Die Bucht der sterbenden Touris

betr.: „Old“ – Mystery-Thriller, USA, J, VRC 2021

M. Night Shyamalan hat neben dem Geniestreich „The Visit“ einen weiteren immerhin sehenswerten Film gemacht. In „Old“ verschlägt ein zunächst undurchschaubarer Plan einige Urlauber in eine paradiesisch wirkende Bucht in der Südsee. Im Mittelpunkt der kleinen Gemeinschaft stehen Guy und Prisca Cappa, die mit ihren Kindern Trent und Maddox einen traumhaften Urlaub in einem luxuriösen Ferienressort antreten. Der Hotelmanager empfiehlt ihnen einen atemberaubenden Privatstrand an einem abgelegenen Ort, den sie am nächsten Morgen mit wenigen anderen Hotelgästen besuchen sollen. Schnell geschehen an diesem Ort seltsame Dinge. Trent und Maddox reifen in Stunden zu Erwachsenen heran, und bald zeigt sich der beschleunigte Alterungsprozess auch bei den reiferen Urlaubern. Die Bucht ist außerdem so beschaffen, dass man nicht von dort flüchten kann. Dass sich einige Kranke unter den Eingeschlossenen befinden, scheint kein Zufall zu sein…

Der Film erzeugt eine gediegene Paranoia und hat sich dafür bei aller Phantastik ein Thema gewählt, das über kurz oder lang jeden von uns in Angst und Schrecken versetzt. Er entstand zu einer Zeit, da Hollywood mit Verjüngungs-Software von sich reden machte (die freilich auch umgekehrt funktioniert). Es ist rätselhaft, warum Shyamalan diese Technik nicht beherzter genutzt hat. So sehen wir das zentrale Elternpaar nicht im hohen Greisenalter, was das Grauen noch etwas greifbarer gemacht hätte.  

„Old“ ist ein fabelhafter kleiner Horrorfilm der leisen Töne, der sich gerade hinsichtlich der Dialoge auf der Höhe der Zeit bewegt. Das Geschwätz der reichen Schnösel und Schnöselinen von heute ist besser eingefangen, als ich es bisher in einem Film gehört habe. Trotzdem bringt Shyamalan das Kunststück fertig, seinen Figuren unsere Anteilnahme zu sichern.

Veröffentlicht unter Film, Rezension, Science Fiction | Verschlagwortet mit , , , , , | Schreibe einen Kommentar

Heute ein König

betr.: TV-Kritik „Die Kevin Costner Story“ (gestern abend) / „No Way Out – Es gibt kein Zurück“ (USA 1987)

Hollywood-Insider Steven Gätjen über große Filmstars:

„Unfassbar!“ – auf Kabel1 über Brad Pitt
„Unfassbar!“ – auf Kabel1 über John Travolta
„Uuun-fassbar!“ – auf Kabel1 über Jack Nicholson
„Echt Unfassbar!“ – auf Kabel1 über Leonardo DiCaprio
„Unfassbar!“ – auf Kabel1 über Kevin Costner
„Unfassbar! Uuun-fassbar!“ – auf Kabel1 über Clint Eastwood
„Unfassbar!“ – auf Kabel1 über Denzel Washington
„Unfassbar!“ – auf Kabel1 über Harrison Ford

Niemand erwartet von einer aktuellen deutschen Filmstar-Doku ernsthaft irgendwelche Informationen im Wortsinne. Man freut sich auf ein paar 80er-, 90er-Jahre-Ausschnitte aus dem Augenwinkel und sieht im Wesentlichen zwei deutschen Medienschaffenden bei sorgfältig rührseligem Staunen zu: dem professionellen Stars-Tollfinder Steven Gätjen und dem mit gedämpfter Teddybärenstimme in seinen jugendlichen Kinobesuchen schwelgenden Hannes Jaenicke, der vom Blockbuster-Kino genausoviel weiß wie ich und du. (Nichts für ungut: ich freue mich immer über Jeanicke, denn sonst würde an seiner Stelle ein Rentner des Comedy-Duos „Badesalz“ über Hollywood reden.) Überhaupt scheint die charmante Botschaft des Formats zu sein: Hey, wir sind eure Kumpels! Und als solche wohnen wir natürlich um die Ecke (also um die Ecke von euch, nicht von Los Angeles). Wichtig: wenn Gätjen schnell nochmal im Internet gespickt hat, sagt er nicht einfach: „Dieser Mann hat in seiner Jugend eine Schreinerlehre gemacht!“, er sagt: „Dieser Mann hat glaub’ ich in seiner Jugend eine Schreinerlehre gemacht!“ oder „Dieser Mann hat ja in seiner Jugend eine Schreinerlehre gemacht.“ Das will uns weismachen: ich hab’s nicht etwa eben grade gegoogelt, ich bin von selber drauf gekommen. Aber solche Fußnoten fallen eh nur ganz am Rande ab. Hauptsächlich wird gelobt und gepriesen, und wer in der laufenden Sendung dran ist, ist selbstredend der Allergrößte. Von wegen „Highlander – Es kann nur einen geben“.

Als ein weiteres volkstümliches Entgegenkommen ist wohl auch Gätjens Reflex zu lesen, allen portraitierten Stars unbequemen, aufmüpfigen Individualismus zu unterstellen. „Der macht immer sein Ding!“, „Der weiß immer, was er will!“, „Der macht keine Kompromisse!“ …
Am Rand roter Teppiche mag das ja so aussehen. Aber wer auch nur einen Tag an einem Drehort verbracht hat, der weiß, dass es dort um das Gegenteil von „Ich mach mein Ding!“ geht: Pünktlichkeit, Teamfähigkeit, gute Vorbereitung. Man nennt es Professionalität. Besonders in Hollywood.

Ihre vornehmste Aufgabe erfüllt die Sendung aber durchaus. Meistens habe ich zwischendurch für wenige Augenblicke Lust, einen der behandelten Filme nochmals anzuschauen. Im Falle der aktuellen Ausgabe von „Die …-Story“ konnte ich mich nach dem Ende sogar noch daran erinnern und zog tatsächlich die betreffende DVD aus dem Schrank. Sie bescherte mir ein Wiedersehen mit dem jungen Kevin Costner, der das Pech hat, dass sein 70. Geburtstag (Anlass der TV-Sendung) ausgerechnet in eine Phase fällt, in der er es gerade mal wieder „allen gezeigt“ hat – allen, nur nicht dem Kinopublikum, denn das ist seinem neuesten Film (dem ersten von vier geplanten Teilen des Mammutwesterns „Horizon“) bekanntlich geschlossen ferngeblieben.

Das TV-Portrait betont richtigerweise Costners Western-Schwerpunkt. Er liebt dieses Genre, hat seine erste Hauptrolle darin gespielt („Silverado“) und seinen Aufstieg zur bleibenden Kinolegende darin erlebt („Der mit dem Wolf tanzt“). Seine Person wird folglich mit viel weiter Landschaft und Pferdebildern illustriert, wo man zu faul war, etwas zu Leben und Werk aus dem Archiv herauszusuchen bzw. aus dem Internet zu fischen (Es darf ja nicht zuviel Arbeit machen!). Ich, der ich Western leider nicht besonders mag, hatte danach den Wunsch, mit einem Großstadt-Stoff nachzuspülen.
Das Wiedersehen mit „No Way Out – Es gibt kein Zurück“ war aber eher eine Achterbahnfahrt in den Trash als eine Hommage. Dieser „Thriller“ ist bis zur Lächerlichkeit veraltet, dramaturgisch wie situativ unlogisch, und Gene Hackman – den ich sehr schätze – leistet sich in einer emotionalen Szene tatsächlichen einen schauspielerischen Totalausfall, den ich nicht ohne Grund so vollständig verdrängt hatte. Wie hatte der german Insider in „Die Kevin Costner Story“ es so hübsch unterschieden: Costner habe Sean Connery für den größten Schauspieler gehalten, aber Gene Hackman für den besten. Pikant, pikant …  

Veröffentlicht unter Fernsehen, Film, Rezension | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

Tiefere Bedeutung oder vergröberte Kaliber?

betr.: Kabarett und Comedy – Zwei darstellende Humorgattungen im Vergleich

Als in den 50er Jahren Heinrich Bölls Satiren „Nicht nur zu Weihnachtszeit“ und „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“* herauskamen, wurde er als Meister der kleinen Form entdeckt, aber auch beargwöhnt: stieg da etwa ein angesehener und umstrittener Mahner in die Niederungen des (wenn auch gehobenen) Blödsinns hinab? Und würde er daraus wieder heraufkommen? (Tat er übrigens. Es folgten die finster-gesellschaftskritischen Erzählungen „Billard um halb 10“ und „Ansichten eines Clowns“.)
Die Rezeption seiner humoristischen Arbeiten stimmte den Autor in einer ganz grundsätzlichen Weise besinnlich. Böll in einem Brief: „Ich habe viel darüber nachgedacht, ob die Satire überhaupt noch eine Waffe ist, gerade angesichts des Erfolges von ‚Doktor Murke‘. Niemand fühlt sich offenbar durch diese Geschichten getroffen oder gar betroffen. Und vielleicht wäre es besser, Ohrfeigen auszuteilen als es auf diese Weise zu versuchen. Alles wird hierzulande zu einem Markenartikel, auch der sorgenannte Nonkonformismus. Und Sie können sich denken, dass mir der Beifall gewisser Studienräte – nicht aller – peinlicher ist als manche harte Kritik. Was die Erfolglosigkeit der Satire betrifft: dasselbe betrifft auch das Kabarett. Es ist formal so gut, dass man den Inhalt kaum noch ernstnimmt. Aber es ist eine ernste Frage, auch für einen Schriftsteller, ob er die Form vernachlässigen, sein Kaliber vergröbern sollte, um seiner Wirkung sicherer zu sein.“
Was Böll über die Tugenden guter Schriftstellerei erklärt, könnte für einen Kabarettisten die Antwort auf die Frage sein, warum er sich der Comedy überlegen fühlt. Der vom Autor in diesem Zusammenhang ebenfalls bemühte Aspekt der Aktualität ist hier gar nicht mal der wichtigste. In seinem Aufsatz über Wolfgang Borchert heißt es über Engagement und Zeitbezug als Ausgangspunkt für das künstlerische Schaffen: „Ein gutes Auge gehört zum Handwerkszeug (…), ein Auge, gut genug, ihn auch Dinge sehen zu lassen, die in seinem optischen Bereich noch nicht aufgetaucht sind.“ Was einfach bedeutet, den Autor Dinge mitdenken zu lassen, die sich im Grunde von selbst verstehen, die aber – unbeachtet gelassen – das gezeichnete Bild beschädigen bzw. verhunzen. Böll bemüht als Beispiel einen Bäcker, dem wir bei der Arbeit zusehen. Wir sehen sein mehlbestaubtes Gesicht und seine knetenden Hände, aber um ihn gut zu charakterisieren (zu parodieren), müssen wir seinen Alltag außerhalb der Backstube mitdenken. „… dieser Mann dort unten im Keller raucht Zigaretten, er geht ins Kino, sein Sohn ist in Russland gefallen, 3000 Kilometer weit liegt er begraben am Rand eines Dorfes, aber das Grab ist eingeebnet, kein Kreuz steht darauf (…). Das alles gehört zu dem bleichen und sehr stillen Mann dort unten im Keller, der unser Brot backt. Dieser Schmerz gehört zu ihm wie auch manche Freude dazugehört.“ Es braucht Fantasie und ein Interesse für die Figur (auch wenn es sich um eine unsympathische handeln sollte), um ihn textlich zu erfassen.

Eine solche Sorgfalt würde freilich jeder Kabarettist – unabhängig von der tatsächlichen Qualität seiner Arbeit – für sich persönlich in Anspruch nehmen (ebenso Dinge wie Durchblick, Relevanz, Wagemut etc.**). Andererseits gewinnt auch jeder gute Stand-Up-Monolog, wenn er die Hintergründe seines Gegenstandes miterfindet und einbezieht. Der selbstgestellte Anspruch taugte also nur dann zum Unterscheidungsmerkmal Kabarett / Comedy wenn man im Grunde gar nicht die Qualität der eigenen Humorsparte meint, sondern von sich selber redet: Ich bin gut, alle anderen sind schlecht, besonders die Comedians.

__________________
* siehe https://blog.montyarnold.com/2021/08/13/dr-murkes-gesammeltes-schweigen-hoerspiel/
** Hierzu ein Beispiel mit Musik: https://blog.montyarnold.com/2016/06/01/suesse-medien-steinzeit-zwei-rueckblicke/

Veröffentlicht unter Buchauszug, Gesellschaft, Kabarett und Comedy, Literatur | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

Wo unser Humor herkommt

Wie kam der Begriff Humor zu seiner heutigen Bedeutung?

Zunächst ist „Humor“ das lateinische Wort für Feuchtigkeit (amid = trocken, humid = feucht). Die Mediziner der Antike führten es auf die Mischung seiner Körperflüssigkeiten – Blut, Galle, Schleim – zurück, wie der Mensch aussah, welche Krankheiten ihn befielen, welches Temperament er entwickelte (von „temperare“ für „mischen“). Demnach verdankte der Sanguiniker seine Fröhlichkeit und Unbeschwertheit dem Blut, während beim Phlegmatiker der Schleim überwog. Das Element der Psychologie fehlte noch in dieser Überlegung. Im Sprachgebrauch des Mittelalters hatten sich die vier Temperamente ausdefiniert: Sanguiniker – Melancholiker – Phlegmatiker –Choleriker. Auch außerhalb der medizinischen Terminologie verstand man unter einem Sanguiniker einen aktiven, kontaktfreudigen Menschen, der oft und gern lachte.
Der englische Literat Ben Jonson (1572-1637) brachte den Begriff „Humor“ in diesen Zusammenhang zurück. Er versuchte in seinen Komödien zu ergründen, warum in seinem Land so viele Exzentriker lebten. Das waren z.B. Leute, die sonntags in den Tower gingen, um sich an den dort eingesperrten Geisteskranken zu ergötzen, ihren Gebärden und Verhaltensweisen. Die Ausgelachten wurden als „Humoristen“ bezeichnet: das waren jene, welche sich – unfreiwillig – dem Gelächter ihrer Betrachter aussetzten. Als Erklärung für ihr albernes Betragen galt der Überschuss am zuständigen Körpersaft (Humoris). Von dort ging der despektierliche Begriff auf den „Man Of Humour“ über: auf den Bürger, der das Verhalten anderer im Alltag parodierte, um sich über sie lustig zu machen.
Solch ein Humorist ließ sich nun freiwillig auslachen. Doch seine Parodien konnten auch kränkend wirken und aus dem Ruder laufen. Auf die pointierten Wortduelle beim Abendessen konnte am nächsten Morgen im Frühnebel ein Duell folgen, um die Ehre wieder herzustellen.

Diese Geschichte ist unter mehreren Gesichtspunkten interessant. Zunächst ist in ihr der gute Ruf, den der britische Humor bei uns bis heute genießt bereits angelegt. Dann verweist sie auf Hohn und Spott als bestimmenden Motor der Komik. Weiterhin ist auch das alte Misstrauen in ihr angelegt, das Politik und Bürgertum den Narren (den Vertretern der leichten Muse) stets entgegenbrachte. Zuletzt hat sich das besonders eindrucksvoll in der Corona-Pandemie gezeigt, als Kultur und Prostitution ganz offiziell der gleiche Stellenwert für das Funktionieren unseres Gemeinwesens zugewiesen wurde.

Veröffentlicht unter Buchauszug, Gesellschaft, Kabarett und Comedy, Literatur, Philologie, Theater | Verschlagwortet mit , , , , | Schreibe einen Kommentar

Die wiedergefundene Textstelle: Tove Ditlevsen über Hässlichkeit

Fortsetzung vom 10.1.2025

Da sie nur selten vor die Tür ging, war ich Frau Thomsen bloß drei- oder viermal begegnet. Ihre Augen waren rot geädert wie die eines Menschen der niemals schläft, und ihre Hässlichkeit war derart vollkommen, dass sie mir eine Art schaudernden Respekt abverlangte. Und gleichzeitig war ich nach unseren Begegnungen noch tagelang von ihrem kalten und gierigen Blick verstört.
Sie hatte ihre Schlafkammer direkt über Vilhelms Zimmer, und ich spürte wie ihre niederträchtigen, schmierigen Gedanken durch die Decke sickerten und sich unauflöslich mit meinen vermischten.
Frau Thomsen verdächtigte ihre Untermieter sämtlicher unaufgeklärter Verbrechen und gönnte sich kaum Schlaf, weil sie fürchtete, den entscheidenden Beweis zu verpassen, sobald sie ihr Kommen und Gehen nicht mehr unermüdlich ausspionierte. Weil mir schon bei ihrem Anblick das Blut in den Adern gefriert, nehme ich an, sie waren schnell wieder verschwunden. Wenn sie nicht freiwillig das Weite suchten, setzte sie sie irgendwann vor die Tür. Sofort waren wieder neue da, bevor sie die Bettwäsche wechseln konnte. Das erzählte sie ihnen jedenfalls mit ihrer heiseren, atemlosen Stimme, die ihren Gedanken hinterherhinkte wie bei einem Stotterer, sich zu einem monotonen Meckern beruhigte, wenn sie zu den munteren Beschreibungen des Lotterlebens ihrer ehemaligen Untermieter überging, die sich von einer armen und kranken alten Witwe, die ihre besten Tage hinter sich hatte, nur schwer zum Studium anhalten ließen.
Frau Thomsen hasste ausnahmslos alle Frauen, die jünger und schöner waren als sie selbst, also ungefähr den gesamten weiblichen Teil der Menschheit. Sie hasste den Mythos von der großen Liebe und sah ihre Zweifel an deren Existenz an jenem Schicksalstag bestätigt. Ich bin mir fast sicher, dass sie auch an diesem Tag im Treppenhaus lauerte, ihr knorpeliges, behaartes Ohr an unsere Wohnungstür presste und hernach zufrieden zu sich hinaufhumpelte.

Diese Passage wurde aus einem längeren Abschnitt von Ditlevsens letztem Roman „Vilhelms Zimmer“ herausgeschrieben.

Veröffentlicht unter Literatur | Verschlagwortet mit , , , | Schreibe einen Kommentar

Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

Veröffentlicht unter Cartoon (eigene Arbeiten), Gesellschaft | Verschlagwortet mit , | Schreibe einen Kommentar

Hemingway und der mittlere Sinnbogen

betr.: Sprechen am Mikrofon / Übung

Beherrschen Sie den mittleren Sinnbogen? Um es zu überprüfen, ist der folgende Auszug aus Ernest Hemingways „Eine Naturgeschichte der Toten“ hilfreich. Lesen Sie ihn laut vor und lassen Sie einen unbestechlichen Mitmenschen dabei zuhören.

Als Mungo Park, jener rastlose Reisende, einst auf seiner Wanderung nackt und allein in der unermesslichen Wildnis einer afrikanischen Wüste kraftlos dahinsank und seine Tage als gezählt ansah und nichts für ihn zu tun übrig schien, als sich niederzulegen und zu sterben, fiel ihm eine kleine Moosblume von außerordentlicher Schönheit ins Auge. „Obschon die ganze Pflanze“, sagte er, „nicht größer als einer meiner Finger war, konnte ich die zarte Bildung der Wurzeln, Blätter und Kapseln nicht ohne Bewunderung betrachten. Kann das Wesen, das in diesem dunklen Erdteil ein Ding wachsen, gedeihen und zur Vollkommenheit gelangen lässt, das von so geringer Bedeutung scheint, ohne Mitgefühl auf die Lage und das Leiden von Kreaturen herabblicken, die nach seinem Bilde geschaffen sind? Gewiss nicht. Überlegungen wie diese erlaubten mir nicht, zu verzweifeln. Ich machte mich auf, weder Hunger noch Müdigkeit achtend, setzte meine Reise fort, überzeugt, dass Hilfe nah war, und ich ward nicht enttäuscht.“

Haben Sie das Wort „erlaubten“ im vorletzten Satz betont – einzig die Silbe „laub“ und keine weitere? Dann haben Sie den mittleren Sinnbogen im Griff.
Sonst nicht.
Das in diesem Satz beschriebene Gefühl der Verzweiflung wird zuvor nicht ausdrücklich erwähnt, wird aber als Bedrohung zu Anfang beschrieben und steht immerzu im Raum. Das Wort „verzweifeln“ darf daher ebensowenig betont werden wie „Überlegungen“, das einzige Hauptwort des Satzes.

________________

Der Schotte Mungo Park unternahm zwei Reisen nach Westafrika, um den Verlauf des Niger zu erforschen. Im Juli 1796 erreichte er als erster Europäer den Niger und erkundete, ausgehend von der Stadt Ségou, den weiteren Verlauf des Flusses. Bei seiner zweiten Reise starb Mungo Park 1806 unter bis heute nicht vollständig geklärten Umständen. Sein Buch „Reisen ins Innerste Afrikas“, in dem er ausführlich Natur und Menschen der Sahelzone beschreibt, wurde zu einem bedeutenden Standardwerk. Mungo Park wurde später auch im Romanhelden: in T. C. Boyles „Wassermusik“.

Veröffentlicht unter Allgemein, Buchauszug, Literatur, Mikrofonarbeit | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

Draio Argento zu Lebzeiten beerdigt

betr.: „Vortex“ von Gaspar Noé (F 2021)

Dario Argento wird nicht zur Hochkultur gerechnet und fällt geflissentlich unter den Tisch, wenn von „Meisterregisseuren“ wie Bertolucci, Bergman oder Scorsese die Rede ist. Das ist ein bisschen unfair, spielt aber in unseren Zeiten eh keine Rolle mehr. Mit dem Ansehen von Kompetenz, Expertise und Einordnung haben die sozialen Medien auch die Schubladen pulverisiert, in die man kulturelle Güter einsortieren kann. Das ist insgesamt bedauerlich, hat aber von Zeit zu Zeit auch mal sein Gutes, denn natürlich ist Dario Argento einer der bedeutenden Kinoregisseure des 20. Jahrhunderts, nur eben in der Nische des blutrünstigen italienischen Thriller- und Horrorkinos. (Der Großregisseur Quentin Tarantino würde diesen Namen sicher nicht übergehen.)

80jährig und älter aussehend hat sich Dario Argento vor einigen Jahren auf ein Projekt eingelassen, das auf mich wirkt als wollte er Buße tun für die vielen unschuldigen Menschen, die er – zumeist in der Blüte ihrer Jugend – vor der Kamera so grausam hat verrecken lassen. Es wäre eine spannende philosophische Frage, ob der Tod, den er in „Vortex“ von Gaspar Noé zu sterben hat, nicht grauenvoller ist als der seiner Figuren: alt werden bis am eigenen Leibe nichts mehr richtig funktioniert, aber noch lange genug leben, um die Frau, mit der man sein Leben verbracht hat, rapide in eine Demenz abgleiten zu sehen.

Das Traurige am Betrachten von „Vortex“ ist weniger sein tragischer Inhalt als die unbefriedigende Art, in der selbiger für uns aufbereitet wird. Und Argento spielt in dieser Fehlkonstruktion die entscheidende Rolle – unterstützt von zwei Kollegen, die ihre Arbeit wiederum ganz fabelhaft machen: Françoise Lebrun (im Film namenlos wie ihr Mann) und Alex Lutz als Stéphane, ihr missratener erwachsener Sohn. Die übrigen, sehr kleinen Rollen – und hier nimmt das Übel bereits seinen Lauf – sind außerordentlich nachlässig besetzt und angeleitet. Es ist wie so oft: Noé war zu faul, sich mit Dingen zu beschäftigen, die er unrichtigerweise für Kleinkram hielt. Er würde sich jederzeit auf die Wahrhaftigkeit herausreden, die von seinen Laiendarstellern ausginge (bla bla…).

Dass der Regisseur hier mit den Improvisationstechniken der Doku-Soap arbeitet, ist nicht verwerflich, nur fällt er damit seinem unerfahrenen Hauptdarsteller in den Rücken, der ein sehr schlechtes Französisch spricht und auf ein Textbuch angewiesen war. Argentos Wortfindungsschwierigkeiten sind komplett unglaubwürdig angesichts der 37 Jahre, die er als gebürtiger Italiener mit seiner Frau in Paris zusammengelebt, in denen er einen Sohn großgezogen und sich einen Namen als Fachautor und Intellektueller (!) gemacht haben soll. Die Überlegungen, die er anstellt, während er an seinem Buch arbeitet – eine philosophische Annäherung an die Traumqualität der Filmkunst an sich – lässt der herzlose Noé seinen greisen Gaststar stammelnd improvisieren. Die abendliche Szene, in der fachsimpelnde Kollegen zu Besuch kommen, versinkt in sinnlosem Gequatsche. Sogar die alltäglichen Versuche des alten Herrn, mit Frau und Sohn zu kommunizieren, machen den Eindruck, als hätte sich ein Autofahrer in eine Gegend verirrt, in der alle Menschen Klingonisch reden.
Noés hübsches Konzept – ein geteilter Bildschirm, der das durch die Krankheit und das Erreichen eines gewissen Alters unversehens getrennte Paar parallel begleitet und ihre Entzweiung sichtbar macht – wird von solchen Nachlässigkeiten immer wieder sabotiert.

Natürlich hat ein Film wie „Vortex“ in unserer überalterten Gesellschaft einiges zu erzählen. Doch um seinen Regisseur für Innovation und Inhaltlichen Wagemut zu loben, ist er einfach zu spät dran. Alles, was Noé hier verhandelt, haben wir in den vergangenen 65 Jahren in sehr unterschiedlichen Filmen schon viel besser gesehen: in Roman Polanskis „Ekel“, Alexander Paynes „About Schmidt“, Michael Hanekes „Liebe“, Bryan Forbes„Flüsternde Wände“ und Dutzenden anderen; inzwischen ist noch Florian Zellers überaus beachtliches Demenzdrama „The Father“ hinzugekommen.
Außerdem gilt: Wer einige Konventionen des Film-Handwerks missachtet, der muss sich um die übrigen umso sorgfältiger kümmern. Daran kommt nicht mal ein Meister wie Michael Haneke vorbei.

Veröffentlicht unter Film, Rezension | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

Harter Hund mit goldenem Herzen

betr.: Hörbuch in der ARD Audiothek

Manfred Zapatka ist ein rarer Fall: ein guter Schauspieler, der ein ebensoguter Interpret von Hörbüchern ist.
Seine Lesung des Hardboiled-Detective-Kriminalromans „Der lange Abschied“ (1954) ist folgerichtig ein großes Vergnügen. Die Aufnahme (1993 vom SWF produziert) ist außerdem geeignet, all jenen, die den oft verfilmten Raymond Chandler nur in Form von Adaptionen kennen, eine Frage zu beantworten, die sich sicher viele schon insgeheim gestellt haben: sind all die coolen Sprüche bei atmosphärisch dichter, aber doch eher wirrer Handlung es wirklich wert, dass man den Autor noch immer als Klassiker handelt. Sie sind es!
Beim Anhören merkt man, wie schwer es gewesen sein muss, Chandler zu verfilmen. Was in den Filmen – auch in den guten – etwas erratisch und unzusammenhängend wirkt, entfaltet in der Ausführlichkeit der Vorlage (auch sie wurde für die Lesung etwas gekürzt) eine ausgetüftelte Dramaturgie. Jede Station von Philip Marlowes Ermittlungen, jedes Gespräch und jedes Ereignis lässt sich unter mehreren Gesichtspunkten betrachten. Die meisten Drehbuchautoren haben sich über die unvermeidlichen Kompressionsverluste ihrer Bearbeitung mit dem Bestreben hinweggetröstet, möglichst viele der schnodderigen Bemerkungen in den Dialog zu retten, die Marlowe Freund und Feind um die Ohren haut. Deren Wirkung ist im Originalzusammenhang freilich eine völlig andere. Robert Towne schafft es in seinem Originaldrehbuch für „Chinatown“ übrigens recht gut, diese Magie auf die Leinwand zu bannen.

Zu Beginn zeigt Manfred Zapatkas Vortrag alle Anzeichen einer Prima-Vista-Lesung auf stabiler handwerklicher Grundlage (minder schwere Betonungsfehler, lange Pausen zwischen den Sätzen, ein durchgehend tastender Vortrag), was sich aber bald legt. Zu diesem Zeitpunkt ist man der Geschichte längst verfallen.

Veröffentlicht unter Film, Hörbuch, Hörfunk, Krimi, Literatur, Mikrofonarbeit, Rezension | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

Schallwellen privat

Das Nebelhorn – ein quadratisches Häuschen mit zwei mächtigen Schalltrichtern -steht in einer felsigen Bucht neben dem Leuchtturm. Dieses alles durchdringende Horn, das gegen den Nebel anbrüllt und den Schiffen mit schaurigem Geheul den Weg durch grauen Nebel weist, hat sich angeblich der schottische Ingenieur Robert Foulis ausgedacht, der im 19. Jh. nach Kanada ausgewandert ist. Das ist fast alles, was es an gesicherten Erkenntnissen gibt. Bei der britischen Autorin, Journalistin und Radiomoderatorin Jennifer Lucy Allan, die ihre Doktorarbeit über Nebelhörner fasst hat, liest sich der schöpferische Moment so: „An einem Abend […] ging Foulis bei dichtem Nebel am Strand spazieren. Noch von dort konnte er hören, wie seine Tochter Klavier spielte, und dabei fiel ihm auf, dass die tieferen Töne lauter klangen als die hohen und besser durch den Nebel drangen. In Nebel eingehüllt, ließ er sich vom Klavierspiel nach Hause leiten.“

Was ersehen wir daraus? Vor 150 Jahren wurden noch keine Partys gefeiert, bei der Rockmusik aus der Stereo-Anlage dröhnte. Wer unter einem solchen Partylöwen wohnt und zu schlafen versucht, der hört die Bässe der Musik deutlicher als den Rest. Ganz ohne Nebel und Klavierschülerin.

Veröffentlicht unter Literatur | Verschlagwortet mit , , | Schreibe einen Kommentar