geführt von Monty Arnold

geführt von Monty Arnold

betr.: Sprechen am Mikrofon / Übung
Während des Wochenendes fielen die Aasgeier über die Balkone des Präsidentenpalastes her, zerrissen mit Schnabelhieben die Drahtmaschen der Fenster und rührten mit ihren Flügeln die innen erstarrte Zeit auf, und im Morgengrauen des Montags erwachte die Stadt aus ihrer Lethargie von Jahrhunderten in der lauen, sanften Brise eines großen Toten und einer vermoderten Größe. Erst dann wagten wir einzutreten, ohne weder die zerbröckelnden Festungsmauern zu rammen, wie die Beherztesten unter uns forderten, noch das Hauptportal mit Ochsengespannen aus den Angeln zu reißen, wie andere vorschlugen, denn es brauchte einer nur dagegenzustoßen, damit die mächtigen gepanzerten Türflügel nachgaben, die William Dampiers Bombarden in des Bauwerks heldenmütigen Zeiten widerstanden hatten.
Gabriel García Márquez‘ Diktatorenroman „Der Herbst des Patriarchen“ beginnt nicht nur mit zwei langen Sätzen, er besteht ausschließlich aus ebensolangen und noch längeren. Auf der nächsten Seite heißt es etwa:
In dem weiten ersten Innenhof, dessen Fliesen dem unterirdischen Druck des Unkrauts nachgegeben hatten, sahen wir die verwüstete Wachstube der geflüchteten Wachposten, in den Waffenschränken zurückgelassene Waffen, den langen Plankentisch mit den halbgefüllten Tellern des von panischem Schrecken unterbrochenen Sonntagmittagessens, wir sahen den dämmrigen Schuppenbau, in dem die Verwaltungskanzleien untergebracht waren, die farbigen Schwämme und bleichen Lilien zwischen unerledigten Eingabeschriften, deren üblicher Instanzenweg langwieriger gewesen war als die dürrsten Lebensläufe, wir sahen in der Mitte des Innenhofs das Taufbecken, über dem mehr als fünf Generationen mit martialischen Sakramenten christianisiert worden waren, wir sahen im Hintergrund den in eine Remise umgewandelten uralten Marstall der Vizekönige, und wir sahen zwischen Kamelien und Schmetterlingen die Berline aus den Zeiten des Aufruhrs, den Pestkarren, die Staatskarosse aus dem Jahr des Kometen, den Leichenwagen des Fortschritts innerhalb der Ordnung, die schlafwandelnde Limousine des ersten Jahrhunderts des Friedens, alle in gutem Zustand unter staubbedeckten Spinnweben und alle bemalt mit den Farben der Landesflagge.
betr.: 300. Geburtstag von Giacomo Casanova / 100. Geburtstag von Hans Rosenthal
Zwei sehr runde Geburtstage fallen auf den heutigen Tag, und obwohl der jüngere von beiden, Hans Rosenthal, den älteren im medialen Echo vordergründig weit überholt, haben sich doch beide in den öffentlich-rechtlichen Mediatheken abgelagert und können in der nächsten Zeit mit Muße nachbetrachtet werden.
Zu Giacomo Casanova gibt es zwar kein neu produziertes Biopic, aber immerhin ein paar Programmschwerpunkte. Vor der Lesung des Schauspielers Martin Held (Berlin 1965) wird jedoch an anderer Stelle gewarnt, beruht sie doch auf der „bereinigten, total korrumpierten“ Übersetzung von Heinrich Conrad – so Kai Luehrs-Kaiser, ein ausgesprochener Fan der unbereinigten Casanova-Autobiographie.
Zu welcher sollten wir also greifen, wenn wir nicht den bequemen Weg zur unten erläuterten Lesung zurücklegen möchten?
Die auswahlweise Lesung von Otto Sander (2 mp3-CDs für c.a. 15 Euro), so höre ich, sei nicht nur gut vorgetragen, sondern arbeite auch mit der einzig verlässlichen Übersetzung von Heinz von Sauter, erschienen bei Propyläen.
Das online verfügbare Hörbuch von Martin Held findet sich hier:
https://www.ardaudiothek.de/sendung/giacomo-casanova-geschichte-meines-lebens/14327729/
In „Geschichte meines Lebens“ schildert Giacomo Casanova (1725 – 1798) auf mehr als viertausend Seiten die ersten 49 Jahre seines wechselvollen und ungewöhnlichen Lebens. Mit seinen Memoiren lieferte er ein umfangreiches und einzigartiges Sittengemälde des 18. Jahrhunderts. Sie gehören zur Weltliteratur.
Casanova wurde als Sohn eines Schauspieler-Paars geboren. Er studierte ab 1737 Theologie und Jura an der Universität Padua und erwarb 1742 den Titel des Doktors beider Rechte. 1755 wurde er in Venedig wegen „Schmähungen gegen die heilige Religion“ in den Bleikammern des Dogenpalastes eingekerkert, aus denen ihm 1756 seine berühmte Flucht gelang. Casanova reiste durch Europa und verkehrte in den höchsten Kreisen der Gesellschaft. 1757 gründete er die erste Lotterie Frankreichs und verdiente damit ein Vermögen. Ab 1758 benutzte er den selbstverliehenen Adelstitel „Chevalier de Seingalt“. 1760 ernannte ihn Papst Clemens XIII. zum „Ritter des goldenen Sporns“. Er hielt sich an den Höfen Friedrichs des Großen, Josephs II. und Katharinas der Großen auf, traf berühmte Zeitgenossen wie Voltaire, Johann Joachim Winckelmann, Benjamin Franklin oder Madame Pompadour. 1785 nahm der Sechzigjährige, mittellos und des Reisens müde, eine Stelle als Bibliothekar des Grafen Waldstein auf Schloss Dux in Böhmen an, wo er seine Memoiren schrieb.
In dieser Lesung hören Sie Auszüge aus dem ersten Buch der Memoiren in der Übersetzung von Heinrich Conrad.
Lesung mit Martin Held
Produktion: SFB 1965
1. Casanova berichtet von seinen Eltern und den Kindheitsjahren. Seine erste Erinnerung ist: Als die Großmutter mit ihm wegen seines Nasenblutens nach Murano bei einer Hexe vorspricht. Sechs Wochen danach stirbt sein Vater. – 28 min.
2. Als Junge muss Casanova weg von zu Hause, nach Padua, wo er bei Dr. Gozzi wohnt. Seine erste Liebe findet er bei dessen erst 14-jährigen Schwester Bettina. Casanova erlebt Eifersucht, aber auch tiefe Zuneigung. – 37 min.
3. Mit 15 Jahren kehrt Casanova zurück nach Venedig. Senator Malipiero protegiert ihn und bereitet ihn auf eine kirchliche Laufbahn vor. Doch Eitelkeit und die Liebe machen alle Pläne zunichte. – 29 min.
4. Vor seiner ersten Predigt speist Casanova ausgiebig mit dem Grafen Monte Realo, steigt also mit vollem Magen und leeren Kopf auf die Kanzel. Das geht gründlich schief, und er entsagt dem Beruf des Predigers endgültig. – 25 min.
5. Als 17-Jähriger ist Casanova unglücklich verliebt. Die Schwestern Nannetta und Martina arrangieren ein heimliches Treffen mit Angela. Eine ganze Nacht versucht der Liebestolle, sie von seiner Liebe zu überzeugen. – 35 min.
6. Auf einer Reise von Neapel nach Venedig teilt sich Casanova eine Kutsche mit einem Advokaten, dessen Frau und ihrer Schwester. Die Ehefrau gefällt Casanova außerordentlich, das scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen. – 29 min.
7. In Ancona lernt Casanova eine Schauspielerfamilie kennen: zwei hübsche Mädchen, ein Junge, der als Tänzer auftritt und ein Kastrat. Bellino aber gibt sich so anmutig, dass Casanova glaubt, er ist in Wahrheit ein Mädchen. – 43 min.
8. Um sich Geld für das Glücksspiel zu beschaffen, will Casanova in Treviso einen Diamanten versetzen. Auf der Fahrt dorthin trifft er Christina. Sie hat mit ihrem Onkel in Venedig einen Ehemann gesucht – erfolglos. – 44 min.
Verfügbar bis 28. September 2025
Eine Erzählung in Strophen, oft in Reimen, die auf ein dramatisches Ende zuläuft und die von mysteriösen oder märchenhaften Ereignissen berichtet – so die Merkmale der literarischen Ballade.
Kann das Klavier so etwas auch erzählen? Chopin war wahrscheinlich der erste, der in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts vier reinen Klavierkompositionen den Titel „Balladen“ gab. Angeblich wurde er zu diesen Stücken durch die Balladen des polnischen Dichters Adam Mickiewicz inspiriert. Auch wenn sehr fraglich ist, ob diese Geschichte stimmt, den Charakter dieser vier Stücke kann man durchaus als balladenhaft bezeichnen: nicht nur durch ihre Steigerung gegen Ende, sondern auch durch ihre abrupten Stimmungswechsel, wie unvorhersehbare Ereignisse in einer mysteriös-märchenhaften Erzählung.
Was das Klavier kann, kann das Orchester erst recht. „Der Zauberlehrling“, das bekannteste Werk des Komponisten Paul Dukas, sei hier genannt. Es ist die Vertonung der gleichnamigen Ballade von Johann Wolfgang von Goethe, erschien 1897 unter dem Titel „L’Apprenti sorcier“ und ging mit Walt Disneys Konzertfilm „Fantasia“ in die Popkultur ein.
Zum Tode von Richard Chamberlain unmittelbar vor seinem 91. Geburtstag

Das Wichtigste zuerst: die Deutschen, die Richard Chamberlain phasenweise sehr geliebt haben, sprechen ihn falsch aus (auch bei den Nachrufen wird das so bleiben): er heißt nicht Tschemberläin, sondern – umgekehrt wird ein Schuh draus – Tschäimberlin.
Weniger wichtig, aber interessanter ist: als jemand, der als ein typischer Vertreter seiner Schauspielergeneration hin und wieder zum Singen genötigt wurde, zählte er zu jenen, die das tatsächlich konnten. Nicht nur die Titelmelodie seiner Serie „Dr. Kildare“ (in den USA sehr erfolgreich, bei uns völlig unbekannt) hat er interpretiert: „Three Stars Will Shine Tonight“, hie und da wurde er auch anlässlich seiner Kino-Hauptrollen ans Mikrofon gebeten.
Als er 1984 seine bei uns beliebteste Rolle spielte – den Pater Ralph im TV-Vierteiler „Die Dornenvögel“ -, war das Genre des Filmsongs bereits versunken, und so blieb der Titelmusik von Henry Mancini eine Vokalfassung verwehrt.
Das Liebesdrama „Joy In The Morning“ haben wir nie in einer deutschen Version gesehen, und das ist mindestens hinsichtlich des Soundtracks ein Verlust. Er stammte von Bernard Herrmann, den Song steuerte das bewährte Team Fain & Webster bei.
Mit „Dr. Kulani – Arzt auf Hawaii“ und den Wiederholungen von „Shogun“ konnte Chamberlain seinen deutschen Serien-Ruhm im jungen Privatfernsehen noch etwas dehnen. Die LP, die ihm der verantwortliche Sender SAT.1 in diesem Zusammenhang widmete, vermochte ihn als Sänger leider nicht bei uns etablieren.
geführt von Monty Arnold

betr.: Das „Psycho“-Hörbuch von Jens Wawrczeck
Am 25. April erscheint „Psycho“ in einer neuen Hörbuch-Fassung. Es war ein weiter Weg dorthin. Er hat sich gelohnt.
Der (erste) moderne Horrorfilm „Psycho“ hat sich wenig überraschend in den 45 Jahren seit dem Ende von Hitchcocks Werk als dessen populärster Titel erwiesen: unerreichbar zahlreich sind die ikonischen Motive, Namen, Bilder, Dialogsätze und Töne. Wer sich in der Filmographie des Regisseurs auskennt, den überkommt Behagen angesichts der Tatsache, dass auch qualitativ nichts gegen dieses Quorum spricht. Dass das Beliebteste eines Künstlers auch zum Besten zählt, ist bekanntlich eine große Ausnahme!
Für Jens Wawrczeck und sein Hörbuch-Projekt „Hitch und ich“ brachte diese Ballung von Superlativen ein Problem mit sich. Die Rechte waren schwer zu bekommen. Nachdem Jens in der Vergangenheit sogar Romane wiederbelebte („The Trouble With Harry“ wurde im Rahmen der Übersetzung für die Hörbuchfassung sogar als Buch aufgelegt), stand er hier vor besonders zähen Verhandlungen. Und das bei einem Titel, der in seiner Serie schmerzlich vermisst worden wäre.
Die bis vor kurzem aktuelle Lesung der Romanvorlage von Robert Bloch stammt von Matthias Brandt, dessen Name zum Zeitpunkt der Aufnahme für das hiesige Publikum ebenso groß war wie der des Films. Auch jemandem, der im Verdacht einer gewissen Befangenheit steht, dürfen Sie dies glauben: Jens Wawrczecks Interpretation ist ein Hochgenuss und ein echter Gewinn. Dass seine Gestaltung der bösen Mutter die beste seit der deutschen Synchronfassung von 1960 ist, kann sich jeder vorstellen, der seine Arbeit kennt. Und gegen Ende wird ein weiteres schauspielerisches Glanzlicht gesetzt: Normans angetrunkenes Geständnis, die Leiche seiner Mutter gestohlen zu haben.
Endlich haben wir eine Fassung zur Verfügung, die den Stoff in wirklich jeder Hinsicht durchdringt, den weißen Elefanten im Raum nicht aus den Augen lassend: Hitchcock.
Was ist literarisch zu diesem Text zu sagen? Robert Blochs Stil ist ungemein vergnüglich – selbst im Vergleich mit der vertrauten Filmvorlage, in der uns einnehmendere Charaktere und Hitchcocks Art von Humor entgegenkommen. Und doch ist es aus heutiger Sicht eine völlig andere Geschichte, denn die berühmte Schlusspointe steht in der Romanvorlage ja noch aus. Und so „sehen“ wir Mutter Bates im Hörbuch durchaus – was im Film bekanntlich unterbleibt. Der sich daraus ergebende Unterschied erinnert an die Lektüre von „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ (bzw. die Lesung von Gunter Schoß*). Auch hier entsteht ein völlig neuer Blick auf eine altbekannte Geschichte. Wie „Psycho“ hat auch „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ uns im Kino die Auflösung längst verraten, auf die sich die Erzählung noch windungsreich zubewegt. Im zweiteren Fall waren dazu allerdings unzählige Bearbeitungen notwendig. Hitchcock hat es mit einem einzigen Werk geschafft.
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* https://www.ardaudiothek.de/sendung/robert-louis-stevenson-dr-jekyll-und-mr-hyde/83382274/
Eine Rezensionskritik
Das „Hamburger Abendblatt“ hasst nichts so sehr wie negative Beurteilungen (wohlgemerkt: im aktiven Sinne). Filmkritiken in diesem Blatt sind im schlimmsten Fall Inhaltsangaben, die sich um eine Bewertung hanseatisch-zurückhaltend herumdrücken. Wenn also immerhin so verklemmt geflucht wird wie im Fall der Besprechung des musikalischen Dramas „The End“, darf man beim betreffenden Film von einem infernalischen Blödsinn auf der Höhe der Zeit ausgehen.
Die Problematik sowohl der Verweigerung einer Kulturkritik, die diese Bezeichnung verdient – und das ist weiß Gott nicht nur im „Abendblatt“ so – als auch der Fähigkeit der darin betrachteten Entertainment-Branche, Diskurs und Fiktion auseinanderzuhalten, wird bereits am Beginn des Artikels deutlich: „Die beiden Genres schließen sich eigentlich aus: Endzeitdramen handeln vom Ende der Welt und vom harten Überlebenskampf unter widrigsten Umständen in der Öde, die noch übrig geblieben ist. Musicals dagegen sind der Inbegriff des Eskapismus, wo man sich in eine schönere, buntere Welt träumt, singt und tanzt. Beides zusammen, das kann eigentlich nicht gut gehen. Aber genau das Joshua Oppenheimer gereizt, als er beide für seinen Film ‚The End‘ gekreuzt hat. Ein postapokalyptisches Musical, das heute in die Kinos kommt. Mit Songs, die nicht Gefühle transportieren, sondern Lügen“
Diese Textpassage enthält viel Wahres, dies aber eher zufällig bzw. versehentlich. Zunächst einmal ist nicht jeder Film, in dem Leute singen, gleich ein Musical. Aber mit dieser Verkürzung bewegt sich der Autor durchaus im aktuellen (laienhaften, nicht journalistischen) Trend. Dass eine Kombination von Endzeitdrama und Musical in kreativeren Zeiten als der unsrigen durchaus möglich gewesen wäre, ändert wiederum nichts an der gemachten Bestandsaufnahme. Der Hinweis, dass Musicals der Inbegriff des Eskapismus seien, gehört in die Vergangenheit und ist in dieser nicht-konjunktivischen Form nachlässig.
betr.: Lesen vom Blatt / Übung
Eine Prima Vista Lesung in abgemilderter Form lässt sich durchführen, wenn man sich verschiedene Übersetzungen der selben Textpassage vornimmt: die erste wird still gelesen, die zweite laut.
Der Inhalt ist bekannt, der Wortlaut ändert sich.
Heutiges Beispiel: aus „Falconer“ von John Cheever
Variante 1:
Faragut war drogensüchtig und der Meinung, daß das Bewußtsein des Opiumessers breiter, umfassender und repräsentativer für die Condition humaine sei als das Bewußtsein jener, die nie in Berührung mit Drogen gekommen sind. Er benötigte als Droge ein Destillat aus Erde, Luft, Wasser und Feuer. Er war sterblich, und seine Sucht war eine wundervolle Illustration der Grenzen seiner Sterblichkeit. Er hatte während des Kriegs auf irgendeiner Insel erstmals Erfahrungen mit Drogen gemacht. Das Klima dort war erstickend, die Dschungelfäule seiner behaarten Partien eiterte, und der Feind war mörderisch. Der Truppenarzt hatte literweise einen klebrigen, gelben Hustensirup verordnet.* Jeden Morgen trank die Kampfgruppe ein Glas davon und ging in die Schlacht, high und in Frieden mit dem erstickenden Klima, dem Eiter und dem Morden. Die nächste Station war Benzedrin. Benzedrin und die Bierration brachten ihn durch den Krieg und zurück an seine eigenen Gestade, zu seinem Heim und seiner Frau. Unschuldsvoll stieg er von Benzedrin auf Heroin um, und fast jede Meinung, die er hörte, bestärkte ihn in seiner Sucht. Gestern war das Zeitalter der Angst, das Zeitalter des Fisches, und heute, an seinem Tag, seinem Morgen, war das mysteriöse und abenteuerliche Zeitalter der Spritze. Seine Generation war die Generation der Süchtigen. Die Sucht war seine Schule, sein College, seine Flagge, unter der in die Schlacht marschierte. Jede Zeitung, jedes Magazin, jede Stimme aus dem Äther verkündete die Proklamation der Sucht. Sucht war das Gesetz des Propheten. Als er zu lehren begann, spritzten sich sowohl er wie der Vorstand des Departments vor jeder großen Vorlesung, da sie zugaben, daß das, was die Welt von ihnen erwartete, nur mit Hilfe der Essenz einer Blume hervorgebracht werden konnte. Es war Herausforderung und Reaktion. Die neuen Gebäude der Universität setzten die menschlichen Maßstäbe außer Kraft; sie sprengten die menschliche Einbildungskraft und die wildesten Menschheitsträume.
„Falconer“, Droemer Knaur 1978
Variante 2:
Drei
Farragut war drogenabhängig und glaubte, dass das Bewusstsein eines Opiumessers viel umfangreicher, detaillierter und bezeichnender für die Conditio humana war als das Bewusstsein eines Menschen, der nie süchtig gewesen war. Als Droge benötigte er ein Destillat aus Erde, Luft, Wasser und Feuer. Er war sterblich, und seine Sucht veranschaulichte das aufs Schönste. Seine ersten Drogenerfahrungen hatte er im Krieg auf einer Insel gemacht, auf der eine drückende Hitze herrschte, die Dschungelfäule an seinen behaarten Körperpartien eiterte und der Feind mörderisch war. Der Kompaniearzt hatte Unmengen eines klebrigen gelben Hustensafts bestellt*, und jeden Morgen tranken die Angehörigen der Kampftruppe ein Glas davon und zogen in die Schlacht, angetörnt und in Frieden mit der drückenden Hitze, dem Eiter und dem Morden. Als nächstes kam Benzedrin an die Reihe. Das Benzedrin und seine Bierration brachten ihn durch den Krieg und in sein Land zurück, zu seinem Heim und seiner Frau. Ohne eigene Schuld stieg er von Benzedrin auf Heroin um und wurde von seinem Umfeld in seiner Sucht bestärkt. Gestern war das Zeitalter der Angst, das Zeitalter der Fische, und heute, sein Tag, sein Morgen, war das geheimnisvolle, abenteuerliche Zeitalter der Nadel. Seine Generation war die Generation der Süchtigen. Die Sucht war seine Schule, sein College, die Flagge, unter der er in den Kampf zog. Die Sucht wurde in jeder Zeitung, in jeder Zeitschrift und von jeder Stimme im Radio verkündet. Sie war das Gesetz der Propheten. Am Beginn seiner Professorenlaufbahn setzten er und sein Dekan sich vor jeder großen Vorlesung einen Schuss, womit sie zugaben, dass das, was die Welt von ihnen erwartete, nur mithilfe der Essenz einer Blume hervorgebracht werden konnte. Es war Herausforderung und Antwort. Die neuen Gebäude der Universität überstiegen das menschliche Maß, die menschliche Vorstellungskraft, die wildesten Menschheitsträume.
„Willkommen in Falconer“, Dumont 2012
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* Das Verb to order wird erst mit verordnen, später mit bestellen übersetzt.