darüber zu „streiten“.
Jeder mag das Wenige, das er kennt – was bleibt ihm übrig?
Mit Geschmack hat das nichts zu tun, denn der würde die Möglichkeit voraussetzen, zwischen mehreren unterschiedlichen Optionen zu wählen.
Das können nur die wenigen, die nach dem Ende der Kinder- und Jugendzeit weiterforschen und die Kelchblätter ihrer Geschmacksknospen beweglich halten. Der früh gesättigte Normalmensch begegnet diesem Ansatz mit Unbehagen und wehrt die als autistisch empfundenen Differenzierungsangebote mit Kopfschütteln ab, vorzugsweise mit einer der zuerst genannten Redensarten. Der Musiker Steffen Schleiermacher hat eine Anekdote dazu, die durch ihren extremen Charakter anschaulich macht, was hier gemeint ist: „Als ich vor Jahren für längere Zeit in Japan wohnte, bin ich ins Nō-Theater gegangen, das höfische, alte Tanztheater. Es war eine fantastische Aufführung, fand ich. Danach habe ich als einziger erheblich Beifall geklatscht. Ich wurde von meinem Sitznachbarn sehr höflich darauf hingewiesen, dass es mir nicht zusteht, zu applaudieren, weil ich die Qualität der Aufführung überhaupt nicht einschätzen könne. Er hatte nicht unrecht, denn ich hatte im Grunde nur die Oberfläche gesehen: eine seltsame Musik, ritualisierte Bewegungen, prunkvolle Masken, ganz minimalistisches Theater mit Gesten … man kriegt eigentlich nicht mit, worum es geht. Offensichtlich sind es immer sehr staatstragende Themen, die da verhandelt werden. Der Singsang, die ganze Atmosphäre hat mich begeistert, aber ich blieb natürlich an der Oberfläche stecken. Von all den Vorschriften – die Gestik, die Tonhöhe, die Proklamation betreffend – hatte und habe ich keine Ahnung. Ich wusste nur, dass es mich berührte, ohne es richtig oder falsch finden zu können.

“

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Maskenmann, geh du voran!

betr.: 90. Geburtstag des Superhelden „Phantom“

Anders als es immer wieder selbst von Fachleuten behauptet wird, war „Superman“ nicht der erste Superheld im heutigen Sinne, er war bestenfalls der dritte, denn zuvor gab es „Doc Savage“ (allerdings noch nicht im Comic, sondern in den Pulps) und „Phantom“, der heute vor 90 Jahren das erste seiner täglichen Dschungel-Abenteuer erlebte. Superkräfte hat er nicht, lediglich große Fitness, Geschicklichkeit und ein gutes Marketing, das ihm den Ruf der Unsterblichkeit und den Spitznamen „Der wandelnde Geist“ eingetragen hat: seit 1525 übernimmt jeweils der erste männliche Nachkomme Amt und Uniform des Helden, ursprünglich der Seefahrer Christopher Standish. Der Schöpfer und Autor dieses Charakters (nur im ersten Jahr hat er ihn auch gezeichnet) ist wie so oft im klassischen amerikanischen Comic ein jüdischer Künstler: der Theaterregisseur Lee Falk.

Wolfgang J. Fuchs, der das direkte „Batman“-Vorbild „Phantom“ noch als „Vorläufer der Superhelden“ sowie als „Mischung aus Sagengestalt und Superheld“ einordnet, beschreibt das Konzept in seinem Standardwerk „Das große Buch der Comics“: »Die Entrücktheit von allen Realitäten äußert sich nicht nur im legendenfördernden Gebaren der Hauptperson, sondern auch in der Lokalisierung der Handlung auf einer großen Insel namens Bengali vor der Ostküste Afrikas. Das Phantom herrscht in den „tiefen Wäldern“ von der Totenkopfhöhle aus, wo ein Totenkopfthron steht. Diese Höhle der Erinnerung bietet schon eine Vorahnung der Höhlen und Verstecke der Superhelden, in denen sie Andenken und Trophäen sammeln, wie etwa Superman in der „Festung der Einsamkeit“* oder Batman in der Bathöhle. Auch das Doppelleben ist beim Phantom vorweggenommen, wenngleich auf ungewöhnliche Weise: das Phantom entäußert sich erst seiner individuellen Persönlichkeit, um zum Helden zu werden, der dann seinerseits zusätzlich die Rolle des Mr. Walker annimmt, was für „the ghost who walks“ steht.«

1996 wurde ein folgenloser Versuch unternommen, Phantom auf die Leinwand zu bringen. Der unterschätzte Schauspieler Billy Zane („Titanic“) schaffte es trotz guter Kritiken auch mit dieser Rolle nicht, in Hollywoods A-Riege aufzusteigen.

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* Einen Schlupfwinkel dieses Namens hatte bereits der 1933 aufgetretene „Doc Savage“, siehe hierzu https://blog.montyarnold.com/2018/10/12/doc-savage-der-bronzemann-die-deutschen-taschenbuecher/

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Der Ausschaltimpuls als potenziell positive Intervention

Die Fernbedienung stieg in den 80er und 90er Jahren vom reinen Bequemlichkeitsrequisitit (das es etwa erlaubte, von der Sitzmulde aus lauter oder leiser zu machen) zum wichtigen Machtfaktor in Wohn- und Lebensgemeinschaften auf. Mit dem Aufkommen des Privat- und Kabelfernsehens gab es jetzt plötzlich Option und Bedarf zum Umschalten. Prompt geschah mit dem Halter der kleinen Maschine, was sich später mit Mobiltelefonbesitzern noch viel übler auswachsen sollte: die Knöpfe wurden viel zu häufig gedrückt, und irgendwann mochte man gar nichts mehr zuendekonsumieren. Aber das ist ein Thema für sich…
Wenn umgeschaltet wird, hat das für das gerade laufende Programm den Effekt des Ausschaltens. Daher beschäftigt die Medienphilopsophie (z.B. die Ö1-Reihe „Radiokolleg“) in diesem Zusammenhang der „Ausschaltimpuls“:
»Noch stärker als andere Medien unter Quotendruck steht das lineare (und längst auch nonlineare) „Legacy-Medium“ Fernsehen. In Zeiten von Streaming, On Demand-Plattformen, Netflix, YouTube, TikTok & Co. ist die technologisch fortschrittliche und inhaltlich oft skrupellose Konkurrenz übermächtig. In diesem Kontext wird der Ausschalt-Impuls zwangsläufig zum unmittelbarsten und bedrohlichsten imaginären Gegner von TV-Betreibern, Medienmanager:innen und Programmgestaltern.
Aber kann dieser Feind auch eine positive, produktive, lehrreiche Botschaft vermitteln? Ohne das Korrektiv des Publikums wäre die Medienlandschaft vielleicht noch uniformer, nivellierter und einfallsloser, als sie manchen sowieso erscheint. Eine paradoxe Intervention per TV-Fernbedienung ist jedenfalls nicht denkunmöglich: Abschalten, um wieder zum Einschalten animiert zu werden.«

Alfred Hitchcock – zeitlebens ein medienverständiger Fuchs – dachte schon in den 50er Jahren in seiner TV-Serie darüber nach, wie schön es wäre, wenn die Gegenstände, die man aus Unmut über das Programm gegen den Fernseher schleudert, tatsächlich die handelnden Personen träfen. Obwohl selbst gerade auf dem Bildschirm sichtbar, dachte er zuerst an sein Publikum – und damit an den eigenen Fernsehsessel.

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Überall Charaktere

betr.: 95 Geburtstag von Claire Bloom

Die Schauspielerin Claire Bloom (Chaplins Partnerin in „Rampenlicht“) war 15 Jahre lang die Geliebte, 3 Jahre lang die Gattin des Bestsellerautors Philip Roth („Portnoys Beschwerden“). In einem seiner Manuskripte musste sie lesen, wie ein „Philip“ postkoitale Gespräche führte und schließlich seine Ehefrau auftrat: eine Schauspielerin namens „Claire“, die als ältliche Heulsuse beschrieben wird. Dass sie dieses Skript liest, ist wiederum Teil der Geschichte (siehe unten).
Aus den gemeinsamen Jahren machte Claire Bloom dann den Mittelpunkt ihrer Autobiographie, die sie in Anspielung an einen emanzipatorischen Bühnenklassiker „Leaving A Doll’s House“ nannte.
Die beiden hatten erst spät zueinander gefunden: der 42jährige Witwer Roth war auf dem Weg zum Psychiater, die zweimal geschiedene Bloom ging zum Yoga, als sie auf der Madison Avenue zusammentrafen und an eine frühere Begegnung auf einer Party (1975) anknüpfen konnten. Zuvor war Bloom mit Richard Burton, Laurence Olivier, Yul Brunner und Anthony Quinn zusammen gewesen. Spontan fällt mir nur eine Liste ein, die für mich persönlich feuilletonistisch noch lauter knistert, die der Ehemänner von Mia Farrow: Frank Sinatra, Andre Previn und Woody Allen. Letzterer hat die eingangs erzählte Geschichte übrigens auch variiert. In „Deconstructing Harry“** (nach der Trennung von und ohne Farrow entstanden) suchen ihn sowohl seine Figuren als auch deren Originale heim und geben ihm Saures.
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* Die Hörspielfassung dieses Werks steht zur Zeit in der ARD Audiothek zum Gratis-Download: https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:f15bf90a1586210e/
– „Täuschung“ von Philip Roth, SDR 1994 –  Schriftsteller Philip plant einen großen Roman über die Täuschung. Sich selbst (verheiratet) und seine Geliebte (verheiratet) nimmt er zum Vorbild. Sorgfältig notiert er die gemeinsam gedoppelten Betrugsmanöver, die zu – ebenfalls sorgsam notierten – lustvollen Ergebnissen führen. Nun aber findet Philips Frau diese Notizen. Philip erklärt ihr, alles sei nur ausgedacht, Vorarbeit zum geplanten Täuschungsroman. Diese Vorarbeit wirkt allerdings äußerst real. Ist das nun wirklich kunstvoller Schein, oder ist es doch die gefürchtete Wahrheit?
** Siehe dazu https://blog.montyarnold.com/2025/10/10/tron-harry-ausser-sich/

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Prima vista 0,5: „Ben Hur“

betr.: 121. Todestag von Lew Wallace (morgen)

Der Gondrom Verlag Bayreuth schmückt seine Ausgabe von „Ben Hur. A Tale Of The Christ“ von Lew Wallace „mit 30 zeitgenössischen Illustrationen“ und lässt ihn von A. Horn 1979 „unter Verwendung älterer deutscher Übersetzungen“ „Leicht gekürzt und in Sprache und Orthographie in eine zeitgemäße Form“ bringen. Das Werk ist hier in 5 Bücher zu 3 bis 14 Kapiteln aufgeteilt.
Der Diogenes Verlag brachte 1985 eine der Fassungen heraus, die hier vermutlich eingeflossen sind: die von Hugo Reichenbach, die sich in 38 Kapitel gliedert.
Wir lesen zweimal den Schluss und das Nachspiel des berühmten Wagenrennens, das bei Gondrom leider keine Abbildung erhalten hat.

1979
5. Buch, 12. und 13. Kapitel

Ehe sich Messala Rechenschaft geben konnte, war Ben Hur an seiner Seite; zur gleichen Zeit ließ sich ein lauter Krach vernehmen, dann stürzte Messalas Wagen zusammen, während sich der Römer selbst in die Zügel verwickelte und dadurch zu Fall kam. Unglücklicherweise konnte der Sidonier seine Pferde nicht rechtzeitig zum Stehen bringen und fuhr in vollem Lauf über das zerbrochene Fuhrwerk und seinen Lenker hinweg mitten zwischen die ohnehin erschreckten Pferde. Der Sidonier kam unverletzt aus den Trümmern hervor; aber Messala lag unter den stampfenden Pferden. Augenscheinlich war er tot, und die allgemeine Aufmerksamkeit wandte sich Ben Hur zu, dessen Araber dahinflogen, als berührten sie nicht mehr den Boden. Als der Byzantiner und der Korinther gerade die halbe Strecke zurückgelegt hatten, erreichte Ben Hur das Ziel.
Der Konsul erhob sich, das Publikum schrie sich heiser, während der Veranstalter der Spiele den einzelnen Siegern die Preise austeilte.
Als Sieger unter den Faustkämpfern wurde ein blondhaariger Sachse gekrönt, den Ben Hur als seinen ehemaligen Fechtlehrer in Rom erkannte. Dann fiel sein Blick auf die Gruppe seiner besonderen Freunde, die ihm lebhaft zuwinkten; die Ägypterin beugte sich weit über die Brüstung vor, und ihr Lächeln ließ des Jünglings höher schlagen – er ahnte nicht, daß dieselbe Gunst dem Römer zugefallen wäre, wenn dieser den Lorbeer erhalten hätte.
In feierlichem Zug ging es hierauf durch das Triumphtor, und damit war der bedeutungsvolle Tag beschlossen.

Dreizehntes Kapitel

Ben Hur und Ilderim rasteten jenseits des Ufers und wollten, wie vorher verabredet worden war, um Mitternacht aufbrechen und die Karawane einzuholen suchen, die ihnen um eine Tagesreise voraus war.
Der Scheich strahlte vor Stolz und Glück und machte seinem jungen Freund die glänzendsten Anerbieten, die dieser aber alle mit dem Bemerken ausschlug, daß die Demütigung seines Feindes ihn vollkommen befriedige.
Aber Ilderim beruhigte sich nicht so schnell dabei.
„Bedenke, was du für mich getan hast“, sagte er. „Der Ruf meiner Mira und ihrer Kinder wird in jedem schwarzen Zelt bis jenseits der Ufer des Euphrat und weit übers Meer hinaus erschallen und meinen Ruhm verkünden. Man wird vergessen, daß ich alt bin, und kriegstüchtige Leute werden sich unter meine Führung scharen. Du weißt nicht, welche Machtstellung mir jetzt in der Wüste zufallen wird. Die Fürsten werden vor mir das Knie beugen, Könige werden mir Vergünstigungen aller Art gewähren, und – beim Schwerte Salomos – was meine Boten vom Cäsar für mich erbitten werden, werden sie empfangen. Und willst du unter diesen Umständen noch immer nichts von mir annehmen?“
„Nein, guter Scheich“, erwiderte Ben Hur. „Mir genügt, daß deine Hand und dein Herz mir gehören. Deine vergrößerte Machtstellung komme dem ‚zukünftigen König‘ zugute. Wer weiß, ob dir dieses Glück nicht im Blick auf ihn zuteil geworden ist! In der Arbeit, die vor mir liegt, werde ich deine Hilfe vielleicht noch dringend nötig haben; dann werde ich froh sein, wenn ich sozusagen ein Anrecht auf dich habe.“
Während die beiden noch verhandelten, trafen zwei Boten ein: Malluch und ein Fremder. Malluch, der zuerst vorgelassen wurde, gab seiner Freude über das Ereignis des Tages Ausdruck, dann entledigte er sich des Auftrags seines Herrn.
„Mein Herr, Simonides, läßt dir sagen“, begann er, „daß einige Römer nach Beendigung der Spiele gegen die Auszahlung des Geldpreises Einspruch erhoben haben.“
„Bei der Herrlichkeit Gottes!“ rief Ilderim erregt, „der Osten soll entscheiden, ob das Rennen gültig war.“
„Nein, guter Scheich“, versetzte Malluch, „das Geld ist bereits ausgezahlt worden. Als man sagte, Ben Hur habe Messalas Wagen angerannt, lachte der Veranstalter und erinnerte an den Schlag, den Messala den Arabern beim ersten Gang versetzt hatte.“
„Und wie steht es mit dem Athener?“
„Er ist tot.“
„Tot!“ rief Ben Hur, „und Messala ist am Leben geblieben?“
„Am Leben ist er allerdings geblieben, aber die Ärzte versichern, daß er nie mehr wird gehen können.“

1916 (?) / 1985
24. Kapitel

Einfacher und schneller war nie etwas Derartiges geschehen. Messala war eben im Begriffe gewesen, die Biegung um das Ziel zu vollenden, um an ihm vorbeizukommen, mußte Ben Hur die Bahn kreuzen und zwar in möglichst kurzem Abstande. Die Tausende auf den Bänken errieten alsbald seine Absicht, sie sahen ihn das Zeichen geben und waren Zeugen des Erfolges. Das Gespann sauste am äußeren Rade Messalas vorbei, das innere Rad von Ben Hurs Wagen traf das des Messala: ein lauter Krach, der im ganzen Zirkus widerhallte – und des Römers Wagen lag im Sande, eine zerbrochene Masse. Messala, in die Zügel verwickelt, lag darunter.
Das Schreckliche des Anblickes wurde noch dadurch vermehrt, daß der Sidonier seine Pferde nicht anhalten konnte. Mit voller Wucht sausten sie in die Trümmer, über den Römer, in sein schäumendes Gespann hinein. Sich mühsam aus der Wolke von Sand und Staub zu erheben suchend, sah Messala gerade noch, wie der Korinther und Byzantiner Ben Hur auf der Bahn folgten, der nicht im geringsten aufgehalten worden war.
Die Zuschauer erhoben sich, stiegen schreiend und lärmend auf die Bänke und erfüllten den Zirkus mit ihrem Beifalle. Messala lag indessen unbeweglich unter den Hufen seiner vor Wut stampfenden Pferde auf den Trümmern seines Wagens. Man hielt ihn für tot. Ben Hur war das Ziel aller Augen Die wenigsten hatten bemerkt, wie er die Pferde etwas nach links lenkte und mit der eisenbeschlagenen Spitze der Achse seines Wagens in das Rad seines Gegners rannte. Nur die Veränderung in seinem Wesen war ihnen nicht entgangen, als er mit einem Male seinen Arabern den eigenen Geist einzuflößen schien. War das ein Rennen! Es schien dem Sprunge der Löwen gleich; zu fliegen schien das Gespann. Noch hatten der Korinther und der Byzantiner die Bahn kaum zur Hälfte zurückgelegt, und schon hatte Ben Hur das Ziel erreicht.
Der Sieg war errungen!

Der Konsul erhob sich. Die Zuschauer schrien sich heiser. Der Leiter der Spiele verließ seinen Sitz und krönte die Sieger. Ben Hur blickte auf und sah Simonides und seine Gesellschaft. Sie winkten ihm zu. Esther saß ruhig an ihrem Platze. Iras begrüßte ihn mit einem freundlichen Lächeln – das aber ursprünglich für Messala bestimmt gewesen war. Nun ordnete sich die Prozession und zog unter Beifallsrufen der Menge durch das Triumphtor. Der Tag war vorüber.
Ben Hur und Ilderim blieben bis Mitternacht im Hause des Kaufherrn Simonides. Der Scheik war überglücklich. Er bot dem Sieger reiche Geschenke an, dieser aber wies alles zurück, indem er bemerkte, er sei zufrieden, seinen Feind gedemütigt zu haben.
Es dauerte lange, ehe der großmütige Streit geschlichtet war. „Bedenke doch“, sprach der Scheik, „was du für mich getan hast! In jedem Zelte von der Wüste bis zum Meere und hinüber bis zum Euphrat wird Miras und ihrer Sprößlinge Ruhm verkündigt werden. Und die ihn verkünden, werden mich preisen und vergessen, daß mein Leben seinem Ende naht. Alle jetzt herrenlosen Speerträger werden sich um mich scharen, meine Schwertträger werden sich bis zur Unzahl vermehren. Du weißt nicht, was es heißt, in einer Wüste Gebieter zu sein. Ich werde von nun an unberechenbare Einnahmen von den Händlern, große Vorrechte von den Königen erhalten. Ja, beim Schwerte Salomos! Selbst die Freundschaft des Kaisers ist mein, wenn ich sie suche. Und willst nichts, gar nichts von mir annehmen?“
Ben Hur antwortete: „Hab ich nicht dein Herz und deine Hand, Scheik? Verwende deine Zunahme an Macht und Reichtum für den König, der da kommen soll. Wer kann sagen, ob sie dir nicht zu diesem Zwecke gegeben wurde? In dem übernommenen Werke bedarf ich vielleicht deiner Hilfe sehr. Schlage ich jetzt deine Geschenke aus, so bin ich dann umso mehr berechtigt, dich um Beistand zu bitten.“

Während dieser Unterredung trat Malluch ein. Der brave Bursche machte kein Hehl aus seiner Freude. „Doch“, sprach er, „ich habe eine Botschaft auszurichten. Wie mir Simonides mitteilte, weigern sich die Römer, dir den Preis zuzuerkennen; das heißt, die Partei Messalas protestiert gegen die Auszahlung.“
Zornig erhob sich Ilderim und rief: „Bei der Herrlichkeit Gottes, der ganze Orient ist Zeuge, daß der Sieg ehrlich errungen wurde!“
„Der Protest wurde nicht berücksichtigt“, fuhr Malluch fort; „das Geld wurde bereits ausbezahlt.“
„Wirklich?“
„Beim Einwurfe, daß Ben Hur Messalas Rad zerbrochen habe, lachte der Leiter der Spiele und erinnerte die Römer an den Peitschenhieb ihres Patrones.“
„Und was ward aus dem Athener?“
„Er ist tot!“
„Tot!“ wiederholte Ilderim. „Und Messala?“
„Er lebt, aber sein Leben wird ihm zur Last sein. Die Ärzte sagen, er werde niemals wieder den Gebrauch seiner Glieder erlangen.“

Übersetzung von Hugo Reichenbach, Hesse & Becker Leipzig

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Kultfilm-Azubis: Heilsbringer mit Lackschäden

Zwei Geschichten um Männer, die wider Willen in die Verlegenheit kommen, den Erlöser der Menschheit zu spielen, beschäftigen uns im heutigen Podcast. Wir reisen einmal zurück in die Zeit des Neuen Testaments und einmal – je nach Anschauung – in die gruselige Zukunft, die uns unmittelbar bevorsteht, oder in eine Dystopie von gestern:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/das-leben-des-brian-the-omega-man

A) Das Leben des Brian / Monty Python‘s Life Of Brian
Britische Bibelfilmparodie von 1979

Als die Heiligen drei Könige dem Stern von Bethlehem folgen, irren sie sich zunächst in der Adresse und legen ihre Gaben um ein Haar an der Krippe des Erdenbengels Brian nieder. Dieses Missgeschick ist prophetisch. Im Laufe seines Lebens wird Brian immer wieder für den Messias gehalten – so sehr er sich auch dagegen wehrt – denn alle sehnen sich wie verrückt nach einem Erlöser. Als Brian am Kreuz hängt, widerfährt ihm durch einen singenden Leidensgenossen tatsächlich die Erleuchtung: „Always Look On The Bright Side Of Life“.

Nach dem Erfolg des ersten Kinofilms der englischen Komikertruppe Monty Python – „Die Ritter der Kokosnuss“ – führte ein Witz auf einer Pressekonferenz zu dieser Bibelkomödie, die von Kritikern, Fans und Beteiligten heute als deren beste Filmarbeit betrachtet wird. Naturgemäß waren die Widerstände gegen dieses Werk, das sich unbesehen sehr leicht als blasphemisch missverstehen lässt, ebenso groß. Das Wunder geschah: die enorme Werbung, die die katholische Kirche ihm mit ihrer Kampagne eintrug, hat es letztlich gar nicht gebraucht.

B) Der Omega-Mann / The Omega Man
Amerikanischer Science-Fiction-Film von 1971

Im Jahre 1977 hat ein bakteriologischer Krieg die Welt entvölkert. In Los Angeles kämpft der Wissenschaftler Neville, der in letzter Sekunde ein selbstentwickeltes Heilmittel an sich ausprobierte, gegen die wenigen Überlebenden, eine fanatische Sekte lichtscheuer Seuchenkrüppel. Diese Albinos wollen die letzten Spuren der Zivilisation beseitigen – und ihren letzten Repräsentanten Neville, ihren „Leibhaftigen“. Richard Mathesons dystopische Erzählung „I Am Legend“ wurde später mit Will Smith noch ein drittes Mal verfilmt.

Im Leben wandelte sich der Schauspieler Charlton Heston vom Unterstützer des schwarzen Bürgerrechtlers Martin Luther King zum waffenstarrenden Redneck, auf der Leinwand von der Verkörperung biblischer und historischer Heldenfiguren zu einem der ersten großen Hollywoodstars, die sich für Science-Fiction-Filme hergaben, beflügelt vom Erfolg seiner Hauptrolle in „Planet der Affen“. „Der Omega-Mann“ überbrückt diese Rollenfächer, umweht von den letzten Schwaden der Flower-Power-Ära.

Nächste Woche: Romanze in moll und Zeiten des Aufruhrs

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Dicker als jede Lücke

betr.: 81. Geburtstag von Dupa

Der dicke, weiße, menschlaue Hund „Cubitus“ hieß in der deutschen Übersetzung der 70er Jahre zunächst „Hannibal“, hatte ein jugendliches Herrchen namens Pit und lief noch auf allen Vieren, ehe er seinen angestammten Besitzer fand, mit dem er auf völliger Augenhöhe kurze, gag-orientierte Abenteuer erlebte. Sein Sparringspartner war nun ein alter, walrossbärtiger Herr: Ossi, Walfisch-Harpunier Zweiter Klasse a. D. Da er sich mit diesem bei aller Konkurrenz doch gut vertrug, hatte Cubitus noch einen Lieblingsfeind: den schwarzen Kater Napoleon.

Dupa (Luc Dupanloup) war im Comic-Magazin „Tintin“ Assistent von Greg (Michel Louis Albert Régnier), dem Erfinder der Serie „Albert Enzian“ („Achille Talon“), für den er, wie das so üblich war, Hintergründe zeichnete, besondere Requisiten, technische Geräte …
Dupa hatte mit seinem Künstlerleben eigentlich etwas ganz anderes, Epischeres vor, wurde aber zuletzt glücklich mit „Cubitus“, dieser Serie, die zumeist aus Einseitern bestand: „Damals gab es zwei Ausgaben des Magazins, eine belgische und eine französische. Der Hauptunterschied bestand in den Werbeseiten, die von Land zu Land variierten. Auf diesen Seiten kam es manchmal zu Lücken, zum Beispiel weil ein Inserent seine Reklame nicht rechtzeitig geliefert hatte. Greg, der Chefradakteur war, kam eines Tages auf mich zu und fragte mich, ob ich nicht etwas Kleines, Schnelles machen könnte, um weiße Seiten zu füllen. Ich, der davon träumte, Abenteuer im Stile von Tilleux‘ „Jeff Jordan“ zu zeichnen, wurde nun gefragt, ob ich bis morgen einen Gag anfertigen könne! Dann habe ich einen Ball aus Haaren gezeichnet, eine Nase, zwei Augen und das war’s.“ Passend zu seiner flotten Konzeption, hatte das Geschöpf autobiographische Züge, „was seine Moral betrifft, nicht sein Äußeres. Cubitus bläht die einfachsten Dinge zu großen Problemen auf, wie bei mir. Er ist naiv wie ich. Er mag die schönen Dinge, und auch ich bin ein Genießer.“

Anfangs quälte den Künstler dieser völlig un-epische, nicht-abenteuerliche Ansatz, doch es freute ihn, in so einem wichtigen Magazin wie „Tintin“ veröffentlicht zu werden. Wie wir wissen, wurde die Serie ein Erfolg und erschien irgendwann in beiden Ausgaben, der belgischen und der französischen. Immer häufiger wurde Dupa nun auf „diesen komischen dicken Bären“ angesprochen.

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