geführt von Monty Arnold

geführt von Monty Arnold

betr.: Übung / Sprechen am Mikrofon
Fortsetzung vom 14. Februar 2023
Um das Anliegen zu unterstützen, den Vortrag langer Sätze zu trainieren, werden in dieser Rubrik Beispiele gereicht, die unverdächtig sind, den Satz nur aus Gründen der Effekthascherei auf seine Länge gebracht zu haben. Es geht um die Musik der Sprache!
Als 1950 Richard Mathesons erste Erzählung „Born Of Man And Woman“ in der Sommerausgabe des „Magazine Of Fantasy And Science Fiction“ erschien, bereitete sie ihren Lesern einen handfesten Schock; nicht ihrer stilistischen Waghalsigkeit und der bewusst gesetzten orthografischen und grammatikalischen Fehler wegen, die dem Sprachvermögen eines zurückgebliebenen Achtjährigen nachempfunden und konsequent durchgehalten waren, vielmehr allein aufgrund der Darstellung eines Menschenkindes, das sich mit „allen“ Beinen an die Decke setzen und grüne Flüssigkeit verspritzen konnte – einer Missgeburt, die so grauenhaft war, dass die Eltern sie im Keller anketteten und vor Bekannten, Nachbarn und selbst vor den leiblichen Geschwistern versteckt hielten.
Bodo Traber, „Wenn andere Wolken über Meere und Kontinente ziehen“ (Essay, 1993)
betr.: 111. Geburtstag von Pierre Boulle (in drei Tagen)
Der Film „Planet der Affen“ (1968) weist zahlreiche Abweichungen von Pierre Boulles literarischer Vorlage auf. Als Rod Serling einige Jahre später – kurz vor seinem Tode – von Marvel Comics zur Entstehung des Drehbuchs interviewt wurde, war seine Erinnerung bereits deutlich eingetrübt. Das hatte sicherlich damit zu tun, dass er vorzeitig aus dem Unternehmen ausgestiegen war und andere die Arbeit zuendebrachten. Viele der Ansätze, die Serling in dem Gespräch erwähnt, sind geändert worden – sicher nicht alle zum Nachteil des Films. Dennoch finden sich in „Planet der Affen“ einige Verweise auf Rod Serlings Klassiker „The Twilight Zone“: die unverhoffte Heimkehr nach Hause aus „I Shot An Arrow Into The Air„, das Besatzungsmitglied, das eine Zeitreise nicht überlebt aus „The Rip Van Wikle Caper“, die umgestülpten gesellschaftlichen und ästhetischen Verhältnisse aus „Eye Of The Beholder“ – Kenner der Materie werden sicher noch weitere finden. Außerdem beginnt auch dieses Abenteuer mit einem Prolog, der vor laufender Kamera gehalten wird. Statt Mr. Serling, der als adretter Showrunner in die Kulisse tritt, ohne von den Charakteren bemerkt zu werden, ist es hier der Held Astronaut Taylor bzw. Charlton Heston. Sein Vorwort ist im Stil von Captain Kirks „Computer Logbuch der Enterprise“ gehalten (variiert also ein Ritual aus einer Serie, die es ohne „The Twilight Zone“ vermutlich so nicht gegeben hätte), ironisiert aber auch den bevorstehenden Plot. Und auch er wird von den Anwesenden nicht beachtet. Sie liegen im Tiefschlaf.
Fortsetzung vom 27. Dezember 2021
Der Gag der folgenden Szene ist aus dem Leben gegriffen. Nicht aus dem Leben der hier abgebildeten Privatleute, aber er beschreibt eine typische Nachlässigkeit des Sprecherberufs. Als Routinier kann man einen Text recht solide vom Blatt direkt ins Mikrofon weiterreichen, ohne ihn wirklich zu verstehen, eine rein technische Umsetzung, die selbstverständlich niemals zu einem brauchbaren Vortrag führt. Hinterher weiß der Vorleser mitunter tatsächlich nicht, was er da gelesen hat.
Simultandolmetscher haben Ähnliches berichtet. In ihrem Fall ist das allerdings kein Kritikpunkt.
geführt von Monty Arnold

betr.: Übung / Sprechen am Mikrofon
Fortsetzung vom 23. Januar 2023
Gleich noch ein Sachbuch – aber diesmal eins, das wirklich in jeden Haushalt gehört. Es entzückt mich sogar an Stellen, deren wertende Einordnung (des Films „Marnie“) der meinen nicht entspricht:
Selbst wenn man über die Pappkulissen und die dilettantischen Rückproszenen hinwegsieht, selbst wenn man Nachsicht aufbringt für die verkrampften Kamerapositionen, selbst wenn man sich mit den infantilen Gehversuchen in Freud‘schen Revieren abfindet, selbst wenn man vor all diesen Malaisen die Augen verschließt (was schwer genug fällt, denn sie werden einem immer wieder aufgerissen), dann bleibt immer noch die undelikate Frage, was man zu Tippi Hedren sagen soll.
Robert A. Harris / Michael S. Lasky, “Alfred Hitchcock und seine Filme” (1976)
Eine phantastische Erzählung von Kenneth Robeson
Siehe dazu: https://blog.montyarnold.de/2021/10/06/19056/
Fortsetzung vom 6. Februar 2023
Es war zu hören, wie draußen das Flugzeug landete. Es rollte in der Nähe des Iglus aus, der Motor verstummte.
„Entschuldigen Sie mich bitte“, sagte Sunlight.
Er ging hinaus und kam nach fünf Minuten wieder. In seiner Begleitung waren einige seiner Leute und die Gefangenen — Ham, Long Tom und Fifi. Niemand achtete in diesem Augenblick auf Monk, und das war gut so, denn er verlor eine Sekunde lang die Beherrschung. Er riss die Augen auf und japste nach Luft. Ham und Long Tom als Gefangene zu sehen, war für ihn ein Schock.
Docs metallisches Gesicht blieb ausdruckslos. Nachdem es ihm nicht gelungen war, mit den beiden Freunden Funkverbindung aufzunehmen, hatte er geahnt, dass sie Sunlight in die Hände gefallen waren. „Stellt sie nebeneinander auf“, befahl Sunlight. Civan kam beflissen dem Auftrag nach. Der Playboy besah sich die Gefangenen und war befremdet. Er kannte keinen von ihnen und rätselte, wer sie wohl sein mochten.
„Wo sind Giantia und Titania ?“ erkundigte sich Sunlight.
„Sie sind in ihrem Iglu“, sagte einer der Männer.
„Geh raus und überzeug dich, dass sie noch dort sind“, sagte Sunlight. „Sie brauchen nicht zu wissen, dass ihre Schwester Fifi noch lebt. Vielleicht würden sie dann verrückt spielen, Frauen sind bekanntlich unberechenbar. Später werden wir uns um sie kümmern.“
Der Mann verließ den Iglu.
„Nun“, sagte Sunlight, „kommen wir zur Sache.“
„Endlich!“ sagte der Playboy. „Was ist jetzt mit Ihrer Demonstration? Sie machen mich ungeduldig.“
„Ihnen ist doch wohl klar“, sagte Sunlight schneidend, „dass die Todesmaschine, von der ich eben gesprochen habe, eine unschätzbare Erfindung ist?“
„Und wenn schon“, sagte der Playboy. „Ich kann meine Gegner auch auf andere Art loswerden. Ihre Ausführungen klingen schrecklich kompliziert, wahrscheinlich kann überhaupt nur ein Fachmann mit dem Ding umgehen, während ein simples Gewehr oder ein Knüppel …“
Sunlight ließ ihn nicht ausreden. Die Albernheiten dieses Regierungschefs langweilten ihn.
„Was halten Sie von einem Krieg?“ fragte er. „Wieso?“ Der Playboy war verdattert.
„Was halten Sie von einem Krieg, Sie Narr?“
„Hören Sie mal!“ Der Playboy war empört. „Ich bin kein Narr, ich bin immerhin Regierungschef, auch wenn mein Land nicht so groß wie die Vereinigten Staaten ist. Es kann nicht nur große Länder geben, im Vergleich zu Ihnen bin ich jedenfalls .. .“
Sunlight hatte sich im Ton vergriffen; für einen Augenblick hatte er den Mann als das behandelt, was er schien, und nicht nach der Position, die er bekleidete. Er hatte einen Fehler gemacht; er sah es ein. Er winkte ab. „Entschuldigen Sie; Sie haben ganz recht. Ich hätte das nicht sagen dürfen.“
„Na ja“, sagte der Playboy. Er beruhigte sich. „Sprechen Sie weiter.“
„Mit dieser Maschine“, sagte Sunlight, „können Sie jeden Krieg gewinnen. Sie können zum Beispiel mühelos Ihren Nachbarstaat erobern, dessen Geheimagent Don Carlos derzeit die Vereinigten Staaten unsicher macht. Ich weiß doch, dass dieser Nachbar Ihnen schon lange lästig ist.“

geführt von Monty Arnold

Vor einiger Zeit habe ich an dieser Stelle beklagt, es gebe keine Kultfilme mehr.* Nicht im eigentlichen Sinne jenseits des Marketing-Sprechs: als Bezeichnung für einen Film, der sehr schlechte Startbedingungen hat – billige, unabhängige Produktion ohne Schauwerte und vordergründige Kassenstars / keine schwülstige Botschaft / obskures Milieu (aus Sicht des US-zentrierten Mainstreams) und Sujet – und der dennoch zum Welterfolg (und zur Cash-Cow) wird, weil das Publikum sich und ihn durchgesetzt hat. In einer Ära, in der der sprichwörtliche größte Haufen, auf den der Teufel sich zu erleichtern pflegt, alle anderen nicht nur überragt sondern unter sich begräbt, ist es eine doppelt gute Nachricht, was der Klamotte „Everything Everywhere All At Once“ in den letzten anderthalb Jahren gelungen ist. Der Fim ist nicht nur von Anfang bis Ende unterhaltsam und bei aller Anspielungssattheit innovativ, er hat es sogar in die bevorstehende Oscarverleihung geschafft. Sie bestätigt als inzwischen rein kommerzielles (ausdrücklich nicht-kutlturelles) Rating offiziell den Erfolg dieses Films, selbst wenn er keine der Trophäen erhalten sollte, für die er nominiert ist.
„Everything Everywhere All At Once“ ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt, dass Qualität und Erfolg nicht länger vereinbar sind, seit das Publikum – ermüdet von der nachrückenden Masse – die Lust verloren hat, sich selbst etwas auszusuchen und sich nicht etwa verarscht oder bevormundet, sondern entlastet fühlt, wenn ihm ein Algorithmus auf Basis des reinen Marketings erklärt, was es zu mögen und zu bevorzugen hat.
Wie konnte es mir passieren, dass ich den Film gesehen habe, als er noch ein reiner Geheimtipp war? Ich wurde vom Direktor des Abaton-Kinos quasi blindverkostet. Er lud mich in zwei aktuelle Filme ein, die er für mich aussuchte. Da ich mich also nicht vorher damit beschäftigen musste, ging ich ganz unbefangen in „Red Rocket“ und „Everything Everywhere All At Once“. Sie waren – zu meiner Überraschung – beide ganz einfach zauberhaft! Und der zweitere hat außerdem Jamie Lee Curtis!
___________________
* Siehe https://blog.montyarnold.com/2019/07/25/kultfilme/
geführt von Monty Arnold
