Das gefährlichste Kleidungsstück der Welt

Ich bin Karl Lagerfeld, den ich für einen zappeligen pesudo-intellektuellen Quark-Quatscher mit feuchter Aussprache halte, nur für zwei Äußerungen dankbar. Einmal für die (möglicherweise versehentliche) Wortspiel-Pointe „Ich konnte den Look nicht mehr sehen!“ und dann für seine Feststellung irgendwann in den 90er Jahren, es gebe heute kein Modediktat mehr. Ich als notorisch Klamotten-Kauf-unwilliger Mensch fand das ungeheuer beruhigend. Ich durfte es glauben, da es ja aus dem Munde eines Fachmannes kam, der überdies mit dem Gegenteil dieses Statements sein Geld verdiente.
Seither ringe ich mit dieser Aussage.

Zurzeit bin ich bei folgender Theorie angelangt: es gibt noch immer ein Modediktat, nur dass es seinen Schrecken inzwischen individuell entfaltet.
Zum Tragen einer Jogginghose hat Lagerfeld seinen berühmtesten Ausspruch getan, und er scheint weite Teile der Öffentlichkeit traumatisiert zu haben.  Das Anlegen einer solchen Hose – egal, wann, wo, wie oft und zu welchem Zweck – ist heute übler geächtet als Hetzte, Lahmarschigkeit und  schlechter Kunstgeschmack.
Bastian Pastewka – stets bemüht, viel und schnell zu reden, ohne etwas von sich selbst preiszugeben -, ließ dann doch recht tief blicken, als man ihn fragte, wie er es denn mit der Jogginghose hielte. Er antwortete sinngemäß: So etwas würde ich nie tragen, denn dann wäre ich ja einer von diesen Trotteln, über die ich mich in meinen Arbeiten lustig mache. … Sieht denn jemand, was er zu Hause trägt? Geht es jemanden etwas an? Spielt es eigentlich eine Rolle, was man in seiner Freizeit als bequem empfindet? Findet er nun unbequeme Kleidung weniger unbequem, weil er so schlimme Figuren verkörpert? Und sind die Pastewka-Figuren wirklich so schlimm? – Rätsel über Rätsel …
Der weitaus schneidiger auftretende Entertainer Götz Alsmann antwortete immerhin, er habe so etwas nur beim Joggen getragen. „Sie haben also eine Jogginghose!“ – „Hatte, hatte!“ – Auch hier wieder diese unerklärliche Dünnhäutigkeit.
Marcel Reich-Ranicki behielt aus der traumatisierenden Zeit im Warschauer Ghetto die Marotte zurück, sich mehrmals täglich zu rasieren, um nicht zu verkommen (was die Überlebenschancen im Ghetto verringert hätte). Als er später jahrelang von zu Hause aus arbeitete, gewöhnte er sich an, außerdem immer einen Anzug anzulegen, ehe er ins Home-Office ging.
Die Warnung, man solle beim Schreiben nicht wie ein Penner oder Couch-Potatoe angezogen sein, denn dann schriebe man auch so, habe ich häufiger gelesen. Sie leuchtet mit durchaus ein, aber ich schreibe gern im Outfit einer Pastewka-Figur und weise stilistisch mit ihr (und ihm) nur dann irgendwelche Übereinstimmungen auf, wenn der Text es erfordert. Vielleicht kann man sich so etwas leisten, solange man wie ich als Allzweck-Autor arbeitet und keine reine Kunst macht.
Sibylle Lewitscharoff ist mir in diesem Zusammenhang scheinbar nicht ganz unähnlich: „Gibt es eine Kleidervorschrift beim Schreiben? Jawohl, es gibt sie. Man trage beim Schreiben ein Amtskleid. In meinem Fall ist es schwarzgrau gemustert und hat vorne ärmelschonende Verlängerungen. Man kleide sich nicht zu salopp, sonst schwätzt man bald daher wie jemand, der, die Beine hoch, vor sich hintelephoniert, und so ein Telephongeschwätz sollte man besser nicht aufschreiben.“ (Da haben wir’s wieder: Reinschriften mache ich gern mit hochgelegten Füßen. Sollte ich tatsächlich mal ein Telefongeschwätz aufschreiben müssen – für einen Sketch oder ein Hörspielskript –, könnte ich es ohnehin nicht einfach mitschreiben, sondern müsste mich konzentrieren, um es möglichst alltagsgetreu zu erfinden. Wahrscheinlich so sehr, dass ich mich in meiner stets saloppen Arbeitskleidung sogleich aufrecht hinsetzen würde.) „Das Amtskleid darf nicht die Behendigkeit des Handgelenks lähmen, aber es soll das Handgelenk wärmen. In einem für das Schreiben angelegten Amtskleid zeige man sich besser niemand sonst. Es muß ja nicht schön sein, dieses Kleid, ja, es darf sogar hie und da ein wenig verschabt sein. Personen, die beim Schreiben herumschmutzen – ich gehöre nicht zu ihnen -, sollten vorsichtshalber eine Schürze anlegen.“
Recht so! In meiner Schreibmontur würde ich niemals Gäste empfangen.

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Ausstellung über das Jüdische im Fernsehen der Bonner Republik

Der „Spiegel“ berichtet in seiner aktuellen Ausgabe von einer unbesehen sehenswerten Ausstellung in Frankfurt am Main, die die jüdische Film- und Fernsehgeschichte der alten Bundesrepublik illustriert: „Ausgeblendet/Eingeblendet“.

»Am zweiten Novemberdonnerstag des Jahres 1978 lief „Dalli Dalli“, Untertitel „Ein Fragespiel für Schnelldenker“. Die Sendung kam alle vier Wochen im ZDF, sie war einer der Pfeiler des bundesdeutschen Unterhaltungsfernsehens. Moderiert wurde sie von Hans Rosenthal, dessen Erkennungszeichen, der mit einem Luftsprung verbundene Ruf „Das war spitze!“, Allgemeingut wurde. Doch etwas war anders an diesem Abend: Es gab im Musikprogramm der Sendung keine Schlager. Stattdessen trat eine Opernsängerin auf. Hans Rosenthal trug einen schwarzen Anzug, wie bei einer Beerdigung. Am Ende der Sendung sagte er: „Das war, heute am 9. November, unsere 75. Sendung ‚Dalli Dalli‘.“ Es war ein sehr leiser Hinweis auf ein Datum, das in der bundesdeutschen Erinnerungspolitik damals noch kaum eine Rolle spielte: 40 Jahre zuvor hatten in Deutschland an diesem Tag die Synagogen gebrannt, die Wohnhäuser und Geschäfte von Juden, mehr als 1000 Menschen waren ermordet worden. [Es war die sogenannte „Reichskristallnacht“, die im heutigen Gutmenschenjargon – dessen sich leider auch der „Spiegel“-Artikel befleißigt – „Reichpogromnacht“ genannt und damit verbal um den vielsagenden Zynismus der Nazis vermindert wird.] Hans Rosenthal war Jude. Hinter den Kulissen hatte er zuvor versucht, die Verantwortlichen des ZDF davon zu überzeugen, die Sendung des Termins wegen zu verschieben. Es war ihm nicht gelungen.«
Wie wir weiter lesen, hat Rosenthal nur noch ein weiteres Mal – wiederum vergeblich – versucht, seine Popularität gegen den geschichtsvergessenen Zeitgeist einzusetzen. Als 1983 im hessischen Bad Hersfeld ein Treffen von Veteranen der Waffen-SS und der SS-Leibstandarte Adolf Hitler angekündigt wurde, bat er den Bürgermeister, er solle diese Veranstaltung „schnell absagen“.  Solche Zurückhaltung hat mich Nachgeborenen stets gewundert* – zumal bei Hans Rosenthal, der ja im Zentralrat der Juden aktiv war und in seiner Autobiographie ausführlich beschrieben hat, wie knapp er den Holocaust überlebte.
Oder bei Robert Lembke und der Remigrantin Lilli Palmer. Als diese in „Was bin ich?“ zu Gast war und der Moderator sie darauf ansprach, dass sie gleich zu Beginn ihrer Karriere das Land verlassen habe, unterließen es beide auf den Grund hinzuweisen (Palmers Flucht vor der Ermordung durch die Nazis), was dem Gespräch den flockigen Unterton gab, die junge Schauspielerin sei einfach „nach Hollywood gegangen“. Dabei kann auch Robert Lembke dieses Detail nicht übersehen haben, war er doch in der NS-Zeit als „Halbjude“ eingestuft.
Die Ausstellung erinnert daran, dass in der Bonner Republik vor dem Mauerfall nur etwa 30.000 Juden lebten. Die Zahl erhöhte sich erst in den 90er Jahren, als die BRD 200.000 sogenannte Kontingentflüchtlinge aus der zusammengebrochenen Sowjetunion aufnahm.

Mehr zu diesem Thema finden Sie hier: https://blog.montyarnold.com/2015/05/06/bin-so-germanisch-depressiv/

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Wo lag Atlantis?

Nach allgemeiner Einschätzung hier: https://blog.montyarnold.com/2016/04/07/atlantis-nochmals-besucht/

Eine weniger populäre und weniger einleuchtende Theorie verortet den versunkenen Kontinent „zwischen Griechenland und Kreta“.  Das trägt dem Look Rechnung, der in den meisten Darstellungen der atlantäischen Kultur zur Anwendung kommt, missachtet aber den Namen der Insel und weist ihr eine erheblich kleinere Fläche zu.

Dazu passt diese am „Reader’s Digest“-Illustrationsstil der 70er Jahre orientierte Darstellung vom Untergang von Atlantis:

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Was ist der Unterschied zwischen Werbung und Reklame?

Eine Definition von 1970 sagt über diese „zwei Begriffe, die vom Laien oft als Synonyme (…) angesehen werden“: „Ursprünglich sind sie auch wirklich einmal sinngleich oder sinnähnlich gewesen; aber im Laufe der Entwicklung der Werbung hat sich in ihrem Gebrauch ein deutlicher Unterschied bei uns herausgebildet. Mit dem Begriff ‚Reklame‘ verbinden wir das Gefühl von etwas Marktschreierischem, ja Unseriösem. Das liegt daran, daß sich der ernsthafte, auf Glaubwürdigkeit bedachte Geschäftsmann und Unternehmer davon zu distanzieren versucht, indem er seinen Anstrengungen zur Verkaufsförderung einen anderen Charakter, ein anderes Gesicht erarbeitet und sie demgemäß auch mit einem anderen Ausdruck bezeichnet, eben mit Werbung.“
Hab ich’s mir doch gleich gedacht. Dass man „Werbung“ sagt, ist also nichts als Reklame. Da könnte man ja auch gleich „Marketing-Verarsche“ sagen.

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„Gottes Brot und Teufels Aufstrich“ (80)

Eine Graphic Novel von Monty Arnold
mit Zeichnungen von Stefan Sombetzki

ENDE DES 4. KAPITELS

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Verbrechensbekämpfung lohnt sich nicht

betr.: 109. Geburtstag von Joe Shuster (vorgestern)

Joe Shuster, der gemeinsam mit dem gleichaltrigen Jerry Siegel als Erfinder von „Superman“ gilt, kommt als Sohn eines jüdischen Schneiders in Toronto zur Welt und wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. 1923 lässt sich seine Familie in Cleveland, Ohio nieder, wo Joe und Jerry zu Nachbarskindern werden. Neun Jahre später beginnen sie, das Fanzine „Science Fiction. The Advance Guard Of Future Civilisation“ herauszugeben, in dessen dritter Ausgabe unter dem Pseudonym „Jerry S. Fine“ der von Siegel verfasste und von Shuster illustrierte Comic „The Reign Of The Superman“ erscheint. Die Geschichte hat aber mit dem späteren Comic noch nichts zu tun und ist an Philip Wylies Novelle „Gladiator“ (1930) angelehnt. Der Titelheld erringt seine Kräfte als Versuchskaninchen eines Forschers und ist eher ein Schurke.
1935 nimmt Siegel zu National Comics Kontakt auf, einem Verlag, den wir heute als DC kennen. Im folgenden Jahr hat Joe Shuster dort seinen ersten Einsatz bei „Mr. Mystic“, weitere heute vergessene Serien folgen. 1937 arbeiteten beide an der ersten Ausgabe der „Detective Comics“, für die sie die Figuren „Slam Bradley“ und „Spy“ erfinden. Inzwischen haben sie ihre Heldenfigur überarbeitet: die übermenschlichen Kräfte sind nunmehr außerirdischen Ursprungs, und es gibt eine Geheimidentität (wie vom Hörspiel-Schurken „The Shadow“ vorexerziert). Die wichtigste Quelle der Anregung ist der Pulp „Doc Savage“.*
Weil sich ihr Verlag nicht für „Superman“ interessiert, bieten sie ihn verschiedenen Mitbewerbern an und werden abgewiesen, bis schließlich doch National zulangt und ihnen ihre Kreation für 150 Dollar abkauft (einige Quellen sprechen von 130 Dollar). In „Action Comics“#1 hat „Superman“ 1938 seinen ersten Auftritt und ziert auch das heute berühmte Titelbild. Er wird so beliebt, dass er schnell eine eigene Heft-Serie bekommt, eigene Hörspiele und Trickfilme u.v.a.m.; der Rest ist Geschichte.
Shuster und Siegel verdienen noch einige Jahre daran, für die Serie zu schreiben und zu zeichnen, dafür gründen sie ein Studio in Cleveland. 1948 zerstreiten sich Künstler und Verlag wegen der Rechte, die sie natürlich nicht zurückbekommen. Auch später angestrengte Prozesse ändern nichts daran. Jerry Siegel melkt die Idee mit „Superboy“ weiter aus, für den er sogar zu National zurückkehrt, hat aber nie wieder einen annähernd erfolgreichen Einfall.
Joe Shuster ist als Zeichner nicht gut genug, um jenseits seines frühen Volltreffers eine solide Karriere zu machen. Zuletzt setzt er nur noch den Superman-Kopf auf die Zeichnungen seiner Kollegen. Vor allem im Vergleich mit den Meistern, die ab 1961 für Marvel Comics Superhelden-Abenteuer zeichnen**, wirken seine Arbeiten fad und mitunter krude.

1975 kauft sich DC von der Verpflichtung frei, Siegel und Shuster weiterhin als Erfinder der Figur nennen zu müssen. Kurz darauf erhält Marlon Brando – längst fett geworden und voll koketter Verachtung für die Filmindustrie – 4 Millionen Dollar für seinen winzigen Kurzauftritt zu Beginn des ersten „Superman“-Kinofilms. Siegel und Shuster bekommen keinen Cent, bis Jerry es mit einer Briefaktion hinbekommt, dass das produzierende Filmstudio Warner Bros. den beiden eine kleine Rente bewilligt, um einer größeren Peinlichkeit zu entgehen (wohlgemerkt: das Filmstudio, nicht DC).

Während Jerry Siegel noch einige Jahre als Autor arbeitet, zieht sich Shuster aus der Branche zurück – geplagt von schwindendem Augenlicht, Spasmen in den Händen und den Folgen eines losen Lebenswandels. Er lebt lieber auf der Straße als bei seinem Bruder um Unterschlupf zu bitten, schreibt aber viele Bittbriefe. 

Joe Shuster stirbt 1992, immerhin nicht mehr obdachlos, Jerry Siegel folgt ihm 1996 in ebenfalls ärmlichen Verhältnissen nach.
Mehr als 15 Jahre später wird eines von Joe Shusters Werken kurzzeitig wiederentdeckt – sein vermutliches Werk, denn die Zeichnungen tragen keine Signatur. Anfang der 50er Jahre hatte er wohl – kurz bevor der Comics Code solche Publikationen unmöglich machte – gewaltvolle und sexuell explizite Comics für 16 Ausgaben der Heftreihe „Nights Of Horror“ gezeichnet, die sogar von verurteilten Gewaltverbrechern als Inspiration ausgegeben wurden. Der Sammelband „Secret Identity“ warb 2009 erfolgreich mit dem Hinweis, die Zeichnungen könnten von dem Mann stammen, der einst „Superman“ gezeichnet hat.     

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* Hier ausführlich vorgestellt: https://blog.montyarnold.com/2018/10/12/doc-savage-der-bronzemann-die-deutschen-taschenbuecher/
** Gewürdigt in der Reihe „Die Marvels wie sie wirklich waren“, siehe https://blog.montyarnold.com/2019/02/14/12574/

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Unarten der Schauspielkunst (6/6)

Fortsetzung vom 8. Juli 2023

Hier werden die Erläuterungen nachgereicht, die der Schauspieler Carl-Heinz Schroth (1902 – 89) seiner Liste der 10 schlimmsten Unarten des Bühnenschauspiels hinzugefügt hat. Sie ist unter  https://blog.montyarnold.com/2023/06/29/carl-heinz-schroth-10-unarten-der-schauspielkunst-1/ nachzulesen.

Bedienung! Der Schrecken des Explizierlautes

Punkt 9 der Liste lautete:
„Du sollst den Gebrauch von Eselsbrücken vermeiden.“

Als schrecklichster der Schrecken hat sich in diesem Zusammenhang der Münchner Schauspieler Michael Habeck hervorgetan, der Mitte der 70er Jahre daran beteiligt war, die Langfilme von Laurel und Hardy neu zu synchronisieren – Filme also, für die bereits Eindeutschungen vorlagen, die mehrheitlich zu den Gipfelleistungen der Synchronkunst zählen. Dass man ihn ausgerechnet auf Oliver Hardy besetzte, mit dessen subtiler Mimik der bisherige deutsche Sprecher Arno Paulsen optimal umgegangen war, machte aus einem unehrenhaften Ansinnen eine Untat. Wann immer sich in Hardys Gesicht eine kleine Laune abzeichnete, sich Hardys Mund auch nur um eine Winzigkeit öffnete, wird Habeck gerufen haben: „Das muss ich doch bedienen!“ – und die Regie hat ihm offensichtlich nicht widersprochen. Eine durchgehemde Suada von kurzen Schnaufern, Krächzern, Kieksern, Schnappern, Schmatzern, Schnarchlauten und kontrollierten Bäuerchen ergoss sich nun auf die Tonspur – gepaart mit Habecks obligatorischen Unsitten: bajuwarisch gerollten Rs, seiner schneidenden Krächzstimme, unnötig lauten Atmern und all den anderen Besonderheiten, die ihn für diese Rolle nicht eben ausgewiesen haben.
Solche Füllstoffe und Explizierlaute gibt es nicht nur in der Synchronarbeit (wo man sie allerdings am deutlichsten hört), sondern auch auf dem Theater. Carl-Heinz Schroth kommt unter einem anderen Stichwort darauf zu sprechen:


Eselsbrücken. Eine Angewohnheit, die ihre Entstehung der Tatsache verdankt, daß es an vielen Bühnen zu wenig Proben gibt und sich die Kollegen, die nicht genau wissen, wie ihr Satz anfängt, dahin retten, indem sie ihrem eigentlichen Satz Füllworte vorausschicken, die zu allem passen und die Schrecksekunde ein bißchen verlängern. Wie zum Beispiel „Sag mal“ (wird am häufigsten gebraucht) oder „Hör mal“ oder „Übrigens“ oder „Was ich sagen wollte“ oder auch ein langgezogenes „Ähhh“.
Je länger man das „Ähhh“ zieht, um so mehr kann man bei einem guten Souffleur (die es übrigens auch nicht mehr gibt) vom nächsten Satz erhaschen. Eine Angewohnheit, die sich erhalten hat auch bei Darstellern, die die Ausrede des Probenmangels gar nicht haben, ja, ich ertappe mich manchmal selbst bei „Sag mal“ …

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Unbedingt wiederlesen: „Der Schmetterling“ von Wilhelm Busch

Er war’s. Im eigenen Lichtglanz seines grün juwelenhaft funkelnden Hinterteils schwebte er dicht vor mir her, mein alter Schmetterling, dem ich niemals zugetraut hätte, daß er solch eine schöne Laterne besaß. Die Jagdlust regte sich wieder.

Obwohl es vonseiten der Literaturwissenschaft einige bürokratische Einwände gibt, hat mich doch kein deutscher Dichter lebenslang so bereichert und beglückt wie Wilhelm Busch – kein Goethe, kein Heine, kein Ringelnatz und kein Tucholsky. Daneben hat sich Busch noch auf einem anderen Gebiet – weit abseits des literaturwissenschaftlichen Blickfeldes – hervorgetan. Diese Verdienste konnten erst im Laufe des folgenden Jahrhunderts nach und nach als solche erkannt und eingeordnet werden. Sein jüngerer Kollege Thomas Theodor Heine (1867-1948) schrieb dazu:  

Busch ist der eigentliche Erfinder der zeichnerischen Kurzschrift. Ich weiß keinen Vorgänger, dem es gelungen wäre oder der auch nur versucht hätte, in so knappen Strichen das Leben einzufangen, durch einen einfachen Federzug so unerhört gesteigerte Bewegung, so unvergeßliche Typen mitsamt der ihnen zukommenden Umgebung auf einem kleinen Blättchen Papier hervorzuzaubern. Es ist höchste Vollendung des Handwerks, daß kein Tropfen Schweiß am fertigen Werk zu kleben scheint.

Backwood- und Viecherhorror aus deutschen Landen: Peter steckt  in der Klemme.

Die Erzählung „Der Schmetterling“, auf die ich heute unsere Aufmerksamkeit lenken möchte, entstand nach Buschs großen, lyrisch untertitelten Bilderpossen, als sich Busch bereits in die Eigenbrötelei zurückgezogen hatte. Busch goss den Verlust seiner Illusionen in zwei Lebensbeichten in Prosa, in deren vereinzelten Illustrationen der begnadete Zeichner weiter am Werk ist. Während “Eduards Traum“ noch unerfüllt bleibt, ist dem Ich-Erzähler im „Schmetterling“ ein idyllisches Finale vergönnt. Diese Gnade ist – wie sich das für diesen hellwachen Satiriker gehört – teuer bezahlt, vielfach gebrochen und gehörig verschrammt. Busch wäre nicht Busch, würde er der Schönheit des ländlichen Lebensraumes und seiner üppigen Natur nicht den vulgären Nihilismus seiner Bewohner entgegensetzen. Die Dosierung des Sarkasmus im glücklichen Ende des Abenteuers ist in ihrer Präzision unübertrefflich und ohne Beispiel.

Fernab vom heimischen Herd erlebt der Schmetterlingsjäger die Schrecken der bürgerlichen Hausgemeinschaft.

Wie jeder wahrhaft welthaltige Erzähler weiß auch Busch um die Wirkung eines phantastischen Elementes, das maßvoll in die Bodenständigkeit seiner Milieuschilderungen eingewoben ist. Nachdem der flatterhafte Held auf seiner Odyssee durch die deutsche Provinz schon mit einem Goldesel und einer Hexe Bekanntschaft machen durfte (und bevor er an einen sehr handfesten Arzt und dessen Säge gerät), kommt es kurz vor dem Ende noch zu einer LSD-rauschhaften Begegnung mit zwei Feldarbeitern (ein Aaskäfer und ein Mistkäfer), die sogar verdiente Geisterseher wie Wilhelm Hauff und E. T. A. Hoffmann brav erscheinen lassen.

Der einbeinige Peter humpelt an den Ort zurück, den er so leichtfüßig verlassen hat.

Wenn Busch zuletzt vom Altwerden und vom Nachhausekommen spricht, tut er das ohne jede Larmoyanz und ohne die gefallsüchtigen Kalauer, die in unserer rasch alternden Gesellschaft zuletzt obligatorisch geworden sind. Sogar dem Familienkitsch weicht er geschmeidig aus. Die Menschen, die den verkrüppelten Peter schließlich aufnehmen, tun das umso herzlicher, weil sie ihren verschollenen Angehörigen nicht wiedererkennen. Und Peter behält das Geheimnis für sich. So bleiben ihm noch ein paar glückliche Jahre als respektierter Gast in seinem früheren Heim.

Was erst verdrießlich schien,
war schließlich gut für ihn.

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Die wiedergefundene Textstelle: Über die Länge (nicht die Höhe) von Absätzen

„Die hohe Schule der Geschäfts- und Privatkorrespondenz“, um 1970 im Falken-Verlag Wiesbaden erschienen, ist ein bis heute lesenswertes Buch. Einige der vermittelten Regeln gelten noch immer (obwohl sich kein Schwein mehr daran hält, nicht einmal wenn es tatsächlich noch Briefe und keine Mails verfasst), die übrigen sind leicht als veraltet erkennbar und dann zumeist sehr amüsant – mindestens als Zeitdokument. An der folgenden Passage aus dem Kapitel über Aufbau und Wirkung von Absätzen gefällt mir das hübsche Bild, das sie heraufbeschwört – obwohl sie nicht gerade aus dem Leben gegriffen ist und ich den Vergleich der Textgattungen Belletristik und Geschäftsbrief für kühn halte.

Haben Sie einmal alte Damen beobachtet, die sich in einer Bücherei einen Roman aussuchen? Haben Sie einmal mit Ihnen gesprochen, um zu erfahren, nach welchen Gesichtspunkten da gewählt wird? Sie würden vielleicht erstaunt sein, denn häufig ist die Länge der Absätze für diese routinierten Leserinnen ein besonders wichtiges Merkmal.
Warum? Sehr lange Absätze lassen vermuten, daß das Buch viele Beschreibungen und Betrachtungen enthält; kurze Absätze erlauben hingegen den Schluß, daß allerhand passiert, daß es mit der Handlung zügig vorangeht, daß sich die Personen intensiv miteinander unterhalten, freuen, streiten, kurz: daß die Geschichte lebendig erzählt wird, daß sie spannend ist.
(…) Kurze Absätze werden lieber gelesen als lange. Man darf allerdings nicht gewaltsam vorgehen, denn der Absatz soll eine gedankliche Einheit sein. Eine gedankliche Einheit bloß um der äußeren Form willen zu zerschlagen, wirkt sich ebenso nachteilig aus wie das Verfahren, mehrere gedankliche Einheiten in einem einzigen Absatz zusammenzukleistern.

Haben Erfahrung mit dem Leseverhalten alter Damen (l.): Miss Marple (m.) und Mr. Stringer, der Leiter der Leihbücherei von Milchester (Foto: MGM Home Entertainment)

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Die Unarten der Schauspielkunst (5)

betr.: 17. Todestag von Rudi Carrell (gestern)

Fortsetzung vom 4. Juli 2023

Hier werden die Erläuterungen nachgereicht, die der Schauspieler Carl-Heinz Schroth (1902 – 89) seiner Liste der 10 schlimmsten Unarten des Bühnenschauspiels hinzugefügt hat. Sie ist unter  https://blog.montyarnold.com/2023/06/29/carl-heinz-schroth-10-unarten-der-schauspielkunst-1/ nachzulesen.

Der Apfel – einmal nicht als Wurfgeschoss

Punkt 10 der Liste lautete:
„Du sollst nicht begehren deines Nächsten Pointe. Das heißt: Du sollst Dich ruhig verhalten, wenn der Partner eine Pointe hat und keine Spielastik machen. Beliebte Ausrede: Aber ich muß doch die Situation weiterspielen. – Mußt Du nicht!“

Als der Publikumsliebling Rudi Carrell starb, trauerte vor allem das Publikum traurig um ihn. Die meisten seiner Kollegen – und nicht wenige hatten ihm viel zu verdanken! – würdigten ihn durchaus kritisch. Es muss nicht immer leicht gewesen sein, mit ihm zu arbeiten. Einer seiner Regisseure meinte, Rudi sei „der manierenloseste Mensch“ gewesen, den er je getroffen habe. Des großen Showmasters Wutausbrüche in den letzten Stunden vor Beginn der Live-Übertragung waren legendär.
Doch in einem Punkt war Rudi Carrell überaus tugendhaft: er war nicht kompetitiv. Er neidete niemandem eine Pointe, schon gar nicht wenn dieser Kollege bei ihm zu Besuch war und die Pointe selbst mitgebracht hatte. Aber auch sonst war Carrell Profi genug, zu wissen: es ist letztlich wurscht, über wen in meiner Show gelacht wird. Hauptsache, es wird in meiner Show gelacht! (Das merkten sogar wir Halbwüchsige vor dem Fernseher, und es imponierte uns ungemein.)
In der Branche ist diese Qualität so selten anzutreffen (und damit meine ich alle Personen, die vor Publikum arbeiten, ganz gleich in welcher Sparte), dass Carl-Heinz Schroth sie gleichsam zur Schlusspointe seiner Liste gemacht hat.
Er spricht von einer bestimmten Art, die Pointe des Mitspielenden zu hintertreiben: per Sabotage. Das kann motorisch geschehen (Merke: Die Bewegung ist stärker als das Wort.) oder akustisch. Schroth kommt zunächst auf die in Punkt 10 zitierte Ausrede zu sprechen:

Er spielt die Situation weiter.
Ein Beispiel: Auf der rechten Seite der Bühne hat Arlecchino gerade einen Apfel geschenkt bekommen und macht sich daran, ihn zu verzehren. Just in diesem Moment kommt links Columbine und hat ihr Auftrittscouplet. Die arme Person ist natürlich völlig von guten Willen des Apfelessers abhängig. Wenn er vor jeder ihrer Pointen knirschend in den Apfel beißt, ist sie mit ihrem Auftrittslied im Eimer.
Es gibt Kollegen (meistens sind es ältere Salondamen oder Komiker), die sind Weltmeister im Apfelessen. Hier schweigt des Sängers Höflichkeit, obgleich’s ihn in der Kehle juckt.

Von Rudi Carrell (gleichsam eine Mischung aus älterer Salondame und Komiker) kann Carl-Heinz Schroth jedenfalls nicht gesprochen haben!

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