Sprechen am Mikrofon – Die Wahrheit

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Lesen vom Blatt: Lange Sätze

betr.: Übung / Sprechen am Mikrofon

Fortsetzung vom 3. März 2023

Um das Anliegen zu unterstützen, den Vortrag langer Sätze zu trainieren, werden in dieser Rubrik Beispiele gereicht, die unverdächtig sind, den Satz nur aus Gründen der Effekthascherei auf seine Länge gebracht zu haben. Es geht um die Musik der Sprache!

Von Charles Dickens bis Katharina von Medici, von Prinz Edward von Wales auf dem Höhepunkt seiner Beliebtheit bis zu Oscar Wilde am Tiefpunkt seiner Erniedrigung ist alle Welt hierhergekommen, um zu vergessen oder zu genießen, sich zu verbergen oder sich zu verlustieren, um mit dem Profit aus der Unterdrückung weiße Paläste zu erbauen oder um die Bücher zu schreiben, die diese Paläste manchmal niederreißen.

            F. Scott Fitzgerald über das Mittelmeer

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Orchestrated Right – Die besten Arrangements, die ich kenne (10)

Dieses Goldstück wird sogar als Vinyl-Scheibe angeboten!

Reinhard Mey war einer der Lieblinge meiner Schallplatten- und Fernseh-Kindheit. Mein Bild von ihm wurde im Humorbertrieb der 70er Jahre geprägt, wo er (als einer der etwas solideren Vertreter) in meiner Wahrnehmung mit den grandiosen Kabarettisten und Blödelbarden ein festes Ensemble bildete. Durch einen einmaligen Ausrutscher (das TV-Special „Zwei Herren im Dreiviertelfrack“ mit dem Kollegen Adamo) oder einen gemeinsamen Auftritt mit „Insterburg & Co“ mutierte er in meiner Vorstellung zum Universal-Entertainer (wozu er sicherlich das Zeug gehabt hätte). Das änderte sich auch nicht, als ich allmählich kapierte, dass er den „anspruchsvollen“ Chansonniers nähersteht, die mir ferner sind: Meistern wie Hannes Wader und Georges Brassens.
Doch in den Jahren meines Heranwachsens wurde er mir fremd und fremder: durch einen sehr engen Genrebegriff, durch verstörende Statements in seinen Interviews. Seine Verschmitztheit vertrocknete zur Pose, und seine allzu offen zur Schau gestellte Kränkung über die geringe Resonanz bei der breiten Masse steht einer Legende seiner Größe einfach nicht gut zu Gesicht (schon gar nicht dem GEMA- und Kneipenpfennig-Großmeister, der „Über den Wolken“ geschrieben hat).   
Das 1971er Album „Ich bin aus jenem Holze“ zeigt mir den Reinhard Mey, den ich am liebsten mag: niemals agitatorisch oder betulich, niemals seine Botschaft erklärend und immer wieder bereit zum reinen, feinen Nonsens (einer Königsdisziplin der 70er Jahre). Sogar Dadaismus sehe ich mehrmals (!) darin aufblitzen!
Ach ja: und dann diese  Arrangements, diese unbeschreiblich schönen Arrangements! Pepe Naumann hat sie geschrieben.

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„Doc Savage – Die Festung der Einsamkeit“ (73)

Eine phantastische Erzählung von Kenneth Robeson

Siehe dazu: https://blog.montyarnold.de/2021/10/06/19056/

Fortsetzung vom 27. Februar 2023

20.
Eine Stunde Irrsinn (Mad Hour)

Es kam nicht häufig vor, dass Doc Savage auf ein Ereignis nicht vorbereitet war. Aber auf diese Wende des Gesprächs war er nicht vorbereitet — Sunlight hatte ihn überrumpelt. Doc reagierte blitzschnell. Während Sunlights Männer ihre Gewehre hochrissen, um ihn in Schach zu halten, warf er sich auf Sunlight. Aber im Gegensatz zu Doc war Sunlight wohlgewappnet, und er war nicht weniger schnell. Er reagierte schneller und gewandter, als Doc vermutet hatte. Er glitt zur Seite und verschwand in einem der Löcher, die zu den drei kleineren, angebauten Iglus führten.
Ein Schuss peitschte, die Kugel prallte gegen Docs Brust, und ohne die kugelsichere Weste hätte es für ihn nicht die geringste Überlebenschance gegeben. Das Projektil schleuderte ihn zu Boden und gegen Ham und Long Tom, die über ihn stürzten. Doc zog sein Messer und schnitt Hams Handfesseln durch, dann gab er Ham das Messer, damit der das Befreiungswerk fortsetzte, und richtete sich auf. Monk hatte einen der Banditen gepackt. Er wuchtete ihn hoch und warf ihn auf die anderen; sie taumelten zurück. Zwei Banditen stürzten sich auf Doc, sie versuchten, ihn mit den Gewehrkolben zu bearbeiten, aber der Platz war zu knapp, sie behinderten sich gegenseitig. Abermals ging Doc zu Boden, die beiden Gangster wälzten sich über ihn. Doc kroch zu dem Loch, in dem Sunlight verschwunden war, und schleifte die Banditen mit.
In diesem Augenblick kam Sunlight zurück, er schien es noch eiliger zu haben als auf dem Hinweg. Hinter ihm in dem kleinen Iglu blitzte Mündungsfeuer, die Kugel zischte an Sunlight vorbei und traf einen der Banditen. Der Mann kreischte gellend und versuchte, das Blut, das plötzlich aus seiner Brust quoll, mit den Händen zurückzuhalten.
Titania kam aus dem kleinen Iglu, sie trug ein Gewehr. Hinter ihr tauchte ihre Schwester Giantia auf, die ebenfalls bewaffnet war. Abermals schossen beide auf Sunlight, und wieder verfehlten sie ihn. Er kroch durch den Tunnel ins Freie und tauchte in der Nacht unter.
Giantia und Titania rannten zu ihrer kleinen Schwester Fifi. Der Kampf interessierte sie nicht mehr. Nur noch Fifi war für sie wichtig. Monk, Ham und Long Tom balgten sich immer noch mit den Banditen. Niemand stand mehr auf den Beinen, alle Anwesenden rollten ineinander verkrallt über den Boden und schlugen um sich. Doc raffte sich wieder auf, drehte sich wie ein Diskuswerfer mehrmals um die eigene Achse und schüttelte die Gegner ab, die wie Trauben an ihm hingen. Sie wurden gegen die Eiswand der Iglus geschleudert und blieben stöhnend liegen.
Der alte Eskimo Aput hatte das Getümmel mitbekommen. Er schob sich in den Iglu, nach wie vor ein wenig dürftig bekleidet, aber mit einem kurzen Jagdspeer bewaffnet, wie die Eskimos sie benutzen. Andere Eskimos krochen hinter ihm her, einige schwangen ebenfalls Jagdspeere, die übrigen kleine, sichelförmige Messer. Sie warfen sich in das Handgemenge, und Doc fühlte sich entlastet.

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Der Genitiv ist tot! (Endgültig)

Der Genitiv ist rein phonetisch der witzigste Kasus, und in einer Zeit des ungebrochenen Kapitalismus (machen wir uns nichts vor) als besitzanzeigender Fall ja auch nicht unwichtig. Dass sich für solchen Kleinkram in der Umgangssprache niemand die Zeit nimmt – geschenkt. Aber dass nun auch in der „Tagesschau“ immer öfter „dem Toten“ gedacht und sich „den russischen Angreifern“ erwehrt wird, tut weh. Die Öffentlich-Rechtlichen haben nicht nur kapituliert, sie geben es uns sogar schriftlich:

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„It’s All A Question Of Masks – Selbstinszenierung und Modernität bei Noël Coward“ (2)

Fortsetzung vom 21. Februar 2023 (siehe auch https://blog.montyarnold.com/2023/01/24/noel-coward/)

Tamara Hahn hat vor einigen Jahren in aller Stille ein Buch vorgelegt, das uns in Fragen der Selbsterfindung und Selbstdarstellung ein Leitfaden sein kann – gerade in den Zeiten der Sozialen Medien. Nebenbei ist dies das einzige Buch überhaupt, das in deutscher Sprache über Noël Coward vorgelegt worden ist: „It’s All A Question Of Masks – Selbstinszenierung und Modernität bei Noël Coward“. Am Beispiel dieses Universal-Künstlers, der vor etwa 100 Jahren den modernen Prominenten im Selbstversuch quasi erfunden hat, erfahren wir allerlei Erstaunliches zum Thema Medienkompetenz. Es handelt sich um eine Dissertation von 2002, die der Lit Verlag Münster 2004 veröffentlicht hat und die noch immer erhältlich ist. Die Autorin hat mir gestattet, diesen bereichernden Text hier als Serie wiederzugeben, wofür ich mich ganz herzlich bedanke.

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Ein Remake bitte!

betr.: heutige Ausgabe der „Langen Nacht“ im Deutschlandfunk: „Kein Himmel war uns zu hoch“ über Zelda und F. Scott Fitzgerald

Die „Lange Nacht“ vom Freitag auf den Samstag im Deutschlandfunk Kultur und vom Samstag auf Sonntag im Deutschlandfunk ist eine wundervolle, geradezu verwunschene Einrichtung. Sie gehört uns allen (schließlich haben wir sie mit unseren Gebührengeldern bezahlt), aber wie das mit altmedialen Segnungen so ist: die wenigsten von uns holen sich die ihnen zustehende Ware ab. Ein Zeitproblem kann das nicht sein – unzweifelhaft verbringen sie die knapp drei Stunden pro Woche (wenn auch in kleineren Einheiten) mit einem Medienkonsum, der ihnen überhaupt nichts einbringt – weder Freude, noch Zerstreuung, noch Erkenntnis.
Und klar: man kann dieses Format fast immer in der Mediathek nachhören, teilweise sogar downloaden. Aber schon das kommt den meisten heute irgendwie miefig vor.
Mir tun diese Leute von Herzen leid. Sie wissen nicht, was ihnen entgeht. Und sie werden es nie erfahren.
Die „Lange Nacht“ ist so raffiniert gemacht, dass sie mich regelmäßig an Themen bindet, die mich gar nicht interessieren. Nachdem ich das einmal kapiert hatte, habe ich sie deshalb grundsätzlich immer aufgezeichnet. Einmal dachte ich, die Folge über den deutschen Trucker-Country könne ich nun wirklich auslassen. Als ich samstagsnachts von einer kleinen Sause nach hause kam, hörte ich die letzte Stunde im Radio und ärgerte mich schwarz! Es war ein popkulturelles Hochamt, das ich da verpasst hatte.

Heute hat die „Lange Nacht“ ein besonders interessantes Sujet: Zelda und F. Scott Fitzgerald und ihre Zeit, die nunmehr ein Jahrhundert zurückliegenden Wilden Zwanziger. Ich kenne die Ausgabe, denn schon seit geraumer Zeit werden auf diesem Platz nur noch Wiederholungen gesendet. (Leider niemals die über den deutschen Trucker-Country!)
„Kein Himmel war uns zu hoch“ ist ein zweischneidiges Vergnügen, wenn man es positiv ausdrücken möchte. Etwas aufrichtiger gesagt: es ist eine Tantalusqual.
Das Skript ist dem Thema angemessen (mehr Lob geht nicht!) und macht der glanzvollen Funkreihe alle Ehre. Leider ist die Umsetzung von Menschen durchgeführt worden, die weder zu F. Scott Fitzgerald noch zu irgendeiner Art von Weltliteratur noch zur Vergangenheit an sich eine Beziehung erkennen lassen. Die jungen Sprecher, die das skandalöse Glamour-Paar am Mikrofon mittels Zitaten und Buchpassagen zu verkörpern haben, schludern und rotzen sich so hip und gegenwärtig durch das Material hindurch (inklusive solcher Marotten wie zeitgemäß-unsauberer Aussprache und erkennbaren Vorbehalten gegen „altmodische Formulierungen“), dass man sich fühlt, als würde man vom Großen Gatsby in einer Endlos-Schleife von einer seiner Parties verjagt. Die Zelda-Interpretin klingt wie ein Punk-Mädchen. Das wird auch durch die wohlfeile Ausrede nicht besser, die ich mir gleich selber dazu ausdenken kann: War Zelda F. nicht ein Punk ihrer Zeit? Ganz bestimmt, aber das war dann doch etwas anderes. Die Erzählerin, die uns durch den Abend führt, tut dies mit einer so wertenden Muffigkeit, dass man sie trösten möchte angesichts der Zumutung, die ihr diese Aufgabe bereitet. Jedenfalls scheint ihr beruflicher Schwerpunkt nicht vor dem Mikrofon zu liegen.
So klammert man sich an den spannenden Text, während man mit verschluckten Endungen, Fehlbetonungen und feuchter Aussprache traktiert wird.

Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, dies war vor knapp anderthalb Jahren die bislang letzte Ursendung, die ich in der „Langen Nacht“ gehört habe. Seither wird dieser Sendeplatz nur noch mit Wiederholungen bespielt, wogegen ist natürlich nichts einzuwenden ist.
Aber wenn ich an das einstweilige Ende sehe, frage ich mich schon, ob sein verstörender Sound mir irgendetwas sagen sollte. 

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Lesung vom Blatt: Lange Sätze

betr.: Übung / Sprechen am Mikrofon

Fortsetzung vom 25. Februar 2023

Um das Anliegen zu unterstützen, den Vortrag langer Sätze zu trainieren, werden in dieser Rubrik Beispiele gereicht, die unverdächtig sind, den Satz nur aus Gründen der Effekthascherei auf seine Länge gebracht zu haben. Es geht um die Musik der Sprache!

Seine Sinne gierten nach riechbaren Bauernmeinungen, nach greifbaren Begriffen, auf festem Boden tief unter der dünnen klassischen Geistigkeit, worin ihm der Atem ausging; nach der Berührung mit der nackten schwarzen Erde, die ein Jäger an seinen Sohlen fortträgt, und mit der Luft, die einem galoppierenden Reiter ums Gesicht schlägt; nach dem Lärm gefüllter Schenken und zusammengekoppelter Hunde, nach dem Brodem eines herbstlichen Waldes und eines feuchten Pferdes, das Kot fallen lässt …  Vor drei Jahren hatte eine Kuhmagd, die er gern gegen einen starken Viehjungen verteidigt hatte, ihm damit gedankt, dass sie ihn ins Heu geworfen hatte.

            Heinrich Mann, „Professor Unrat“ (1905)

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Aus dem Mutterland der Philosophie

betr.: 140. Geburtstag von Nikos Kazantzakis

„Alexis Sorbas“ ist ein Filmklassiker, der mir (obwohl er aus der Mitte der 60er Jahre stammt) seltsam fremd geblieben ist. Ich habe Freude an der berühmten Filmmusik und amüsiere mich darüber, dass der Film den Sirtaki in die Welt gesetzt hat (den wir seither für ein uraltes griechisches Nationalphänomen halten). Außerdem liebe ich natürlich die ikonische Schlusssequenz.
Doch die befremdlichen Aspekte überwiegen. Folklore ist mir immer dann suspekt, wenn regionale Eigenheiten nicht einfach beschrieben, sondern aufgejazzt und verherrlicht werden. Außerdem erblicke ich in dem Film auch einen verkappten Lebens- und Glücksratgeber der gefälligen Sorte. Unbesehen bringe ich der Romanvorlage den gleichen Vorbehalt entgegen. Was ich allerdings gelesen habe, ist die Autobiographie des  Schauspielers Anthony Quinn. Er hat mit der Darstellung jenes „urwüchsigen Philosophen des einfachen Herzens“ Alexis Sorbas seinen Weltruhm manifestieren können. Und er bestätigt meinen Verdacht – mit umgekehrten Vorzeichen. Für ihn war Nikos Kazantzakis‘ Literatur eine Offenbarung und der Grund, die Rolle überhaupt spielen zu wollen.
Quinn wartete in einem Hotelzimmer in Paris auf das Abklingen eines rätselhaften Hautleidens, das ihn völlig entstellte und die Fortsetzung seiner Dreharbeiten verhinderte.

In der Zwischenzeit zitierten die Produzenten Spezialist um Spezialist herbei. Ich sah Ärzte aus aller Welt, sie probierten es mit ätzenden Lösungen, Röntgentherapie und Medikamenten, die mir fast die Eingeweide verbrannten. In jeder anderen Hinsicht ging es mir gut …
Zum Schluss empfahl jemand einen älteren Arzt in einer dunklen Seitenstraße in einem schäbigen Pariser Viertel. Der Mann galt als Quacksalber, aber was kümmerte mich das? Ich war bereit, alles zu versuchen.
Als ich ihn in seinen Räumen aufsuchte, glaubte ich, mich verirrt zu haben. Überall auf dem Boden lagen Zeitungen und Arzneiflaschen verstreut; die Bücher stapelten sich fast bis an die Decke.
Um mich vor den Blicken der Passanten zu schützen (und sie vor mir!), kam ich mit einer Seidenmaske bei ihm an. In seinem Büro nahm ich sie ab und zeigte dem alten Mann die Bescherung.
„Sie sind hier, um den Quasimodo zu spielen?“ fragte er, während er mein Gesicht unter einer großen, zersprungenen Lupe untersuchte. Ich hatte ihm die Geschichte am Telefon erzählt.
„Ja.“
„Und nun sehen Sie aus wie ein Monster?“
„Ja.“
Er dachte eine Weile darüber nach und fing dann zu lachen an. Weiterlesen →

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