Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Du sollst nicht für dumm verkaufen

betr.: Schreiben für jugendliche Zielgruppen

Wer als Autor für Kinderfunk und -fernsehen tätig ist, kennt die Sorge der Programmverantwortlichen, das Publikum zu überfordern. Sie ist grundsätzlich unbegründet, denn Kinder wissen ja, dass sie noch nicht alles wissen und sind darauf vorbereitet, ein Wort zum ersten Mal zu hören. (Idealerweise nehmen sie es zum Anlass, mit den Erwachsenen in ihrem Haushalt ein Gespräch zu führen.) So einleuchtend ich dieses Argument finde, so sinnlos ist seine Anbringung im Kundenkontakt. Redakteure – und ganz besonders Redakteurinnen – gehen bei ihrer Zielgruppe von einer Schlichtheit aus, die ich mir gar nicht ausmalen möchte. Gerade deshalb nicht, weil mir die Wichtigkeit meiner eigenen Medien-Früherziehung bewusst ist. Ein Großteil dessen, was mir da präsentiert wurde, war ursprünglich „für Erwachsene“: im Fernsehen Warner-Cartoons, Laurel & Hardy und Verfilmungen von eigentlicher Erwachsenenliteratur: Hauff-Märchen, „Die Schatzinsel“, „Gullivers Reisen“ und solcherlei. Mit lupenreinen Kinderhörspielen konnte ich angesichts dessen nie etwas anfangen.

Unerwartet springt mir nun im SZ-Interview ein beliebter und bestens vernetzter Fachmann bei.  „Werden Kinder nicht ernst genug genommen?“ wird „Checker Tobi“ alias Tobias Krell gefragt. „Vielleicht wird der Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen viel zu oft gemacht. Auf meinen Bereich bezogen heißt es oft: Das ist ja nur Kinderfernsehen. Das ärgert mich, Kinder werden viel zu oft unterschätzt – und Medienangebote für sie gleich mit. Kinder sind kein Genre! Sie sind einfach nur ein anderes Publikum. Natürlich muss man auch für sie eine spannende Geschichte erzählen, müssen Inhalte Substanz haben. Das Erfolgsrezept unserer Sendungen ist, glaube ich jedenfalls, dass wir als neugierige Menschen versuchen, einem Thema nahezukommen. Ich bin kein Kind, und es wäre auch komisch, wenn ich so tun würde, als wäre ich eines. Ich stelle mich nicht dümmer als ich bin. Wenn ich bei einer Zahnärztin drehe, frage ich nicht: Warum muss man denn Zähneputzen? Ich sage: Kannst du mal erklären, was Zahnpasta genau macht? Das ist ein feiner Unterschied. Kinder fühlen sich bei uns nicht für blöd verkauft.“

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Prima vista 0,5: Der große Gatsby

betr.: Lesen vom Blatt

Eine Prima Vista Lesung in abgemilderter Form lässt sich durchführen, wenn man sich verschiedene Übersetzungen der selben Textpassage vornimmt: die erste wird still gelesen, die zweite laut.
Der Inhalt ist bekannt, der Wortlaut ändert sich.

Heutiges Beispiel: aus dem Romanfinale „Der große Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald.

Fitzgeralds Ich-Erzähler Nick Carraway bricht am Ende des Buches seine Zelte an der Ostküste ab, um in den Mittelwesten, das Land seiner Herkunft, zurückzukehren. Er tut es nicht, ohne noch einmal für einen Augenblick jenem amerikanischen Traum nachhängen, den als der der Kontinent einst verheißungsvoll aus dem Meer gestiegen war.

Variante 1:

Die meisten großen Häuser an der Küste waren inzwischen geschlossen und man sah fast keine Lichter, mit Ausnahme einer schattenhaft glühenden Fähre, die über den Sund glitt. Und als der Mond höher stieg, begannen die wesenlosen Häuser ganz wegzuschmelzen, bis ich plötzlich die ursprüngliche Insel vor mir sah, die hier einst für die Augen der holländischen Seeleute geblüht und ihnen die frischen grünen Brüste der Neuen Welt entgegengestreckt hatte.
Ihre verschwundenen Wälder, deren Bäume für Gatsbys Haus Platz gemacht hatten, mussten einst flüsternd dem letzten und größten menschlichen Traum kupplerisch Nahrung gegeben haben; für einen flüchtigen, verzauberten Augenblick muss der Mensch den Atem angehalten haben in der Gegenwart dieses Kontinents. Zu einer ästhetischen Andacht gezwungen, die er weder begreifen konnte noch wünschte, befand er sich zum letzten Mal in der Geschichte von Angesicht zu Angesicht mit etwas, das seiner Fähigkeit zum Staunen wahrhaft angemessen erschien.

Variante 2:

Die pompösen Villen längs der Küste waren jetzt fast alle geschlossen. Man sah kaum noch Lichter, höchstens die schwach beleuchtete Fähre, die sich schattenhaft über den Sund bewegte. Und indes der Mond höher und höher stieg, sanken die Häuser ins Wesenlose zurück, und vor mir zeichnete sich allmählich die alte Insel ab, die einst vor den Augen holländischer Seefahrer als ein blühendes Wunder aufgetaucht war, vorgewölbt wie eine schwellende grüne Brust der Neuen Welt.
Ihre längst versunkenen Bäume, dieselben Bäume, die auch Gatsbys Haus hatten weichen müssen, hatten einst mit lockendem Geflüster dem letzten und größten aller Träume der Menschheit Vorschub geleistet – es muss wie ein flüchtiger Augenblick der Bezauberung gewesen sein – und verschlug gewiss denen, die sich hier dem neuen Kontinent nahten, den Atem. Sie spürten wohl einen Drang zum reinen Genuss des Schönen – doch das begriffen sie nicht, noch trugen sie Verlangen danach. Zum letzten Male in der Geschichte war ihnen vergönnt, von Angesicht zu Angesicht etwas zu schauen, das mit ihrem Wunderglauben in Einklang stand.

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Der Soundtrack des Tages: „Girl On A Motorcycle“

Zum Tode von Marianne Faithfull

Knapp drei Monate nach Alain Delon, ihrem Filmpartner in „Girl On A Motorcycle“ (bzw. „La Motocyclette“) aus dem Jahre 1968, hat uns gestern auch die große Marianne Faithfull verlassen. Wenn man bedenkt, dass sie ihren Unterhaltungswert über Jahrzehnte ursächlich dem Rummachen mit einem Rock-Idol verdankte, sind ihre hinterlassenen Songs wirklich beachtlich, darunter zwei unvergessliche Evergreens, die gemeinsam ein enormes Spektrum an Stimmfarbe und Lebenserfahrung konserviert haben.
Und weil diese Songs so unvergessen sind und dieser Tage sicher ohnehin hie und da erklingen werden, will ich zur Platte des Tages eine andere Faithfull-Relique erklären: den Soundtrack zum besagten „Girl On A Motorcycle“. Les Reeds Filmmusik ist so sexy, so jugendlich, so schmissig und melodisch (im Britpop der damaligen Zeit ging das ja mühelos zusammen), dass ich mich hier nie und nimmer auf zwei Titel festlegen oder beschränken würde. Die ganze Scheibe muss auf den Teller, am besten mehrmals hintereinander!

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Die wiedergefundene Textstelle: Herodes-Monolog des amerikanischen Präsidenten

betr.: Brandmauer gefallen

Was erwarten Sie nun von mir und den Vereinten Nationen – wenn auch nicht unbedingt in dieser Reihenfolge? Was sollen wir machen? Ändern, was Sie für unsere Zukunft halten, indem wir zwei unschuldige Geschöpfe töten? – Nein, drei sogar, nachdem eins von ihnen schwanger ist.
Herodes hat das auch versucht, und Christus blieb am Leben. Außerdem machte es ihn unpopulär – historisch unpopulär. Und das wollen wir doch nicht werden, oder?

Ich will damit sagen, dass unsere Gäste offensichtlich charmante, friedliebende Leute sind – oder sagen wir besser: Geschöpfe – und dass die Wähler sie lieben. Natürlich möchte ich nicht, dass die Nachkommen dieser Geschöpfe die Welt beherrschen. Doch das wird kaum vor der nächsten Wahl passieren. Aber eines Tages, wenn die Nachkommenschaft so wohl gerät wie die Eltern … wer weiß? Vielleicht machen sie es besser als wir es gemacht haben.
Sie haben sich zu den düstersten Prognosen provozieren lassen, mein Freund. Womit ich nicht sagen will, dass sie absolut im Unrecht sind. Doch bevor ich die beiden an die Wand stellen lasse, will ich davon überzeugt sein, dass das Menetekel auch wirklich ernst zu nehmen ist. Also: überzeugen sie mich!
Glauben Sie denn wirklich, dass durch eine gegenwärtige Aktion diese Möglichkeit aus der Welt geschafft wird, dass wir die Zukunft ändern können? Und glauben Sie auch, dass wir es tun sollten? Hätten wir mit der Macht, die Zukunft zu ändern, zugleich auch das Recht dazu? Wenn wir die Vernichtung der beiden wollen, gehorchen wir dann Gottes Willen oder bekämpfen wir ihn? Sind wir seine Widersacher oder sein Werkzeug? Ein Attentäter würde letzteres sagen. Und billigen Sie Attentate?
Das Attentat auf Hitler haben wir gebilligt, weil er das Böse verkörpert hat. Aber hätten wir es auch gebilligt, wenn er schon als Baby ermordet worden wäre? Oder seine Mutter, als sie mit ihm schwanger war? Oder alle seine Vorfahren?

Der US-Präsident (William Windom) denkt in „Escape From The Planet Of The Apes“ darüber nach, in den Lauf der Geschichte einzugreifen. Nach einem Drehbuch von Paul Dehn.

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Abbruch unserer Traumkulisse

betr.: Waldbrände in Kalifornien

Unser Bild von Kalifornien wurde von Film und Fernsehen geprägt. Diese Medien sind seither zu einem guten Teil untergegangen – so wie Kalifornien in den Feuern der letzten Wochen. Diedrich Diederichsen denkt in einem klugen Artikel in der „taz“ darüber nach und zeiht sich zu Beginn des „Trauerluxus“, als er sich dabei ertappt, ganz subjektiv betrübt zu sein über den Untergang der Schauplätze persönlicher Erinnerungen: „Skepsis, Darkness unter sehr hohen Palmen bei strahlender Sonne – das ist auch ein Klischee, das von Kenneth Angers Skandalchronik ‚Hollywood Babylon‘ bis zu James Ellroys Ober-Noir immer wieder bedient wurde. Es hat seinen Ursprung in dem Umstand, dass eine globale Kulturindustrie von L.A. aus agiert, die in ihren Produkten die Spezifik und Örtlichkeit ihres Produzierens ausblenden muss. Sie muss universell sein. Doch durchbricht sie diese Regel für ein bestimmtes, in ihr Portfolio fest eingebautes Genre, den stets tragischen oder tragikomischen Blick auf sich selbst: von Billy Wilders ‚Sunset Boulevard‘ (1950) bis David Lynchs ‚Mulholland Drive‘ (2001). Die Spätform davon kann man in jenem gepflegten TV-Museum der 10er Jahre besichtigen, das uns unter dem Namen ProSieben werktäglich von Malibu (‚Two And A Half Men‘, 2003-15) bis nach Pasadena (‚The Big Bang Theory‘, 2007-19) durch das ganze L.A.-County mitnimmt. Genauer und auf einem neueren Stand war zuletzt ‚Trans Parent‘ (2014-19). (…) Was es ökologisch wie ökonomisch bedeutet, eine Metropole auf Wüstensand zu bauen und dies gegen andere schon bestehende Lebensformen durchzusetzen, erklärt ‚Chinatown‘ (1974) von Roman Polanski. Warum das einst vielversprechende ÖPNV-System auf den Druck der Öl- und Autoindustrie schon in den 1930ern im Zuge der sogenannten General Motors Streetcar Conspiracy abgewrackt wurde, wissen wir aus ‚Falsches Spiel mit Roger Rabbit‘ (1988) von Robert Zemeckis. (…) Los Angeles ist der am weitesten entfernte Ort, an dem – so wird uns zumindest pausenlos vermittelt – noch Leute wie wir leben: ‚The Nearest Faraway Place‘, wie die ‚Beach Boys‘ es nannten.“

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Plötzlich appetitlos

betr.: Auschwitz vor 80 Jahren befreit

Eine gutgelaunte Reisegruppe ist hungrig und freut sich auf das Essen. Doch das kommt nicht. Zu der Reisegruppe gehöre auch ich. Wir sitzen in einem Restaurant am Mittelmeer im Libanon. Das ist wenige Jahre her – da konnte man dieses Land noch gut besuchen, seine uralte Kultur bestaunen, seine moderne Vitalität erleben und seine levantinische Küche genießen. Doch die Kellner, zwei junge Libanesen, ignorieren ihre Gäste. Bis unser libanesischer Reiseleiter mit ihnen spricht, danach sind sie wie ausgewechselt. Sie haben gedacht, wir kämen aus den USA, und weil die USA mit Israel paktieren, wollten sie uns nicht bedienen. Deutsche waren ihnen dagegen herzlich willkommen, denn wir Deutsche hatten uns Jahrzehnte zuvor alle Mühe gegeben, so viele Juden zu ermorden wie möglich.

Aus der heutigen „Morgenandacht“ im Deutschlandfunk von Pfarrer Stephan Krebs

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Die wiedergefundene Textstelle: Familie und Tyrannei

betr.: Zweite Amtszeit des 47. Präsidenten der USA

Giorgio, ein Kind, von dessen besonderer Güte und Schönheit und Intelligenz die ganze Familie überzeugt war, wurde von allen gefürchtet. Der Vater, die Mutter, der Großvater und die Großmutter väterlicherseits, die Dienstmädchen Anna und Ida – sie alle litten unter dem ständigen Albdruck von Giorgios Launen. Keiner aber hätte es gewagt, dies zuzugeben. Vielmehr überboten sich alle in Lobeshymnen, auf der ganzen Welt gäbe es kein zweites so liebes, zutrauliches, fügsames Kind. Jeder versuchte den anderen in hysterischer Bewunderung noch zu überbieten. Und jeder zitterte bei dem Gedanken, das Kind unabsichtlich zum Weinen zu bringen – weniger wegen der Tränen an sich, über die man sich leicht hätte hinwegsetzen können, als wegen der Vorwürfe der übrigen Familie. In Wahrheit war ihnen die Liebe zu dem Kind weitgehend ein Vorwand, um ihre Bosheit aneinander auszulassen und einander ständig zu überwachen. Freilich war es in der Tat schreckenerregend wenn Giorgio in Zorn geriet. Mit der Schlauheit, die für diese Art Kinder bezeichnend ist, verstand er es sehr genau, die Wirkung seiner Waffen abzumessen. Er hatte sich hierfür eine ganze Stufenfolge zurechtgelegt. Ging ihm eine Kleinigkeit gegen den Strich, fing er einfach an zu weinen, und sein Schluchzen war so, dass man glaubte, es müsse ihm die Brust zerreißen. In ernsthafteren Fällen, wenn es sich darum handelte, durch eine länger andauernde Aktion ein bestimmtes Ziel zu erreichen, verlegte er sich aufs Trotzen. Dann sprach er kein Wort, spielte nicht und verweigerte die Nahrungsaufnahme, womit er binnen eines Tages die Familie in restlose Verzweiflung versetzte. Bei ganz wichtigen Anlässen hatte er die Wahl zwischen zwei Taktiken. Die eine bestand darin, dass er vorgab, an geheimnisvollen Gliederschmerzen zu leiden – Kopf und Bauchschmerzen schienen ihm weniger ratsam, denn da bestand immer die Gefahr, dass man ihm Abführmittel eingab. Die andere vielleicht noch schlimmere Methode bestand darin, dass er einfach zu brüllen begann. In solchen Fällen gab es praktisch keinen Widerstand. Giogrio blieb sehr rasch Sieger und hatte das doppelte Vergnügen, zu sehen wie seine Wünsche befriedigt wurden und wie die Großen einander wechselseitig beschuldigten, das arme Kind zur Verzweiflung gebracht zu haben. (…) sein Großvater [war] ein Oberst im Ruhestand, der in der Regel nicht wusste, was er mit sich anfangen sollte. [Demselben] Mann, der einst an der Spitze seiner Reiterei am Fuß des Montello eine tollkühne Attacke gegen die Maschinengewehrstellungen der Österreicher geritten hatte, lief [dann] ein Schauer über den Rücken.

Dino Buzzati wurde 1906 in San Pellegrino geboren. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit arbeitete er als Maler, Zeichner und Bühnenbildner und war langjähriger Redakteur der Mailänder Tageszeitung „Corriere della Sera“. Buzzati starb 1972 in Mailand. Percy Eckstein und Wendla Lipsius übersetzten seine Erzählung „Das despotische Kind“ für den Band „Aus Richtung der unsichtbaren Urwälder“, Klaus Wagenbach Verlag.

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Der Pritt-Stift des Grafen von Monte Christo

betr.: wieder im Kino: „Der Graf von Monte Christo“ – Regie: Matthieu Delaporte und Alexandre de La Patellière

Mit zehn Jahren sah ich eine der unzähligen Verfilmungen von „Der Graf von Monte Christo“ im Fernsehen. Von allen weiteren habe ich danach die Finger gelassen, denn die Geschichte war mir nun so geläufig, dass ich fürchtete, mich in einem weiteren breit erzählten Historienfilm oder TV-Mehrteiler (das an diesen Stoff gekettete Format) ein wenig langweilen zu müssen. Auch die aktuelle Neufassung werde ich sicher auslassen.
Doch das Anschauen dieses Films in Kindertagen (ich glaube, es war eine Umsetzung in Schwarzweiß) hat mich geprägt.
Der Held Edmond Dantès bereitet die Rache an den drei Verrätern, die ihn unschuldig für Jahre ins Zuchthaus gebracht haben, akribisch vor. Als erstes legt er Dossiers über sie an, widmet jedem von ihnen ein hübsch gestaltetes Sammelalbum. Die Schufte, deren Namen in schönen Lettern auf dem jeweiligen Titelblatt prangen, kennen das eigene Leben vermutlich weniger gut als in diesen Akten vermerkt ist und würden sich geschmeichelt fühlen, wenn sie davon wüssten. Diese drei Bücher liegen auf dem Tisch des selbsternannten Grafen, und wann immer er einen von ihnen zur Strecke gebracht hat, sehen wir, wie er den Band umdreht und den Schriftzug unserem Blick entzieht, einen nach dem anderen: Montcerf, Danglars, Villefort.
Meine Neigung, Sachen auszuschneiden, einzusortieren, abzuheften und später wiederzulesen,  war wohl schon in mir angelegt, denn an keinen Dialog, keine Kerker-, Fecht- oder Liebesszene erinnere ich mich besser als an diese Großaufnahmen der hübsch gestalteten Bände auf dem Tisch des Helden – und wie sie schließlich umgedreht werden.

Als kurz darauf der Tod zweier Legenden der Popkultur – Elvis Presley und Charlie Chaplin – zu einer Unzahl von einschlägigen Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln führte, dachte ich: die gehören auch gesammelt und eingeklebt. Ich klebte drei DIN A4- Schulhefte zusammen und gestaltete aus Schuhkarton-Einlegepappe Titelseiten, die nach dem klassischen TV-Vorbild nur den (etwas krakeligeren) Namensschriftzug trugen.
Gleich nach Chaplin und Presley wurde ich etwas seriöser, ging zu Ringbüchern über und leistete mir auch ein paar Second-Hand-Klarsichthüllen. Doch dieses Hobby hat sich erhalten und nahtlos in meine erst private, bald berufliche Beziehung zur Popkultur und ihrem Personal hinübergeführt. Der Niedergang der Printmedien lässt die Sammlung in letzter Zeit etwas langsamer wachsen.

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