Die schönsten Filme, die ich kenne (123): „Alles, was wir geben mussten“

Von „Alles, was wir geben mussten“ kenne ich nur die britisch-amerikanische Filmversion von 2010, doch alles deutet darauf hin, dass bereits die Romanvorlage von Kazuo Ishiguro großartig ist, und sogar die Regietheaterfassung (Braunschweig 2021) soll gar nicht übel sein.

Kathy (Carey Mulligan), Tommy (Andrew Garfield) und Ruth (Keira Knightley) wachsen in einem Internat in der englischen Einöde auf. Die Direktorin Miss Emily (Charlotte Rampling in einer gewohnt abgründigen Rolle) betont immer wieder, bei Halisham handele es sich um keine gewöhnliche Schule. Inwiefern das nicht das übliche Gelaber ist, wird den Kindern eines Tages von einer freigeistigen Lehrerin verbotenerweise verraten. Die komplette Abschottung von der Außenwelt, die ständigen ärztlichen Untersuchungen der Kinder haben einen entsetzlichen Grund: sie sind Klone, die ihren Originalen als Organspender dienen werden, sobald sie das junge Erwachsenenalter erreicht haben. Ihr Tod, üblicherweise nach der dritten „Spende“, wird zur „Vollendung“ schöngeredet.
Vor diesem Hintergrund entfaltet sich das kurze Leben der Zöglinge. 
Kathy und Tommy, die schon immer eine besondere Beziehung zueinander hatten, werden kein Liebespaar, weil sich die Dritte im Bunde, Ruth, dazwischendrängt. Sie tut das weniger aus Liebe, wie sie später gestehen wird, als vielmehr aus Eifersucht auf das sich anbahnende Glück der beiden anderen Todgeweihten.
Auch aus Kummer über diese Entwicklung bewirbt sich Kathy als Betreuerin, schiebt damit ihre eigene Ausweidung ein wenig auf und verliert ihre Jugendfreunde aus den Augen. Das Wiedersehen mit ihrer unerfüllten Liebe Tommy, wenige Jahre später, ist zugleich ein Abschied …

Die jungen Menschen in dieser Geschichte nehmen ihre völlige Rechtlosigkeit als so selbstverständlich hin, dass sie gar nicht auf den Gedanken kommen, dagegen aufzubegehren. Es ist nicht einmal nötig, sie einzusperren oder aufwendig zu bewachen. Lediglich eine gewisse elektronische Kontrolle erinnert uns daran, dass wir es hier mit einer Dystopie zu tun haben.
Deren genretypische Tücken werden gekonnt unterlaufen: die Handlung spielt nicht in der Zukunft, sondern in einer Parallel-Vergangenheit (zuletzt in den 90er Jahren), in der die Medizin bereits vollbracht hat, was ihr in der Realität erst noch gelingen wird. Auf die Alltagsgesellschaft, die diese grausame Praxis offenbar duldet, erhaschen wir nur einen flüchtigen Blick auf einem verschämten Ausflug, den die Helden dorthin unternehmen. Gerade von der gemütlichen Spießigkeit dieser Normalität, von der keine Hilfe zu erwarten ist, geht eine große Verstörung aus. Der kluge Verzicht auf eine Horrorvision aus Gotham-City-Schnickschnack und einem augenrollenden Diktator oder Organ-Dealer im Hintergrund ist vermutlich Kazuo Ishiguro zu verdanken, der entscheidenden Anteil an der filmischen Umsetzung seines Romans hatte.

Die Indoktrination, die dieses Unrecht möglich macht, wird von einer Internatschefin gelenkt, deren Talente und Ambitionen den Opfern immerhin ein Aufwachsen außerhalb einer anonymen „Legebatterie“ ermöglichen. Überhaupt ist ihr Institut bei aller Strenge so märchenhaft schöngeistig gezeichnet, dass der Gedanke ein wenig viel verlangt ist, es würde auf britischem Boden betrieben – im Hauptland der systematischen Schikane und Misshandlung junger Menschen in Internaten.
Auch die Schlussworte in Kathys Monolog sind bedauerlich, formulieren sie doch nur aus, was wir längst selbst begriffen haben.
Ansonsten lässt sich dieser Film nichts zuschulden kommen.

Die drei jungen Hauptdarsteller sind großartig, besonders Kathy und Tommy – Keira Knightley ist fast ein wenig zu glamourös. Carey Mulligan wirkt wie das klügste Mädchen, das sich denken lässt, und trotzdem glauben wir ihr die gewaltige geistig-moralische Blindstelle, auf der ihre Fügsamkeit aufbaut. Andrew Garfield – populär geworden vor allem durch seine Fehlbesetzung als Peter Parker in drei Spider-Man-Filmen – spielt den Absturz vom lebensfrohen Wuschelkopf zum wandelnden Leichnam (der sein heiteres Naturell wacker aufrecht hält) mit der verstörenden Authentizität einer Langzeit-Dokumentation. Der Wikipedia-Artikel über den Schauspieler übergeht diese Leistung.

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Endlich Tempo auf dem Zauberberg!

betr.: 22. Todestag von Gert Westphal / Erscheinungsjubiläums des Romans „Der Zauberberg“ (am 20. November)

Mit welchem Widerwillen die ARD auch in Zeiten von digitalem Angebot und schwindendem Ansehen beim heute lebenden Publikum ihr Programm herausrückt, lässt sich derzeit in der ARD Audiothek erleben. Des 100. Geburtstags von Thomas Manns „Zauberberg“ entledigt sich der NDR mittels einer fünfteiligen Abfolge von Auszügen in der Sendereihe „Am Morgen vorgelesen“ (wie üblich eine Woche lang nachhörbar). Das rbb-Kulturprogramm „radio 3“ sendet die ganze (leicht kürzte) Lesung von Gert Westphal aus dem Jahre 1983 im linearen Programm und stellt sie parallel in die Mediathek. Allerdings steht jede einzelne der 40 Folgen dann nur eine Woche lang zum Nachhören bereit. Wem dieser Roman also schon immer etwas zu langsam erzählt und zu ereignisarm war, der kann ihm jetzt im Online-Angebot der ARD hinterherhetzen.

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Die wiedergefundene Textstelle: Hypnose für Einsteiger

Victor Cannings Originaldrehbuch „Verräter“ (1967 für das ZDF) ist eine Gipfelleistung, die nebenbei ihr illustres Schauspielerensemble sehr gut aussehen lässt. Ihre Qualität wird umso deutlicher, wenn man diesen Dreiteiler mit anderen ähnlich formatierten deutschen TV-Krimis der Ära vergleicht. Die beiden meistbeschäftigten Autoren dieses Komplexes – Francis Durbridge und Herbert Reinecker – werden heute beilläufig als „Kult“ durchgewunken, würden aber jeden von uns intellektuell entsetzlich quälen, der sie sich eine ihrer Arbeiten tatsächlich in voller Länge anschaut. Cannings Buch ist lebensnah und frei von ärgerlichen Klischees, was für eine Spionage-Geschichte damals wie heute beachtlich ist.
Die folgende Szene gehört in die Kategorie „Verwertung einer Recherche in einen Dialog“ – ein unterschätzter handwerklicher Vorgang.*
Die erwähnte Miss Linton ist eine Varieté-Künstlerin, bei der sich Canning möglicherweise von John Buchans „Mr. Memory“ hat inspirieren lassen, einer Schlüsselfigur im von Hitchcock verfilmten Roman „The 39 Steps“. Der Regisseur griff für seinen letzten Film wiederum zu Canning. „The Rainbird Pattern“ gelangte als „Familiengrab“ auf die Leinwand.**

„Was heißt das, sie schläft?“ stieß Tannikov ärgerlich hervor, als er mit Dr. Friedland sein Büro betrat. „Sie sollten sie hypnotisieren, deshalb sind Sie hier!“
Die Herren verteilten sich auf beide Seiten von Tannikovs Schreibtisch, nur Dr. Friedland nimmt Platz.
„Ich weiß nicht, ob Ihnen bekannt ist, dass kein Mensch gegen seinen Willen hypnotisiert werden kann“, entgegnete Dr. Friedland aufgeräumt. „Außerdem braucht man dazu Ruhe und Konzentration. Glauben Sie, dass Miss Linton besonders ruhig ist, nachdem Sie sie mit Gewalt entführt haben?“
„Und weiter!“
„Es gibt da zwei Erklärungen: entweder sie will sich nicht von mir hypnotisieren lassen, oder sie ist überhaupt nur durch ihren Bruder zu hypnotisieren!“
„Was heißt das?“ fragte Tannikov und setzte sich nun ebenfalls. Seine Verärgerung wich einer berufsmäßigen Neugier.
„Wir nennen das eine Sperre. Wenn Mr. Linton seine Schwester regelmäßig hypnotisiert, dann bedarf es zwischen den beiden nicht jedesmal eines umständlichen neuen Hypnoseversuchs, sondern Linton wird eine Signalhypnose eingerichtet haben. Dabei kann das Signal irgendein X-beliebiger Gegenstand oder irgendein Wort sein, das die beiden miteinander verabredet haben. Sobald Linton den Gegenstand anfasst oder das Wort ausspricht, fällt seine Schwester in Hypnose.“
„Soll das ein Witz sein?“
Friedland schmunzelte. „In Ihrem nächsten Urlaub können Sie mich in meiner Klinik besuchen, dann werde ich Ihnen eine Signalhypnose vorführen. Mein Medium ist ein junger Mann. Wir benutzen ein Stück Kreide. Damit er nun nicht jedesmal in Hypnose fällt, wenn irgendjemand zufällig einmal ein Stück Kreide berührt, habe ich ‚gesperrt‘. Das heißt, ich habe ihm in Hypnose befohlen, dass nur ich ihn hypnotisieren kann. Und Linton wird es mit seiner Schwester ähnlich gemacht haben.“
„Ja, können Sie diese Sperre nicht durchbrechen?“
„Nein. Das ist ja gerade der Sinn einer Sperre, dass man sie nicht durchbrechen kann, oder jedenfalls nur sehr schwer. Man braucht sehr viel Zeit dazu.“
„Na, wie lang?“
„Das kann ich jetzt noch nicht sagen.“
Tannikov erhob sich und kam hinter dem Schreibtisch hervor. „Ich habe Ihnen erklärt, warum ich diese Namen unbedingt brauche. Was schlagen Sie vor?“
„Besorgen Sie sich auch den Bruder! Er wird seine Schwester hypnotisieren, und Sie haben, was Sie brauchen.“
„Das dürfte unmöglich sein.“
„Versuchen Sie’s wenigstens. Oder geben Sie mir die Möglichkeit, mich in aller Ruhe mit Miss Linton zu beschäftigen. Am besten, ich nehme sie mit in meine Klinik.“
______________________
* Roald Dahl ist einer der Meister auf diesem Gebiet, siehe https://blog.montyarnold.com/2021/11/23/roald-dahl-2/
** Siehe https://blog.montyarnold.com/2018/08/05/die-schoensten-filme-die-ich-kenne-72-familiengrab-2/ und https://blog.montyarnold.com/2024/03/11/aus-dem-schoss-der-familie-gekrochen/

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Es war einmal: Die Saftschubse

Henry Cooper fand im Vorderteil der Maschine einen Fensterplatz und stellte die Tasche auf den Mittelsitz neben sich. Den dritten Platz nahm eine kräftig gebaute Frau in einer hellblauen Hose ein, die für den Umfang ihres Gesäßes zu knapp war. Sie zwängte eine riesige Handtasche neben die andere auf dem Mittelsitz und breitete über beide einen schweren Pelzmantel.

Diese Zeilen aus „Die Flugtasche“ – einer Kurzgeschichte von Graham Greene, die ihren Sarkasmus gar nicht gegen das Fliegen an sich richtet – machten mir noch einmal bewusst, wie sehr ich diese Art der Fortbewegung hasse, wie lächerlich die Kluft ist, die sich zwischen ihrem Anspruch, Luxus und Weltläufigkeit vorzutäuschen und den immanenten Demütigungen auftut, die sie praktisch jedem mehr oder weniger deutlich antut, der sich darauf einlässt. Das gilt auch und insbesondere für das Bordpersonal, dessen permanente Gefangenschaft in dieser erstickend-lächerlichen Parallelwelt ja viel umfassender ist als die selbst des reiselustigsten Geschäftsmannes oder Außenpolitikers.

Mir fiel ein Ausdruck wieder ein, den ich seit Jahrzehnten nicht mehr gehört oder gedacht habe: „Saftschubse“. Das ist abfällig für „Flugbegleiter“. Wohlgemerkt: für die männliche Variante dieses Berufs, der in der üblicheren weiblichen Variante Stewardess heißt.
Diese männliche Variante – das wird durch die feminine Struktur des launigen Schimpfwortes deutlich – schließt Homosexualität mit ein. Flugbegleiter waren noch ausdrücklicher schwul als Balletttänzer oder Friseure. Und sie brauchten all die Langmut und den lebensnotwendigen Masochismus, die sie ihre gesellschaftliche Situation gelehrt hatten.

Unter den Homosexuellen der 80er und frühen 90er Jahre – so lange ist diese Bezeichnung mir nicht mehr begegnet – galt der Beruf der männlichen Stewardess als – erraten! – weltläufig und luxuriös. Er verströmte einen Glamour, der seinerzeit Prominenten vorbehalten war. Und dies zu einer Zeit als die multiplen Abstufungen nach unten – bis hinunter zur Dritt- oder Z-Prominenz – noch nicht in der heutigen Form existierten.

Homosexuelle hatten in jenen Tagen in der westlichen Zivilisation nicht viel zu lachen, wenn sie nicht zu der verschwindenden Randgruppe innerhalb der Randgruppe gehörten, die sich in einem sie ausfüllenden Beruf eingerichtet hatte („was mit Medien“, wie man später gesagt hätte), in der Stadt lebte und sich wegen ihrer Neigung nicht allzusehr selbst die katholisch anerzogene Hölle heiß machte.

Was aber war denn nun so begehrenswert und schillernd am Flugbegleiten? Die große Welt (von der man berufsalltags ja nichts zu sehen bekam)? Die Bereitstellung der Arbeitskleidung durch die Airline (- es gibt schräge Vorlieben da draußen …)? Das Gefühl, über den Dingen zu schweben (oder ähnlicher quasiphilosophischer Mist)?
Ich will ehrlich sein – ich weiß es nicht. Über solche Dinge haben wir damals in der Subkultur nicht miteinander gesprochen.
Meine Theorie: die Attraktivität des Berufs ging von der Option aus, jemand anderen, mit dem man nicht verwandt oder verschwägert war, als Gratis-Mitflieger eintragen zu lassen (ich habe den bürokratischen Fachbegriff vergessen). Das versprach der Saftschubse zusätzliche Beliebtheit und einen sozialen Aufstieg innerhalb ihrer Community.

Außerdem dürfte ein Grund eine Rolle gespielt haben, über den auch und gerade unter Heterosexuellen lieber geschwiegen wird: Wer fliegt, erspart sich das Leben zuhause.

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Die wiedergefundene Textstelle: Putzis Prolog

betr.: 49. Todestag von Ernst Hanfstaengl

Noch bis vor gut zehn Jahren wurde im Rang eines geflügelten Wortes immer mal wieder die Frage gestellt, wie es auf dem Boden einer Kulturnation zum Dritten Reich kommen konnte. Das hat zuletzt ganz aufgehört – inzwischen beantwortet sich diese ohnehin rhetorisch gemeinte Frage in der gesellschaftlichen Praxis gewissermaßen von selbst.
Schon zuvor gab es ein Buch, welches mir das Gefühl gab, dass unser allgemeines Kopfschütteln über die Toren, die den skurrilen Diktator einst hochkommen ließen, etwas wohlfeil sein könnte.
Ernst („Putzi“) Hanfstaengl ist ein detailreicher und schnurriger Chronist des Aufstiegs der Nationalsozialisten und ihrer ersten Regierungsjahre. Bereits die kurze Vorgeschichte seiner Erinnerungen „Zwischen Weißem und Braunem Haus“ (ein unglücklicher Titel, nicht nur wegen der unrichtigen Reihenfolge in der Aufzählung) macht das deutlich – und damit wohl auch den Grund dafür, dass diese Quelle bis heute so ungern seriös ausgewertet wird. Hanfstaengls persönliche und private Einblicke mögen auf die Nachgeborenen etwas schwatzhaft und unangemessen humorvoll wirken (was ihnen insgesamt unrecht tut), die Eitelkeit des Erzählers macht sie weiterhin angreifbar. Mindestens letzteres sollte man vernachlässigen. Nur grundlose und uneingestandene Eitelkeit ist ärgerlich. Der Erzähler muss sich zuletzt zur netteren der beiden gleichermaßen naiven Gruppen rechnen, die den Falschen unterstützt haben.

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Abschiedskonzert für Uncle Walt

betr.: 33. Todestag von Fred MacMurray

Fred MacMurray hat unter Billy Wilders Regie mit großem Erfolg einen besonders miesen Typen verkörpert, ohne dass es seiner Beliebtheit geschadet hätte: den Versicherungsmakler, der sich von der „Frau ohne Gewissen“ zu einem Mord überreden lässt. Doch erst sein gefühlskalter Ehebrecher in „Das Appartement“, 15 Jahre später wiederum mit Billy Wilder, schockierte das Publikum derart, dass der Schauspieler künftig auf fiese Rollen verzichtete, dramatische Stoffe mied und – wie es in der Fachliteratur heißt – „ins Disney-Lager auswich“. Da es sich dabei um die Realfilme der Disneys handelte, deren Ansehen weit unterhalb dem der Zeichentrickarbeiten lag, war das eine bedauernde Anmerkung.
MacMurrays am häufigsten im Fernsehen wiederholte Rolle aus dieser Sparte dürfte „Der fliegende Pauker“ sein.
Gänzlich vergessen hingegen ist sein Musical-Part als exzentrischer Millionär in „The Happiest Millionaire“, dem letzten Film, dessen Fertigstellung der todkranke Walt Disney noch erlebte. Tommy Steeles Signature-Song „Fortuosity“ tauchte in alter Zeit noch hin und wieder auf Disney-Samplern auf. Inzwischen ist das Repertoire so sehr angeschwollen, dass für derlei kein Platz mehr ist.  

In seinem ersten Song legt Fred MacMurray (oben Mitte) Wert darauf, seine Familie versammelt zu sehen. Auf der Plattenhülle des Soundtrack-Albums war ihm das vergönnt, und sogar Uncle Walt (unten Mitte) stellte sich mit dazu.

„Der glücklichste Millionär“ ist eine Arbeit der Top-Komponisten des Tages im Bereich „Musical für die ganze Familie“ * und gehört rein musikalisch zu den besten Partituren der Sherman-Brothers. Für das Werk insgesamt gilt das nicht, aber „Mary Poppins“ und „Das Dschungelbuch“ sind nun einmal schwer einzuholen.
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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2024/05/26/richard-m-sherman/

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Die Methode Hulot

betr.: 117. Geburtstag von Jacques Tati

Mit seinem zweiten und gefeiertesten Film „Die Ferien des Monsieur Hulot“ hat Jacques Tati „eine klassische Figur der Filmkomödie geschaffen“, lobt Peter Wiesmeier in „100 Filme“, „ein Neutrum, ein weißes Blatt Papier, ein emotionsloses Wesen mit Kommunikationsproblemen – jeder kann in ihn etwas von seinen eigenen Abneigungen, Sympathien und Schwierigkeiten hineinprojizieren. Jeder kann mit diesem Ritter der komischen Gestalt mitreiten im Kampf gegen die Tücke des Objekts“. Spätestens mit dem besagten Film gelang Tati sogar noch etwas anderes: er hat – ein knappes halbes Jahrhundert, nachdem seine Landsleute das Kino und den filmischen Slapstick erfunden und die Amerikaner diesen veredelt und verfeinert hatten – das Kunststück fertiggebracht, diese Humorgattung auf eine neue Stufe zu heben und um eine Variante zu erweitern. Sie ergänzt die physische Stummfilm-Komik um die Ton-Ebene – Geräusche spielen eine große Rolle, und auch Sprache wird als Geräuscheffekt eingesetzt – und dämmt sie auf Details, aufs Kammerspiel herunter. Ihre Ereignisse tragen sich in einem geschlossenen Raum zu oder sie verlieren sich unter freiem Himmel in einem größeren Bild, in dem sie nur einen winzigen Ausschnitt bespielen; bei Tati gern zugleich mit mehreren Parallel-Phänomenen. Vor allem in Europa haben nachfolgende Generationen von Komikern dieses Feld intensiv bespielt, etwa Loriot oder The Monty Python. Rowan Atkinson alias „Mr. Bean“ hat sich sogar darauf konzentriert.

1949 war die Premiere von Tatis erstem Spielfilm „Tatis Schützenfest“ („Jour de Fête“), der auf der Varieténummer „Schule der Briefträger“ basiert, „eine Art nationales Ereignis, die Gewissheit, dass das komische Kino Frankreichs seine Wurzeln wiedergefunden hat, die verschüttet waren, seit (…) dem Werk Max Linders, das 1925 abbrach.“ (Pierre Philippe in „Jacques Tati – Le rire démocratique“).  

Was Tatis innovatives Konzept für das Publikum bedeutete, beschreiben Ronald M. Hahn und Volker Jansen in „Kultfilme“ aus eigener Betrachtung. 1963 nutzte der 13jähige Rezensent („mit dreijähriger Kinoerfahrung“) die bundesdeutsche Wiederaufführung von „Die Ferien des Monsieur Hulot“ für eine Analyse, nachdem er sich 36. Wochen über den anhaltenden Erfolg im örtlichen Kino gewundert hatte. „Ich war gut vorbereitet, hatte ich doch kurz vorher – wie ich dachte – amerikanische Spitzenleistungen auf dem Gebiet des Humors gesehen, etwa ‚Der fliegende Pauker‘ oder einige JerryLewis-Filme, und jedesmal war ich vor Lachen kaum aus der Türe gekommen.“ Die monothematische Situations-Revue von „Monsieur Hulot enttäuschte mich auf der ganzen Linie. Doof und albern, war mein fachmännisches Urteil. Man konnte ja kaum etwas verstehen, nicht einmal zusammenhängende Sätze, komische Geräusche, gar keine richtige Handlung, nur ein Episödchen nach dem anderen, alles nur durch den Urlaubsort und diese unmöglich stolzierende Person zusammengehalten“ – bis hierher eine gute Zusammenfassung von Tatis Arbeitsweise – „allenfalls ein Vergnügen für Sechsjährige und Infantile! Mir war die Reaktion des Publikums dabei völlig unverständlich. In der einen Ecke des Kinos platzen regelmäßig wohlstandsdicke Bäuche vor Lachen, aus der Mitte wieherndes Gelächter, dann dumpfe Hohos und in der anderen Ecke kräftige Hahas – die Zuschauer gingen vor Vergnügen mit, ohne dass es zu solchen generellen Lachsalven kam, wie ich sie von den Vorstellungen amerikanischer Humorergüsse her kannte.“ Mit etwas Abstand staunte der Autor allerdings, wie gut ihm dieser Hulot im Gedächtnis geblieben war, wie gern er ihn 20 Jahre später wiedersah. „Und da wurde er mir klar, der Unterschied zur amerikanischen Gag- und Lachsalvenfabrik! Tatis Film ist ein ruhiger Film mit langen Einstellungen, in denen viele Ereignisse und Gags gleichzeitig ablaufen. Je nach Wahrnehmungsfähigkeit entsteht im Kopf des Betrachters ein mehr als nur um Nuancen anderer Film. Jeder Zuschauer sieht seinen eigenen Hulot-Film. (…) Der Zuschauer soll selbst entscheiden können, was er sehen möchte oder nicht.“   

Der detailbesessene Autor / Regisseur / Hauptdarsteller Tati nahm sich für jeden seiner Filme mindestens vier Jahre Zeit. Er holte sich seine Anregungen auf ausgedehnten Spaziergängen durch Paris. Auf diese Weise brachte er es nur auf fünf fertiggestellte Filme, von denen ihn alle bis auf den ersten in seinem Hulot-Charakter zeigen.

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Lesen vom Blatt – Lange Sätze

betr.: Sprechen am Mikrofon / Übung

Wann immer sich Ray Bradbury außerhalb der Science-Fiction betätigte, meinte man ihm die Freude darüber anzumerken, wie souverän er jederzeit aus seiner großen, offiziellen Schublade herauszusteigen in der Lage war. Seine große stilistische Leidenschaft pflegte er genreübergreifend: die kolossale Wandmalerei. Eine seiner berühmtesten Erzählungen, „Der illustrierte Mann“, könnte geradezu um die Schilderung herum entstanden sein, die Bradbury den Tätowierungen auf dem Körper des Helden widmet – und den Ideen, die sie in einem Betrachter auslösen, der die nötige Muße und Phantasie mitbringt.
In der Kurzgeschichte „Zur warmen Jahreszeit“ schildert der Autor das andere Extrem. Sein Gegenentwurf zu jener Hautverzierung, die man nicht mehr loswird, ist das Panoramabild, das der alte Picasso in den Meeresstrand kritzelt. Als er die letzten Figuren zeichnet, haben die Wellen die ersten längst wieder weggewischt.

Denn dort am flachen Ufer waren Bilder griechischer Löwen, mediterrane Ziegen, Mädchen mit Fleisch aus Sand wie Goldpuder, Satyrn, die auf handgeschnitzten Hörnern bliesen, und tanzende Kinder, die am Strand entlang Blumen streuten, von springenden Lämmern gefolgt, Musikanten, die zum Klang ihrer Harfen und Leiern hüpften, Einhörner, die Jünglingen nachjagten, auf ferne Wiesen zu, Tempelruinen und Vulkane.

Die Hand mit dem hölzernen Stift dieses Mannes, der sich in Fieber und Schweißregen vorbeugte, schrieb, knüpfte und schlang eine ununterbrochene Linie am Ufer entlang, herum, herüber und hinauf, quer darüber hin, hinein, hinaus, stockte, flüsterte, verharrte und eilte dann weiter, als müsste dieses wandelnde Bacchanal zu Ende gedeihen, bevor das Meer die Sonne ausgelöscht hatte.

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Die wiedergefundene Textstelle: Demonstration einer Superwaffe

betr.: 97. Geburtstag von Steve Ditko

An dieser Stelle ist schon häufiger darüber nachgedacht worden, wo sich in Leben und Werk von Steve Ditko Spuren der Philosophie von Ayn Rand finden, die er über die Maßen verehrte.
Ihr zweiter Mammutroman „Atlas wirft die Welt ab“ (1957) enthält neben viel philosophischer Botschaft (über deren Wert oder Unwert seit Jahrzehnten einer vom anderen abschreibt, ohne das Buch zu kennen) auch einen Polit-Thriller mit phantastischem Einschlag. Daraus sei diese Passage aus dem Anfang des Kapitel III „Gegen die Gier“ – enthalten im Teil 3 „A ist gleich A“ wiedergegeben.
Die Szene erinnert an den Beginn von „The Incredible Hulk“, eine Arbeit von Stan Lee und Jack Kirby, zu der Steve Ditko später hinzustieß.

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