Die wiedergefundene Textstelle: F. Scott Fitzgerald über Schönheit

Beide erhoben sich, als Becky – noch immer feucht und rosig von ihrem Bad – das Zimmer betrat. Becky war 19. Eine verblüffende kleine Schönheit, deren Kopf auf ihrem Körper saß, als wäre er getrennt von ihm geschaffen worden und danach mit äußerster Präzision auf ihm platziert worden. Ihr Körper war kräftig, athletisch. Ihr Kopf war eine strahlende, glückliche Komposition aus Rundungen und Schatten und lebendigen Farben mit jenem entscheidenden kinetischen Detail, jenem letztendlich erotisch wirkenden Element, das Fremde unweigerlich zwang, sie anzustarren. Wer kennt nicht das irritierende Erlebnis, eine scheinbare Schönheit von Weitem zu erblicken und dann, einen Augenblick später, sobald das selbe Gesicht in Bewegung gerät, zusehen zu müssen wie die Schönheit Schritt für Schritt verschwindet, als hätte eine reizende Statue mit den dürftigen Gelenken eines Hampelmannes zu gehen angefangen. Beckys Schönheit bildete davon das genaue Gegenteil. Die Gesichtsmuskeln formten ihre Züge zu entzückendem Lächeln und Stirnrunzeln, zu Verachtungen, Ermutigungen und Genugtuungen. Ihre Schönheit war beweglich, und sie drückte voller Intensität aus, was immer sie ausdrücken wollte.

F. Scott Fitzgerald, „Genau nach Plan“

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Becky was nineteen, a startling little beauty, with her head set upon her figure as though it had been made separately and then placed there with the utmost precision. Her body was sturdy, athletic; her head was a bright, happy composition of curves and shadows and vivid color, with that final kinetic jolt, the element that is eventually sexual in effect, which made strangers stare at her. Who has not had the excitement of seeing an apparent beauty from afar; then, after a moment, seeing that same face grow mobile and watching the beauty disappear moment by moment, as if a lovely statue had begun to walk with the meager joints of a paper doll? Becky’s beauty was the opposite of that. The facial muscles pulled her expressions into lovely smiles and frowns, disdains, gratifications and encouragements; her beauty was articulated, and expressed vividly whatever it wanted to express.

F. Scott Fitzgerald, „On Schedule“ – The Saturday Evening Post magazine, 18 March 1933

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Wieder 72 Jahre älter geworden

Diese Tafel verkündet eine banale, geradezu lächerliche Neuerung, die die meisten Menschen gar nicht mitbekommen werden. Dass auch ich sie erst mit zwei Tagen Verspätung wahrnehme, sagt mir: bei mir persönlich hat die Abschaltung offenbar bereits stattgefunden.
Und doch stimmt mich die Nachricht in dieser amtlichen Form traurig. Wieder ist die Zeit einen Schritt weitergerückt – hin und wieder tut sie das ja mit einem Ruck, der sich nicht übersehen oder umkehren lässt.
Außerdem verbindet mich mit dem linearen Fernsehen (dem ich fast nur noch ausweiche, indem ich die Mediatheken bemühe wie wir alle) und der SD-Technik (in der ich so viele Schätzchen auf DVD aufgezeichnet habe) eine nostalgische Zuneigung wie sie manch einer für eine aufgelöste Popband hegt oder für eine geliebte Serie, die lange nicht wiederholt worden ist. Auch der Inhalt des Programms wird sich damit ändern – und Historisches, das man erst einmal digital aufpolieren müsste, noch tiefer ins Archiv verschieben.

Die ARD ist sich des Ernstes der Lage bewusst. Der digitale Programmeintrag klingt wie eine Warnung, sich endlich in Sicherheit zu bringen: „Achtung! Sie schauen Fernsehen in SD!“

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Die ewige menschliche Suche nach dem noch ärmeren Würstchen

In einem der Interviews, die Heinz Strunk anlässlich seines neuen Romans „Zauberberg 2“ gegeben hat – seine pünktlich zum „Zauberberg“– und ThomasMann-Jubiläum fertiggestellte Hommage an die großen Vorläufer – war er bestrebt, seinen möglichen Kritikern das Wasser vor-abzugraben. Die würfen ihm am liebsten seinen grundfinsteren Blick auf die Menschen vor, und das stimme einfach nicht. Er schriebe nicht schlecht über die Menschen, er verzichte nur darauf, sie positiver (und optisch ansehnlicher) zu zeichnen als sie sind. Auch den Vorwurf, sich an Thomas Manns weltberühmtem Bildungs- und Jahrhundertroman verhoben zu haben, sah er ohne viel Fantasie voraus. Hier konnte er nur beteuern, er habe sich dieser selbstgestellten Aufgabe mit Andacht und Respekt genähert und die Motive und inhaltlichen Überschneidungen mit der Vorlage ebenso streng im Auge behalten wie deren Vermeidung an anderer Stelle.
Das glaube ich ihm. Und natürlich darf jeder so etwas tun, zumal wenn er sich wie Strunk 20 Jahre lang in unserer Literaturszene gehalten und immer wieder Bücher vorgelegt hat, die Beachtung fanden. Besonders berechtigt war diese bei seinem Tatsachenroman „Der goldene Handschuh“.

Spätestens bei „Zauberberg 2“ fällt mir aber nun etwas auf die Füße, was ich durchaus schon bemerkt, bisher aber ganz gut weggesteckt habe (ich habe in viele von Strunks Bücher nur hineingeschmökert, ohne sie vollständig zu lesen). Eine Handlung im Sinne einer Entwicklung gibt es bei diesem Autor nicht (abgesehen von seinen beiden ausdrücklich biographisch gefärbten Arbeiten). So sieht man ihm eben bei der Sache zu, die übrigbleibt: schnodderig-lustige Umschreibungen des Alleralltäglichsten entweder zu erfinden oder den Kodderschnauzen und Kieztypen in seiner Umgebung abzulauschen. Comedians machen sowas auch – wenn auch nicht immer so gekonnt wie Strunk und obwohl sich dieser ja gern mit dem Satz zitieren lässt: „Wo Comedy draufsteht, ist Scheiße drin!“
Was aber unterscheidet Belletristik von Comedy? Nun ja: ggf. eine Handlung, die die Gags bzw. Pointenversuche so anordnet, dass sie mehr ergeben als nur eine Abfolge von Gags und Pointenversuchen. Bei Heinz Strunk gibt es allenfalls eine Klammer (einen Ort, eine Unternehmung …), aber solche Klammern setzen Comedians auch gern oder täuschen sie wenigstens vor.
Die Folge solchen Vorgehens erleben wir im neuen Buch: es passiert praktisch nichts (logo, ohne Handlung …). Das ist ein Vorwurf, den viele (auch Strunk dieser Tage) Thomas Manns „Zauberberg“ selbst machen. Das wäre eine gute Pointe, aber angesichts von „Zauberberg 2“ ist mir gerade nicht nach Lachen zumute.

Ich habe nämlich noch ein anderes wiederkehrendes Problem. Alle Bücher dieses Autors (inklusive „Fleisch ist mein Gemüse“ und „Der goldene Handschuh“) haben nämlich ein gemeinsames Thema – Strunks einziges, wenn er ehrlich ist: müden Welt-Ekel. Einen Welt-Ekel, der immer aus dem Selbst-Ekel zu sprießen und sich von dort auf sämtliche Figuren gleichmäßig auszubreiten scheint, die dann alle wiederum nur dieses eine Thema haben. Alles läuft letztlich darauf hinaus, dass wir arme Würstchen sind – besonders in optischer Hinsicht.
Dabei sagt der Autor selbst sinngemäß: wer schriftstellerisch nur aus sich und dem eigenen Leben schöpft, wird sehr bald nichts mehr zu erzählen haben. Was seine Romane betrifft, sitzt er seit Jahrzehnten in dieser Falle, ohne es selbst gemerkt zu haben.
So werde ich mir als nächstes einen seiner Erzählungsbände anschaffen. Mit seiner Verteidigung dieser vom Publikum wenig geschätzten kleinen Form hat er unbedingt recht. Vielleicht mache ich ja bei der Lektüre die Feststellung, dass Heinz Strunk im Grunde gar kein Romancier, sondern ein Meister der Short Story ist.

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Ein Mann wie ein Tümpel

betr.: der Thriller „Tiefe Wasser“ (2022) gestern und heute im ZDF

Vic und Melinda sind das perfekte Ehepaar – an der Oberfläche. Sie hat viele Affären, er behauptet auf einer Party, einen der Liebhaber getötet zu haben. Ist das wirklich nur ein Party-Gag?
Erotik-Spezialist Adrian Lyne beobachtet die verhängnisvolle Beziehung von Vic und Melinda in der Hitze von New Orleans. Ben Affleck und Ana de Armas spielen das Paar, das in seiner eigenen, mörderischen Blase lebt. (ZDF-Text)

Als Ben Affleck Ende der 90er Jahre mit „Good Will Hunting“ auf der Bildfläche erschien – an der Seite seines Freundes, Co-Autors und Schauspielerkollegen Matt Damon – und auch noch wenig später in dem Edeltrash „Armageddon“ an der Seite von Bruce Willis, schien er der Anwärter auf den Job als „sexiest man alive“ zu sein. Dass er es darauf nicht sichtbar anlegte, war wiederum recht reizvoll. Auch sein Part in „Good Will Hunting“ war ja recht klein gewesen – aber sehr anständig gespielt.
Ich erinnere mich noch gut meiner Überraschung, als ich Ben Affleck in „Auf die stürmische Art“ kurz darauf wiedersah. Oberflächlich unverändert, verströmte er die erotische Energie eines Couch-Potatos. Und so ist es geblieben. Seine aufreizende Zurückhaltung war einer Muffigkeit gewichen, die nicht zu den kernigen Rollen passte, die er in den folgenden Jahren spielte, etwa den Marvel-Helden „Daredevil“ (2003). Inzwischen ist er in einem Spielalter angelangt, in dem sich mit dieser Aura etwas anfangen ließe (der Konjunktiv ist bewusst gewählt).
Für die männliche Hauptrolle Patricia Highsmiths berühmtem Ehedrama „Tiefe Wasser“ ist er im Grunde eine gute Besetzung, doch der leichte Lebensekel des Helden Vic sieht zu sehr wie der private von Ben Affleck aus.

Insgesamt schlägt sich die Verfilmung recht gut (die noch bis Ende Februar in der ZDF Mediathek abrufbar ist) sehr gut. Doch mit der Zeit kommen leichte Zweifel an der glücklichen Hand des Besetzungsbüros auf. Besonders als Tracy S. Letts als Don beginnt, hinter Vic herzuspionieren. So wie er diesen „Freund der Familie“ gestaltet, wirkt er, als hätte man ihn per KI aus einem TV-Film der 80er Jahre herüberkopiert.
Wie viel besser „Tiefe Wasser“ sein könnte, wird klar, wenn man sich – apropos TV-Film der 80er Jahre – den gleichnamigen ZDF-Zweiteiler von 1983 nochmals anschaut. Beide Versionen sind in ihrem jeweiligen medialen Kontext gleichermaßen aufwändige Umsetzungen der Vorlage, daher erscheint mir der Vergleich nicht unanständig. Bei allem Camp, der uns beim Wiedersehen mit diesem Fernseh-Kabinettstück befallen mag: die Schauspieler sind einfach wesentlich besser. Konstanze Engelbrecht als Melinda macht in ihrer geflissentlichen Verderbtheit einfach sprachlos, während Ana de Armas die unterschiedlichen Gesichter dieser Figur so spielt, als wären es unterschiedliche Rollen. Reinhard Glemnitz wirkt tatsächlich, als könnte er Vic gefährlich werden. Und dass Peter Bongartz den gelangweilten Neurotiker nur spielt, erlaubt ihm eine feine Nuancierung, die Affleck nicht mal aus dem Kino kennt.

„Was hat sie vor? Edgar, was hat Hortense vor? Warum ist sie plötzlich so sanft, Edgar?
Du musst auf der Hut sein, Edgar!“ – Die etwas längere TV-Version der
Geschichte erlaubt uns, Vics Selbstgesprächen zu lauschen.
(ZDF 1983)

Auch die Inszenierung macht ihre Sache besser. Die Freunde des Ehepaares sind keine reinen Knallchargen, und der Raum, in dem Vic seine geliebten Schnecken züchtet, sieht so aus, als könnte man dort tatsächlich Schnecken züchten. In der US-Version hat man das Gefühl, einen Folterkeller zu betreten, in dem außerirdische Invasoren ihre Schoten ausbrüten, wenn der Hausherr mal nicht da ist.

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Letztlich alles Spießer

betr.: „Monica“ von Daniel Clowes

Bei Daniel Clowes setzt sich der Trend der letzten Jahre fort. Zeichnerisch wird er immer nachlässiger und auf eine unvirtuose Weise skizzenhafter (werfen Sie noch mal einen Blick in „Ghost World“, und Sie werden einen Schreck bekommen). Parallel dazu gewinnen seine Szenarios an Struktur und Tiefe. Mit „Patience“ hatte er seine bisher beste durchgehende Geschichte vorgelegt, im Folgeband „Monica“ versöhnt er diesen langen Atem nun mit seinem Hang zur kleinen Form. Das Ergebnis ist ein erzählerisches Patchwork aus neun einzeln genießbaren Kurzgeschichten und doch aus einem Guss.

Clowes‘ großes Thema ist – zugegeben – eines, über das ich einfach fürchterlich gern lese: die Mittelklasse und die Vermeidbarkeit der Probleme, mit denen sie ihre Leben sabotiert und verpestet. Irgendwann kam ich dahinter, dass ich mir meine eigene Gesellschaftsschicht viel lieber von amerikanischen Künstlern nacherzählen lasse (Autoren, Zeichner, Filmemacher). Der Muff der alten Bundesrepublik weht auch bei Updike, Yates und Cheever (an den ich bei der Lektüre von „Monica“ allen Ernstes denken musste!), nur sieht er dort weniger lächerlich und bedrückend aus. Auch stilistisch sind die Kollegen der Neuen Welt besser aufgestellt. Bei uns glaubt jeder, der in den 80er Jahren Nutella gegessen und „Wickie“ im Fernsehen gesehen hat (oder der heute ein Smartphone besitzt …), schon, er hätte einen Durchblick, den er unbedingt (mit)teilen müsste. Bei Daniel Clowes und seinen Landsleuten gibt es immer diese kaum merkliche Verschränkung mit der Zeitgeschichte und der Popkultur, die in den Jahren, in die wir und unsere Bücher gegenwärtig zurückblicken, einfach mehr zu bieten hatte, außerdem einen Blick für Details, die bei uns gern mal unter den Tisch fallen. In „Monica“ etwa heißt es: „Hinterm Haus gab es einen kleinen betonierten Hof, wo ich oft den ganzen Tag spielte…“.

Daniel Clowes pflegt seine alten Vorbilder und huldigt ihnen angemessen. Die Gruselgeschichte „Infernalisches Leuchten“ ist nicht nur dem Titel nach eine Lovecraft-Parodie, läuft aber auf ein frisches Ende hinaus, das auf die einschlägigen Pioniertaten der Großmeister Jack Kirby und Steve Ditko verweist. Ich vermute, dass Clowes seine nach und nach erwachte Vorliebe für gruselige Symbolsequenzen und Stoffe wie diesen seiner Orientierung an Charles Burns verdankt, den er in den USA an Bedeutung knapp überragt, der ihm wiederum als Zeichner weit überlegen ist (– leider macht Burns als Autor gerade ein leichtes Formtief durch: „Final Cut“ hat eine irritierend simple Auflösung). Ich will mir gar nicht vorstellen, wie tief mich Kapitel wie „Die Öffnung Der Weg“ verstören würden, wären sie von Charles Burns umgesetzt worden.

Doch das ist ein kleinmütiger Einwand. „Monica“ ist ein großer Wurf und hat sogar einen Trost für uns parat: Auf jede Täuschung folgt eine Ent-Täuschung. Versprochen!

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Wie bei armen Leuten

betr.: TV-Kritik „Tatort: Restschuld“

Wer über den neuen Kölner „Tatort“ schreiben will, dem fällt zwangsläufig auch der letzte vom vorigen November wieder ein. Die beiden Folgen sind nämlich qualitativ so unterschiedlich, als würden sie das mit Absicht machen. „Siebte Etage“ (der vom November) war ein elend-wüster Kitsch (Drehbuch: Eva und Volker A. Zahn, Regie: Hüseyin Tabak), der sich aus der Affäre zog, indem er durch die Wahl eines hehren Sujets – das Leben der Kölner Sex-Arbeiterinnen – eine edle Botschaft vortäuschte, die nur ein Schuft kritisieren bzw. missachten würde. (Wie sollte die Botschaft eigentlich lauten?) Wer damit zurechtkam, dem gaben schwülstig-belehrende Dirnen-Monologe, grell überzeichnete Knallchargen (ununtertroffen: André Eisermann als aufgeschwemmter Betreiber eines Konzept-Puffs) und ein quietschbunter Look den Rest, wie er auch bei Rosamunde Pilcher (und eben in den anderen Kölner „Tatorten“) üblich ist.
Der aktuelle Fall „Restschuld“ (der Titel ist so popelig, dass man sicher ist, ihn schon mehrmals erlebt zu haben) macht alles anders und alles richtig (Drehbuch: Karlotta Ehrenberg, Regie: Claudia Garde). Auch hier gibt es mit Menschen, die aus der Mittelschicht in die Überschuldung und Verarmung rutschen, ein Thema, das uns nachdenklich machen könnte. Wir können das aber auch auf später verschieben und uns erst einmal dem Krimi hingeben. Es liegt in der Natur des Genres, dass sein bunter Strauß an Verdächtigen auch viele Kleinstrollen und Kurzauftritte bereithält, die bei der heutigen Arbeitsweise meist sehr nachlässig inszeniert werden. Nicht so in diesem Fall. Die Figuren stammen aus unterschiedlichen Milieus, sind sorgfältig konzipiert, treffend besetzt und fabelhaft gespielt: das schwule Yuppie-Pärchen wie auch die arbeitsunfähige Geigerin und ihre wohlhabende Freundin, vor der diese sich so entsetzlich schämt, die Schwester des Vermissten und ihr etwas schlichter Ehemann. Dass es längst keine Abspänne mehr gibt, die uns nach der Sendung die Möglichkeit geben, einzelne Leistungen zu würdigen, war besonders schade angesichts der Reklamationsszene im Kaufhaus. Die verzweifelte Verdächtige Frau Schreiter (Wikipedia sagt: Katharina Marie Schubert), der Verkäufer (Daniel Drewes) und sein stummer Kollege (keine Auskunft) machen ihre Sache so gut, dass man sich hinter der Herrenoberbekleidung verstecken möchte.

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Prophet der Selbstvermarktung

betr.: Radiokritik „Noël Coward. 125 Jahre. ‘A marvellous party‘.“ – eine SWR „Musikstunde“ von Nick Sternitzke

Was für eine berührende Überraschung zum Jahreswechsel: der hierzulande restlos vergessene Universalkünstler Noël Coward erlebt eine vierstündige Würdigung im öffentlich-rechtlichen Kulturradio. Und die lohnt sich! Die Zeit wird genutzt, um Cowards Songs zu spielen und seine Modernität zu feiern – obwohl es zu seiner Kompetenz als (sozial)medialer Selbstdarsteller noch viel mehr zu sagen gäbe*, aber es ist ja schließlich eine Musiksendung.  

Wir hören nicht nur einige der viel zu selten gespielten knapp 680 Songs des Künstlers, wir blicken auch in seine wenigen Abgründe, etwa die törichte Weigerung, „My Fair Lady“ zu schreiben, oder die Vorbehalte gegen Oscar Wilde und die Beatles. Gut: zu Letzterem wäre verteidigend zu sagen, dass Cowards Kritik sich auf die rock’n’rolligen Anfänge der Band bezogen haben dürfte und dass später, als die Beatles immer vielseitiger, origineller und offensichtlicher genial wurden, der Zwist längst zu festgefahren war, um noch entknotet zu werden. Die Funkreihe ist so beschaffen, dass der kundigere Zuhörer zu solchen Überlegungen animiert wird, während der Novize ausreichend Anlass erhält, tiefer in die Materie einzusteigen.

Besonderes Vergnügen machte mir die Suche nach der Inspiration für Noël Cowards erste Operette „Bitter Sweet“, über deren Entstehung allerlei Widersprüchliches berichtet wird. Zuletzt wird der Song „What Is Love“ gespielt und auf seine Ähnlichkeit zu „Bin nicht der Liebessklave einer Königin“ aus „Die Perlen der Cleopatra“ von Oscar Straus hingewiesen. Doch es gibt eine noch heißere Spur. Sie führt zu Alexander Borodin. Was Cowards Kollegen Wright & Forrest knapp 25 Jahre nach „Bitter Sweet“ aus dessen Musik für ihr Musical „Kismet“ gemacht haben, ist beinahe identisch mit „What Is Love“ (dort heißt der Song „He’s In Love“).
Solche Detektivarbeit hätte dem als Spezialisten verkannten Fachautor Volker Klotz gut angestanden, doch dessen Blick auf das Thema Operette war eher amateurhaft strukturiert: was ihm persönlich nicht gefiel, wurde schlicht unerwähnt gelassen. (Dieses beschämende Versäumnis wird in der Anmoderation zur 4. Folge höflich gewürdigt.)  

Ein wenig betrübt war ich, Coward so selten selbst singen zu hören, und wenn, dann fast ausschließlich in den späten Hi-Fi-Aufnahmen aus amerikanischer Herstellung. Cowards frühe Schellack-Aufnahmen präsentieren ihn uns nicht nur als überaus anmutigen Sänger, sie bringen die Doppelbödigkeit seiner romantischen Songs viel besser zur Geltung als die klassisch geführten Cover-Versionen berühmterer Gesangsstars, die für den – so möchte ich es nennen – unaussprechlichen Subtext von Cowards Poesie ausnahmslos kein Organ besitzen.**
Wer weiß: vielleicht hätte Nick Sternitzke, der in der für ihn üblichen Weise vorgeht (sorgfältig, fair, vergnügt und mit einem kenntnisreichen Blick über den Tellerrand seines Themas hinaus) eine Stunde seiner Reihe diesem Aspekt gewidmet, wäre selbige nicht von der Musikredaktion aus der Woche des Coward-Geburtstags (der war schon am 16.12.) in die feiertagsbedingt etwas verkürzte Programmwoche des Jahreswechsels verschoben worden.  

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* Über die Verdienste Noël Cowards um die Definition unseres heutigen Prominenz-Begriffs informiert uns Tamara Hahn in einer Serie, die hier beginnt: https://blog.montyarnold.com/2023/02/21/noel-coward-a-question-of-masks-1/
** Siehe https://blog.montyarnold.com/2024/12/30/27036/

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Der Verlorene

betr.: 35. Todestag von Paul Albert Krumm

Wollte man den Schauspieler Paul Albert Krumm der heutigen Netzgemeinde nahebringen, gäbe es ein paar launige Einträge. So ist er z.B. der Mann, der jedesmal links im Bild zu sehen ist, wenn das beliebte Standfoto der ersten „Tatort“-Folge „Taxi nach Leipzig“ gedruckt bzw. aufgerufen wird. Rechts steht Kommissar Trimmel (Walter Richter) und hebt die Hände – bezeichnenderweise ein müdes, unbeeindrucktes Gesicht machend. Natürlich war Krumm in der Deutschen liebster Krimiserie später nochmals dabei, ebenso bei „Der Kommissar“, „Derrick“, „Der Alte“ (Ehrensache!) sowie den Dreiteilern „Babeck“ (bedeutend unter TV-Nostalgikern) und „Verräter“ (vergessen, aber wirklich großartig*).
Paul Albert Krumm wirkte über knapp zwei Jahrzehnte hinweg praktisch in all seinen Rollen so verraten und verhärmt, so anämisch und verzagt, dass ich irgendwann begann, mich um ihn zu sorgen. Selbst wer begriffen hat, dass es sehr wandlungsfähige Schauspieler gibt, den konnte bei diesem durchgehend an sich und der Welt leidenden Individuum ein ungutes Gefühl überkommen, besonders wenn es seine brüchige Stimme vernehmen ließ.
Seinen Auftritt als Graf Dracula in dem politisch unterspickten Horrorfilm „Jonathan“ hätte ich zu gern gesehen.

Im hochinformativen Fanbuch „Der Kommissar – Die Serie und ihre Folgen“ (für die stark erweiterte Neuauflage von 2003 praktisch neu verfasst, aber von gleichbleibend unleserlicher Geschwätzigkeit) wird mein Verdacht bestätigt. Im Portrait des Schauspielers ist die Rede von neun Stimmbandoperationen, dem tragischen Tod seiner Verlobten und dem Leben „in kleinen, dunklen Kellerräumen in Berlin-Dahlem, dann zog es ihn ans Licht: Zunächst nach Mallorca, dann übersiedelte er an die Costa del Silentio von Teneriffa. Des milden Klimas wegen (…) Eine rätselhafte Herzerkrankung hatte ihn im Herbst 1971 (…) ereilt, Klinik- und Kuraufenthalte brachten nur wenig Besserung.“ Teneriffa auch nicht. Die Dame, die ihn in den Süden begleitete, kam später zu dem Ergebnis: „Krumm wird immer kränker, weil er seine Krankheit liebt und sie braucht.“
Jahrelang war der Schauspieler „ohne Einkommen“ – in seiner Filmographie sind die 70er Jahre unbespielt. Private Spender ermöglichten ihm eine Rückkehr in die Bundesrepublik und ein vorübergehendes zweites Exil in Madeira. 1981 gab er dem „Stern“ ein erschütterndes Interview („Ich habe wie ein Irrer [gegen die Krankheit] angestrampelt , ich habe mich gewehrt und habe gelitten, um Hilfe geschrien, ich habe geglaubt, ich halte das nicht aus, ich sterbe – und dann habe ich mich gewundert, was man alles aushält.“) und stand wieder vor der Kamera.

Zum vorletzten Mal sah ich Paul Albert Krumm, als ihn der große Kommissar Schimanski am Ende der Episode „Miriam“ von seiner eigenen Party abholte. Er trugs mit Fassung: „Sind doch sowieso alles Langweiler!“ tröstete er sich und ließ sich widerstandslos festnehmen. Im folgenden Jahr gab er bei den Berliner Kollegen noch ein Gastspiel als Obdachloser. Hier wirkte er ausnahmsweise fatalistisch-vergnügt.
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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.com/2017/03/14/die-schoensten-filme-die-ich-kenne-18-verraeter/

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Früher waren mehr komische Heilige

betr.: Heiliges Jahr 2025

Am Heiligabend begann mit der Öffnung der Heiligen Pforte in Rom offiziell das Heilige Jahr 2025, das nun auch kalendarisch vor der Tür steht.
Eigentlich findet ein solches Jubeljahr alle 25 Jahre statt, doch das letzte Mal ist doppelt so lange her. Es wurde 1976 zum Sujet des letzten Films mit dem französischen Charakterschauspieler Jean Gabin, der sich also mit einer leicht(gewichtig)en Arbeit aus seinem gewaltigen Lebenswerk verabschiedete. Der Originaltitel „L’Annee Sainte“ wich im Deutschen einem Hinweis auf die Helden. „Zwei scheinheilige Brüder“ ist eine Gaunerkomödie um zwei ausgebrochene Verbrecher, die das Heilige Jahr benutzen, um als Priester verkleidet nach Rom zu kommen, dabei aber in eine Flugzeugentführung geraten. Solches war typisch für die Zeit und unentwegt auf Leinwänden und Fernsehbildschirmen zu sehen. Die Geistlichkeit war offiziell unbefleckt von dem, was da noch an Schrecklichkeiten ans Licht kommen sollte, und man durfte sie in Filmen beschmunzeln, wenn das mit dem nötigen Respekt geschah: der selbst fast wie ein Heiliger verehrte Heinz Rühmann durfte dreimal „Pater Brown“ spielen, Fernandel war in fünf Filmen der stabile Dorfpfarrer „Don Camillo“, und immer wieder verkleideten sich Gangster als Priester, Mönche oder Nonnen und entdeckten dabei eventuell ihr goldenes (christliches) Herz: Gert, Fröbe, Robbie Coltrane, Adriano Celentano, Marty Feldman und wie sie alle hießen.

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