Was ich gern früher gewusst (oder kapiert) hätte …

Es gibt Branchen, die als wahnsinnig cool galten, doch wenn es gut läuft, ist man dort nur zu Besuch: Werbung, Synchronbranche, Fernsehen.

Mit Geduld versaut man sich die ganze Jugend. Die verlorene Zeit gibt keinem niemand zurück.

Leid ist nicht die Voraussetzung von Kunst, aber wer gar keine Sorgen hat (sowas gibt es!), wird nichts erschaffen, das andere Menschen berührt.

Von schlechten Französischlehrern / -lehrerinnen darf man sich nicht in dem Bemühen bremsen lassen, die Sprache zu erlernen.

Ölziehen, eine Methode der Zahnreinigung, betreibt man am besten täglich.

Und: Zähneputzen ist gut, aber das Wichtigste sind die Zahnzwischenräume!

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Die Kunst, sich selbst die richtigen Fragen zu stellen

Der finnische Philosoph Frank Martela will überrascht gewesen sein, als ihm klarwurde, dass sein Heimatland regelmäßig (achtmal in Folge) zum Land mit den glücklichsten Einwohnern gekürt wird. In der „F.A.Z.“ erzählt er: „Wir haben in Finnland nie darüber nachgedacht, dass wir glücklich sein könnten. Unser Selbstbild ist so: Wir sind eher introvertiert und melancholisch, hören gerne traurige Musik und reden nicht allzu viel über unsere Gefühle. (…) Manchmal hat man eben schlechte Tage, und manchmal passieren einem schlechte Dinge. Und wenn man das akzeptiert, wird es einfacher, sie zu verarbeiten.“

Der Philosophieprofessor an der Universität von Helsinki und Dozent für Psychologie an der Universität von Tampere bemerkte aber auch, dass viele offizielle Luxusbegriffe nicht auf ihn persönlich zutreffen: „… bestimmte Aspekte eines guten Lebens lassen sich viel leichter ins Visuelle übersetzen als andere. Von Äußerlichkeiten wie Stränden und Parties lassen sich viel bessere Fotos machen. Ein Buch zu lesen – das ist visuell einfach nicht so ansprechend wie etwa Videos vom Surfen, daneben der Strand. Das kann dazu führen, dass wir Dinge wertschätzen, die gar nicht zu uns passen (…), dass wir Glücklichsein zu oft mit materialistischen, oberflächlichen Dingen assoziieren. Wir müssen uns aber fragen: Was ist denn tatsächlich gut für mich und mein Leben? (…) Gar nicht so selten beruhen unsere Lebensentscheidungen darauf, was andere Menschen von uns erwarten, zum Beispiel unsere Eltern.“

Dafür, dass Prominenz und ein Leben an büro- oder bibliothekfernen Orten nicht glücklich machen muss, gibt es zahlreiche Beispiele. Zwei Erklärungen gibt es dafür: a) der betreffende Glückspilz könnte sein Glück gar nicht bemerkt haben oder b) er hat sich die für ihn selbst falschen Wünsche erfüllt.
Zu den frustrierstesten Individuen, die je für die Nachwelt dokumentiert wurden, gehört Klaus Kinski in einem Übersee-Telefongespräch, das unter dem angemessen albernen Titel „Gottes letztes Interview“ bis heute kursiert. Der deutsche Weltstar geiferte, hasste und haderte so haltlos vor sich hin, dass sich sein bald darauf gemeldeter Tod wie die logische Konsequenz aus diesem Zustand anfühlte.

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Nicht zu retten!

betr.: „Superhelden – Übermenschliche Kräfte und einfache Lösungen“, die aktuelle „Lange Nacht“ im Deutschlandfunk von Christian Blees

Die aktuelle „Lange Nacht“ hält im Kern zwei Informationen bereit. Beide sind nicht überraschend, aber hiermit gewissermaßen amtlich, außerdem passen sie ins Bild. A) Superhelden sind nicht länger zum Vergnügen da, sondern hauptsächlich um den allgemeinen miesepetrigen Pseudo-Diskurs mitzufüttern. B) DLF-Kulturfeatures sind nicht länger eine zuverlässig seriöse Gelegenheit, sich über eine schöne Nebensache schlau zu machen – nicht einmal dann, wenn ein so gründlicher und verdienter Altmeister wie Christian Blees vorne draufsteht.

Es beginnt schon mit der unverwüstlichen Falschbehauptung, „Superman“ sei der erste Superheld heutiger Definition gewesen. Er war lediglich der erste, der bis heute populär ist. Dass sein direkter Vorläufer „Doc Savage“ (ab 1933) – der auch sonst für die nachfolgende Popkultur von großer Wichtigkeit war – nicht einmal erwähnt wird, ist nur die erste von vielen Nach- und Auslässigkeiten.
Die Vorstellung, dass zwei Teenager in den USA der frühen 30er Jahre das Gilgamesch-Epos oder die Herkules-Sage so dufte fanden, dass sie darauf einen neuartigen Comic aufbauten, in dem sie ihren „Superman“ auftreten ließen, ist ja auch zu niedlich. Mehr noch aber begeisterten sich diese und andere Halbstarke damals für den Groschenheft-Bronzemann „Doc Savage“, so auch ein gewisser Stan Lee (Marvel Comics), der diesem ebenfalls viel verdankt. Dass den jungen Künstlern Jerry Siegel („Batman“), Jack Kirby und Joe Simon (den Vätern von „Captain America“) außerdem der Golem eine Inspiration gewesen sein mag, wurde u.a. von der Patricia–Highsmith-Biografin Joan Schenkar erläutert (um nur eine beliebige Quelle als Beispiel zu nennen). Der Golem, jenes mythische Kunstwesen aus Lehm, das der Sage nach vom Rabbi Löw geschaffen wurde, um das jüdische Volk zu schützen, hatte über einen weltberühmten Film bereits Eingang in die Popkultur gefunden – und damit in die frühe Superhelden-Comic-Szene, in der es viele jüdische Verleger, Zeichner und Szenaristen gab.
Nichts davon in der „Langen Nacht“! Stattdessen wird uns „Asterix“ als französischer Superheld angeboten und ein kurioser Kraftmensch namens „Hugo Hercules“ ausgegraben (damit es nicht heißt, i n dieser Richtung wäre gar nichts recherchiert worden).

Für eine andere Sache kann der Autor nichts, ich halte eher die Redaktion für die Übeltäterin. Und den Zeitgeist, dem sie sich verpflichtet fühlt. Das Kulturfeature in seiner klassischen Form scheint an sein Ende gekommen. So ist es z.B. nicht länger möglich, darin über etwas so Unschuldiges wie Superheldencomics – „Superheld-Innencomics“, wie es eine Gesprächspartnerin penetrant wiederholt und wiederholt – einfach als vergnügliche Sache nachzudenken, als Kunstprodukt, das zuerst unterhalten möchte. Ungehörig viel Raum nehmen all die soziologischen Implikationen ein, in denen der Gegenstand der Sendung erst zu einem hellgrauen Pulver zerrieben, dann befeuchtet und zu einer streng riechenden Pampe aus Empfindlichkeiten, Bedenken und angeblich wohlmeinenden statistischen Gewichtungen verquirlt wird. Der in der ersten Stunde als O-Ton auftretende Spezialist Wolfgang J. Fuchs († 2020) hat den gesellschaftspolitischen Aspekt in seinem Standardwerk „Comics: Anatomie eines Massenmediums“ (mit Reinhold Reitberger) noch ausgewogener gewürdigt.

Der Typus Superheld soll heute einfach nicht mehr zu viel Spaß machen. Tut er so auch nicht. Mission erfüllt!

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Lesen vom Blatt – Lange Sätze

betr.: Übung / Sprechen am Mikrofon

Clare führt mich in ihrer Liste einladbarer Leute, nicht meiner Schauspielkunst wegen und auch nicht, weil ich zufällig nebenan, auf der anderen Seite unserer veränderten, weltmüden Hecke lebe, sondern aus dem einfachen Grund, weil ich letztes Jahr unabsichtlich der Mrs. Diggots-Marksbury die Windpocken andrehte, als sie aus Versehen in meine Wohnung platzte und auf allen vieren nach echten Holzwurmlöchern in meinem gebeizten Fichtenschreibtisch suchte, bevor sie entdeckte, dass der Schreibtisch blitzneu war, frisch vom Fließband – daß sie im falschen Haus war – und daß ich ganz und gar aus rosigen Pusteln bestand.

Jane Rice in der Gruselgeschichte „Das Elixier“

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Kultfilm Azubis (12): Durch dick und drahtig

Das geflügelte Wort, nach dem es die wahre Liebe nur unter Männern gebe, wird im ersten Beitrag unseres Podcasts von zwei unvergessenen Kinoheldinnen in Frage gestellt. Danach kommt ein klassisches Comedy-Duo noch einmal darauf zurück:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/thelma-louise-der-agentenschreck

A) Thelma & Louise
Amerikanisches Road-Movie-Drama von 1991

Hausfrau Thelma und Kellnerin Louise wollen ein Wochenende ohne Männer verbringen. Als eine der beiden von einem Macho belästigt wird und die andere ihn erschießt, fliehen sie in ihrem Ford-Thunderbird-Cabrio vor dem FBI – und sind überrascht, was mit ihnen geschieht. Thelma erweist sich als Früchtchen mit einem Talent zur Anarchie. Die beiden Frauen lassen sich die Selbstachtung nicht rauben – weder von der Polizei noch von irgendeinem Kerl. Je schneller ihr Wagen Fahrt aufnimmt, desto klarer wird: sie werden den Rückwärtsgang nicht einlegen.

Ridley Scotts feministischer Western räumte gehörig mit Hollywoods gängigen Macho-Stereotypen auf. Erstmals saßen zwei Frauen am Steuer und bestimmten, wohin die Reise geht. Und während die Heldinnen ihren zivilen Ungehorsam mit dem Leben bezahlen – Hollywood bleibt Hollywood -, zieht Brad Pitt sich in einer Nebenrolle aus und wird für Jahrzehnte zum „sexiest man alive“ und einem Idol für alle Geschlechter*innen.

B) Der Agentenschreck / Artists And Models
Amerikanisches Filmmusical von 1955

Rick und Eugene, zwei Freunde seit Jugendtagen, sind ins New Yorker Künstlerviertel Greenwich Village gezogen, um ihr Glück zu machen: Rick als Maler, Eugene als Kinderbuchautor. Durch Eugenes Ungeschicklichkeit verlieren die beiden immer wieder die Jobs, die Rick an Land zieht. Eugene ist vernarrt in die Superhelden-Comics um die „Vampir-Lady“, deren Zeichnerin Abigail nebst Modell zufällig im selben Haus wohnt. Als Abigail den Job verliert, weil ihr Verleger mehr Blut in den Comics sehen will, kann Rick ihren Job ergattern. Für die Künstlerin selbst interessiert er sich aber auch. Seine Ideen klaut Rick von den irren Alpträumen seines nerdigen Mitbewohners. Das geht so lange gut, bis Eugene eine geheime Raketenformel träumt, die Rick ahnungslos in seinen Comics veröffentlicht. Die Geheimdienste beginnen ihnen nachzustellen – die inländischen und die feindlichen.

Der vom Trickfilm kommende Regisseur Frank Tashlin trifft hier erstmals mit Jerry Lewis zusammen. Inhaltlich nimmt er ein aktuelles Phänomen auf die Schippe: die eben in den USA einsetzende Comic-Zensur, die so lange Bestand haben sollte, bis sich Stan Lee in seinen Marvel-Comics erfolgreich dagegen auflehnte. Auch Shirley MacLaine und Dean Martin – später häufig gemeinsam vor der Kamera – begegnen einander zum ersten Mal. Die Partnerschaft von Martin & Lewis hingegen hatte bereits begonnen, sich aufzulösen, was bei diesem künstlerischen Höhepunkt ihrer gemeinsamen Filmarbeit zu keiner Zeit sichtbar ist. 

Nächste Woche: „Der eiskalte Engel“ und „Der Detektiv“ (1968)

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Method Acting

betr.: 87. Todestag von Konstantin Sergejewitsch Stanislawski

In seinem Erinnerungsbuch „Sein oder Spielen“, das er als Handbuch zur Filmschauspielerei zubereitet hat, widmet der Regisseur Dominik Graf dem unverwüstlichen Thema „Die Methode“ ein erfreulich umfassendes und knackiges Kapitel. Der leicht tendenziöse Unterton ist mir nicht entgangen, trifft aber den Kern der Sache.
Graf eröffnet mit der inzwischen populären Anekdote vom Set des Thrillers „Der Marathon-Mann“, in dem der legendäre Altstar der Bühne und des Hollywoodfilms Laurence Olivier dem jungen Kollegen Dustin Hoffman – er hatte drei Nächte lang nicht geschlafen und drei Tage gehungert, um einen solchen Zustand überzeugend abzubilden – den Rat gab, es doch einfach zu spielen.
Als ich mich im Rahmen meines Filmpodcasts „Kultfilm Azubis“ kürzlich mit „Der letzte Tango in Paris“ auseinanderzusetzen hatte, fand ich dort einen anderen Publikumsliebling früherer Zeiten vor, der inzwischen hauptsächlich von Foren-Insassen verehrt wird, die seine Filme gar nicht gesehen, sondern bestenfalls gegoogelt haben: Marlon Brando. Auch er trug das Method-Acting stets als eine sexy Ausrede vor sich her (das Stichwort lautet wohl „Wahrhaftigkeit“), wenn er keine Lust hatte, seinen Text zu lernen. Dass er im besagten Film einen ungepflegten, notgeilen alten Sack zu verkörpern hat, der weitgehend einvernehmlich über eine eben Volljährige herfallen darf, wird ihn schwerlich zu einem tiefen Durchdringen einer neu zu erschaffenden Kunstfigur veranlasst haben.
Hier folgt eine behutsam ergänzte Auswertung des Textes von Dominik Graf.

Ein künstlerisches System, das sich über Jahrzehnte etabliert hat, droht selbstzufrieden und sklerotisch zu werden. Es muss dann zerstört und neu erfunden werden. Der Widerstand gegen das Bestehende, das Misstrauen ist eine kreative Kraft.
Der Moskauer Regisseur Konstantin Stanislawski entwickelte gegen Ende des 19. Jahrhunderts einen revolutionären Spiel- und Inszenierungsstil, der den Schauspieler aus seiner bisherigen Verfasstheit befreite, dem statischen, kostümierten Aufsagen seines Textes. Um als „authentisch“ gelten zu dürfen, sollte sich sein Spiel am inneren Erleben orientieren, an einem lebendigen Realismus in Mimik und Sprache. So sollte er „in einem wahrhaft schöpferischen Augenblick die Rolle selbst“ werden, sich total mit der Figur und ihrer Haltung, ihrer „emotionsfieberkurve“ (Graf) identifizieren: intuitiv, nicht intellektuell und gern unter Hinzuziehung von Requisiten.

Stanislawski rette auf diese Weise die zunächst durchgefallenen Arbeiten von Anton Tschechow und ebnete ihm den Weg zum Klassikerstatus. Dennoch plagten den einflussreichen, despotisch wirkenden Theater-Revolutionär auch Selbstzweifel. Er musste sich als Kunstschaffender unter den Machthabern nach der Oktoberrevolution unauffällig verhalten und revidierte seine Theorien manches Mal. Aus Kollegenkreisen wurde ihm außerdem bald heftig widersprochen. Der 1940 im Rahmen der stalinistischen Säuberungen ermordete Regisseur Wsewolod Meyerhold ging Stanislawskis Weg der Innerlichkeit gewissermaßen wieder zurück und propagierte das Vorzeigen einstudierter Gesten und Haltungen, die Handlungen eher symbolisierten. In diese Richtung gehört auch Bertolt Brechts „Episches Theater“, eine belehren wollende Schauspieler-Revue mit Musik, deren klischeehafter Moritaten-Stil und dessen moralische Botschaften großen Erfolg beim Publikum des deutschen Sprachraums hatte. Noch nach dem Krieg hatte dieses Konzept seine leidenschaftlichen Bewunderer, verschwand in den 70er und 80er Jahren aber in einer Nische von „psychologischem und kulinarischem Effekt-Theater“. Im Osten hielt es sich bis zur Wende als tonangebend.

Stanislawskis „Methode“ schaffte durch Gastspiele in New York und durch Vermittlung russischer Exilanten den Sprung in die USA. Der Schauspieler Lee Strasberg gründete 1947 mit Elia Kazan und anderen das „Actor’s Studio“, das weniger Schule als Laboratorium für experimentelles Spiel war. Die Schauspieler coachten sich gegenseitig, entwickelten und verwarfen gemeinsam. Die Aufforderung, in sich hineinzuhorchen und aus sich zu schöpfen, führte zwangläufig dazu, das Abgründiges und Finsteres besonders gut ankam.
Bald gab es Gegen-Schulen in New York, die Stanislawski ganz anders interpretierten. Die wichtigste Figur in diesem Zusammenhang dürfte Stella Adler gewesen sein, die im heutigen Schauspieler-Smalltalk hierzulande gern zu einer Weggefährtin Strasbergs umgedeutet wird. Sie hatte noch beim alternden Großmeister in Moskau studiert und hielt Strasbergs Forderung, das Ich zu suchen, während man einen anderen spielt, für „ungesund“ bzw. schizophren. Sie bestand darauf, eher das Gegenüber als Inspiration zu nutzen, mit dem Raum und mit Entfernungen zu spielen. Als Strasberg starb, rief ihm Stella Adler den Vorwurf hinterher, das amerikanische Schauspiel um hundert Jahre zurückgeworfen zu haben.

„Realismus“ und „Wahrhaftigkeit“ sind Bergriffe, die jede Zeit (und jede Bubble) für sich neu interpretiert, sie sind „geradezu deprimierend volatil“. Das bringt uns zurück zum Anfang: „Ein künstlerisches System, das sich über Jahrzehnte etabliert hat, droht selbstzufrieden und sklerotisch zu werden. Es muss dann zerstört und neu erfunden werden. Der Widerstand gegen das Bestehende, das Misstrauen ist eine kreative Kraft.“
Zur Abrundung sei eine Bildunterschrift der Hitchcock-Analysten Harris & Lasky zitiert. Das Foto zeigt Held und Regisseur des Kolportagekrimis „Der zerrissene Vorhang“. Darunter steht: „Alfred Hitchcock erklärt seinem Star Paul Newman, wie er eine Szene Spielen soll, und Newman erklärt ihm, wie er sie spielen wird.“

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Meckern im Mäusekino – Auflösung

Auflösung des Rätsels vom 2.8.2025

1. Das Anwesen ist in gutem Zustand (siehe Punkt 3), wenn der Vorwurf der „Heruntergekommenheit“ als beiläufiger Klischee-Reflex auch naheläge.

2. Die Einordnung als „zweitklassig“ trifft es nicht. Jane ist so untalentiert und leinwanduntauglich, dass das Studio sie überhaupt nur als Ergebnis einer Erpressung beschäftigt. Mindestens einer ihrer Filme wurde nach Fertigstellung gar nicht ausgewertet.

3. Die Haushaltshilfe heißt Elvara.

4. Edwin wird nicht Zeuge von Elvaras Ermordung – dann wäre die Handlung schon weitaus früher zuende. Er flieht, nachdem er die gefesselte, halbverhungerte Blanche gesehen hat, um die Polizei zu alarmieren.

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Die schönsten Filme, die ich kenne (127): „Haus der Schatten“

betr.: 99. Geburtstag von Patricia Neal (am Freitag)

Der Schriftsteller Roald Dahl ist uns heute vor allem wegen seiner anarchischen Kinderbücher in Erinnerung, die um die Jahrtausendwende zahlreich verfilmt wurden. In den 60er und 70er Jahren schätzte man ihn hauptsächlich für seine makaberen Kurzgeschichten, einige davon explizit erotisch. Der schwarze Humor der sie durchweg kennzeichnet, wird bei uns schnell mit der Floskel „typisch britisch“ abgetan, doch Dahls Eleganz und sein kluger Hintersinn sind bis heute unerreicht. Er verfasste gelegentlich Drehbücher – zwei davon nach Vorlagen von „James Bond“-Autor Ian Fleming – und lieferte den großartigen Plot für den Spionagethriller „36 Hours“, doch seinen boshaften Dialogwitz sucht man in all diesen Filmen vergeblich. Einzig der kleine Thriller „The Night Digger“ (1971) ist lupenreiner Dahl. Die Schauspielerin Patricia Neal, mit der der Autor 30 Jahre lang verheiratet war, nimmt einigen persönlichen Kummer mit in die Rolle:  mit nur 39 Jahren erlitt sie mehrere Schlaganfälle und musste ihren Beruf noch einmal neu erlernen, ebenso das Leben selbst: gehen, reden, lächeln.

Die verhärmte Maura Prince lebt mit ihrer blinden, tyrannischen Adoptivmutter in einem verfallenden Landsitz in der englischen Provinz. Als Mutter gegen ihren Willen den jungen Vagabunden Billy als Gärtner einstellt, macht der sich schnell im Haushalt unentbehrlich. Bald entwickelt sich eine gegenseitige Abhängigkeit zwischen Maura und Billy, die in eine Romanze übergeht. Gemeinsam wollen die beiden ausbrechen: sie aus ihrem tristen Dasein zwischen Kirchengemeinde, Arbeit im Krankenhaus und der Ausbeutung durch ihre Mutter, er aus dem Sog eines noch weitaus dunkleren Geheimnisses …

Neal und der unkorrekterweise als Debütant annoncierte Nicholas Clay liefern eine feinfühlige dramatische Darstellung, die wunderbar mit dem skurrilen Ensemble interagiert, das sie umgibt. Die treffend besetzten Kleinbürger (die ihr Glück kaum fassen können, als es eine Mordserie gibt, über die sie sich das Maul zerreißen können) scheinen der TV-Serie „Roald Dahl’s Tales Of The Unexpected“ (1979) entstiegen zu sein, die mit niedrigstem Budget und prominenten Gaststars großen Erfolg hatte.
Dahls Geschichten werden gern in „phantastische“ Anthologien aufgenommen, doch es gibt in ihnen niemals Science-Fiction und so gut wie keinen klassischen Grusel. Neben ihrer Tücke ist es vor allem eine besondere Angewohnheit des Erzählers, die Paranoia erzeugt: das abrupte Ende vieler Geschichten (ein Stilmittel, das in der TV-Serie geglättet wurde). Auch „The Night Digger“ hat im Finale immer weniger, zuletzt gar keinen Dialog mehr, der etwas erklären oder uns trösten könnte.

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Wohnwelten (11): Zimmer ohne Springbrunnen

In „Der Zimmerspringbrunnen“ von Jens Sparschuh* erweist sich der Erzähler als ein Mensch, der sich in Alt- und Neubau gleichermaßen nicht zu Hause fühlt.

… zum 1.1. sollte wieder die Miete erhöht werden. Mein letztes Rückzugsgebiet, die Wohnung war also in Gefahr. „Dein Feuchtraum-Biotop“, wie Julia es immer nannte. (…) nach über drei Jahren erzwungenen Hausmannsdaseins wurde das Leben in den eigenen vier Wänden für mich zum täglichen Überlebenstraining. Seit ich regelmäßig auch tagsüber zu Hause saß, merkte ich: Neubauwohnungen sind nichts anderes als Zellentrakte. Dann wieder (…) kam mir die Wohnung wie ein Tier vor. Das aufgeklappte Maul der Tür und hinein ins dunkle Innere. Der lange Flur: die Speiseröhre, die dich verschlingt. Fenster: trübe Augen, die den Blick nach draußen kaum freigeben. Die Rohre sind Adern, Därme die Abflussrohre, ingrimmig glucksend. Unterm dünnen Putz im mürben Fleisch der Betonwand, das flimmernde Nervengeäst: die elektrischen Leitungen.
Um im Bild zu bleiben: mein kleiner Hobbyraum wäre demnach das geistige Schaltzentrum, das Hirn der Wohnung gewesen. Und so war es auch. Sobald ich nämlich den Hobbyraum verließ, mich vielleicht ein bisschen hinlegte, zum Fenster schaute, hatte ich das Gefühl, ich würde allmählich verdaut werden.
Dabei – ich kann mich noch daran erinnern, wie froh wir damals waren, als wir endlich diese Neubauwohnung bekamen, nach Jahren unseligen Angedenkens in einem Mietshaus am Rande des Prenzlauer Bergs. Am Rande des Wahnsinns.
Dieses Mietshaus. Von außen betrachtet, alles in allem, konnte man ja meinen, alles in allem eine ganz passable Bruchbude. Warum nicht? Sogar mit einer Rosette über der Toreinfahrt, noch vom Krieg zerschossen. Überhaupt, die Fassade sah aus, als wäre ‘45 der Krieg vor allem um dieses Haus geführt worden. Aber immerhin zwei Zimmer, Küche und – Luxus – sogar ein schlauchartiges, immer eiskaltes Bad. Zimmer nach Norden. Wenn die Sonne schien, sah man das in den Nachrichten oder an den Schatten der Tauben auf der Hauswand gegenüber. Doch das sahen wir erst später. Dafür als Mittelwohnung von allen Seiten schön eingebaut. Sicher schön warm im Winter, dachten wir. Sicher. Aber auch schön laut, im Frühling, im Sommer, im Herbst und im Winter.
Ich erinnere mich noch an den ersten Abend. Ich dachte mir, wenn erst mal die Teppiche liegen, dann wird sich das schon geben, die Stimmen, die Musik … Es musste ja. Schließlich waren wir, wie es wohnungsamtlich hieß „endversorgt“. (…)
Im Halbschlaf kreisten damals meine Gedanken um eine Maschine, die so konstruiert sein müsste, dass sie auf jedes ankommende Geräusch ein adäquates Gegengeräusch aussenden würde, so dass infolge der Überlagerung der Schallwellen absolute Stille entstünde.
Lange, lange her. Und ich hatte es schon fast vergessen. Die Erinnerung daran kam erst wieder, als die endlosen Tage begannen, die ich von morgens bis abends in unserer Neubauwohnung absaß, ich immer wieder die Mieterhöhungsbescheide las und ich mir vorzustellen begann, wie das wäre, eines Tages wieder (…) zurück in die Bruchbude zu müssen.
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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2020/05/14/der-zimmerspringbrunnen-hoerspiel-nach-jens-sparschuh-13/

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Silentium!

betr.: 2. Todestag von Carl Davis

Stummfilmmusik ist ein Orchideenthema, für das sich kein Schwein zuständig fühlt, eine Nische innerhalb der Nische Filmmusik, die ihrerseits in den Zeiten von Hans Zimmer als einzig wahrgenommener Alternative zu John Williams ohnehin komplett auf den Hund gekommen ist. Ein Glück, dass das der Carl Davis nicht mehr erleben muss, würde ich sagen, wenn er’s nicht doch miterlebt hätte – bis vor genau zwei Jahren.
Davis war ein Alleskönner – unter anderem auch ein toller Bearbeiter („Topsy Turvy“ nach Gilbert & Sullivan) bzw. Komponist von Tonfilm-, Dokumentarfilm- und TV-Serienmusik. Aber dem Stummfilm widmete er nun eben seine besondere Hingabe. Er versah nicht nur Klassiker wie den stummen „Ben Hur“ oder „Show People“ von King Vidor, sondern auch zahlreiche Werke von Buster Keaton nachträglich mit sinfonischen Partituren. Von Charles Chaplin übernahm Davis stillschweigend die Regel, dass Stummfilmmusik nie illustrierend sein darf wie es Soundtracks üblicherweise dürfen (nicht müssen). Sie „liegt drunter“ und ist strukturell der Salonmusik ähnlicher als dem Underscoring. Das von Erich Wolfgang Korngold im frühen Tonfilm so meisterlich gepflegte (und später von Dritten so genannte) „Mickymousing“ – zu stummen Szenen funktioniert es nicht. Jeremy Brock – heute vielleicht der beste Nachfolger von Mr. Davis auf diesem Gebiet – hält sich auch daran, und der begnadete Schweizer Meister der Archivmusik Fred Stittmatter („Väter der Klamotte“) tat es schon vor 60 Jahren.

1936 in Brooklyn geboren, begann Carl Davis seine musikalische Ausbildung mit sieben Jahren. (Etwa um diese Zeit legte Chaplin übrigens mit „Goldrausch“ seine erste nachgereichte Filmmusik für einen eigenen Klassiker vor.) Mit neun Jahren  konnte der kleine Carl bereits Partituren lesen, mit 18 begleitete er den in den USA immens beliebten „Robert Shaw Chorale“ am Klavier und auf seinen Tourneen. Er wollte bald auch komponieren und studierte zwei Jahre unter Paul Nordoff am Bard College im Staate New York. Nach einem Gastspiel beim Königlich Dänischen Ballett in Kopenhagen zog es ihn nach England, das seine Wahlheimat wurde. Am Beginn seines Werkverzeichnisses steht mit „That Was The Week That Was“ eine historische Satiresendung.
Nach einer regulären Zusammenarbeit dem Regisseur Jack Gold, die dessen bekannteste Arbeiten kurioserweise ausließ, brachte Davis der Zufall mit seinem Lebensthema zusammen. Die TV-Dokumentarreihe „Hollywood: A Celebration of the American Silent Film“ kam 1980 heraus, und Davis schrieb die Musik dazu. In jenen Tagen betraute ihn die BBC mit der Neuvertonung des soeben von Kevin Brownlow rekonstruierten Monumentalschinkens „Napoleon“ von Abel Gance. Eine Reihe von Stummfilm-Rekonstruktionen und -Live-Präsentationen setzte ein, und Davis erwies sich des Segens, den ihm dieser fulminante Start mitgegeben hatte, dauerhaft als würdig und gewachsen. Er brachte es auf 60 solcher Projekte, viele davon in Zusammenarbeit mit Kevin Brownlow.

Ganz besonderes Vergnügen habe ich persönlich mit seiner Musik für Buster Keatons „Our Hospitality“ (1924 / 1984) und für den bereits erwähnten „Show People“ (1928 / 1982), in dem sich der niedergehende Stummfilm noch einmal in Hochform präsentiert und zum Abschied selbst auf die Schippe nimmt. (Beide Davis-Filmmusiken haben übrigens keine Veröffentlichung auf Tonträger erfahren, viele andere schon.)

Außerdem machte sich Carl Davis als Konzertdirigent in England und Deutschland nützlich und produzierte Alben mit Shirley Bassey, Marilyn Horne und Kiri Te Kanawa. Anlässlich des 150. Jahrestages der Gründung des „Royal Liverpool Philharmonic Orchestra“ schrieb er zusammen mit Paul McCartney das 1991 auf dem Album „Paul McCartney’s Liverpool Oratorio“ veröffentlichte Oratorium zu Ehren dieser Stadt. Von 1993 bis 2001 hatte Davis dem Orchester als künstlerischer Direktor und Dirigent der „Summer Pops Season“ vorgestanden.

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