Gemeinsam das Lesen verlernen

Schon in der Grundschule wurde uns beigebracht, wie man nicht liest. Wir verbrachten mehrere Deutschstunden mit jedem Lesestück. Reihum kamen wir dran und mussten den gleichen Text immer wieder laut vorlesen. Das holperte und stolperte, dass es eine Unlust war. Wort für Wort wurde laut vom Blatt abgelesen – eines nach dem anderen, ohne den Satz zu verstehen, ohne Sinnbogen und Subtext. Ein Kind las, alle anderen hörten, wie schlimm das ist: Lesen. Und lernten sonst nichts dabei. Unterbewusst blieb der Text mit der Zeit in unseren Hirnwindungen hängen – phonetisch. Wie ein Lied in einer Fremdsprache. Oder ein Nonsensgedicht.
Wer Glück hatte, der kam erst als 15. an die Reihe und dann wieder als 41. – so dass er die Geschichte auswendig konnte, wenn er es wieder versuchen musste.
Der Lesekompetenz half das nicht, es war eine Gedächtnisübung. Die traurig-resignierten Korrekturverrenkungen der Lehrerin prägten sich mit ein, wobei die Gute natürlich unmöglich alle Fehler hätte bemängeln können. Sie beschränkte sich auf die allerschlimmsten – sonst wären wir in einem Schuljahr niemals mit einem Lesestück fertiggeworden.
Irgendwann war der Text dann so totgeprobt, dass unser Geschichtenzentrum taub wurde und wir die Worte im Grunde gar nicht mehr wahrnahmen. Mittlerweile hatten wir aber Routine und klangen so flüssig, dass ein zuhörender Klingone (oder sonst ein nicht des Deutschen Mächtiger) den Eindruck eines souveränen Vortrags gewonnen hätte. Dann klatschte die Lehrerin einmal in die Hände, und es wurde eine neue Geschichte aufgelegt. Der ganze Horror begann von vorn. Alles Gemerkte und Eingeprägte wurde wertlos. Dafür lernten wir eine Lektion fürs Leben: es wiederholt sich alles, es geht immer wieder von vorne los, und harte Arbeit lohnt sich nicht.
Das war mein Deutschunterricht.
Dass er mir die Kraftquelle des Lesevergnügens nicht auf ewig versperrt hat (wie es einige Jahre später der Französischunterricht mit dem Beherrschen der französischen Sprache tat), verdanke ich den Comics, mit denen ich schon als Vierjähriger lesen lernen durfte.

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Greater Comic Relief

betr.: Humor der Masse

Fortsetzung vom 20.9.2024

Auch in „Alien“ (1979) gibt es eine Szene, in der das Kinopublikum immer wieder in Gelächter ausbricht, ein weiterer comic relief in einem zutiefst erschütternden Film – wenn es auch hier, anders in „King Kong“ (1933), sehr unwahrscheinlich ist, dass der Regisseur das so beabsichtigt hat.
Wenn dem leichtsinnig an wieder Bord geholten Astronauten Kane, der scheinbar von der Attacke des Face-Huggers genesen ist, beim Abendessen plötzlich das Alien aus der Brust springt, können wir es gut in Augenschein nehmen. Ehe es flieht und sich im Schiff versteckt, macht es einen seltsam harmlosen Eindruck. Der Comickünstler Ralf König, ein großer Verehrer des Films, gehört selbst zu denen, die mehrmals im Kino (mit)lachen mussten. Er hat das Monster in dieser Szene als ein Muppet wahrgenommen (die „Muppet Show“ liebt er ebenfalls, was ihm aber nicht half), das der Wirkung des Films schadete. Auch die Szene in „Der Exorzist“ (1973), in der die vom Satan besessene Linda Blair ihren Kopf rotieren lässt, hatte auf ihn eine solche Wirkung.

Eine von Linda Blairs Eulen-Routinen aus „Der Exorzist“.

Historisch ist das Beispiel „Sunset Boulevard“ (1950). Dieses Drama wird aus dem Off von einem Toten erzählt, der uns berichtet, wie er ums Leben kam. Der Film sollte ursprünglich mit der Einlieferung ins Leichenschauhaus eröffnet werden. Leider lachte sich das Testpublikum halbtot, als das Namensschild am großen Zeh der Leiche befestigt wurde. Billy Wilder, der sein Publikum grundsätzlich sehr gern lachen hörte, war in diesem Fall entsetzt und ließ die Szene sofort herausschneiden.

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Orchestrated Right – Die besten Arrangements, die ich kenne (13)

Im Laufe des Films „Radio Days“ von Woody Allen und später, unter den ersten Schlusstiteln, wird eine instrumentale Schellack-Version von Kurt Weills „September Song“ gespielt – leider jeweils mit einem Voice-Over darüber. Macht ja nichts, dachte ich mir, ich werde diese Aufnahme ja sicher bald auf einem der zahlreichen Woody-Allen-Sampler finden, die die von ihm benutzten Stücke (meistens Jazz-Standards mit frühen Interpreten der Pop-Geschichte) regelmäßig versammeln. Auf einer dieser Platten hatte ich den „September Song“ auch bereits gesichtet, allerdings in der Version von Harry James, die nicht ganz zu der Fassung im Film hinaufkommt.
Ich hielt das für eine kleine Nachlässigkeit (als Filmmusik-Plattensammler ist man derlei weiß Gott gewohnt) und freute mich auf die Begegnung mit einer anderen Zusammenstellung und dem gewünschten Track.

Die Sampler kamen und gingen, doch immer war dort Harry James zu hören wie eine offizielle Urlaubsvertretung.
Des Rätsels Lösung: Allen hatte seinen Musikchef Dick Hyman gebeten, den „September Song“ „im Eddy Duchin Style“ neu aufzunehmen, und ihn klangtechnisch so behandeln lassen, dass er zu den Originalaufnahmen passte, die sonst im Film gespielt wurden. Meines Wissens ist diese Aufnahme nie veröffentlich worden. Es ist für mich die schönste überhaupt – selbst wenn ich die unzähligen großartigen Vokalversionen und die meines Lieblings-Bandleaders Harry James mitrechne.

So musste ich mich leider irgendwann fügen und mir Hymans „September Song“ aus dem Film zusammennudeln. Inzwischen habe ich die Off-Sprache von Allens deutscher Stimme Wolfgang Draeger sogar als integralen Bestandteil der Aufnahme lieben gelernt. Und doch bleibt dieses Stück eine der großen Lücken in meiner Sammlung. Und in meiner Seele.

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Befristet unsterblich

Zum Tode von Maggie Smith

Maggie Smith hat sich ziemlich dicht an Woody Allens Begriff von der Unsterblichkeit herangepirscht. Als der große Regisseur mal etwas billig mit dem Hinweis getröstet wurde, durch seine Filme sei er jetzt schon unsterblich, antwortete er, er zöge es doch vor, lieber tatsächlich am Leben zu bleiben.
So hat es auch die noch etwas ältere Kollegin Maggie Smith bisher geschafft, selbst bei den jugendlichen Zielgruppen präsent zu bleiben: weiterleben und weiter arbeiten.

Aus dem Munde dieser großartigen Komödiantin (darauf läuft es mal wieder hinaus) wirkten sogar die tuntig-faden Hüstelwitzchen in „Downton Abbey“ wie OscarWilde-Einlassungen. „Der Spiegel“ (sicherlich ein freundlicheres Organ als dieses) sagt dazu, Smith, die „jeden noch so brillanten Dialogsatz weiter zuspitzen und punktgenau ins Ziel bringen konnte, war mit ihrem wunderbar ausdrucksvollen Gesicht auch jederzeit in der Lage, der Komik Melancholie beizumischen“.
Melancholie und Erstaunen. Wer genau hinsah, konnte bei ihren Auftritten als Violet Crawley bei jeder „Punktlandung“ ein winziges Kräuseln in ihrer Mimik erkennen, das zu sagen schien: „Faszinierend, was heute alles beim Fernsehen durchgelassen wird.“
Maggie Smith wusste: das Miterleben des kulturellen Niedergangs ist der Haken an der Unsterblichkeit.

Mir ist Maggie Smith in einem meiner Lieblingsfilme erstmals aufgefallen: in „Hotel International“*, einer All-Star-Schnulze, die großen Kitsch auf handwerklich höchstem Niveau zu bieten hatte. Hier stammten die Texte noch von Terence Rattigan. (Sein ewiges Leben endete 1977.)
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* Siehe auch https://blog.montyarnold.com/2017/04/25/die-schoensten-filme-die-ich-kenne-23-hotel-international/

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The Man Who Made Us Laugh

betr.: 21. Todestag von Donald O’Connor

Nach allgemeiner fachlicher und privater Einschätzung vieler Slapstick-, Musical-Klassiker– und Entertainment Freunde ist Donald O’Connor der vielseitig begabteste jener Sänger-Tänzer-Schauspieler gewesen, die in den Glanzzeiten des Filmmusicals tätig waren. Eine solche Bewertung muss uns natürlich provozieren – wenn wir uns Namen wie Kelly, Astaire oder Davis jr. in Erinnerung rufen. Die Provokation mag mit dem legendären Novelty-Act „Make ‘Em Laugh“, O’Connors Solo aus „Singin‘ In The Rain“, besänftigt werden. Doch leider war der Künstler bei Universal unter Vertrag und wurde an das wichtigste Musical-Filmstudio MGM nur ausgeliehen. Somit war er vom angemessenen Dauer-Einsatz in den einschlägigen Genre-Glanzleistungen abgeschnitten.

Außerdem verkörperte Donald O‘Connor jenen  jungenhaft-unschuldigen Typus eines Komikers, dessen Wirkung – ähnlich wie bei Harry Langdon, Buster Keaton und Stan Laurel (aber anders als bei Oliver Hardy) – das zunehmende Alter die Grundlage entzieht. Der Niedergang des Filmmusicals Ende der 50er Jahre kam hinzu und besiegelte den Katalysator all der misslichen Faktoren: den Alkoholismus.
So war es ein tröstlicher Moment, Donald O’Connor in der Jack-Lemmon/Walter Matthau-Altersklamotte „Tango gefällig?“ (1997) noch einmal wieder- und sogar an Deck tanzen zu sehen.

Die Fotos stammen aus dem bedeutungslosen TV-Musical „Olympus 7-0000“ (1966), dessen Songs gar nicht übel sind. Auf der Plattentasche findet sich diese biographische Information:

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Warum früher unter Umständen alles besser war

Dass früher alles besser war, ist ein oft gehörter Standpunkt, der uns spontan entweder kolossal zutreffend oder völlig absurd erscheint.
Erhellender als ein Nachdenken über ihn selbst, ist daher die Betrachtung seiner Verfechter und ihrer Motive.
Dabei wiederum ist es hilfreich, den Sammelbegriff „alles“ zuvor in seine gesellschaftspolitische und seine kulturelle Komponente aufzuteilen. Jeder, der den genannten Standpunkt vertritt, geht damit nämlich nur von einer der beiden Komponenten aus (und meint die andere mit).

Wer als Mensch früher alles besser fand, der ist zwangsläufig unter den Älteren zu suchen. Und selbstverständlich hat derjenige insofern recht, als die eigene Jugendzeit etwas für sich hat. Je mehr körperlich nicht mehr funktioniert, desto lieber stellt man sich vor, was man aus seiner einstigen Fitness mit dem Wissen von heute alles angefangen hätte. Unter diesem Aspekt fand Opa ja sogar den Zweiten Weltkrieg lustig.
Gegen dieses Argument sind wir als Gegenüber machtlos. (Es wird uns später einmal einleuchten.)

Auch der Ansatz, früher sei kulturell alles besser gewesen, setzt ein gewisses Alter voraus. Die meisten, die so denken, verschenken allerdings ihren Erfahrungsvorsprung, weil sie das Neue meiden (auf der Basis eines flüchtigen Eindrucks davon, dem nicht zu entkommen ist). Der junge Kunstfreund wiederum, der diese Behauptung zurückweist, hat es leichter: er kann der Kultur seiner Vorfahren sehr leicht entgehen, denn er wird ihr heute nicht mehr ausgesetzt.
Wer sich hingegen als älterer Mensch mit der heutigen Kultur beschäftigt, kann durchaus zu dem Ergebnis kommen, dass auf diesem Feld früher alles besser war. Und wer sonst sollte es beurteilen können?

Mal ehrlich: so etwas wie Geschmack gibt es gar nicht. Es gibt Prägungen. Und die erlauben Vergleiche oder eben nicht. Wer nur das eine kennt, der kann das andere nicht gut oder besser finden.

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Das Schweigen zwischen den Zeilen

„Gesammeltes Schweigen aus der Keksdose – Seufzer, Atemzüge, absolutes Schweigen – auf Tonband materialisiert, das, sobald man die Dose schüttelt, ein ganz eigenes Geräusch verursacht.“

Kürzlich wurde ich in einem Radiofeature* auf den in der Tat naheliegenden Subtext eines meiner Lieblingstexte hingewiesen. Der war mir jahrzehntelang gar nicht in den Sinn gekommen, obwohl in der Verfilmung, die knapp zehn Jahre nach seiner Veröffentlichung herauskam, mit Dieter Hildebrandt ein Hauptdarsteller auftritt, der sich seiner sehr bewusst gewesen sein wird. „Heinrich Böll veröffentlicht die Erzählung ‚Doktor Murkes gesammeltes Schweigen‘ 1955. Sie spielt in einer deutschen Rundfunkanstalt. Worauf Böll zehn Jahre nach dem Ende der Nazizeit anspielt, ist unschwer zu erraten. Zum einen macht er sich über das erleichterte Aufbruchsgeplapper nach der sogenannten ‚Stunde null‘ lustig.“ – „Ich habe erst drei Minuten. Es wird ja auch nicht viel geschwiegen.“ –  „Zum anderen thematisiert er natürlich das Verschweigen der eigenen Verstrickung während der Nazizeit, das Schweigen über Mitschuld oder Schuld, das im Westdeutschland der Adenauer-Ära common sense war. ‚Kommunikatives Beschweigen‘ nannte es der Historiker Hermann Lübbe.“

Daran hatte ich tatsächlich noch nie gedacht. Der Grund liegt vermutlich in den diversen anderen Humor-Ebenen, die den Text weiterhin auszeichnen (für mich besonders wichtig: die Parodie auf den Literatur- und Rundfunkbetrieb und somit auch auf die Hochzeit des öffentlich-rechtlichen Systems).
Und er beweist mir einmal mehr: man muss die Pointe eines Witzes nicht erklären können, um über ihn zu lachen.
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* „Vom Schweigen in der Literatur: Die Kunst, keine Worte zu machen“, nachhörbar unter https://www.deutschlandfunkkultur.de/schweigen-in-der-literatur-100.html

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Das Wahre im Erfundenen

betr.: das Deutschlandradio-Feature: „Mit dem frischen Blick der Späteren – Literarische Neuübersetzungen“*

Es ist ein geflügeltes Wort in Verlags- und Feuilletonkreisen: Jede Generation hat ein Anrecht darauf, fremdsprachige Literatur bzw. Literaturklassiker in einer zeitgenössischen Übersetzung zu lesen. Astrid Nettlings Feature „Mit dem frischen Blick der Späteren – Literarische Neuübersetzungen“ drückt es an einer Stelle noch etwas provokanter aus: Übersetzungen altern, Originale nicht.
Auch für jene, denen dieser Ansatz in dieser kategorischen Form nicht geheuer ist, ist bietet die Sendung eine Fülle von Argumenten und Denkanstößen.
Ich bin durchaus nicht der Meinung, dass zwischen der Alterung von Originaltexten und denen einer Übersetzung ein grundsätzlicher Unterschied besteht. Beide Textgattungen altern – selbstverständlich. Und in ihrem Alter liegt bereits ein Teil ihrer Aussage bzw. ihres Wertes. Das Zeitkolorit ist ein Teil der Erzählung wie auch ihrer Übersetzung, ganz wie in einem Sachbuch. Schließlich will ich in einem Geschichtsbuch nicht lesen, wie gepflegt und humanistisch es während des Algerienkrieges zugegangen ist (um mir eine Freude zu machen), wenn das nicht der Wahrheit entspricht. Veraltete Redewendungen in einem fiktionalen Text lasse ich mir lieber in einem Glossar erklären, als dass mich ein wohlmeinender Überarbeiter davor beschützt, indem er sie durch Begriffe zu ersetzt, die einige Jahre später ihrerseits veraltet sind.
In der Sendung wird deutlich, dass es drei Gründe gibt, aus denen man eine Neuübersetzung vornehmen kann und unter deren Berücksichtigung man sie beurteilen sollte. Jeder Bücherfreund wird im Einzelfall zu einem anderen Ergebnis kommen (es sei denn, er verdient daran oder profitiert sonstwie von der neuerlichen Bearbeitung).

Da gibt es zum einen die Beseitigung von Übersetzungsfehlern oder von Verfälschungen, die vorgenommen wurden, um dem damaligen Zeitgeist besser zu entsprechen (in jedem Fall eine üble und behebenswerte Manipulation, wann auch immer sie geschieht).
Anders verhält es sich mit dem Glätten aus heutiger Sicht unbehaglicher Formulierungen, die ich in historischen oder journalistischen Texten gern geändert sehe, aber in einem Roman gern weiterhin lesen würde, soweit sie aus der selben Epoche stammen wie der Urtext. Die Literaturübersetzerin Bettina  Abarbanell ist im Feature hingegen der Ansicht, „dass wir immer mehr Kenntnisse haben, wie man von einer Sprache in eine andere übersetzen kann, und auch ganz andere Möglichkeiten der Recherche. Klassischer Fall, es kommen ‚coloured people‘ vor, das ist in der alten Übersetzung noch mit ‚Farbige‘ übersetzt, das würde man nicht mehr tun.“ Für mich wäre ein solcher Ausdruck wissenswerter Teil des Zeitkolorits (und ein Fall für den kritischen Anhang).

Das dritte Motiv für eine Neuübersetzung: die ästhetische Überarbeitung. Sie ist schon beinahe eine Geschmacksache, aber es ist erfreulich, dass sich damit beschäftigt wird. Wolfgang Matz, Übersetzer von Julien Greens Roman „Treibgut“ aus dem Paris der 30er Jahre, berichtet: „Worum es mir stilistisch geht, ist, dass die Sätze in sich auch eine Haltung haben, einen Anfang und ein Ende. Und da hat der Übersetzer immer ein Problem: Diese typisch deutsche Sache mit der Inversion, dass Sätze so häufig mit Teilen von Verben enden, mit abgetrennten Präfixen: Nach vielen Stunden fing er zu sprechen — an.“

Der Übergang von solchen Reparaturen hin zu der Korrektur inhaltlicher Fehler ist fließend. Der Proust-Neu-Übersetzer Bernd-Jürgen Fischer erzählt: “Gerade bei der direkten Rede hatte ich oft den Eindruck, dass die Leute in Prousts Text bei weitem nicht so literarisch reden wie in den bisherigen Übersetzungen. Natürlich der erzählende Text, Proust selbst, der ist ja hochgradig literarisch, aber wenn die Leute selbst sprechen, es ist eben doch der Umgangssprache sehr viel näher. Da ein bisschen mehr Schwung reinzubringen, war mir schon wichtig und hat mir auch Spaß gemacht.“ Er liefert den Haken an der Sache gleich mit: „Proust hat seine Figuren die Sprache ihrer Zeit sprechen lassen. Also, warum sollen dann die Leute in den Übersetzungen nicht so reden, wie sie es nun mal zur Zeit der Übersetzung tun würden.“
Ohne das Beispiel genauer studiert zu haben (gerade Prousts Hauptwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ist ja schon aufgrund seiner Länge nicht das ideale Werk, um einen solchen Vergleich gründlich anzustellen), würde ich eine alte Übersetzung vorziehen, die dem Sound der beschriebenen Epoche näher ist. Aber wie nahe ist sie ihr wirklich?
Wolfgang Matz kommt mir da entgegen: „Die Grenze des Wortschatzes muss die zeitliche Grenze der Entstehung des Buches sein. Man darf den Wortschatz der Zeit bis an die Grenzen ausschöpfen, aber man darf ihn nicht überschreiten.“
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* Abrufbar unter https://www.deutschlandfunkkultur.de/mit-dem-frischen-blick-der-spaeteren-literarische-neuuebersetzungen-dlf-kultur-1b93caeb-100.html

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Der allerfeinste Hintersinn

betr.: 110. Geburtstag von Siegfried Lowitz

In der allgemeinen Wahrnehmung deutscher Krimihasen ist „Der Alte“ Siegfried Lowitz nie so präsent gewesen wie „Derrick“ Horst Tappert, sein Kollege vom selben Krimi-Sendeplatz am Freitagabend im ZDF und tätig im selben Münchner Polizeipräsidium. Das hängt natürlich auch mit der viel kürzeren Amtszeit zusammen (1977-86, also 9 statt 24 Jahre) und damit, dass er unter den nämlichen Titel von teilweise erheblich niedriger versierten Kollegen abgelöst wurde; die Serie läuft noch immer, nunmehr in der 48. Staffel. (Michael Ande spielte seinen redlichen Assistenten – und den seiner Nachfolger – Gerd Heymann noch 30 weitere Jahre, über 400 Folgen lang.)
Lowitz profitierte davon, dass die Drehbücher (anders als bei „Derrick“) von einem ganzen Team geschrieben wurden, dem auch junge Talente und namhafte Gast-Schreiber (wie etwa Herbert Rosendorfer) angehörten. Die Qualität war unterschiedlich, aber insgesamt hochanständig – was Lowitz nach seinem selbstgewählten Ausstieg freilich in Frage stellte. Auch den Serientitel fand er ganz fürchterlich. Solche Vorbehalte merkte man ihm jedenfalls nicht an; seine Spielfreude war ungebrochen, bis ihm der spätere Bond-Bösewicht Christoph Waltz in der 100. Folge den Serien-Tod bescherte. Dem Nachruhm von Siegfried hat es nichts genutzt: niemand macht in der Bewertung zwischen ihm und den anderen ZDF-Kommissaren einen Unterschied, obwohl er mehr als diese ein menschliches Wesen auf den Bildschirm brachte, das nur wenig von einer Kunstfigur hatte.

Siegfried Lowitz trug ein unaufdringliches, verschmitztes Komödiantentum in das Format, das in dieser Form nicht einmal sein direkter Vorgänger, der famose Erik Ode, aufbieten konnte oder wollte. Er ließ dezent durchblicken, dass er manche Kollegen / Zeugen / Verdächtige etwas mehr oder weniger mochte als andere, was seiner Figur weitere Wahrhaftigkeit verlieh. Hatte Lowitz alias Erwin Köster ältere Herrschaften zu verhören (also Kollegen seiner eigenen Generation), kam es mitunter zu einer ganz besonderen Chemie, einem unausgesprochenen „Wir wissen doch beide, was hier los ist“. Das galt auch für seine Duette mit dem etwas jüngeren Henning Schlüter, der ihm in den ersten Jahren als blasierter Kriminaldirektor Millinger das Leben schwer machte. (In der 78. Folge „Perfektes Geständnis“ vom 9.3.1984 tritt diese herrliche Charge letztmalig auf.) An Schlüters „komischer Nebenrolle“ wiederum ist beachtlich, dass sie das Gesamtkonzept nicht in dem Schmunzelkrimi abrutschen ließ. So skurril er sich in seinen Wutausbrüchen auch gebärdete, er blieb immer eine Type wie es sie in echten Büros und Amtsstuben tatsächlich gibt.

Ab und an griffen die Regisseure zu fiesen kleinen Tricks, um das großartige Spiel des Siegfried Lowitz noch weiter zu pimpen. Zbynek Brynych erzählt, auf die Episode „Der Freund“ habe er sich besonders gefreut, weil Lowitz hier auf Walter Sedlmayr traf. „Und die beiden haben sich dann auch gehasst wie die Pest. Nun bin ich aber jemand, der nie genug Spannung haben kann. Also bin ich von Zeit zu Zeit in den Wohnwagen vom Lowitz gegangen und hab gesagt: ‚Herr Lowitz, der Sedlmayr ist doch wirklich ein guter Schauspieler, nicht wahr?‘ Und so bekam ich, was ich haben wollte.“

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