Merry Mockumentary

Die wie DVD-Bonusprogramme zubereiteten Dokumentar-Specials, in denen Filmschaffende unter analytischen Vorzeichen ihre eigene Arbeit abfeiern, sind mein guilty pleasure an den Feiertagen. Seit ich kaum noch Lust auf aktuelle Filme habe, kann ich an dieser Stelle meine popkulturellen Lücken schließen. Solche Formate bieten im wiederholungssatten linearen Festtagsfernsehen außerdem eine Fluchtmöglichkeit vor dem Immergleichen.
Dass die starbesetzten vier Folgen der Reihe „James Cameron’s Story Of Science-Fiction“ (Cameron begrüßt u.a. Steven Spielberg und Arnold Schwarzenegger) 160 Minuten am Stück werbefrei durchlaufen, ist nur auf den ersten Blick verwunderlich. Schließlich wird hier unentwegt für neuere Filme und Serien geworben. Die wenigen Klassiker werden so schnell wieder abgeblendet, dass sie selbst diejenigen verpassen dürften, die die Schlagzahl dieser halsbrecherisch geschnittenen Collagen vollkommen verinnerlicht haben.
Die Statements dazu kommen von Regisseuren und Autoren, die sich im Rahmen der besprochenen Projekte intensiv mit dem Thema Science-Fiction auseinandersetzen mussten. Am meisten reden aber (naturgemäß / ausgerechnet) die Schauspieler, die ja auch nicht schlauer sind als ich. Doch ihr Handwerk kommt zum Einsatz: sie beten Marketing-Botschaften als persönliche Standpunkte herunter, die mit formatiertem Tiefsinn im Stil des aktuellen moralinen Diskurses gewürzt sind. Das gelingt ihnen mehr oder weniger gut.
Hier kommt meine subjektive Auswertung.

Das raffinierteste Statement brachte der Autor und Zeichner Robert Kirkman, der in die Verfilmung seiner Comicserie „The Walking Dead“ mit eingebunden ist: „Eins hat mich an Zombie-Filmen immer gestört! Sie hatten tolle Stories mit interessanten Figuren, aber man hatte nur 90 Minuten Zeit. Als Autor hatte ich das Gefühl eine große Chance zu verpassen. Man könnte diese Figuren doch über Jahre begleiten …“
Er trug das so redlich vor, dass ich um ein Haar vergessen hätte, wie lange mir „The Walking Dead“ Freude gemacht hat: bis zum Finale der ersten Staffel – ehe die Serie unter einer sich verwesungsartig zersetzenden Logik und ihren mit jeder Wiederholung immer inkonsequenter werdenden Drohkulissen zusammenbrach. Der kurz zuvor entstandene Spielfilm „28 Days Later“, der sich bei Kirkmans Vorlage ungefragt bedient hatte, ist als einzelner Film großartig (und leistete sich eine Fortsetzung, die aus den gleichen Gründen in die Hose ging).

Am geschicktesten spielte  Peter Capaldi mit meinen Reflexen. „Ich werde oft gefragt, was mich an der Serie reizt“, sagte er zu seiner Hauptrolle im BBC-Dauerbrenner „Dr. Who“. „Die Antwort, die ich gerne geben würde – aber nicht darf, weil es keine gute Werbung wäre -, lautet …“ – Und noch ehe ich dazwischenrufen konnte: „Die Piepen!“, fuhr er fort: „… weil es um den Tod geht.“

Den Emmy Award für das peinlichste Gesülze des Abends – ach was: des Jahres! – erhält Zoe Salanda für ihre Schilderung eines Erlebnisses vom Set der „Guardians Of The Galaxy“: „Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Wir bereiteten uns auf die Szene vor, in der sich Groot in eine Art Nest verwandelt und uns vor einem Aufprall schützt, der uns sonst umgebracht hätte. Dass diese Figur, die nicht mal existiert, für mich ihr Leben riskiert, hat mich sehr berührt. An diesem Drehtag konnten wir nicht aufhören zu weinen.“

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Die Überwindung des Frühlings

betr.: Frühling (drei Monate früher als bisher!)

Die Wiener Biologin Kristin Tessmar-Raible sprach vor wenigen Jahren mit dem Magazin „brand eins“ über die Innere Uhr bei Mensch und Tier. Es ist ein rätselhaftes Forschungsgebiet. Auffallend oft erklingt in diesem durchaus instruktiven Gespräch der Satzbaustein: „Offen bleibt die Frage nach dem Warum und dem Wie.“
Der Chronobiologe Jürgen Aschoff, hat im Rahmen eines Experiments immerhin herausgefunden, dass der menschliche Körper eine knappe Dreiviertelstunde nachgeht. Das in dessen Genen festgeschriebene Zeitgefühl geht erst nach 24,7 Stunden davon aus, dass ein Tag und eine Nacht vorüber sind.
Auch hierfür ist der Grund unklar. Aber es passt zu der oft gemachten Erfahrung, dass den meisten Menschen Interkontinentalflüge Richtung Osten schwerer fallen als jene nach Westen. Da wir ohnehin mit innerer Verspätung leben, kommt uns ein Flug dorthin, wo wir die Uhr zurück stellen müssen, biologisch entgegen.
Wie gut wir letztlich mit solchen Jetlags klarkommen, liegt in unserem persönlichen Chronotyp begründet – darin also, ob wir Eulen (Nachtmenschen) oder Lerchen (Morgenmenschen sind).
Ich könnte gar nicht sagen, welcher Sorte ich zuzurechnen bin. Ich komme jeden Tag nur unter Qualen aus dem Bett, und zwei oder drei Stunden früher aufzustehen ist dann keine große Verschlimmerung. Angeblich neigen Männer eher zum Eulentum (ich wirklich gern lange auf) und Frauen zum Lerchentum.
Um es noch komplizierter zu machen: auch das Alter spielt eine Rolle. Wenn wir nur lange genug leben, haben wir uns unserem polargeschlechtlichen Gegenüber angenähert.
Schichtarbeit (also ein weitverbreiteter Fall von Social Jetlag) ist etwas, worauf sich die Forscherin niemals einlassen würde. Die regelmäßige Missachtung unserer jahrtausendealten inneren Uhr fördert Depressionen und sogar das Krebsrisiko.

Immerhin in einem Punkt haben wir es leichter als die – wie gesagt – ebenfalls von der Unflexibilität ihres zeitlichen Gepräges gelenkten Tiere: viele marine Arten pflanzen sich durch äußere Befruchtung fort, bei der das Männchen Samen und das Weibchen Eier ins Wasser abgibt. Wäre dieser Prozess nicht synchronisiert – etwa durch den Mond – würden die Geschlechter einander verfehlen.
Wenn wir den Gedanken weiterführen, dass Mensch und Tier im selben Boot sitzen, sobald es um die Knute der Inneren Uhr geht, kann der Mensch da nur von Glück sagen, dass er sich in diesem Punkt von seinen tumberen Mitgeschöpfen emanzipiert hat. Wenn auch Witzeschreiber, Poeten und Schlagertexter das gern anders darstellen: der Frühling ist längst nicht mehr die Zeit, in der wir unsere sexuellen Bedürfnisse synchronisieren müssen.
Eine Schattenseite, die diese Jahreszeit wiederum nur für den Menschen aufweist, stellt die Gerechtigkeit halbwegs wieder her. Wie uns Tessmar-Raible außerdem mitteilt, ist die Selbstmordrate nämlich in keiner anderen Jahreszeit so hoch wie in holden Lenz. Weltweit und in allen Kulturen.
Moment mal! Sollte das nicht eher in den trüberen Jahreszeiten der Fall sein. Oder in Hamburg? Keineswegs!
Und warum? Wieder Fehlanzeige. Man sieht die Forscherin förmlich achselzucken, wenn man liest: „Eine Erklärung könnte darin liegen, dass die Neurotransmittersysteme, die uns aktivieren, im Herbst und im Winter heruntergefahren sind. Wenn die Tage wieder länger werden, werden sie wieder aktiver. Möglicherweise finden die Menschen im Frühjahr erst die Kraft, ihrem Leben ein Ende zu setzen.“
Also plumpe Lahmarschigkeit und Prokrastination? Ich habe eine andere Theorie. Wenn im Frühjahr alles ergrünt und aufblüht und man selbst – von linden Lüftchen vor die Tür geweht – all des Paarens, Lebens und Webens schonungslos angesichtig wird, kann man auf Idee kommen, an sich selbst herunterzublicken. Na, alter Junge, wie sieht’s denn bei dir aus mit dem Leben, Weben und Paaren?
Für manche ist dieser Vergleich einfach zu viel! Vergleichen führt nämlich auch zu Depressionen, genau wie Schichtdienst. 

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Woody Allen über Comedy

Die Veröffentlichung von Woody Allens Autobiographie vor zwei Jahren wurde vom einem Diskurs begleitet, in dem einige unserer guten Sitten aussetzten (etwa die Unschuldsvermutung oder die Ächtung der Zensur). Worum es in dem Buch hauptsächlich ging – das beachtliche Lebenswerk eines gefeierten Unterhalters – geriet dabei gründlich aus dem Blick.
Uns soll heute interessieren, was Allen (verteilt über sein Buch) über Stand-up-Comedy zu erzählen hat – als einstiger Beteiligter wie auch als heutiger Betrachter:


„Special Material“ ist ein eigener Zweig des Comedy-Schreibens, mit dem keine Lorbeeren zu verdienen sind und der vom Publikum kaum wahrgenommen wird. Es gibt Millionen Comedians, oder zumindest gab es sie, als ich begann. Sie traten in Nachtclubs auf, im Fernsehen oder auf privaten Veranstaltungen, und alle brauchten sie Material: Witze, Stücke, Handlung, irgendetwas, was sie sagen konnten. In der Regel waren sie nicht sehr gut, was der Umstand beweist, dass sie andere Leute brauchten, die ihnen Worte, komische Worte, in den Mund legten. Ohne fremde Hilfe hätten die noch nicht einmal einem Irren auf Lachgas ein Kichern abringen können. Die wirklich Begabten wie Mike Nichols, Elaine May, Mort Sahl oder Jonathan Winters hatten das nicht nötig. Sie brauchten sich keine Witze zu kaufen; sie schrieben sich ihr Material selbst, weil sie von Natur aus komisch waren.
Auch die Ikonen einer früheren Ära, etwa Bob Hope und Jack Benny, hatten sich ihre komischen Bühnenrollen selbst geschaffen; als sie dann Superstars waren, konnten sie Gagschreiber engagieren, die ihnen Futter für diese Figuren lieferten. Mit meinen ganzen Kollegen, die ihren Lebensunterhalt ebenfalls damit bestritten, mittelmäßigen Möchtegern-Comedians dienstfertig den Wurm der Komik in die aufgesperrten Schnäbel zu legen, war ich also damit beschäftigt, Special Material zu liefern. Ständig saß ich in irgendwelchen Nachtclubs und hörte mir das traurige Gegreine eines uninspirierten Conferenciers an, der nicht begreifen konnte, warum er nur unter ferner liefen rangierte. Weiterlesen →

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Nichts als die Wahrheit: Der Kommunismus in der Science-Fiction

betr.: 144. Geburtstag von Josef Stalin

Dass der russische Mensch gern in Anspruch nimmt, sein Volk habe alles Wert- und Sinnvolle erfunden, was die Menschheit hervorgebracht hat, ist ein altes Klischee. Es war sogar, wie alle Klischees, recht amüsant – bis Wladimir Putin die Ukraine überfiel, sie auszulöschen und in der Folge allerlei Wert- und Sinnvolles nachträglich dem russischen Kulturschatz einzuverleiben, was selbst nach seiner eigenen aufrichtigen Erkenntnis aus der Ukraine stammt.
Die Science-Fiction ist eine solche vielen als russische Schöpfung geltende Erfindung. Kommt sie tatsächlich von dort? Ich will in dieser Sache nicht spoilern, aber eins steht fest: aus dem Ostblock kommen viele der besten Science-Fiction-Erzählungen. Dieses Genre profitiert ungemein davon, dass der auf diesem Gebiet tätige Autor, Dramatiker oder Regisseur von einem totalitären System umgeben ist, denn wenn er von seinem System erzählen will, bleibt ihm gar nichts anderes übrig als den Text in eine fremde Welt zu verlegen, ihn auf einem anderen Planeten anzusiedeln. Täte er das nicht, bekäme er rasch Ärger mit der Zensur, die in Diktaturen obligatorisch ist. Das gilt auch dann, wenn der Ausdruck „Science-Fiction“ nicht dafür herhalten darf (zu angelsächsisch) und man im Russischen von der „wissenschaftlichen Fantastik“ spricht.
Wladimir Kaminer hat in einem Essay* nicht nur dieses Prinzip erläutert, er erklärt auch in wenigen Zeilen, was Kommunismus eigentlich ist. Und zwar so, dass ihn
wirklich jeder versteht. (Bertolt Brecht dachte ja irrigerweise, das geschähe von ganz allein …)

Die Sowjetunion war als Zukunftsprojekt entstanden. Das erklärte Ziel war es, im Kommunismus zu landen, in einer Gesellschaft der Glücklichen, in der jeder nach seinen Möglichkeiten gibt und nach seinen Bedürfnissen bekommt. Das Land war ziemlich verwahrlost, aber das reale Leid störte nicht. Was hatte es für einen Sinn, sich um das tägliche Brot zu kümmern, wenn wir kurz davorstanden, den Kommunismus zu erreichen, wo sich alle Probleme von allein lösen werden? „Unsere Kinder werden im Kommunismus leben“, hat W. I. Lenin gesagt.
Die Führer des Landes (…) gaben klare und unmissverständliche Anweisungen. „Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes.“ Gesagt, getan, das Land wurde elektrifiziert, nichts geschah. „Wir brauchen hunderttausend Traktoren, das Stahlpferd wird die alten Zossen der Bauern ersetzen und uns in den Kommunismus fahren“, hieß es in den Zeiten der Industrialisierung unter J. W. Stalin.
hat später die lenin’sche Formel ausgeweitet: „Der Kommunismus kommt nach der vollständigen Elektrifizierung und Chemisierung des Landes“, sagte er. Er wollte unbedingt, dass bis nach Sibirien überall Mais wächst. „Aber spätestens 1980“, fügte er hinzu. Das ganze Land strengte sich an, um den Traum endlich Realität werden zu lassen, doch nichts geschah; das widerliche Schwein des Lebens holte uns immer wieder ein. Die ersten Zweifel kamen auf, sie wurden in der „wissenschaftlichen Fantastik“ ausgedrückt.


* Im Vorwort zur Neuübersetzung des Romans „Stalker“, Heyne Verlag 2021, das vollständig hier zu finden ist: https://www.bic-media.com/mobile/mobileWidget-jqm1.4.html?bgcolor=E9E8E8&showExtraDownloadButton=yes&isbn=9783641260781&buttonOrder=ebook-book-audio-video&https=yes&socialSelfBackLink=yes&iconType=BICgrey&iconTypeSecondary=BICgrey&lang=de&fullscreen=yes&jump2=0&flipBook=no&openFSIPN=yes&resizable=yes&template=rhservice&buyUrl=https://www.penguinrandomhouse.de/watchlist/add/571617.rhd
** Siehe https://blog.montyarnold.com/2016/08/14/hosen-runter-mit-bertolt-brecht/

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Nicht von Pappe!

betr.: 65. Todestag von Dorothy L. Sayers

Zugegeben: wie so oft, wenn es um Literatur geht, hat mir das Fernsehen einst den Namen Dorothy L. Sayers nahegebracht. Das ist an und für sich eine gute Sache, doch es machte mich in meiner Aufgeschlossenheit von der Qualität der Bearbeitung abhängig. Und die war im vorliegenden Falle fragwürdig. Sayers‘ wichtigster Charakter, der Ermittler Lord Peter Wimsey, trat mir in Gestalt des britischen Schauspielers Ian Carmichael gegenüber, den ich (in dieser Rolle) einfach nicht mochte. Er wirkte immer etwas feist auf mich. Schwerer noch wog, dass das britische Fernsehen der 70er Jahre – das galt auch für von mir geschätzte Formate wie „Tales Of The Unexpected“ – generell billig und Papp-kulissenhaft aussah.
Als ich durch die Anfang der 2000er Jahre vom mdr produzierten Wimsey-Hörspiele erstmals die literarische Vorlage kennenlernte, fiel ich aus allen Wolken. Nicht nur dass mir Peter Fricke in der Hauptrolle entgegenkam. Es breitete sich nun erstmals Sayers‘ Prosa vor mir aus – umso reiner, da diese Hörspiele eine gewisse Mumblecore-Anmutung haben. Eine Bearbeitung wurde – abgesehen von Kürzungen – nicht vorgenommen. Es handelte sich um eine Lesung mit verteilten Rollen, zu der Dagmar von Thomas ihre eindrucksvolle Erzählerstimme beisteuerte. Die Geschichten sind sehr viel weltläufiger als es die TV-Serie ahnen ließ, und die Handlung mitunter so haarsträubend wie es die innere Logik gerade noch gestattet.

Genau so ging es mir übrigens mit den Krimis von Gilbert K. Chesterton. Hier hatten mir die schauerlich biederen Rühmann-Verfilmungen den „Pater Brown“ vermiest und mir wiederum die Hörspiel-Auswahl des mdr die Augen und Ohren geöffnet. Meine beiden Lieblings-Folgen dieser Serie sind übrigens bald wieder auf diesem Sender zu hören bzw. Mediathek zu finden: „Der verschwiegene Garten“ und „Das Paradies der Diebe“ laufen zwischen den Jahren in der „Lesezeit“.

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„Doc Savage – Die Festung der Einsamkeit“ (62)

Eine phantastische Erzählung von Kenneth Robeson

Siehe dazu: https://blog.montyarnold.de/2021/10/06/19056/

Fortsetzung vom 9. Dezember 2022

Wenig später kam ein anderer Posten. Er hatte eine Lampe bei sich und war über das Missgeschick seines Kumpans so erschrocken, dass er ein wenig übereifrig war. Scharf befahl er Doc, ins Zelt zurückzugehen.
„Der arme Kerl …“, murmelte er. „Er hätte es sich denken können …“ Offenkundig sprach er von seinem schläfrigen Kollegen.
„Ja“, sagte Doc. Wenn es ihm gelang, den Posten in ein Gespräch zu verwickeln, vergaß der vielleicht, dass er ihn ins Zelt geschickt hatte. „Was wird mit ihm geschehen?“
Der Posten machte ein finsteres Gesicht. Er sagte nichts, aber er bestand auch nicht darauf, dass Doc wieder ins Zelt ging. Doc überlegte. Monk konnte jeden Augenblick mit der Kiste kommen; dann lief er dem Posten in die Hände. Er musste Monk warnen, aber das war nicht einfach. Scheinbar gedankenlos sang er leise vor sich hin. Das Lied war nicht besonders melodisch, und der Text war auch nicht weiter bemerkenswert und für die meisten Menschen ohnehin unverständlich. Es war auch nicht eigentlich ein Liedertext, sondern eine Warnung in der Mayasprache, die für Monk bestimmt war.
Doc wartete, bis er sicher sein konnte, dass Monk ihn gehört hatte und mit der Kiste irgendwo außerhalb des Lichtkreises der Lampe lauerte. Dann fischte er eine Münze aus der Tasche und warf sie scheinbar spielerisch in die Luft. Er fing sie auf, warf sie wieder hoch, fing sie abermals und kicherte fröhlich wie ein Halbidiot. Der Posten sah ihm fasziniert zu. Er war nicht viel intelligenter als der Mensch, den Doc ihm vorspielte. Gespannt wartete er darauf, dass Doc die Münze verfehlte, und schließlich verfehlte er sie. Sie fiel auf die schräge Zeltwand und schlitterte in den Schnee. Jetzt kicherte der Posten. Doc fluchte lauthals und begann, den Schnee abzusuchen. Der Posten leuchtete ihm mit der Lampe. Doc lotste ihn hinter das Zelt, wohin die Münze unmöglich gefallen sein konnte, aber der Posten trottete gutmütig mit.
„Schnell, ins Zelt!“ rief Doc in der Mayasprache. Er rief es in einem Ton, der sich von seinen Flüchen nur unwesentlich unterschied. Er buddelte so lange im Schnee, bis er die Münze gefunden hatte. Als er das Zelt betrat, saß Monk mit unschuldigem Gesicht in einer Ecke. Der Posten hatte ihn nicht bemerkt.
Der Playboy hatte sich wieder in seine Decken gewickelt und schlief. Trotz seiner Jugend schien er ein körperliches Wrack zu sein. Doc berührte ihn vorsichtig. Der Playboy wälzte sich auf die andere Seite und fing an zu schnarchen. Er schlief also wirklich.

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Wieder im Kino: Chaplins „Rampenlicht“

betr.: „Die freiwillig Komische Leinwand“, morgen abend im METROPOLIS

Morgen abend um 19 Uhr beginnt im Hamburger Programmkino METROPOLIS die Filmreihe „Die freiwillig komische Leinwand“. Sie basiert auf der Serie „Der Komiker als Filmheld“, die in unregelmäßigen Abständen im ST. GEORGE HERALD stattfindet.* Eine kleine Auswahl der besprochenen Filme wird bis zum Frühjahr zu sehen sein, nach Möglichkeit einmal auf deutsch und einmal in der Originalfassung.

„Rampenlicht“ („Limelight“) war der letzte Film, den Charlie Chaplin in den USA drehte. Als er 1952 nach Europa reiste, um ihn dort zu präsentieren, verweigerte man ihm die Wiedereinreise. Der offizielle Grund: man bezichtigte ihn „unamerikanischer Umtriebe“, d. h. man verdächtigte ihn, Sympathien für den Kommunismus zu hegen. Wäre er zurückgekehrt, hätte man ihn verhaftet. Der nächste Film unserer Reihe, der kommenden Dienstag gezeigte „Der Strohmann“, widmet sich ausführlich dem historischen Hintergrund, der McCarthy-Ära.
So kam es, dass der in London spielende „Rampenlicht“ komplett in den USA gedreht wurde, während der folgende „Ein König in New York“, eine bittere Satire auf den american way of life, wiederum in London entstand. Für den Rest seines Lebens ließ sich Chaplin am Genfer See nieder.

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* Die Serien-Beiträge zu den genannten Filmen finden Sie hier: https://blog.montyarnold.com/2020/08/30/rampenlicht-limelight/
und https://blog.montyarnold.com/2020/09/02/der-strohmann-the-front/

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Vom Gendern

Zu den wenigen offiziellen Antworten, die ein öffentlich-rechtliches Medium auf die Kritik an seiner „geschlechtergerechten“ Sprachregelung von wissenschaftlicher und medialer Seite gegeben hat, zählt eine Reaktion des ZDF vom August 2022. Darin heißt es: „Es steht den Redaktionen sowie Moderatorinnen und Moderatoren frei, sprachliche Mittel für eine diskriminierungsfreie Ansprache zu finden.“ Die F.A.Z. merkt dazu an, wer den eigenen Jargon als „diskriminierungsfrei“ bezeichne, unterstelle Anderssprechenden eine ethisch bedenkliche Sprachpraxis. Außerdem sei der Begriff „Ansprache“ irreführend, da in der Regel über Menschen gesprochen werde, nicht zu ihnen.
In einem Formbrief, den die Zeitung wiederum vom ZDF bekam – auch die anderen ÖRR-Anstalten waren gefragt worden, schwiegen jedoch mehrheitlich – steht dazu: „Das ZDF möchte diskriminierungsfrei kommunizieren und achtet dabei auch darauf, wie sich Gesellschaft und Sprache verändern. Unser gesamtes Publikum soll sich im Programm angesprochen fühlen und durch die Ansprache wertschätzend behandelt fühlen.“
Die Behauptung, der verordnete Umgang mit unterstellten Gender-Empfindlichkeiten im Rund der Mediennutzer sei Ausdruck eines sprachlichen Wandels, wird unverdrossen weiter strapaziert, obwohl dem nicht so ist und Altbundespräsident Joachim Gauck das Gendern schon frühzeitig als „betreutes Sprechen“ entlarvt hat.

Wer einen längst widerlegten Vorwurf weiter erhebt – nämlich den, die Genderkritiker würden sich einem natürlichen Wandel verweigern -, der hat erst recht keinen Nerv für fachliche, nicht-gesellschaftspolitische Einwände, zum Beispiel für die Unterscheidung zwischen Genus (grammatisches Geschlecht) und Sexus (biologisches Geschlecht).

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Mathias Sandorf – Zwischen Weihnachts- und Mottenkugeln

Das weit zurückliegende Vergnügen der großen TV-Adventsvierteiler lag schon in den letzten Zügen, als vor unglaublichen 43 Jahren „Mathias Sandorf“ ausgestrahlt wurde. Kennen Sie nicht? Macht nichts! Es war eine schon für damalige Verhältnisse unsagbar schwerfällige Angelegenheit mit einigen uns unbekannten ungarischen Schauspielern. In dieser Phase der „Abenteuer-Klassiker“ hatten die koproduzierenden Redakteure bereits ihre liebe Not, noch geeignete literarische Vorlagen vom Appeal einer „Schatzinsel“ oder eines „Robinson Crusoe“ zu finden. Da es mit Jules Verne schon zweimal geklappt hatte, entschied man sich für „Mathias Sandorf“, den zumindest bei uns zu Hause niemand mit dem Namen klingenden des Autors in Verbindung brachte. Die Geschichte duftet sehr nach Dumas‘ „Der Graf von Monte Christo“ und wird mit zahllosen Klischees aus „Kapitän Nemo“ gestreckt (warum also nicht gleich Christo oder Nemo?). Trotzdem bringt es der Film nur unter Ächzen auf die konzipierte Länge von sechs Stunden.
Warum erinnere ich mich überhaupt daran?

Diese DVD hat Knecht Ruprecht für die unartigen Kinder von heute im Sack!

Der Hauptdarsteller, ein stämmiger Draufgänger mit Vollbart, kommt viele Jahre nach einem großen Verrat mit unter falschem Namen unerkannt an den Schauplatz des großen Verrats zurück, um Rache zu üben: ein mediterranes Küstenstädtchen, vor dem er mit seiner Nemo-Submarine ankert. Einer der Gründe, warum ich die Serie überhaupt in Erinnerung behielt, war Sandorfs Tarnname Dr. Antekirrt (köstlich!). Der andere entfaltete sich erst später. Zwar vergaß ich bald, wie grotesk sich der Mann zurechtgemacht hatte (wenn Sie Orson Welles in „Mr. Arkadin“ gesehen haben, haben Sie eine vage Idee) aber in „Mathias Sandorf“ begegnete ich erstmals der Herausforderung, einen Darsteller älter zu schminken. Da er bis auf seine alberne Verkleidung und einen grau gefärbten Bart ganz unverändert aussah, setzte sich bei mir der Eindruck fest, der Alterungsprozess müsse nicht zwangsläufig so grimmig verlaufen wie bei den Senioren aus meinem sozialen Umfeld. Ich kapierte natürlich, dass hier ein jüngerer Mensch agierte, wollte aber so gerne an die Ambitionen der maskenbildnerischen Abteilung glauben.
Dann sah ich in der zweiten Staffel der US-Serie „Roots“, wie man so etwas richtig gut macht (die Amis mal wieder) – und kam ins Nachdenken.
Das Thema hat mich erwartungsgemäß weiterhin beschäftigt.
Ernst sei das Leben und heiter das 70er-Jahre-Fernsehen.

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Vom Gendern

betr.: Diskussionsbeitrag

Das Gendern wird inzwischen auch auf Gegenstände angewandt.
Ein Schauspielerfreund erzählte mir, in Hannover habe eine Kollegin darauf bestanden, die Figur in einem aktuellen Weihnachtsmärchen dürfe keine „Vogelscheuche“ sein, es müsse eine „Vogelscheuchin“ sein. Was die Dame keck außer Acht ließ: das Wort „Vogelscheuche“ ist bereits weiblich (auch dann, wenn die bezeichnete Kreatur – wie zumeist – abgelegte Männerkleidung trägt). Andererseits darf der erste Teil des Begriffs („Vogel“) in seiner männlichen Variante stehenbleiben – vermutlich, um (den sämtlich männlichen) Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Raffiniert!
Eins steht fest: „Toto, wir sind nicht mehr in Kansas!“

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