Dangerous World Of Colour

Die Gleichberechtigung erzielt nicht nur bescheidene Erfolge, hin und wieder schlägt sie sogar ins Gegenteil um. Dann haben die Männer das Nachsehen. Das sorgt immer für allgemeine Heiterkeit, auch wenn es sich um vergleichsweise popelige Niederlagen handelt, die kaum als angemessener Ausgleich für Menopause, Gender Gap und Kopftuchpflicht durchgehen können.
Ausgerechnet an George Clooney – der nicht nur mehrfach zum „Sexiest Man Alive“, sondern sogar zum „Sexiest Grey“ hochdekoriert wurde – wurde kürzlich ein Exempel statuiert. Als er sich für die Hauptrolle in der Bühnenadaption seines Filmerfolges „Good Night And Good Luck“ am Broadway die Haare färben musste (!), fiel zahlreichen Beobachtern auf, wie sehr das optisch zu seinem Nachteil geriet. Auch einigen Journalisten.

Ganz allgemein wird es nicht gern gesehen, wenn sich Männer die Haare färben, obwohl sie das aus den gleichen Gründen tun wie die Frauen auch: Eitelkeit (wenn man es kritisch betrachtet) bzw. aus dem Wunsch heraus, die Mitwelt mit einem hübschen Erscheinungsbild zu erfreuen (so die selbstbetrügerische Variante).
Das erbarmungslos aufs Sommerloch zutreibende Feuilleton der seriösen Wochenpresse berichtet von Vätern, die verspottet werden, wenn sie ihre Kids mit bunten Haaren von der Kita abholen und ähnliches.

Ich bin nur dann (geschlechterunabhängig) ungnädig über gefärbte Haare, wenn es nicht ordentlich gemacht ist. Oder wenn es doof aussieht, was in der Regel auf das selbe hinausläuft.
Mit meiner Friseurin sprach ich kürzlich darüber, wie Strähnchen bei Männern auf mich wirken: tuntig. Ich bin mir nicht sicher, ob sie mich ganz richtig verstanden hat. Sie stimmte mir zwar zu, aber ich war etwas unsicher, ob sie meine Äußerung nicht fälschlich als homophob verstanden haben könnte. („Vielleicht wollen die das ja“, meinte sie ratlos.) Um die Sache nachträglich klarzustellen: „tuntig“ hat auch eine interne Bedeutung und meint unter Homosexuellen, dass jemand als Mann weibisch wirkt – was umso widersinniger ist, wenn er dafür noch eigens Aufwand treibt (Strähnchen).
Auch hier fällt mir aber eine Ausnahme ein.

Der dänische Schauspieler Esben Smed spielte in Serie „Follow The Money“ einen welpenhaften Kleinkriminellen, der sich im Laufe dreier Staffeln vor unseren Augen zum kernigen Profi-Gangster entfaltet. Ihm stand die unvollständige Blondierung so gut, dass ich ihn mir dunkelhaarig gar nicht erst vorstellen wollte. Außerdem war „Follow The Money“ ein ganz großer Spaß – im Gegensatz zu Clooneys lieb gemeintem, zum Händefalten drögen Kitschfilm „Good Night And Good Luck“.

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Prima vista 0,5: Prolog aus „Das Apartment“

betr.: 37. Todestag von I.A.L. Diamond

Einen Begrüßungsjoke baute der wichtigste Mitarbeiter von Starregisseur Billy Wilder gleich in seinen Namen ein. Aus Izzy machte er „I. A. L.“, das steht ursprünglich für „Interscholastic Algebra League“. In einem Land, dessen Schulsystem traditionell auf Buchstabierwettbewerbe versessen ist, bekennt sich einer der erfolgreichsten humoristischen Drehbuchautoren zur Mathematik. Diese Neigung überträgt er auch auf einen seiner Helden, den Protagonisten von „The Apartment“.

Am ersten November 1959 hatte New York 8.042.783 Einwohner. Würde man alle diese Menschen, eine Durchschnittsgröße von einem Meter fünfundsechzig zugrunde gelegt, der Länge nach aneinanderreihen, so würden sie vom Times Square bis zum Marktplatz von Karachi in Pakistan reichen. Solche Zahlenbilder sind mir geläufig, weil ich bei einer Versicherungsgesellschaft arbeite, der „Consolidated Life“ in New York, eine der größten Gesellschaften in den USA. Unser Zentralbüro hat 31.259 Angestellte, das sind mehr als die gesamte Bevölkerung von Natchez / Mississippi. Ich arbeite im neunzehnten Stock, Prämienberechnungsabteilung für allgemeine Policen, Sektion B, Tisch 861.
Mein Name ist C.C. Baxter, C für Calvin, C für Clifford, aber meistens werde ich „Buddy“ genannt. Bei „Consolidated“ bin ich seit drei Jahren, zehn Monaten, ich bringe wöchentlich 94 Dollar 70 nach Hause.
Die Arbeitszeit in unserer Abteilung geht von acht Uhr fünfzig bis fünf Uhr zwanzig. Sie ist in jedem Stock verschieden, so dass sechzehn Fahrstühle die 31.259 Angestellten befördern können ohne daß es Verkehrsstörungen gibt. Ich bleibe allerdings häufig länger im Büro und mache eine oder zwei Überstunden, besonders bei schlechtem Wetter. Nicht etwa deshalb, weil ich übertrieben ehrgeizig wäre, nein, einfach um die Zeit totzuschlagen, bis es auch für mich soweit ist, dass ich nach Hause gehen kann.
Sie müssen nämlich wissen, ich habe ein kleines Problem mit dem Appartement in dem ich wohne. Es liegt in der westlichen 67. Straße nicht weit vom Central Park, meine Miete beträgt 85 Dollar im Monat – bis zum letzten Juli als Mrs. Lieberman, die Hauswirtin, mit einer gebrauchten Klimaanlage ankam, waren es nur 80. Es ist ein nettes Appartement, nichts Übertriebenes, aber sehr gemütlich. Genau das richtige für einen Junggesellen. Der einzige Nachteil ist, ich kann nicht immer hinein, wenn ich möchte.

So klingt der Eröffnungsmonolog von Billy Wilders berühmter Tragikomödie „Das Apartment“ in der deutschen Synchronfassung, die Erika Streithorst für Ultra-Film in Berlin eingerichtet hat.
Als Cornelius Schnauber das Drehbuch von Billy Wilder und I. A. L. Diamond 1987 auf Deutsch herausbrachte, stellte er eine neue Übersetzung her, um die kleinen Abweichungen aufzufangen, die sich bei der deutschen Bearbeitung zwangsläufig ergeben: etwa durch die geringere Silbenzahl im Englischen und die Anpassungen an die Lippenbewegungen. Trotz dieser Richtigstellungen (einige sind im vorliegenden Vergleich aufzuspüren), habe ich noch immer das subjektive Gefühl, ein Abdruck des Dialogbuchs wäre mir lieber gewesen. Im Vergleich wirken die Synchrondialoge immer flüssiger und alltagsnäher auf mich als die sinngemäßen Übersetzungen, wie es sie sehr gelegentlich in Buchform gegeben hat.

So liest sich der obige Prolog in der Druckfassung von 1987:

Am 1. November 1959 betrug die Bevölkerung von New York insgesamt 8.042.783 Personen. Wenn man all diese Leute der Länge nach aneinanderlegen würde, wobei man eine Durchschnittsgröße von 172 cm annimmt, dann würden sie vom Times Square bis in die Vororte von Karachi in Pakistan reichen.
Ich kenne solche Fakten, weil ich für eine Versicherungsgesellschaft tätig bin, nämlich der Consolidated Life in New York. Wir zählen zu den fünf größten Unternehmen des Landes … im vergangenen Jahr verkauften wir Polizzen im Wert von 9 Komma 3 Milliarden Dollar. In unserer Zentrale arbeiten 31.259 Angestellte, das ist mehr als die Gesamtbevölkerung der Stadt Natchez in Mississippi oder Gallup, New Mexico.
Ich arbeite im 19. Stockwerk … in der Abteilung für Normalpolizzen, Prämienberechnungsabteilung, Sektion W … Schreibtisch Nummer 861.
Mein Name ist C.C. Baxter – C wie Calvin und C wie Clifford … aber die meisten Leute nennen mich Bud. Ich bin seit drei Jahren und zehn Monaten bei Consolidated Life. Ich habe in der Zweigstelle in Cincinnati angefangen, wurde dann nach New York transferiert. Mein Nettogehalt beträgt 90,70 Dollar in der Woche, dazu kommen die üblichen Sozialleistungen.
Arbeitszeit in unserer Abteilung ist von 8.50 bis 5.20 Uhr … aber von Stockwerk zu Stockwerk gestaffelt, daß die 16 Aufzüge die 31.259 Angestellten transportieren können, ohne daß es zu einem Verkehrschaos kommt. Was mich betrifft, so bleibe ich oft noch im Büro und arbeite ein oder zwei Stunden extra … besonders bei schlechtem Wetter. Es ist ja nicht so, daß ich besonders ehrgeizig wäre … ich tu’s nur, um die Zeit totzuschlagen, bis es soweit ist, daß ich nach Hause gehen kann. Ich habe nämlich, nun ja, ein kleines Problem mit meinem Apartment …
Ich wohne in den West Sixties, nur einen halben Häuserblock vom Central Park entfernt. Ich bezahle monatlich 84 Dollar Miete. Bis Juli vorigen Jahres waren es noch 80, aber dann hat meine Vermieterin, Mrs. Lieberman, eine gebrauchte Klimaanlage eingebaut. Es ist ein richtig nettes Apartment … nichts Aufregendes … aber doch gemütlich … gerade recht für einen Junggesellen. Es gibt nur ein Problem: Ich kann nicht immer hinein, wann ich möchte.

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Ein Bradbury mit Zusatz-Kick

Fortsetzung vom 25. März 2025

Ein bestimmter Kollege und Zeitgenosse von Ray Bradbury scheint ein Autor zu sein, der es besser kann. Die – zugegeben – einzige mir bekannte Geschichte von Alan Rodgers, erweckt den Eindruck, dass dieser nicht nur famose Ausgangsideen hat – wie der berühmtere Bradbury -, sondern, dass er – im Gegensatz zu ihm – auch in der Lage ist, sie exakt bis zu dem Punkt fortzuspinnen, da sie ihren maximalen Grad an fesselnder Irritation erreicht haben. Und dann aufzuhören. Würde nur eine weitere Zeile folgen, liefen wir auf eine Erklärung zu. Das Geheimnis würde wieder abnehmen, wir könnten etwas befriedigter aus dem Sessel aufstehen – und hätten die ganze Sache sehr schnell wieder vergessen. (Es ist wie in der „Truman Show“, als der Held  – der nicht weiß, dass er in seinem idyllischen Heimatstädtchen ein Gefangener ist – vom Reisen träumt und einen Golfball wie einen Globus zwischen den Fingern bewegt: „Hier sind wir. Und auf der anderen Seite des Erdballs: Fidschi. Du kannst nicht weiter weg, sonst wärst du wieder auf dem Rückflug!“)

Stephen King präsentiert die besagte Rodgers-Erzählung 1987 in der Anthologie „Popsy“ (Hrsg.: J. N. Williamson) und lobt in seiner Einführung: „Die Chancen für einen Newcomer, in einer großen Hardcover-Anthologie den Platz für eine umfangreiche Novelle eingeräumt zu bekommen, liegen zwischen gering und nicht vorhanden. Aber dieses provozierende Kabinettstück liest sich geradezu rasend flott, ist voller Scharfblick und Ironie, sozialem Gewissen, phantasievollen Höhenflügen und häufig atemberaubender Kühnheit. Nichts, was Sie bisher gelesen haben mögen, ähnelt auch nur entfernt der Story ‚Der Junge, der von den Toten auferstand‘.“

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Der Tunnelblick in der Kunst

Eine Eigenart, die im wirklichen Leben unbedingt von Nachteil ist, macht der Kulturjournalist Kai Luehrs-Kaiser in der Kunst als eine Tugend aus: den Tunnelblick. In den unterschiedlichsten künstlerischen Disziplinen haben es einige darin sogar zu echter Meisterschaft gebracht: „Durch ein sehr enges Zielfernrohr bekommen sie nur einen sehr schmalen Realitätsausschnitt in den Blick bekommen, können diesen jedoch genauer beschreiben als jeder andere. Mitunter haben sie diesen Realitätsausschnitt sogar selbst definiert und in die Welt gesetzt.
Spontan fallen mir fast nur tote Künstler als Beispiele ein. Die Romane von Otto Flake haben mir meistenteils eben deswegen so großes Vergnügen gemacht, weil sie immer denselben, in diesem  Fall patriarchalisch altmodischen Blick  eines  Schwerenöters von Welt werfen. Es sind alles kleine Casanova-Wiedergänger zwischen Weimarer Republik und Adenauerzeit. Im Theater und im Film derselben Zeit war Curt Goetz als „Revolutionär im Frack“ ein weiteres Beispiel eines altmodischen Meisters des Tunnelblicks. Bei ihm sind es immer dieselben wiederum patriarchalischen Komödien eines Mannes, der durch Humor der eigenen Depression Herr zu werden versuchte. Und weil sein Humor der Melancholie abgerungen war, sei es auch so heilsam ihm zu folgen, wie es seine Frau Valérie von Martens so rührend beschrieben hat. Es sind dies keine Künstler der ersten Garnitur, aber in der Fähigkeit, durch einen beschränkten und eben dadurch konzentrierten Blick eine  Meisterschaft auszubilden und in der Enge die eigene Unendlichkeit zu finden, sind sie erstaunlich.
Die sogenannten „Alten Meister“ (also die Maler des 14. – 17. Jahrhunderts) waren in diesem Sinne alle Meister des Tunnelblicks. Einige der größten Schriftsteller – zum Beispiel Franz Kafka, Samuel Beckett oder Jane Austen – waren in diesem Sinne ganz eindeutig Tunnelblick-Virtuosen. Die Musik hat für Tunnelblickkünstler immer das reichlichste Betätigungsfeld abgegeben. Dirigenten wie Wilhelm Furtwängler oder Hans Knappertsbusch, aber auch Pianisten wie Walter Gieseking, Vladimir Horowitz oder Glenn Gould hatten sämtlich eine so enge, so spezifische Ästhetik, dass sie damit nicht einmal in ein allen Repertoires ankommen konnten. Wo sie aber Fuß fassten, da ergab sich ihre Originalität von selbst.“ 

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One Trick Zirkuspferd

betr.: „L’Argent de la Vieille“ mit Amanda Lear

Amanda Lear war eine archetypische Ikone des Disco-Zeitalters und ist eine der letzten Überlebenden dieser Ära, die sich noch in Topform präsentiert. Dem Trash allzeit näher als dem Camp, wirkt ihre Lebensgeschichte erstaunlich frisch, wenn man die aktuellen Genderdebatten bedenkt. Das stets nebenbei deutlich dementierte und gleichsam gepflegte Gerücht, sie sei ursprünglich ein Mann gewesen, hat die Dalí-Muse allzeit mit einem Glitzer umgeben, der den Bohemiens ein exotisches Kribbeln und den Kleinbürgerlichen ein wohliges Gruseln bereitete.

Zur Zeit ist die Diva auf der Boulevard-Bühne zu sehen. In Paris spielt sie die Titelrolle in der Klamotte „L’argent de la vieille“, die soeben auch aufgezeichnet wurde.
Bei dem flachen, auswechselbaren Stück handelt es sich tatsächlich um ein Werk mit Vergangenheit, das auch unter dem Titel „The Game“ kursiert. Bette Davis hat Anfang der 70er Jahre in einer Verfilmung mitgespielt, mochte das Ergebnis allerdings nicht, weil man ihr nicht deutlich genug gesagt hatte, dass „The Scientific Cardplayer“ auf Italienisch gedreht und später synchronisiert werden würde.
Der Inhalt: Eine exzentrische, der Spielsucht verfallene Milliardärin (im Film noch lediglich eine Millionärin) liebt es, Mitspieler aufs Kreuz zu legen, die sich den Einsatz gar nicht leisten können. Jedes Jahr reist sie mit ihrem Sekretär und Ex-Liebhaber (im Film: Joseph Cotten) nach Rom (im aktuellen Stück: Paris), um ein Paar in Geldnot im Kartenspiel zu schlagen. Obwohl sie üblicherweise verlieren, um der alten Dame eine Freude zu machen, ist die weibliche Hälfte diesmal ausdrücklich dagegen und besteht darauf, den Gewinn zu kassieren. Die Alte gewinnt – zumal sie nicht fair spielt – und wird zur Strafe zum Abschied mit einem vergifteten Kuchen beschenkt.

Mein Begleiter bemängelte Plastiklampen und sonstigen Nippes aus dem Supermarkt in der Einrichtung der angeblichen Milliardärsunterkunft. Ich fand das nicht so tragisch: die Requisiten spielten uns eben auch etwas vor. Einig waren wir uns bei der Energie des fünfköpfigen Ensembles. Dieses ging mit einer Spielfreude ans Werk, die ich sofort dem mediterranen Temperament zuschrieb, die aber auch jede deutsche Theateraufführung schmücken würde, Boulevard oder nicht.

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Despotenbingo

betr.: 11. Todestag von Gabriel García Márquez

Gabriel García Márquez hat die folgende Anekdote aus dem September 1955 überliefert:

In meinen frühen Jahren lebte ich jung und unbekannt in Paris, wie viele tausend andere lateinamerikanische Emigranten, darunter der kubanische Lyriker Nicolás Guillén, den die Diktatur Batistas ins Exil getrieben hatte. Guillén hatte die Angewohnheit, bereits am frühen Morgen die Zeitungen durchzulesen und seinen Nachbarn die bei der Lektüre gewonnenen neuesten Erkenntnisse über Lateinamerika durch lautes Rufen aus dem Fenster mitzuteilen. Einmal beschränkte er sich allerdings auf einen einzigen Satz: Der Kerl ist gestürzt! Daraufhin geriet die ganze Straße in Aufruhr. Jeder von uns glaubte, dass der gestürzte Diktator der seine sei. Die Argentinier dachten, es sei Juan Domingo Perón, die Paraguayer dachten, es sei Alfredo Stroessner, die Peruaner dachten es sei Manuel Odría (Manuel Apolinario Odría Amoretti), wir Kolumbianer dachten, es sei Rojas Pinilla (Gustavo Rojas Pinilla), die Nicaraguaner dachten, es sei Anastasio Somoza (Anastasio Somoza Debayle), die Venezolaner dachten, es sei Marcos Pérez Jiménez, die Guatemalteken dachten, es sei (Carlos) Castillo Armas, die Domenikaner dachten, es sei Rafael Trujillo (Rafael Leónidas Trujillo Molina), und die Kubaner dachten, es sei Fulgencio Batista. Tatsächlich war es Perón.

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Die wiedergefundene Textstelle: „Ein Fischerdorf“

Eskortiert von den johlenden und lachenden Jungs, galoppierte der Esel mit seiner silbrig glänzenden Fracht den Kai entlang und eine Dorfstraße hinauf, bis sie schließlich den Kiesstreifen erreichten, jene Stelle, wo das Bachwasser seine Farbe wechselte. Dort verarbeiten zwanzig Leute beiderlei Geschlechts und jeden Alters den Fisch für den Markt.
Makrelen, schön wie Feuergeätzte Silbertabletts, wurden zuerst auf einen langen Tisch gelegt, an dem so viele Frauen tätig waren wie Ellbogen Platz fanden. Jede von ihnen konnte einen Fisch mit nur zwei Messerschnitten putzen. Dann kamen die Wäscher, gebeugt über Tröge voll mit fließendem Wasser aus dem Bach, die den Fisch säuberten.
Nachdem er gewaschen war, wurde der Fisch zu einer Gruppe von Mädchen mit Messern gebracht, die jeden einzelnen auf eine Art zuschnitten, dass er geplättet aussah wie man es vom Frühstückstisch kennt. Und nach den Mädchen kamen die Männer und Jungen, die jeden Fisch gründlich mit ganzen Händen voll grobkörnigem Salz einrieben, das weißer aussah als Schnee und im Tageslicht über und über funkelte wie Diamanten. Zuletzt kamen die Packer, welche die Kunst beherrschten, nicht zu wenige und nicht zu viele Makrelen in einem Fass zu verstauen.
Ein mächtiger Baum breitete seine Äste über die Stätte. Der Schattenwurf der Blätter hatte etwas Sakrales, als wäre der Ort eine der Arbeit geweihte Kapelle. Schweigen beherrschte die Gemeinde. Die Frauen am Großen Tisch arbeiteten konzentriert und mit gebeugten Köpfen. Ihre alten Röcke waren gerafft und ließen derbe Arbeitsschuhe sehen, und ihre nackten Fesseln wirkten in den weiten Schuhen dünn wie Strohhalme.
Jenseits der Mauer, auf der ansteigenden Straße, waren die Insulaner in ihren Jerseys zu sehen. Kräftig gebaut mit langen gelben Bärten. Sie schritten langsam zwischen Gänsen und Kindern dahin. Auch sie sprachen wenig. Sie rauchten finster, ehrwürdig und still ihre kurzen Pfeifen.

Stephen Crane war Abenteurer, Kriegskorrespondent und Pionier der amerikanischen Moderne. Er wurde 1871 in Newark in New Jersey geboren. Seinen Ruhm als Schriftsteller begründeten sein Bürgerkriegsroman „Die rote Tapferkeitsmedaille“ und die Kurzgeschichte „Das offene Boot“, in der er seine Erlebnisse beim Untergang des Dampfers „Commodore“ vor der Küste Floridas verarbeitete. In seinem kurzen Leben – er starb im Alter von 28 Jahren an Tuberkulose – schrieb Crane Lyrik, Romane und Erzählungen, deren Helden die kleinen Leute sind: Obdachlose, Straßenmädchen, Fischer, Soldaten, Menschen aus den Elendsvierteln der Großstädte. Viele Rezensenten sehen in Crane daher den ersten amerikanischen Naturalisten. Die Nähe seiner Texte zur Reportage, weist aber auch schon ins 20. Jahrhundert und macht ihn zum Wegbereiter von Autoren wie Ernest Hemingway. Die „Irish Notes“, aus denen die Textpassage stammt, entstanden 1897.

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April in Paris

Zum ersten Mal seit mehr als 30 Jahren habe ich Paris besucht. Von allen Weltmetropolen, die ich bisher persönlich betreten habe, war diese stets die märchenhafteste für mich, die mir zudem tatsächlich bewohnbar erschien – eine pikante Mischung. Außerdem erlebte ich dort in meiner Jugend das dicke Ende einer Romanze, die im Elsass begonnen hatte; dazu passend lief im Radio „Les histoires d‘amour finissent mal … en general“ von Les Rita Mitsouko.
Die Schönheit dieser Stadt, die malerische Aura der dort umherwuselnden Menschen (Fremde wie Einheimische) hat mich wieder entzückt – wenn ich auch seit meinem letzten Besuch in Frankfurt am Main nicht mehr beständig solche Furcht hatte, achtlos oder absichtlich über den Haufen gerannt zu werden. Das hatte ich so nicht in Erinnerung. (Erinnern sie sich an die Szene aus „Carnival Of Souls“, in der die Heldin ein Bekleidungsjaus besucht? So ähnlich kam ich mir auf dem erstaunlich engen Trottoir vor.) Die größte Überraschung bereitete mir jedoch das Ein- und Ausatmen. Die Luft war so stickig und übelriechend, dass mich – hätte sich dieser Wert nur geringfügig weiter verschlechtert – vermutlich Erstickungsängste befallen hätten. Das gab dem Adjektiv „atemberaubend“ eine echte Kalauerqualität.
Paris bleibt ein berauschender Ort für mich, aber seine Bewohnbarkeit gehört ab jetzt – wie die Liebe – zum märchenhaften Teil.

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Der Song des Tages: „On The Boards“

betr.: 26. Todestag von Anthony Newley

1969, am Ende eines immens erfolgreichen Jahrzehnts am Westend, im Film und am Broadway, präsentierte sich Anthony Newley (Mitautor des Filmsongs „Goldfinger“) in einer filmischen Personality-Show namens „Can Heironymus Merkin Ever Forget Mercy Humppe and Find True Happiness?“ (ein Bandwurmtitel wie sie damals im Trend lagen). Er schrieb die Songs, führte Regie und spielte die Titelrolle des Entertainers Hieronymus Merkin. Neben seiner später noch berühmteren Ehefrau Joan Collins („Dynasty“) konnte Newley die Komikerkollegen Bruce Forsyth, Stubby Kaye, George Jessel und Milton Berle um sich scharen. Der Song, dem ein gewisses Nachleben vergönnt war, ist „On The Boards“. „Uncle Limelight“ (Forsyth) singt es, bevor er stirbt. „You’ll Like It“ versprach die Plattentasche. Es ist eines dieser schwungvollen Liebeslieder an den Entertainerberuf.
Und es ist das einzige, in dem die geniale Bekenntniszeile fällt:

I’d rather starve in make-up
than to wake up
as a clerk.

„On The Boards“ ist auch der Titelsong des Song-Albums, das Anthony Warlow 1992 herausbrachte. Der damals 31jährige Bariton überzeugte nicht nur als deutlich älterer, Rückschau haltender Uncle Limelight, sondern auch in den Tenorpartien seiner Liedauswahl.  

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Na also!

betr.: heutiges „Sonntagsrätsel“

Vor einigen Wochen habe ich an dieser Stelle mein Befremden über die KI-generierte Wiederauferstehung des inzwischen 100jährigen Hans Rosenthal geteilt. Im „Sonntagsrätsel“ erklang in seinem Angedenken eine Computerstimme, mich weniger an den geschätzten Moderator, sondern eher an den „Friedhof der Kuscheltiere“ denken ließ (an den Film von 1989, nicht an das Buch). Heute morgen nun die Gegendarstellung: der echte Hans Rosenthal wurde aus dem Archiv geholt und eine seiner eigenen Ausgaben der Ratesendung wiederholt. Welch ein Vergnügen – und das ganz ohne Reue und Bauchweh!
Ich hatte so viele Gründe zur Freude, einer sei nur genannt: die Fragen waren lösbar, aber nicht so katzenleicht wie ich es bei einer so alten Folge eines so gemütlichen Formates befürchtet hatte. (Der aktuelle Moderator Ralf Bei Der Kellen hat inzwischen eine sehr gute Balance gefunden.) Dieses Rätsels Lösung: die Fragen wirkten etwas schwerer, weil die gespielten Musiktitel und ihre Schöpfer und Interpreten längst nicht mehr so geläufig sind wie am 2. März 1969.
Eine Wehrmutstropfen gab es auch. Herr Bei der Kellen verriet uns, dass diese Wiederholung eine von lediglich 15 Sendungen dieser Reihe von und mit Hans Rosenthal sei, die im Archiv überhaupt überlebt haben. Es handelt sich um die Ausgabe Nr. 198, die älteste erhaltene Folge des „Klingenden Sonntagsrätsels“.

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