Wozu brauchen wir Archivmusik?

Mit Archivmusik kamen die Mediennutzer des 20. Jahrhunderts erstmals im linearen Fernsehen in Berührung, und immer geschah dies im Geheimen und Unbewussten.
Wer eine Dokumentation betrachtete, dem war egal, woher die Musik kam – in der Regel aus einem Archiv, das auf solche Zulieferdienste spezialisiert war, gut sortiert und vorbereitet auf alle denkbaren Anliegen: Naturfilm, Industriefilm, Auslandsreportage, Geschichtsdoku …

Bei Spielfilmen gab es sowas auch, und hier konnte es auffallen.
In den 70er und 80er Jahren hatte das deutsche Filmpublikum viel nachzuholen. Doch nur ein geringer Teil der ausländischen Klassiker, die Deutschland in der NS-Zeit versäumt hatte, kam nachträglich ins Kino – etwa Filme wie „Casablanca“ oder „Vom Winde verweht“. Das meiste wurde fürs Fernsehen synchronisiert, und die zumeist fehlende isolierte Tonspur mit der Filmmusik wurde durch Stücke aus der Musik-Bibliothek ersetzt.
Auffällig war das vor allem deshalb, weil manche dieser namenlosen Musik-Clips in ganz unterschiedlichen Filmen auftauchen konnten.
Den feinfühligeren Filmfreund konnte außerdem irritieren, dass die Musik nicht immer zum Bild passte. In keinem Fall war diese Bild-Ton-Schere schmerzhafter als in dem Kriminalfilm-Klassiker „Die Spur des Falken“ (nach „Der Malteser Falke“) mit Humphrey Bogart. Die Musik ist nicht nur emotional zu einheitlich (durchgehend beschwingter Bigband-Jazz, der unverkennbar aus deutschen Landen kommt), sie ist auch schlampig geschnitten, überrennt Szenenwechsel oder beginnt / endet zur Unzeit.

Ungeachtet dessen ist die Her- und Bereitstellung von Archivmusik ein seriöses und anspruchsvolles Anliegen und ist das betreffende Material künstlerisch mitunter wertvoll.
So obskur diese Musiktracks auch sein mögen, zu ihren Komponisten zählen überaus bedeutsame Leute wie Rolf Kühn, Dieter Reith, Coco Schumann und Peter Thomas, letzterer ein Wirtschaftswunder-Filmmusiker der durch seine Arbeit an Serien wie „Raumpatrouille“, „Der Alte“ und „Edgar Wallace“ frühzeitig ein bekannter Name war. Dass viele seiner Takte seit dem Easy-Listening-Boom der 90er Jahre als Samples wiederkehrten, passt dazu, dass er inzwischen auch als Archivmusiker entdeckt und gefeiert wird.

Als Soundtrack getarnt kam eine Sammlung britischer Library Music von Simon Park und seinem Team auf den Schallplattenmarkt. Das Titelstück ist die Erkennungsmelodie der Serie „Van der Falk“. Der Detektiv auf dem Cover ist der Schauspieler Barry Foster, der in jenen Tagen auch für Hitchcock den abscheulichen Krawattenmörder spielte. Vermutlich deshalb fanden viele den Darsteller so unsympathisch, dass die Serie hierzulande bald abgesetzt wurde.

Library Music ist eine Gebrauchsmusik, die nicht über die GEMA abgerechnet wird, sondern deren Schöpfer durch eine Einmalzahlung vergütet werden. Die Produktionsfirma stellt sie für vergleichsweise kleines Geld Film- und TV-Produzenten zur Verfügung. Hin und wieder werden diesem Repertoire auch Film- und TV-Soundtracks nachträglich hinzugefügt, etwa Fred Strittmatters und Quirin Ampers neo-retrospektive Stummfilmmusik für die Serie „Väter der Klamotte“, die heute von Intervox vertrieben wird. Der Zuschauer des Endproduktes erfährt den Namen der Komponisten nicht, Anonymität ist in diesem Bereich der Regelfall.
Gerade das machte die Arbeit fürs Archiv für Leute wie Peter Thomas so interessant: ohne eine Rufschädigung zu riskieren, konnte man hier Missglücktes weiterspinnen, den Zettelkasten auswerten, schlicht „einfach nur Quatsch machen oder ganz ernsthaft in dieser vor den marktüblichen Kommerzialisierungsanforderungen geschützten Nische endlich seine kühnsten avantgardistischen Ideen verwirklichen“ (Dieter Diederichsen in der „taz“).

Wenn sich eine Produktionsfirma auflöste oder sich im Zuge der Digitalisierung von ihren Vinylbeständen trennte, landeten diese Aufnahmen auf dem Second-Hand-Plattenmarkt, wo sich ein eigenes Publikum von Sammlern dafür generierte. Inzwischen gibt es CD-Labels, die diese Musik regulär neu herausbringen. Library Music gibt es seit der Stummfilmzeit. Zunächst wurde sie – wie auch in der Popmusik – in Form von Notenblättern vertrieben. 1909 gründete der niederländische Musiker Meyer de Wolfe das Unternehmen „De Wolfe Ltd.“, das Kinos belieferte, die einen oder mehrere eigene Musiker zur Filmbegleitung beschäftigten. (Ab 1927 weitete de Wolfe seinen Service auf Schellackplatten aus, 1962 auf Vinyl.) Bis heute legendär und im Umlauf ist die Notenmappe „Kinothek“ von Giuseppe Becce von 1919, in der neben eigenen Stimmungsstücken auch Salonstücke und Evergreens aus der Klassischen Musik zu finden waren.

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Langsamer ist schwerer

betr.: Sprechen Am Mikrofon

Unser Timing ist stark davon abhängig, ob wir mit dem ganzen Körper agieren (uns also physisch im ON befinden) oder „nur“ mit der Stimme.
Auf der Bühne sprechend – zu einem gleichzeitig anwesenden Publikum – haben wir immer das Gefühl, etwas langsamer zu sein als wir es tatsächlich sind.
Wer sich dieses Umstandes nicht bewusst ist (vor allem Berufsanfänger und besonders eitle ältere Kollegen), der fällt dem Betrachter als zu langsam auf.
Am Mikrofon – ohne anwesendes Publikum und nur auf einen einzelnen Zuhörer ausgerichtet – sind wir hingegen zu rasch und müssen zu Beginn unserer Beschäftigung mit dem Lesen vom Blatt immer wieder ermahnt werden, uns nicht so sehr zu beeilen.
Die Gründe für dieses kuriose Phänomen sind einleuchtend. Hier soll uns aber nur Variante 2 beschäftigen: die seltsame Unrast am Mikrofon.

Beginnen wir mit einer Beobachtung, die wir alle schon gemacht haben: Schnellsprecher bilden sich etwas darauf ein, schnell sprechen zu können. Umgekehrt hat noch niemand damit geprahlt, besonders langsam sprechen zu können, dabei ist das viel komplizierter.
Wer schnell spricht, ist stolz darauf, schneller zu sein als die imaginierte Konkurrenz – eine evolutionäre Programmierung, die wir noch heute überall im Alltag antreffen, ganz besonders bei Wettkämpfen aller Art (Sport, Quizshow, kindisches Benehmen auf dem Schulhof …).
In der Zeit des linearen Fernsehens hat sich der Moderator der „ZDF Hitparade“, Dieter Thomas Heck (ein ehemaliger Stotterer) damit hervorgetan, seinen abschließenden Schnelldurchlauf fehlerfrei herunterrattern zu können, und auch sonst liebte er seine Rede hart und zackig. Unter seinen Stammgästen befand sich übrigens der Schlagersänger Tony Marshall, der das auch gut zu können glaubte. (Auf Schnellsprech-Machtkämpfe ließ sich Marshall aber nur bei ungefährlicheren Gegnern ein, etwa Rudi Carrell.)
Einige meiner Sprecherkollegen haben tatsächlich damit angegeben, wie schnell sie den berühmten Satz „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie bitte die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!“ sauber hersagen können – wohlgemerkt: im Kollegenkreis.

Bittet man einen Vorleser, schneller zu sprechen, wird er das auf der kurzen Strecke (nicht mehrere Sätze hintereinander vom Blatt lesend) sicher hinbekommen. Und er wird sich dabei angenehm gefordert fühlen. Wir können uns auf seinen optimistischen Ehrgeiz – also auf das Anspringen des beschriebenen urmenschlichen Reflexes – verlassen.
Bittet man ihn jedoch, langsamer zu lesen, befällt ihn großes Unbehagen. Es setzt sich eine ganze Abfolge von Reaktionen auf etwas in Gang, was er allgemein als unnatürlich empfindet.
Die meisten Sprecher jeglichen Alters, die ich im Unterricht um Verlangsamung bitte, reagieren, als hätte ich etwas Ungehöriges oder Widerwärtiges von Ihnen verlangt. Da davon ja keine Rede sein kann (was sogleich jedem klar ist), versucht man es dann mehr schlecht als recht. Es werden Tricks angewandt, die nicht funktionieren. Als erstes wird versucht, den Sprachfluss durch Pausen auszubremsen und dazwischen umso hastigere kleine Texthäufchen zu machen. Wenn wir das gemeinsam als sinnlos erkennt haben, kommt stets das Argument: „Ich merke gar nicht, dass ich zu schnell spreche.“
Niemand kommt auf die Idee, die Vokale zu dehnen. Und selbst wenn ich diesen Hinweis gebe (es zur Not sogar vormache), erscheint das Herabsenken des Tempos als eine Zumutung und als ein exotisches Kunststück.

Man muss es sich trotzdem aneignen. Es ist nicht nur eine Technik, auf die in der Praxis niemand verzichten kann, der sich professionell wähnt. Es ist überhaupt die Voraussetzung für die inhaltliche Erfassung des Textes, von der hier schon so häufig die Rede war.

Warum wir es als Zuhörende ganz und gar nicht mögen, wenn der Vortrag zu schnell ist, liegt auf der Hand: wir müssen uns unnötig anstrengen, um mitzuhalten. Zusätzlich überträgt sich die Schinderei des archaischen Wettläufers am Mikrofon unmittelbar ins Auditorium. Wir fühlen uns alle miteinander unwillkommen.

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Nicht weg-, aber totzukriegen

Das Faxgerät war – ebenso wie der MiniDisc-Player – eine großartige Erfindung (ein viel besserer Ersatz für eine ältere Technik), kam aber so spät, dass es bald wieder veraltete und heute den Wenigen als Kuriosität erscheint, die sich überhaupt daran erinnern.
In seiner Ausgabe 43 / 1974 widmete der „Der Spiegel“ dem gerade konkurrenzfähig gewordenen „Fernkopierer“ namens „Telefax“ einen Artikel. Dank neuartiger Mikrochips ließen sich durch die bestehende Telefonleitung Schwarzweißbilder „originalgetreu und sekundenschnell über jede Distanz“ übertragen. Das Lob war aber in mehrfacher Hinsicht übertrieben: die Bilder waren in kleine Klötzchen zerstückelt, Grautöne (wie etwa bei Raster-Aufnahmen) gab es nicht, und die Übertragung konnte bis zu mehreren Minuten dauern. Auch musste man das Ergebnis auf sich kringelndem Thermopapier betrachten, das bei längerer Lagerung wieder verblasste. Als die Normal- oder Echtpapier-Faxgeräte Einzug hielten, war die Technologie bereits im Begriff, von der E-Mail verdrängt zu werden, das war Mitte der 90er Jahre.

Dabei hatte die Technik wirklich etwas für sich. Ihr direkter Vorläufer, der sperrige Fernschreiber, existierte nicht als Heimgerät, sondern war nur auf Polizeiwachen, in Amtsstuben und Zeitungsredaktionen anzutreffen. Jahrzehntelang tat dieser Apparat dort zuverlässig Dienst – mit Lochpapier und ohne die Möglichkeit, Abbildungen zu vermitteln. Die Texte mussten direkt in das absendende Gerät eingetippt werden.   
Der Siegeszug des Faxgerätes wurde – wie üblich bei solchen Novitäten – zunächst durch einen Streit der Systeme verzögert. Schließlich setzte sich ein japanisches Modell durch, da Siemens nicht an die Technologie glaubte.

Dieses Technik-Gespenst steht immer noch vielfach herum, ohne länger in Gebrauch zu sein.

Das Wort „Fax“ leitet sich von „Faksimile“ ab. Davor wurde es nur von Rolf Kauka verwendet, dessen Helden „Fix und Foxi“ bei einem Onkel dieses Namens wohnten. (Ausdrücklich zu unterscheiden von dem damals gebräuchlichen Wort „Faxen“ für „Ungebührlichkeiten, Albernheiten, dummes Zeug“, das über keinen Singular verfügt.)

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Wie neu ist „New Adult“?

„Liebe, Sex und Umsatzplus: Sogenannte New-Adult-Romane und ihre jungen Leserinnen retten gerade den Buchmarkt“, überschreibt das „SZ-Magazin“ seinen Artikel über das aktuelle Popkulturphänomen.* Mona Kasten, die erfolgreichste deutsche Vertreterin des Genres verfasst nach eigener Definition „Geschichten über Menschen, die vom Leben herausgefordert werden, über sich hinauswachsen – und sich dabei Hals über Kopf verlieben“. Mit dieser Mischung aus Reklame und Aufmotzen des eigenen Anspruchs hätte auch die notorische Hedwig Courths-Mahler (1867-1950) ihre einst rasend erfolgreichen und heute tief verachteten Kitschromane bewerben können. Was „New Adult“ von früheren Liebesroman-Konzepten unterscheidet, ist der latent para-feministische Selbstbetrug, dem sich die Leserin bei der Lektüre hingeben kann, und das nicht-dörfliche Ambiente. Außerdem die von den vorausgegangenen Fantasy-Wellen geschwelte Ausdrucksweise: „Meine Welt explodiert, und übrig bleibt ein Universum aus Sternen und Lichtern, in dem nur Platz für Ruby ist.“
„Zuerst war New Adult ein rein amerikanisches Phänomen, Verlage wollten jene Zielgruppe erschließen, die gerade aus der Jugendkultur, also Young Adult, herausgewachsen ist, und erfanden den nächstlogischen Begriff. Angesprochen werden junge Frauen im Alter von 16 bis 25. Was aber möchten diese lesen? Und das so dringend, dass sie darüber ihre Smartphones und Serien vergessen? (…) Als Referenzwerke für New Adult werden immer wieder zwei Romanreihen angegeben: ‚Harry Potter‘ trifft ‚50 Shades Of Grey‘, so formulierte es die ‚New York Times‘ 2012. In Deutschland kam das Genre erst fünf Jahre später mit Mona Kasten an. Heute löst ein nationaler Bestseller den nächsten ab, die Zahlen klingen selbst wie Fiktion: Menschen zwischen 16 und 19 Jahren gaben in Deutschland 2023 für Bücher 77% mehr Geld aus als noch 2019. Auch dank ihnen hat der Buchmarkt im Juli ein Umsatzplus von 2,8% verkündet.“ (SZ-Magazin)
Auch dieser löbliche Effekt erinnert an die Harry-Potter-Welle. Aber leider gilt auch: diese „Romane ähneln einander, als wären sie vom selben Algorithmus geschrieben worden“ und müssen ihre Leserinnen mit „seitenlange[n] Sexszenen“ bei der Stange halten. Sie „sind das Gegenstück zum Mainstreamporno, der mit einer Linse der männlichen Lust gedreht wird.“ Die ewig wiederkehrenden Erzählmuster nennt man „Tropes“, etwa „Enemies to Lovers“ (Feine werden Liebende), „Dark Academia“ (Schauplatz düstere Elite-Uni) oder „Rich Guy/Poor Girl“ – letzteres eine Konzeption, die die Benachteiligung der Frau in unserer Gesellschaft fortschreibt. Das ist kein Zufall. „Gesellschaftlich kann man die meisten New-Adult-Bücher durchaus kritisieren. Denn egal wie eigensinnig und unabhängig die Protagonistin ist [oder sich zu sein einbildet], bald schon liegt sie in den Armen eines starken Mannes. Und egal wie toxisch sich dieser Mann verhält, er gilt trotzdem als begehrenswert.“

Möglicherweise sind es genau diese Beschränkungen, die auch dem Erfolg seine Grenzen setzen. „Es wachsen richtige Buchfans nach“, jubelte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels 2023 angesichts der jungen Fans in den Buchhandlungen. Doch schon 2025 sank die Zahl der Buchkäufer wieder, in der Altersgruppe der unter 15jährigen um mehr als 30 Prozent. „Das New-Adult-Genre boomt zwar weiterhin“, sagte der Verleger Sebastian Guggolz der F.A.Z.**, „bei Young Adult flacht das Wachstum inzwischen etwas ab.“
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* Nr. 41 / 11.10,2024
* Nr. 230 / 5.10.2026

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Hitchcocks schrägste Filmvorlage

betr.: 40. Todestag von François Truffaut

Gestern abend hatte ich erstmals Gelegenheit, Jens Wawrczecks Lesung von „Das Haus von Professor Edwardes“* in ihrer Live-Version zu erleben. Für einen lebenslangen Hitchcock-Fan und treuen Pilger der „Hitch und ich“-Reihe war das natürlich keine Entdeckungsreise – abgesehen davon, dass ich die Eleganz der abendfüllenden Kurzfassungen immer wieder eigens bewundere. Diesmal lag der Lesung ein 9stündiges Hörbuch zugrunde, was rein rechnerisch die Straffung auf ein Sechstel bedeutet, die man im Saal nicht wahrnimmt. Es fühlt sich jedesmal so an, als höre man kompletten Roman. (Einzig der Bühnenfassung der wiederum etwa doppelt so umfangreichen „Rebecca“-Lesung* ist der Effekt der Verknappung anzumerken.)
Überraschungen gab es trotzdem.
So wurde mir gestern abend vollständig bewusst, wie schundig die Buchvorlage des überaus edlen Liebesdramas „Spellbound“ (deutsch: „Ich kämpfe um dich“) doch ist. „The House Of Dr. Edwardes“ ist sicherlich das volkstümlichste und dem Groschenroman am nächsten stehende Buch, das Hitchcock verfilmt hat.
Dem Regisseur graute sogar selbst ein wenig davor, wie er François Truffaut gestand („… ein melodramatischer und wirklich verrückter Roman über einen Irren, der die Herrschaft über eine Irrenanstalt an sich reißt. In dem Roman waren sogar noch die Krankenpfleger Irre und stellten alle möglichen Dinge an.“). Selbstverständlich tat und tut das dem Vergnügen keinen Abbruch. Und auch dass sich Hitchcock von dieser Vorlage besonders weit entfernte, schadet nicht (nur „Das Lied des Drachen“ ist im Drehbuch noch freier bearbeitet worden und hat mit seiner „Verfilmung“ „Notorious“ aber auch nicht das Geringste mehr zu tun).

Diesmal wurde der Interpret von zwei Live-Musikern begleitet: der Harfinistin Maria Todtenhaupt und dem Theremin-Spieler Jan-Peter Pflug (die erstmals gemeinsam auftraten). Die ungewöhnliche Kombination dieser beiden recht exotischen Solo-Instrumente führte dank des klugen Arrangements und des virtuosen Spiels zu einem raumgreifenden Orchester-Sound.

Launiges am Rande: die Wikipedia behauptet bis heute, es gäbe von „The House Of Dr. Edwardes“ keine deutsche Übersetzung. In der Tat hat Olaf Kreutzenbeck den Text für die Reihe „Hitch und ich“ übersetzt, aber das ist ja nun auch schon einige Jahre her. Auch die angeblich vier Schwestern von Jens Wawrczeck sind nicht aus der Online-Enzyklopädie zu vertreiben.
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* Die erwähnten Hörbuch-Titel aus der Reihe „Hitch und ich“ der Edition Audoba sind #10 „Spellbound – Das Haus von Dr. Edwardes“, siehe https://blog.montyarnold.com/2018/05/10/die-fidele-klapsmuehle/; #12 „Rebecca“, siehe https://blog.montyarnold.com/2019/04/01/london-pride/ und #14 „Berüchtigt – Das Lied des Drachen“, siehe https://blog.montyarnold.com/2020/07/13/beruechtigt-als-hoerbuch/.

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Lesen vom Blatt – Lange Sätze

betr.: Sprechen am Mikrofon / Übung

Es folgt einmal mehr eine Passage aus „Atlas wirft die Welt ab“ von Ayn Rand. Zum besseren Verständnis lesen wir zunächst, was dem „langen Satz“ vorangeht:

Am Nachmittag des 11. September brach in Minnesota ein Kupferdraht und legte die Förderbänder eines Getreidesilos an einem kleinen Landbahnhof von Taggart Transcontinental lahm.
Eine wahre Weizenflut bewegte sich über die Schnellstraßen, die Landstraßen, die aufgegebenen ländlichen Wege – die Ernte vieler tausend Hektar Ackerland entlud sich gegen die zerbrechlichen Speichermauern an den Bahnhöfen.

Der folgende Satz arbeitet mit mehreren Aufzählungen unterschiedlicher Elemente (Metaphern, Situationen, Gegenstände …), die aufeinander folgen bzw. aufbauen, einander teilweise aber auch überlappen oder einschließen.

Die Flut war Tag und Nacht in Bewegung, zunächst waren es Rinnsale, die zu einem Bach zusammenliefen, dann Flüsse, dann Sturzbäche, befördert von klapprigen Lastwagen mit hustenden, tuberkulösen  Motoren, von Wagen, die von altersschwachen Skeletten hungernder Pferde gezogen wurden, und von Ochsenkarren, mit letzter Kraft von Menschen gelenkt, die um der triumphalen Belohnung der gigantischen Ernte dieses Herbstes willen zwei katastrophale Jahre überlebt hatten, von Männern, die ihre Lastwagen und Ochsenkarren mit Draht, Decken, Seilen und schlaflosen Nächten geflickt hatten, damit sie diese eine Fahrt noch überstanden, das Getreide zu transportieren und am Ziel notfalls den Geist aufgaben, bloß damit ihre Eigentümer die Chance erhielten zu überleben.

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Hendrik Höfgen beim Namen nennen

betr.: das Hörbuch „Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht“

Über Ulrich Noethen habe ich mich häufiger ärgern müssen. Nun erlege ich mir bis auf weiteres eine Pause auf. Seine 1999 von BR und mdr produzierte und vom HörVerlag 2004 herausgebrachte gekürzte Lesung der Erinnerungen von Klaus Mann ist eine Spitzenleistung. Das obligatorische Eigenlob des gegenwärtigen Distributors DAV – „einfühlsam gelesen“ – stimmt zufälligerweise haargenau. Der frühe Vorleser Noethen (die Wikipedia zeigt „Der Wendepunkt“ sogar als seinen ersten Eintrag in dieser Disziplin) klingt nicht nur so jung wie man den Autor von den populären Portraitfotos kennt. (Klaus Mann starb mit Anfang 40 durch eigene Hand.) Er legt auch den feinen Witz in seine Darbietung, der dem Text so gut bekommt. Die verfügbare Gratis-Hörprobe im Netz wird dieser Leistung übrigens nicht ganz gerecht, weil es sich hier um den Beginn der Vorrede handelt. Die Funken beginnen erst später so richtig zu sprühen, besonders wenn das historische Personal ins Bild tritt.

In Klaus Manns Lebensbericht reisen wir nicht nur in eine bewegte Epoche und rund um die Welt, es erweist sich auch einmal mehr die Trefflichkeit des Ausspruchs von Truman Capote: „Alle Literatur ist Klatsch!“ Dieser Klatsch ist ausgewogen und wird durch seine Fairness nur umso komischer. Noethen lässt uns ahnen, wie es gewesen sein mag, Klaus Mann als Kabarettist zu erleben.
Die Regie hatte Petra Meyenburg.

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Über die mentalesische Brücke (2)

betr.: Lesen vom Blatt / Sprechen am Mikrofon

Fortsetzung vom 10.10.2024

Ein unerfahrener Vorleser neigt dazu, den mentalesischen Teil zu überspringen. Er gibt die Wörter vom Papier direkt ans Mikrofon weiter, ohne sie unterdessen tatsächlich begriffen (also im genannten Sinne bebildert) zu haben. Das merkt der Zuhörer daran, dass ein Singsang entsteht, der recht flüssig daherkommen kann, dem aber unmöglich über einen längeren Zeitraum zu folgen ist. Alles, was der Vorleser zu sehen versäumt, kann der Zuhörende nicht hören. Er wird versuchen, diese Lücke selbst zu füllen und schon nach wenigen Zeilen aufgeben: seine Gedanken schweifen ab.
Diese verhängnisvolle Neigung zum Überspringen der mentalesischen Brücke hat mehrere Ursachen, die alle in unserer lebenslangen tagtäglichen kommunikativen Gewohnheit liegen. Vor allem sind wir, wenn wir einen Text privat und im Stillen lesen, etwas großzügiger mit der vollständigen Erfassung des Inhalts. Je nachdem, wie wichtig uns die Lektüre ist oder ob wir sie vielleicht nur tätigen, um etwas Zeit totzuschlagen, fehlen uns einzelne Teile und Bilder, ohne dass wir diesen Fehler bemerken. Das tun wir nur, wenn wir uns wirklich konzentrieren wollen (bei einem Roman oder sonst einem „guten Buch“) oder wenn die Lektüre dem notwendigen Erwerb von Wissen dient (eine Recherche oder das Pauken für eine Prüfung). Im Alltag sind wir es gewohnt, in diesem Punkt nachlässig sein zu dürfen. Beim Vorlesen fällt jedes dieser Versäumnisse sofort auf. (Der Vorleser bemerkt es selbst, wenn er den Faden verliert, unmittelbar bevor sich der hörbare Versprecher ereignet.)

Man tut gut daran, sich von vorneherein auf den Text einzulassen und keine Abkürzungen nehmen zu wollen. Sie kürzen nichts ab.
Das (Lese-)Vergnügen, das (nur) auf diese Weise entsteht, kennen wir von Büchern, die wir „verschlungen haben“, und es ist – wie gesagt – die Voraussetzung dafür, dass es ggf. auch der Zuhörer empfinden kann.

Denken und Sprechen haben also viel miteinander zu tun, sind aber nicht identisch. Die Netzwerke, die in unserem Hirn aufleuchten, wenn wir Sätze planen oder verstehen, sind nicht dieselben wie bei abstraktem Denken.
Wenn wir fließend lesen, brauchen wir einen Vorsprung beim Überblicken des Textes – unabhängig davon, ob wir ihn erstmalig lesen oder ihn schon für uns „eingerichtet“ haben.* Wir müssen jeden fremden Text in einem Manuskript behandeln, als enthielte er die Gedanken, die uns gerade persönlich bewegen. Es geht auch dann
„letztlich um die grundlegenden Werkzeuge, mit denen unser Gehirn die Welt zu begreifen versucht – um fundamentale Konzepte. Etwa die Einteilung der Zeit in Jetzt und Nichtjetzt oder des Raums in nah und fern, berührend und nicht berührend. So filtern wir die Welt bereits, bevor wir sie in Worte fassen.“ In dieser Liste fehlt nur eine zusätzliche Frage, die es in der Natur nicht gibt. Am Mikrofon fragen wir uns ganz zu Beginn: bin ich im ON oder im OFF?**
Wenn wir dem jeweiligen Gedankengang auf der abstrakten Ebene folgen und uns Fragen stellen wie „Wie geht’s weiter?“, „Was folgt daraus?“, entsteht eine Art Lückentext. Darin fehlen lediglich die noch ungelesenen Informationen. Diese werden als letzte hinzugefügt / eingebaut, eher der Satz schließlich über unsere Lippen kommt.
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Die Zitate stammen aus einem Interview mit dem Kognitionspsychologen Steven Pinker im „Zeit-Magazin“ Nr. 43 vom 10.10.2024.

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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.com/2020/06/24/sprechen-am-mikrofon-on-und-off-1/ sowie die folgenden Kapitel.
** Siehe dazu https://blog.montyarnold.com/2015/03/15/die-wonnen-der-ersten-lesung/

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Orchestrated Right – Die besten Arrangements, die ich kenne (14)

Für die Eröffnung seines Easy Listening-Albums „Harpsicord Arrangements of Popular Tunes“ (1966) motzte Dick Hyman das Titelthema der Literaturverfilmung „Tom Jones“ (1963)  zu einer kurzen Suite in Stil einer Stummfilmmusik auf. Das kommt der Vorlage von John Addison durchaus entgegen, die eine solche Atmosphäre bereits andeutet, doch bei Hyman ist nun wirklich alles drin: Romantic Love, Speeding Train, Indian Attack, Misterioso. Auf der Plattentasche werden die Solisten dieser Stimmungsstückchen gewürdigt: Phil Kraus an der Toy Whistle, der Triangel und dem chinesischen Holz-Schlagwerk, Bobby Rosengarden an der Ratsche, Phil Bodner am Sopransaxophon und Tony Mottola am Banjo.
Insgesamt wird das Titel-Instrument auf diesem Album etwas überstrapaziert. So vergnüglich etwa Johnny Mandels unsterblicher „Shadow Of Your Smile“ (Love Theme from „The Sandpiper“) auch ist, die 12 Tracks (unter ihnen noch mehr Filmmusik, Popsongs und zwei Beatles-Titel) wirken im durchgehenden Hörerlebnis vielleicht etwas weniger gelungen als sie es einzeln wären.
Vielleicht ist „Tom Jones“ aber auch einfach zu gut, der sprichwörtliche hard act to follow.
Zum Schluss macht sich Hyman den Jux, Miklós Rózsas Kriegsfilm-Thema „Ballad Of The Green Berets“ zu einem vokalen Partyschlager im Stil der Swinging Sixties (in deren Popmusik das Cembalo eine große Rolle spielte) umzuwidmen. So erstreblich der pazifistische Ansatz dahinter auch ist, wirkt der Titel doch etwas ungebührlich.   

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