Orchestrated Right – Die besten Arrangements, die ich kenne (12)

Fortsetzung vom 17. März 2023

„Don’t Blame Me“ ist ein Titel aus dem Great American Songbook, verfasst von Dorothy Fields und Jimmy McHugh. Er war 1932 Teil der Broadway-Revue „Clowns in Clover“ (1927 hatte es in London eine Show mit demselben Titel gegeben) und wurde rasch neu interpretiert.
In den 60er Jahren erreichte die Mode der Alben, die Kompilationen dieses Repertoires, aktuellen Chart-Hits und Filmsongs vorstellten (meist in instrumentaler Form) ihren Höhepunkt. Und Andre Kostelanetz hatte sich auf solche LPs spezialisiert. 1969 brachte er ein Doppel-Album mit dem etwas lasziven Titel „Sounds Of Love“ heraus. Man merkt den Arrangements an, dass die Serie „Star Trek“ und deren Titelmelodie noch in aller Ohren war. Auch „Don’t Blame Me“ klingt ein wenig nach Galaxien, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

Veröffentlicht unter Filmmusik / Soundtrack, Musik, Popkultur | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

Der Unterschied zwischen Manuskript und Spickzettel

betr.: Sprechen am Mikrofon

Einer meiner Schüler hat eine besonders liebenswürdige Macke aus seinem Lehrberuf in den Unterricht mitgebracht und in sein Mikrofonverhalten übernommen: er trägt nicht gern vom Blatt vor. Wie jeder anständige Schauspieler ist er es gewohnt, ohne Spickzettel zu sprechen. Er prägt sich die Sätze möglichst schnell ein und hebt dann, sobald er sie laut ausspricht, den Blick. Dadurch ist er mit dem Kurzzeitgedächtnis beschäftigt und so abgelenkt, dass er Fehler macht, die ihm sonst nicht passieren würden.
So sympathisch diese Marotte ist, so deutlich muss ich ihn bitten, sie sich abzutrainieren, ehe sie sich endgültig festsetzt. Es ist ja auch eine gute Nachricht: einer der widrigsten Aspekte der Schauspielkunst, die elende Auswendiglernerei, entfällt am Mikrofon. Letztlich wird er das als große Erleichterung erleben und sich viel besser auf die eigentliche Sache konzentrieren können.
Und wenn das geschafft ist, werde ich ihm gestehen, dass diese kurzen Gedächtnisleistungen beim Synchron sogar ganz nützlich sein können. Dann werden sie wieder voll da sein – und kontrollierbar!

Veröffentlicht unter Mikrofonarbeit | Verschlagwortet mit | Schreibe einen Kommentar

Von Captain Marvel zu Ms. Marvel – Das woke Nachleben eines Sternenkriegers

Fortsetzung vom 1. Januar 2017*

Seit dem traurigen Ende des „raumgeborenen Superhelden“ wird der Name Captain Marvel im Marvel-Universum wie eine Stafette von einer Figur zur anderen weitergereicht (- dass er nicht ungenutzt bleiben darf, versteht sich).
So verschieden sie ansonsten sind: eins haben all diese Charaktere miteinander gemeinsam: man kann den Zeitgeist an ihnen ablesen, der im Augenblick der Entstehung beim Publikum angenommen wurde.

Als Stan Lee den Titel „Captain Marvel“ 1967 erstmals vergeben durfte (zuvor war er außerhalb des Verlags rechtlich gebunden), wollte er auf den Erfolg der Agentenfilme und -romane reagieren, die der Kalte Krieg hervorgebracht hatte. Gemeinsam mit Gene Colan erschuf er Captain Mar-Vell (so sein bürgerlicher Name) vom Volk der Kree, das auf dem Planeten Hala lebt. Der Spion Mar-Vell / Marvel rebellierte schließlich gegen seine Auftraggeber und schlug sich auf die Seite der Erde und ihrer Bewohner. Bestraft wurde er weniger für diesen Verrat als für die mageren Verkaufszahlen. Buchstäblich in die Weiten des Alls verstoßen, erfuhr er eine Umgestaltung, nach der er 15 Jahre jünger aussah und statt eines grün-weißen ein rot-blaues Outfit erhielt. Doch der (verdiente) Erfolg der Reihe blieb weiterhin aus. Das verschleppte Ende kam 1982 – drei Jahre nach ihrer Einstellung – in der ersten Graphic Novel aus dem Hause Marvel. Der Held starb an Krebs. Autor und Zeichner von „The Death Of Captain Marvel“ war Jim Starlin, dessen Vater kurz zuvor dieser Krankheit erlegen war. So lag auch das Ende der Figur im aktuellen Trend: Superhelden begannen zu altern, zu sterben, verletzlich zu sein, ihre Geschichten erzählten von Trauer und Verlust (was heute fast schon wieder ermüdende Konvention ist).

Der freigewordene Titel „Captain Marvel“ ging an Monica Rambeau, eine ehemalige Hafenpolizistin aus New Orleans. Seit die selbstbewusste schwarze Frau die Waffe eines außerirdischen Schurken zertrümmert hatte, konnte sie ihren Körper in reine Energie verwandeln, was bereits in ihrem ersten Panel Peter Parkers Spinnensinn ausschlagen ließ. Monica schloss sich den Avengers an und stieg sogar zu deren Anführerin auf. Sie legte den Namen Captain Marvel schließlich ab, wurde zu Photon, zu Pulsar und schließlich zu Spectrum.

Die, die ihn nun übernahm, war seit ihrem Verschwinden aus der klassischen „Captain Marvel“-Reihe verschollen: Carol Danvers, die Sicherheitschefin der Raketenbasis am Cape Kennedy, wo der Sentry, ein gewaltiger Android aus dem All, im Sleep-Modus gelegen hatte. Dass Danvers durch die Explosion des Psyche-Magnitrons Gene der Kree und damit Superkräfte erhalten hatte, wurde erst 1977 enthüllt. Als „Ms. Marvel“ gab sie John Romita Sr. und seinem Autor Gerry Conway Gelegenheit, feministische Themen aufzugreifen und die von Männern dominierte Comicbranche auch für Frauen zu öffnen. Carol Danvers bewarb sich bei Peter Parkers paternalischem Chef, dem Verleger J. Jonah Jameson. Dabei legte sie Wert auf die Anrede „Miss“ (aus ihrem Serientitel) – Conway zufolge ein Detail, das sie der feministischen Bewegung zuordnen sollte. Fortan arbeitete sie als Redakteurin für den „Daily Bugle“ und kämpfte nun an zwei Fronten: für bessere Bezahlung und gegen Superschurken. Conway: „Fast ohne Absicht war dieser Comic eine Art Schild unten am Baumhaus, auf dem stand: ‚Auch für Mädchen‘.“°

Ms. Marvel wurde Mitglied der Avengers und von Chris Claremont regelmäßig zu Gastauftritten bei den „Uncanny X-Men“ mitgenommen. Sie erhielt neue Kräfte, einen neuen Look und einen neuen Namen – Binary –, den sie nach dem Verlust der Kräfte in Warbird änderte, um schließlich zu Ms. Marvel zurückzukehren.
Um ihren alten Mentor Mar-Vell zu ehren, nahm sie schließlich 2012 den Namen Captain Marvel an; Kelly Sue DeConnick hat es aufgeschrieben, Dexter Soy hat es gezeichnet.

Und das ist der Anschluss zur Gegenwart. Der Name Ms. Marvel wurde an Kamala Khan weitergereicht, die wiederum ein Fan von Carol Danvers ist und sich vor dieser verneigen möchte.
Kamala Khan alias Ms. Marvel ist ein Teenager aus einem strengen amerikanisch-pakistanischen Elternhaus, doch in ihrem kurzen Leben hat sie schon einiges durchgemacht (unter anderem ihren Tod und eine Wiederbelebung …).

Ms. Marvel ist außerdem – das soll in unserer multimedialen Epoche nicht verschwiegen werden – Heldin einer Animationsserie. Sie gehört nicht zum Inner Circle von „Spidey und seine Super-Freunde“**, wo wir Peter Parker, Miles Morales und Gwen Stacy als gute Kids gegen die verdorbenen Kids Rhino, Doc Ock (diesmal: ein Mädchen) und den grünen Kobold kämpfen sehen. Neben dem Hulk und Black Panther ist sie die regelmäßige Verstärkung der Kerntruppe.
____________________
° in Marvel Masterworks 211, Ms. Marvel, Volume 1. New York: Marvel, S. 8
* Siehe https://blog.montyarnold.com/2017/01/01/captain-marvel-die-deutsche-chronologie/
** Siehe https://blog.montyarnold.com/2022/06/02/wie-viel-spider-man-ist-in-spidey/

Veröffentlicht unter Comic, Gesellschaft, Marvel, Popkultur, Science Fiction | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

Veröffentlicht unter Cartoon (eigene Arbeiten) | Verschlagwortet mit , | Schreibe einen Kommentar

Die wiedergefundene Textstelle: Ein Gleichnis von Mike Ehrmanntraut

betr.: 83. Geburtstag von Bo Svensson

Seit seiner Erwähnung in der Serie „Breaking Bad“ ist der längst pensionierte schwedische Schauspieler Bo Svensson einer von denen, bei deren Nennung den heutigen Nerd leichte Unruhe befällt: Wo hab ich den Namen bloß schonmal gehört? (Richtig – bei „Breaking Bad“). Als ich diesen Namen in der Serie erstmals hörte, war er mir schon vertraut: Bo Svensson war der erste Schauspieler, den ich als Kind auf dem Bildschirm das mystische Frankenstein-Monster verkörpern sah. Und zwar in der für das TV-Produktionsjahr 1973 typischen Schmier-Optik, die jede Atmosphäre sofort ruinierte.
Meiner Begeisterung für den großen Horror-Stoff hat dieses Erlebnis nicht geschadet. Und auch nicht meiner Freude über „Breaking Bad“, den köstlichen Charakter Mike Ehrmanntraut, seinen Darsteller Jonathan Banks sowie seinen Synchronsprecher Eberhard Haar.
Dies ist Mikes Monolog, in dem – apropos – das heutige Geburtstagskind gewürdigt wird.
In welcher Folge? Sag ich nicht!

Walt! Sie haben hier eine gute Sache laufen. Wie wir alle. Wollen Sie die für einen Junkie aufs Spiel setzen? Mir ist klar, dass Sie viel zusammen erlebt haben, aber der Knabe ist schon eine Weile auf der Kippe. Es ist längst überfällig.
Ich war mal vor langer Zeit ein Kontaktbulle. Und ich wurde im Laufe der Jahre ein paar hundertmal wegen häuslicher Gewalt gerufen. Aber da gab es diesen einen Typen, dieses eine Stück Scheiße, den ich nie vergessen werde. Gordie. Er sah aus wie Bo Svensson, wissen sie, wen ich meine? „Auf eigene Faust“! Film nicht gesehen? Naja, egal. War’n ziemlicher Brocken, etwa zweieinhalb Zentner. Aber seine Frau – oder was immer sie war … seine Kleine – war eine zierliche Frau. Wie ein Vogel. Handgelenke wie dünne Zweige. Jedenfalls wurden mein Partner und ich jedes Wochenende da hingerufen. Einer von uns nahm sie dann beiseite und sagte: „Kommen Sie, heute erstatten wir aber wirklich mal Anzeige!“ … Das war nicht sowas wie: „Tief im Innern liebt er mich wirklich!“ – das hatten wir oft genug, aber da nicht. Diese Frau hatte Angst! Sie wollte ihn nicht verärgern, auf keinen Fall, nur das nicht! Also blieb uns nichts anderes übrig als sie verarzten zu lassen und ihn aufs Revier mitzunehmen und in die Ausnüchterungszelle zu sperren. Da schlief er sich aus, und am nächsten Morgen kam er wieder raus. Durfte nach Hause.
Aber einmal war mein Partner krank geworden. Das heißt, ich war allein. Und der Anruf kam, und es war wieder der übliche Mist, hat ihr unter der Dusche die Nase gebrochen oder so … Ich leg ihm Handschellen an, pack ihn in den Wagen, und wir fahren los. Und während wir fahren, stadteinwärts zum Revier, da sitzt dieses perverse Arschloch bei mir auf dem Rücksitz und summt „Danny Boy“. Ha! Und das ging mir ganz gewaltig auf die Eier!
Und statt links abzubiegen, fuhr ich nach rechts, raus ins Nirgendwo. Ich ließ ihn sich auf den Boden knien und steckte ihm meinen Revolver in den Mund. Und ich sagte zu ihm: „Das war’s dann! Jetzt ist endgültig Schluss!“ Und er weint und pinkelt und scheißt sich voll und schwört, dass er sie in Ruhe lassen wird, und heult laut auf … soweit das mit einem Revolver im Mund geht. Dann sag ich, er soll den Mund halten. Ich muss darüber nachdenken, was ich jetzt mit ihm mache. Natürlich wurde er ganz still. Machte keinen Ton, keinen Muckser mehr. Ja. Wie ein Hund, der beim Essen auf seinen Teil wartet. Und wir standen für eine Weile einfach da: ich, der so tat, als würde er sich das ganze noch mal überlegen, und der Märchenprinz, der mit vollgeschissenen Hosen im Dreck kniete.
Nach ein paar Minuten zog ich ihm die Waffe aus dem Mund und sagte: „So wahr mir Gott helfe, wenn du sie noch einmal anfasst, dann werde ich so und so und so und so …“ und „Bla bla bla bla bla bla …“!
Es war nur eine Warnung, denn ich wollte ja bloß das Richtige tun. Zwei Wochen später hat er sie dann getötet. Natürlich. Hat ihr den Schädel mit einer Küchenmaschine eingeschlagen. Als wir da hinkamen, war da so viel But, dass die Luft nach Eisen geschmeckt hat.
Die Moral der Geschichte ist: ich hatte eine halbe Sache gemacht. Statt Nägel mit Köpfen. Diesen Fehler mach ich nie wieder!
Keine halben Sachen mehr, Walter!

___________
* Es spricht einiges dafür, dass hier eine Verwechslung vorliegt. Der vierschrötige Kerl im genannten Film ist der Schauspieler Roy Jenson. Bo Svensson ist im Vorspann nicht als Mitwirkender genannt (Joy Jenson allerdings auch nicht …), und er war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten auch erst 18. Er befand sich zwar schon in den USA, hat aber wohl erst einige Jahre später begonnen zu schauspielern … Egal! Hoch soll er leben!

Veröffentlicht unter Fernsehen, Film, Literatur, Manuskript | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

Immerhin ein böser Junge

betr.: 65. Todestag von George Antheil

Der Amerikaner George Antheil war stets angreifbar – was für einen Künstler ja erst mal keine schlechte Sache ist. Vor allem im Europa der 20er Jahre interessierte man sich für seine Musik. Es war die leider vergangene Zeit, als man mit Ausstellungen, Konzerten und Theateraufführungen noch Skandale verursachen konnte. Antheil bezog Mechanik in seine Konzerte ein, so in seinem Hauptwerk „Ballet mécanique“ mit mechanischem Klavier, Propellergeräuschen und Sirenen. Nach der Uraufführung einer überarbeiteten Version des Werks 1926 in Paris war Antheil als Komponist der Moderne anerkannt – James Joyce, Ernest Hemingway, Man Ray und Pablo Picasso zählten zu seinen Bewunderern – und berüchtigt.
Im folgenden Jahr erlebte er in New York eine persönliche Katastrophe. Bei der Präsentation des „Ballet mécanique“ in der Carnegie Hall schmähten seine Landsleute das Werk als ein „lächerliches Spektakel“. Erst 62 Jahre später wurde es nochmals originalgetreu dort aufgeführt, und diesmal entstand auch eine Aufnahme. (Die Peter-Sellers-Komödie „The World Of Henry Orient“ von 1964 widmet sich dem Phänomen der Neuen Musik und zeigt einen vergleichsweise ohrgängigen Konzertabend mit dezent-ablehnenden Reaktionen.)

George Antheil wollte auch in seiner Heimat Anerkennung finden (die USA galten noch immer als „kulturlos“, ganz besonders in der klassischen Musik). Dass er außerdem als Forscher, Erfinder und Buchautor arbeitete, kam seinen Kritikern gerade recht. Sie warfen seiner Musik fehlende Substanz vor, zumal Antheil modischen Trends gegenüber aufgeschlossen war. Er wechselte vom Avantgardistischen, Mechanistischen zum Neoklassizismus und zur Neoromantik. Dass er sich von seinen Geldsorgen auch nach Hollywood verschlagen ließ, wo sein Sound weiter gezähmt wurde, besiegelte seinen Ansehensverlust.
Dies ist einer seiner Vorspänne, die Musik für ein Drama von Stanley Kramer:

Nun ärgerte man sich allerseits über das Fehlen der innovativen und unkonventionellen Ansätze, die den Musiker doch einst ausgezeichnet hatten. Antheils Werdegang gilt als beispielhaft für den tragischen Niedergang eines visionären Genies. Unter diesen Umständen kann er mit dem Etikett recht zufrieden sein, dass seinen Namen heute zuverlässig ziert: „Bad Boy Of Music“.

Veröffentlicht unter Film, Filmmusik / Soundtrack, Musik | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

Der erbarmungslose Arm des Tontechnikers

betr.: Die Ausblende im Zeitalter des Streamings

Der Musikproduzent Jack Antonoff hat dieser Tage darauf hingewiesen, dass Ausblenden schlecht für das Streaming sind, denn „wenn ein Lied am Schluss einfach immer leiser wird, dann wird es nicht in so viele Playlists aufgenommen, weil die Streamingfirmen wollen, dass die Musik immer weiterläuft.“
Wer hätte das gedacht? Für den Bruchteil einer Sekunde bin ich dem Zeitgeist ganz nah, in einem zufälligen kleinen Zusammenstoß, einer knuffigen Kollision wie im Autoscooter, die sofort vorübergeht und nicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein wird.

Beides ist mir unendlich fremd: das Streamen von Musik und die Ausblende am Ende eines Songs. Noch einmal kurz Jack Antonoff (der muss es schließlich wissen) zum ersteren Stichwort: „Es ist irre, dass man heute auf dem gesamten Musikkatalog der Geschichte ganz einfach zugreifen kann. Und ich habe mitbekommen, dass viele Leute nur noch ein paar Sekunden von einem Lied hören, um dann gleich zum nächsten zu switchen.“ Stimmt! Viel Spaß, ihr armen Hunde da draußen, ihr habt mein Mitgefühl. (Vielleicht solltet ihr aber auch einfach mal an eurem Geschmack arbeiten. Wer ständig Songs anspielt, die ihm nach wenigen Sekunden schon auf die Nerven gehen, hat vielleicht einfach keine Ahnung davon, was für ihn gut ist.)

Aber ich wollte mich ja heute gar nicht über das Streaming aufregen, sondern über die Ausblende, die Abblende, das Fade-Out.
Die Jazzmusiker der Schellackzeit verfügten noch nicht über die technische Möglichkeit, sich aus ihren Tunes herauszuschleichen. Viel spricht dafür, dass sie diese Option – hätte man sie ihnen angeboten – als vulgär empfunden und noch eine ganze Weile ungenutzt gelassen hätten. Die Nachspiele und Tusch-Abschlüsse ihrer klassischen Aufnahmen sind einfach zu verspielt, zu krönend, zu sehr eine Belohnung für Künstler und Publikum gleichermaßen.
Dann hielt das Tonband Einzug, und es war nicht länger nötig, eine Aufnahme in einem Durchlauf fehlerfrei und bei gleichzeitiger Anwesenheit und Inspiration zu absolvieren. Das erleichterte und ermöglichte vieles, aber eben auch die Ausblende. Kein Musiktitel musste jetzt mehr zuendegebracht werden. Man konnte den kreativen Prozess einfach irgendwann abbrechen, in eine Dauerwiederholung des Refrains übergehen, den Regler runterziehen und eine rauchen.
Dieses Mittel wurde vor allem in der Popmusik dankbar genutzt, doch auch im Jazz musste man nun damit rechnen.
Miles Davis‘ erstes in stereo produziertes Album mit Variationen über „Porgy & Bess“ (1958 eingespielt, 1959 veröffentlicht) enthält einige Fade-Outs, die vermutlich den Produktionsbedingen geschuldet waren. Studiozeit war (und ist) spinneteuer, und geprobt wurde nur unmittelbar vor der Aufnahme. Auch einige Schnitte, die auf diesem Album zu hören sind, können den Ansprüchen des Meisters nicht genügt haben.

Selbstverständlich gibt es auch den ganz famosen, künstlerischen Umgang mit der Ausblende – vor allem in der Instrumentalmusik. So bei Carlos Santanas Evergreen „Samba Pa Ti“, bei den wichtigsten Arbeiten von Jean-Michel Jarre, Mike Oldfield und The Alan Parsons Project.
Und es gibt einige Blenden, die so unsagbar ärgerlich sind, dann man dem Tontechniker unterstellen möchte, er wollte einfach früher nach Hause und ging, ohne den Musikern bescheidzusagen. Unvergessen und unübertroffen: der barbarische Exit aus Frank Sinatras „Strangers In The Night“. – Nun gut, es ist immerhin möglich, dass es in diesem Falle der Sänger war, der einfach aufgehört hat, nachdem der das berühmteste „Dubidu“ der Tonträgergeschichte improvisiert hatte. Bekanntlich hat Sinatra diesen Song (und seinen deutschen Komponisten) gehasst.

Ein letztes Mal Jack Antonoff, der ungeachtet seiner Kenntnisse der Gepflogenheiten des Streamings sagt: „Obwohl ich das weiß, kann ich nicht auf das Ausblenden verzichten, wenn ich denke, dass ein Song das braucht. (…) Ein Fade-Out kann etwas sehr Wertvolles sein. Einer meiner Lieblingssongs ist ‚Dig It‘ von den Beatles. Das ist ein Lied, das ein- und ausgeblendet wird. Und als Zuhörer hat man das Gefühl, den Moment besonders zu erleben, in dem die Lautstärke auf- oder abgedreht wird.“
Das mir doch wieder eine dieser Ausnahmen zu sein.

Veröffentlicht unter Internet, Musik, Popkultur | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

Geschichten im geschützten Raum

betr.: Sprechen am Mikrofon / aus dem Unterricht

Die sicherste Methode, um beim Lesen vom Blatt Fehlbetonungen zu produzieren, ist, über die Betonung nachzudenken. Betonungen werden nach Gefühl gesetzt und misslingen im Alltag nie. Im Alltag denken wir aber nicht über Betonungen nach. Wir wissen, was wir inhaltlich zu sagen haben.
Ich weise im Unterricht immer wieder darauf hin, dass alle Gedanken nur um den Inhalt des Textes kreisen dürfen, um die erzählte Geschichte. Kein Text (nicht einmal dieser hier) handelt davon, wie man ihn zu betonen hat.

Das Nachdenken über die Betonung ist aber nur eine von vielen Ablenkungen, die den fehlerfreien Vortrag stören oder verhindern. Jede Idee, die den Vortragenden vom Inhalt der Geschichte wegführt – Liebeskummer, die Steuererklärung, Hunger, Ärger in der Familie oder auch schöne Dinge wie Vorfreude aller Art – ruiniert den Vortrag. Routinierte Vorleser verfallen dann in einen Singsang (der ihnen selbst sehr professionell vorkommt), Anfänger wählen sich Silben aus, die sie betonen möchten (grundsätzlich die falschen und immer zu viele). Beides produziert eine unbrauchbare Aufnahme! Keine weniger gute, eine völlig unbrauchbare. Eine Lesung, der der Zuhörer unmöglich folgen kann.
Ein solches Ergebnis belegt zweifelsfrei, dass der Vortragende den Text nicht durchdringt.

Voraussetzung für einen guten Vortrag ist, dass alles Ablenkende ferngehalten wird. So wie in einem OP ein Heer von Helfern den Chirurgen etwa durch das Anreichen der Instrumente vor allem bewahrt, was üblicherweise stört und ablenkt. Ein Chirurg wird während einer Operation auch nicht am Handy herumfummeln – das wollen wir jedenfalls hoffen.
Beim Vorlesen müssen wir ohne Helfer genau den selben Idealzustand herstellen. Wir müssen um uns her eine Blase erschaffen, die jegliche Ablenkung fernhält. Nur so können wir der Geschichte folgen. Und nur wenn wir das können, kann es auch unser Zuhörer.
Das bunte bemalen einzelner Textstellen darf man in diesem Zusammenhang übrigens nicht übertreiben. Solche Markierungen können den Fokus sehr unglücklich verschieben.

Wenn diese Konzentration gelingt – nennen wir sie den OP-Modus -, bewirkt sie das Verschwinden des evolutionären Zeitdrucks, unter dem wir im Alltag praktisch unausgesetzt stehen und den wir uns sogar selbst auferlegen. Dieser sprichwörtliche „Stress“ verlässt viele von uns selbst am Feierabend oder im Urlaub nur zögerlich.
Die meisten Vorträge im Unterricht klingen getrieben. Nichts fällt schwerer als auf Anweisung das Lesetempo zu verlangsamen. Einige mogeln und bremsen sich immer wieder aus, indem sie unnötige Pausen setzen (sie denken also nicht nur über die Betonung nach, sondern außerdem über die Pausen!). Eine wirkliche Verlangsamung wird aber nur durch das Dehnen der Vokale, der Umlaute und der geeigneten Konsonanten erzielt – wie beim Abspielen eines YouTube-Videos mit halber Geschwindigkeit.
Erst unter dieser Voraussetzung kann der Zeitdruck, der uns höheren Säugetieren eingegeben und anerzogen ist, von uns abfallen, und wir können uns auf den Inhalt einlassen. Dann betonen wir nach Gefühl.

Wer ein Buch gut vorliest, erlebt den selben Effekt, wie der andächtige Zuhörer: der Alltag fällt von ihm ab.

Veröffentlicht unter Mikrofonarbeit | Verschlagwortet mit , , | Schreibe einen Kommentar

Weniger Licht!

Von der Sehnsucht nach der Düsternis

Das Feuilleton ist auf dem Rückzug. Es geht gewissermaßen gemeinsam mit seinem Mutterschiff unter: der gedruckten Tageszeitung, neudeutsch: „dem Print“. Parallel dazu versinkt es natürlich auch in den linear weitersendenden Medien. So weit, so bekannt.
Doch was tritt an seine Stelle?
Was anstelle des Feuilletons in den öffentlich-rechtlichen Podcasts zu erleben ist, will flott und zeitgemäß rüberkommen, vermeidet also alles, was im Verdacht stehen könnte, intellektuell zu sein. Das gerät beinahe zwangsläufig skurril und unseriös, denn wo es im Podcast um Kultur bzw. Popkultur geht, müsste man feuilletonistisch arbeiten, wenn es nicht auf reines privates Geplauder hinauslaufen soll, also auf Dialoge wie: „Ich fand’s doof!“ – „Ich fand’s toll!“ – „Der letzte Film war aber noch toller!“ – „Was machst du übrigens heute abend?“
Für solche Formate hat sich der Begriff „Laberpodcast“ durchgesetzt, und er trifft es vorzüglich.

Auch das lineare Kulturradio klingt immer häufiger nach Laberpodcast (wenn auch hier meist in Monolog-Form), denn schließlich landet ja das meiste daraus in der Mediathek und wird dann ganz automatisch vom Broad- zum Podcast. Der unintellektuelle Habitus hat aber noch einen anderen Grund als den, jugendlich wirken zu wollen. Es ist ein so herrlich faules Arbeiten, wenn man nur noch über die eigenen Vorlieben reden muss und sich alle Recherche, alle historische Einordnung, alle Neubewertung sparen kann, die über einen flüchtigen Blick in die Suchmaschine hinausgeht. Einseitige Geschmacksurteile, Fanmeinungen und Schutzbehauptungen gehen ins Ohr, helfen aber nicht weiter.
Parallel zu dieser Melange aus Bequemlichkeit und Gefallsucht und als ihr Korrektiv wächst das Bestreben, Tiefgang vorzutäuschen. Kein Adjektiv fällt in popkulturellen Diskursparodien so häufig wie „düster“. Computerspiele sind düster, Soundtracks sind düster, Rockmusik sowieso, Comics sind düster, selbst Disneyfilme sind immer häufiger düster – und das ist dann jeweils positiv gemeint, im Sinne von „nicht heiter“, also gleichsam „nicht-oberflächlich“. So einfach ist das dann und dort.
Daraus ergibt sich der Selbstanspruch, nur oder hauptsächlich Produkte zu mögen, denen sich Düsternis (Düsterkeit?) zumindest unterstellen lässt.

Das anschaulichste Beispiel für dieses Phänomen des popkulturellen Selbstbetrugs ist das erste von vergleichbarer Tragweite: die Neu-Erfindung des klassischen Superhelden „Batman“ durch den Comic-Künstler Frank Miller im Jahre 1986. Der Held ging auf die 50 zu und steckte in einer Krise – nicht in einer persönlichen, sondern in einer, die seine Popularität und die Qualität seiner Comics betraf. Durch Millers Graphic Novel wurde der flippige Fledermausmann, der neben den Comics viele knallbunte Film- und TV-Auftritte erlebt hatte, zum „dunklen Ritter“ hochgejazzt. Von einer „Rückkehr des dunklen Ritters“ (so der Titel des Buchs) konnte keine Rede sein, denn DC – der produzierende Verlag – hatte noch nie Interesse an Melancholie oder gebrochenen Charakteren gehabt (so etwas hatte es seit 1961 nur bei Marvel gegeben). Immerhin war die Hauptfigur in Millers Comic tatsächlich gealtert.
Das Kino folgte dem Trend und relaunchte den Batman-Charakter in der heute klassischen Verfilmung, in der dieser gegen Jack Nicholsons „Joker“ kämpft. Im Vergleich zu späteren Batman-Adaptionen – der Erfolg ist bisher nicht abgerissen – geht es in Tim Burtons „Batman“ aber noch immer vergleichsweise und lustig zu.
Wer heute von seinen popkulturellen Vorlieben spricht, betont stets, wie wichtig ihm die bedrückende Atmosphäre sei. Die exemplarische Wandlung von Batman lässt sich am besten mit einer musikalischen Gegenüberstellung veranschaulichen: man denke an das poppige „Batman“-Motiv von Neal Hefti und vergleiche es mit Danny Elfmans stilprägendem Filmthema von 1989. Beides ist auf seinem Gebiet fabelhaft gemacht, aber nur der neue Ansatz gilt heute noch als schicklich.

Veröffentlicht unter Comic, Fernsehen, Film, Filmmusik / Soundtrack, Hörfunk, Marvel, Medienphilosophie, Popkultur | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

Lesen vom Blatt: Lange Sätze

betr.: Sprechen am Mikrofon / Übung

Fortsetzung vom 21. Dezember 2023

Doch obwohl Froschhüpfer sich zu ebener Erde nur mit großer Mühe und Schwierigkeit fortbewegen konnte, befähigte ihn die wunderbare Muskelkraft, mit der die Natur, gleichsam als Entschädigung für die Gebrechlichkeit seiner unteren Gliedmaßen, seine Arme ausgestattet hatte, wahre Wunderwerke der Geschicklichkeit zu vollbringen, sobald es sich darum handelte, einen Baum oder dergleichen zu erklimmen oder sich an einem Seil hinaufzuziehen.

Aus „Froschhüpfer“ von Edgar Allan Poe

Historische Illustration von Arthur Rackham

Veröffentlicht unter Literatur, Mikrofonarbeit | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar