Die Männerwirtschaft aus der Baker Street

betr.: gestriger 59. Jahrestag der Erstausstrahlung von „The Disappearance Of Lady Frances Carfax“ aus der Serie „Sherlock Holmes“ (GB 1965-68)

In der zweiten Hälfte der 60er Jahre reihte sich Peter Cushing in die schon damals beträchtliche Riege der Sherlock-Holmes-Darsteller ein. Cushing war ein fähiger Schauspieler, den die Heutigen vermutlich allein wegen seines Auftritts im ersten Beitrag zur „Star Wars“-Saga vor Augen haben und dessen wichtigster Job es gewesen ist, zum Ensemble der Hammer-Horrorfilme gehört zu haben, wo er sowohl verrückte Wissenschaftler als auch respektable Gelehrte spielte. Cushing verkörpert das Bild, das wir uns im Laufe der Zeit von Sherlock Holmes gemacht haben (ohne dass das so in den Büchern gestanden haben muss), in idealtypischer Weise: hager, auf uncharmante Weise einnehmend, nicht mehr ganz jung.
Immer wieder weichen die Holmes-Performer in einzelnen Punkten von diesen Vorgaben ab, ohne sie insgesamt in Frage zu stellen (Benedict Cumberbatch ist jünger als die meisten, dafür aber ein kompletter Soziopath). Mehr als bei jeder anderen literarischen Figur beruht unser Bild von ihr auf einer medialen Quersumme, die in der Regel ausgebildet ist, bevor wir erstmalig einen der Romane in die Hand nehmen und uns selbst eine Figur ausdenken können.

Wir wissen eine Menge über Mr. Holmes, kennen (ungewöhnlicherweise) sogar seine Postadresse und seinen Mitbewohner, haben aber keine Ahnung, warum die beiden Herren eigentlich zusammenwohnen. Ist es alte Verbundenheit (etwa aus dem Studium oder dem gemeinsamen Militärdienst)? Ist es schlicht der gemeinsame Arbeitsplatz (Detektivbüro), an den sich die Privaträume anschließen (als Arrangement, das sich verselbständigt hat)? Ist es gar eine homosexuelle Beziehung (die über den körperlichen Vollzug mittlerweile hinaus ist)? Ist Dr. Watson so etwas wie der Pfleger von Holmes (an dessen Drogenabhängigkeit er allerdings nichts mehr ändern kann)?
Das alles mag etwas für sich haben, aber die Lebensgemeinschaft in der Baker Street 221B ist zuallererst eine ordinäre WG. Aus Kostengründen. Holmes und Watson sind zu zweit dort eingezogen, wie es in „Eine Studie in Scharlachrot“ beschrieben wird, weil sich einer allein die Wohnung nicht leisten konnte. Und vor dieser Vereinbarung sind beide einander auch nicht begegnet. Sie fanden aus dem selben Grund zusammen wie Felix und Oscar, die berühmteste „Männerwirtschaft“ der Theater-, Film und Fernsehgeschichte nach Sherlock Holmes und Dr. Watson.

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Die begnadete Nervensäge

betr.: 101. Geburtstag von Jack Laird

Jack Laird war der Mann, den man Rod Serling vor die Nase setzte, als dieser die Früchte seiner Arbeit – der legendären TV-Serie “The Twilight Zone” (1959-64) – genießen wollte, indem er eine weitere, noch glanzvollere Serie schuf – “Rod Serling’s Night Gallery”, die heute vergessen ist.*
Der Sender NBC und das produzierende Studio übertrugen Jack Laird, einem Vertrags-Producer der Universal, die redaktionelle Verantwortung dafür, also das letzte Wort in allen künstlerischen Entscheidungen. So ein Arrangement musste einen verdienten Showrunner und genialen Visionär wie Serling wahnsinnig machen. In den drei Staffeln, über die sich “Night Gallery” hinschleppte, entfremdeten sich der Autor und seine Serie restlos voneinander, und sie blieb die letzte Arbeit vor seinem frühen Tod. Beide Männer sind am Scheitern ihres Produktes jedoch unschuldig, und viel spricht dafür, dass es – vor allem die zweite Staffel ist bemerkenswert – ohne Jack Laird nicht so vielgestaltig und überraschend geraten wäre.

Tom Wright portraitierte Jack Laird auf seinem Ausstellungsstück zur Folge 18 der 2. Staffel „Quoth The Raven“.

Jack Laird legte Wert darauf, das Kind eines Schauspielerpaares zu sein, das ihn auf Gastspielreise in Bombay zur Welt gebracht habe. In Wahrheit stammte er aus einer kalifornischen Kleinstadt. Er war kulturell universal-interessiert und gründete in seiner Schulzeit, obwohl er selbst kein Instrument spielte, eine Jazzband. Sie existierte, bis er in den Zweiten Weltkrieg ziehen musste, seine Musiker verteilten sich auf renommierte Bands.
Nach Kriegsende versuchte Laird es als Schauspieler, brachte es aber hauptsächlich zu diversen Hörspiel-Rollen. Er begann erfolgreich, für das junge Medium Fernsehen zu schreiben. In der Verantwortung die ihm dort übertragen wurde, förderte er junge Darsteller und Regisseure (wie Sydney Pollack) und gab Schauspielunterricht.

Mit der Krankenhausserie “Ben Casey” (1961-66) wurde Laird in der Branche endgültig zum großen Namen. Sein Erfolg ließ ihn zu einen Workoholic mutieren, der zudem zuwenig schlief, zuviel rauchte und sich schlecht ernährte. Parallel dazu ging seine einst sehr glückliche Ehe mit der Schauspielerin Peggy Johnson zu Bruch. Laird verantwortete auch den Hit “Kojak”.

Ähnlich tragisch wie das Schicksal Rod Serlings und das ihrer gemeinsamen Arbeit, war auch das Ende von Jack Laird. Er, dessen Engagement, kreative Phantasie und Professionalität von so vielen seiner Weggefährten geschätzt und gepriesen wurde, verkam zum Zyniker und Menschenfeind, ein Alkoholproblem gesellte sich dazu. Er wurde zum arbeitslosen Einsiedler. Als im Dezember 1991 sein Herz versagte, war er auf dem Weg ins Krankenhaus. Da er seinen Ausweis nicht mitgenommen hatte, verblieb seine anonyme Leiche für Wochen in der dortigen Leichenhalle. Endlich wurde er von seiner längst entfremdeten Tochter identifiziert, die von seinen Nachbarn alarmiert worden war, ihr Vater Mr. Laird sei verschwunden.

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* Zu unrecht, wie sich das gehört. Siehe https://blog.montyarnold.com/2020/04/28/class-of-99/

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Lampenfieber

Lampenfieber war nie ein Problem für mich. Das mag damit zusammenhängen, dass ich mich von meinem ersten Auftritt an viel sicherer vor dem Publikum fühlte als ich es sonst im Leben tat. Und das wiederum hatte neben vielen Gründen den sehr einleuchtenden, dass ich damals noch nicht aus der Pubertät heraus war.
Dazu passt das fachliche Gerücht, das Lampenfieber nähme mit zunehmendem Alter eher zu als dass es durch die wachsende Erfahrung abnähme. Ich werde es persönlich wohl nicht mehr nachprüfen können.
Solcherlei ging mit durch den Kopf, als ich in einem „Zeit“-Interview las, dass auch die Schauspielerin Corinna Harfouch nicht von „Bühnenangst“ geplagt sei: „Aber ich muss vor jeder Vorstellung durch ein Nadelöhr – einen Widerstand von Unmut und Erschöpfung. Man fragt sich, warum muss ich das jetzt machen? Ich bin dann todmüde und will nicht und werde nicht und kann auch nicht! Aber dann geht man raus, und alles ist klar. Die Bühne gibt einem so viele Geschenke, da entsteht ein Leuchten, ein Glückserlebnis, das nirgendwo anders möglich ist. Ich habe mal gehört, dass Marianne Hoppe in ihren letzten Lebensjahren zu jeder Probe von zu Hause abgeholt werden musste. Sie klammerte sich an der Haustür fest und weigerte sich, ins Theater zu kommen. Dann stand sie auf der Bühne – und alles war gut.“

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Die schönsten Filme, die ich kenne (121): „They’ll Love Me When I’m Dead“

betr.: 109. Geburtstag von Orson Welles

Im November 2018 präsentierte der Streaming-Anbieter Netflix seinem Publikum ein Prestige-Produkt, das kaum einem seiner Abonnenten etwas gesagt haben dürfte: „The Other Side Of The Wind“. Es ist der letzte der so vielen unvollendet gebliebenen Filme des genialen Orson Welles, einer Hollywood-Legende alter Schule.

Die Hauptrolle in diesem para-autobiographischen Werk spielt der große Filmregisseur John Huston – eine weitere Symbolfigur des analogen Anti-Netflix-Entertainments. Seit 1975 hatte der chaotische und stets unter Geldmangel leidende Welles an diesem Projekt gearbeitet. Nachdem ihn ein spanischer Zwischenhändler betrogen hatte, war sein Finanzier ausgerechnet eine Firma gewesen, die einem Schwager des Schahs von Persien gehörte. Der fast fertige Film fiel nach der Machtergreifung des Ajatollah in Staatsbesitz und verschwand in einem Tresor in Paris. Welles starb 1985, nachdem er bis zuletzt versucht hatte, eine Freigabe zu erwirken. Danach kämpfte seine letzte Geliebte Oja Kodar weiter. 

Nun ist es Netflix, dem die Ehre zufällt, diesen Film mit seiner finanziellen Unterstützung endlich gerettet und herausgebracht zu haben. Doch nicht nur das! Netflix gab außerdem eine Dokumentation in Auftrag, die seine wechselvolle Entstehungsgeschichte erzählt, eine Vielzahl schillernder Zeitzeugen zu Wort kommen lässt und überdies viele Meter historischen Materials zusammengetragen hat – all das sollte bei einer Doku selbstverständlich sein, doch die Verhältnisse, sie sind bekanntlich längst nicht mehr so.
Nachdem die Welt fast 30 Jahre hat auf „The Other Side Of The Wind“ warten müssen, wird sie nun mit einem Double-Feature entschädigt, das für jeden sehenswert ist, den die Geschichte und die besonderen Gesetzmäßigkeiten Hollywoods – dieses für alle Zeiten untergegangenen Hollywood, in dem der stets unabhängige Orson Welles ein avantgardistischer Fremdkörper gewesen ist – interessieren. Überdies erweist sich Welles hier wie dort – in „The Other Side Of The Wind“ wie auch in Morgan Nevilles „They’ll Love Me When I’m Dead“ – als Vorläufer der heute so beliebten Form der Mockumentary. Wer die (für diesen Regisseur typische) Art bestaunt hat, über Jahre hinweg unchronologisch einzelne Szenen zu produzieren – immer, wenn gerade genug Geld und die benötigten Darsteller verfügbar sind – und diese später zusammenzufügen, der wird am Hauptfilm umso größeres Vergnügen haben. Und auch an „Othello“ (der 1952 auf die nämliche Art zustandekam und es tatsächlich auf die Leinwand geschafft hat). Und auch wen das alles nicht interessiert – wer einfach, sagen wir, Quentin Tarantino mag und sich noch nie gefragt hat, wie unsere Vorfahren wohl Filme gedreht und angeschaut haben – auch der wird sich vermutlich köstlich amüsieren!

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Wenn Comicfiguren in die Jahre kommen

betr.: 119. Geburtstag von Floyd Gottfredson

Es liegt in der Natur der Sache, dass wir Kinder der 70er Jahre nicht wussten, wer unsere Walt-Disney-Comicheftchen zeichnete: oben stand ja immer „Walt Disney’s“ drüber. Es mag tatsächlich Idioten gegeben haben, die glaubten, „Onkel Walt“ zeichne jeden einzelnen Comic selbst. Fest steht: Walt Disney hätte es sehr gefallen, wenn es diese Idioten gegeben hätte …

Die Namen der meisten Disney-Künstler erfuhr ich erst nach und nach ab Mitte der 80er Jahre. Viele kamen kamen aus Italien, wo die Inhalte der „Lustigen Taschenbücher“ entstanden. Ich las in einem Artikel der „Sprechblase“, wie beinharte Fans hinter die Identität des wichtigsten Donald–Duck-Zeichners und -Autors Carl Barks gekommen waren. Auch Floyd Gottfredsons Enthüllung im Jahre 1968 war nicht vom Verlag gewünscht. Gottfredson hatte – als eine Art Gegenpart zu Barks und einige Jahre früher – den Comics mit Micky Maus Gestalt verliehen, die als fortlaufende Zeitungs-Strips über Monate hinweg lange Geschichten erzählten. Dem deutschen Publikum wurde dieses Repertoire großformatigen Sammelbänden präsentiert, die den Namen des Zeichners verschwiegen.

Der Gottfredson-Schwung der abenteuerlichen Gründerzeit, wie er 1973 in „Ich, Micky Maus“ Band 1 abgedruckt war.

Gottfredson war es auch gewesen, der auf die Idee gekommen war, Micky als Detektiv arbeiten zu lassen (wenn ihm seine Weltreisen etwas Zeit dafür ließen bzw. wenn irgendwo außerhalb Entenhausens ein Unrecht geschah). Er tat das über so viele Jahre (von 1930 bis 1975), dass sich sein Stil bis zur Unkenntlichkeit veränderte. Die in unserer Fernsehzeitung abgedruckten einseitigen Geschichten, auf die sich Gottfredson ab 1956 zurückzog, waren nicht nur inhaltlich denkbar weit von den historischen Strips entfernt, ich wäre auch nie auf die Idee gekommen, dass sie vom selben Zeichner stammten.
(Carl Barks hingegen hat seinen Strich über Jahrzehnte kaum verändert.)

Der bürgerlich gewordene Mäuserich in der „Bild + Funk“ (irgendwann in den 70er Jahren).

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Das Hitchcock-Quiz – Auflösung

betr.: Rätsel vom 29. April 2024

1. In „The Paradine Case“ und „Strangers On A Train“ trägt Hitchcock bei seinen Cameos Instrumentenkoffer. Auch das seltsam geformte Köfferchen, das er in „Vertigo“ in der Hand hat, wird von mir so eingeordnet.

2. Cary Grant versteckt sich in einem Maisfeld.

3. Mr. Rusk ist Obsthändler.

4. Leo G. Carroll hat mit sechs Einsätzen in einer Nebenrolle die Nase vorn. John Williams kommt zweimal im Kino zum Einsatz und dreimal in Hitchcocks Fernseh-Inszenierungen, wo er jeweils die Hauptrolle spielt. Außerdem war er der Star einer Vielzahl der Hitchcock-TV-Episoden anderer Regisseure.

5. Mit fünf Soundtracks für britische Hitchcock-Filme schlägt Louis Levy die Herren Dimitri Tiomkin und Franz Waxman (je vier Einsätze in den USA).

6. „High Anxiety“ bezieht sich auf „Vertigo“ (also der Höhenkoller auf den Drehschwindel). Die Handlung des Films beginnt in einem Sanatorium, das uns an „Spellbound“ denken lässt.

7. In „Under Capricorn“ sehen wir ihn beim Empfang des Gouverneurs und auf den Treppen des Regierungspalastes.

8. Eisen

9. 40.000 Dollar

10. „Ich wusste nicht, welchen Decknamen du gerade benutzt.“

11. James Stewart und Kim Novak spielten danach in „Bell, Book And Candle“ („Meine Braut ist übersinnlich“).

12. Maureen O’Hara, Shirley MacLaine, Tippi Hedren

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Endlich wiedergesehen: „Der Schlachter“ von Claude Chabrol

Eine kleine Ortschaft im französischen Périgord. Die junge Lehrerin und Schulleiterin Hélène freundet sich mit dem Schlachter Popaul an, der auf charmante Art um eine Vertiefung ihrer Beziehung wirbt. Die dörfliche Idylle wird erschüttert, als eine Frauenleiche im Wald gefunden wird, und die Leute müssen sich an eine gewisse Polizeipräsenz gewöhnen. Als Hélène auf einem Schulausflug wenig später eine weitere Tote findet, entdeckt sie  bei der Leiche das Feuerzeug, das sie Popaul geschenkt hat. Reflexartig lässt sie das Beweisstück verschwinden. Bald darauf zerstreut sich ihr Verdacht, Popaul könnte der Mörder sein. Doch dabei soll es nicht bleiben …
„Die vollkommene Balance von Form und Inhalt macht den Film zu einem Höhepunkt des französischen Nachkriegskinos.“ (filmdienst)

Rainer Werner Fassbinder hielt nichts von Claude Chabrol. Er räumte aber ein, „Der Schlachter“ sei „ein großer Film, immerhin, da entwickelt Chabrol das einzige Mal aus echten Menschen heraus eine Geschichte. Ach, er entwickelt überhaupt das einzige Mal. Der einzige Film, der dem Zuschauer nicht alles als ohnehin sinnlos und endgültig auf den Kopf haut. Und das tut er sonst in allen Filmen.“
Ich denke nicht, dass ausgerechnet Fassbinder der Richtige ist, Chabrol irgendwelche handwerklichen Vorwürfe zu machen, aber auch mir geht vieles von dem auf die Nerven, was er seinem französischen Kollegen vorwirft. Sein Urteil vom „einzigen Film“ kann ich sehr gut nachvollziehen.
„Der Schlachter“ ist ein Einzelstück im Werk von Claude Chabrol. Seine Figuren sind anmutige soziale Wesen, während dort sonst ein lichtloser Weltekel vorherrscht (der mich zuweilen durchaus an Fassbinder erinnert). Diesmal sehen wir eine bis in das Pianissimo ihrer Hack-Ordnungen, Eitel- und Unzulänglichkeiten ausgeleuchtete funktionierende Dorfgemeinschaft.
Auch das zentrale (unerfüllte) Liebespaar ist bemerkenswert. Der Schlachter Popaul (= Paulchen) wirbt mit redlichem, aber forschem Charme um die elegante, aber zurückhaltende junge Schulleiterin, die auf so selbstbestimmte Art „ihr Ding macht“ (ich hasse diese Formulierung, aber sie trifft es). Als die erhoffte Reaktion ausbleibt, kommt es nicht etwa zu Zickigkeiten oder einer Belästigung, sondern zu einer tiefen platonischen Freundschaft, wie man sie zwischen Mann und Frau selten (und im französischen Kino niemals) zu sehen bekommt. Die Lammkeule, die der Schlachter der Lehrerin in den Unterricht mitbringt, ist wie ein Blumenstrauß eingewickelt. Er scherzt mit den Kindern in dem Klassenzimmer, in dem er früher selbst unterrichtet wurde, und kann auch sonst mit jungen Leuten gut umgehen. Überhaupt kommen die verschiedenen Generationen im Dorf prächtig miteinander aus, was schon bei der Hochzeitsfeier zu Beginn – einem zünftigen Dorffest – deutlich wird.
Eine so intelligent erzählte Idylle ist dem Publikum überhaupt nur zuzumuten, weil im Hintergrund der Thriller durch gelegentliche Gerüchte von grausigen Funden und das Auftauchen eines Ermittlerteams aus der Stadt systematisch vorbereitet wird. Als das Grauen auf einem Wandertag schließlich vollends ausbricht, ist es umso wirkungsvoller.

Manchem Kritiker genügte das nicht. Wilfried Wiegand (im Band 5 der „Reihe Film“ des Hanser Verlags) sieht im Ausbleiben der sexuellen Erfüllung bei den Hauptfiguren einen Makel, der früher oder später zwangsläufig übel mutieren muss. Die unerwiderte Liebe Popauls beschreibt er als „sozialen Krankheitsfall“, Helènes Zurückhaltung als Symptom einer „der eigenen Persönlichkeit entfremdete Charitas“, die eine „arbeitsteilig parzellierte Menschlichkeit“ enthält. Popauls kriegs- und berufsbedingte Veranlagung, Fleisch zu zerschneiden, wird als Gegenmodell zu Helènes Humanitat in Stellung gebracht, doch diese sei auf ihre Weise „ebenso inhuman wie sein Verbrechertum“. Die „kindliche Stufe“, auf der die ganze Dorfgemeinschaft stehengeblieben sei, habe anscheinend auch Helène und Popaul erfasst und in ihre orale Phase zurückgestoßen. Wiegand betont die sozialen Unterschiede der beiden Protagonisten (die für ihn eine unüberwindbare Barriere darstellen), während ich mich über die Echtheit der Zuneigung freue, die ihnen dennoch möglich ist. Die Wärme des Spiels von Stéphane Audran, die ich in ihren üblichen Rollen als verderbte Drachenlady fürchte und meide, ist beeindruckend.

Wie auch immer man dazu stehen mag – Chabrol ist diese Besonderheit seines Films selbst aufgefallen, und er erklärte sie in einem Interview damit, dass das Drehbuch ausnahmsweise nicht von Paul Gégauff stammt. „Er kann innerhalb von zwei Sekunden eine Person völlig lächerlich und hassenswert machen“, klagte der Regisseur. „Er sagt immer, ich sei es gewesen, aber in Wirklichkeit kommt es von ihm“ – „es“ ist der eingangs beschriebene Nihilismus.
Natürlich weiß ich, was ich von einem typischen Chabrol-Film zu erwarten habe, und ich sehe ihn mir sogar deswegen an. Doch der Regisseur ist nicht so versiert, dass es ihm immer gelänge, ein gesundes Gegengewicht zu dieser Groteske aus Tristesse, Morast und Perspektivlosigkeit anzubieten. Was er als Gesellschaftssatire anlegt, läuft zumeist auf einen wüsten Gruselkitsch hinaus, der überdies schlecht altert.
Insofern ist „Der Schlachter“, der letztlich die gleichen Abgründe verhandelt, die Chabrol auch sonst am Herzen liegen, ein Juwel. Er ist „Ein bisschen Sonne im kalten Wasser“ im Kino des Meisters.

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Für’s selbe Geld

„Ich bin ein alter Mann und habe viel Furchtbares erlebt, aber das meiste davon ist nicht passiert.“
Dieses Zitat von Mark Twain habe ich, als ich es in einem Interview antraf, so verstanden: Neben allem, was mir Furchtbares widerfahren ist, gibt es zum Glück vieles (vielleicht noch Schlimmeres), was ich nicht erleben musste. Anders gesagt: vergleicht euch nicht nur mit denen, die es besser haben, sondern freut euch über das, was euch im Gegensatz zu euren Mitmenschen erspart geblieben ist.
Dann las ich weiter und stellte fest, dass die beiden Dialogpartner dieses Zitat anders auslegten als ich: „Dass man sich Geschichten aus seinem Leben erzählt, von denen man gar nicht mehr weiß, ob sie wirklich so stattgefunden haben …“
Die Formulierung ist tatsächlich etwas zweideutig (obwohl ich „das meiste davon ist gar nicht wirklich passiert“ geschrieben hätte, wenn ich es so gemeint hätte wie die Herren im Interview.)

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In der Archäologie und anderswo

betr.: Aneignung / koloniale Vergangenheit / Rassismus / Wokeism etc.

Joseph Conrad gehört zu den ersten Schriftstellern, die in ihren Werken den Kolonialismus angeprangert und sich zum Fürsprecher der Ausgebeuteten gemacht haben. Das bewahrt ihn nicht davor, heute für das Gegenteil beschimpft, gecancelt oder boykottiert zu werden.
Tilman Spengler schildert diesen Widersinn am Beispiel von Conrads heute berühmtestem Roman:

Für Chinua Achebe, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, war Joseph Conrad ein klassischer Rassist, der, gerade in „Das Herz der Finsternis“, die am Ufer des Kongo lebende afrikanische Bevölkerung „entpersonalisierte“, sie nur als eine diffuse Erscheinung von Gliedmaßen, schimmernden Augäpfeln und zuckenden Bewegungen wahrnahm. Es ist wohl wahr, dass Conrad keinen Schwarzen als Helden herausgestellt hat. Das wäre allerdings auch nicht ganz einfach gewesen in einer Erzählung, deren Thema die Ausbeutung, die Unterdrückung, die Versklavung der einheimischen Bevölkerung ist. Und dass Conrad nicht über die einheimischen Sklavenhändler schrieb, die oft eine veritable Machtstellung erlangten, hätte ihm ganz gewiss auch Chinua Achebe nicht vorgeworfen.

Auf die Schwierigkeit, in diesem Zusammenhang die richtigen Worte zu wählen, weist der Leiter der archäologischen Stätte von Pompeji, Daniel Zuchtriegel,  in der „Wochentaz“ vom 20.-26.4. hin:

Der Begriff Sklave gilt als umstritten. Ist die postkoloniale Debatte in der Archäologie angekommen?
Langsam, ja. Die Diskussion um den Begriff „Sklave“ ist dabei nicht so hilfreich. Postkoloniale Kritik in der Archäologie bedeutet, die Strukturen eines Herrschaftsdiskurses in der Antike aufzudecken. Wenn wir heute von Menschen sprechen, deren Vorfahren, vielleicht in der dritten, vierten, fünften Generation, also noch nicht so lange her aus archäologischer Sicht, tatsächlich von Sklaverei betroffen waren, dann ist es verständlich zu sagen: Das Wort reduziert die Menschen auf diesen Aspekt ihres Daseins. In der Antike verhält es sich völlig anders, da sind eigentlich wir die Sklaven.

Wie meinen Sie das?

Die Sklaven der Römer kamen aus dem heutigen Deutschland, Frankreich, Großbritannien. Es wäre eine Gelegenheit, die eigene Wahrnehmung in Frage zu stellen. Dieser rassistische Komplex zwischen Sklaverei, Rassismus, Kolonialismus, der in der Moderne so prägend ist und der es problematisch macht, das Wort Sklave zu verwenden, könnte dadurch unterwandert werden, dass wir für die Antike an dem Begriff festhalten. Wenn wir uns klarmachen: Die berühmten Wurzeln der abendländischen Kultur waren auch das. Wir waren Sklavenbesitzer, aber auch Sklaven, und unsere Kultur kommt aus einer Gesellschaft, die bis zu einem Drittel der Bevölkerung aus Sklaven bestand.

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