Camgirls

In den späten 90er Jahren, bevor es Likes und Follower gab, zeigten sogenannte Camgirls ihr Leben im Netz. Im Laufe der Zeit sollten sie Intimität, Öffentlichkeit und Gemeinschaft im Internet neu definieren.
Webcams galten der Presse als bahnbrechende Technologie, und deren meist männliche Erfinder und Investoren als Internetpioniere. Die erfolgreichsten Personen vor der Kamera waren hingegen Frauen oder schwule Männer. Sie wurden nicht als Pioniere angesehen, sondern eher als Boten besorgniserregender sozialer Tendenzen. Ihren Anblick verband man mit der Angst vor wachsendem Narzissmus und einer neuen Kultur der Überwachung. Wer davon fasziniert war, dem gefiel die Illusion von Nähe.
Webcamming war zunächst nur ein Experiment, dafür sorgte schon das damalige, sehr begrenzte Bandbreiten-Angebot. „Streaming“ bedeutete, alle paar Minuten ein neues Standbild zu präsentieren. Die Camgirls waren die ersten, die ausprobierten, was es heißt online zu sein.
1996 ließ Jennifer Ringley als „Jennicam“ die Welt erstmals rund um die Uhr an ihrem Leben teilhaben und schrieb damit Internetgeschichte.

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Schlafen ohne zu wandeln

betr.: Buch und Hörbuch „Die Schlafenden“ von Anthony Passeron

1981 taucht eine Lungenkrankheit in den USA und Frankreich wieder auf, die als ausgerottet galt. Alle Erkrankten sind homosexuell. Als sich andere Syndrome dazugesellen, z.B. ein seltener Hautkrebs, spricht man bei der auslösenden Immunschwäche von GRID (Gay Related Immune Disease) bzw. „Schwulenkrebs“. Später bekommt die Krankheit einen offiziellen Namen: AIDS. Die Familiengeschichte des Erzählers wird sich mit diesen Ereignissen kreuzen: 1983 bricht Desiré aus der Metzgerei seiner Eltern und dem erstickenden Mief seines kleinen südfranzösischen Dorfes in die weite Welt auf. Er ist der Intellektuelle und verhätschelte Erstgeborene der Familie, während sein Bruder Émile – der Vater des Erzählers – von klein auf das Metzgerhandwerk lernen muss. Als Desiré zu seiner Familie zurückkehrt, ist er heroinabhängig. Und unheilbar krank …

Der Titel „Die Schlafenden“ bezieht sich auf die AIDS-Krise, von der der Roman mit dokumentarischer Präzision erzählt. Doch er verhandelt ebenso fesselnd die Befindlichkeiten, Konflikte und Perspektiven seiner Figuren. Die hat der Autor dem Schweigen seiner Familie entreißen müssen, denn sein leichtlebiger Onkel, der früh verstorbene Desiré, hat nicht nur die in ihn gesetzten Hoffnungen enttäuscht, sondern auch die geltenden provinziellen Moralbegriffe verraten.

Einen eigenen Stil hat Anthony Passeron leider nicht, doch „Die Schlafenden“ ist ein großartiger Text. Die Lesung von Valentin Richter (Regie: Ulrich Lampen) steht in der ARD Audiothek und ist lediglich passabel, aber aus inhaltlichen Gründen ein dringender Hörtipp.

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Ghosting

Als ich klein war, las ich einen Eintrag ins Poesiealbum, den meine Mutter einst von ihrem Bruder, meinem Onkel Pauli, erhalten hatte. Da stand sinngemäß: „Eine Freundschaft, die zerbricht, hat nie bestanden. Auch nicht, als sie zu bestehen schien.“
Ich fand diese Ansage (sicherlich ein kluges, altes Zitat) sehr beeindruckend und hoffte, sie möge nicht wahr sein. Bis heute bin ich mir da nicht ganz sicher. Aber in Zeiten, in denen dem „Ghosting“ schon ein eigener Anglizismus zuerkannt wird, sollte man da vielleicht nicht so streng sein. Das wortlose Abtauchen aus einer Verbindung / Beziehung / Freundschaft / Bekanntschaft war schließlich noch nie so leicht wie in unserer Ära der sozialen Medien.
Eine andere Beobachtung habe ich jedoch gemacht, die ich heute (gut formuliert) ins Poesiealbum schreiben würde, wenn es dergleichen noch gäbe: Wer ghostet, der ist nicht umzustimmen. Das klärende Gespräch, das sich viele Sitzengelassene zum Abschied wünschen, wäre reine Zeitverschwendung. Es würde sich richtiger anfühlen, aber es würde nichts ändern. Um ist um.

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Den sollte man aber …

betr.: 43. Geburtstag von Clemens J. Setz (gestern)

In seiner Kindheit und Jugend spielte das geschriebene Wort kaum eine Rolle, aber weil er vom Computerspielen Migräne bekam, wendete sich Clemens J. Setz als Teenager dann doch dem Lesen und in der Folge auch dem Schreiben zu – und er hat bis heute mit beidem nicht mehr aufgehört.
Als Autor ist Clemens J. Setz in den unterschiedlichsten Genres zu Hause, er schreibt Romane, Erzählungen und Nacherzählungen, Theaterstücke, Gedichte und Kinderbücher und sammelt damit Auszeichnungen wie andere Briefmarken – etwa den Berliner Literaturpreis, den Österreichischen Literaturpreis oder den Georg-Büchner-Preis. Außerdem publiziert er auch digital, ist also die Art von Schriftsteller, die auch zwischen ihren Buchpublikationen öffentlich am gesellschaftlichen Leben teilnimmt und die Marcel Reich-Ranicki zuletzt so sehr vermisste. (Es ist überhaupt ein Elend, dass der „Kritikerpapst“ diesen Autor nicht mehr erlebt hat. was gäbe ich darum, könnte ich einem „Literarischen Quartett“ unter seiner Leitung zu einem von Setz‘ Büchern beiwohnen …)

Die Themen, die Clemens J. Setz beschäftigen, sind vielfältig und sehr speziell. Das Spektrum reicht von UFOs und Verschwörungstheorien über Plansprachen bis zur Twitterpoesie. Sein neuestes Werk, der für seine Verhältnisse schmale Band „Das Buch zum Film“, ist zutiefst persönlich: Clemens J. Setz hat dafür Aufzeichnungen aus den Jahren 2000 bis 2010 ausgewählt und neu zusammengestellt, aus einem Jahrzehnt, in dem „aus dem Schüler ein unterforderter Student, ein überforderter Zivildiener (…) und endlich ein gefeierter Schriftsteller wird“, wie es im Klappentext heißt.
Das Adjektiv „gefeiert“ bedarf übrigens einer Verfeinerung: das Publikum schätzt ihn bei weitem nicht so sehr wie die Fachpresse und die Jurys großer Literaturpreise. In diesem Fall liegt das Versäumnis bei ersteren.

Was Klänge betrifft, hat Setz eine ganz besondere Wahrnehmung: Bei ihm lösen schon Alltagsgeräusche körperliche Empfindungen und Farbwahrnehmung aus. Musik spielt in seinem Leben eine tragende Rolle, nicht nur als Hobby-Jazzpianist und Obertonsänger, sondern vor allem auch in der Musikalität seiner Sprache. Davon berichtet eine Sendung des ORF-Kultursenders Ö1, die sich hier noch ein Weilchen nachhören lässt:

https://oe1.orf.at/player/20251115/813561
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„Das Buch zum Film“ nennt sich ein Band mit Tagebuchnotizen von Clemens Setz aus den Jahren 2000 bis 2010. Der damals jugendliche noch nicht-Schriftsteller aus Graz erweist sich darin allerdings bereits als der kommende Autor, der in seinen Büchern all das Wundersame, das Abartige, das aus der Norm Schlagende zu einer ganz eigensinnigen Prosa verdichten wird. Neben Beobachtungen kleiner, scheinbar unbedeutender Dinge, lässt Setz eine traumatische Kindheit anklingen, erzählt von einer Beziehung mit einer psychisch kranken Frau und weist dem scheinbar Sinnlosen einen ganz eigenen Sinn zu.

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Romantischer Rassismus

„Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher Stowe zählt zu den meistverkauften Büchern des 19. Jahrhunderts. Der Roman von 1852 ist ein Meilenstein im Kampf gegen die Sklaverei. Doch die rassistischen Vorurteile, die das Buch und seine zahlreichen Adaptionen thematisieren, wurden auch darin bewahrt. Das führte dazu, dass der Begriff „Onkel Tom“ seit der MalcomX-Bewegung zu einer der schlimmsten Beleidigungen unter Afroamerikanern wurde. Dieser in der Weltliteratur einmalige Sonderfall sitzt zwischen Stühlen des heutigen Diskurses, der in seinem Bestreben, rassistische Inhalte zu bannen und zu vermeiden, auch die sachliche Auseinandersetzung damit oftmals verhindert, weil er viele Kunstwerke pauschal mit-verfemt, die sich in früheren Zeiten damit auseinandergesetzt haben.   
„Beim romantischen Rassismus mag jemand Verständnis und Sympathie für eine schwarze Figur haben“, erklärt der Schriftsteller Clint Smith. „Er oder sie verfällt dennoch in gewisse Klischees, Stereotypen und Zerrbilder, die unser Bild von dieser Figur erheblich einschränken. Und er oder sie führt diese auch noch weiter. Das findet man oft in Stowes Erzählung.“

Walt Disneys musikalische Südstaaten-Geschichte „Song Of The South“ („Onkel Remus‘ Wunderland“, 1946) ist gegenwärtig im Giftschrank verschwunden. Nur der Oscar-gekrönte Song daraus „Zip-A-Dee-Doo-Dah“ ist manchmal anzutreffen, außerdem die gefeierte (und moralisch untadelige) Trickfilmsequenz mit dem Hasen B’rer Rabbitt und dem trotteligen Bären B’rer Bear.

In diesem Sinne wurden auch weite Teile vom Werk des einstigen Broadway-Stars Al Jolson in Bann geschlagen, der heute aber ohnehin vergessen wäre. Auf vielen Fotos sieht man ihn mit Blackface, dem traditionellen Make-Up der Minstrel Shows, auf die er sich in seiner Arbeit gern bezog. Diese Maskierung trug er auch 1927 im legendären „ersten amerikanischen Tonfilm“ „The Jazz Singer“. In weiteren Filmen und in sogenannten Shorts spielte und sang er sogenannte „Plantation Acts“, die – durchaus von künstlerischem Wert – dem heutigen Publikum nicht mehr zu vermitteln sind. Jolson stand politisch auf der Seite der schwarzen Bevölkerung, doch das interessiert in diesem Zusammenhang nicht.

Al Jolson mit Publikum: „Going To Heaven On A Mule“ 1934 in „Wonder Bar“ („Eine Nacht in Paris“).

Manche Kunstwerke sind derart populär, dass sie sich selbst mit solch harten Bandagen nicht völlig unterdrücken lassen. Neben Beecher Stowes Romanklassiker gilt das besonders für den Filmklassiker „Vom Winde verweht“. Während es heute vielen als freigeistig gilt, ihn als rassistisches Machwerk abzutun, spricht einiges dafür, dass er den Rassismus der damaligen Zeit widerspiegelt, ohne ihn zu verherrlichen. Eine solche Schilderung lässt sich nun einmal nicht ohne die Abbildung des behandelten Problems erreichen. 

Smith führt weiter aus: „Nur weil jemand Abolitionist war, glaubte er nicht zwingend an die Gleichheit der Schwarzen. Das sind zwei grundverschiedene Dinge.“ – und meint damit auch die Autorin Harriet Beecher Stowe.
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* Siehe auch https://www.arte.tv/de/videos/115037-000-A/onkel-toms-huette-vom-helden-zum-verraeter/  – Verfügbar bis zum 10/05/2026

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Kultfilm Azubis TV-Special Nr. 4: Spuk aus der Vergangenheit

… mit dem Gast Dieter Landuris und einem Vorgeschmack auf die Interview-Serie „Deponia And Beyond“ mit dem Computerspiel-Macher Poki

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/star-trek-mit-stahlhelm-und-andere-gespenstergeschichten

A) Schablonen der Gewalt / Patterns Of Force
Eine Folge der Serie „Raumschiff Enterprise“ vom 16.2.1968

Im Orbit von Ekos wird die Enterprise mit einer Atomrakete beschossen, obwohl die Bevölkerung nicht über eine solche Technologie verfügen dürfte. Auf dem Planeten nach dem Rechten sehend, stellen Kirk und Spock fest, dass John Gill, ehemals Lehrer an der Starfleet Academy, unter Drogen gesetzt, ein Regime nach dem Vorbild des Nationalsozialismus errichtet hat. Kirk und Spock schließen sich der Untergrundbewegung des Nachbarplaneten Seon an, um das soziale Experiment zu beenden …

Dies ist die zweite Folge der klassischen „Star Trek“-Serie mit besonderem Ruhm – diesmal ist es ein trauriger. Die Geschichte ist nicht neu, sie variiert die Grundidee von „Epigonen“, der Chicago-Gangster-Folge, hat aber ein solideres Drehbuch als etwa „Spocks Gehirn“. „Die Nazi-Folge“, wie sie gemeinhin genannt wird, wurde dem deutschen Publikum aus einem anderen Grund längstmöglich vorenthalten: wegen der flapsigen Behandlung ihres historischen Themas. Auch als das Privatfernsehen in den 80er Jahren die fehlenden Episoden der ZDF-Erstauswertung nachreichte, fehlte „Patterns Of Force“. Jahrzehntelang kannte das hiesige Publikum nur einen einzigen Satz daraus, den Spock zu Kirk sagt, als beide sich zur Tarnung verkleiden: „Sie geben einen sehr überzeugenden Nazi ab“. Heute nochmals betrachtet, duften die Szenen mit dem Kamerateam ein wenig nach „Inglorious Basterds“.

B) Ferngespräch für Miss Keene / Night Call
Episode aus der letzten Staffel der „Twilight Zone“ von 1964

Die invalide, auf dem Land lebende Elva Keene erhält seit einer Gewitternacht immer wieder gruselige Telefonanrufe: eine sieche, klagende Männerstimme, die sich nur schwer artikulieren kann, bittet sie, sich mit ihr zu unterhalten. Die Pflegerin der einsamen alten Lady glaubt an einen technischen Defekt und mahnt zur Gelassenheit. Doch die Anrufe hören nicht auf.
Tatsächlich löst die Störungsstelle den technischen Teil des Rätsels. Bei einem Besuch des Friedhofs lüftet Miss Keene den übernatürlichen: die Nachrichten kommen von ihrem verblichenen Verlobten. Glücklich, dass ihr der junge Mann nach so vielen Jahren vergeben hat, dass sie ihn mit ihrem Fahrstil ins Grab (und sich selbst in den Rollstuhl) beförderte, kehrt Miss Keene nach Hause zurück, um den nächsten Anruf zu erwarten. Doch sie hat sich verrechnet …

Der geniale Richard Matheson war einer der Stamm-Autoren für die klassische Mystery-Serie „The Twilight Zone“ von Rod Serling. Regie führte hier ausnahmsweise Jacques Tourneur, der die Filmklassiker „Katzenmenschen“ und „Ich folgte einem Zombie“ verantwortet hatte. Unerklärlicherweise zählt diese großartige Parabel zu den vergessenen Episoden der Serie.

Und eine Vorschau auf:
„Deponia And Beyond“ – Ein langes Gespräch mit dem Game-Creator Poki

Wenn alles rechtzeitig fertig wird, wird der ST. GEORGE HERALD im Dezember damit beginnen, ein langes Interview mit dem spannendsten Game-Creator Deutschlands zu präsentieren: Jan Müller-Michaelis, heute Jan Baumann, alias Poki Pokinsson, ein bis heute weitgehend unbefragter Künstler. Wir kennen uns von der Arbeit an „Deponia“, einem noch immer populären vierteiligen Point-And-Click-Adventure. Aus unserem 16-Stunden-Interview wird eine Serie entstehen, die chronologisch durch Pokis Leben und Werk hindurchflaniert. Über alle von ihm verantworteten Spiele wird zu sprechen sein, nebenbei auch über die Geschichte der Computerspiele in Deutschland, das lineare Erzählen in einem virtuellen Medium, die Arbeit im Tonstudio und vieles mehr.
Was hat das mit uns Kultfilm-Interessierten zu tun?, werden sich und mich jetzt die Kultfilm-Interessierten fragen. Da Poki ein multimedial inspirierter Künstler ist, gibt es mit dem Thema Film wie mit der Popkultur insgesamt zahlreiche Berührungen. Einmal bekam der Meister es sogar höchstpersönlich mit dem Ensemble einer deutschen Komödie zu tun. In der 9. Folge unserer Reihe wird er von Til Schweigers „1½ Ritter – Auf der Suche nach der hinreißenden Herzelinde“ berichten – und in einem ersten Ausschnitt in der heutigen Folge unseres Podcasts.

In der nächsten Woche: der Trash-Klassiker „Show Girls“ und das intelligente Gegenstück „Blue Jasmine“.

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Arnie bleibt zu Hause

The Running Man
Science-Fiction-Thriller von Edgar Wright

Der Film

Gejagt von Profikillern müssen Teilnehmer einer live übertragenen Realityshow 30 Tage überleben, mit jedem Tag erhöht sich der Gewinn. Der Arbeiter Ben Richards (Glen Powell), lässt sich darauf ein, um die Behandlung seiner kranken Tochter finanzieren zu können. Seine Frau Sheila sah sich deshalb bereits zur Prostitution gezwungen. Die Jagd beginnt – verfolgt von einem blutrünstigen Publikum und dem Produzenten Dan Killian (Josh Brolin). Unterstützung erhält Ben vom Rebellen Bradley Throckmorton, sieht sich jedoch gezwungen, auf seiner Flucht die Zivilistin Amelia als Geisel zu nehmen.

Der deutsche Fernseh-Autor Wolfgang Menge spielte diesen Plot bereits 1970 mit seiner aufsehenerregenden Satire „Das Millionenspiel“ durch – mit Dieter Hallervorden als einem der Killer. Doch als Vorlage für den Film dient der Roman „The Running Man“, den Stephen King 1982 unter Pseudonym veröffentlichte. Auch mit der Erinnerung an die sehr freie Verfilmung mit Arnold Schwarzenegger 5 Jahre später muss der Film umgehen. King verlegte die Handlung auf das Jahr 2025 und erlebt in diesem Jahr schon die vierte Verfilmung eines seiner Werke.

Die Kritik

Der Beginn der 2000er Jahre war eine große Sache für die Menschheit. Die ganze Welt fürchtete sich vor den Millennium-Bug, also dem weltweiten Zusammenbruch aller Computersysteme, die mit der Änderung der ersten Ziffern der Jahreszahl von 19 in 20 nicht zurechtkommen würden. Bekanntlich ist es so schlimm nicht gekommen. Doch etwas anderes brach zusammen: unsere Idee von der Zukunft. Ein Kolumnist schrieb: „Jetzt sind wir alle Science-Fiction“. Und siehe da: die Menschheit sei genauso doof wie vorher.
Seither hat es die Science-Fiction-Gemeinde – ebenso wie die kreativen Köpfe – zunehmend schwer mit dystopischen Stadtlandschaften und Alltagsschilderungen. Sie sind von unserer Realität nicht mehr zu unterscheiden. Schon die großen Zukunftsdaten der Filmgeschichte – 2001, 2010 etc. – sind vielfach von uns überholt worden.
Der Film „The Running Man“ legt sich – im Gegensatz zur Romanvorlage – denn auch gar nicht fest, wann er genau spielt. Sein Alltagsdesign lehnt sich an den Look solcher Schwarzenegger-Vehikel wie „Terminator 2“ oder „Total Recall“ an. Arnie selbst verzichtet übrigens auf den obligatorischen Gastauftritt, taucht aber als Foto mehrmals auf und lebt auch in den enormen Muskelpaketen des Hauptdarstellers weiter. Ganz in diesem Sinne gibt es eine Vortitelsequenz und einen richtigen Vorspann, wie früher. Doch während Schwarzenegger ein Scherzbold war, der immer achtgab, dass wir mit einem guten Gefühl aus seinen Filmen herauskamen, wird uns heute kein mieser Realitätsbezug erspart. Niemals entrinnen wir dieser untergehenden Welt aus Digital-Terror, Fake-News, Deepfakes und einem zerstörten Gemeinwesen, vor der wir im Kino doch eigentlich für eine Filmlänge Schutz suchen. An Glenn Powell hätte es nicht gelegen, er hält eine erstaunliche Balance zwischen zornigem Draufhauen und einem Augenzwinkern, das zuweilen an Bruce Willis erinnert. (Jetzt aber Schluss mit der Nostalgie!)

Der Film startet als bemerkenswert solides und gradliniges Popcorn-Kino. Die unvermeidliche Motivationserzählung mit Richards‘ krankem Kind, für das er dies alles auf sich nimmt, wird knappgehalten, und die Casting-Szenen in dem zur Knochenmühle ausgebauten TV-Konzern sind eindringlich erzählt. Was nicht recht hineinpasst in einen futuristischen Entwurf – etwa, dass sich der Held in einer derartigen Totalüberwachung überhaupt in einem Hotel verstecken könnte oder dass plötzlich wieder alle Welt Bock auf lineares Fernsehen hat – wird mit gut erzählter Action weggewedelt. Die Helfer, die dem Gejagten beispringen, sind nicht die üblichen Unschuldslämmer und werden nicht ausnahmslos später umgebracht (das ist beachtlich). Der Ober-Bösewicht, der ruchlose TV-Produzent Dan Killian, wird von Josh Brolin recht elegant performt. Vor 15 Jahren hätte diese Rolle sicherlich Willem Dafoe gespielt. Als eine Art öliger Hilfsteufel fungiert der Moderator der Show, Colman Domingo als „Bobby T“. In Wolfgang Menges „Millionenspiel“ hatte der weitaus gruseligere Dieter Thomas Heck den Part inne – mit exakt dem gleichen Charme, den er in der „ZDF-Hitparade“ verströmte. Domingo orientiert sich an dem legendär coolen Entertainer Cab Calloway, der vor einem Jahrhundert ein Star war und der seine Magie in dem Kultfilm „The Blues Brothers“ für künftige Generationen konservieren konnte. 

Die Geschichte nimmt Fahrt auf, und die Zeit reicht gerade, um sich in dem Gefühl zu wiegen, in einem unbeschwerten Action-Kracher alter Schule zu sitzen. Aber dann kommt der dritte Akt, und der ist bekanntlich der schwerste. Der Film verstrickt sich in chaotischen Miesigkeiten und findet kein Ende, ein finsteres Alternativ-Finale reiht sich an das andere. Die versöhnliche Szene im Supermarkt wäre ein wundervoller Schluss gewesen. Aber erstens hätte man dann einiges wegschmeißen müssen (früher wäre es in den Bonus-Teil der DVD verschoben worden, aber das ist heute noch überholter als lineares Fernsehen), zweitens muss heute nach einer unerfindlichen Regel jeder Film Überlänge haben (wenigstens ein bisschen), und drittens hätte sich doch sicher jemand gefunden, der dieses Ende als zu happy, als kitschig gebrandmarkt hätte. Es hätte auch dem Versuch im Wege gestanden, den Film (siehe oben) künstlich mit Relevanz aufzuladen. Das kann in diesem Genre nicht mehr funktionieren, es funktioniert nicht. „The Running Man“ ist nicht einmal eine leidliche Mediensatire.

Das Gespräch dazu steht hier: https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/the-running-man-die-aktuelle-kritik

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Wie sieht ein Flaschenteufel aus?

betr.: 175. Geburtstag von Robert Louis Stevenson (morgen)

„Sei so gut, und lass mich den Kobold sehen! Und danach – hier, sieh das Geld in meiner Hand! – will ich dir die Flasche bezahlen!“
„Ich bin nur um eines bange“, sagte Keawe. „Wenn nämlich der Kobold sehr gruselig ist und du ihn gesehen hast, willst du vielleicht die Flasche gar nicht mehr haben.“
„Ich habe noch immer mein Wort gehalten“, entgegnete Lopaka. „Und hier lege ich das Geld mitten zwischen uns hin.“
„Nun gut. Ich bin selber neugierig. – Kommt heraus, Herr Kobold, und lasst euch einmal sehen.“
Und kaum war das ausgesprochen, so fuhr der Kobold zur Flasche heraus, und schnell wie eine Eidechse war er auch wieder drin.
Keawe und Lopaka waren wie versteinert.
Als sie die Sprache wiederfanden, war bereits fällige Nacht hereingebrochen. Dann schob Lopaka schweigend das Geld hin und nahm die Flasche.


Diese Textstelle, die den Leser so aufreizend anschmiert, stammt aus einer insgesamt großartigen Novelle namens „Der Flaschenteufel“ („The Bottle Imp“, 1891). Der mdr hat sie als kurzes Hörbuch in die ARD-Audiothek eingepflegt. Es sind 12 Monate Zeit, sich dieses Vergnügen zu gönnen.

Die Handlung: Der junge Hawaiianer Keawe, erwirbt eine mysteriöse Flasche, die ihrem Besitzer jeden Wunsch erfüllt, ein Leben lang. Wer sie jedoch noch im Augenblick seines Todes besitzt, wird im ewigen Höllenfeuer schmoren (was vor 150 Jahren eine einschüchternde Aussicht war und heute noch als Metapher gut funktioniert). Das hübsche Gefäß ist unzerstörbar, und um es wieder loszuwerden, muss man es verkaufen. Und zwar billiger, als man es erworben hat, sonst kehrt es wieder zu seinem Besitzer zurück. Außerdem muss man dem Käufer vorher alle Bedingungen offenbaren …

Der Autor mit seinem „Clan“ auf Opulu. (Foto: ARD Audiothek)

Die großartige Lesung stammt von 1966, also aus der künstlerischen Phase von Achim Gertz, der später NDR-Chefsprecher in Hannover wurde und noch viele Jahre lang als Anmoderator der von Hanjo Kesting eingerichteten Klassikerlesung „Am Abend vorgelesen“ als ungenanntes Stimm-Gespenst zu erleben war. Ausgerechnet im Rahmen der ARD-Sparmaßnahmen wurde dieses kostbare, ohnehin aus dem Archiv bespielte Format, zu dessen Haupt-Interpreten der große Gert Westphal zählte, vor zwei Jahren geschlachtet. Damit verstummte auch Achim Gertz.

„Der Flaschenteufel“ stammt von Robert Louis Stevenson, einem unerhört zeitgenössischen Klassiker, der von uns auf zwei Werke reduziert wird: das Popkulturphänomen „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ und die zum Kinderbuch zusammengepresste Abenteuergeschichte „Die Schatzinsel“.
Zur Entstehung des „Flaschenteufels“ steht im ARD-Text: „Stevenson schrieb diese Novelle auf der Samoa-Insel Upolu, wo er mit Frau und Kindern von 1890 bis zu seinem Tod 1894 lebte. Er starb mit 44 Jahren an Tuberkulose. Stevenson, der immer viel gereist war, betrieb auf Upolu eine Plantage – und war dort schriftstellerisch sehr produktiv. Seine zwölf samoanischen Diener nahm er wie Familienangehörige in den ‚Stevenson-Clan‘ auf. Die Inselbewohner gaben ihm den Namen Tusitala: der Geschichtenerzähler. Stevenson versuchte, in dem dortigen Konflikt zwischen den Inselbewohnern und den europäischen Vertretern zu vermitteln, letztere empfand er als inkompetent. Er verfasste dazu den Essay: ‚Eine Fußnote zur Geschichte – Acht Jahre Unruhen auf Samoa‘. Stevenson unterstützte u. a. den samoanischen Oberhäuptling Mataafa, der sich im Konflikt mit seinem Rivalen Laupepa befand. Das britische Foreign Office empfahl Stevenson daraufhin, sich auf das Schreiben zu konzentrieren, was er ignorierte. Nach seiner Niederlage unterstützte der Stevenson-Clan Mataafa und weitere Inhaftierte mit Lebensmitteln und Medikamenten. Als Dankeschön bauten die Anhänger des Häuptlings 1894 eine Verbindungsstraße (genannt ‚Straße der liebenden Herzen‘) mitten durch den Urwald nach Vailima, dem Haus der Familie. Seit 1994 beheimatet es das Robert-Louis-Stevenson-Museum.“


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Da lacht das Maschinchen

Schon seit den frühen Tagen des US-Fernsehens wurden komödiantische Serien mit Lachern aus der Konserve, der sogenannten „Laff-Box“, abgemischt. Sogar die Zeichentrickserie „The Flintstones“ (1960-66) war mit Gelächter versehen, das allerdings klang wie durch eine schlechte Telefonleitung und in der deutschen Fassung gottlob fehlte („Familie Feuerstein“, ab 1965). Diese uralten Lach-Tracks wurden noch lange verwendet, bis man in den 70er Jahren damit begann, Sitcoms tatsächlich unter Theaterbedingungen aufzuzeichnen, den stolzen Schriftzug „filmed before a live studio audience“ vorschaltete und die tatsächlichen Reaktionen ggf. verstärkte.
Erst seit Mitte der 80er Jahre, mit dem Aufkommen unseres Privatfernsehens, gehört diese klangliche Ergänzung auch bei uns generell mit dazu und ist gewissermaßen der Markenkern dieser Art von TV-Format.

Was ist davon zu halten? Der Filmjournalist Volker Bleeck hat es ausprobiert: auf YouTube sah er sich Clips zeitgenössischer Sitcoms wie „Young Sheldon“ ohne das ständige Konservengelächter an und kam zu dem Ergebnis: „das funktioniert überhaupt nicht!“ Dennoch bin ich sicher, er hat wie wir alle schon vor dem Fernseher gesessen und das Gackern nach jeder einzelnen Dialogzeile mindestens als nervtötend, vielleicht sogar als idiotisch empfunden.

Als jemand, der seit „Eine schrecklich nette Familie“ („Married With Children“, 1987-97) und „Family Guy“ (seit 1999) keine Sitcom mehr wirklich komisch fand, bin ich wohl nicht repräsentativ (vielleicht auch nur ehrlicher zu mir selbst).  Jedenfalls erfüllt es mich mit Dankbarkeit, dass die Trickserie „Family Guy“ in der deutschen Fassung nicht belacht wird – und trotzdem funktioniert; ebenso meine klassische Lieblings-Sitcom „Männerwirtschaft“ („The Odd Couple“, 1970-75, bei uns ab 1972), die ab der 2. Staffel vor Publikum hergestellt wurde.
Bei Al Bundy haben mich die Lacher abseits grundsätzlicher Vorbehalte nicht gestört, weil ich die Gags wirklich komisch fand und die Serie in einer theaterhaften Kulisse spielte. In diesem Fall, wie auch bei „Cheers“ (1982-93) oder „Golden Girls“ (1990-94), ist es mir möglich, das Publikum als Teil der Inszenierung zu akzeptieren. Wo das Gelächter bei „Seinfeld“ (1989-98), der abgesehen von den einführenden Stand-Up-Auftritten in verschiedenen Locations agiert, herkommen soll, bleibt eines der großen Rätsel Hollywoods. Mir wäre diese Serie auf Deutsch ohne das Lach-Track definitiv zugänglicher gewesen, auch weil ich sie in ihren besten Momenten allenfalls zum Schmunzeln fand.
Das scheint mir überhaupt das Problem zu sein. Die meisten Gags der allermeisten Serien, auch viele gute, rechtfertigen die hysterischen Reaktionen einfach nicht.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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