Furchtbar viel Musik

Zum Tode von Richard M. Sherman

Richard M. Sherman hat auf die Frage, welcher seiner Disney-Filme ihm der liebste sei, geantwortet: „Das Dschungelbuch“ – und er beeilte sich, hinzuzufügen, er sage das nicht, weil er 2007 gerade für eine Wiederaufführung dieses Films zu werben hatte. Zu der hochkarätigen Mannschaft, mit der er hier zusammenarbeitete, gehörten Animatoren, die schon an „Schneewittchen“ und „Pinocchio“ mitgewirkt hatten, und sogar Walt Disney war zu Beginn noch mit dabei – wenn er sich auch zuletzt hauptsächlich für seine Vergnügungsparks interessierte.

Richard und sein drei Jahre älterer, 2012 verstorbener Bruder Robert B. hatten in den späten 50er Jahren als Songschreiber in der Popbranche gearbeitet. Die damals 16jährige Annette Funicello, die Interpretin ihres Rock’n’Roll-Titels „Tall Paul“, war im „Mickey Mouse Club“ als „Disney-Mouseketeer“ bekannt geworden. Walt Disney war stolz auf ihren Erfolg und verfolgte ihre Karriere so aufmerksam, dass ihm noch weitere Sherman-Songs wie „Pineapple Princess“ und „Jo-Jo the Dog Gaced Boy“ zu Ohren kamen. Die musikalische Komödie „The Parent Trap“ (nach Erich Kästners „Das doppelte Lottchen“) war die erste Produktion, bei der er die jungen Künstler einsetzte, die gemeinsam an Text und Musik arbeiteten – mit Richard am Klavier und Robert als dem Erfinder der ersten Worte.

Disney übergab den beiden ein Buch und sagte: „Lesen sie das, und erzählen sie mir, wie Sie es finden!“ Die ersten musikalischen Skizzen, die ihm die Brüder dazu vorlegten, soll er mit dem Angebot beantwortet haben, ihn fortan nicht mehr Mr. Disney, sondern Walt zu nennen.
Das Ergebnis sollte „Mary Poppins“ werden, Disneys letztes „persönliches“ Filmprojekt, das 1965 mit zwei Musik-Oscars ausgezeichnet wurde.

Ausgerechnet der beliebteste Dschungelbuch-Song „The Bare Necessities“ („Probier’s mal mit Gemütlichkeit“) stammt nicht von den Shermans. Es ist der einzige übrig gebliebene Titel aus der ersten Fassung, die Disney missfiel. Die Ehre, ihn komponiert zu haben, gebührt Terry Gilkyson.
Richard Sherman erzählt: „Gilkyson wurde durch die Oscar-Nominierung für sein Lied versöhnt und hat später auch für die ‚Aristocats‘ einen Song geschrieben. Drehbuchautor Bill Peet aber war tief getroffen: Walt war zu beschäftigt gewesen, um sich in der Frühphase um ‚Dschungelbuch‘ zu kümmern, und er gab Peet, der zuvor mit ‚101 Dalmatiner‘ einen Riesenerfolg geschrieben hatte, zunächst freie Hand. Als Walt dann die Ergebnisse ablehnte, hat Peet sofort gekündigt.“

Nach Disneys Tod arbeiten Richard und Robert noch die Projekte ab, die sie aus der Hand des Chefs empfangen hatten, doch später versiegten die Angebote des Studios. Im Alter hatten sie die Freude, die Wiedergeburt ihrer Filmmusicals auf der Bühne mitzuerleben, darunter auch „Chitty Chitty Bang Bang“, das die James-Bond-Produzenten nach einem weiteren Buch ihres Erfolgsautors Ian Fleming auf die Beine gestellt hatten.

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Der vorletzte Kultfilm: „Dirty Dancing“

betr.: Aktueller Themenschwerpunkt „Kultfilme“

Es war in den frühen Tagen des Privatfernsehens, als es noch Fernsehansagerinnen gab. Eine Kollegin von SAT.1 moderierte den alten Hollywood-Film „Die Liebe der Marjorie Morningstar“ mit dem Hinweis an, Gene Kelly tanze darin „fast so toll wie Patrick Swayze in ‚Dirty Dancing‘“. Heute muss man die unfreiwillige Komik dieser Einlassung erklären, aber damals haben sich viele Zuseher noch an Kelly erinnern können, den knapp hinter Fred Astaire bedeutendsten Filmtänzer überhaupt.
Obwohl besagter Film Kelly in erster Linie als Schauspieler zeigt und er darin nur eine relativ kleine Tanzeinlage gibt (die Filmmusical-Ära war gerade zuende gegangen), hat er mit „Dirty Dancing“ doch mehr zu tun als der Ansagerin bewusst war. Die erste Hälfte der Inhaltsangabe dieser Literaturverfilmung liest sich wie die von „Dirty Dancing“. Es ist offensichtlich, dass die Autorin Eleanor Bergstein ihn gut kannte. Ihr koketter Hinweis, das Drehbuch zu „Dirty Dancing“ erzähle nicht ihre persönliche Geschichte, ist angesichts ihres familiären Backgrounds ohnehin eine Binse.

Frances Houseman und ihre Eltern verbringen die Sommerferien 1963 in den Catskill-Mountains 100 Kilometer nordwestlich von New York City, dem klassischen Urlaubsziel der jüdischen Community. Als das Arzt-Ehepaar sein Mittagsschläfchen hält, erweckt sein „Baby“ das Interesse des New Yorker Tanzlehrers Johnny Castle, der in der Ferienanlage jobbt. In einer verschwiegenen Waldhütte kommen die beiden einander näher. Babe springt für Johnnys Tanzpartnerin ein und bekehrt ihren Vater von seinen Vorurteilen hinsichtlich des Milieus, aus dem der Tänzer stammt.
Bei den heißen, „schmutzigen“ Rhythmen des eigens für den Film von Johnny Ortega geschaffenen „Dirty Mambo“ verliert Babe das Interesse an den Ballettstunden, die sie früher genommen hat – und die letzten Reste der bürgerlichen Unschuld, zu der ihre Eltern sie erzogen haben. Als Johnnys Ex-Freundin Penny schwanger wird (nicht von Johnny, sondern vom Kellner Robbie), finanziert sie ihr die Abtreibung.

Wie wenig der Erfolg dieses Films abzusehen war, merkt man bereits daran, dass er der „Cinema“ nur eine (sehr abfällige) halbe Seite wert war. Der Low-Budget-Film mit den erschwinglichen Hauptdarstellern (Swayzes Partnerin war Jennifer Grey, die Tochter der Musical-Legende Joel Grey) spielte mehr als 200 Millionen Dollar ein, obwohl die Tanzfilmwelle der 70er spätestens mit „Flashdance“ (1983) als erledigt galt. Die Platte mit den Popsongs des Films verkaufte sich in den ersten fünf Wochen mehr als eine Million mal und hängte selbst Michael Jacksons Album „Bad“ ab. Der zentrale Song „(I’ve Had) The Time Of My Life“ wurde zum „erfolgreichsten Duett aller Zeiten“ hochdekoriert, erhielt einen Grammy und einen Oscar. Zwei Jahre danach räumte sogar der „Katholische Filmdienst“ ein, dass ein solch „inhaltlich und formal gleichermaßen biederer Unterhaltungsfilm, der leichte Anrüchigkeit mit sentimentaler Moral zu kombinieren versucht, in der Präsentation von Tanzszenen und Liebesromanze mit Happy-End aber ganz offensichtlich einen ‚zeitgeistlichen‘ Nerv getroffen hat.“
In der ehemaligen DDR, wo der Film ein noch größerer Erfolg gewesen war als im Westen, wird er alljährlich mit einer ausverkauften Open-Air-Vorführung im Rahmen der Dresdner „Filmnächte am Elbufer“ gefeiert.

Im Frühjahr 2006 erstand „Dirty Dancing“ in Hamburg als Bühnenshow wieder auf. Das Musical hielt sich sehr viel darauf zugute, keinen Satz der Vorlage zu ändern – weder „Mein Baby gehört zu mir!“ noch die übrigen; intern war den Machern die Zeile „Ich habe eine Wassermelone getragen“ besonders wichtig. Das bedeutete das Eingeständnis, den Film nicht wirklich adaptieren zu können oder zu wollen, hörte sich in den Ohren der Fangemeinde aber irgendwie kühn und respektvoll an. Immerhin sicherte man sich auch die Rechte an den Songs des Films. Dieses Glück sollte die Musical-Bühnenfassung von „Pretty Woman“ einige Jahre später nicht mehr haben.

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Kultfilme – Nachwort zum Redaktionsschluss

Fortsetzung vom 21. Mai 2024

Aber ist es nicht so, dass bei einem so unernsten Freizeit-Thema das säuberliche Abspalten der Geschmacksdiskussion von der Popkultur-Wissenschaft gar nicht funktioniert? Dürfen / müssen Kopf und Herz hier nicht unterschiedlicher Meinung sein?
Lieber nicht. Sonst könnte es passieren, dass ich (oder gewissenlosere Leute als ich es bin) „Ein Käfer gibt Vollgas“ als Kultfilm einsortieren, denn schließlich hat er mir und meinen sämtlichen Mitschülern irre gut gefallen, damals, als es im Pfarrsaal diese Super-8-Vorführung gab. Ich mag diese imbezile Klamotte mit Blacky Fuchsberger (und dem herrlichen Bösewicht Karl-Otto Alberty) immer noch, würde mich dabei aber ungern erwischen lassen. Und eine Weiterempfehlung hätte keinerlei Aussicht, irgendjemandem hilfreich zu sein, der Mitte der 70er nicht mit mir die Schulbank gedrückt hat.

Aber der Hauptgrund, warum es mir so unbehaglich erscheint, die Liste* nach dem Jahr ihrer Erstauflage 1985 noch wesentlich auszudehnen: es war just die Zeit, in der sich der VHS-Recorder als Alltagsgegenstand endgültig durchsetzte und mit ihm die Möglichkeit „für jedermann“, den Reklameslogan zu befolgen: „Werden Sie Ihr eigener Programmdirektor“! Und das ging so weiter mit DVDs, blu-Rays, Streaming und Mediatheken.
Ab jetzt war es keine Kunst und kein Bekenntnis mehr, Filmdialoge auswendig zu lernen und in kleiner Runde Lieblingsfilme zu zelebrieren.
Je nach Sichtweise gab es in der folgenden Zeit also täglich 1000 neue Kultfilme – oder gar keine mehr.
Noch einmal Hahn & Jansen in „Kultfilme“, der erweiterten Neuauflage: „‚Die Feuerzangenbowle‘ ist der einzige deutsche Film, der die strengen Vorgaben eines Kultfilms erfüllt: kleines Budget, ohne große technische Raffinessen produziert, ein typischer B-Film ohne hohen künstlerischen Anspruch, dessen Qualität sich durch Mundpropaganda bald, erst recht nach dem Krieg, herumsprach, und der deshalb immer wieder ins Kino kam.“

Und schon beginnen die Tücken und Widersprüche: auch „Metropolis“ (siehe Liste) ist ein deutscher Film, und der strotzt nur so vor Anspruch, Budget und technischen Raffinessen.

Ach ja …
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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2024/05/15/25283/

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Lesen vom Blatt – Lange Sätze

Sprechen am Mikrofon / Übung

Fortsetzung vom 26. April 2024

Im Sachbuch „Klassiker des Horrorfilms“ von William K. Everson findet sich im Kapitel über die Darstellung von Wahnsinn ein besonders anschauliches Beispiel für den linearen Schachtelsatz: seine Einschübe stecken nicht ineinander, sondern folgen aufeinander oder sind angehängt, so dass  der Hauptsatz immer wieder seinen Lauf nehmen kann.

In der letzten Szene, in der er in einem Kloster scheinbar seinen Frieden gefunden hat, wird er von seiner inzwischen wieder verheirateten Frau und seinem Kind getrennt, bekommt nicht einmal Hilfe von der Kirche (die ihm nur Plattitüden, aber kein Heil zu bieten hat) und geht – überzeugt, dass er nach wie vor normal ist – in einer Zickzacklinie in die Bildtiefe (ein Motiv, mit dem vorher bereits sein Wahnsinn verdeutlicht wurde), auf das schwarze, grabähnliche Kloster zu, wobei die schrille, dissonante Musik unterstreicht, dass er seinen Frieden noch nicht gefunden hat und wohl niemals finden wird.

Der Autor kennzeichnet die Einschübe mit unterschiedlichen Interpunktionszeichen, um bessere Übersichtlichkeit zu erzielen.
Ohne sie würde der Satz folgendermaßen lauten:

In der letzten Szene, in der er in einem Kloster scheinbar seinen Frieden gefunden hat, wird er von seiner inzwischen wieder verheirateten Frau und seinem Kind getrennt, bekommt nicht einmal Hilfe von der Kirche (die ihm nur Plattitüden, aber kein Heil zu bieten hat) und geht – überzeugt, dass er nach wie vor normal ist – in einer Zickzacklinie in die Bildtiefe (ein Motiv, mit dem vorher bereits sein Wahnsinn verdeutlicht wurde), auf das schwarze, grabähnliche Kloster zu, wobei die schrille, dissonante Musik unterstreicht, dass er seinen Frieden noch nicht gefunden hat und wohl niemals finden wird.

Korrekt vorgetragen, klingen diese Worte in der längeren und in der kürzeren Variante genau gleich.

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Beglückendes Treibgut

Vor Jahren habe ich an dieser Stelle die Comicserie „Tom Patapom“ vom Kleinmeister Leone Cimpellin vorgestellt.* Weil ich buchstäblich niemanden kannte, der sich auch nur vage an sie erinnern konnte, fügte ich meinen sentimentalen Anmerkungen noch eine Recherche nach sämtlichen Abenteuern des Helden hinzu, stieß aber zum Schluss an die Grenzen meiner deduktiven Talente: für den abschließenden im „Felix“-Comicheft abgedruckten Mehrteiler konnte ich gar kein französisches Original mehr ausfindig machen und argwöhnte, der Bastei Verlag habe diese Geschichte, in der Tom endlich wieder nach Hause kommt, vielleicht selbst in Auftrag gegeben.
Dieses und viele andere Rätsel lassen sich endlich lüften, denn das einschlägige Fanmagazin „Bastei Freunde“ ist in seiner April-Ausgabe endlich bei der ungelesensten Comic-Serie aller sieben Meere angekommen: „Tom Patapom“. Es ist die Ausgabe 61 (!), und eigentlich war das Thema sogar erst für die folgende Nummer eingeplant und wurde aus organisatorischen Gründen vorgezogen.

Ein nicht ganz unschlimmer Verdacht hat sich bereits beim Durchblättern bestätigt: Cimpellin hat auch „Jupiter“ gezeichnet, eine Asterix-Nachahmung, in der die Römer „unsere Freunde“ sind und deren Gegner ein para-gallisches Völkchen namens „die Schlawiner“. So etwas muss nicht zwingend so schrecklich sein wie es sich in dieser Kurzbeschreibung anhört, ist es aber in diesem Fall. Wie bei den meisten schlechten Comics sind es vor allem die Texte, die alles verderben, aber auch die Arbeiten des in der deutschen Ausgabe ungenannten Zeichners sind überaus nachlässig.
Ich freue mich auf die Lektüre des Bastei-Magazins und auf viele weitere Male, in denen ich unwillkürlich ausrufen werde: „So ist es also gewesen!“

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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2015/06/06/kaeptn-nemo-2-0/

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Die letzten Kultfilme

Fortsetzung vom 15. Mai 2024

Die einzigen Filme aus der erweiterten Ausgabe, die noch als Kultfilme durchgehen – die also nicht einfach nur anhaltende Erfolge bzw. aufgegangene Vorausberechnungen des Mainstreamgeschmacks gewesen sind -, sind „Dirty Dancing“ und „Pulp Fiction“: ersterer ein Guilty Pleasure für die ganze Familie und ihre schwulen Freunde, zweiterer ein nach 30 Jahren noch immer überraschendes Werk, das seinen Regisseur – als letzten Filmemacher der Zelluloid-Ära – für seine persönliche Vision mit unverwüstlichem Ruhm belohnt hat.
Das war’s!

„Fargo“ ist ohne Zweifel ein Geniestreich, aber die Coen-Brüder waren vorher / nachher / zwischendurch ganz weit oben (wenn auch stets und beständig mit dem unerklärlichen Sex-Appeal des Geheimtipps behaftet). „Pretty Woman“ war ein Riesenhit mit zwei zuvor bereits eingeführten Hauptdarstellern (einem reifen und einer aufstrebenden), der seinen Erfolg der größtmöglichen Betulichkeit verdankt – keine Spur von „experimentell“, „wagemutig“, „innovativ“, „überraschend“ oder sonstewas Kultiges. „Harry und Sally“ wird zwar häufig eingelegt bzw. angeklickt, doch dann spulen alle bis zu dieser einen Szene in der Cafeteria vor, um ihn danach abzuschalten oder ihn im Hintergrund laufen zu lassen – und die betreffende Szene ist überdies dadurch restlos diskreditiert, dass Til Schweiger sie als „die größte schauspielerische Leistung der Filmgeschichte“ bezeichnet hat. „Vom Winde verweht“ ist – wie auch „Singin’ In The Rain“, „Frankensteins Braut“, „Zeugin der Anklage“ und viele andere – ein Klassiker und ein herrlicher alter Film dazu, aber ganz sicher nichts, was irgendjemand unter 35 tatsächlich gesehen hat oder sich jemals freiwillig vollständig anschauen wird (so leid mir das persönlich tut) – immerhin kennt man ihn noch dem Namen nach. „Der Tag, an dem die Erde stillstand“ hätte einen Kultstatus verdient, aber er gehört zu jenen zahlreichen Kunstwerken, die von einem überflüssigen Remake verdrängt worden sind (zumal es in diesem Falle ein gleichnamiges ist). „Star Trek VI: Das unentdeckte Land“ ist definitiv einer der amüsantesten und gescheitesten Filme der 90er Jahre, die poetische Krönung des gesamten Star-Trek-Komplexes, der schönste farbige Science-Fiction-Film nach „Die Zeitmaschine“ (1959), die feinste Übung in Selbstironie, die Hollywood jemals hervorgebracht hat und der allgemeinverständlichste Film über den Zusammenbruch der Sowjetunion. Aber ein Kultfilm? Das wüsste ich! „Star Trek IV“ (der mit den Walgesängen) hatte tatsächlich einmal einen gewissen Kultstatus …
„Tote tragen keine Karos“ ist offensichtlich ein persönlicher Lieblingsfilm der Autoren, und auch ich werde nie vergessen, wie schlapp meine Freunde und ich uns mal über ihn gelacht haben (- das Plakat war bereits im Originalband abgedruckt, ohne dass der Film darin behandelt worden wäre.) Aber wenn alle meine Lieblingsfilme Kultfilme wären, dann hätten wir alle ohnehin keine Sorgen mehr.   

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Die Antwort(en)

Auflösung des Raumschiff-Enterprise-Fehlersuchbilds vom 13. April

Der deutsche Titel der Folge 15 (deutsche Nummerierung) „Shore Leave“ lautet nicht „Landurlaub“, sondern „Landeurlaub“; der deutsche Titel der Episode 16 „The Galileo Seven“ ist falsch, da die Galileo 7 kein Planet ist, auf dem die Landung erfolgen könnte, sondern eine Raumfähre, mit der sie erfolgt – die ZDF-Redaktion hat das im Jahre 1972 bei der Titelvergabe vertüdelt, und der Fehler ist niemals korrigiert worden; das Szenenfoto stammt aus einer ganz anderen (sehr populären) Folge, nämlich „Kennen Sie Tribbles?“.

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Die schönsten Hörspiele, die ich kenne (27): „Das Netz“

„Das Netz“ – SfB 1969, 47 min. – Credits unter: https://hoerspiele.dra.de/vollinfo.php?dukey=1433326&vi=1&SID

Die Vorhänge waren zugezogen. Das Dunkel im Zimmer wurde von kleinen, springenden Blitzen durchbrochen, die in kurzen und unregelmäßigen Abständen mal hier, mal dort aufzuckten. Das Auge musste sich erst gewöhnen. Alles geschah an der Längswand. Auf Eisengestellen standen sie sorgsam aneinandergereiht: vier, nein, fünf gläserne Kästen …“

Der sympathische Reflex, einer Dame in Not behilflich zu sein, wird Herrn Auer zum Verhängnis. Als er die weinende und völlig verstörte Fremde nach Hause begleitet, liegt dort ihr ermordeter Ehemann. Die Frau gesteht, ihn mit einem Beil erschlagen zu haben. Auer lässt sich davon überzeugen, dass der Tote ein Sadist war und der eigentlich Schuldige in dieser Angelegenheit ist. Doch eine Leiche verschwinden zu lassen, ist mehr als eine kleine Gefälligkeit …

Diese Kriminalgeschichte von Hans Kasper holt uns im Alltag ab, wie es immer so schön heißt, und führt uns zielstrebig in eine zunehmend durchgeknallte Situation. Dass wir überhaupt bereit sind, sie zu kaufen und mit dem Ich-Erzähler gemeinsam durchzustehen, liegt zu einem erheblichen Teil am Medium (in einem Film würde sie nicht funktionieren) und am Hauptdarsteller Joachim Nottke. Seit ich ihn in seiner kleinen Rolle in der deutschen Fassung von „Fenster zum Hof“ erlebte, wo er mit seiner stabilen Redlichkeit dem mordenden Nachbarn von gegenüber zu besonderer Glaubwürdigkeit verhalf, wartete ich sehnsüchtig auf größere Auftritte von ihm – und sah und hörte lange keinen einzigen. Als Fan von „Benjamin Blümchen“-Hörspielen hätte ich ihm regelmäßig begegnen können, schließlich erlebte ich ihn als Kommissar Maigret in einer historischen Funkreihe. Aber in der Tat hat Joachim Nottke vor allem auf dem flüchtigen Feld des Kinotrailers gewirkt.

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Macher und Gemachtes

Es gibt Schauspieler, die jeder liebt – nur ich nicht. Ich vermeide es, auf Parties und unter Kollegen über sie zu reden – da könnte ich ja gleich politische Diskussionen führen. Und das ist schade, denn Small Talk über kulturelle Themen ist der einzige, der mir wirklich Freude macht.

Robin Williams ist das gefährlichste Beispiel, denn dieser Filmstar – Inbegriff des „traurigen Clowns“ und nach einer fulminanten Karriere durch eigene Hand aus dem Leben geschieden – wird so beinhart geliebt und gepriesen, als handele es sich um einen sehr früh verstorbenen persönlichen Angehörigen, den man nur drei oder viermal getroffen hat, als man noch ein Kind war. Ich habe überhaupt noch niemanden getroffen, der etwas Kritisches über ihn gelten lassen wollte.
Abgesehen davon, dass mich Williams‘ Spiel nicht überzeugt, schätze ich ihn vor allem deshalb nicht, weil er sich als Komiker feiern ließ und ich ihn ums verrecken nicht zum Lachen finde. Niemals, in keiner Szene, keinem Videoclip!
Schon bei unserer ersten Begegnung im Kinderprogramm der frühen 80er, wo er als „Mork vom Ork“ herauskam, hat sich bei mir nichts abgespielt. Darstellerisch hat er mich nur ein einziges Mal überzeugt: in „Good Will Hunting“ – und diese Rolle hätten Gene Hackman oder Mandy Patinkin vermutlich sogar besser hinbekommen.
Auf Facebook tauchen regelmäßig Williams-Memories auf, die sein soziales Engagement loben und ihm unterstellen, der liebenswerteste Mensch der nordamerikanischen Unterhaltungsindustrie gewesen zu sein. Selbst wenn ich nichts in der Hand habe, dies zu widerlegen, werden davon doch seine Witze nicht besser. Und seine Filme (von deren Gelingen ja noch einiges mehr anhängt) schon gar nicht.

Hin und wieder schreiben Kritiker etwas über den einen oder anderen Film mit Robin Williams, in dem aufblitzt, was außer mir niemanden zu stören scheint. Die „TV Spielfilm“ schrieb über „Der 200 Jahre Mann“ sinngemäß, dieser Film sei so zäh, dass man sich hinterher tatsächlich 200 Jahre älter fühlt. Der ebenfalls schrecklich rührseligen Gefühlsklamotte „Jack“ wurde die bis heute unbeantwortete Frage gestellt, ob das nun ein Film für Kinder oder Erwachsene sein solle. Und wiederum – Williams spielt ein Kind, dessen Körper viermal so schnell altert wie üblich – fand ein Kritiker, der Zuschauer altere bei diesem
Film ebensoschnell. All diese Kritikpunkte regen sich grundsätzlich in mir, wenn ich diesen Darsteller agieren sehe.

Mein Freund Torben, dem ich sehr hoch anrechne, dass er trotz meiner Haltung weiter zu mir hält, wird von mir verdächtigt, Robin Williams ebenfalls nicht komisch oder überzeugend zu finden, sondern sich auf der emotionalen Schiene von ihm einwickeln zu lassen: der ist doch so lieb und knuffig und spielt immer so nette Leute. (Und außerdem tut er einem ja irgendwie leid, so traurig wie der kuckt …)
In der Tat glaube ich, dass das bei allen seinen Fans so ist.

Ich habe schon aufgehört, Filme zu mögen, weil sich ihre Hauptdarsteller irgendwann jenseits ihrer Arbeit als blasierte Nervensägen herausgestellt haben – Tom Cruise etwa oder der Darsteller von diesem Kommissar Schimanski. Aber das ging immer auch damit einher, dass ich mich an ihrem künstlerischen Potenzial sattgesehen hatte, da mir irgendwann auffiel, dass sie immer dasselbe machen.
Noch nie aber habe ich umgekehrt einen schlechten Film gemocht, nur weil einer der Schauspieler Geld gespendet oder versucht hat, mein Mitleid zu erregen.
So funktioniert das bei mir nicht.

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Was ist eigentlich Avantgarde? (Wer ist eigentlich Avantgarde?)

„Avantgarde“ bedeutet „die Vorhut“ – ursprünglich im militärischen Sinne, seit der Jahrhundertwende auch und vor allem auf den Gebieten der Kunst und Gesellschaft, Wissenschaft und Politik. Es geht darum, was Leute machen, die ihren Zeitgenossen voraus sind. Das ist stets damit verbunden, dass alte Zöpfe abzuschneiden sind und sich des Widerstandes ihrer (vor)herrschenden Träger erwehrt werden muss. Dieses recht kühne, romantische Bild haben sich immer wieder einzelne Persönlichkeiten – besonders der Kunst und der Gesellschaft – selbst übergestülpt. Das ist tückisch und ein bisschen peinlich – so wie wenn sich selbst jemand als Lebenskünstler bezeichnet oder wenn ein erwachsener Mensch ein Rendez-Vous mit dem Hinweis eröffnet „Ich bin schüchtern“.
Wer wirklich Avantgarde ist, weiß die Nachwelt am besten zu beurteilen – wenn sie denn überhaupt eine Erinnerung an den Ketzer / Wirrkopf oder notorisch erfolglosen Schriftsteller bewahrt hat, auf den das zutraf.

Der Ausdruck hat aber noch einen anderen Nachteil. Genau wie die Begriffe „Postmoderne“ oder „Neuzeit“ neigt er dazu, als Einordnung rasch zu veralten. „Was soll das sein?“ fragte Marcel Reich-Ranicki immer, wenn ihm jemand mit der „Postmoderne“ kam. „Was soll denn danach kommen?“ pflegte Hanns Dieter Hüsch zu fragen, wenn die „Neuzeit“ bemüht wurde.
Nach gut 100 Jahren ist der Begriff „Avantgarde“ außerdem – wenn auch auf sympathische Weise – selbst veraltet und zur historischen Vokabel geschrumpft. Er basiert auf der idealistischen Vorstellung, dass in den Künsten ein universell menschheitlicher Fortschritt vorweggenommen werde. Das wäre inzwischen eine törichte Überhöhung.

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