Die alte Leier – Wer hat sie komponiert?

betr.: Sprechen am Mikrofon

Sprechen hat nicht nur biologisch mit Atmung zu tun. Es funktioniert auch technisch nach ähnlichen Gesichtsunkten. Wir können den Atem bewusst steuern, aber wenn wir ihn außer Acht lassen, läuft er automatisch weiter. (Geregelt wird das im sogenannten Atemzentrum, das aus millimeterkleinen Zellverbänden besteht, angesiedelt im Hirnstamm.)
Wenn wir einen Text gut und professionell vorlesen, sind wir uns bei jeder Zeile im Klaren, was sie in diesem Zusammenhang bedeutet. (Geregelt wird das in unserem Kopfkino, das alles Gesagte in Bilder umsetzt.) Wir verfolgen diesen fremden Gedankengang als wäre es unser eigener.
Sind wir nicht bei der Sache (Wir sehen keine Bilder!), verfallen wir automatisch in eine Routine: einen Singsang. Wir verstehen wohl noch Wörter und Sätze, ignorieren aber den Zusammenhang, in dem sie stehen. Und verstehen wir ein Wort oder einen Satz nicht, retten wir uns über diese Untiefe hinweg und lesen weiter – es wird schon niemand gemerkt haben.
Als Zuhörer können wir mit diesem Gestus umgehen, denn er ist uns vertraut. Wir sind allerdings nicht in der Lage, dem Vortrag tatsächlich über einen gewissen Zeitraum zu folgen. Wir schweifen schnell ab und müssen jedesmal mit Mühe zurückfinden. Wir müssen als Zuhörer die Nachlässigkeiten ausgleichen, die sich der Vortragende leistet.
Wir müssen seine Arbeit machen.

Dieses „Leiern“ ist unser aller Notfallmodus.
Er springt automatisch an, sobald wir Weiterlesen →

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„Doc Savage – Die Festung der Einsamkeit“ (36)

Eine phantastische Erzählung von Kenneth Robeson

Siehe dazu: https://blog.montyarnold.de/2021/10/06/19056/

Fortsetzung vom 8.6.2022

Der Coronel war Vertreter eines lateinamerikanischen Staates. Allerdings war er es nicht offiziell, obwohl er in seiner Heimat einen hohen Rang bekleidete. Tatsächlich versorgte er seine Heimat mit Nachrichten, die zumeist aus dunklen Quellen stammten.
Er hatte einen langen spanischen Namen, aber im allgemeinen wurde er nur Coronel oder Don Carlos genannt, und war der Busenfreund seines Präsidenten, der einer der blutrünstigsten Diktatoren seines Kontinents war. Der Präsident liebäugelte mit den Naturschätzen eines Nachbarstaates und hätte mit Vergnügen das Leben von einigen hunderttausend Soldaten geopfert, wenn es ihm damit gelungen wäre, diesen Nachbarstaat an sich zu bringen.
Was ihn bisher davon abgehalten hatte, wenigstens den Versuch zu unternehmen, war die Tatsache, dass der Nachbarstaat von einem Manne regiert wurde, der nicht weniger brutal und blutrünstig war als der Präsident oder Don Carlos, auch wenn dort von Demokratie die Rede war, weil der Regierungschef sich alle vier Jahre von seinen Untertanen wiederwählen ließ, während der Präsident auf solche Formalitäten souverän verzichtete. Der Regierungschef des Nachbarstaates hätte mit Vergnügen auch mehr als hunderttausend Soldaten geopfert, um die persönlichen Vorteile, die die Mineralien ihm bescherten, zu behalten. Dieser Regierungschef hatte ebenfalls einen langen spanischen Namen, aber er wurde von der Öffentlichkeit, die sich durch seinen Lebenswandel — der in der Tat bemerkenswert war — täuschen ließ, mit gutmütigem Spott nur Playboy genannt.
Nur wenigen Leuten war bekannt, dass dieser Playboy sich seit dem Vortag in New York aufhielt. Er reiste inkognito, aber zu den wenigen Leuten, die von seiner Anwesenheit wussten, gehörte John Sunlight. Auch der Playboy zählte zu seinen Freunden. Ihn rief Sunlight als nächsten an.
„Ich schicke Ihnen in zwei Stunden meinen Wagen“, sagte Sunlight. „Ich habe eine gute Nachricht für Sie.“
Er tätigte noch mehrere Telefonate und traf weitere Verabredungen.
Don Carlos, der Coronel, kam um achtzehn Uhr an. Zu dieser Zeit wurde es auf der Insel bereits dunkel.

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Familienhorror im Land des Lächelns

betr.:  40. Geburtstag von Lang Lang

Dass Stars der Klassischen Musik heute nicht nur virtuos sondern auch einigermaßen hübsch sein müssen, stört nicht einmal mehr das Feuilleton. Früher brauchte man sie nur gut fotografieren zu können – für das Cover ihrer Schallplatte oder fürs Plakat. Inzwischen reicht das nicht mehr. Sie müssen auch auf bewegten Bildern allzeit bella figura machen, müssten sich theoretisch in einer Endlosübertragung als dauerhafter Hinkucker bewähren. Selbst Dirigenten – die grauen Eminenzen der Branche, bei denen zunehmendes Alter das positive Vorurteil großer Erfahrung befördert (während man als Instrumentalist ja auch ein niedliches Wunderkind sein könnte) – sollten zumindest ein bisschen was hermachen.

Der chinesische Starpianist Lang Lang hat sich in den Jahren seiner Karriere eine kindliche Aura bewahrt. Wenn er in die Tasten greift, wirkt er beinahe erleuchtet, was zu der nicht unwichtigen Illusion der Leichtigkeit beiträgt, die für einen unbeschwerten Kunstgenuss heute so wichtig ist.
Lang Lang vertreibt mit seinem beseelten Lächeln nicht nur die Chimären der knochenharten Überei, er lässt auch vergessen, wie sehr sein Werdegang das Klischee der jungen asiatischen Hochbegabung erfüllt, die von einem ehrgeizigen Erzeuger erbarmungslos gedrillt wird. In seiner Autobiographie berichtet er uns die Einzelheiten. Sein strenger Vater kontrollierte alles, sorgte dafür, dass der Kleine um fünf Uhr früh aufstand und sich ans Klavier setzte. Dass er funktionierte und nicht widersprach. Als der Junge 11 Jahre alt ist, rastet der Vater aus:

„Du kannst nicht in Schande nach Shenyang zurückkehren“, brüllte er. „Alle werden erfahren, dass Du nicht am Konservatorium aufgenommen worden bist! Dir bleibt nichts anderes übrig als zu sterben!“
Ich begann, vor meinem Vater zurückzuweichen. Sein Geschrei wurde noch lauter, hysterischer. „Ich habe meine Arbeit für Dich aufgegeben, ich habe mein Leben aufgegeben! Deine Mutter hungert und arbeitet sich für Dich ab! Und Du übst nicht und tust nicht, was ich Dir sage! Es hat keinen Sinn, dass Du lebst! Nur der Tod wird dieses Problem lösen! Stirb lieber jetzt, als in Schande zu leben! Es wird für uns beide besser sein. Erst stirbst Du, dann sterbe ich!“
Zum ersten Mal in meinem Leben empfand ich tiefen Hass auf meinen Vater…
„Nimm das!“ sagte er und reichte mir ein Gefäß mit Tabletten – ein starkes Antibiotikum, wie ich später erfuhr. „Schluck sofort alle 30 Tabletten. Dann wird alles vorbei sein, und Du bist tot.“ Ich lief auf den Balkon um vor ihm zu flüchten. „Wenn Du die Tabletten nicht nehmen willst, dann spring“, brüllte er mir hinterher. „Spring und stirb!“
Als Kind habe ich meinen Vater gehasst, aber nach und nach habe ich verstanden, dass er und ich denselben Traum hatten. So habe ich allmählich vergessen, was er getan hat.

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Nie mehr schwul sein

Tom Hanks, professioneller Crowd-Pleaser mit internationaler Reichweite, übt sich nun sogar in der Tugend der vorauseilenden Gefallsucht: „Könnte ein Heterosexueller das, was ich in ‚Philadelphia‘ gemacht habe, heute tun?“ fragt er heute die Leserschaft des „New York Times Magazine“ in bezug auf seine Oscar-gekrönte Performance vor knapp 30 Jahren. Und verneint dann selbst: „Ich glaube nicht, dass die Leute die fehlende Authentizität eines Heteros, der einen Schwulen spielt, akzeptieren würden. Es ist kein Verbrechen, kein Buhruf, wenn jemand sagt, dass wir mehr von einem Film verlangen in der modernen Welt der Authentizität.“
Mit dieser Unterstellung impliziert Tom Hanks mehrerlei.
Zunächst einmal, dass es bei der Vergabe von Oscars nicht um Qualität (in diesem Falle um die Glaubwürdigkeit der darstellerischen Leistung) geht. – Da hat er unzweifelhaft recht. Er deutet damit auch an, es könnte an seiner Darstellung eines schwulen Rechtsanwalts, der an AIDS erkrankt, etwas auszusetzen geben, was man damals vielleicht noch nicht sehen oder einordnen konnte. – Es gibt nichts daran auszusetzen. Weiterhin gesteht er uns durch die Blume, dass er vergessen hat, worum es in seinem Beruf eigentlich geht: etwas darzustellen, was man nicht von vorneherein ist. – Oder er stellt sich zumindest so dumm, um nicht auf unsachliche Art für etwas kritisiert zu werden, was eine Ewigkeit her ist.

Damit redet Hanks einer Sprach- und Denkpolizei nach dem Munde, deren Doktrin darauf hinausläuft, Zombies, Serienmörder und Außerirdische dürften nur noch von Betroffenen gespielt werden. Und Laien nur noch von Laien. (Wir Deutschen sind in dieser Hinsicht vorbelastet, schließlich haben wir jahrelang einen tatsächlichen Irren namens Klaus Kinski für eine Performance beklatscht, die mit Schauspielerei nun wirklich nichts zu tun hatte.)
Vielleicht ist Mr. Hanks aber auch einfach in einem Alter, wo er nicht nur gewisser Diskussionen müde sein darf, sondern wo ihn auch künstlerische Dinge nicht mehr interessieren. Und auch nicht die Umstände, unter denen künstlerisch gearbeitet wird.

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Vom Verschwinden der Bahnhofskinos

betr.: Mediengeschichte

Analog zum B-Film der US-Kinokultur lässt sich bei uns das Phänomen der Bahnhofskinos ausmachen. Im Gegensatz zum amerikanischen Modell folgte hier nicht ein klein budgetierter Film auf einen großen (also ein B auf ein A), es wurden ausschließlich schmuddelige Produkte gezeigt, die hier ein Publikum mit adäquaten Erwartungen vorfanden. Der stets etwas hochmögende Pier Paolo Pasolini (offiziell ein Vertreter des Arthaus-Kinos) hat ganz gut beschrieben, wo sich diese Filme abspielten: „im Höllenkreis der Leidenschaften, der Exkremente und des Blutes“ (also: Sex, Scheiße, Tod). 
Als Mitte der 90er Jahre diese Art von Kinos endgültig verschwanden, war es auch mit der betreffenden Art von Filmen vorbei: „Nach der Lockerung der Zensur, der Einführung des Privatfernsehens und der Erfindung des Internets ist solches Exploitation-Kino obsolet geworden. Die Italiener waren auf dem Gebiet besonders erfinderisch: Sie erfanden den Kannibalenfilm, den Splatterfilm und mit der Mondo-Filmreihe auch die sogenannten Shockumentarys. (…)Ein besonders beliebtes Genre bei den katholischen Italienern waren Filme mit Nonnen – sogenannte Nunploitation.“ (Christoph Dompke)

Dabei hatte das erwähnte Privatfernsehen sein Programm zunächst (also in der zweiten Hälfte der 80er Jahre) sogar bevorzugt mit solchen Filmen bestritten – zum einen, weil sie günstig zu haben waren, zum anderen weil ihre Zuseher sich über ein paar Obszönitäten freuten, die sie bei ARD und ZDF nicht bekamen.
Die Begeisterung des Filmemachers Quentin Tarantino für den „europäischen Film“ geht zu einem erheblichen Teil auf genau diese besondere „Qualität“ zurück. In den von Pasolini skizzierten Höllenkreis wagten sich die B-Movies der USA nämlich nicht vor.

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Die philosophische Kurznachricht

betr.: 40. Todestag von Rainer Werner Fassbinder (gestern)

Zu den Aussagen großer Männer und Frauen, die als Aphorismen zurechtgemacht und in den Zitatenschatz aufgenommen werden, soll Rainer Werner Fassbinder diesen beigesteuert haben:

Du musst in allen Phasen deines Lebens stehen, sonst verrätst du dich selbst!

Dieser Satz ist trefflich, aber unvollständig.
Richtig müsste er lauten:

Du musst in allen Phasen deines Lebens – das ja nur schlappe 37 Jahre dauert, wenn du dich rechtzeitig totsäufst – stehen, sonst verrätst du dich selbst!

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Vom Ende des Camp

betr.: 100. Geburtstag von Judy Garland

Dieses leicht gekürzte Vorwort aus dem kürzlich an dieser Stelle besprochenen Buch „Alte Frauen in schlechten Filmen“* sei hier wiedergegeben, um Ihnen Lust auf dies herrliche Buch zu machen, aber auch weil es das Ende des Camp** zur rechten Zeit bemerkt und anschaulich beschreibt. Zuletzt legt Christoph Dompke die weitere Erörterung seines Gegenstandes in die Hände der nachfolgenden Generation(en), weil es mit dem Lebensgefühl des Camp aus ist, der die Beschäftigung mit weiblichen Altersrollen so amüsant machte. Ein wenig geht es ihm wohl auch wie William K. Everson, der vor einem halben Jahrhundert sein Buch „Klassiker des Horrorfilms“ (das mit diesem hier auch sonst viel gemein hat), mit dem Hinweis abschloss, diese Aufgabe „bleibt zukünftigen Chronisten mit unempfindlicherem Magen vorbehalten“.

Seit der ersten Auflage von „Alte Frauen in schlechten Filmen“ vor knapp 25 Jahren hat sich die Welt des Films in mancherlei Hinsicht grundlegend geändert. Zunächst einmal die Filmproduktion selbst: Comic- und Superhelden-Verfilmungen beherrschen die Leinwände, und Streaming-Dienste setzen der Kinolandschaft zu (von den Einschränkungen der Corona-Pandemie ganz zu schweigen). Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung hat der schwäbische Spielberg Roland Emmerich bereits das Ende des Kinos in 20 bis 30 Jahren verkündet: «Die Leute werden bald Screens in der Größe ihrer Wohnzimmerwand zu Hause haben. Das ist die Zukunft. Dann geht keiner mehr ins Kino!»
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Telefonieren in Handarbeit

„And the operator says 40 more
For the next three minutes!”

Dr. Hook, “Sylvia’s Mother Said”, 1971

Nicht nur dieser berühmte Song, einige besonders schöne Thriller basieren auf der Existenz des „Fräuleins vom Amt“, einer Person also, die für die Vermittlung von Telefonaten zuständig ist.*
Vor 100 Jahren verfügten in den USA weniger als 20% der Haushalte über ein Telefon, wobei der Anteil im ländlichen Raum noch niedriger lag. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren – mit Ausnahme von Städten wie Washington und New York – die meisten privaten Telefone an sogenannte Gemeinschaftsleitungen angeschlossen (die man im dortigen Sprachgebrauch etwas irreführend „Party Lines“ nannte). Die einzelnen Teilnehmer wurden durch spezifische Folgen von Klingeltönen unterschieden. Telefongespräche konnten von den anderen Nutzern einer solchen Leitung mitgehört werden.
Leslie S. Klinger erinnert sich im ersten Band seiner kommentierten Lovecraft-Edition an einen Lehrfilm einer Telefongesellschaft, der Verhaltensregeln für die Nutzung von Gemeinschaftsleitungen verkündete: „Die Teilnehmer wurden zu einem höflichen Umgang miteinander angehalten, ermahnt, nicht unerlaubt die Gespräche anderer mitzuhören und sich bei Anrufen kurzzufassen, um die Leitung für andere Teilnehmer offenzuhalten.“ 

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„Doc Savage – Die Festung der Einsamkeit“ (35)

Eine phantastische Erzählung von Kenneth Robeson

Siehe dazu: https://blog.montyarnold.com/2021/10/06/19056/

Fortsetzung vom 1.6.2022

Sunlight war ein umsichtiger Mensch. Er rief die Telefonauskunft an und ließ sich die Nummer der Hausverwaltung jenes Hochhauses geben, auf dessen Dach die sieben Männer ihr Abenteuer erlebt hatten. Er bekam die Nummer und rief die Hausverwaltung an.
„Ja“, bestätigte die Hausverwaltung, „bei uns ist die Eureka Chemical Products, da ist aber niemand mehr, die Büros sind schon geschlossen.“
„Das macht nichts“, sagte Sunlight, „ich möchte nur eine Auskunft. Hat es bei der Eureka heute einen Unfall gegeben?“
„Ja“, sagte die Stimme in der Leitung, „im Labor, das auch bei uns im Haus ist, ist etwas Verkehrtes zusammengerührt worden, ich kenne mich mit solchen Sachen nicht aus, aber soviel ich weiß, ist nichts passiert. Wir hatten Bedenken, dass das Gas in die oberen Etagen steigt und Leute davon ohnmächtig werden. Aber das Gas ist harmlos; wenn jemand nicht zufällig ein schwaches Herz hat, wacht er mit einem Brummschädel wieder auf. Jedenfalls behauptet das die Firma. Aber warum wollen Sie das wissen, wer ist denn am Apparat?“
„Danke für die Auskunft“. Der Mann am anderen Ende der Leitung legte ebenfalls auf. Es war Long Tom. Doc hatte mit einem solchen Anruf gerechnet — auch er war ein umsichtiger Mensch und hatte Long Tom in der Wohnung des Hausmeisters postiert. Ein Trinkgeld sorgte dafür, dass der Mann schwieg, wenigstens vorläufig.
Long Tom sprang in den Wagen, den er vor dem Haus geparkt hatte, und fuhr zu Doc; er hoffte, dass es ihm gelungen war, den Anrufer zu bluffen.
Und das war ihm gelungen: Sunlight war nun von dem Unfall überzeugt. Er wählte eine andere Nummer.
„Hallo, Coronel“, sagte er freundlich, „was halten Sie davon, wenn wir uns so bald wie möglich treffen?“
Der Mann, den er Coronel genannt hatte, dachte nach.
„Ist es gefährlich?“ fragte er schließlich.
„Es geht darum, eine Gefahr zu vermeiden“, sagte Sunlight. „Es ist sehr wichtig, Coronel. Einer meiner Männer holt Sie in einer Stunde mit dem Wagen ab.“
„In Ordnung“, sagte der andere, aber es klang so, als fürchte er, nichts sei in Ordnung. Im Gegenteil!
Der Coronel war einer von Sunlights sogenannten Freunden. Sunlight hatte eine Menge Freunde, und die meisten befanden sich in einflussreichen Positionen. Sunlight war kein junger Mann mehr, und er hatte sein Leben damit verbracht, nach allen Seiten wichtige Kontakte anzubahnen. Er glaubte an seine Bestimmung und hatte stets an seine Zukunft gedacht. Er fühlte sich zu Ungewöhnlichem berufen.

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Abgesang auf die sympathische Art, einen Film zu versemmeln

betr.: „Alte Frauen in schlechten Filmen“ von Christoph Dompke

Das Buch „Alte Frauen in schlechten Filmen“ (dies war ursprünglich nur der griffige Untertitel) hat vor etwa 25 Jahren nicht nur für viel Heiterkeit unter den nostalgischen Filmfreunden gesorgt, es hat auch der Fachwelt imponiert. Die Problematik der weiblichen Alterskarriere vor der Filmkamera war bis dato noch gar nicht als Thema entdeckt worden. Hier wurde es nun sogar erschöpflich behandelt. Das wichtigste Lob dürfte das von Georg Seeßlen gewesen sein. Weiterhin freuten sich (allerseits veranlagte) Fans des schwulen Humors, der Ende der 90er Jahre noch von etlichen Künstlern auf der Schwelle zwischen Kleinkunst und Subkultur gepflegt wurde (wobei dieser Trend bereits rückläufig war).
Der Autor Christoph Dompke bespielte beide Bereiche, den des Filmkritikers und den des Damenimitators (ohne Vollplayback). Sein heutiges Projekt „Emmi & Willnowsky“ war gerade auf den Weg gebracht worden.

Der Urtext war – bei aller filmhistorischen Sorgfalt – tatsächlich eine Mischung aus einem seriösen Sachbuch und einem pointierten Bühnentext (einem Monolog der Figur der Kammersängerin Emmi).
Im Vorwort der nun vorgelegten 2. erweiterten Auflage wird in gewisser Weise auch darauf eingegangen. Einige sehr harte Urteile seien nämlich einkassiert, abgemildert oder doch differenziert worden. Das hängt nicht nur mit der vom Autor eingestandenen Altersmilde zusammen, es ist auch – dies nun die Einordnung des Rezensenten – auf das heutige Programmumfeld zurückzuführen, die geradewegs abwärts führende Reise, die das Niveau unserer gesamten Unterhaltungsbranche eingeschlagen hat. Es wäre angesichts dessen einfach zu herzlos, die Versäumnisse und Schiffbrüche der alten Diven in der bisherigen Weise aufzuspießen.
Selbstverständlich ist auch die Neuauflage deutlich und angemessen gnadenlos. Auf mich wirkt sie sogar noch komischer, weil sie dem realsatirischen Potenzial des Gegenstandes noch offensichtlicher vertraut.

Der besondere Reiz dieses Buches liegt unverändert darin, dass man geneigt ist, beim Lesen der Zitate, Inhaltsangaben und Produktionsumstände eine Übertreibung zu glauben, aber immer erkennt, dass dem nicht so ist. Krude Storylines, Zeugnisse der Selbstüberschätzung und die Hilflosigkeit angesichts übler Umstände sind sauber recherchiert – wie man jedesmal dann feststellt, wenn man eines der beschriebenen Werke noch in persönlicher Erinnerung hat. Weiterlesen →

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