betr.: Sprechen am Mikrofon
Sprechen hat nicht nur biologisch mit Atmung zu tun. Es funktioniert auch technisch nach ähnlichen Gesichtsunkten. Wir können den Atem bewusst steuern, aber wenn wir ihn außer Acht lassen, läuft er automatisch weiter. (Geregelt wird das im sogenannten Atemzentrum, das aus millimeterkleinen Zellverbänden besteht, angesiedelt im Hirnstamm.)
Wenn wir einen Text gut und professionell vorlesen, sind wir uns bei jeder Zeile im Klaren, was sie in diesem Zusammenhang bedeutet. (Geregelt wird das in unserem Kopfkino, das alles Gesagte in Bilder umsetzt.) Wir verfolgen diesen fremden Gedankengang als wäre es unser eigener.
Sind wir nicht bei der Sache (Wir sehen keine Bilder!), verfallen wir automatisch in eine Routine: einen Singsang. Wir verstehen wohl noch Wörter und Sätze, ignorieren aber den Zusammenhang, in dem sie stehen. Und verstehen wir ein Wort oder einen Satz nicht, retten wir uns über diese Untiefe hinweg und lesen weiter – es wird schon niemand gemerkt haben.
Als Zuhörer können wir mit diesem Gestus umgehen, denn er ist uns vertraut. Wir sind allerdings nicht in der Lage, dem Vortrag tatsächlich über einen gewissen Zeitraum zu folgen. Wir schweifen schnell ab und müssen jedesmal mit Mühe zurückfinden. Wir müssen als Zuhörer die Nachlässigkeiten ausgleichen, die sich der Vortragende leistet.
Wir müssen seine Arbeit machen.
Dieses „Leiern“ ist unser aller Notfallmodus.
Er springt automatisch an, sobald wir Weiterlesen


