Schon in der Antike pflegte man in Rom Graffiti-Kunst, wie die SZ berichtet. Zum Glück für uns arbeitete man damals nicht mit Farben, sondern mit der dauerhafteren Technik des Einritzens. Inhaltlich war das nicht nur Streetart, es bedeutete auch einen Vorgriff auf das Kabarett. Oftmals wurde das Treiben öffentlicher Persönlichkeiten kommentiert – und zur Sicherheit gleich der Name dazugeschrieben. Und das ist gut so! Über diesem Kopf, in dem ich etwas voreilig Olaf Scholz erblickte, steht: „Rufus est“ – „Das ist Rufus“.
Die Reise verlief eintönig, und der Playboy langweilte sich. Die Erde war von einem Nebelschleier eingehüllt. Er benahm sich wie ein missratener Säugling, war nur zufrieden, wenn er seine Flasche bekam — aber keine Milchflasche! —‚ und führte laute Selbstgespräche über sein Unglück, das ihm, ein Staatsoberhaupt, dazu verdammte, in einer Art Halbdunkel zu leben, in dem er knapp die Hand vor Augen erkennen konnte. Je weiter sie nach Norden kamen, desto kälter wurde es. Zweimal gingen sie nieder, um zu tanken, und beim zweitenmal war der Flugplatz mit Schnee bedeckt. Doc und Monk brachten Kufen am Fahrgestell an. Sie stiegen wieder auf, und Doc ahnte, dass der Platz, wo der Playboy sich mit Sunlight treffen wollte, nicht mehr fern sein konnte. Abermals nahm er über Funk Kontakt mit Ham und Long Tom auf. Der Playboy lümmelte in der Kabine und bekam nichts mit. „Long Tom“, sagte Doc, „wie ist eure genaue Position?“ Doc hatte nicht mit einer seiner Maschinen fliegen wollen, die zu bekannt und auch zu auffällig waren; deswegen hatte er ein Flugzeug gechartert. Aber er hatte dafür gesorgt, dass in das Funkgerät eine Störanlage eingebaut wurde, die es verhinderte, dass Sunlight seine Gespräche abhören konnte, selbst wenn es ihm gelang, die richtige Wellenlänge zu finden.
Long Toms Maschine stand tausend Meilen weiter südlich. „Wenn ihr zum Bestimmungsort kommt, dann lasst euch nicht sehen“, ordnete Doc an. „Landet ungefähr hundert Meilen entfernt und wartet, bis ihr von uns hört.“ „Gut“, sagte Long Tom. „Wenn wir landen, wird Fifi sich vielleicht abkühlen. Sie hängt ständig an Hams Hals und girrt ihm was vor.“ Monk riss Doc das Mikrophon aus der Hand. „Du sagst, sie hängt an Hams Hals?“ fragte er entsetzt. „Ja, und . ..“ „Sag Ham, er soll sofort damit aufhören!“ brüllte Monk. Long Tom gab die Aufforderung an Ham weiter, denn einen Augenblick später übermittelte er Hams Antwort. „Ham meint“, sagte er, „du sollst dich gelegentlich aufhängen. Dann kümmerst du dich wenigstens nicht mehr um seine Angelegenheiten.“ Monk schwieg. Er reichte Doc das Mikrophon zurück und starrte blicklos nach vorn in den Nebel, es war ihm anzumerken, wie er litt. „Doc“, sagte er schließlich, „warum haben wir Fifi nicht in New York gelassen?“ „Mit Fifi können wir ihre beiden Schwestern Giantia und Titania unter Druck setzen“, sagte er. „Sie sind bei Sunlight, das heißt, wahrscheinlich sind sie bei ihm, und es gelingt uns vielleicht, sie von ihm fortzulocken.“ Monk zuckte mit den Schultern. Er zweifelte an der Richtigkeit von Docs Überlegungen, aber er wusste, dass erst die Zukunft erweisen konnte, ob Doc sich geirrt hatte oder Fifi nur eine Belastung war.
Der Playboy wurde immer unausstehlicher, obwohl Doc und Monk das nicht für möglich gehalten hatten. Doc Savage war dabei sehr beschäftigt, schließlich hatte er für ihn nicht nur den Piloten, sondern auch den Leibwächter Adonis darzustellen. Monk hatte es einfacher, er brauchte nur als Beauty aufzutreten, aber auch das erwies sich als bedenklich, als der Playboy auf den Gedanken verfiel, Beauty nach Herzenslust zu würgen, weil er hoffte, damit dessen angegriffene Stimmbänder zu kurieren.
betr.: „The Descendants“ heute um 20 Uhr 15 im Disney Channel
Der oben genannte Film inspirierte Verena Lueken in ihrer F.A.Z.-Kritik vor zehneinhalb Jahren zu ein paar allgemeingültigen Anmerkungen zu den Themen „Kino“ und „Mainstream“: „Nur noch selten bekommen wir einen Hollywoodfilm zu sehen, der aussieht wie dieser: erwachsen in seinen Themen, traurig und komisch, verdammt gut gespielt bis in die Nebenrollen hinein, mit einer gewissen Distanz gedreht zum Unglück, das hereinbricht, und ohne Sentimentalität, was seine Folgen angeht. Früher einmal war das der amerikanische Mainstream – ein Kino, das einem das Herz ein bisschen wärmte, ohne dass man allzu misstrauisch wurde über den Realitäts- und Sinngehalt des Ganzen. Das Figuren in eine extreme Lage zwang, über deren katastrophale Folgen wir immer noch lachen konnten. Es war ein Kino, das trotz allem an die Möglichkeit glaubte, Menschen könnten sich ändern und ihr Leben, das an ihnen vorbeiging, doch noch an sich ziehen, obwohl nichts dafür sprach, dass sie anfangen würden, nach lebenslang falsch getroffenen Entscheidungen mal den richtigen Weg zu wählen. Es waren Familienfilme im besten Sinn, denken wir an Spencer Tracy oder Joel McCrea, die Figuren spielen konnten, wie sie jetzt George Clooney bekommt …“ -Die Rezensentin hatte vielleicht auch Schauspieler wie Cary Grant und James Stewart, Schauspielerinnen wie Doris Day und Shirley MacLaine und Regisseure wie Frank Capra im Sinn, wie Billy Wilder (wenn es unter der Oberfläche der damals üblichen jugendfreien Inszenierung mal etwas abgründig brodeln durfte) oder Frank Tashlin (wenn man seine Kinder nicht für dümmer hält als sie sind und ihnen etwas Satire gönnt) oder das eine oder andere MGM-Musical. Man findet das alles heute für winzigkleines Geld in den DVD-Regalen, aber leider ganz selten im Fernsehen und im Kino nur, wenn es ein Programmkino ist. Heute ist ein besonderer Tag!
Nie war das Phänomen des geflissentlichen Genialitätsvorschusses so präsent wie in unserer zuendegehenden Goldgräberzeit der Streaming-Dienste. Der lachhafte Generalverdacht, nach „Breaking Bad“ müssten alle Serien zwangläufig gut oder einfach besser sein, nur weil sie „episch erzählt“ und nicht-linear präsentiert werden, hat sich im Dialog zwischen Netflix und seinen Fans lange gehalten, und das Feuilleton spielte gern mit. Er belebte sich nochmals, als Hollywood-Regisseure scharenweise zu den Streaming-Anbietern überliefen, weil sie sich von den Filmgesellschaften zu sehr gegängelt fühlten, um dort ihre abendfüllenden Projekte zu verwirklichen. Dass das Fehlen von Einschränkungen (die sich in der Filmgeschichte oft als Befeuerung der kreativen Fantasie erwiesen haben) nicht zu besserem Gelingen führen muss, fasste die SZ in einem Resümee so zusammen: „Irgendwann wird man auf die Filmgeschichte zurückblicken und merken, dass die größten Namen ihre schlechtesten Filme für Netflix gemacht haben. (…) was zum Beispiel Martin Scorseses ‚The Irishman‘, Spike Lees ‚Da 5 Bloods‘ und ‚The Ballad Of Buster Scruggs‘ der Coen-Brüder verbindet, ist der Mangel an Kohärenz, Timing und Tempo sowie eine künstlerische Selbstverliebtheit bis an die Grenze der Arroganz.“ Es sei „Mittelmaß“, das aus den Gesamtwerken der Legenden herausfalle. So viel hilfreiche Deutlichkeit wurde in den Rezensionen dieser Werke übrigens allzuoft vermieden. Leider.
Und das ist eine Textpassage aus der „Frankengeschichte“ des Gregor von Tours, an die Jean-Francois Revel zurückdachte, als er „Papillon“ von Henri Charrière las:
Der Zwist zwischen den Einwohnern von Tours, der, wie wir weiter oben berichteten, zu Ende gegangen war, flammte plötzlich mit erneuter Wut auf. Nachdem Sichar die Eltern des Chramnesind ermordet hatte, entbrannte er zu diesem in heftiger Freundschaft, und beide liebten einander so sehr, das sie oft gemeinsam speisten und sogar miteinander im selben Bett schliefen. Eines Tages nun bereitete Chramnesind für den Abend eine Mahlzeit vor und lud Sichar dazu ein. Als sich aber Sichar schon ganz vollgesoffen hatte mit Wein, begann er auf einmal den Chramnesind zu beschimpfen, und es heißt, er habe ihn zuletzt angeschrien: „Du schuldest mir großen Dank dafür, lieber Bruder mein, dass ich deine Eltern getötet habe! Durch die Erbschaft, die du gemacht hast, quillt dein Haus jetzt von Gold und Silber über! Wäre aber das Ereignis, das dich so herausgeputzt hat, nicht eingetreten, so wärest du bettelarm und müsstest ein sehr dürftiges Leben führen!“ Als er das hörte, erbitterte er sich über die Äußerung seines Gastes und sagte zu sich selbst: „Wenn ich den Mord an meine Eltern nicht räche, verdiene ich nicht, dass man mich einen Mann nennt, wohl aber verdiene ich, ein feiges Weib zu heißen. Und sogleich löschte er alle Lichter und spaltete dem Sichar den Kopf mit einer Säge. Der beendete sein Leben mit einem Krächzen, fiel um und war tot. Die Sklaven, die mit ihm gekommen waren, stoben auseinander. Chramnesind aber hängte die Leiche, nachdem er ihr alle Kleider abgezogen hatte, an den Ast einer Hecke, saß auf und ritt zum König.
Revel dazu:
In beiden Texten erscheint der Bericht in aller Reinheit, und Erzählen ist nichts als Erzählen. Er ist nur Geschehenes und kann gar nichts anderes sein. Alles und Jedes zielt auf eine Tat ab. Deshalb gibt es in der Papillon-Welt keine Unterschiede in der Intensität der Darstellung. Jemanden ansprechen, ihn töten, ihn retten – das folgt alles so dicht aufeinander wie Bilder im Kino. Und bei Henri wie bei Gregor nimmt jedes von ihnen stets den gleichen Raum ein. Es gibt darin kein Mittelmaß. Der Autor braucht sich nicht zu fragen, warum er schreibt.
Der Autor geht schlicht davon aus, dass das von ihm Erzählte das Publikum interessieren muss – „eine Überzeugung, ohne die niemand ein wahrer Erzähler sein kann!“
Vor 30 Jahren war ich bei den „Mitternachtsspitzen“ im WDR-Fernsehen zu Gast. Einer der Kollegen in der Sendung war Thomas Freitag, damals einer der Top-Stars des Kabaretts und führender der drei zentralen Helmut-Kohl-Imitatoren der Stunde. Ein anderer prächtig imitierbarer Promi hatte es ihm besonders angetan: Marcel Reich-Ranicki. Freitag ließ ihn in seiner Parodie toben und die Bücher nicht nur verreißen, sondern ganz wortwörtlich in Stücke rupfen. Der zuständige Requisiteur fuhr am Tag der Übertragung ins Antiquariat und brachte einen Stapel Bücher mit, die der „Kritikerpapst“ im Rahmen der Performance schreddern konnte. Ich fand diesen Regie-Einfall barbarisch (das Bild Reich-Ranickis als Buch-Zerstörer wurde damals häufig in Karikaturen und Illustrationen bemüht) und geeignet, mir jede Art von Gelächter auszutreiben. In einem seltenen Anflug von Besonnenheit habe ich diese Gefühle für mich behalten. Solche Äußerungen wären mir – dem „Nachwuchs“ und weitaus kleineren Namen – nur als kollegiale Missgunst ausgelegt worden. Der Requisiteur bewies einen Blick für gute Bildschirmwirkung und brachte eine erlesene Auswahl aus dem Laden mit: wunderschöne gebundene Klassiker, Ausgaben aus der Wirtschaftswunderzeit mit farbenfrohen Schutzumschlägen (sowas kostet nicht viel). Es brach mir das Herz. Da er vorsichtshalber ohnehin zu gut eingekauft hatte, stahl ich ein Exemplar von „Bonjour Tristesse“, eine bildhübsche Ausgabe, die den Grundstein für meine heutige kleine Sagan-Sammlung bilden sollte. Ich habe Thomas Freitags Darbietung nicht zugeschaut – und hoffe, dass wirkte nicht allzu unkollegial auf die anderen im Backstage-Bereich. Meine Ohren konnte ich ohnehin nicht verschließen, und das Geräusch brechender Buchrücken und reißenden Papiers dröhnte ordentlich in ihnen. Ich erinnere mich an eine andere Reich-Ranicki-Nummer von Thomas Freitag, in der er das Lied „Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen“ zum Gegenstand einer literarischen Analyse machte. Das war ein großer Spaß. Und kein Buch musste dabei zerfetzt werden.
Der Lebensbericht „Papillon“ von Henri Charriere ist weniger populär als die gleichnamige Verfilmung von 1973 – und weitaus gewalttätiger. Der „Tresorknacker und Totschläger, Bagno-Sträfling und Ausbrecher“ (Klappentext) entschied sich ohne jeden vor-vorherigen Kontakt mit irgendwelcher Literatur zur Niederschrift seiner Erlebnisse, nachdem er 1967 einen Bestseller über sein Lebensthema entdeckt hatte, von dem er dachte: „Also, wenn von dieser Farce hundertdreiundzwanzigtausend Bücher verkauft wurden, dann werd ich mit dem, was ich alles in dreißig Jahren erlebt habe, dreimal mehr an den Mann bringen.“ Nun ist ergreifendes Missgeschick ja noch längst keine gute Literatur. Und die Verlage ersoffen zu dieser Zeit aufgrund des erwähnten Erfolges in allerlei Versuchen, das nächste erfolgreiche Knast- und Ausbrecherbuch vorzulegen. Doch Charrière hat es gut gemacht. Sein Lektor beteuert, so gut wie nichts geändert zu haben.
In einer Nachbetrachtung des „Papillon“ hat Jean-Francois Revel später einen Vergleich mit Gregor von Tours gezogen, einem gallischen Bischof, der von 540 bis 594 gelebt hat – zu einer Zeit also, da das Erleben noch eine zwingende Voraussetzung für das Verfassen von Belletristik war und Stil und Fantasie noch gar keine Rolle spielten. Ihm sprang besonders diese Stelle aus Charrières Buch ins Auge:
Nackt auf dem eiskalten Gang, die Nase zur Wand, vier Finger breit von ihr entfernt, warte ich als vorletzter in einer Reihe von acht Mann darauf, an dem Arzt vorbeidefilieren zu dürfen. Ich wollte jemanden sehen … schön, es ist mir gelungen. Der Profos überrascht uns in dem Moment, da ich Julot, genannt „der Mann mit dem Hammer“, ein paar Worte zuflüstere. Die Reaktion dieses wilden Rotschädels ist fürchterlich. Ein Fausthieb auf den Hinterkopf erschlägt mich fast, und da ich den Schlag nicht habe kommen sehen, knalle ich mit der Nase gegen die Wand. Das Blut spritzt, und nachdem ich mich wieder aufgerichtet habe, schüttle ich mich und versuche mir bewusst zu werden, was eigentlich geschehen ist. Ich mache eine abwehrende Bewegung. Der Koloss, der nichts anderes erwartete, gibt mir einen Tritt in den Bauch, der mich erneut zu Boden wirft, und fängt an, mich mit seinem Ochsenziemer zu bearbeiten. Julot kann das nicht mit ansehen. Er fällt über ihn her, es kommt zu einem furchtbaren Tumult, und da Julot ihn unter sich hat, sehen die Wärter der Rauferei unbeteiligt zu. Niemand beachtet mich. Ich stehe wieder auf und sehe mich nach einer Waffe um. Da bemerke ich, dass sich der Arzt in seinem Sessel im Ordinationszimmer vorbeugt, um nachzusehen, was auf dem Gang los sei. In diesem Moment hebt sich unter dem Druck des Dampfes der Deckel des heißen Emaillekessels auf dem Ofen, der das Zimmer des Arztes heizt. Mit einer raschen Reflexbewegung ergreife ich den Kessel bei den Henkeln, verbrenne mich zwar, lasse ihn aber nicht los und schütte dem Profos das kochende Wasser ins Gesicht. Er hat mich nicht gesehen, so sehr war er mit Julot beschäftigt. Ein gewaltiger Schrei dringt aus seiner Kehle, es hat ihn ganz schön erwischt. Er wälzt sich auf dem Boden und reißt sich die drei Trikots, die er übereinander trägt, eins nach dem anderen herunter. Bein dritten geht die Haut mit. In dem Bemühen, durch seinen engen Halsausschnitt zu kommen, geht ein Stück der Brusthaut, die Haut am Hals und die ganze Haut der Wange ab und bleibt am Trikot kleben. Auch das einzige Auge ist verbrannt und erblindet. Endlich erhebt sich Tribouillard. Blutverschmiert, mit bloßliegendem Fleisch, grauenhaft anzusehen. Julot nutzt die Gelegenheit, um ihm einen Tritt in die Hoden zu versetzen. Der Riese bricht zusammen und beginnt zu erbrechen, zu speien. Unsere Rechnung ist beglichen. Die beiden Aufseher, die die Szene mit angesehen haben, fühlen sich nicht stark genug, um uns anzugreifen. Sie pfeifen Verstärkung herbei. Von allen Seiten kommen die Wärter, und nun prasseln die Peitschenhiebe auf uns nieder wie Hagelschauer. Ich habe das Glück, sehr rasch umzufallen und spüre die Schläge nicht mehr.
Es folgt Jean-Francois Revels Überlegung zu diesem Text …
Dass eine Geschichte nicht in der chronologischen Reihenfolge erzählt wird, sondern – beispielsweise – mit dem Finale beginnt und dann in eine oder mehrere Rückblenden mündet, wird schon länger gemacht als es Filme gibt. Im Kino ging man lange Zeit sparsam damit um. Eine kühne Konstruktion wie in „Citizen Kane“ (1940) bedeutete zugleich Reklame für diesen eingebauten Teaser und ein Heraufsetzen des Standards. „Sunset Boulevard“ war zehn Jahre später ein einfacheres, aber ebenso wirkungsvolles Beispiel. Diese Zurückhaltung hielt bis in die späten 90er Jahre, als Filme wie „Pulp Fiction“ (1994) und „Memento“ (2000) immer neue dramaturgische Haken schlugen. Inzwischen wird die Technik des Zeitsprungs so hemmungslos übertrieben, dass der Effekt verpufft – vor allem bei Online-Serien und –Filmen. Der dämliche Fachbegriff „reverse chronology“ ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass man mal für eine Weile damit aufhören sollte.
„Doc“, sagte Monk, den der Playboy für Adonis hielt, „ich beneide dich nicht um den Job, den du bei diesem Quälgeist übernommen hast. Wir wollten ihn über Bord werfen, sobald er uns den Bestimmungsort angegeben hat.“ „Den hat er mir schon angegeben“, sagte Doc, der als Adonis auftrat und jetzt den Längen- und Breitengrad auf einen Zettel schrieb. „Glaubst du, dass du die Stelle findest, Monk?“ „Natürlich“, meinte Monk. „Wir sind die perfekten Leibwächter, nicht? Wahrscheinlich sind Beauty und Adonis mittlerweile schon in deinem College“, sagte er. „Ich werde nie ihre Gesichter vergessen, als wir sie heute nacht im Hotel überfielen. Übrigens waren sie wirklich tüchtig, sie haben uns ganz schön Arbeit gemacht …“ „Jedenfalls hat die Droge, die der Kellner dem Playboy ins Glas gegossen hat, gut gewirkt“, sagte Doc. „Die Aussicht, dass er uns erkennt, ist sehr gering.“ „Außerdem haben wir uns nicht übel maskiert“, sagte Monk und seufzte. „Mir gefällt bloß nicht“, nörgelte er, „dass Ham und Long Tom in einer anderen Maschine hinter uns herfliegen und Fifi bei sich haben. Ich mache mir Sorgen um das Mädchen. Ham ist ein skrupelloser Verführer.“ „So schlimm ist’s nun auch wieder nicht.“ Doc lächelte. „Außerdem werden sie Fifi in einer kleinen Stadt im Norden New Yorks absetzen. Dort ist sie in Sicherheit — vor Ham und vor Sunlight.“ In der zweiten Maschine blickte Fifi zur Erde und zog einen Flunsch. Sie fasste nach Hams Hand, drückte sie herzlich und sah ihm tief in die Augen. „Ich will nicht aussteigen“, sagte sie bettelnd wie ein kleines Kind. „Ich möchte viel lieber mit Ihnen weiterfliegen.“ „Es … es ist nicht meine Schuld“, sagte Ham. „Doc hat es so angeordnet.“ „Doc ist nicht da“, sagte Fifi. „Laß dich auf nichts ein“, rief Long Tom über die Schulter. „Sag ihr, dass wir sie in einem netten, kleinen Hotel absetzen.“ Fifi kümmerte sich nicht um ihn. Sie kümmerte sich ausschließlich um Ham und lächelte verheißungsvoll. „Ich will aber nicht abgesetzt werden“, sagte sie leise. „Sie wollen doch die kleine Fifi nicht ganz allein lassen!“ „Wo wir hinfliegen, ist’s vielleicht gefährlich”, sagte Ham. „Ich möchte Sie nicht in Gefahr bringen.“ „Wir setzen Sie ab“, entschied Long Tom verdrossen. Hams seichtes Geschwätz und das Getue dieser Dame fielen ihm auf die Nerven. „Wir fliegen zum Nordpol, das ist kein Aufenthalt für kleine Mädchen.“
Ham musterte Long Tom finster. Fifi änderte ihre Taktik. Sie gab das Getue auf und wurde schrill und laut. „Hört mal zu, ihr beiden!“ kreischte sie. „Ich will meinen Schwestern helfen, und wenn ihr mich absetzt, teile ich Sunlight mit, was ihr vorhabt!“ Long Tom musterte sie verdrossen. „Ich möchte Sie verprügeln“, sagte er. „Mit einer Bratpfanne!“ „Ich werde Sunlight alles sagen“, keifte sie. „Dafür wird er meine Schwestern freilassen!“ „Sie wissen nicht, wo Sunlight ist“, sagte Long Tom. „Ich setze ein Inserat in die Zeitung!“ schrie Fifi. „Ich gebe die Nachricht über das Radio!“ „Frauen und Schwierigkeiten . . .“, klagte Long Tom. Er schaltete das Funkgerät ein und nahm Verbindung mit Doc Savage auf. „Doc“, sagte er, „Fifi ist verrückt geworden.“ „Wie äußert sich das?“ fragte Doc. „Die Person droht, Sunlight vor uns zu warnen, wenn wir sie nicht mitnehmen; dann lässt er bestimmt ihre Schwestern frei.“ „Bringt sie mit“, sagte Doc widerstrebend. Monk, der neben ihm saß, stöhnte. „Das bringt mich in Rage“, sagte er. „Wenn ich mir vorstelle, dass Ham die ganze Reise in Fifis Gesellschaft verbringt . . .“ „Wenn wir mit Frauen umgehen könnten, wäre es uns vielleicht gelungen, es ihr auszureden“, sagte Doc. „Ham kann mit Frauen umgehen”, sagte Monk missmutig. „Er kann es viel zu gut!“
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