Let our affair be a gay thing (1)

betr.: Das Musical als schwule Kunstform für alle

Unter ihrer unverändert buntschillernden Oberfläche hat sich die Gattung Musical in den etwa 40 Jahren seit ihrer Wiederauferstehung als volkstümliche Kunstform tiefgreifend gewandelt.
Der Kulturjournalist Nick-Martin Sternitzke, der sich im SWR regelmäßig mit dem Genre beschäftigt, lieferte in seinem Feature „Something Wonderful“ über die Broadway-Klassiker Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II kürzlich ein gesellschaftspolitisches Update.
Aufhänger war ein Song, der sich in den letzten Jahren zum populärsten Titel des klassischen Broadway-Teams Rodgers & Hammerstein gemausert hat. „You’ll Never Walk Alone“ erklang ursprünglich im Finale des Musikdramas „Carousel“ (1945) und hat viel später mehrfach Karriere gemacht, zunächst im Fußballstadion. Sternitzke: „Ausgerechnet die Hymne der heterosexuellen Fußball-Sphäre sollte zum akustischen Signet weltweiter Anti-AIDS-Kampagnen werden und gemeinschaftsstiftend für queere Menschen.“ Das Rad der kulturellen Wechselwirkungen drehte sich noch weiter: „In den letzten Jahren gab es sogar einige queere Interpretationen von Rodgers-und-Hammerstein-Stücken. Plot, Dialoge und Musik blieben unverändert, nur hat man eben eine weibliche Figur mit einem männlichen Darsteller besetzt: Aus Ado Annie in ‚Oklahoma!‘ wurde Andy Nun, der sich in Will verliebte. – So wie das Ado Annie eben auch passiert wäre.“ Kevin Clarke fügte in der Sendung hinzu: „Diese ganzen LGBTQ-Versionen von „Oklahoma!‘ sind, glaube ich, in Amerika nur möglich, weil eben dieser kommerzielle Druck, sich zu erneuern, so groß ist, dass die Rodgers-&-Hammerstein-Verwaltungsgesellschaft erkannt hat: Wenn in allen anderen Broadway-Musicals jetzt Schwule, Lesben, Trans-Charaktere, queere Personen vorkommen, wenn das Thema so groß behandelt wird, dann können wir hier nicht auf so einer altmodischen Version beharren […] Und das ist etwas, was ich sehr schön finde, weil es das auch lebendig hält. Andererseits ist es etwas, was in Deutschland auf dem Musical-Markt überhaupt nicht wahrgenommen wird.“

Dieser deutsche Rückstand ist verwunderlich. Wie in den angelsächsischen Ländern, ist bei uns das männliche Musical-Personal auf und hinter der Bühne zu einem erheblichen Teil homosexuell. Und auch im Publikum sitzen zwischen all den Normalo-Familien unzählige „Schwule und ihre besten Freundinnen“ – wiederum auf beiden Seiten des Atlantiks bzw. des Ärmelkanals.
Die klassischen Broadway-Shows waren keineswegs subversiv, ebensowenig wurden homosexuelle Aspekte offen, missionarisch oder gar sektiererisch eingebracht. Ein so teures Vergnügen wie eine Musical-Produktion konnte sich gar nicht leisten, nur für eine Blase (ehrlicher gesagt: eine Randgruppe) zu produzieren, sie musste Entertainment für alle bieten. (Erfreulicherweise hat es immer wieder Innovationen und Experimente gegeben. Der inhaltliche – wenn auch unpolitische – Wagemut, der in den 70er und 80er Jahren von Stephen Sondheim gepflegt wurde, geschah bereits aus einer Nische heraus.)
Die Verhältnisse hielten die häufig schwulen Schöpfer der jungen Kunstform aber nicht davon ab, ihre Befindlichkeiten auf die handelnden Figuren zu übertragen. Es glückte das ewige Wunder der künstlerischen Sublimation: der besondere (homosexuelle) Blickwinkel beförderte etwas ganz Allgemeingültiges. Und er bewahrte diese ganz besonders kommerzielle Kulturgattung jahrzehntelang davor, ins Beliebige und Banale abzurutschen.
Capricen und Subtexte wurden in der ersten Musical-Hochphase im 20. Jahrhundert ganz unaufdringlich platziert oder zum Gegenstand einer Schlüsselszene gemacht (das sind jene wichtigen Momente, die man aufgrund ihrer mitunter beiläufigen Verabreichung auch übersehen kann – um den Preis, die eigentliche Pointe zu verpassen).*
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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2024/06/09/25472/

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Schrankwandliteratur

betr.: literarische Früherziehung

Ein geliebter Freund, den ich für sein südländisches Naturell (seine intelligente Lebensfreude, seine vorurteilsfreie Herzlichkeit und sein sexuelles Selbstverständnis) aufrichtig bewundere, wollte in einem Gespräch, das wir kürzlich führten, unbedingt als Bücherfreund von mir anerkannt werden. Ausgerechnet das ist er nun in keinster Weise: bibliophil. Die zum Bücher-Lesen unerlässliche Bereitschaft, zu versinken und stillzusitzen, kann ich gar nicht mit ihm in Verbindung bringen. Als ich es wagte, das auszusprechen, wäre er beinahe in die Luft gegangen. Ich sagte ihm, dass ich in seinen Wohnungen (auch in der soeben bezogenen) noch nie Bücher gesehen hätte (von den obligatorischen beiden Bildbänden im TV-Regal einmal abgesehen). Sogleich wechselte er das Thema und war wieder lieb.
Selbstverständlich ist mein Freund mit 40 Jahren bereits Angehöriger einer Generation, in der das Lesen nicht mehr so wichtig genommen wurde und hat sich überdies längst vollständig auf das Smartphone als Universalmedium zurückgezogen wie die meisten heutigen Menschen jeglichen Alters. Der etwa gleichaltrige Clemens J. Setz – für mich der mit Abstand interessanteste Autor unserer Zeit – hat bis zu seinem 16. Lebensjahr überhaupt nichts gelesen. Dann packte es ihn umso schlimmer, und er las sämtliche Schrifttumsgattungen in atemberaubender Menge. (Er bearbeitet heute auch sämtliche Schrifttumsgattungen, selbst die digitalen.)

Eine Vorausahnung der Clemens J. Setz-Story in „Tales To Astonish“ # 62, 1964 –  Text: Stan Lee, Zeichnungen: Steve Ditko, deutsch bei Williams 1974

In meinem Elternhaus gab es Bücher als obligatorischen Bestandteil der Schrankwand-Befüllung – kleinbürgerliches 70er-Jahre-Repertoire: Simmel, Konsalik, Karl May (wovon ich mich instinktiv fernhielt), aber immerhin auch ein Wilhelm-Busch-Album, das mich unendlich bereichert hat. Sonst wuchs ich abgesehen von eigenen Titeln (einiges von Wilhelm Hauff und Agatha Christie) weitgehend illiterarisch auf – bis ich durch einen Altpapierfund in den Besitz eines Stapels „Doc Savage“-Taschenbücher gelangte und mir mein Bruder seine abgelegten Marvel-Comics überließ. Ich profitiere bis heute von diesen beiden Ereignissen.* Weiterlesen

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Jens Riewa im Bussi-Bär-Modus

betr.: Fernsehkritik

Seit Dezember 2020 ist Jens Riewa Chefsprecher der „Tagesschau“, deren Hauptausgabe um 20 Uhr er bereits seit 1995 präsentiert. Das sieht man neuerdings daran, dass in diesem „Hochamt des Deutschen Fernsehens“ Nachrichten nicht nur mehr verlesen, sondern auch moderiert werden dürfen (jedenfalls vom Chef). Was in den Augen schlichter Fernsehschaffender hip wirken mag, muss keine Verbesserung sein. Dieser Effekt ließ sich jahrelang in den „heute“-Nachrichten im Zweiten Programm beobachten. Unvergessen sind die leutselig gemeinten Mimikverrenkungen des damaligen Nachrichtensprechers Peter Hahne, der die Mundwinkel mit dem gleichen Aufwand auch wieder herunterziehen musste, wenn es nach einer „heiteren“ Meldung die nächste unerfreuliche zu vermelden gab.

Die heutigen 20-Uhr-Nachrichten mit ihrem wichtigen Fußballspiel hat Jens Riewa natürlich zur Chefsache gemacht. Und er lässt es sich nicht nehmen, das freudige Ereignis mit einer Attitüde zu präsentieren, die besser zu einer Volksmusiksendung passen würde. Gleich danach geht es um das Sommerinterview mit dem notorisch glücklosen Olaf Scholz, und Riewa muss prompt wieder auf ernste Miene umschalten.
Das ist ein Affentheater, dass es mit seinem verstorbenem Vorgänger und Förderer Werner Veigel nicht gegeben hätte. Als der einmal verdächtigt wurde, er müsse doch in seiner langen Karriere auf diesem Platz auch mal gelächelt haben, sagte er sinngemäß, das könne nur ein Irrtum sein. Was lehrt uns diese Anekdote? Man kann auch ohne Fratzen sehr sympathisch rüberkommen.
Die „Tagesschau“ war in ihrer bisherigen hanseatischen Form der beste Beweis dafür.

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Halbseidene Lebensmittel und amphibische Stilblüten

betr.: schlechter Stil

Was aus Kindermund drollig herüberkommt, ist im Journalismus mindestens im selben Maße schmerzhaft.
Ich bin immer ein wenig beleidigt, wenn sich verzeihliche Stilblüten im Sprachgebrauch festsetzen – nicht so drolliges (erwachsenes) Zeug wie „Hier werden Sie geholfen!“ oder „Ich habe fertig!“, sondern eher verschleppte Unrichtigkeiten.
Immer häufiger höre ich in seriösen Radiobeiträgen die gruselige Formulierung: „Er traut dem Braten nicht“.
Die Ausgangs-Redewendung „den Braten riechen“ ist eine uralte, aber noch immer anschauliche Umschreibung für „es wird etwas geahnt („ruchbar“), was eigentlich verheimlicht werden sollte“. Diese wurde ganz offensichtlich zu einer Zeit formuliert, da die Menschen im deutschen Sprachraum nicht genug zu essen hatten.
Mit eingeflossen ist eine andere Redensart: „dem Frieden nicht trauen.“ In diesem Sprachbild ist der Frieden allerdings nicht der mögliche Übeltäter (der das Misstrauen erregt), sondern der Gegenstand, von dem man hofft, ihn in Sicherheit zu wissen.

„Dem Braten nicht trauen“ ist nicht nur semantischer Blödsinn (der scheinheilige Braten bereitet sich ja nicht selbst zu, woraufhin er sogleich verräterisch zu duften beginnt), es führt auch inhaltlich in die Irre. Wollte man diese Wortwahl ernst nehmen, würde sie bedeuten: „da ist jemand nicht glaubwürdig“ und nicht „es wird geahnt, was eigentlich verheimlicht werden sollte“.
Liebe Schlussredaktion: bitte eingreifen!

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Das Loch in der Mitte

Betr.: 119. Geburtstag von Jean-Paul Sartre

Großprojekte wie die rechtzeitig zum Kafka-Jahr fertiggestellte dreibändige Biographie von Reiner Stach sind Projekte, mit denen der jeweilige Autor letztlich allein fertigwerden muss. Selbst wenn sich ein Verlag findet, der ein solches Anliegen mit einem Vorschuss unterstützt, muss der Schreibende den gewaltigen Aufwand selbst organisieren und sich etwa – Stach hat das gerade wieder betont! – von der Idee freimachen, er könne ihn nebenbei bewältigen und parallel noch einem Hauptberuf nachgehen, der ihn finanziell versorgt.
Die Erschaffung einer solchen Biographie ist ein Vollzeitjob!
Die meisten derartigen Unternehmungen sind auf der Strecke geblieben: unveröffentlicht oder wenigstens unvollständig, was auf dasselbe hinausläuft.

Besonders prominent ist das folgende Beispiel, sind die beiden Namen (der des Portraitierenden wie auch der des Portraitierten) doch denkbar groß!
Im Juni 1971 brachte Jean-Paul Sartre einen Teil seiner Flaubert-Biographie unter dem Titel „Der Idiot der Familie“ heraus. Sartre war stolz und optimistisch. Diesmal, erklärte er der Presse, wolle er »bis zum Ende gehen (…) Eines Tages muss ich einfach irgendetwas in meinem Leben zum Abschluss bringen.«
Nach dieser Ankündigung blieben dem linken Philosophen noch neun Lebensjahre.
Wie wir heute wissen, ist es bei einem Fragment geblieben. Wenn wir Sartre richtig verstehen, hat er also nach eigener Bewertung nichts in seinem Leben zuendegebracht.
Das Tragische daran ist: ausgerechnet der mittlere Teil der Buchreihe fehlt, jener, in dem sich Gustave Flaubert mit seinem Hauptwerk „Madame Bovary“ beschäftigt.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Ballern wie die Macker

betr.: arte-Doku über Sigourney Weaver

Die Verdienste der Künstlerin Sigourney Weaver sind unbestritten, doch leider lässt die Sendung „Sigourney Weaver: Actionheldin und Stil-Ikone“ den Entertainment-Faktor beiseite und kreist beinahe ausschließlich um einen Aspekt, der mindestens angreifbar ist. Dass Weavers Darstellung der Eleanor Ripley in dem Filmklassiker „Alien“ (1979) und dessen Fortsetzungen die erste vergleichbar selbstbewusste weibliche Figur im Kino gewesen sei, ist jedenfalls Unsinn. Keine/r hier scheint je etwas von abgründigen Stars des frühen Tonfilms wie Bette Davis und Barbara Stanwyck und deren Rollen, von Komödiantinnen wie Katherine Hepburn und Carole Lombard, von politisch bewegten Idolen wie Jane Fonda, frechen Mädchen wie Tatum O’Neal in „Paper Moon“, von schlagkräftigen Kunstfiguren wie Emma Peel (sowie deren Darstellerin Diana Rigg) oder Modesty Blaise gehört zu haben – wenn Fernsehen und verfilmter Comic hier auch eine Rolle spielen dürfen und um nur einige Beispiele zu nennen. (Marlene Dietrich wird immerhin in einem Nebensatz erwähnt, offensichtlich aber ohne sich über deren Lebensleistung im Klaren zu sein.)
Aber nicht nur von unserer Popkultur, auch von Feminismus haben die wenigen immer wieder eingeblendeten „Fachleute“ einen irritierend engen Begriff, erschöpft sich ihr Bild von weiblicher Selbstbestimmung doch in Posen, die man bei Männern zunehmend als überholt und schon immer als Zeichen von unfroher Schlichtheit betrachtet. Im Vergleich mit den maskulin-militaristischen Methoden der Astronautin und Soldatin Ripley und ihrer Nachahmerinnen sehen die zuvor genannten Kolleginnen sogar noch fortschrittlicher aus.
Ganz besonderes Lob erntet Sigourney Weaver folglich nicht etwa für eine schauspielerische Glanzleistung, sondern dafür, dass sie als Insassin eines Laderoboters zu einer Art Monster-Cyborg heranwächst, der der Alien-Königin im zweiten Beitrag der Serie ganz besonders effektiv auf die Fresse geben kann (nicht ohne diese zuvor – Gipfelpunkt der Emanzipation! – als „Bitch“ bezeichnet zu haben).

Auch unter dem simpelsten Gesichtspunkt geht „Sigourney Weaver: Actionheldin und Stil-Ikone“ daneben, nämlich dem, dass eine solche Kulturdoku ihren Gegenstand und dessen Repertoire gern gut aussehen lässt. Die Filmographie von Sigourney Weaver wirkt in dieser Präsentation kleiner als man sie in Erinnerung hat (und als sie tatsächlich ist). Dazu trägt wiederum die feuilletonistische Ahnungs- und Standpunktlosigkeit der Autoren bei. So wird beispielsweise der kontraproduktive vierte Beitrag der „Trilogie“ um das Alien (ein typischer Jean-Pierre Jeunet-Kitsch im leicht verdreckten Alge-Urin-Look) abgefeiert, als stünde er ebenbürtig in der bemerkenswert gelungenen Reihe der ersten drei Filme. Es sind kumpelhafte Nachlässigkeiten wie diese, die die ständig abgesonderten Superstar-Superlative so unbehaglich ins Leere laufen lassen.

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Zauber ohne Anfang

betr.: die Findung von musikalischen Gattungsbezeichnungen

Das erste Werk einer bestimmten Musikgattung ausfindig zu machen, gelingt nur selten, weil die Übergänge von einer zur anderen Form fließend und die Gattungsnamen mitunter mehrdeutig sind (wie ‚Symphonie‘ oder ‚Sonate‘). Hinzu kommen unterschiedliche Bedeutungen einzelner Begriffe in verschiedenen Sprachräumen (etwa „Rhapsody“ / „Rhapsodie“), so kommt es zum Deutschen als fachlicher Amtssprache des Klassikbetriebs.

Auch haben sich manche Kunstgattungen aus einer anderen heraus entwickelt und sie zunächst parodiert. Lange Zeit weiß man nicht, ob man es überhaupt mit etwas Tragfähigem, Neuem zu tun hat, bei dem sich lohnt, einen neuen Begriff zu verwenden. Die Operetten von Gilbert & Sullivan beispielsweise wurden von ihnen selbst und den Zeitgenossen stets als „Opera“ bezeichnet, und die frühesten Musicals waren selbstverständlich noch „Operettas“ – und der Operette tatsächlich noch näher als dem später ausgereiften Konzept des „Book Musicals“.
Der Jazz brauchte c.a. 25 Jahre, bis er als umfassende, variantenreiche Strömung erkannt wurde und seinen Namen erhielt, nachträglich wurde der Ragtime als deren Beginn ausgemacht.*

Hin und wieder entstand eine neue musikalische Gattung in relativ kurzer Zeit, weil sie tatsächlich von einem oder einigen Vorreitern erfunden wurde. Manchmal kamen ihre geistigen Väter unabhängig voneinander auf eine Idee, die in der Luft lag und für die die Zeit reif war. Die Erfindung des Streichquartetts etwa fällt in die 50er und 60er Jahre des 18. Jahrhunderts. Joseph Haydn wird gewöhnlich als ihr Schöpfer angegeben, aber der in der Nähe des mährischen Brünn geborene Franz Xaver Richter (Mitglied des berühmten Mannheimer Orchesters) hat tatsächlich schon wenige Jahre vor Haydn sechs sogenannte „Streichquartette“ komponiert, die allerdings erst nach den ersten Quartetten Haydns als sein Opus 5 publiziert wurden.
Viel diskutiert sind auch die Wurzeln der sogenannten „Symphonischen Dichtung“. Franz Liszt gebrauchte zwar als erster diese Gattungsbezeichnung und setzte sie pointiert gegen die Tradition der Symphonie, aber schon fast zwanzig Jahre vor seinem ersten Werk dieser Gattung, der sogenannten „Bergsymphonie“ (1848/49), komponierte Hector Berlioz symphonische Werke, in denen (mitunter literarische) Figuren einer Handlung folgten. Seine „Symphonie fantastique“ (1830) und „Harold en Italie“ (1834) sind erste Werke einer neuen symphonischen Gattung.

Das schon erwähnte Musical hat zwar drei eindeutige Väter bzw. Pioniere, die das europäische Konzept der Operette ab der Jahrhundertwende für das New Yorker Theaterpublikum weiterentwickelten und amerikanisierten: Victor Herbert, George M. Cohan und Jerome Kern (von denen der Letztgenannte auch zu den wichtigsten Komponisten des neuen Repertoires gerechnet wird).** Doch „das erste Musical“ existiert eindeutig nicht. Die Gattung entstand Zug um Zug zwischen ihrem mysteriösen Vorläufer „The Black Crook“ (1866), der ein Gespür dafür weckte, dass in den jungen USA ein neues Publikum mit einer eigenen Mentalität und eigenen Bedürfnissen im Entstehen war, und „Show Boat“ (1928), dem ersten Erfolgsstück des Musicals, das der ganzen Welt die Ergebnisse der zurückliegenden Experimente präsentierte.

Im Gegensatz zu den Interpreten der Klassischen Musik und der Oper, sind die Leute vom Musical an der Historie und Entwicklung ihrer Kunstform gänzlich uninteressiert, besonders in Europa. Während die Kollegen aus den USA eine gewisse popkulturelle Allgemeinbildung mitbringen, die auch heimatliche Grundkenntnisse über das Musical mit einbezieht, trifft man in den hiesigen Ensembles häufig auf eine fröhliche Überschätzung des eigenen aktuellen Projektes, das gern als besonders wichtiger und innovativer Beitrag zur Gattung hochgejazzt wird (was bei einer Wiederaufführung von „Oklahoma!“ immerhin nicht ganz unrichtig ist). Auf dem schwarzen Brett der Berliner Bühnenshow „Hinterm Horizont“ (2011), die praktisch vollständig aus alten Popsongs zusammengesetzt war, wurde sogar stolz verkündet, man stünde hier an einem Scheideweg, und alle Beteiligten sollten sich darüber im Klaren sein und sich dieser Weihe würdig erweisen – zu diesem Zeitpunkt war selbst das Konzept des Juke-Box-Musicals bereits ein alter Hut. (Dies nur als Beispiel für eine allgemeine Befindlichkeit …)
Wenn ein Musicaldarsteller einen Satz mit den Worten beginnt „Das erste Musical war …“ outet er sich bereits als vollkommen ahnungslos.
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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2014/10/21/eine-abkuerzung-zum-jazz-1-der-ragtime/ und die folgenden Beiträge der Serie „Eine Abkürzung zum Jazz“.
** Siehe https://blog.montyarnold.com/2016/03/14/heute-ist-montag-4/ und die folgenden Beiträge des Kapitels „Und ganz viel Europa“.

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Der Festnetzmensch

betr.: Kommunikation (… mit sich selbst)

Wann immer das Mobiltelefon in meiner Wohnung schrillt, gerate ich in Panik: wo hab ich es hingelegt, von wo genau kommt dieser Alarmton? Werde ich es rechtzeitig schaffen, ehe der Teilnehmer auflegt?
Mir ist bewusst, dass ich es bei dieser sinnlosen Erregung mit einem ganzen Bündel von Marotten zu tun habe, die sich spätestens mit der Erkenntnis auflösen lassen, ein so rascher Rückruf, wie er hier schlimmstenfalls droht, würde selbst mich als Freiberufler nicht ins Unglück stürzen. Aber so pragmatisch funktionieren die wenigsten Gemüter – und wir rennen, um nicht die nächste Grünphase oder die nächste U-Bahn in vier Minuten abwarten zu müssen.

Unterhalb dieser reflektierbaren neurotischen Kruste müsste es noch einen anderen Grund für meine törichte Nervosität geben. Ihn erraten zu haben, wird mich natürlich nicht aus ihr erlösen.
Ich bin zu einer Zeit sozialisiert worden, da wir Festnetztelefone und weder eine Nummern-Erkennung noch einen Anrufbeantworter hatten. Wenn wir einen Anruf verpassten, erfuhren wir in der Regel gar nicht, wen wir überhaupt verpasst hatten.
Andererseits hatten diese Wählscheiben-Apparate hatten einen festen Platz in der Wohnung, meistens im Flur: niemals musste man raten, wo es gerade klingelt.
Dass ihre lange Schnur es gestattet hätte, sie mit ins Wohnzimmer zu nehmen und sich damit aufs Sofa zu setzen, hat uns in der Regel nicht daran gehindert, im Flur stehenzubleiben. Und deswegen haben wir uns nicht etwa kürzer gefasst; so ein Steh-Gespräch konnte sich ewig hinziehen …

Möglicherweise ist mein unlogischer Umgang mit dem Telefon heute doch dem von damals vorzuziehen.

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Die Last mit der Autofiktion

Autofiktion – also Literatur, in der eine Figur, die eindeutig als der Autor erkennbar ist, in einer offensichtlich als fiktional gekennzeichneten Erzählung auftritt – ist der aktuelle heiße Scheiß auf dem Buchmarkt.
In der aktuellen Ausgabe des „Freitag“ stellt Marlen Hobrack fest, dass dieses Phänomen den Kritikern zunehmend auf die Nerven geht. Ihr Fazit: Autofiktion würde als „weiblich“ (als weiblicher Ansatz) wahrgenommen, und die beschriebenen Vorbehalte seien folglich Ausdruck von Frauenfeindlichkeit: „Das Ringen mit Stoff und Form (wie männlich!) gegen die vermeintliche Formlosigkeit der Autofiktion. Die distanzierte, kühle Schau auf die Gesellschaft (wie ein männlicher Wissenschaftler, absolut objektiv!) gegen die Nabelschau. Man müsste schon blind sein, um die traditionelle Geschlechterdichotomie in den Deutungsmustern übersehen zu können! Autofiktion ist in diesem Sinne ein weiblich konnotiertes Schreiben. Womit nicht gemeint ist nur Frauen schrieben Autofiktion (der Autor der Autofiktion par excellence ist schließlich Karl Ove Knausgård) oder Frauen bedienten sich ihrer besonders häufig. Nur wird diese Form des Form des Schreibens eben als weiblich gelesen – buchstäblich!“
Unabhängig davon, ohne zu widersprechen und ohne mich annähernd so gut in den Diskurs eingelesen zu haben (ich weiß nur das, was ich dem Artikel entnehmen konnte), komme ich zu einer anderen Schlusspointe. Sagen wir: ich bleibe auf einem anderen Ärgernis sitzen.
Autofiktion ist zuallererst Ausdruck von Unlust / fehlendem Talent zum Erfinden von Figuren (und deren Geschichten). Zeitgenössische Autoren und Autorinnen haben zwangsläufig den historischen Abschnitt mit mir gemein, und folglich langweilt mich das meiste, was aus dieser mir selbst hinreichend bekannten Perspektive der fremden Normalität abgepresst wird, ohne wirklich etwas dazuzuerfinden. Vor allem auf dem Gebiet der Graphic Novel ist dieses unentwegte Nacherzählen des eigenen Alltags von Vorgestern eine echte Strapaze.

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