Meine zwei aktuellen Elefanten

Der Zufall hat mich zwei alte Bücher wieder aus dem Regal holen lassen, die zwei der größten phantastischen Erzähler des 20. Jahrhunderts repräsentieren: Roald Dahls erotischen Kurzgeschichtenband „Kuschelmuschel“ und den Ray–Bradbury-Roman „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ („Something Wicked This Way comes“).

Seit ich diese Autoren für mich entdeckte, sind über 40 Jahre vergangen, und das Wiedersehen verleitete mich nicht nur dazu, beide miteinander zu vergleichen, sondern auch mich selbst mit dem Leser von damals.
Ich habe die Dahl-Geschichte „Der letzte Akt“ wiedergelesen, deren sexuelle Aspekte mir seinerzeit noch nicht nachvollziehbar waren. Unabhängig davon hat mich Dahls fesselnde Art, Menschen miteinander reden zu lassen, auf die gleiche Weise gefangengenommen wie heute. (Die meisten der Stories aus seiner mittleren und für mich besten Schaffensphase kommen ohne Sexszenen aus.) Es geht um eine Mutter soeben flügge werdender Kinder, die vom Unfalltod ihres Ehemannes überrascht wird. Ed war nicht nur Annas große Liebe bis zuletzt, er war auch der einzige Mann, mit dem sie je geschlafen hat. Es kostet sie gewaltige Anstrengungen, ins Leben zurückzufinden und sich von Selbstmordversuchen abzuhalten. Als sie auf einer Geschäftsreise den Mann wiedertrifft, den sie in ihrer Jugend für Ed verließ, kommt es zu einem für den Autor typisch abgründigen Kammer-Thriller. An das Ende der Geschichte konnte ich mich noch erinnern. Vergessen hatte ich die Details der Unterhaltung von Anna und Conrad in einer Hotelbar in Dallas, unter der ein großer Subtext brodelt. Eine amüsante Passage daraus sei hier aus demselben herausgerissen:
„Hast du mal darüber nachgedacht, warum eine Zigarette weiterbrennt, wenn du sie in den Aschenbecher legst? Tabak brennt nicht von allein. Jeder Pfeifenraucher kann dir das bestätigen.“
„Na ja, vielleicht benutzen sie Chemikalien.“
„Eben, eben. Sie benutzen Salpeter.“
„Brennt denn Salpeter?“
„Selbstverständlich. Früher war es ein Hauptbestandteil des Schießpulvers. Auch von Zündschnüren. Es ist sehr geeignet für Zündschnüre. Die Zigarette, die du da rauchst, ist eine erstklassige, langsam verbrennende Zündschnur. Verstehst du?“

Meine Rezeption von Ray Bradbury ist – trotz des hinzutretenden Erotikfaktors bei Dahl – volatiler gewesen. Ich halte ihn nah wie vor für den Erfinder großartiger Plots, weiß aber inzwischen, dass er nicht der ideale Produzent von Verfilmungen seiner eigenen Arbeiten ist. Ich habe einige seiner Kurzgeschichten als grässliche Fehltritte erlebt, als Versuche, irgendwem (seiner Frau?) zu beweisen, dass er auch ganz liebe Texte schreiben kann („Die Laurel-und-Hardy-Liebesgeschichte“). Ich habe mich gewundert, wie wenig er aus seinen großartigen Ideen mitunter herausholte („Die Stadt, wo niemand ausstieg“). Stilistisch hat mich die Kargheit der großartigen frühen Parabel „Fahrenheit 451“ beim Wiederlesen verblüfft, und so empfand ich die hochmögende Verdrechselung seiner späteren Sprachbilder als Versuch, diesen von ihm selbst bemerkten Mangel mit der Flucht ins andere Extrem zu parieren. Das kann eine Fehleinschätzung sein, aber es steht Autoren nicht gut zu Gesicht, wenn sie ihre Leser auf solche Ideen bringen. Selbstverständlich bleibt Bradbury einer meiner bevorzugten Autoren. In seinem Klassiker „The Illustrated Man“ etwa gelingt es ihm, seinen Sprachrausch solide zu motivieren.
„Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ ist nun leider wieder ein Beispiel, in dem Monologe wie der folgende erklingen:
„Muss mich beeilen. Gewitter kommt bald. Wart nicht zu lange, Jim. Sonst – bums! Dann finden Sie dich, und die Münzen, das Taschenmesser und der andere Kram in deinen Taschen ist zu einem Klumpen zusammengeschmolzen, das Silber läuft dir die Hosenbeine runter. Und noch etwas: Wird ein Junge vom Blitz erschlagen, dann heb sein Augenlid hoch. Auf seiner Pupille kannst du die letzte Szene eingeprägt finden, die er erblickt hat, fein und winzig wie das Vaterunser auf einem Stecknadelkopf. Ein Foto, wie der Blitz herunterpfeift und deine Seele die glühende Treppe heraufholt! Beeil dich, mein Junge! Hol Hammer und Nägel, sonst bist du vor dem Morgengrauen tot.“
Aber ich werde noch ein wenig weiterlesen, wenn auch langsamer als ich es bei Dahl getan habe. Das hat auch mit der uralten Widmung zu tun, die vorn im Buch steht. Sie ist nicht an mich gerichtet (es ist ein Second-Hand-Buch), aber wirklich süß: „Lieber Yorck, das Leben ist ein Abenteuer mit unverwüstlich erscheinenden Schattenseiten. Es gibt eine Möglichkeit, sich ihnen erfolgreich entgegenzustellen … nach der Lektüre dieses Buches wirst du wissen, wie sie aussieht …“

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Literarischer Pseudo-Antirassismus

betr.: Rassismus bei H. P. Lovecraft

2017 überraschte der S. Fischer Verlag zuallererst sich selbst mit dem riesigen Erfolg, den die große kommentierte H. P. Lovecraft-Geschichtensammlung auf sich zog. Der etwas voreilige Titel des Prachtbandes „Das Werk“ konnte somit schon bald darauf tatsächlich eingelöst werden. Mit der zweiten, etwas schlankeren Ausgabe waren die Lovecraft-Erzählungen im Wesentlichen komplett. Der amerikanische Original-Herausgeber Leslie Klinger versauerte uns allerdings ein wenig das Vergnügen, indem er in deren Vorwort den angeblich wahnhaften Rassismus des Autors proklamieren und beklagen lässt; das Echo des ersten Bandes hatte auch diesen Aspekt wieder in die Debatte getragen. Beim Lesen dieser Seiten hat man das unbehagliche Gefühl, einer religiösen Predigt ausgesetzt zu sein – eine Zumutung wie sie Lovecraft selbst uns schon wegen seines parodistischen Sprachwitzes niemals antut. Wie fragwürdig es ist, seine Texte mit dem heutigen moralischen Hochmut zu lesen, mögen folgende Beispiele aus der Weltliteratur illustrieren, von denen sich noch zahllose andere finden lassen.

In „Robinson Crusoe“, dem Roman, der die englische Literatur begründete, lässt Daniel Defoe seinen Helden über die Moral der Kannibalen nachdenken, deren grausige Hinterlassenschaften (abgenagte Totenschädel) er auf seiner Insel entdeckt hat. „Ich begann, mit kühleren und gesetzteren Gedanken zu betrachten, mit welchem Fug und Recht ich mich zum Richter und Rächer über diese Männer aufwerfen und sie zu Verbrechern erklären dürfte, sie, die der Himmel doch so lange ungestraft ihre Handlungen vollbringen lassen und ihnen gleichsam erlaubt hatte, dass sie aneinander zum Vollstrecker seines Urteils würden. Manchmal stritt ich mit mir selber wie folgt: Wie kann ich wissen, wie Gott selber in diesem besonderen Fall urteilt? Sie wissen nicht, dass es Sünden sind, und begehen also auch nicht wie wir fast alle Sünden in Auflehnung gegen die göttliche Gerechtigkeit. Nachdem ich ein wenig darüber nachgedacht hatte, kam ich zu dem Schluss, dass diese Menschen nicht Mörder waren in dem Sinne, wie ich sie vorher in meinen Gedanken verurteilt hatte. So wenig jedenfalls wie jene Christen Mörder sind, die oft die in der Schlacht gemachten Gefangenen töten, ja noch öfter und bei vielen Gelegenheiten ganze Scharen von Menschen ohne Erbarmen über die Klinge springen lassen, auch wenn diese ihre Waffen schon weggeworfen und sich ergeben haben.“
Der Literaturkenner Hanjo Kesting stellte dazu fest: „Es sind ungewöhnliche Gedanken in einer Zeit, in der Großbritannien daranging, sein koloniales Imperium zu errichten. Shakespeare beschrieb die sogenannten ‚Wilden Völker‘, auf die man im Zuge der Entdeckungsreisen gestoßen war, am Beispiel seines Caliban in ‚Der Sturm‘ (‚The Tempest‘) noch als monströs und abscheulich. Defoe stellte sich eher auf die Seite von Montaigne, der den Hauptunterschied zwischen den sogenannten zivilisierten und den sogenannten wilden Völkern damit beschrieb, dass die einen Hosen tragen und die anderen nicht. Das heißt aber noch nicht (…), dass Defoe sie als gleichberechtigt ansah.“
„Nehmt auf euch des weißen Mannes Bürde!“ dichtete Rudyard Kipling 180 Jahre später auf dem Höhepunkt des britischen Imperialismus. „Wacht über eure frisch eingefangenen tückischen Völkerschaften, die noch halb Kinder sind, halb Teufel!“ Niemand käme auf die Idee, Kiplings Arbeiten – etwa das von Walt Disney paraphrasierte „Dschungelbuch“ – deshalb als das Werk eines Rassisten zu betrachten, das von den jugendlichen Zielgruppen fernzuhalten sei (jedenfalls noch nicht zum jetzigen Zeitpunkt) oder Shakespeare auf seinen zeittypischen Rassismus zu reduzieren. Und das ist auch gut so.

Noch einmal zurück zu Lovecraft. Sein Leser und Experte Marco Frenschkowski erinnert uns im BR daran: „Ohne Frage war Lovecraft ein Rassist. Allerdings nicht im Sinne der deutschen Geschichte. In seiner Jugend in Neuengland war nach unseren Kategorien ausnahmslos jeder ein Rassist.“

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Auf der Palme

„Auf dem Turm“ ist ein Hörspiel-Monolog, der auf dem Roman von Gert Hofmann basiert (ehrlicher: eine Lesung). Die Archivaufnahme des RIAS Berlin von 1983 steht in sechs Teilen zum Nachhören in der ARD Audiothek.
Der Interpret Heiner Schmidt hat sich entweder nicht auf diese Lesung vorbereitet, oder er hatte zum Zeitpunkt der Aufnahme generelle Probleme mit der fließenden Lesung vom Blatt. Jedenfalls mogelt er sich knapp neun Stunden lang durch diesen Text, indem er spätestens nach jedem 5. Wort eine lange Pause macht und hie und da den Sinnbogen zum Schein neu beginnen lässt – zufällig und ohne jeden Bezug zum Inhalt. Seine schauspielerischen Möglichkeiten verwendet der Vorleser komplett auf das Vortäuschen eines fehlenden Textverständnisses. Offensichtlich legt es diese Stop-and-Go-Motorik darauf an, als künstlerisches Konzept verstanden zu werden.

Der zugrundeliegende Roman von Gert Hofmann wurde 1982 mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet. Die Lesung hätte den Preis für die größtmögliche Dreistigkeit in einer professionellen öffentlich-rechtlichen Audio-Produktion verdient.

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Die Kunst der Hörspieladaption

Der verschwundene Funktionstext

Dieser Tage läuft im NDR das zweiteilige Kriminalhörspiel „Der Russe aus Nizza“. Es ist ein für seine Entstehungszeit 2009 typisches Produkt: reißerisch, mit guter Atmo und ohne jeden Erzählrhythmus. Doch eines ist wirklich herausragend gelöst: die Adaption des Textes (Bearbeitung und Regie: Sven Stricker) versorgt uns in kürzester Zeit mit den für das Verständnis der Geschichte nötigen Grund-Informationen, ohne je in Funktionstext auszuarten: das sind diese albernen Textbausteine, die wir im Alltag nie verwenden würden, weil ja nicht in einer Hörspieladaption leben, in der wir den Hörern irgendetwas erklären müssen.
„Der Russe aus Nizza“ braucht nur knapp zwei Minuten, um uns drei der vier wichtigsten Personen (die vierte tritt erst später auf) vorzustellen und ihr Verhältnis zueinander zu erläutern. Das könnte ein Rekord sein!

    Nathalie: Na was meinst du?

Marcus:  Die Rossia?

    Nathalie:  (kichert) Rossiya.

    Marcus: Eine Schiffsreise … Du willst eine Schiffsreise machen? In Russland?

    Nathalie: (lacht) Ja!

    Marcus: Okay. Und warum bleiben wir nicht in Dänemark, so wie sonst auch?

    Nathalie: Ich glaube es würde uns guttun! Mir auf jeden Fall…

    Marcus: Stimmt was nicht mit uns?

    Nathalie: Nein, Quatsch was soll denn nicht stimmen?

    Marcus: Na ich mein ja nur … du hasst Russland.

    Nathalie: I-ich komm nun mal von dort…

    Marcus: Nathalie! Wir sind jetzt seit zehn Jahren verheiratet, und plötzlich fällt dir das auf?

    Nathalie: Manchmal muss man sich bestimmten Dingen eben stellen…

    Marcus: …. Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist…

    Nathalie: Ja, Marcus. Ganz sicher.

    Marcus: Gut, also wenn es das ist, was du möchtest, dann … ja, dann machen wir das eben.  Ich muss jetzt los, sonst verpass ich meinen Flieger.

    Nathalie: Marcus, triffst du in Nizza auch deinen Vater?

    Marcus: Wenn noch Zeit bleibt. Donnerstagnachmittag bin ich wieder da.

Der Russe aus Nizza

Hörspiel in zwei Teilen  nach dem Roman von Leif Davidsen

Erster Teil

    Vater Hoffmann: Wie geht es Nathalie mein Junge?

    Marcus:  Danke der Nachfrage, richtig gut. Sie verkauft immer mehr von ihrem Schmuck. Wenn das so weitergeht, muss sie vielleicht irgendwann gar nicht mehr als Dolmetscherin arbeiten.

    Marcus (als Erzähler im Off): Wir saßen in einem kleinen Restaurant mit Blick auf die Promenade und das Meer. Mein Vater war aus seinem idyllischen Dörfchen Fayence nach Nizza gekommen.

    Vater Hoffmann: Grüß sie bitte unbedingt von mir.

    Marcus: Ja, ja mach ich Vater. Sobald ich wieder zu hause bin.

    Vater Hoffmann: (lacht) Stimmt. Ihr telefoniert ja nie, wenn du unterwegs bist.

   Marcus: Na, ich muss mich halt auf meine Arbeit konzentrieren.

    Vater Hoffmann: Ja ja …deine Arbeit…

    Marcus als Erzähler: Er fand meinen Job total langweilig, die reine Zeitverschwendung. Und er hatte nie Lust, etwas darüber zu hören.

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Die wiedergefundene Textstelle: Wohnwelten (3)

So lebt Tobias, Held der Kurzgeschichte „Der nervige Selbstmordkandidat“ aus Heinz Strunks Erzählungsband „Der gelbe Elefant“.

Samstag, Mitte Juli. Tobias hat spontan (eigentlich ist er kein spontaner Typ) zu einer Party auf seinem Balkon eingeladen. Der ist mit vierzehn Quadratmetern unbestrittenes Highlight und einziger Trumpf der dunklen, schlecht geschnittenen Zweieinhalbzimmerwohnung. Neulich war in der Zeitung von einem Balkonabsturz in Stuttgart zu lesen, die Mieter hatten draußen ein großes Planschbecken aufgestellt, sechs Personen wurden teils schwer verletzt. Die Wohnung von Tobias liegt im vierten Stock, bei einem vergleichbaren Unglück würde es mit Sicherheit Tote geben. Mehr als zehn Personen wird er nicht gleichzeitig rauflassen.
Wenn überhaupt so viele Leute seiner Einladung folgen. Das Viertel, in dem er wohnt, ist so unbeliebt wie unbekannt, ein einschläfernder No-Name-Stadtteil kurz vor dem Speckgürtel, runtergekommene Nachkriegsbauten mit zernarbten, abblätternden Fassaden, städtebauliche Nullität. Mit Öffis braucht man vom Zentrum fast eine Stunde, das dürfte viele abhalten.
(…) Sicher findet an einem anderen place to be, ganz in der Nähe, das coolere Event statt, das sämtliche Partypeople, die eigentlich auf dem Weg zu ihm wären, ansaugt, einsaugt und nach 24 Stunden high life in Tüten komplett durchgeranzt wieder ausspuckt.
(…) Der Lärm von der nahen Bundesstraße geht ihm auf die Nerven. Er ist ursprünglich vom Dorf, und an das Dauergetöse der Stadt kann er sich einfach nicht gewöhnen. Sein Hemd fühlt sich durchgeschwitzt an. Es ist schwül und drückend, eine fettige, stehende, leicht faulige Hitze. Die Rasenfläche vor dem Haus wirkt grau und glanzlos, wie von Krankheit befallen. Allerhöchste Zeit, der Gegend den Rücken zu kehren. Nächstes Jahr. Allerspätestens.

Heinz Strunk hat nur ein einziges Thema: die Unappetitlichkeit menschlicher Körper und der Seelen, die darin eingekerkert sind. Doch auch auf die Räume, die sie bewohnen, kann diese Befindlichkeit abstrahlen.

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Ein finnisches Bullerbü

betr.: „Das Sommerbuch“ von Tove Jansson

„So weit bin ich noch nie gegangen“, sagte Sophia. „Und du?“
„Ich auch nicht“, antwortete ihre Großmutter.
Sie gingen bis auf die äußerste Spitze der Insel hinaus, wo der Fels sich in immer dunkler werdenden Terrassen senkte. Jede Stufe, die tiefer in die Dunkelheit hinabführte, war von hellgrünen Fransen aus Seegras gesäumt, die mit den Bewegungen des Wassers vor- und zurückwogten.


Es freut mich, über das Fließtext-Buch einer finnischen Autorin gestolpert zu sein, die ich bisher lediglich als einen der bedeutendsten europäischen Comic-Klassiker kannte: Tove Jansson (1914-2001). Sie schrieb „Das Sommerbuch“ 1972, kurz nachdem ihre Mutter gestorben war, um ihre Trauer zu verarbeiten (wie es in solchen Fällen immer so schön heißt). Tove Jansson war vor allem für ihre Comics um die freundlichen, nilpferdähnlichen Mumin-Trolle bekannt – die ich wiederum nur aus der Feder ihres Bruders Lars kannte, der sie als Autor und Zeichner viele Jahre lang betreut hat.

„Einmal hab ich ein richtiges Aas gefunden, ein Schwein. Wir haben eine Woche lang die Knochen abgekocht. Es roch ganz schrecklich. Dein Vater wollte das Skelett haben, für die Schule. Für Zoologie, verstehst du?“
„Nein“, antwortete Sophia misstrauisch. „Was? Welche Schule?“
„Als dein Vater klein war, …“
„Er ist groß!“ sagte das Kind und fing an, Sand zwischen den Zehen herauszupulen.
Großmutter und Enkelin zogen sich in ihr jeweils eigenes Schweigen zurück.

 
Mir war nicht bekannt, dass die Autorin zehn Bücher für Erwachsene geschrieben hat und dass diese in Skandinavien als moderner Klassiker gelten. „Das Sommerbuch“ ist eines davon. Es geht darin um die Liebe zwischen einer Großmutter und ihrer sechsjährigen Enkelin. Die episodenhafte Handlung erstreckt sich über die titelgebenden Monate. Wie gesagt: „Das Sommerbuch“ ist dennoch kein Kinderbuch, aber die Grenze zwischen den Zielgruppen löst sich angenehm auf. Zuletzt erlebte ich das im westdeutschen Kinderfernsehen, das zum für mich biografisch idealen Zeitpunkt durch seine Blütezeit ging. Wie all die „lieben Jungen und Mädchen“ fühlte ich mich von diesem Programm spielerisch für voll genommen – genau wie es die Oma bei Jansson mit ihrer Enkelin tut.

Die Sonne ging auf, einen Augenblick lang glühte der Nebel, dann war er einfach verschwunden. Auf einem großen Stein draußen im Wasser lag eine Eisente. Sie war nass und tot.
„Woran ist sie gestorben?“ rief Sophia zornig.
„An unglücklicher Liebe“, erklärte ihre Großmutter. „Es war ein Enterich, und der hat seinem Gaggelhuhn die ganze Nacht etwas vorgesungen und vorgegaggelt, und dann ist ein anderer gekommen und hat sie ihm weggenommen. Und da hat er den Kopf ins Wasser gesteckt und ist davongetrieben.“
„Das ist nicht wahr!“ schrie Sophia und begann zu weinen. „Eisenten können nicht ertrinken! Erzähl es richtig!“

Streit, Kritik, Meinungsverschiedenheiten – all das ist hier selbstverständlicher Teil einer familiären Verbindung, die mehr an eine Freundschaft erinnert als an den Dialog über einen derart großen Altersunterschied hinweg. Unnötig zu erwähnen, dass Tove Jansson in diesen kurzen Episoden auch über den Tod nachdenkt.

„Wann stirbst du?“ fragte das Kind.
Großmutter antwortete: „Bald. Das geht dich aber nichts an!“

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Der Song des Tages: Love Theme from „A Farewell To Arms“

Betr.: 41. Todestag von Paul Francis Webster

„A Farewell To Arms“ – Filmmusik der gleichnamigen zweiten von bisher drei Hollywood-Verfilmungen des autobiographischen Romans von Ernest Hemingway – lebt als kurioses Soundtrack-Album fort. Sammlerstück scheint mir nicht der korrekte Begriff zu sein, denn weder der Ruf des Komponisten Mario Nascimbene noch die Bedeutung des Films (des letzten vom legendären Produzenten David O. Selznick) bietet irgendeinen Anreiz für Sammler-Begehrlichkeiten. Kurios ist die Schallplatte deshalb, weil sie für das Produktionsjahr 1957 eine erbärmliche Klangqualität bietet. Auch spätere CD-Veröffentlichungen haben auf diese unerklärlich flache Tonspur zurückgegriffen, die an eine Telefonverbindung erinnert.
Aber was soll’s: die Allgemeinheit ist gerne am falschen Platz unaufmerksam, und in der Nische sieht es nicht besser aus. Neben Hugo Friedhofers „The Young Lions“ (etwa zur selben Zeit entstanden) ist Mario Nascimbenes „A Farewell To Arms“ nach meiner Einschätzung die schönste Filmmusik, die in der klassischen Ära für einen Kriegsfilm komponiert wurde. Anders als Friedhofers Musik, die man ab dem zweiten Track auch für die Begleitung einer romantischen Komödie halten könnte, macht sie die Unbehaglichkeit des Sujets allgegenwärtig und erhebt sich daraus zu kleinen Kampfpausen, um schließlich in ein furios-glückseliges Finale auszubrechen. Ich kenne nichts Vergleichbares.

Dass für diese Komposition überhaupt ein Liedtext in Auftrag gegeben wurde, hat nur einen Grund: es war die Blütezeit des Filmsongs, und auf ihm lasteten seinerzeit große crossmediale Erwartungen. Ich freue mich darauf, diesen Song eines Tages zu hören.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Prima vista 0,5: Das weiße Schiff

betr.: Todestag von H. P. Lovecraft / Lesen vom Blatt / Übung

Eine Prima Vista Lesung in abgemilderter Form lässt sich durchführen, wenn man sich verschiedene Übersetzungen der selben Textpassage vornimmt: die erste wird still gelesen, die zweite laut.
Der Inhalt ist bekannt, der Wortlaut ändert sich.

Heutiges Beispiel: aus „Das weiße Schiff“ von H. P. Lovecraft

Variante 1:

Ich bin Basil Elton, Wärter des Leuchtturms von North Point, den vor mir schon mein Vater und mein Großvater hüteten. Der graue Leuchtturm steht fern der Küste über abgesunkenen, schleimbedeckten Felsen, die sichtbar sind bei Ebbe, nicht jedoch bei Flut. An diesem Signalfeuer zogen ein Jahrhundert lang die majestätischen Schiffe der sieben Weltmeere vorüber. In den Tagen meines Großvaters gab es viele davon; in den Tagen meines Vaters schon weniger; und nun sind es ihrer so wenige, dass ich mich zuweilen sonderbar allein fühle, als wäre ich der letzte Mensch auf unserem Planeten.
Von fernen Küsten kamen jene alten Handelsschiffe mit den weißen Segeln; von fernen östlichen Küsten, wo warme Sonnen scheinen und süße Düfte durch die fremdartigen Gärten und farbenprächtigen Tempel ziehen. Die alten Kapitäne kamen oft zu meinem Großvater und erzählten ihm von diesen Dingen, die er wiederum meinem Vater erzählte und mein Vater mir, an den langen Herbstabenden, wenn der Wind aus dem Osten gespenstisch heulte. Und ich habe noch mehr über diese Dinge und über vieles andere in den Büchern gelesen, die man mir gab, als ich jung war und von Fragen erfüllt.
Doch wunderbarer als die Geschichten alter Männer und das Wissen der Bücher sind die geheimen Geschichten des Meeres. Ob blau, grün, grau, weiß oder schwarz; glatt, gekräuselt oder von Wogen aufgetürmt; dieses Meer schweigt nie. Mein Leben lang habe ich es betrachtet und ihm gelauscht; ich kenne es gut. Anfangs erzählte es mir nur die einfachen kleinen Geschichten von ruhigen Stränden und nahen Hafenstädten, doch im Laufe der Jahre wurde es freundlicher und sprach von anderen, von seltsameren und weit in Raum und Zeit entlegenen Dingen. Im Zwielicht teilten sich zuweilen die grauen Dünste am Horizont, um mir kurze Blicke auf die Wege dahinter zu gewähren; und des Nachts wurden die tiefen Wasser der See zuweilen klar und leuchtend, um mir kurze Blicke auf die Wege in der Tiefe zu gestatten. Diese kurzen Blicke waren so zahlreich wie die Wege, die einst waren oder dereinst sein könnten, so wie die Wege, die sind; denn das Meer ist älter als die Berge und beladen mit den Erinnerungen und Träumen der Zeit.

Variante 2 (Suhrkamp):

Ich bin Basil Elton, der Wärter des North-Point-Leuchtfeuers, das vor mir mein Vater und mein Großvater hüteten. Weitab der Küste steht der graue Leuchtturm über schleimigen, blinden Klippen, die man bei niedriger Flut sieht, bei hoher jedoch nicht. Ein Jahrhundert lang sind an diesem Signalfeuer die majestätischen Barken der Sieben Meere vorübergezogen. In den Tagen meines Großvaters waren es viele; in den Tagen meines Vaters schon weniger; und heute sind es so wenige, dass ich mich manchmal seltsam allein fühle, so als wäre ich der letzte Mensch auf unserem Planeten.
Damals kamen jene weißbesegelten Handelsschiffe von fernen Küsten; von fernen, östlichen Küsten, wo warme Sonnen scheinen und süße Düfte merkwürdige Gärten und prächtige Tempel durchziehen. Die alten Kapitäne besuchten meinen Großvater oft und erzählten ihm von diesen Dingen, die er wiederum meinem Vater erzählte, und mein Vater mir, an langen Herbstabenden, wenn der Wind unheimlich aus dem Osten heulte. Und in den Büchern, die man mir gab, als ich jung und voller Staunen war, habe ich noch mehr über diese und viele andere Dinge gelesen.
Doch wundervoller als die Kenntnisse alter Männer und die Kenntnisse der Bücher sind die geheimen Kenntnisse des Ozeans. Blau, grün, weiß oder schwarz; glatt, aufgewühlt oder bergehoch; dieser Ozean ist nicht stumm. Mein Leben lang habe ich ihn beobachtet und ihm gelauscht, und ich kenne ihn gut. Zuerst erzählte er mir nur die gewöhnlichen kleinen Geschichten von stillen Stränden und nahen Häfen, doch mit den Jahren zeigte er sich freundlicher und sprach von anderen Dingen. Manchmal haben sich im Zwielicht die grauen Horizontdünste geteilt, um mir flüchtige Blicke in die jenseitigen Räume zu gewähren; und manchmal wurde des Nachts die See klar und phosphoreszierend, um mir flüchtige Blicke in die darunterliegenden Räume zu gewähren. Und diese flüchtigen Blicke haben mir ebensooft Räume gezeigt, die waren oder die sein könnten, wie die Räume, die sind; denn der Ozean ist ungleich älter als die Berge und befrachtet mit den Erinnerungen und Träumen der Zeit.

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