Endlich wiedergesehen: „Die Verurteilten“

betr.: Wiederbegegnung mit einem alten Film

Zweimal lebenslänglich wegen Doppelmordes: Bankier Andy Dufresne (Tim Robbins) landet 1947 unschuldig hinter Gittern. Die Gewalt im Knast erträgt er mit stoischer Ruhe, was seinen coolen Mitsträfling Red (Morgan Freeman) schwer beeindruckt. Nachdem Andy sich als begabter Verfasser von Steuererklärungen beim Wachpersonal beliebt gemacht hat, nutzt Direktor Norton dessen Finanzwissen, um seine krummen Geschäfte abzuwickeln. Das bringt Andy weitere Freiheiten ein und ermöglicht es ihm, die Zuchthausbibliothek auf Vordermann zu bringen. Als Andy nach 19 Jahren seine Unschuld beweisen kann, torpediert der korrupte Norton seine Freilassung. Doch Andy hat ein letztes As im Ärmel: eine Fluchtstrategie, an der er all die Jahre emsig herumgeschabt hat …

Viele Filme, die uns zur Zeit ihrer Uraufführung in den 90er Jahren als verblüffend ausbalancierte Parabeln erschienen – als meisterlich leichte Dramen bzw. abgründige Komödien – wirken heute schrecklich betulich.* (Beim heutigen Wiedersehen meine ich den naiven Glauben vom „Ende der Geschichte“ darin zu spüren, der sich wenige Jahre später mit einem harten Windstoß verflüchtigen sollte.)
„Die Verurteilten“ gehört zu den Filmkunstwerken, bei denen es schmerzt, das feststellen zu müssen, denn es ist nach wie vor ein Film mit sympathischen Hauptfiguren, und er übermittelt eine Botschaft, derer wir gerade in unseren Tagen besonders bedürfen: alles wird gut werden, die Guten werden belohnt, die Bösen bestraft, und die Leidenden werden getröstet.
Der Gefängnisalltag wirkt so geordnet, dass die obligaten Scheußlichkeiten (Korruption, Vergewaltigung unter der Dusche, Folter …) sich vor diesem Hintergrund ausnehmen wie jene Ärgernisse, die auch in unserem zivilen Alltag letztlich nicht zu vermeiden sind. Spätestens nach einer Weile (und viel häufiger als zumindest in meinem Alltag) lassen sich alle diese Widrigkeiten irgendwie beilegen oder auflösen. Sogar das Klischee, mit ein wenig Mozart sei jeder Tag dein Freund, wird einmal mehr bedient …**

Das ist der Preis den der Film für das edle Ansinnen zahlt, ein Knastfilm und zugleich ein Feelgood-Movie zu sein. Zunächst ging diese Rechnung übrigens nicht auf. Als „Die Verurteilten“ 1994 in den US-Kinos anlief, war er ein Reinfall. Selbst mit sieben Oscar-Nominierungen spielte er kaum die Produktionskosten ein. (Fairerweise muss gesagt werden, dass Stephen Kings Buchvorlagen jenseits des Horrorgenres es im Kino häufig schwer hatten, besonders wenn sie so prätentiöse Titel hatten wie „Rita Hayworth And The Shawshank Redemption“.)
Erst als Verleihcassette hatte der Film ein Jahr später Erfolg. Er wurde zum meistgeliehenen Video des Jahres und brach Quotenrekorde im Fernsehen. Regisseur Frank Darabont hatte eine Erklärung dafür: „Es dauerte eine Weile bis die Leute realisierten, dass dies kein deprimierendes Gefängnis-Drama, sondern ein erbaulicher Film ist!“
„The Shawshank Redemption“ hat in Umfragen nach dem „besten Film aller Zeiten“ (wie im britischen „Empire“-Magazin oder in der „Internet Movie Database“) seither ein trockenes Plätzchen. Dass er noch immer so beliebt ist, liegt daran, dass viele Fans ihre Zuneigung nach alten Lieblingsfilmen selten nachprüfen.
Es gibt noch einen Kritikpunkt, der auf den ersten Blick kleinlicher erscheint als er ist: die beiden befreundeten Knastbrüder Andy und Red altern nicht. Da die Maske nichts tut, um den Lauf der Zeit kenntlich zu machen, teilen sich dem Betrachter auch die knapp 20 Jahre Lebenszeit nicht mit, die dem Helden zu unrecht geraubt werden. Die Tragödie gerät zu einem etwas längeren Spaziergang.
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* Siehe z.B. auch https://blog.montyarnold.com/2021/06/15/besser-gehts-nicht/
** Die Metapher ist nicht kaputtzukriegen. Siehe auch https://blog.montyarnold.com/2022/09/27/21480/

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Krimihase in Seenot

betr.: neue Hörbücher in der ARD Audiothek

Ab morgen stehen zwei neue Lesungen in der ARD Audiothek vollständig bereit. Es sind zwei Klassiker sowohl der Literatur wie auch des Archivs.

hr2-kultur spendiert uns „Lord Jim“ von Joseph Conrad, dessen 100. Todestag zurzeit von uns verschlafen wird, weil wir alle mit Franz Kafka beschäftigt sind. In 46 etwa 20minütigen Folgen liefert der Schauspieler Hans Dieter Zeidler eine makellose Performance. Er war auch als deutsche Stimme von Sidney Poitier, Yul Brunner, Peter Ustinov und Orson Welles tätig.
Wem die See zu rau und Conrads Seefahrergeschichte zu lang ist, der kann sich mit Raymond Chandlers erstem Marlowe-Thriller vergnügen. 1974 las Heinz Baumann für den Süddeutschen Rundfunk (heute im SWR aufgegangen) „Der große Schlaf“. Die acht Teile dauern zwischen einer Dreiviertelstunde und einer Stunde. Heinz Baumann war ein echter Krimihase. Wir kennen ihn als stoffeligen Dienstmann aus „SOKO 5113“ (wo er so beliebt war, dass er sogar ein eigenes Spin-off bekam) und aus „Adelheid und ihre Mörder“. Zweimal war er ein wirklich beachtlicher Gegenspieler für den WDR-Tatort-Kommissar Haferkamp (Hansjörg Felmy).
Baumann gerät bei dieser Lesung, deren Produktion auf der schon damals gefährlichen Annahme aufbaute, dass alle Schauspieler auch Vorleser sind, an seine Grenzen. Er muffelt sich mit der gleichen Attitüde, die auf dem Bildschirm so anziehend wirkte, durch diesen Text, den er damit völlig ruiniert. Sein Tempo wirkt so getrieben, dass man der ganzen Freudlosigkeit innewird, die er am Mikrofon erlitten haben muss. Darüber verpasst man glatt den eigentlichen Kriminalfall.

LORD JIM
von Joseph Conrad
gelesen von Hans Dieter Zeidler – hr 1971

1. Ein Hafen, ein Held, ein Schiff, das Meer. Los geht’s mit diesem aufregenden Abenteuerroman – auf die unberechenbare See und auf Handelsrouten, auf denen die Kolonialmächte nicht nur Waren, sondern auch Menschen wie Waren transportierten. – 20 min.

2. Jim ist noch kein „Lord“. Der junge Seemann hat es in zwei Jahren zwar zum 1.Offizier gebracht, doch er muss auch viel Warten: auf die nächste Schiffspassage, den nächsten Job. Gerade hängt er auf einer Krankenstation in Singapur fest. – 23 min.

3. Ein Frachtschiff nimmt Kurs auf das Rote Meer. Jim hat als 1. Offizier auf der maroden „Patna“ angeheuert, der Kapitän ist ein feister Deutscher. An Bord sind 1000 Pilgernde auf dem Weg nach Mekka. Noch gleitet die Patna über ruhige See. – 23 min.

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Zeitraffer eingebaut

betr.: „X-Men ’97“ auf Disney+

Ich  staune immer wieder, was man im Netz alles nicht findet. Selbst in der Abteilung „der heiße Scheiß“ muss man Abstriche machen. Zu der im März auf Disney+ gestarteten Trickserie „X-Men ‘97“ glaubte ich, mühelos die Inhaltsangaben der ersten Staffel zu finden (wie gewohnt gefertigt von den fleißigen Fans: ausführlich, wenn auch in schlechtem Deutsch). Pustekuchen. Es finden sich wenige Sätze zu den allerersten Episoden, danach nur Satzhülsen von der Sorte „Die X-Men müssen sich zusammenschließen, um einer neuen Bedrohung zu begegnen.“ (Übersetzungen aus der amerikanischen Marvel-Wiki, wo’s genauso trostlos aussieht).
Da die Comicheft-Serien um die „seltsamsten Superhelden der Welt“ (wie sie vor 50 Jahren in der deutschen Übersetzung genannt wurden) so zahlreich und vielgestaltig sind wie die Protagonisten selbst, hätte ich mich gern ein wenig orientiert, ehe ich einen Blick auf die Serie werfe.
Es war dann aber alles recht zugänglich (barrierefrei, wie man heute sagen würde).

Die Macher wählten sich einen geeigneten Punkt in der Marvel-Historie für die neue TV-Adaption. Und das Look-and-feel, um neben dem jungen Publikum von heute auch die Fans bestmöglich einzubinden, die vor knapp 30 Jahren die ersten bewegten Bilder der X-Men verfolgt haben: „X-Men: The Animated Series“ (1992-97, deutsch als „X-Men“). Die F.A.Z. dazu im Rückblick: „Die ‚X-Men‘ sind zugleich Beschützer der Menschheit und Ausgestoßene, weil die Gesellschaft sie fürchtet. Die Figuren wurden zur Chiffre für alle möglichen Randgruppen. Aber auch in anderer Hinsicht war die Serie bemerkenswert: Sie war ungewöhnlich komplex und besaß eine fortlaufende Erzählstruktur.“

Flammneu, aber ein vertrauter Anbick: die „X-Men ‘97“ Jubilee, Morph, Wolverine, Storm, Cyclops, Rogue, Jean Grey, Gambit, Bishop und Beast auf Disney+. – Bild: Marvel Animation

Die Handlung der neuen Serie setzt da an, wo es damals endete: Ein Jahr nach dem Tod von Prof. Xavier sind die jungen Superhelden noch immer erschüttert und gewöhnen sich nur mühsam daran, nunmehr von Cyclops angeführt zu werden. Doch dieser wird bald Vater werden und bespricht mit seiner Frau Jean Grey, den Rückzug aus dem Team anzukündigen.
Als bei den „Freunden der Menschheit“, einer Gruppe von Mutantenjägern (eine hochgerüstete Fascho-Armee, bei der wir sogleich an die „Proud Boys“ und ähnliche Vereine denken müssen) Waffen entdeckt werden, die mit der Sentinel-Technik des verschollenen Verbrechers Bolivar Trusk funktionieren, sind die X-Men wie auch Dr. Cooper von der UNO in großer Sorge.
Nun taucht auch noch der Superbösewicht Magneto in der Villa auf und präsentiert ein Testament, in dem ihn Prof. Xavier zu seinem Nachfolger bestimmt hat: zum neuen Hausherrn und Anführer der Gruppe. Begreiflicherweise misstrauen ihm die X-Men – und zweifeln der Richtigkeit dieser Entscheidung ihres toten Mentors.
Als die UNO über Magneto zu Gericht sitzen will, lässt er sich festnehmen und ein Neutralisierungs-Halsband anlegen, um seine Integrität zu beweisen. Die „Freunde der Menschheit“ unter der Führung des wahnhaften X-Cutioner überfallen das UNO-Gebäude, um den wehrlosen Mutanten zu töten. Doch Magneto kann mithilfe der X-Men sich und seine Richter retten. Er wird freigesprochen und sogar in der Xavier-Villa auf seinem Platz akzeptiert.
Nachts klopft eine Doppelgängerin von Jean an die Pforte des Hauses und erbittet die Hilfe der X-Men …
Dieser Cliffhanger beschließt die zweite Folge.

„X-Men ‘97“ ist ein interessantes formales Experiment. Stilistisch orientiert man sich am etwas statischen Design der damaligen Cartoon-Ära (ich musste immerzu an „He-Man“ denken …), ohne die heutige Eleganz vermissen zu lassen. Das hat drei große Vorteile: „X-Men ’97“ hebt sich von den anderen Serien des Streaming-Angebots mühelos ab, das Team sieht wieder so aus wie zu jener Zeit, als die gedruckten Comics den größten Erfolg hatten und – das Wichtigste! – die Erzählung spielt zu einer Zeit, als wir noch nicht von Handys und anderen Alltagscomputern genervt wurden. Alle Rechner, die hier laufen, sind Profi-Geräte aus der Unterwelt bzw. aus dem Superhelden-Arsenal. Die Monitore sind noch größer als unsere zu Hause.
Wer zuletzt eine Live-Action-Serie gesehen hat, wird einen kurzen Moment brauchen, um sich wieder zu erinnern: in klassischen Action-Cartoons wurde ein enormes Erzähltempo vorgelegt. Schlachten, die im Kino oder auf Netflix bis zu einer halbe Stunde dauern, gehen hier ruck-zuck über die Bühne und passen nebst allem Übrigen in eine Episode der nämlichen Länge. Das ist auch diesmal wieder so. Wer das Böse also gern zwischendurch auf’s Kreuz legt, der kann Cyclops‘ Ruf im Titel der ersten Episode folgen: „Zu mir, meine X-Men!

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Let our affair be a gay thing (4)

betr.: Das Musical als schwule Kunstform für alle

Fortsetzung vom 29.6.2024

Mein Fazit: Homosexualität war beim Musical-Nachwuchs erfreulicherweise gar kein Thema mehr (zumindest kein abendfüllendes), und folglich hat auch die Begegnung mit einer selbstironischen Subkultur nicht mehr stattgefunden, die in den 80er Jahren ihre Blütezeit erlebte und danach langsam versickerte. (Von ihren Vertretern sind einige noch aktiv, etwa der Berliner Ades Zabel oder die noch gelegentlich konzertierende Diseuse Georgette Dee. Tim Fischer zählt bereits zur folgenden Generation.)*
Das ist gesellschaftspolitisch ein gutes Zeichen, verweist aber auch auf das historische / fachliche Desinteresse, das ich so häufig in unseren Musical-Ensembles angetroffen habe. Anders als in der Oper oder im Konzertbetrieb existiert dort so gut wie kein Archivbewusstsein.

Leider wird der Diskurs über sexuelle Identitäten mit der gleichen Verbissenheit geführt wie alle übrigen gesellschaftlichen Debatten. „Woke“ ist inzwischen ein Kampfbegriff, und das Niveau der Auseinandersetzung ist geeignet, die mühsam errungene Toleranz wieder zu zerstören.
In der kulturellen Werkstatt ist ein Wettbewerb darüber ausgebrochen, wer den triftigsten Grund haben könnte, beleidigt zu sein oder sich angegriffen zu fühlen. Als Reaktion darauf wird sich vor jedem Witz gefürchtet, der eine unschöne Diskussion (eine schlechte Presse, einen Shitstorm …) auslösen könnte. Leider ist Provokation das Wesen des Witzes.
Vor hundert Jahren wäre ein Porter, ein Coward, ein Hart um die Ecke gekommen und hätte die Misere im Kleinen, wohlverborgen und nebenbei überdeutlich, zu demontieren begonnen. Aber ach – die Zeiten sind nicht danach. 
Es sind vor allem Verantwortliche, keine kreativen Köpfe, die entscheiden, was sagbar ist und was nicht.
Nick-Martin Sternitzke: „Darüber wird heiß diskutiert, nicht nur im Musical-Business. Auch Streamingdienste stellen Richtlinien auf, wollen sichtbar machen, was Strukturen zu lange verhindert haben – vertrauen aber wenig auf das Abstraktionsvermögen des Publikums. Die Wirklichkeit treibt der Kunst die Fantasie aus.“

Inzwischen hat sich das Spektrum der Gender-Spielarten weiter aufgefächert, und Worte wie „schwul“ oder „homosexuell“ würden mir im Unterricht heute vermutlich als verkürzend und ausgrenzend um die Ohren gehauen.
Es war ein junger Hetero-Kollege, der mir sagte, er wundere sich über den Wandel der Sprachregelung innerhalb der „Community“. Früher hätten sich Schwule und Lesben als „gay“ bezeichnet (ursprgl.: 1. lustig, vergnügt, fröhlich; 2. lebenslustig; 3. farbenfroh …), heute würden sie sich „queer“ nennen (= ungewöhnlich, sonderbar, eigenartig, verdächtig, unwohl …). Das verstünde er nicht.
Ich konnte es ihm auch nicht erklären.

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* Siehe dazu auch die Einträge zu Effi Effinghausen, z.B. die hier beginnende kurze Serie zu seinem posthumen 70. Geburtstag, die Hamburgs schwule Subkultur insgesamt in den Blick nimmt: https://blog.montyarnold.com/2022/05/20/20705/

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Kabelfernsehen (näher) am Ende

betr.: Der Besitz der Fernbedienung verleiht keine Macht mehr

Mit dem heutigen Tag laufen für Millionen deutscher Haushalte die Kabel-TV-Verträge aus, da Vermieter und Hausverwaltungen die Kosten für den Anschluss nicht mehr über die Betriebskostenabrechnung einziehen dürfen. Nur die Wenigsten werden die in den letzten Monaten geschalteten Werbebotschaften beachtet und sich um ein persönliches Abo gekümmert haben. Viele kerngesunde Fernsehgeräte bleiben nun schwarz. Da sich die Mühe, die Neu-Anmeldung jetzt nachzuholen, nur jene machen werden, die überhaupt noch lineares Fernsehen nutzen, trifft es vor allem ältere Leute, denen solche Schikanen zudem besonders unangenehm sind. Der größte Teil jener, die technisch noch auf Empfang waren, wird den Wegfall gar nicht bemerken bzw. ihn einfach geschehen lassen. Daher ist diese Umstellung eine weitere Wegmarke unserer Mediengeschichte, mehr noch: in der Sittengeschichte der Bundesrepublik.Wie Kathrin Hollmer in der SZ-Wochenendausgabe feststellte, lässt sich das daran anschaulich machen, dass mit dem Kabel-Empfang auch das Zappen aufhört. Der ruhelose Kanalwechsel vom Sofa aus war seit gut 40 Jahren – seit dem Siegeszug der Privatsender – eine beinahe sinnstiftende Marotte und ein Ausdruck familiärer Machtstrukturen. Im Streaming hat er sich erledigt. Dort haben die zu mehreren Fernsehenden zwar das gleiche Problem (sich entscheiden und einigen zu müssen, was laufen soll), doch nun herrscht die zeitgemäße Variante des Konflikts vor. Hollmer: „Man diskutiert 48 Minuten mit dem Partner, welche der 19 Serien auf der Netflix-Liste man schauen soll, guckt sieben Trailer und bricht dann die erste Serie nach elf Minuten ab weil sie doch nicht performt. Was für eine Enttäuschung. Was für ein Druck!“

Zapping als Thema: der Autor 1993 am Set der ProSieben-„Comedy Factory“ in der Rubrik „Monty TV“ (interne Bezeichnung auf der Dispo), die vom Finale meines Soloprogramms „Madame wünscht kein Aufsehen“ abgeleitet war und einem viel berühmteren Kollegen aus Niederbayern sein erstes weithin beachtetes Soloprogramm einflüsterte.

Ich nutze noch immer die Fernsehzeitung, da ich einige ganz wenige Dinge auf keinen Fall verpassen will (und die finde ich dort leichter als in den überbordenden Mediatheken). Das ist etwas verschroben, hat mich aber schon lange vom Zappen entwöhnt. Dennoch befällt mich leichte nostalgische Wehmut, wenn der Artikel die Nebeneffekte, die psychologischen Hintergründe, die Vor- und Nachteile aufzählt, die dem Phänomen anhafteten.

Beim Zapping geht es nicht darum, etwas von Anfang bis Ende anzuschauen. Von kurzen und beliebigen Ausschnitten kann man sich besser berieseln lassen. Manchmal (meistens?) ist es genau das, was wir gerade brauchen: Hirn aus! „Wenn man krank auf der Couch fläzt und keine mentalen Kapazitäten hat, nicht einmal für den simpelsten Plot. Wenn man allein im Hotelbett liegt, die mit dem Partner begonnene Serie aber nicht ohne ihn weiterschauen will (weniger aus Prinzip, sondern weil es im geteilten Account sofort auffällt – ‚Guckt du ohne mich?!?‘). Wenn man sich gerade auf keine neue Serie einlassen will, aber auch keine Lust hat auf den dritten Rewatch von ‚Parks And Recreation‘ innerhalb weniger Monate. Oder wenn man nach dem Tanzen runterkommen will.“

Es verpufft auch ein Vorwurf, der dem linearen Fernsehen rückblickend oft gemacht wird: es sei zu kuratiert, zu vorsortiert, zu bevormundend gewesen. Das Gegenteil ist richtig: es ist der Algorithmus, der uns heute fremdbestimmt – in Kombination mit unserer eigenen Watchlist, die uns Überraschungsfrei um uns selber kreisen lässt. Es ist der heutige Medienkonsum, der dauerkuratiert ist. Man wird nicht mehr auf Sachen stoßen, die man noch nicht kennt, muss sich auf nichts mehr einlassen.
So treibt alles noch ein Stück weiter voneinander weg. „Im echten Leben liegen Arte und Teleshopping viel weiter auseinander. Auf dem Fernseher trennt sie nur ein Zapp.“ Theoretisch …

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Endlich wiedergesehen: „Diva“

„Diva“ ist ein Kultfilm, was ich anerkenne, aber noch nie nachvollziehen konnte.* Ich wollte der Sache auf den Grund gehen, sah ihn erneut, und wieder ging er so vollständig an mir vorbei wie eine Schwangerschaftsgymnastik.

Der Postbote und Opernliebhaber Jules nimmt im Auditorium heimlich das Konzert einer gefeierten Opernsängerin auf, die dafür bekannt ist, Aufnahmen ihres Gesangs kategorisch abzulehnen. Bald weckt der rare Mitschnitt die Begehrlichkeiten mysteriöser Plattenbosse, die ihn an sich bringen und als Raubkopie herausbringen wollen. Parallel dazu wird noch nach einer anderen Aufnahme gefahndet: nach dem belastenden Tonprotokoll einer Prostituierten. Ehe sie von Killern zur Strecke gebracht wird, schmuggelt sie die Cassette in Jules’ Postbotentasche. Der Ahnungslose wird bald von Gangstern, Musikpiraten und der Polizei durch Paris gejagt. (Dieses Paris ist nicht die mehr der vertraute romantische Schauplatz, sondern fängt den kalten, androgynen Look der beginnenden 80er bereits vollständig ein.)
Die Plattensammlerin Alba – wie Jules mit kleptomanischen Neigungen behaftet – und der geheimnisvolle Zen-Jünger Gorodish helfen ihm. Und das ist gut so, denn der bindungslose, kunstsinnige junge Mann ist auf so viel Action und menschliche Verkommenheit in keinster Weise vorbereitet …

Auf dem Weg durch dieses Abenteuer wird dem Betrachter Allerhand zugemutet. Da sind die albernen Kinderkrimi-Dialoge, die ganze Kinderkrimi-Logik der Geschichte, die theatralischen Posen der Guten wie auch der Bösen, ihre unbewohnbaren Behausungen, die schlichte Absurdität des ganzen Plots, die damit beginnt, dass jeder andere ebenso leicht einen unerlaubten Konzertmitschnitt machen könnte wie es der Hobby-Tonbandfreund Jules getan hat (ganz abgesehen davon, dass nicht das Bandgerät für die Qualität der Aufnahme entscheidend ist, sondern die Mikrofonierung), und die mit der Leichtigkeit endet, mit der sich die augenrollenden Bösewichter-Karikaturen besiegen lassen, sobald die Spieldauer des Films abläuft. Die wichtigste Bezugsperson der Diva ist ein verschüchterter Knabe, der in seiner Briefträger-Uniform wie verkleidet aussieht und der bemerkenswert viel Zeit hat, in der er keine Briefe tragen muss. Dass hier eine glaubhafte Titelheldin mit einer gut ausgesuchten Arie antritt, stellt das restliche Figuren- und Darstellerensemble in seiner Unbedarftheit erst richtig bloß.
Die Macken, die den Debütfilm von Jean-Jacques Beineix auszeichnen, sind auch seinen Fans gewiss nicht entgangen. Wenn ein derart kruder Film so heiß geliebt wird, liegt das an einem Zauber, der jenseits solcher Kritik steht und der aus einer Sache mehr macht als die Summe ihrer Einzelteile.
Für den Ruhm von „Diva“ aber war der Zeitpunkt viel wichtiger: sein Erscheinen am Beginn der 80er Jahre. Denn das Publikum, das mit seiner Begeisterung den Kult begründete, fand sich zu einem Großteil in der europäischen schwul-lesbischen Subkultur zusammen, die wenige Jahre vor dem Siegeszug der Filme von Merchant Ivory Productions aus England („Zimmer mit Aussicht“, „Maurice“) und dem großen Durchbruch des spanischen Underground-Filmers Pedro Almodovár („Das Gesetz der Begierde“, „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“) nichts Geeigneteres fand. Ab Mitte der 80er wurde Homosexualität nicht nur ganz offen im Film verhandelt, es verfeinerten sich auch die erzählerischen Mittel und Wege, sie lediglich anzudeuten (etwa in „Der Trost von Fremden“ mit dem offen schwulen Schauspieler Rupert Everett, der hier einen allerseits angeschmachteten Hetero spielt). Bald gab es so etwas sogar im Mainstream, und schwule Charaktere wurden gar oscarwürdig.
Im Jahre 1981 musste sich die Szene noch ein letztes Mal mit den losen Versatzstücken dieses heraufdämmernden Konzeptes zufriedengeben: mit der Grandiosität der „Diva“, einer weiblichen Kunstfigur, die auch in den privaten Szenen etwas Unerreichbar-Mondänes hat; mit der romantischen, aber asexuellen Zuneigung eines netten Jungen, der bis an den Rand der Lebensuntüchtigkeit verträumt und unreif gezeichnet ist; mit einer feindlichen Außenwelt, deren Repräsentanten (Killer, korrupte Bullen, geheimnisvolle Orientalen) so grotesk überzeichnet sind, dass man sich beim Verlassen des Kinos damit trösten kann: es ist ja nur ein Film.
Wäre „Diva“ nur fünf Jahre später herausgekommen, wäre er völlig unbemerkt geblieben. Er wäre für seine Zielgruppe schlicht überflüssig gewesen. Ohne die Kühnheit seiner Nachfolger vorwegzunehmen, kam er doch zur rechten Zeit und spendete Trost. Das kann ihm niemand mehr nehmen.
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* „Diva“ ist die Nr. 12 der „Wuppertaler Liste“ der 42 wirklichen Kultfilme. Siehe https://blog.montyarnold.com/2024/05/15/25283/

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Let our affair be a gay thing (3)

betr.: Das Musical als schwule Kunstform für alle

Fortsetzung vom 27. Juni 2024

Ab 2003 hatte ich die Freude, an der Joop Van Den Ende Academy, einer luxuriösen Musical-Ausbildungsstätte in der Hamburger Speicherstadt, als Geschichtslehrer zu arbeiten. Die JVDEA war (wie auch die anderen Hamburger Musical-Schulen, an denen ich tätig war) ein gesellschaftspolitisch paradiesischer Ort. Obschon die meisten der männlichen Eleven schwul waren (logisch), wurde auch jede andere Ausrichtung als Normalfall betrachtet. Unter den Dozentinnen und Dozenten herrschte eine ähnliche Statistik und Aufgeschlossenheit.
Und da ich es wichtig finde, die eigene künstlerische Arbeit mit dem gesellschaftlichen Umfeld (also dem Publikum) in Bezug zu setzen, konzipierte ich einem Unterrichtsschwerpunkt zum Thema „Homosexualität und Musical“. Ich rechnete – ähnlich wie meine politisch bewegten Freunde aus Saarbrücken – mit verständigen und lächelnden Mienen, hinter denen der sprichwörtliche Groschen fällt. Da ich bei der Ankündigung das Genre etwas knallig als eine im Kern schwule Kunstform bezeichnete, gab mir meine Klasse das Gefühl, einen frechen Witz gemacht zu haben. Also eröffnete ich die folgende Stunde mit einer kleinen Montage von anschaulichen Filmausschnitten. Es waren Beispiele aus neueren Hollywoodfilmen, in denen das Interesse an Musicalthemen in der schwulen Community verortet wurde, z.B. die Szene aus „Kiss Me Guido“, in der zwei frischgebackene Mitbewohner (ein schwuler Junge und ein Hetero) „The Sound Of Music“ im Fernsehen anschauen, darüber sprechen und den Film „Pretty Woman“ mit Julia Roberts als „eher was für Heteros“ entlarven. Oder eine Sequenz aus „Teuflisch“: Brendan Fraser schließt einen Pakt mit dem Teufel und verwandelt sich in mehrere ganz unterschiedliche Varianten seiner selbst. Als er plötzlich über enzyklopädisches Musical-Fachwissen verfügt, wird ihm klar, dass er schwul ist …
Danach zeigte ich meinen Studenten die üblichen zwischen den Zeilen gay konnotierten Song-Klassiker (beginnend mit „Secret Love“ aus „Calamity Jane“). Ich schilderte tragische schwule Showbusiness-Schicksale (Rex Gildo) oder groteske (Liberace), wies auf die Legion homo- und bisexueller Autoren hin (Porter, Sondheim, Herman, Weill, Bernstein, Noel Coward, Lorenz Hart, Arthur Laurents …). Ich bemühte mich, das Phänomen „Camp“ zu erklären, jene auch für das Hetero-Publikum so beglückende Substanz, die das für jüdische und schwule Künstler überlebensnotwendige Talent zur Selbstironie dem europäischen Konzept der Operette am Broadway hinzugefügt hat und die für das amerikanische Musiktheater ebenso unverzichtbar werden sollte wie die jazzigen Synkopen.
Ich führte den Anfang von „Torch Song Trilogy“ vor (Harvey Fiersteins erhellenden Prolog und die Nummer „Dames“), spielte verkleidete Pride-Songs und hintergründige Soliloquies, führte Shows ins Feld, die nicht so hetero sind wie sie tun u.v.a.m.

Mein Auditorium blieb höflich – und unberaten. Und etwas irritiert. Meine Ausführungen wurden wohl als ein Versuch gelesen, eine persönliche Marotte historisch aufzumotzen (Schauspieldozenten machen sowas ja auch). Als ich das begriff, ließ ich das Thema nach der zweiten Stunde ruhen. Ich habe immer mal wieder darauf hingewiesen, wenn mir homosexuelle Untertöne in den behandelten Werken auffielen, unterließ aber auch das, nachdem mir mein Direktor (ohne Nachdruck und ein wenig achselzuckend) nebenbei erzählte, es sei sich über meinen Homo-Fetisch leise beklagt worden.

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Wie sublim ist Subliminal Advertising?

Subliminal Advertising = unterschweillige (Werbe)botschaft.

In der „Columbo“-Episode „Ein gründlich motivierter Tod“ („Double Exposure“) wird dieser einst heiß diskutierte medienpsychologische Effekt als Modus operandi vorgeführt: der Mörder schneidet in einen Film ein Einzelbild hinein, das der Betrachter gar nicht bewusst wahrnimmt, das dessen Unterbewusstsein jedoch manipuliert und ihn in eine tödliche Falle laufen lässt. (Leider erklärt der eitle Kerl dem Inspektor diesen Trick und wird schließlich auf die selbe Weise dazu verleitet, sich überführen zu lassen.)
Um die Zeit der Erstausstrahlung des Krimis (Ende 1973) wurde diese Methode heiß diskutiert. Tests ergaben, dass man auf diese Weise Werbebotschaften in Filme und TV-Übertragungen hineinschummeln könnte, die von keiner prüfenden Instanz entdeckt und beanstandet würden und die dennoch das Publikum dazu verleiteten, einen plötzlichen Heißhunger auf Fast Food zu entwickeln.

Die Wikipedia erklärt, dass diese Form der unterschwelligen Werbung (engl. „hidden persuader“), die aufgrund der Kürze ihrer Botschaften auch bei angespannter Aufmerksamkeit nicht bemerkt werden kann, mittels Tachistoskop eingeblendet werden muss (was auch immer das sein mag). In der Tat mogelt der „Columbo“-Film bei seiner Darstellung der Tat, wie sich auf den heutigen Abspielgeräten mühelos nachweisen lässt (das damalige TV-Publikum hatte diese Möglichkeit nicht).

In „By Sidney Lumet“* deutet der berühmte Regisseur an, die „Kreativen“ mit seinem Drama „The Pawnbroker“ (1965) auf diese Idee gebracht zu haben.
Der Film handelt von einem schwer traumatisierten Holocaust-Überlebenden in Amerika. Eine Fahrt in der schmuddeligen New Yorker U-Bahn lässt ihn an den Transport nach Auschwitz denken. Die Erinnerung sucht in besonders übel heim, weil er sich so sehr bemüht, sie zu unterdrücken. Lumet unterschneidet den Blick auf die Fahrgäste immer wieder schlaglichtartig mit solchen Waggonszenen. Diese Schnipsel sind lang genug, um von uns wahrgenommen zu werden, aber so kurz, dass sie (als Unterbrechung der laufenden Bilder) irritierend wirken und – jenseits ihrer verstörenden Botschaft – unseren Widerwillen erregen.

Die Wirksamkeit unterschwelliger Botschaften wurde immer wieder in Frage gestellt, zumal die Wahrnehmungsschwelle nicht bei allen Menschen gleich ist. Ein Argument, das für sie spricht, ist seinerseits unumstritten: am besten funktioniert Werbung, die gar nicht erst als solche erkannt wird. Das gilt auch und ganz besonders für politische Propaganda.
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* Diese großartige Dokumentation von Nancy Buirski ist zur Zeit in der arte-Mediathek abrufbar, ohne im linearen Programm aufgetaucht zu sein. Sie setzt einiges an Vorwissen voraus, aber das sollte für einen Kulturkanal (der einzige in deutscher Sprache zurzeit) doch kein Grund sein, sie nicht auszustrahlen (zumal sie auch für Quereinsteiger ein Gewinn ist!).

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Let our affair be a gay thing (2)

betr.: Das Musical als schwule Kunstform für alle

Fortsetzung vom 25. Juni 2024

Der Komponist / Texter Jerry Herman (1931-2019) zählt gerade noch zu den Vertretern dieser ersten Blütezeit (obwohl der frühere seiner Welterfolge bereits in die Zeit des Niedergangs fällt, in die 60er Jahre, als das Musical seinen Stellenwert als Lieferant der wichtigsten Popsongs einbüßte).
Als Herman 1983 mit „La Cage Aux Folles“ herauskam, brach gerade eine neue Ära an: das Musical startete durch die gemeinsamen Erfolge des „Komponisten“ Andrew Lloyd Webber und seines Produzenten Cameron Mackintosh in seinen zweiten Frühling (wenn auch unter derartig veränderten Vorzeichen, dass ich die Findung eines neuen Genrebegriffs begrüßen würde*).
„La Cage Aux Folles“ ist noch ein Musical alten Stils (also der Prä-Webber-Epoche), leistet sich aber eine ins Heutige weisende Besonderheit: die Hauptfiguren (fast alle!) sind offen homosexuell. Zwar thematisiert das Libretto durchaus die bestehenden gesellschaftlichen Vorurteile und Vorbehalte – alles andere wäre auch lächerlich gewesen, selbst in der Traumwelt des Musicals. Doch dem Publikum wird sich so schamlos und selbstverständlich hingehalten, dass der Hit der Show „I Am What I Am“ schlagartig zum Signature-Song beinahe sämtlicher Travestie-Künstler wurde und der Schwulenbewegung als Hymne wie gerufen kam. Die 1985 uraufgeführte deutsche Fassung von „La Cage Aux Folles“ überholte Hermans 20 Jahre alten Klassiker „Hello Dolly!“ rasch an Beliebtheit, was (für Jerry Hermans Verhältnisse) keineswegs an der Qualität des musikalischen Materials lag. Das Werk war so etwas wie ein Zeitstück. Es war zur rechten Zeit gekommen, um der noch versteckt lebenden schwulen Community (die zudem gerade politisch wie gesundheitlich unter den Verwerfungen der AIDS-Krise schmachtete) ein Volksstück zu sein. Gleichzeitig war die Show schmissig, amüsant und harmlos genug, um auch dem bürgerlichen Lager zu gefallen. „La Cage Aux Folles“ überließ es den Zusehern, ob sie mit den schrillen Homos auf der Bühne lachen wollten oder über sie. Insoweit knüpfte es an den oben geschilderten subtextuellen Charakter nicht-heterosexueller Show-Inhalte durchaus an.
Die Schwulenbewegung hat diesen Aspekt zunächst begreiflicherweise übersehen bzw. missverstanden.

Ich erlebte den Erfolg von „La Cage Aux Folles“ 1986 in Saarbrücken, einer wenig besuchten deutschen Hauptstadt, die Mitte der 80er Jahre über eine erstaunliche Vielzahl von Schwulen- und Künstlerkneipen verfügte. Die örtliche Schwulengruppe kam auf die Idee, sich nach der Vorstellung vor der Alten Feuerwache (dem „kleinen Haus“ des Saarländischen Staatstheaters) zu postieren und dem „Cage“-Publikum mit lustigen Hüten und informativen Flugblättern einen Denkanstoß zu geben, nach dem Motto: Da Sie ja offensichtlich Schwule mögen, schaun’ Sie doch mal her: es gibt uns wirklich und ganz in Ihrer Nähe …
In einer konservativeren Gegend hätte es vielleicht sogar Ärger gegeben, in Saarbrücken ernteten die Aktivisten nur unverbindliche Ratlosigkeit, und die Aktion versandte.
Dass nicht jeder, der Schwule auf der Bühne lustig findet, sie auch persönlich schätzt, gilt bis heute, wenn sich das gesellschaftliche Klima unterdessen auch zeitweilig gebessert hat.
Ich hatte den mageren Effekt der Info-Aktion vorausgesehen (und wohlweislich die Klappe gehalten, um nicht als Miesmacher dazustehen). Doch auch ich sollte mich gründlich vertun. Nicht in bezug auf das Publikum, sondern hinsichtlich der Darsteller.
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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2024/06/18/25528/

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Sein nettester Psychopath

betr.: 120. Geburtstag von Peter Lorre

Kürzlich habe ich den fabelhaften Peter Lorre wiedergesehen: im Kultfilm und Komödienklassiker „Arsen und Spitzenhäubchen“. Dabei erwies sich das Monster-Duo, das im zweiten Akt durchs Fenster einsteigt, als schauspielerisches Epizentrum des Ensembles: der versoffene plastische Chirurg Dr. Einstein und sein letzter Fehlschlag, der zum Frankenstein-Monster umoperierte Sohn des Hauses, in dem die Geschichte spielt, ein flüchtiger Mörder namens Jonathan Brewster. So beeindruckend der Charakterschauspieler Raymond Massey als Mörder auch ist (der seine Figur so vollkommen ernst anlegt, dass es eine Freude ist), Lorre stiehlt einfach allen die Schau.

Die DVD bot zwei Synchronfassungen, und ich nutzte die Gelegenheit, mir endlich die ältere anzusehen, die ich aus Kino und Fernsehen nicht kannte. Nach einer Weile begann ich zu ahnen, warum nur fünf Jahre nach der ersten (1957) gleich eine zweite Übersetzung hergestellt worden war: die deutschen Stimmen leisten sich winzige Albernheiten, die den klinischen Wahnsinn in dieser Familie um die entscheidende Haaresbreite zu weit treiben. Außerdem vermisste ich die herrliche Zweit-Besetzung des erwähnten Duos: der lauernde, gefährliche, in seiner perfekt dosierten Humorlosigkeit schon fast rührende Ton von Friedrich Joloff aus dem Munde von Massey, Horst Gentzen (Stammsprecher von Jerry Lewis) auf Peter Lorre, den er auch in der „Mr. Moto“-Reihe betreute.
Bei der nächsten Sichtung ist erstmal das Original dran, aber danach freue ich mich auf ein Wiederhören mit der 62er-Fassung. Die leistet sich noch einen simplen, aber wirkungsvollen Gag, der in der früheren deutschen Fassung fehlt: der gemeingefährliche Jonathan siezt den Kurpfuscher, der ihn so verunstaltet hat, und spricht ihn brav mit „Doktor“ an, während er von Lorre ständig geduzt wird.

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