Near them, on the sand, Half sunk, a shattered visage lies, whose frown, And wrinkled lip, and sneer of cold command
P. Shelley: „Ozymandias“ (1817)
Der Begriff „Spoilerwarnung“ gehört inzwischen zu unserem Alltagswortschatz. Andererseits sind überraschende Wendungen aus der Geschichte von Film und Fernsehen, die zu ihren besten Zeiten großes Entsetzen auslösten, zu ikonischen Bildern geworden, bei denen jede Warnung zu spät kommt. Ich verderbe sicher niemandem mehr einen DVD-Abend, wenn ich die Auflösung des Films „Planet der Affen“ (USA 1968) und ihr Nachleben zum Thema dieses kleinen Essays mache: die Reste der halb im Sand versunkenen Freiheitsstatue verraten dem Helden (wie auch dem Publikum), dass wir uns nicht auf einem fremden Planeten befinden, sondern in der unerfreulichen Zukunft der Erde. Der Film weicht in diesem Punkt von der Romanvorlage ab! Die Miss-Liberty-Pointe hat Rod Serling in einem Interview mit Marvel Comics für sich in Anspruch genommen, doch der Serling-Biograph Joel Engel macht den Autor der 2. Drehbuchfassung Michael Wilson als Urheber aus.*
Schon auf dem DVD-Cover wird alles gesagt. – Bild: Twentieth Century Fox Home Entertainment, 2000
Die Fortsetzung „Rückkehr zum Planet der Affen“ beginnt mit der Wiederholung dieses Tableaus, das sich demnach im folgenden Jahr bereits herumgesprochen hatte. Es beschließt 1975 auch die sechsteilige Comic-Version des Films, die vonMarvelvorgelegt wurde.
Die drittletzte Seite von Marvels „Planet Of The Apes“ (es folgt die Slashpage mit dem berühmten Motiv) von (Text) und (Zeichnungen) – Bild: Marvel Comics / Williams Verlag
Inzwischen begann sich die Idee zu verselbständigen. In jene Zeit fällt Jack Kirbys Ausstieg bei Marvel, dem bei DC größere künstlerische Freiheiten in Aussicht standen. Die Ergebnisse waren nach weitverbreiteter heutiger Einschätzung eher „was für Fans“: „Kamandi“ nutze die Reste der Freiheitsstatue gleich als Titel- und Eröffnungsbild, um klarzumachen, wie es um die menschliche Zivilisation bestellt ist.**
2009 erschien dieses Remake von Jack Kirbys „Kamandi: The Last Boy On Earth“ vom Oktober 1972 – Bild: DC / Panini Comics
Doc Savage setzte sich an den großen Tisch im Empfangszimmer. Hier standen drei Telefone. Er wählte die Nummer des Fernamts und meldete drei Gespräche an. Er hatte zunächst bedauert, dass zwei seiner fünf Assistenten zur Zeit nicht in den Vereinigten Staaten waren, nämlich der Ingenieur John Renwick, der allgemein Renny genannt wurde, und William Harper Littlejohn, den sie nur Johnny riefen und der ein angesehener Archäologe und Geologe war. Renny war in Frankreich, wo er einige Flugplätze baute, und Johnny hielt sich in Ägypten auf, wo kürzlich ein neues Pharaonengrab entdeckt worden war. Doc bekam sofort Renny und Johnny an die Leitung und beauftragte sie, Ermittlungen über die Vergangenheit eines gewissen John Sunlight anzustellen. Dann telefonierte er mit der Überseevertretung einer internationalen Detektei, die er selbst finanziert hatte und deren Hauptaufgabe darin bestand, für ihn, Doc, Informationen zu sammeln; wenn er sie nicht brauchte, arbeitete sie wie eine normale Detektei — übrigens mit gutem finanziellem Erfolg. Er beauftragte auch die Detektei, sich mit Sunlight zu befassen. Dann wartete er. Er wusste, dass es natürlich eine Weile dauern würde, bis Renny, Johnny und die Detektive brauchbare Informationen ausgegraben hatten. Vor allem verließ Doc sich auf die Detektei, und zwar aus einem nicht alltäglichen Grund. Er vertraute den Detektiven hauptsächlich deshalb, weil sie ausnahmslos tückische Verbrecher gewesen waren.
Immer, wenn Doc Savage eines Verbrechers habhaft werden konnte, schickte er ihn in sein Institut im Norden des Staates New York, dem Monk und die übrigen den Spitznamen ,College` gegeben hatten. Dort wurde der Verbrecher einer Gehirnoperation unterzogen, die jede Erinnerung an seine kriminelle Vergangenheit auslöschte; dann wurden die Patienten zum Hass auf Verbrecher umerzogen. Einige wurden normalen bürgerlichen Berufen zugeführt, die intelligenteren verwendete Doc als Detektive. Sämtliche Detektive in seinen Diensten stammten aus diesem College.
Gegen Morgen begannen die Informationen einzulaufen. John Sunlight, so schien es, war mehr ein Gerücht als ein lebender Mensch, ein Name, der in internationalen Kreisen mehr geflüstert als laut genannt wurde. Die Detektive hatten eine Menge Leute getroffen, die Sunlight kannten, aber aus Angst nicht über ihn zu sprechen wagten, aber hier und dort war doch ein Fetzen Information abgefallen. „Ich schließe aus Ihrer Auskunft“, sagte Doc zu einem seiner Übersee-Agenten, „dass Sunlight ungewöhnlich machthungrig ist. Habe ich das richtig verstanden?“ „Macht- und geldhungrig“, sagte der Agent. „Anscheinend hat er immer daran geglaubt, dass es genügt, wenn er das Geld hat; dann kommt die Macht ohnehin.“ Die meisten Auskünfte hatten denselben Tenor. „Das hilft uns“, sagte Doc. „Damit können wir was anfangen.“ Long Tom, der neben ihm saß, begriff nicht recht, wieso diese Informationen wichtig waren, aber er schwieg. Monk und Ham interessierten sich nicht für die Informationen, sie waren damit beschäftigt, Fifi zu unterhalten; aber auch ihnen war nicht klar, welchen Sinn die Telefonate haben sollten. Nur Doc war zufrieden. „Und jetzt“, sagte er, „schnappen wir uns einen Regierungschef!“ „Einen Regierungschef ?“ Long Tom starrte ihn verblüfft an. „Einen Playboy“, korrigierte Doc. „Aber er gibt sich als Regierungschef aus.“ Der Playboy, der zugleich Regierungschef war, hätte seinen Aufenthalt in New York mehr genossen, wenn nicht die lästige Reise in die Arktis gewesen wäre. Hätte nicht der Lebensstandard, den er sich gönnte, in direktem Zusammenhang mit den Mineralien seines Landes gestanden, dann hätte das Land gern zum Teufel gehen können.
Alles läuft bestens im Leben des jungen Ingenieurs Alain Getty und seiner zauberhaften Frau Bénédicte, die dabei sind, sich ein Haus an einem noblen Stadtrand im Süden Frankreichs einzurichten. Mit seiner fliegenden Webcam meistert Alain eine gelungene Präsentation in seiner Firma. Dass sein Chef Richard Pollock sich vor Freude zu einem gemeinsamen Abendessen mit den beiden Ehefrauen einlädt, wird sich allerdings als verhängnisvoll für praktisch alle Beteiligten erweisen. Richard und Gattin Alice (Charlotte Rampling in einer typischen Altersrolle als mysteriöse Gewitterziege) kommen Stunden zu spät, liefern sich einen peinlichen Ehestreit, und zum Abschied muss sich Gastgeberin Bénédicte auch noch von Alice beleidigen lassen. Bénédicte geht sehr sportlich damit um. Das titelgebende böse Omen tritt in der folgenden Nacht in Erscheinung, als der schlaflose Alain den verstopften Küchenabfluss in Ordnung bringen will und ein verendetes Nagetier herausholt (es wird später wieder lebendig). Als Alain am nächsten Tag zur Arbeit geht, taucht Alice bei Bénédicte auf und bittet darum, sich etwas hinlegen zu dürfen. Die verwirrte aber stets hilfsbereite Bénédicte willigt ein. Doch dann verrammelt sich Alice im Gästezimmer und beginnt herumzutoben. Nachdem sie fort ist, gehen im Haus schräge und immer schrägere Dinge vor sich, und die Musterehe der Gettys entwickelt sich zum Alptraum. Allmählich dämmert Alain, dass er zu drastischen Mitteln greifen muss, wenn er sein altes Leben zurückhaben möchte, zu Mitteln, die seinem Naturell komplett zuwiderlaufen …
Zu Werbezwecken wurde „Lemming“ (2005) mit David Lynch verglichen, doch der schleichende Einbruch des Paranormalen ist nie so selbstzweckhaft und willkürlich inszeniert wie bei ihm. Auch mein spontaner Gedanke an Chabrol trägt nicht weit, denn es fehlt hier an dessen selbstverliebter Skurrilität und an den simplen Schuldzuweisungen. „Lemming“ lässt sich nicht flott einsortieren, er ist auf erfrischende Weise unkonventionell. Während man ihn betrachtet, ist man zu gefesselt, um all die Genre-Elemente zu benennen, die Regisseur und Mitautor Dominik Moll fein dosiert in das Gerüst eines französischen Beziehungsfilms eingepflegt hat: Besessenheitshorror, Geistergeschichte, Büroklamotte, Südstaatendrama, Tierhorror und vieles andere. Eines ist der Thriller „Lemming“ aber keineswegs: ein Krimi – obwohl es zuletzt einen Selbstmord und einen Mord zu beklagen gibt.
Es gibt Reden, die als politisch verstanden werden möchten – nicht im tagespolitischen Sinne, sondern weil sie Allgemeingültigkeit beanspruchen – und die doch das Gegenteil davon sind: unverbindlich, banal und vor allem: bemüht, kein Missfallen zu erregen. Wer einer solchen Rede zuhört, kann sich als Mitglied in einem Club der Besseren fühlen, wer sich ihr anschließt, kann nur auf der richtigen Seite stehen. In der Politik wurden solche Reden seit der Antike häufiger gehalten als man denkt. Hier soll es um die fiktive Variante gehen, wie man sie in Kunstwerken antrifft. Sie ist nur insofern tagespolitisch relevant als es das sie umgebende Werk auch ist. Das schönste Beispiel für ein solches Zusammentreffen ist die Schlussansprache in „Der große Diktator“ von Charles Chaplin. Hier sind der Schöpfer und seine Kunstfigur ausnahmsweise identisch – in den allerletzten Minuten da diese überhaupt auf der Leinwand existiert. Auf dem Papier wäre Chaplins Text (der längst zum Allgemeingut geworden ist und aus dem hier deshalb nicht zitiert werden muss) ein Musterbeispiel für die beschriebene wohlfeile Rede. Als Finale des ersten Kinofilms, der es wagte, den amtierenden Führer des Deutschen Reichs anzuklagen, war er tatsächlich ein Politikum, das die Propagandaschlacht im Unterhaltungskino in die heiße Phase eintreten ließ.
Der Schauspieler Heinz Rühmann (der in der Bonner Republik häufig mit Chaplin verglichen wurde) liebte solche Reden und hätte sie gern viel häufiger gehalten, hätte die Materialsituation es hergegeben. In vielen seiner Filme gibt es kleine Moralpredigten, in denen zu diesem preiswerten Humanismus aufläuft. Die kurzen Ausbrüche (denen stets anzumerken ist, wenn sie eigens und nachträglich ins Drehbuch eingefügt wurden) waren ein wichtiger Bestandteil des Rühmann-Konzeptes vom „kleinen Mann“, der das Herz letztlich auf dem rechten Fleck hat und mit dem wir uns (auch als Frau) alle identifizieren können.*
In den 60er Jahren hatte Heinz Rühmann längst alle experimentellen Anwandlungen – es hat solche durchaus geben! – hinter sich gelassen. In zügiger Folge trat er in drei Curt–Goetz-Verfilmungen auf.** Es waren drei Remakes, die wiederum auf Theaterstücken basierten. Am besten gefiel Rühmann sein „Dr. med. Hiob Prätorius“ („eine Geschichte ohne Politik“ vermerkte der Autor im Untertitel). Hier fand der Schauspieler die gewünschte Ansprache bereits vor und durfte sie sogar in einem Hörsaal der Anatomie halten. Doch es kam noch besser. Rühmann in seiner Autobiographie: „Aus produktionstechnischen Gründen wurden dieser und andere Komplexe in Prag gedreht. Ich hielt also diese Ansprache vor jungen tschechischen Menschen. Sie bekam dadurch einen besonderen Unterton, eine zusätzliche Dimension. Einerseits belastete es mich, diese Botschaft des Humanismus als Deutscher einem solchen Auditorium zuzurufen, andererseits war ich stolz, dass ein deutscher Schriftsteller schon vor vielen Jahren diese Worte gefunden hatte, die ihre Bedeutung für die Welt nicht verloren haben.“ Ein so kluger Humorist wie Curt Goetz (1888-1960) wusste natürlich, welche Textgattung er tatsächlich bespielte, als er diese Vorlesung über „die Mikrobe der menschlichen Dummheit“ verfasste.
Nach dem Scheitern ihrer Ehe mit einem betrügerischen Investment-Tycoon steht die flatterhafte Jasmine mit Chanel-Jäckchen und Louis-Vuitton-Koffer bei ihrer Schwester Ginger vor der Tür, um sich einzuquartieren. Der Absturz ist tief: Jasmine ist das Leben auf Manhattans Upper East Side gewohnt und muss nun bis auf Weiteres in Downtown San Francisco leben – unter einfachen Leuten, die ihr offensichtlich zuwider sind. Sowohl Gingers prolligen Exmann – der zwei halbwüchsige Söhne in deren Leben zurückgelassen hat – als auch ihren aktuellen Lover Chilly hält sie für Verlierertypen. Ihr gönnerhaftes Gebaren stößt auf Verständnis. Schließlich macht sie eine schwere Zeit durch – Jasmine neigt zu Panikattacken und Selbstgesprächen und spült Unmengen von Pillen mit Wodka hinunter. Während sie widerwillig und ungeschickt als Praxishelferin bei einem Zahnarzt jobbt, hält sie Ausschau nach einem reichen Verehrer, der ihr die Rückkehr in ihr altes Leben ermöglicht. Doch die wie beiläufig eingestreuten Rückblenden verraten uns nach und nach die Details der Vorgeschichte. Und dass der Abstieg nicht aufzuhalten ist …
Bald nach seinen ersten Erfolgskomödien drehte Woody Allen ein paar Filme, die ihn als gelehrigen Ingmar–Bergman-Bewunderer auswiesen. Zeitweise wurde schon befürchtet, er sei vollständig ins ernste Fach gewechselt. Aber erst gut 20 Jahre später lotete der Autorenfilmer die Abgründe der menschlichen Seele wieder ähnlich tief aus. Neben „Match Point“ ist „Blue Jasmine“ die konsequenteste Tragödie im Spätwerk von Woody Allen, und sie ist ähnlich makellos. Der Ton ist ein anderer: es wimmelt von Slapstick und knuffigen Charakteren, doch eine verderbtere Figur als Jasmine – eindringlich gestaltet von Cate Blanchett – hat es jenseits des Trash-Kinos selten auf der Leinwand gegeben. Da muss man schon bis zu Hitchcock oder Chabrol zurückgehen.
Meine persönliche Erfahrung lehrt, dass man sich vor Menschen von der Sorte dieser Heldin in Acht nehmen muss. Sie ist eine komplette Soziopathin, die jeden, der ihr zu nahe kommt, beschädigen oder vernichten wird – egal, ob der Kontakt auf Arglosigkeit, Nettigkeit, Anstand, Sympathie, sexuellem Interesse oder Mitleid ihres Gegenübers beruht. Das einzige, was man für Jasmine ins Feld führen könnte, ist ihre fehlende böse Absicht: sie ruiniert sich selbst und reißt andere mit den Abgrund. Das ist freilich meine persönliche Sicht auf diesen Film, der konsequent im Ton der Komödie erzählt wird. Woody Allen verzichtet auf jegliche Erklärungen (wer solche Bevormundung schätzt, ist bei Steven Spielberg in besseren Händen). Als sich doch ein Journalist sorgte, was denn nach dem Abspann aus Jasmine werden würde – ob sie ins Obdachlosenasyl käme oder vielleicht in die Psychiatrie – meinte Woody Allen nur, ja, das sei beides durchaus möglich.
Die inhaltlichen Parallelen zu Klassikern wie „Endstation Sehnsucht“ und „Madame Bovary“ sind augenfällig. Sie bringen diesen Film keine Sekunde lang in Verlegenheit.
„Sabrina“ von Nick Drnaso (Aufbau Verlag) ist hier nur deshalb noch nicht gelobt und gepriesen wurden weil ich den Hymnen, die man überall im Netz und anderswo findet, gar nichts hinzuzufügen habe. Heute soll es doch einmal darum gehen. Im Rahmen der o. g. Rubrik sei ein Text aus „Sabrina“ wiedergegeben, der auch für sich alleine prima funktioniert – und in gewisser Weise sogar noch besser als im Buch. Was mich zu der einzigen Kritik bringt, die ich daran zu üben habe: so großartig das Werk inhaltlich ist, so sehr krankt das Buch an seiner Herstellung – also dem winzigen Format der meisten Abbildungen, die sich auf zu wenigen Seiten drängen. Das ist unzweifelhaft eine Entscheidung, die mit dem Verkaufspreis zusammenhängt, keine künstlerische. Dieses Layout arbeitet gegen die beklemmenden symmetrischen Perspektiven der klinisch sauberen, kahlen Räume (die Open-Air-Szenen sehen nicht tröstlicher aus), in denen die Figuren festsitzen. Für einen Leser meines altersbedingten Sehvermögens geht (trotz aktueller Brille) viel von der klaustrophobischen Atmosphäre flöten. Ich hoffe, nachdem „Sabrina“ nicht nur allseits gefiel, sondern sogar den Booker Prize erhalten hat – den wichtigsten britischen Literaturpreis, der Comics für gewöhnlich links liegen lässt, auch wenn sie Graphic Novel genannt werden – wird es ja vielleicht irgendwann eine Edition geben, die der intendierten Dramaturgie angemessen ist.
Der folgende kleine Monolog ist übrigens kein Spoiler!
Tausend Meilen südlich von Hawaii liegt das von den USA kontrollierte Paimyra-Atoll. Einst ein Marinestützpunkt im Zweiten Weltkrieg, war es seitdem zumeist in Privatbesitz, bis es im Jahr 2000 von The Nature Conservancy für dreißig Millionen Dollar gekauft wurde. Seitdem halten sich auf Paimyra abwechselnd kleine Forschungsteams auf. Es gibt keine ständige Besiedlung oder wesentliche Infrastruktur. Alle Straßen, die die Navy angelegt hat, sind zugewuchert und unbenutzbar. Das ist dann auch schon alles: ein vergessenes tropisches Paradies, mehr nicht. Aber das ist nicht die Wahrheit. Das Atoll ist in Wirklichkeit eine „Black Site“, ein Geheimgefängnis der US-Regierung. Ich weiß das, weil ich dort war. Weiterlesen →
Der Satzbaustein „galt eigentlich als un-“ motzt jede Bagatelle zu einer glitzernden Entstehungsgeschichte auf. („Der Herr der Ringe“ galt eigentlich als unverfilmbar! / „Das Phantom der Oper“ galt eigentlich als unsingbar!“ …) So sprach man auch über die 650 DIN-A-5-Notizblöcke von Astrid Lindgren. Ihr Nachlass füllt im Keller der Königlichen Bibliothek zu Stockholm 160 Regalmeter, stellt das größte Privatarchiv dar, dass je ein schwedischer Mensch hinterlassen hat und wurde 2005 ins Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen. Die besagten Blöcke wurden als unlesbar eingestuft, denn die gelernte Sekretärin Astrid Lindgren hatte ihre späteren Bestseller angeblich in einem Spezial-Steno verfasst. Das ist nicht abwegig: sie wollte nicht, dass irgendjemand einen Blick in ihre Arbeit werfen konnte, ehe sie selbst sie als abgeschlossen betrachtete. Lindgren ließ – auch das Anekdotische soll hier seinen Platz haben – kein Lektorat daran rühren, und selbst die Mitarbeiter des Verlags, in dem sie die Kinderbuch-Sparte betreute, sahen ihre Bücher erst, wenn sie gedruckt waren (ausgenommen natürlich die Korrektoren, Schriftsetzer, Seitenmonteure, Plattenkopisten und Drucker des Hauses und wer nicht sonst noch). Unzweifelhaft war Astrid Lindgren mit ihrer Neigung zum Verfolgungswahn eine sehr moderne Schriftstellerin. Eventuell hätte sie sich an unserer herzlosen Welt der Hacker und Internet-Piraten die dritten Zähne ausgebissen. Denen wäre es sicher gelungen, ihre Notizbücher zu entziffern und zu leaken. Knapp 20 Jahre nach dem Tod der Autorin befasste sich nun eine Literaturwissenschaftlerin mit dieser Aufgabe. Malin Nauwerk erklärte, es interessiere sie, wie diese Texte entstanden seien. Nachdem sie die Unlesbarkeit des Materials noch einmal betont hatte, begann sie mit der Lektüre. Sie fand heraus, dass es zwischen den Typoskripten und den Druckfassungen kaum Unterschiede gibt. Der Schreibprozess muss sich also bereits in den Stenoblöcken abgespielt haben. Er bewirkte die geänderte Haarfarbe bei Jonathan Löwenherz, eine „Ständige Entwicklung“ der Figuren oder ähnlich Erwartbares. Das Ergebnis ist so wenig aufregend, dass es getrost direkt der Sprachpolizei übergeben werden kann, die „Negerkönige“ und andere Rabulismen flugs in eine gepflegte Helikoptermuttisprache überführt. Dann schließt sich der Kreis und alle sind glücklich – bis zum Erlass der nächsten Sprechverbote. Wie schön, dass Astrid Lindgren auch das nicht mehr erleben muss!
Doc hatte ungewöhnlich scharfe Augen, und es gelang ihm, die Positionslampen des Flugzeugs am fernen Nachthimmel auszumachen, die aber kurz darauf verschwanden. Auch John Sunlight, Civan, Giantia, Titania und die übrigen, die aus dem Lager in Sibirien geflohen waren, waren verschwunden, ohne eine Fährte zu hinterlassen. Die Felseninsel war ein Chaos, sie sah aus wie nach einem Erdbeben. Menschen, die die Detonation gehört hatten, kamen von allen Seiten herbei, einige in Booten, um sich den Schaden zu besehen. Doc und seine Begleiter legten wieder die Tauchausrüstung an und schwammen unter Wasser eine halbe Meile stromabwärts; dann gingen sie an Land, kehrten vorsichtig zu ihren Autos zurück und fuhren in Docs Wohnung.
Long Tom hatte inzwischen auf eigene Faust Ermittlungen angestellt. „Ich hab‘ mit Moskau telefoniert“, sagte er. „Die Behörde, mit der ich verbunden wurde, war so entgegenkommend, mir eine Beschreibung der Häftlinge zu geben, die aus dem sibirischen Lager ausgebrochen sind. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass es sich um Sunlight und seine Bande handelt.“ „Na ja“, sagte Monk, „das ist ja recht erfreulich, aber es nützt uns nichts mehr. Sie sind geflohen.“ „Wohin?“ Monk schielte zu Doc; der hatte ihm mitgeteilt, dass Sunlight sich mit mindestens zwei Leuten in der Arktis verabredet hatte — mit Don Carlos und dem Playboy; Doc hatte Sunlights Verhandlungen über seine Haftmikrophone belauscht. „Wo hatten sie sich verabredet?“ fragte Monk. „Den genauen Ort habe ich nicht verstanden“, sagte der Bronzemann ruhig. „Soll das etwa heißen, dass wir keine Ahnung haben, wo Sunlight jetzt ist?“ Monk konnte es nicht fassen. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür zur Bibliothek. „Und was ist mit mir?“ fragte eine weibliche Stimme. Long Tom verzog angewidert das Gesicht. „0h Gott …“ „Was soll das?“ fragte Monk scharf. „Warum jammerst du?“ „Das ist unser süßes, kleines Lamm“, sagte Long Tom und verzog das Gesicht noch mehr. „Fifi!“ „Na und?“ fragte Monk. „Kannst du sie nicht leiden?“ „Als ihr fort wart“, sagte Long Tom unfreundlich, „hab‘ ich mir den Kopf zerbrochen, um ein bisschen Sinn in die ganze Sache zu bringen, aber die liebe Fifi hat nichts anderes getan als mich unentwegt gestört. Sie wünschte unterhalten zu werden. Sie wollte plaudern.“ „Du hast keinen Instinkt für weibliche Qualitäten”, sagte Monk verächtlich und marschierte zur Tür der Bibliothek. Ham schob die Hände in die Hosentaschen. „So ist er …“, sagte er knurrig. „Wenn eine Frau auftaucht, lässt er alles stehen und liegen und spielt mit ihr.“ Monk drehte sich um. „Das sieht man selten“, sagte er. „Ein Rechtsanwalt, der seine Hände in den eigenen Taschen hat . . .“ Er ging weiter. Ham eilte ihm nach, um dem Rivalen nicht allein das Feld bei Fifi zu überlassen.
In dieser Reihe werden Filme vorgestellt, deren Helden Komiker sind. Nach einer kurzen Inhaltsangabe werden die Filme hauptsächlich danach beurteilt, wie kundig und glaubhaft sie diesen Beruf abbilden. (Meistens entspricht dieser Aspekt aber auch der Gesamtnote.) Biopics werden an anderer Stelle behandelt.
Die Stand-Upperin Feri lebt mit ihrer Schwester Ava in einer WG zusammen und tauscht sich intensiv mit ihr über ihre Auftritte aus. Feri legt es eher auf Provokation als auf Lacher an und vergrätzt damit sowohl ihre eigene muslimische Community als auch diejenigen, die Deutschland am liebsten ausschließlich von Deutschen bevölkert wüssten. Nach einer Show werden die Mädchen auf dem Heimweg von einem rassistischen Schlägertrupp angegriffen, und Ava wird verletzt. Daraufhin will Feri hinschmeißen, denn „das ist es nicht wert“. Ava ist damit nicht einverstanden und greift zu einem drastischen Mittel …
Heute, da ich diese Zeilen schreibe, hat sich der Begriff „Ethno-Comedy“ eingebürgert. Möglicherweise ist er jetzt, da sie gelesen werden, bereits wieder geächtet (vermutlich von den gleichen Leuten, die ihn formuliert haben). Der Ausdruck bezeichnet jedenfalls sehr gut, worum es hier geht. Während sich in unserer Comedy-Szene inzwischen zahllose Namen tummeln, an denen man ablesen kann, gegen welche gesellschaftliche Gruppe jeweils von innen heraus polemisiert wird, steht die Kritik vor einem grundsätzlichen Problem: darf man beispielsweise einem jüdischen Komiker einen betont fiesen Holocaust-Witz ankreiden oder einer türkischen Komikerin eine dönerdeutsche Bosheit? Sicher nicht. Was taugen die Gags eigentlich? – Wer sollte das beurteilen? Ethno-Comedy ist – noch mehr als Comedy in Allgemeinen – in ihrer Blase von Widerspruch von außen abgeschnitten, da sie nicht zwischen fachlicher Kritik und politischem Angriff unterscheidet. Entsprechend reagiert ihr Publikum emotional, auf Stichwort und von der Qualität der Pointe unabhängig. Es sei denn, es kommt zu einem Eklat wie im Film gezeigt. So bequem es man es sich als Akteur in dieser Nische machen kann (künstlerisch, nicht unbedingt gesellschaftlich), so herausfordernd ist es, einem eigenen hohen handwerklichen Anspruch zu genügen.
Die Heldin von „Stand Up“ (ein Kurzfilm der Hamburg Media School) ist in diesem Zusammenhang noch auf der Suche – ganz im Sinne des doppeldeutigen Filmtitels. Um schnelle Lacher geht es ihr offensichtlich nicht, aber ein Wechsel ins Kabarett kommt nicht in die Tüte, denn heute ist nunmal Comedy angesagt. Alexa Benkert bewährt sich in ihrer Rolle, doch leider gelingt die überzeugende Inszenierung des Publikums (das naturgemäß aus Komparsen besteht) und seiner Reaktionen nicht. Wie so oft bei sozialkritischen Filmen, muss es uns genügen, dass wir die Botschaft auch so verstehen.
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