Schlauer macht’s auch noch!

betr.: „VON MINECRAFT ZU HÜSCH UND ZURÜCK mit Monty Arnold“, die 10. Ausgabe von Hennes Benders Podcast „Der heisse Scheiss“

Über ein Zusammentreffen mit Hennes Bender – und sei es ein akustisches – würde ich mich auch dann riesig freuen, wenn es nicht so schrecklich wenige davon gäbe. Im letzten dieser Ereignisse (siehe oben) konnte ich sogar noch etwas über mich selber lernen: nämlich, was mich neben allem anderen mit meinem wichtigsten Vorbild Hanns Dieter Hüsch verbindet: die Assoziationsextase. Auch Hennes Bender betreffend hat Hüsch übrigens ein duftes Wort erfunden: „Spazierganggeber“.
Und was gibt es sonst in dieser besonders langen Folge von „Der heisse Scheiss“ zu erleben? Unter anderem dies: „Ob die Videospielverfilmung nun ein ‚zielgruppenloses‘ Machwerk ist oder doch ein eiskalt kal-kühl-liertes Kinoereignis, welches schöne deutsche Wort in ‚Franchise‘ steckt und an welcher Stelle im Gespräch der Begriff ‚Erb-Rotation‘ erfunden wird“. Geht doch!

https://www.podcast.de/episode/685827217/von-minecraft-zu-huesch-und-zurueck-mit-monty-arnold-10

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Wohnen geht gar nicht

betr.: „Wohnen“ von Doris Dörrie

Die Regisseurin und Autorin Doris Dörrie war mir wie auch ihre Kunst persönlich immer ein wenig fremd. Das macht ja nichts, wir können beide sehr gut damit leben.
Als ich nun von ihrem Essay mit dem Titel „Wohnen“ hörte, merkte ich sogleich auf. Und als ich erfuhr, dass uns das Thema offenbar beide sehr interessiert, und zwar unter diagonal unterschiedlichen Vorzeichen, war ich sehr neugierig auf diese pfiffige Fortschreibung meines Grundgefühls.
„Wohnen“ ist intelligent und witzig geschrieben, und es versorgt mich, der ich wahnsinnig gern wohne, mit etwas, was mir naturgemäß nur von kreativen Menschen erzählt werden kann, die weniger gern wohnen und in der Welt unterwegs sind, um dort Dinge zu erleben, die mir nicht widerfahren (nicht zustoßen) können. So hat alles seine Ordnung, und Doris Dörries Text und ich hatten eine sehr anregende Zeit miteinander.
 
Ein Essay unterhält mich besonders gut, wenn er eine andere Meinung vertritt als die meinige, frei nach dem Motto: wenn schon Widerworte, dann wenigstens kluge und gescheit vorgetragene. Dieses Lob kann ich „Wohnen“ leider nicht machen.
Ständig musste ich an Ottos berühmten Witz denken, laut dem das Stück zwischen dem rohen und dem verbrannten Teil immer am besten schmeckt. Bei Doris Dörrie gibt es diesen Teil nicht. Sie denkt viel über extreme Wohnformen nach und findet dafür gegeneinandergestellte Kampfbegriffe wie „Hausen“ vs. „Residieren“ oder „Kokon“ vs. „Palast“. Das Stück dazwischen, das Wohnen schlechthin, lässt sie nur naserümpfend als Illusion im … pardon … im Raum stehen.

Dabei hat die Autorin sich ein sehr ergiebiges Thema gewählt. Sie beschreibt sehr zutreffend, wie unbehaust die „Frau in der Gesellschaft“ nach alter (und längst nicht überwundener) Sitte gewohnt hat, als Hausfrau und Mutter: in einem Heim, das sie am Laufen hielt, in dem es für sie aber keinerlei persönliche Fläche gab.
Ich musste an zwei Unterhaltungen denken, die ich Tage zuvor mit guten Freunden geführt hatte. Mit einem davon gedachte ich mitfühlend des verpfuschten, tragischen, aufopferungsvollen Daseins der Kanzlergattin Hannelore Kohl, die sich schließlich das Leben nahm, nachdem sie jahrzehntelang der Welt eine fotogene Kulisse für ihren konservativen Gatten gestaltet und bevölkert hatte, der sie dann mit ihrer Lichtallergie buchstäblich allein Dunkeln sitzen ließ, um sich anderswo gegen seinen Rentnerstatus aufzulehnen. Dann sprach ich mit einer Freundin, leidenschaftliche Mutter zweier Schuljungen, die mir erzählte, dass der Dachboden, den sie gerade auf- und ausräumt, ihr erster persönlicher Platz im eigenen Haus sein wird.
Für solche Probleme findet Doris Dörrie treffliche Bilder in der Historie, der Literatur, der eigenen Familiengeschichte und auf Schritt und Tritt überall in der Welt. Doch ihrem Buch fehlt etwas, was jeder gute Essay braucht: Ironie.
Es gibt in diesem Text keinen Besitz, nur Ballast; keine Geborgenheit, nur Gefangenschaft; kein Arrangement, nur Selbstverrat; keinen inneren Frieden, nur eine Stagnation, der es zu entkommen gilt.

Die Autorin hat recht, wenn sie die alten Kinder-Küche-Kirche-Vorschriften als grausam entlarvt oder sich in einer filmreifen Erzählung über Wohnungsbesichtigungen in L.A. lustig macht, die sie regelmäßig besuchte, um – beruflich in Hollywood – in diesem Moloch etwas unter die Leute zu kommen. Die von ihr beschriebenen Maklerinnen – sie sind alle gleich! – erinnerten mich an Annette Benings tragikomische Darstellung in „American Beauty“.
Nach jedem Rundgang pflegte Dörrie die jeweilige überzüchtete Luxus-Immobilie immer ungefragt mit dem Hinweis abzulehnen, sie spüre einen bösen Geist in den Räumen. Dann wurde sie stets zum ersten Mal in ihrem schlunzigen Look von den Maklerinnen ernstgenommen, die ihr eilig und diskret von den Todesfällen erzählten, die in den unbezahlbaren Filmstarbehausungen stattgefunden hatten. Selbstverständlich sei das Haus hernach gründlich exorziert worden … Das ist sehr amerikanisch, wirklich grotesk und einfach zum Totlachen.
Leider blickt die Autorin mit der gleichen überzogenen Verachtung, die sie als nicht standesgemäße Wohnungssuchende in L. A. erlebt hat, auf jeden, der nicht aus dem Koffer leben möchte. Sie zieht eine gesunde Art, sich niederzulassen gar nicht in Betracht.

Das ist schade, denn seitenweise spricht sie mir zwischendurch sehr aus der Seele – etwa, wenn sie ihrer Verachtung für das Modell „Wohngemeinschaft“ Luft macht.
Aber den meisten Platz nehmen Umschreibungen dafür ein, was der Rest der Menschheit – alle außer der Autorin – in seinem törichten Versuch zu wohnen tatsächlich macht. Eine davon lautet: „Hier versuche ich so zu tun, als hätte ich ein Zuhause“. Es gibt unzählige solcher Synonyme.

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Der Song des Tages: „Green-Up Time“

… von Kurt Weill und Alan J. Lerner komponiert für das Musical „Love Life“ und ganz besonders trefflich von Lotte Lenya auf Schallplatte verewigt.

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Psycho Today

betr.: Jens Wawrczeck hat aus der Romanvorlage zu Alfred Hitchcocks „Psycho“ ein Hörbuch gemacht.

Machen wir uns nichts vor: all die „Unsterblichen“ des Kinos sind heute vergessen (abgesehen vielleicht von der Monroe), und kein heute 30jähriger kann noch einen einzigen „Klassiker“ nennen, der deutlich vor seiner eigenen Lebensspanne gedreht wurde. Ohne „Psycho“ wäre selbst Alfred Hitchcock nicht der geflügelte Name, der er heute ist. „Psycho“, dieser unverwüstliche Kultfilm in einem prallen Repertoire aus verdienten Erfolgen und historischen Leistungen, ist der Reißnagel, der Hitch in der heutigen schnelllebigen Popkultur befestigt. Ohne ihn hätte sie seinen Regisseur längst ebenso gründlich fallenlassen wie sie es längst mit Billy Wilder und Orson Welles gemacht hat. Was „Vertigo“ den Cineasten ist, das ist „Psycho“ der wirklichen Welt. Ausgerechnet der einzige Horrorfilm im Werk des „Master of Suspense“ (was mit „Meister der Spannung“ nur nachlässig übersetzt ist), dieses mit kleinem Budget und leichter Hand wie ein Fernsehfilm produzierte Zwischenwerk, hat all die Worte, Bilder, Typen und Töne in die Welt gesetzt, die der heutige Mediennutzer braucht, um sich eines so uralten Filmes (und seines Schöpfers) zu erinnern, der überdies in Schwarzweiß gedreht wurde.

„Psycho“ brachte uns den Duschenmord mit der Jingle-tauglichen Musik von Bernard Herrmann, die Mumien-Mutter mit dem Messer, diese Schlusspointe, die inzwischen jeder kennt und die trotzdem das Vergnügen, diesen Film immer wieder mit knisternder Gänsehaut anzuschauen, nicht spoilert. Und er schenkte uns Norman Bates, den hinreißenden jugendlichen Psychopathen, der dem hoffnungsvollen und bis dato überaus vielseitigen Anthony Perkins die Rolle verpasste, von der er fortan nicht mehr loskam. Wie schon in „Marnie“ (der Folge 4 dieser Hörbuchreihe), hat Hitchcock auch diese männliche Hauptfigur etwas jünger und einnehmender gestaltet als es die Vorlage angelegt hatte. Das reale Vorbild war umso finsterer: Ed Gein war ein nekrophiler Transvestit, der nicht die Kleider seiner Opfer anzog, sondern gleich ihre Haut. Und später das Vorbild für weitaus grauenvollere Ikonen des Kinos: neben „Leatherface“ aus dem „Texas Chainsaw Massacre“ und „Buffalo Bill“ aus „Das Schweigen der Lämmer“ ist Norman Bates eine geradezu poetische Figur. Und doch steht „Psycho“ noch immer erhobenen Hauptes in einer Reihe mit unseren Zeitgenossen.
„Psycho“ ist eine solche Energiequelle der Inspiration, dass sogar seine Fortsetzung – zwei Jahre nach Hitchcocks Tod herausgekommen und ihrerseits der Startschuss für eine Unzahl von schwächeren, aber wirkungsvollen Nach- und Neuerzählungen – ein beachtlicher Film geworden ist. Er wartet mit einem Anthony Perkins auf, der wirklich aussieht, als hätte er die 22 Jahre unterdessen in einer Irrenanstalt verbracht. Und wir sind begierig, das Psycho-Haus ein weiteres Mal zu betreten – und die Winkel und Räume zu besichtigen, auf die wir zuvor keinen Blick erhaschen konnten. Nur einer freute sich nicht darüber: der ansonsten begeisterte Kritiker des „Tip“ klagte, dass „die durch allzu perfektes ‚Remake‘ der Hitchcock’schen Kulisse aufkommenden Erinnerungen an dessen Meisterwerk manchem herzlichen Lacher einfach im Wege stehen.“
Stimmt ja – witzig ist „Psycho“ auch noch. Vor allem, wenn man ihn zum zweiten Mal sieht.

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Meckern im Mäusekino: „Der geschändete Oberst“ mit Laurel & Hardy

betr.: Filmrätsel

Bleiben wir noch bei Laurel und Hardy, und kehren wir zu dem Handbuch zurück, das wir uns in dieser Rubrik schon häufiger angesehen haben, Reclams „Filmführer“.
Zwei der knapp 100 gemeinsamen Filme des Duos werden dort stellvertretend behandelt, zwei stumme Kurzfilme, die vermutlich ausgewählt wurden, weil sie in der Super-8-Ära, die seinerzeit in ihre letzte Runde ging, besonders beliebt waren: „Big Business“ (siehe unten) und „Two Tars“ (ein Film über „Das Zerlegen von Kraftwagen“), beide in der Übergangszeit zum Tonfilm entstanden.
Beide wollen wir der üblichen neunmalklugen Fehlersuche unterziehen: wo irrt die Inhaltsangabe?
„Big Business“ lief im ZDF u.a. unter dem Titel „Der geschändete Oberst“.

Auflösung folgt.

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Der Song des Tages: „Dickie“

betr.: 64. Geburtstag von Dirk Bach

Ein Kollege erzählte mir, er hätte am Todestag des von uns beiden schmerzlich vermissten Dirk Bach in einer Aufführung des selten gespielten Musicals „Dear World“ gesessen. Dessen humanistisch-ökologische Botschaft hätte Dirk sicher gemocht. Doch es gab noch ein deutlicheres himmlisches Augenzwinkern.
Am Ende des ersten Aktes kommt es zu einem musikalischen Selbstgesprächs-Trio dreier alter Damen (in der Urfassung von 1969 u.a. Angela Lansbury), der „Tea Party“.* Eine von ihnen hat einen imaginären Hund namens Dickie. Sie schwört, er sei anwesend, obwohl ihn niemand sehen kann. Für Dirk, den seine Freunde ebenfalls „Dickie“ nennen durften, gilt gewissermaßen dasselbe.

„Dear World“ ist einer der beiden legendären Misserfolge von Jerry Herman, der einen seiner größten Erfolge mit einem seiner schlichtesten Produkte hatte: „La Cage Aux Folles“.
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* Siehe auch https://blog.montyarnold.com/2017/11/21/the-glorious-theater-lyrics-of-monty-arnold-22-tea-party/

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Dangerous World Of Colour

Die Gleichberechtigung erzielt nicht nur bescheidene Erfolge, hin und wieder schlägt sie sogar ins Gegenteil um. Dann haben die Männer das Nachsehen. Das sorgt immer für allgemeine Heiterkeit, auch wenn es sich um vergleichsweise popelige Niederlagen handelt, die kaum als angemessener Ausgleich für Menopause, Gender Gap und Kopftuchpflicht durchgehen können.
Ausgerechnet an George Clooney – der nicht nur mehrfach zum „Sexiest Man Alive“, sondern sogar zum „Sexiest Grey“ hochdekoriert wurde – wurde kürzlich ein Exempel statuiert. Als er sich für die Hauptrolle in der Bühnenadaption seines Filmerfolges „Good Night And Good Luck“ am Broadway die Haare färben musste (!), fiel zahlreichen Beobachtern auf, wie sehr das optisch zu seinem Nachteil geriet. Auch einigen Journalisten.

Ganz allgemein wird es nicht gern gesehen, wenn sich Männer die Haare färben, obwohl sie das aus den gleichen Gründen tun wie die Frauen auch: Eitelkeit (wenn man es kritisch betrachtet) bzw. aus dem Wunsch heraus, die Mitwelt mit einem hübschen Erscheinungsbild zu erfreuen (so die selbstbetrügerische Variante).
Das erbarmungslos aufs Sommerloch zutreibende Feuilleton der seriösen Wochenpresse berichtet von Vätern, die verspottet werden, wenn sie ihre Kids mit bunten Haaren von der Kita abholen und ähnliches.

Ich bin nur dann (geschlechterunabhängig) ungnädig über gefärbte Haare, wenn es nicht ordentlich gemacht ist. Oder wenn es doof aussieht, was in der Regel auf das selbe hinausläuft.
Mit meiner Friseurin sprach ich kürzlich darüber, wie Strähnchen bei Männern auf mich wirken: tuntig. Ich bin mir nicht sicher, ob sie mich ganz richtig verstanden hat. Sie stimmte mir zwar zu, aber ich war etwas unsicher, ob sie meine Äußerung nicht fälschlich als homophob verstanden haben könnte. („Vielleicht wollen die das ja“, meinte sie ratlos.) Um die Sache nachträglich klarzustellen: „tuntig“ hat auch eine interne Bedeutung und meint unter Homosexuellen, dass jemand als Mann weibisch wirkt – was umso widersinniger ist, wenn er dafür noch eigens Aufwand treibt (Strähnchen).
Auch hier fällt mir aber eine Ausnahme ein.

Der dänische Schauspieler Esben Smed spielte in Serie „Follow The Money“ einen welpenhaften Kleinkriminellen, der sich im Laufe dreier Staffeln vor unseren Augen zum kernigen Profi-Gangster entfaltet. Ihm stand die unvollständige Blondierung so gut, dass ich ihn mir dunkelhaarig gar nicht erst vorstellen wollte. Außerdem war „Follow The Money“ ein ganz großer Spaß – im Gegensatz zu Clooneys lieb gemeintem, zum Händefalten drögen Kitschfilm „Good Night And Good Luck“.

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Prima vista 0,5: Prolog aus „Das Apartment“

betr.: 37. Todestag von I.A.L. Diamond

Einen Begrüßungsjoke baute der wichtigste Mitarbeiter von Starregisseur Billy Wilder gleich in seinen Namen ein. Aus Izzy machte er „I. A. L.“, das steht ursprünglich für „Interscholastic Algebra League“. In einem Land, dessen Schulsystem traditionell auf Buchstabierwettbewerbe versessen ist, bekennt sich einer der erfolgreichsten humoristischen Drehbuchautoren zur Mathematik. Diese Neigung überträgt er auch auf einen seiner Helden, den Protagonisten von „The Apartment“.

Am ersten November 1959 hatte New York 8.042.783 Einwohner. Würde man alle diese Menschen, eine Durchschnittsgröße von einem Meter fünfundsechzig zugrunde gelegt, der Länge nach aneinanderreihen, so würden sie vom Times Square bis zum Marktplatz von Karachi in Pakistan reichen. Solche Zahlenbilder sind mir geläufig, weil ich bei einer Versicherungsgesellschaft arbeite, der „Consolidated Life“ in New York, eine der größten Gesellschaften in den USA. Unser Zentralbüro hat 31.259 Angestellte, das sind mehr als die gesamte Bevölkerung von Natchez / Mississippi. Ich arbeite im neunzehnten Stock, Prämienberechnungsabteilung für allgemeine Policen, Sektion B, Tisch 861.
Mein Name ist C.C. Baxter, C für Calvin, C für Clifford, aber meistens werde ich „Buddy“ genannt. Bei „Consolidated“ bin ich seit drei Jahren, zehn Monaten, ich bringe wöchentlich 94 Dollar 70 nach Hause.
Die Arbeitszeit in unserer Abteilung geht von acht Uhr fünfzig bis fünf Uhr zwanzig. Sie ist in jedem Stock verschieden, so dass sechzehn Fahrstühle die 31.259 Angestellten befördern können ohne daß es Verkehrsstörungen gibt. Ich bleibe allerdings häufig länger im Büro und mache eine oder zwei Überstunden, besonders bei schlechtem Wetter. Nicht etwa deshalb, weil ich übertrieben ehrgeizig wäre, nein, einfach um die Zeit totzuschlagen, bis es auch für mich soweit ist, dass ich nach Hause gehen kann.
Sie müssen nämlich wissen, ich habe ein kleines Problem mit dem Appartement in dem ich wohne. Es liegt in der westlichen 67. Straße nicht weit vom Central Park, meine Miete beträgt 85 Dollar im Monat – bis zum letzten Juli als Mrs. Lieberman, die Hauswirtin, mit einer gebrauchten Klimaanlage ankam, waren es nur 80. Es ist ein nettes Appartement, nichts Übertriebenes, aber sehr gemütlich. Genau das richtige für einen Junggesellen. Der einzige Nachteil ist, ich kann nicht immer hinein, wenn ich möchte.

So klingt der Eröffnungsmonolog von Billy Wilders berühmter Tragikomödie „Das Apartment“ in der deutschen Synchronfassung, die Erika Streithorst für Ultra-Film in Berlin eingerichtet hat.
Als Cornelius Schnauber das Drehbuch von Billy Wilder und I. A. L. Diamond 1987 auf Deutsch herausbrachte, stellte er eine neue Übersetzung her, um die kleinen Abweichungen aufzufangen, die sich bei der deutschen Bearbeitung zwangsläufig ergeben: etwa durch die geringere Silbenzahl im Englischen und die Anpassungen an die Lippenbewegungen. Trotz dieser Richtigstellungen (einige sind im vorliegenden Vergleich aufzuspüren), habe ich noch immer das subjektive Gefühl, ein Abdruck des Dialogbuchs wäre mir lieber gewesen. Im Vergleich wirken die Synchrondialoge immer flüssiger und alltagsnäher auf mich als die sinngemäßen Übersetzungen, wie es sie sehr gelegentlich in Buchform gegeben hat.

So liest sich der obige Prolog in der Druckfassung von 1987:

Am 1. November 1959 betrug die Bevölkerung von New York insgesamt 8.042.783 Personen. Wenn man all diese Leute der Länge nach aneinanderlegen würde, wobei man eine Durchschnittsgröße von 172 cm annimmt, dann würden sie vom Times Square bis in die Vororte von Karachi in Pakistan reichen.
Ich kenne solche Fakten, weil ich für eine Versicherungsgesellschaft tätig bin, nämlich der Consolidated Life in New York. Wir zählen zu den fünf größten Unternehmen des Landes … im vergangenen Jahr verkauften wir Polizzen im Wert von 9 Komma 3 Milliarden Dollar. In unserer Zentrale arbeiten 31.259 Angestellte, das ist mehr als die Gesamtbevölkerung der Stadt Natchez in Mississippi oder Gallup, New Mexico.
Ich arbeite im 19. Stockwerk … in der Abteilung für Normalpolizzen, Prämienberechnungsabteilung, Sektion W … Schreibtisch Nummer 861.
Mein Name ist C.C. Baxter – C wie Calvin und C wie Clifford … aber die meisten Leute nennen mich Bud. Ich bin seit drei Jahren und zehn Monaten bei Consolidated Life. Ich habe in der Zweigstelle in Cincinnati angefangen, wurde dann nach New York transferiert. Mein Nettogehalt beträgt 90,70 Dollar in der Woche, dazu kommen die üblichen Sozialleistungen.
Arbeitszeit in unserer Abteilung ist von 8.50 bis 5.20 Uhr … aber von Stockwerk zu Stockwerk gestaffelt, daß die 16 Aufzüge die 31.259 Angestellten transportieren können, ohne daß es zu einem Verkehrschaos kommt. Was mich betrifft, so bleibe ich oft noch im Büro und arbeite ein oder zwei Stunden extra … besonders bei schlechtem Wetter. Es ist ja nicht so, daß ich besonders ehrgeizig wäre … ich tu’s nur, um die Zeit totzuschlagen, bis es soweit ist, daß ich nach Hause gehen kann. Ich habe nämlich, nun ja, ein kleines Problem mit meinem Apartment …
Ich wohne in den West Sixties, nur einen halben Häuserblock vom Central Park entfernt. Ich bezahle monatlich 84 Dollar Miete. Bis Juli vorigen Jahres waren es noch 80, aber dann hat meine Vermieterin, Mrs. Lieberman, eine gebrauchte Klimaanlage eingebaut. Es ist ein richtig nettes Apartment … nichts Aufregendes … aber doch gemütlich … gerade recht für einen Junggesellen. Es gibt nur ein Problem: Ich kann nicht immer hinein, wann ich möchte.

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Ein Bradbury mit Zusatz-Kick

Fortsetzung vom 25. März 2025

Ein bestimmter Kollege und Zeitgenosse von Ray Bradbury scheint ein Autor zu sein, der es besser kann. Die – zugegeben – einzige mir bekannte Geschichte von Alan Rodgers, erweckt den Eindruck, dass dieser nicht nur famose Ausgangsideen hat – wie der berühmtere Bradbury -, sondern, dass er – im Gegensatz zu ihm – auch in der Lage ist, sie exakt bis zu dem Punkt fortzuspinnen, da sie ihren maximalen Grad an fesselnder Irritation erreicht haben. Und dann aufzuhören. Würde nur eine weitere Zeile folgen, liefen wir auf eine Erklärung zu. Das Geheimnis würde wieder abnehmen, wir könnten etwas befriedigter aus dem Sessel aufstehen – und hätten die ganze Sache sehr schnell wieder vergessen. (Es ist wie in der „Truman Show“, als der Held  – der nicht weiß, dass er in seinem idyllischen Heimatstädtchen ein Gefangener ist – vom Reisen träumt und einen Golfball wie einen Globus zwischen den Fingern bewegt: „Hier sind wir. Und auf der anderen Seite des Erdballs: Fidschi. Du kannst nicht weiter weg, sonst wärst du wieder auf dem Rückflug!“)

Stephen King präsentiert die besagte Rodgers-Erzählung 1987 in der Anthologie „Popsy“ (Hrsg.: J. N. Williamson) und lobt in seiner Einführung: „Die Chancen für einen Newcomer, in einer großen Hardcover-Anthologie den Platz für eine umfangreiche Novelle eingeräumt zu bekommen, liegen zwischen gering und nicht vorhanden. Aber dieses provozierende Kabinettstück liest sich geradezu rasend flott, ist voller Scharfblick und Ironie, sozialem Gewissen, phantasievollen Höhenflügen und häufig atemberaubender Kühnheit. Nichts, was Sie bisher gelesen haben mögen, ähnelt auch nur entfernt der Story ‚Der Junge, der von den Toten auferstand‘.“

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Der Tunnelblick in der Kunst

Eine Eigenart, die im wirklichen Leben unbedingt von Nachteil ist, macht der Kulturjournalist Kai Luehrs-Kaiser in der Kunst als eine Tugend aus: den Tunnelblick. In den unterschiedlichsten künstlerischen Disziplinen haben es einige darin sogar zu echter Meisterschaft gebracht: „Durch ein sehr enges Zielfernrohr bekommen sie nur einen sehr schmalen Realitätsausschnitt in den Blick bekommen, können diesen jedoch genauer beschreiben als jeder andere. Mitunter haben sie diesen Realitätsausschnitt sogar selbst definiert und in die Welt gesetzt.
Spontan fallen mir fast nur tote Künstler als Beispiele ein. Die Romane von Otto Flake haben mir meistenteils eben deswegen so großes Vergnügen gemacht, weil sie immer denselben, in diesem  Fall patriarchalisch altmodischen Blick  eines  Schwerenöters von Welt werfen. Es sind alles kleine Casanova-Wiedergänger zwischen Weimarer Republik und Adenauerzeit. Im Theater und im Film derselben Zeit war Curt Goetz als „Revolutionär im Frack“ ein weiteres Beispiel eines altmodischen Meisters des Tunnelblicks. Bei ihm sind es immer dieselben wiederum patriarchalischen Komödien eines Mannes, der durch Humor der eigenen Depression Herr zu werden versuchte. Und weil sein Humor der Melancholie abgerungen war, sei es auch so heilsam ihm zu folgen, wie es seine Frau Valérie von Martens so rührend beschrieben hat. Es sind dies keine Künstler der ersten Garnitur, aber in der Fähigkeit, durch einen beschränkten und eben dadurch konzentrierten Blick eine  Meisterschaft auszubilden und in der Enge die eigene Unendlichkeit zu finden, sind sie erstaunlich.
Die sogenannten „Alten Meister“ (also die Maler des 14. – 17. Jahrhunderts) waren in diesem Sinne alle Meister des Tunnelblicks. Einige der größten Schriftsteller – zum Beispiel Franz Kafka, Samuel Beckett oder Jane Austen – waren in diesem Sinne ganz eindeutig Tunnelblick-Virtuosen. Die Musik hat für Tunnelblickkünstler immer das reichlichste Betätigungsfeld abgegeben. Dirigenten wie Wilhelm Furtwängler oder Hans Knappertsbusch, aber auch Pianisten wie Walter Gieseking, Vladimir Horowitz oder Glenn Gould hatten sämtlich eine so enge, so spezifische Ästhetik, dass sie damit nicht einmal in ein allen Repertoires ankommen konnten. Wo sie aber Fuß fassten, da ergab sich ihre Originalität von selbst.“ 

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